Landleben

Lust aufs Landleben ist für die „neuen urbanen Schichten“ Lifestyle. Jedoch: Es gibt die eigentlich lebendigen mitteldeutschen Dörfer nicht mehr.

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

Sie sind alle­samt lebens­kul­tu­rell tot. Geblie­ben sind unfrei­wil­lig tra­gi­ko­mi­sche folk­lo­ris­ti­sche Res­te, Staf­fa­gen, etwa Ern­te­fes­te dort, wo nie­mand mehr ern­tet, son­dern allen­falls eine Agrar­fir­ma indus­tri­ell die Mais­ein­öde, die Bio­gas-Reak­to­ren und die Mast­be­trie­be bewirtschaftet.

Das Dorf hat sei­nen neo­li­thi­schen Impuls, den es dem Über­gang der Mensch­heit zu Acker­bau und Vieh­zucht ver­dankt, ver­lo­ren. Zwar wird Land­wirt­schaft so inten­siv wie noch nie betrie­ben, nur hat sie mit dem Dorf nichts mehr zu tun.

Ja, sie ist an sich nicht mal mehr Land­wirt­schaft, son­dern eben Agrar-Indus­trie. Mag sein, daß es da und dort auf Deme­ter-Höfen noch Refu­gi­en gibt, in denen mit dem Land und Vieh ursprüng­lich und art­ge­recht gewirt­schaf­tet wird.

Zeich­nen wir eine Idyl­le wie aus Ehm Welks (1884 – 1966) „Hei­den von Kum­me­row“:

Die ost­el­bi­sche Guts­herr­schaft schuf aus jedem Dorf oder Guts­be­zirk einen aut­ar­ken und auto­no­men Klein-Kos­mos. Mei­ne Hei­mat­land­schaft wur­de davon geprägt.

Im Zen­trum das Guts­haus, dane­ben das pro­tes­tan­ti­sche Pfarr­haus als Insti­tu­ti­on alles Geis­ti­gen und Kul­tu­rel­len, die Schu­le, alle Kin­der gemein­sam aus­bil­dend, im Ele­men­ta­ren, also im Schrei­ben, Lesen, Rech­nen und Natur­kund­li­chen, so erfolg­reich, daß sie heu­ti­gen Pri­mar­schu­len dar­in weit, weit über­le­gen war, da sie streng, aber ruhig, gründ­lich und sys­te­ma­tisch das Wesent­li­che zu leh­ren ver­stand – dank einer Erzie­hung zu Maß, Ver­bind­lich­keit, Acht­sam­keit und Leistungsbereitschaft.

Der klas­si­sche Guts­dorf-Sied­lungs­grund­riß blieb viel­fach erkenn­bar. Noch immer läßt sich daher das längst ver­sun­ke­ne Leben auf den alten Dör­fern ahnen.

Das Jahr 1945 bedeu­te­te für die­ses jahr­tausend­lan­ge und damit immens rei­che Kapi­tel der Dorf­ge­schich­te zwar ein abrup­tes Ende, aber die Dör­fer, nach dem Krieg von ost­deut­schen Flücht­lin­gen auf- und über­füllt, blie­ben in der DDR noch eine Rest­zeit von vier Jahr­zehn­te lebendig.

Zwar wur­de mit der Boden­re­form die effi­zi­en­te Guts- und Groß­flä­chen­wirt­schaft zer­stört und mit den neu­en „Sied­lern“ ein Klein­bau­ern­tum geschaf­fen, das, poli­tisch gewollt, nur so ein­ge­schränkt aus­kom­men konn­te, daß der Über­gang in die 1952 begin­nen­de Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung bis zum „Sozia­lis­ti­schen Früh­ling auf dem Lan­de“ 1960 vor­pro­gram­miert war; zwar flo­hen die leis­tungs­fä­hi­gen, von der SED-Land­wirt­schafts­po­li­tik bewußt geschä­dig­ten Groß­bau­ern in den Wes­ten, aber:

Wider Erwar­ten und trotz immenser Unge­rech­tig­kei­ten kon­so­li­dier­ten sich die „Land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­ge­nos­sen­schaf­ten“, die LPGen, dann doch soweit, daß sie – im Gegen­satz zu fast allen ande­ren Ost­block­län­dern und anders als die sowje­ti­schen Kol­cho­se – nicht nur das Land mit qua­li­ta­tiv guten Nah­rungs­gü­tern ver­sor­gen konn­ten, son­dern in den Dör­fern über­haupt All­tag und Leben bestimm­ten. Das Land behielt zunächst sei­ne Vita­li­tät; es gab das Land­le­ben noch.

Inner­halb des Man­gel­mi­lieus wur­de die DDR-Land­wirt­schaft zwar erfolg­reich mecha­ni­siert, aber sie blieb arbeits- und per­so­nal­in­ten­siv. Weil sie trotz Ertrags­stei­ge­rung in der Groß­flä­che nicht eigent­lich effi­zi­ent wirt­schaf­te­te, benö­tig­te sie alle Kräf­te und litt daher bestän­dig an Arbeits­kräf­te­man­gel – dies jedoch mit der Fol­ge, daß sie vom qua­li­fi­zier­ten Agrar­in­ge­nieur bis zum Mit­glied der Feld­bau­bri­ga­de jeden ein­band und so immer­hin jedem kul­tu­rell eine Teil­ha­be und damit die eige­ne Selbst­ach­tung ermög­lich­te, die es – wie­der­um aus öko­no­mi­schen Grün­den – so nicht mehr gibt und nicht mehr geben kann. Außer­dem zogen Indus­trie­ar­bei­ter und tech­ni­sche Intel­li­genz zu: „Indus­trie­ar­bei­ter aufs Land!“

Jeden­falls erhielt sich die ver­trau­te Leben­dig­keit: Kin­der­reich­tum, LPG-Kin­der­gar­ten, erst acht‑, dann zehn­klas­si­ge „poly­tech­ni­sche“ Ober­schu­le, die mathe­ma­tisch, natur­wis­sen­schaft­lich und tat­säch­lich tech­nisch her­vor­ra­gen­de Grund­la­gen für eine nicht nur land­wirt­schaft­li­che Fach­ar­bei­ter­schaft sicher­te. In man­chem mag der Fort­be­stand einer gewis­sen Aut­ar­kie der Ver­sor­gung an die Kib­buz-Wirt­schaft den­ken lassen.

Wir lern­ten über den „Unter­richt in der tech­ni­schen Pro­duk­ti­on“ (UTP) – spä­ter umbe­nannt in „Ein­füh­rung in die sozia­lis­ti­sche Pro­duk­ti­on“ (ESP) – Grund­la­gen des Gärt­nerns, den Umgang mit Maschi­nen, bis hin etwa zum Schwei­ßen und  zum Füh­rer­schein für Trak­tor und LKW. Mit Ein­dring­lich­keit wur­de uns Dorf­kin­dern gesagt, was heu­te kei­ner mehr hört: Ihr wer­det gebraucht! Zwei­er­lei war garan­tiert und fehlt heu­te – Erleb­nis und Bewährung.

Und: Wir wur­den tat­säch­lich gebraucht, jeder. Nach dem Abitur in den letz­ten Som­mer­fe­ri­en dank Trak­tor-Berech­ti­gung die Ern­te mit ein­zu­brin­gen, das galt was. Kein „Pro­jekt“ der zwangs­ver­ein­nah­men­den „Ganz­tags­schu­le“, nein, unmit­tel­ba­re Rea­li­tät, ech­te Leis­tung, gerecht­fer­tig­te Anerkennung.

Die Schul­spei­sung, belie­fert mit LPG-Pro­duk­ten, ver­sorg­te die Rent­ner gleich mit – ein­fa­ches, aber gehalt­vol­les Groß­kü­chen-Essen, dem aller­dings heu­te ver­mut­lich Bio­land-Qua­li­tät zukä­me, da für die gefähr­lichs­ten Umwelt­schä­den ein­fach noch die Mit­tel fehlten.

Für letz­te Jahr­zehn­te erhielt sich die eigen­stän­di­ge Bedeu­tung des Dor­fes als recht „urtüm­li­cher“ Sied­lungs­typ. Die lee­ren Guts­häu­ser wur­den umge­nutzt und blie­ben aber trotz bau­li­cher Ver­schlimm­bes­se­run­gen in ihrer Sub­stanz erhal­ten, wäh­rend die Kir­che infol­ge athe­is­ti­scher Poli­tik ihre Bedeu­tung bereits ver­lor und allen­falls eine sub­ver­si­ve Rand­exis­tenz hin­ter altem Flie­der fris­te­te; die famo­se Geschich­te des pro­tes­tan­ti­schen Pfarr­hau­ses riß ab – ein tra­gi­scher Vor­ge­schmack auf den fort­schrei­ten­den Kul­tur­ver­lust nach 1990, ein­her­ge­hend mit der Abwan­de­rung der Leis­tungs­fä­hi­gen und der Umfunk­tio­nie­rung des Dor­fes zum rei­nen Wohn- oder viel­mehr Schlaf­ort orts­frem­der Pendler.

Bis zur Wen­de leb­te das Dorf immer­hin jeden Mor­gen neu auf: Die Kin­der radel­ten zur Schu­le, die Trak­to­ren wur­den gestar­tet, das Vieh gefüt­tert, der Plan erfüllt. Bewe­gung. Wo Leben ist, duf­tet es, man­ches stinkt, ja, es war schmud­de­lig auf den LP-Höfen, aber genau das ermög­lich­te öko­lo­gi­sche Arten­viel­falt trotz Groß­flä­chen­wirt­schaft, abge­se­hen davon, daß auf Fel­dern und Gärt­ne­rei­en arten­rei­cher ange­baut wur­de. Heu­te sieht das mono­kul­tu­rell bestell­te Meck­len­burg qua­drat­ki­lo­me­ter­wei­se wie Iowa aus.

Jetzt, da der letz­te Zas­ter der Leu­te in ihren Immo­bi­li­en steckt, erschei­nen die Dör­fer ordent­lich, auf­ge­räumt, ja aus­ge­räumt und gera­de­zu ste­ri­li­siert sau­ber und sind dabei jedoch abge­stor­ben, gut zurecht­ge­macht auf­ge­bahrt. Blü­hen­de Land­schaf­ten? Gibt’s eher in der City. Auf dem Lan­de herrscht im Ver­gleich zur eins­ti­gen Bunt­heit Ödnis.

Die sozia­lis­ti­sche Son­der­exis­tenz erzwang Rhyth­mus, Per­spek­ti­ve und Lebens­sinn – mit­un­ter eben im Gegen­ent­wurf zur Zwangs­ver­ein­nah­mung. Für letz­te Jah­re bestand zudem die tra­di­tio­nel­le Klein­tei­lig­keit. Selbst die Land­krei­se, obgleich durch die SED-Herr­schaft gleich­ge­schal­tet und nicht demo­kra­tisch ver­faßt, blie­ben über­sicht­lich, so daß erleb­bar war, wer für was Ver­ant­wor­tung trug – sehr kon­kret, nicht abs­trakt, inso­fern auch Bon­zen in der DDR, die­ser Kari­ka­tur Preu­ßens, in der Pflicht standen.

Eine sol­che Skiz­zie­rung setzt sich nicht zu Unrecht dem Vor­wurf einer sozia­lis­ti­schen Blut-und-Boden-Roman­ti­sie­rung aus. In die­ser Wei­se schrieb sich sogar eine DDR-Dorf­li­te­ra­tur fort, unter ande­rem bei Erwin Stritt­mat­ter, Alfred Wellm, Hel­mut Sakow­ski oder Joa­chim Wohl­ge­muth. Selbst der Film kam dadurch zu neu­en Hel­den, die durch­aus Iden­ti­fi­ka­ti­on ermöglichten.

Trotz ver­blie­be­ner Rest- und Schein­idyl­le sowie tou­ris­tisch gefris­te­ter Wei­ter­exis­tenz ist das Dorf mitt­ler­wei­le ver­lo­re­nes Ter­rain. Es ver­mag sich – anders als in den USA – nicht mal an Reli­gi­on oder Nati­on zu klam­mern. Dies gilt dort, in Ame­ri­ka, zwar als reak­tio­när, aber reak­tio­när zu sein ist iden­ti­täts­bil­dend. Und das Dorf war stets ein Hort des Konservatismus.

Den ost­deut­schen Dör­fern hin­ge­gen blieb häu­fig nichts: Die Schu­len wur­den infol­ge der ein­set­zen­den Gebur­ten­schwä­che zen­tra­li­siert, das Leben indi­vi­dua­li­siert, die Knei­pe, jahr­zehn­te­lang knall­voll und ver­raucht, gibt es nicht mehr, die Läden und Gewer­ke haben dicht, obwohl sie in rela­ti­ver Viel­ge­stalt sogar in der DDR noch ihre Funk­ti­on hat­ten: Bäcker, Flei­scher, Schuh­ma­cher, Tisch­ler. Heu­te steht ein Ziga­ret­ten­au­to­mat neben der Bus­bu­de. Das war’s.

Eine Kulis­sen­exis­tenz bewahr­ten sich die Dör­fer allein dort, wo sie tou­ris­tisch inter­es­sant wur­den. Die Insel Rügen ist dafür ein Bei­spiel. Mitt­ler­wei­le vom Tou­ris­mus-Infarkt bedroht, ver­liert sie ihre Ursprüng­lich­keit durch immer neue Mega-Pro­jek­te, ein immenses Ver­kehrs­auf­kom­men und die öko­lo­gisch ver­hee­ren­de Zer­sie­de­lung. Nir­gend­wo in Meck­len­burg-Vor­pom­mern gibt es so vie­le Bür­ger­initia­ti­ven, die sich der Kul­tur­ver­nich­tung ent­ge­gen­zu­stel­len ver­su­chen. “Rügen” hat mit Rügen gar nichts mehr zu tun.

Eine Ver­eins­kul­tur wie im Wes­ten hat­te in der eins­ti­gen DDR kei­ne Tra­di­ti­on und kam nach 1990 nur spo­ra­disch in Gang. Bleibt die Frei­wil­li­ge Feu­er­wehr, die nicht nur Brän­de löscht, son­dern den ver­blie­be­nen Rest an Fes­ten tech­nisch ver­sorgt. Auch sie ringt um Nach­wuchs. Hier und da gibt’s noch den Fuß­ball­ver­ein, der an sei­ner Bezeich­nung „Trak­tor“ festhielt.

Um so inter­es­san­ter, wenn es da und dort Initia­ti­ven gibt, bei­na­he aus­nahms­los von rechts, nie von links, daher bearg­wöhnt und stig­ma­ti­siert. Stig­ma­ti­sie­rung ver­geht, Gemein­schaft besteht – nur kei­ne Aufregung!

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (40)

RMH

12. Oktober 2021 14:28

"einfaches, aber gehaltvolles Großküchen-Essen,"

Kein Wunder, denn die "Filet-Stücke", Eier, Milch etc. wurden gegen Devisen in den Westen verkauft und dennoch war die Agraraußenhandelsbilanz der DDR stets negativ. Man kaufte schließlich u.a. Soja für die Viecher für den Export ein ... (sozialistisches Wirtschaften eben).

Mein äußerst subjektiver "Thüringer Bratwurst Vergleich" Vor- und Nachwende fällt klar zu Gunsten der Nachwendewurst aus, bei der dann die örtlichen Mezger einmal zeigen konnten, was sie mit guten Ausgangsprodukten machen können (wer weiß, evtl. gabs auch zu DDR Zeiten Produkte für den Eigenverzehr und kleinen Handel, die besser waren, als das, was man sonst so serviert bekam).

Unter dem Strich bleibt bei diesem Artikel dieser Satz das Zentrale:

"Eine solche Skizzierung setzt sich nicht zu Unrecht dem Vorwurf einer sozialistischen Blut-und-Boden-Romantisierung aus."

Was will man uns sagen? Früher war alles besser?

Und auf diese Andeutung

"Um so interessanter, wenn es da und dort Initiativen gibt, beinahe ausnahmslos von rechts, nie von links, daher beargwöhnt und stigmatisiert. Stigmatisierung vergeht, Gemeinschaft besteht - nur keine Aufregung!"

sollte ein zweiter Teil des Artikels folgen, damit er rund wird.

Niekisch

12. Oktober 2021 14:28

"Die Insel Rügen"...zum Dank für Ihren Artikel ein kleines Rügen- Gedicht:

 

Herbsttag auf Rügen
 

Von Süden kam es her wie Fön so warm.

Gelblicher Tag hing über dem Gelände;

das Abend-Wetterleuchten blinkte schon Alarm,

damit vorm Sturm noch jeder heimwärts fände.

 

Schwermut des mitternächtigen Gesichtes

verdunkelte zu großer Finsternis,

bis dann die Blitze ihren Schwall des Lichtes

herniederwarfen und der Dunst zerriß.

 

Nun  grollten Donner über Meer und Land

und wenig später ward es kühl und klar.

Am ruhig hohen Himmel aber stand

der Nordstern hoch in seiner Sternenschar.

 

( Rudolf Paulsen )

Carsten Lucke

12. Oktober 2021 15:39

Ein ganz wunderbarer Text. Der schönste - wenn auch traurigste - von Heino Bosselmann, den ich hier je lesen durfte.

Wie von @ Niekisch auch meinerseits ein Dank mit einem kleinen Gedicht :

 

Landreste

 

Hartholz.

Und eine uralte Stille.

_

Endlich fällt Schnee

ins Zimmer.

 

Jetzt bleiben wir

übers Jahr.

 

( Jan. 2003 )                                                                                            

Laurenz

12. Oktober 2021 15:56

Auf Sylt ist das nicht anders als auf Rügen. Die meisten "Ureinwohner" haben verkauft & sind aufs Festland gezogen.

Allerdings, so mag ich Ihnen zu bedenken geben, gibt die digitale Revolution wieder Hoffnung, wenn denn das Bauern-Land vernetzt wäre. Ich hege die Vermutung, daß in Deutschland absichtlich die ländliche Vernetzung schwächelt, damit die Menschen in der Stadt weiterhin ein nicht artgerechtes Leben führen müssen. Auch die Immobilien-Spekulanten haben daran ein vordergründiges Interesse. Aber ein Sascha Lobo, die digitale Großmacht des Relotius ist schlicht zu blöde, solch einfache Zusammenhänge zu verstehen. Die Deutschen zieht es aktuell emotional aufs Land, eine gute Entwicklung.

Ihre Reminiszenz an die LPGs können Sie den Hasen geben.

URN

12. Oktober 2021 17:16

Da schreibt wieder einer über das, was er kennt. Und schon heulen sie wie die angeschossenen Laurenze. Ein toller Artikel.

Mitleser2

12. Oktober 2021 17:30

Als Bayer steht es mir nicht zu, Herrn Bosselmanns Nostalgie zu bewerten. Ich wüsste aber wirklich gerne, wie andere mit demselben Hintergrund das sehen.

Slentz

12. Oktober 2021 17:45

"Kennen Sie das Münsterland, meine Frau kommt aus dem Münsterland, ja, da kann man das so sehen. Aber das ist ne schöne Landschaft und hier, hier ist Agrarwüste."

https://www.youtube.com/watch?v=3mnB5Q5Hay4

nicht viel hinzuzufügen.

Andreas Walter

12. Oktober 2021 18:02

Was soll das werden? Agrarstaat Deutschland? Morgenthau durch die Hintertür, reloaded? 

Hobbiton, Bullerbü für Arme beziehungsweise Konservative? Anastasia Made in Germany?

Das sind Nischenlösungen für wenige, die ich sogar respektiere, doch wir leben bereits im 21. Jahrhundert, mit mittlerweile weiteren 8 Milliarden Menschen auf der Erde (und mit knapp 5 Millionen AfD-Wähler, die garantiert nicht alle das auch wollen).

Warum schreiben Sie überhaupt was über Traktoren, spannen wir doch gleich wenigstens dann konsequent zwei Ochsen vor den Holzpflug, Hungersnot und -tod in manchen Jahren inklusive, maximale Lebenserwartung im Durchschnitt 40. So war es 1870 auch noch in Deutschland.

Wobei wir schon als “Germanen“ ein Imperium als Feind hatten, manche Dinge scheinen sich eben nie zu ändern.

Es sind die economies of scale, die auch Deutschland zu dieser Entwicklung zwingen, darin war die DDR zumindest im landwirtschaftlichen Bereich sogar bereits fortschrittlicher als der Westen Deutschlands.

Ohne die Maschinen und die entsprechende Energie dazu wären wir noch auf dem Stand von 1800 - oder der Taliban. Ist machbar, haben wir ja gesehen, doch wollen wir das wirklich? Friede, Freude, Eierkuchen hat man dann trotzdem nicht, dann sind es lediglich die Kiowas, die einem ans Leder wollen, unsere Jagdgründe für sich beanspruchen.

 

Laurenz

12. Oktober 2021 18:19

@URN

"Da schreibt wieder einer über das, was er kennt. Und schon heulen sie wie die angeschossenen Laurenz. Ein toller Artikel."

Na klar, hätten das alle gekannt, gäbe es uns nicht, weil unsere Eltern verhungert wären. Immerhin mutierte die Sowjetunion vom größten Weizen-Importeur zu Rußland als größten Weizen-Exporteur. Ein selten dämlicher Beitrag.

 

 

 

RMH

12. Oktober 2021 18:45

"darin war die DDR zumindest im landwirtschaftlichen Bereich sogar bereits fortschrittlicher als der Westen Deutschlands."

Nö, die kleinparzelligere BRD-Landwirtschaft hatte höhere Erträge pro Hektar, bspw. bei Kartoffeln und Getreide, als die flurbereinigte DDR-Landwirtschaft.

Und die Frauen, die am Hof mitarbeiteten, waren eben die Bäuerinnen (Lohn? Gabs keinen, ebenso wie bei den Kindern, die auch in der BRD selbstredend in den Familienbetrieben mitgearbeitet haben).

Wann hört es endlich auf, dass man sich in West und ehem. Ost in die Tasche lügt und die Vergangenheit schöner redet, als sie tatsächlich war?

 

Andreas Walter

12. Oktober 2021 19:25

Wer die ländlichen Regionen reaktivieren will muss heute darum sagen: Industrie und Dienstleistungssektor raus auf's Land, Städte abbauen und begrünen. Dann wird man im Osten automatisch auch schon mal die Grünen los und stellt sich auch noch gut, oder zumindest besser, mit den Gelben.

Dezentralisierung braucht aber womöglich mehr Energie, verlängern sich dadurch nämlich die Transportwege. Wobei die vielen Pendler dann wegfallen, könnte daher auch besser sein (LKW's macht man in der Regel voll, die meisten Pendler sitzen allein im Auto und Stau).

Gerade in Thüringen ist mir das aufgefallen, dass sich im Grunde fast alles nur an der A4 entlang abspielt. Hier könnte man womöglich mit zwei weiteren Ost-West Traversen die ganze Region zumindest nördlich des Gebirges mehr in die Breite ziehen, dadurch die Städte auf der Perlenkette entlasten.

Man kann eben nicht alles gleichzeitig oder am selben Ort haben. Manches gibt es dann sogar gar nicht, weil eine zu geringe regionale Nachfrage es ökonomisch nicht rentabel macht.

Die neue Schnellbahnstrecke Berlin-Prag-Wien. Warum in Sachsen nicht an der Grenze lang? Über Cottbus (BB), Görlitz, Zittau, oder zumindest über Bautzen. Mit Zubringer nach Dresden. Bei 350 km/h doch scheissegal, der kleine Umweg. Stattdessen regen sich Politiker über "braune" Regionen auf, die sie selbst geschaffen haben, durch Vernachlässigung.

URN

12. Oktober 2021 20:00

Schon erstaunlich, wie manche hier es wieder und wieder schaffen, Beiträge von Autoren und Kommentare nicht zu lesen. Und dann noch unterirdische Antworten einzustellen wie Laurenz, der 18:19 der geneigten Leserschaft mitteilt, daß ca. 17 Mio. Hungerkünstler zwischen 1989 und 1990 zur alten BRD stießen. Tolle Leistung, Laurenz, für derart hilflos hätte ich Sie nicht gehalten. Und dann noch der Hinweis zum russischen Weizen, um den sich der gesamte Artikel Bosselmanns ja drehte. Hut ab....

Andreas Walter

12. Oktober 2021 20:00

@RMH

Ja klar, und die riesigen Felder weltweit sind darum auch Blödsinn und das auch die Betriebe in Westdeutschland immer weiter gewachsen sind oder es heute darum auch Maschinenringe dort gibt, die mit riesigen Maschinen das leisten, wozu Kleinbauern früher Tage brauchten.

https://www.agrarheute.com/land-leben/mega-farm-7-groessten-agrarbetriebe-welt-521160

Wozu eigentlich das Ganze? Wozu auch schon das Rad (auch das Lastenfahrrad?), die Dampfmaschine oder der Webstuhl fragen sich aber wohl nur Maschinenstürmer.

Nieder mit den Waschmaschinen! (Haben Sie eine, ich habe nämlich keine)

Gustav Grambauer

12. Oktober 2021 20:17

Mitleser2

I

"Als Bayer steht es mir nicht zu, Herrn Bosselmanns Nostalgie zu bewerten. Ich wüsste aber wirklich gerne, wie andere mit demselben Hintergrund das sehen."

Wer mich kennt, weiß, daß ich die Kolchose nicht gerade für das Ultimo halte. Bin sehr ein Freund des Genossenschaftsgedankens - aber bin kein Freund der Zentralwirtschaft; abgesehen davon, daß die Kollektivierung der Landwirtschaft auf brutale bzw. verbrecherische Art durchgesetzt wurde.

Hier ein Lied aus der Zeit der Zwangskollektivierung, von dem man gar nicht weiß, ob es ernst gemeint oder ein insgeheimes Spottlied war, so wie dieses von Eisler (der Ulbricht gehaßt hat) oder Fürnbergs ja sicher bekanntes Lied von der Partei ja heimliche Spottlieder ihrer Texter waren.

Gustav Grambauer

12. Oktober 2021 20:18

II

Aber die LPGs waren mir immer noch um Dimensionen lieber als die von Herrn Bosselmann m. E. sehr gut beschriebenen heutigen Verhältnisse, wo bis zum Horizont nichts als Monsanto-, Syngenta- und Pioneer-Mais steht und niemand weiß, welcher von Müntes Heuschrecken eigentlich die Felder in der betreffenden Daytrader-Sekunde gehören. (So habe ich auch Herrn Bosselmann verstanden.)

Dabei war der Mais in den 60er Jahren der Anstoß für Ulbricht bei seinem Zerwürfnis mit Chruschtschow gewesen, welcher die DDR zum Maisanbau zwingen wollte, was in Ulbrichts Ausruf "Wir sind aber keine Maisjünger" gipfelte.

Habe 1989 keinen einzigen LPG-Bauern bei der "friedlichen Revolution" demonstrieren gesehen. LPG-Bauern gehörten weder zu denen, denen Honecker lediglich nicht rot genug war, noch haben sie ihre Lebenssituation mit der Duschdas-Werbung im Westfernsehen abgeglichen - vielmehr mit der ihrer meist bettelarmen Vorväter. In der Tat dürfte es den allermeisten nach 1990 wirtschaflich und vor allem lebensperspektivisch viel schlechter ergangen sein als zuvor.

Dafür mußte dann erst ein so geerdeter Mann wie PeMiDi kommen, um so heilsam wie möglich in die von Bonn her betriebenen Exzesse um den Beitritt herum einzugreifen, dabei auch den Widerstand der DDR-Apparare hinter den Kulissen gegen den Totalausverkauf zu organisieren, leider viel zu spät. (Er war Justitiar mehrerer LPGen und von dorther stark geprägt und wie gesagt geerdet gewesen.)

Gustav Grambauer

12. Oktober 2021 20:19

III

"Honecker lediglich nicht rot genug": die LPGen waren ja keineswegs Volkseigentum! Die LPG-Bauern wußten sehr gut, daß die LPGen "gesellschaftskonzeptionell" - so wie die Bodenreform `45 - nur als Durchgangsstadium zur endgültigen Form der Sowchose gedacht waren. Den Rotgardisten im Politbüro, vor allem Honecker, hat es gestunken, daß die LPGen über eigenes Vermögen, und zwar erhebliches, verfügten, sie haben lediglich aus taktischen Gründen nicht gewagt, an dieser Rechtsform zu rühren; dabei hatten sie die verheerenden Folgen ihrer Verstaatlichungswelle von 1971 vor Augen, die ihre Macht empfindlich bedroht hatten. Wer dies vertiefen möchte, der kann hier in einem Text eigentlich zu einem ganz anderen Thema ab Seite 8 und ab Seite 11 / Mitte die - höchst verschrobene, skurrile - "gesellschaftskonzeptionelle" Einordnung der LPGen durch die kommunistische Orthodoxie knackig zusammengefaßt nachlesen.

Gustav Grambauer

12. Oktober 2021 20:19

IV

Hier im Forum fallen mir sehr unangenehm die Pawlowschen Reflexe wohl noch aus dem Kalten Krieg auf, von erwachsenen Männern, die beim Reizwort "LPG" subito in den plumpsten Reiz-Reaktions-Modus fallen. Auch die notorische Überheblichkeit dabei macht keinen guten Eindruck. Keine Sachkenntnis über die konkreten Verhältnisse, aber immer mit der großen Klappe vorweg, wie Besserwessis eben so sind. Kleiner Tipp zum Nachdenken: die damalige Wirtschaft, Verzeihung: Mißwirtschaft im Osten entwickelte sich nicht unter den Laborbedingungen eines hayekianischen Lehrbuches. War da noch was? Ach ja, zwei klitzekleine verlorene Weltkriege, für die das kleine Mitteldeutschland dann allein bezahlte - direkt und indirekt, wirtschaftlich (militärwirtschaftlich!), politisch und in jeder anderen denkbaren Hinsicht, und zwar bis zum Ende der DDR. Sogar den Fährhafen Mukran, über den Mitteldeutschland vampirmäßig ausgesaugt wurde, hat dessen Wirtschaft noch selbst bauen müssen so wie die Fähren dafür.

Aber uns war schon immer klar, daß es dafür in den bräsigen, affektierten, arroganten Rotweingürteln der BRD links wie rechts kein Bewußtsein gibt.

- G. G.

RMH

12. Oktober 2021 20:40

@Andreas Walter,

ich denke, Sie haben da was falsch verstanden:

Vom rein rationellen Aufbau hätten die landwirtschaftlichen Betriebe den damals zum großen Teil in der BRD noch vorhandenen kleinparzelligen Familienbetrieben von den Ergebnissen überlegen sein müssen. Stattdessen wurde im Westen mit weniger Arbeitern, z.T. sogar Maschinen, bessere Erträge pro Hektar erwirtschaftet und das über alle Jahre hinweg. Es zeigte sich gerade hier, dass privat bewirtschaftetes Eigentum klar im Vorteil gegenüber Staatseigentum ist. Und das war das Problem quer durch die ganze DDR Wirtschaft. Hohe Beschäftigungszahlen mit geringerer Produktivität. Wenn man einer auf Export ausgerichteten Wirtschaft mit geringerer Produktivität auch noch ihren Preisvorteil nimmt, wie anno 90/91 durch Einführung der DM, dann bricht sie zusammen. Da darf man die Geier, die danach über dem toten Kadaver kreisen nicht mit Raubvögeln verwechseln. Aber genau so geht das Narrativ der meisten ehem. DDR-Bürger. Im Westen blenden die ehem. BRD Bürger hingegen die massive Jugendarbeitslosigkeit und andere Themen, die es jenseits der Mauer gerade nicht gab, aus und reden sich wiederum ihre "Jugend" schön.

Lotta Vorbeck

12. Oktober 2021 20:52

@Gustav Grambauer

100% d'accord mit Ihnen!

Was dann schnell zur Zwangskollektivierung mutierte, kam anfänglich comoufliert als "Angebot" daher und war im Kern zweifelsohne eine üble Sache. 

Die kollektivierte Landwirtschaft unterschied zwischen Genossenschaftlern (die ihr Eigentum eingebracht hatten) und bloßen Angestellten.

LPGisten waren in der TäTäRä von der Zahlung der Lohnsteuer befreit.

Die kollektivierte Landwirtschaft bescherte deren Beschäftigten erstmals - von den Ernteschlachten abgesehen - geregelte Arbeitszeiten und Urlaubsanspruch.

Horst Kempa schreibt in seinen Lebenserinnerungen: Was 1990 zuerst "weggespart" wurde, war der zuvor sakrosankte Kantinenbetrieb sowie die Mittagessen- und Pausenversorgung derer, die draußen auf dem Feld arbeiteten.

Der SED-Ableger Bauernpartei wäre dann nochmal ein extra Thema.

Lotta Vorbeck

12. Oktober 2021 20:59

Nachtrag für @Mitleser2

KAP = Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion

KAT = Kooperative Abteilung Tierproduktion

Darüber hinaus gab es als ZEG firmierende, sogenannte Zwischenbetriebliche Einrichtungen für die Reparatur des Fahrzeug- und Maschinenparks.

Falls es Sie interessiert, was mit dem einst vom Horst Kempa geleiteten VEG Kohren-Sahlis geschah, können Sie dies auf der Netzseite des Karl Heinz Hoffmann nachschauen.

Carsten Lucke

12. Oktober 2021 21:12

@ Gustav Grambauer IV

Genial auf den Punkt gebracht !

Ich weiß nie so recht, ob ich diese Art "Wessis" eher bemitleiden oder verachten soll.

Ich werde sie in meine atheistischen Gebete einschließen; was soll's.

Andreas Walter

12. Oktober 2021 22:30

@RMH

Sehe ich auch so. Zum Teil gute Ideen, die durch Misswirtschaft und Sozialismus dann wieder kaputt gemacht wurden, nicht ihr volles Potential entfalten konnten. Zudem hat der große “Bruder“, wie auch andere hier schildern, die Ossis gnadenlos ausgepresst. Ab 1990 dann noch die Volksenteignung durch die “Treuhand“, doch auch einige Ostdeutsche haben sich in der Zeit mit allerlei komischen Geschichten gesundgestossen. Die Menschen in anderen “Bruderstaaten“ des Warschauer Pakts haben zum Teil dann wenigstens Aktien als Ausgleich für ihr ehemaliges Miteigentum am volkseigenen Vermögen bekommen, in Deutschland dagegen wurde ihr Volkseigentum zu Staatsvermögen, nämlich über die neue Infrastruktur.

Der “reale“ Umtauschkurs war am Ende eben doch 1:10, und nicht 1:1, das Land eben doch schon ganz schön marode, runtergewirtschaftet, die Substanz nach 30 Jahren im Grunde aufgebraucht. In Kuba sieht es darum heute noch so aus, obwohl die Kubaner glaube ich mittlerweile wenigstens genug zu Essen haben. Das war nicht immer so.

 

Andreas Walter

12. Oktober 2021 23:31

@Carsten Lucke

“bemitleiden oder verachten soll“?

Weder noch. Erzählen Sie einfach, wie es aus Ihrer Sicht war. Vom Mond bin ich allerdings auch nicht. Ich habe auch Augen im Kopf, sehe derzeit daher, was gut war und was nicht.

Denn auf Ossis die meinen, ihr Ding wäre ja doch das bessere gewesen, wenn nur nicht bla bla bla (jaja, die widrigen Umstände), treffe ich hier ununterbrochen.

Ich sag' dann schon gar nichts mehr, nicke nur und denk' mir meinen Teil.

Als Kind habe ich vor der Mauer am Brandenburger Tor gestanden und geweint, als ich die Sperranlagen zum ersten Mal (in der Wirklichkeit) gesehen habe. So leid haben mir damals die Menschen getan, die dahinter gelebt haben, leben mussten.

Im Westen hat nämlich niemand auf Menschen geschossen, die unbedingt in den Osten wollten. Alles schon vergessen? Wobei das ja gut ist, wenn man sich eher an die schönen Dinge im Leben erinnert. Das war der Generation unserer Großeltern ja verboten, hier im Westen. Eine Schweine-System war das hier darum auch, und ist es noch immer, nur eben auf seine Art.

RMH

13. Oktober 2021 06:41

"Keine Sachkenntnis über die konkreten Verhältnisse, aber immer mit der großen Klappe vorweg, wie Besserwessis eben so sind."

Pardon, das kann man ziemlich exakt spiegeln auf so manchen "Ossi". Was für eine Ahnung - außer der durch Westfernsehen verzerrten - hatte man dort von den bereits damals existierenden Raubtierbedingungen der als "sozial" vermeintlich eingehegten Marktwirtschaft? Vergleichbar genauso null wie die meisten BRD- Bürger von der DDR. Was der Kommunikation zwischen Ost-West nie groß weiterhalf, war, dass zu viele Welterklärer mit Alleingeltungsanspruch sein wollten. So trifft Ich-erkläre-dir-mal-was Sache-ist-Oberlehrer Wessi auf den sich als Opfer sehenden Ossi, der irgendwelche Erwartungshaltungen pflegt, wo objektiv nichts zu erwarten war. Beide auf ihre Art aggressiv, der eine eher aktiv, der andere passiv. Und so wird das dann oft nichts mit der Annäherung. Fakt ist, dass Deutschland den Krieg verloren hat, und auf beiden Seiten wurde es ausgebadet - im Westen mit ein bisschen mehr Lametta, Butter und Camping an der Adria (wie schon geschrieben, das Elend als nur eine von vielen Kehrseiten der Medaille blenden viele heute aus). Das Ost-West-Ding ist im Grunde ein Verharren in den jeweiligen vom Feind aufgedrückten Frontstaatenkulturen und eben gerade nicht deutsch. Der Artikel von H.B. hat daher auch leider starke Tendenzen zum Kitsch, weil eben am Ende nur etwas geraunt wird, aber nicht gesagt wird. Dabei ist gerade der eigene Weg nach über 30 Jahren das, was noch gefunden werden sollte.

Nemo Obligatur

13. Oktober 2021 08:33

Was will uns der Autor mit dem Text sagen? Einerseits natürlich seine Erinnerungen aus Kindheitstagen und Jugendjahren ausbreiten. Wer täte dergleichen nicht gern, wenn die Abendsonne des Lebens alles in ein mildes Licht taucht? Andererseits wird der Untergang des dörflichen Lebens beklagt. Womöglich zurecht, aber eben auch unaufhaltsam. Das ist, es klang schon in anderen Kommentaren an, im Westen nicht viel anders gewesen. Gerne mag HB etwa durch Niedersachsen reisen, abseits der industriellen Zentren, dort, wo es keinen nahen Autobahnanschluss gibt, der vielleicht junge Familie aus der Stadt zum erschwinglichen Haus im Grünen bringt. Auch dort gibt es Dörfer mit allenfalls Briefkasten und Zigarettenautomat. In den Gasthäusern oder alten Läden mit ihren erblindeten Schaufenstern an der Hauptstraße schlafen bestenfallens rumänische Akkordschlachter je zu fünft in einem Raum, die Matratzen auf dem blanken Boden. Der Rest sind Windräder und fußballfeldgroße Schweineställe.

Neues Leben wird dort flächendeckend erst aufblühen mit umfassendem Homeoffice bei ausreichender Internet- und Verkehrsanbindung. Entsprechend werden sich die Einwohner aus "digitalen Dienstleistern" rekrutieren. In Bauwerken wie alten Windmühlen oder Gutshöfen als hippe Co-Working Spaces. Ohne Pfarrer und Turnverein, dafür mit Yoga-Studio. Das Land von anno 1980 kommt nicht wieder.

Locke84

13. Oktober 2021 08:56

Die Diskussion hier sollte weggehen von Ost-West, LPG gut oder schlecht und zum eigentlichen Thema führen. 

Und zwar, dass heutige Dörfer in Ost genauso wie West eigentlich lebenskulturell tot sind. Das um so mehr, je näher sie den (großen) Städten sind. 

Ich lebe auf denn Land (im selben Bundesland wie Herr Bosselmann) und kann die heutigen Verhältnisse nur bestätigen. Dorfkultur gibt es kaum noch. Gearbeitet wird auch kaum noch im Dorf, sondern es wird gependelt in die Stadt. Das gilt auch für mich. 

Das Dorf ist kein Wirkungsraum mehr. Nur noch Schlaf- und Freizeitraum. Ich glaube, das möchte Herr Bosselmann anprangern. 

Mitleser2

13. Oktober 2021 09:07

Interessante Perspektiven hier. Nur noch eine Anmerkung: Man kann von der heutigen CSU halten, was man will, aber hier in Oberbayern sind die traditionellen Strukturen auf dem Land noch erstaunlich lebendig: Feuerwehr, Trachtenverein, Burschenverein, Schützen, ...

Ich denke schon, dass das auch eine Folge der ewigen, früher sehr konservativen CSU-Dominanz ist. Wohin es geht, weiß keiner.

Speisegaststätten gibt es auch noch genug, verrauchte Kneipen natürlich nicht mehr.

Sugus

13. Oktober 2021 11:02

@ Mitleser2

Diese traditionellen Strukturen sind auch in anderen südlichen Bundesländern lebendiger. Es gab keine kommunistische Herrschaft und der katholische Hintergrund begünstigt das Brauchtum. Mit CSU-Herrschaft hat das nix zu tun, eher andersrum: Dort, wo diese Strukturen stark sind, wird eben konservativ gewählt.

RMH

13. Oktober 2021 11:28

Landleben - leicht spöttisch dekonstruiert vom linken "Lumpenpack", ist älter, aber wer es noch nicht kennt:

https://www.youtube.com/watch?v=SIPBIRCIkgA

@Mitleser2,

ich denke, dass kommt auch in Bayern ganz auf die Größe des Dorfes und seiner Nähe zu einer größeren Einheit an.

AmazonBesteller

13. Oktober 2021 12:22

@ Mitleser2

Ähm... die von Ihnen beschriebenen lebendigen Traditionen wie Feuerwehr, Trachtenverein, Burschenverein, Schützen usw. sind ein Witz. Das sind gesellschaftlich akzeptierte Sauf- und Dummschwätzveranstaltungen wo der Ingenieur, der Tierarzt und der Gemeinderat mal so richtig die Sau rauslassen können. Während die Dorfband ein Sauflied nach dem anderen anstimmt, wird mal eben dafür gesorgt, dass das neue Baugebiet der Dorfprominenz zugeteilt wird. Da wird, identisch zur Stadt, die Diversity und Integration gelebt. Die AfD wird totgemobbt. Nix mit Erhalten von Traditionen. Wenn das Geld stimmt, machen die da alles mit. Tradition ist für die nur Staffage. Ungefähr so, wie die nachgestellten germanischen oder römischen Siedlungen durch Museen. Da käme man doch auch nicht auf die Idee von Traditionen zu sprechen.

RMH

13. Oktober 2021 13:21

@Amazonbesteller,

Ihr Beitrag zu Vereinen etc liest sich doch eher nach einer Ausrede, nicht am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, geschweige denn, sich zu engagieren. Und: Beziehungen schaden immer nur dem, der keine hat (alte Volksweisheit).

Mitleser2

13. Oktober 2021 13:23

@AmazonBesteller: Woher Sie das alles wissen ...

Mein Schützenverein ist jedenfalls keine "Sauf- und Dummschwätzveranstaltung". Und die AfD wird dort auch nicht gemobbt.

AmazonBesteller

13. Oktober 2021 17:40

@ RMH 13:21

Ich hab nun mal keinen Bock zu saufen oder mir dummes Zeug anzuhören. Auf die Gesellschaft der CSUler (= Dorf-AfD) kann ich gut verzichten. Und was soll daran eine Ausrede sein? Als ob man an der Gesellschaft nur teilnimmt wenn man mit diesen Langweilern abhängt. Dafür ist mir meine Zeit zu schade. 

"....sich zu engagieren."

Hahaha, wieder so eine hohle Phrase. Könnte gut von den Grünen kommen. Stammtischgeschwätz.

 

@Mitleser2

Ich kenne nicht einen Verein, vom THW über die FFW, Schützenverein, Fußballclub oder sonstwas, der sich nicht aktiv für "Integration" und "Diversität" einsetzt sobald er direkt aufgefordert wird. Z.B. vom Landrat. Selbst erlebt: ein Mitglied (IPSC) schleppt einen syrischen Flüchtling (als Gast) an. Reaktion der anderen Mitglieder: "klar, was soll schon schief gehen, soll er ruhig ein paar mal schießen." 

Wahrscheinlich ist Ihr Schützenverein so langweilig und alt, dass sich niemand dafür interessiert. Alle Vereine sind durchsetzt vom neuen Zeitgeist. Wenn Sie sich selber etwas vormachen wollen, gerne. Aber hören sie auf, mich und andere hier für dumm zu verkaufen.

 

Cugel

13. Oktober 2021 21:54

@AmazonBesteller

Selten, daß ich Ihnen nicht zustimme, aber an dieser Stelle malen Sie gar zu schwarz. Ungeachtet des von HB thematisierten Verfalls auch auf dem Dorf sind Vereine immer noch ein gemeinschaftsstiftender bzw. -erhaltender Faktor und, soweit ich es erfahre, durchaus keine reinen Saufgemeinschaften. Fälle wie den von Ihnen beschriebenen stellen die Institution nicht infrage. Was das Saufen betrifft, so legt sich das spätestens dann, wenn die halbe dörfliche Fußballmannschaft aus Kurden besteht. Ich kenne solch einen Fall, der freilich nicht auf hierarchisch-politische Forderung, sondern blanke Rekrutierungsnot zurückgeht. Der deutsche Trainer (AfD-Wähler und beileibe kein Meuthen-Fanboy) ist begeistert von Einsatz, Können, Zähigkeit und Kameradschaft seiner anatolischen Neuzugänge. Denken Sie doch einmal über ihre Motivation nach, hier zu kommentieren (ehrliche Aufforderung, keineswegs böse gemeint).

RMH

14. Oktober 2021 09:13

@A.besteller,

ungeachtet der Tatsache, dass Schützenvereine ausschließlich entsprechend Ausgebildete auf einen IPSC-Parcours lassen, sollten Sie sich einmal überlegen, was für Vorteile es hat, bei Vereinen zumindest ein Stück weit dabei zu sein. Man lernt andere Menschen kennen, man sozialisiert sich ein Stück durch Zurücknahme des eigenen Egos und durch Mitarbeit. Man bleibt am Puls der Gesellschaft, und Saufzwang ist mir persönlich - und ich bin in einigen Vereinen, Organisation, ja sogar Verbänden - außerhalb von Burschenschaften und Initiationsriten bei spezielleren Clubs noch nie begegnet. Gerade zum leichten Narzissmus neigende Exzentriker, wie man sie bei politischen Nischen oder "Bubbles" leider zu oft finden kann, können sich so ein Stück weit kostenlos therapieren lassen, ohne dem politischen "Mainstream" dabei anheimfallen zu müssen. Darüber hinaus ist es absolut nichts Verwerfliches, wenn Vereine Mihigrus und Asylanten einlassen. In einem Punkt hatte Merkel nämlich recht: Nun sind sie halt da. Und als Deutscher begegnet man seinem konkreten Gegenüber mit Respekt, einer gewissen Offenheit und Höflichkeit. Das ist eine Frage des Anstands. Dass jemand überhaupt ins Land kommt oder noch da ist, entscheiden andere und eben gerade nicht der Einzelne. Die Pull- oder Pushfaktoren werden politisch entschieden und nicht durch unhöfliches Verhalten und mangelnden Anstands Einzelner.

Sugus

14. Oktober 2021 09:57

@ RMH

"Die Pull- oder Pushfaktoren werden politisch entschieden und nicht durch unhöfliches Verhalten und mangelnden Anstands Einzelner."

Ja, so ist er, der anständige und ritterliche Deutsche. Deswegen ist er ein politischer Idiot und hat u.a. zwei Weltkriege verloren. In einem andern Strang schrieb ich über Iren in einem Pub in Dublin, die beim Auftauchen eines Engländers in eisiges Schweigen verfielen. Wären Iren so gepolt wie Deutsche, würden sie heute den Union Jack schwenken und "Rule, Britannia" singen.

Allnichts

14. Oktober 2021 10:17

RMH 9:13:

Auf den unteren Teil bezogen: Eine Einstellung, die ich nur schwer nachvollziehen kann. Man muss sicherlich zwischen den Nationen unterscheiden, aber die Integration derjenigen, welche man eigentlich ausser Landes haben will, mit der Begründung, dass sie ja ohnehin nun einmal da sind, zu befürworten, statt ihnen im Rahmen des Gesetzes das Leben hier möglichst unbequem zu machen, auf dass sie sich hier nicht zu sehr einrichten und möglichst bald wieder gehen, gibt denjenigen, welche diese Menschen herlotsen, im Nachhinein ja noch eine Rechtfertigung für ihr Handeln.

Die grossen Linien werden natürlich nicht vom einzelnen Ausländer entschieden, aber von diesem mittels eigener Entscheidung ausgenutzt. Auch die Entscheidung, hierzubleiben, wird vom Einzelnen getroffen, und sie wird ihm durch vermehrte Akzeptanz sicherlich erleichtert.

RMH

14. Oktober 2021 10:44

@Sugus & Allnichts,

Ich rede sicher keiner Anbiederung das Wort, aber in einer konkreten 1 zu 1 Gegenüber Situation sich anständig, höflich und korrekt zu verhalten gebietet einem die Selbstachtung. Wenn ein Ausländer eine Ausweisung erhalten würde, würde ich ihm beim Kofferpacken und andere dabei erforderlichen Dingen genauso helfen. Es ist Hybris zu denken, wenn man mit einem grimmigen Gesicht durch die Gegend läuft und Ausländer disst, wo es geht, würde sich etwas ändern.

URN

14. Oktober 2021 10:57

RMH schrieb 09:13 über "Politik im Alltag", Sugus und Allnichts plädieren für Wirtshausschlägereien. 

links ist wo der daumen rechts ist

14. Oktober 2021 11:01

Landleben

Als jemand, der seit gut 20 Jahren zwischen Großstadt (Wien) und Land (Grenzregion zu Passau) pendelt, kann ich nur sagen, daß alle Negativklischees wie o.a. stimmen, vgl.

https://www.youtube.com/watch?v=y6sYZehnOwg

Tatsächlich herrschen „Laptop und Lederhose“, aber vollkommen ins Gegenteil verkehrt:

Ein Schwachsinn und Stumpfsinn und eine Verkommenheit, gekrönt von absoluter Sturheit, daß selbst ein Thomas Bernhard mit seiner Suada Schnappatmung bekommen hätte.

Fragen Sie doch einmal, wer oder was Knut Hamsun sei. Von 2000 Einwohnern meiner Heimatgemeinde kennen ihn vielleicht 2-3 dem Namen nach, der Rest würde so blöd lachen wie die Typen hier (ab 5:40):

https://www.youtube.com/watch?v=l922kOvbop0&t=483s

Nein, das Land als positiver Entwurf zum Moloch Großstadt ist eine reine Erfindung von Städtern.

Vielleicht können ja ein paar Aussteiger aus der Stadt tatsächlich kleinräumig etwas ändern (Stichwort „solidarische Landwirtschaft“).

Der Rest ist leider wieder einmal (neu)rechte Verkennung einer rückwärtsgewandten Utopie und so zukunftsträchtig wie eine der lächerlichsten Perioden in der an Schwachsinnigkeiten nicht überbietbaren österr. Geschichte, der Ständestaat.

Das Landleben in seiner Eigendynamik bedeutet Entropie in Vollendung.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.