12. Oktober 2021

Landleben

Heino Bosselmann / 41 Kommentare

Lust aufs Landleben ist für die „neuen urbanen Schichten“ Lifestyle. Jedoch: Es gibt die eigentlich lebendigen mitteldeutschen Dörfer nicht mehr.

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

  • Sezession

Sie sind allesamt lebenskulturell tot. Geblieben sind unfreiwillig tragikomische folkloristische Reste, Staffagen, etwa Erntefeste dort, wo niemand mehr erntet, sondern allenfalls eine Agrarfirma industriell die Maiseinöde, die Biogas-Reaktoren und die Mastbetriebe bewirtschaftet.

Das Dorf hat seinen neolithischen Impuls, den es dem Übergang der Menschheit zu Ackerbau und Viehzucht verdankt, verloren. Zwar wird Landwirtschaft so intensiv wie noch nie betrieben, nur hat sie mit dem Dorf nichts mehr zu tun.

Ja, sie ist an sich nicht mal mehr Landwirtschaft, sondern eben Agrar-Industrie. Mag sein, daß es da und dort auf Demeter-Höfen noch Refugien gibt, in denen mit dem Land und Vieh ursprünglich und artgerecht gewirtschaftet wird.

Zeichnen wir eine Idylle wie aus Ehm Welks (1884 – 1966) „Heiden von Kummerow“:

Die ostelbische Gutsherrschaft schuf aus jedem Dorf oder Gutsbezirk einen autarken und autonomen Klein-Kosmos. Meine Heimatlandschaft wurde davon geprägt.

Im Zentrum das Gutshaus, daneben das protestantische Pfarrhaus als Institution alles Geistigen und Kulturellen, die Schule, alle Kinder gemeinsam ausbildend, im Elementaren, also im Schreiben, Lesen, Rechnen und Naturkundlichen, so erfolgreich, daß sie heutigen Primarschulen darin weit, weit überlegen war, da sie streng, aber ruhig, gründlich und systematisch das Wesentliche zu lehren verstand – dank einer Erziehung zu Maß, Verbindlichkeit, Achtsamkeit und Leistungsbereitschaft.

Der klassische Gutsdorf-Siedlungsgrundriß blieb vielfach erkennbar. Noch immer läßt sich daher das längst versunkene Leben auf den alten Dörfern ahnen.

Das Jahr 1945 bedeutete für dieses jahrtausendlange und damit immens reiche Kapitel der Dorfgeschichte zwar ein abruptes Ende, aber die Dörfer, nach dem Krieg von ostdeutschen Flüchtlingen auf- und überfüllt, blieben in der DDR noch eine Restzeit von vier Jahrzehnte lebendig.

Zwar wurde mit der Bodenreform die effiziente Guts- und Großflächenwirtschaft zerstört und mit den neuen „Siedlern“ ein Kleinbauerntum geschaffen, das, politisch gewollt, nur so eingeschränkt auskommen konnte, daß der Übergang in die 1952 beginnende Zwangskollektivierung bis zum „Sozialistischen Frühling auf dem Lande“ 1960 vorprogrammiert war; zwar flohen die leistungsfähigen, von der SED-Landwirtschaftspolitik bewußt geschädigten Großbauern in den Westen, aber:

Wider Erwarten und trotz immenser Ungerechtigkeiten konsolidierten sich die „Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften“, die LPGen, dann doch soweit, daß sie – im Gegensatz zu fast allen anderen Ostblockländern und anders als die sowjetischen Kolchose – nicht nur das Land mit qualitativ guten Nahrungsgütern versorgen konnten, sondern in den Dörfern überhaupt Alltag und Leben bestimmten. Das Land behielt zunächst seine Vitalität; es gab das Landleben noch.

Innerhalb des Mangelmilieus wurde die DDR-Landwirtschaft zwar erfolgreich mechanisiert, aber sie blieb arbeits- und personalintensiv. Weil sie trotz Ertragssteigerung in der Großfläche nicht eigentlich effizient wirtschaftete, benötigte sie alle Kräfte und litt daher beständig an Arbeitskräftemangel – dies jedoch mit der Folge, daß sie vom qualifizierten Agraringenieur bis zum Mitglied der Feldbaubrigade jeden einband und so immerhin jedem kulturell eine Teilhabe und damit die eigene Selbstachtung ermöglichte, die es – wiederum aus ökonomischen Gründen – so nicht mehr gibt und nicht mehr geben kann. Außerdem zogen Industriearbeiter und technische Intelligenz zu: „Industriearbeiter aufs Land!“

Jedenfalls erhielt sich die vertraute Lebendigkeit: Kinderreichtum, LPG-Kindergarten, erst acht-, dann zehnklassige „polytechnische“ Oberschule, die mathematisch, naturwissenschaftlich und tatsächlich technisch hervorragende Grundlagen für eine nicht nur landwirtschaftliche Facharbeiterschaft sicherte. In manchem mag der Fortbestand einer gewissen Autarkie der Versorgung an die Kibbuz-Wirtschaft denken lassen.

Wir lernten über den „Unterricht in der technischen Produktion“ (UTP) – später umbenannt in „Einführung in die sozialistische Produktion“ (ESP) – Grundlagen des Gärtnerns, den Umgang mit Maschinen, bis hin etwa zum Schweißen und  zum Führerschein für Traktor und LKW. Mit Eindringlichkeit wurde uns Dorfkindern gesagt, was heute keiner mehr hört: Ihr werdet gebraucht! Zweierlei war garantiert und fehlt heute – Erlebnis und Bewährung.

Und: Wir wurden tatsächlich gebraucht, jeder. Nach dem Abitur in den letzten Sommerferien dank Traktor-Berechtigung die Ernte mit einzubringen, das galt was. Kein „Projekt“ der zwangsvereinnahmenden „Ganztagsschule“, nein, unmittelbare Realität, echte Leistung, gerechtfertigte Anerkennung.

Die Schulspeisung, beliefert mit LPG-Produkten, versorgte die Rentner gleich mit – einfaches, aber gehaltvolles Großküchen-Essen, dem allerdings heute vermutlich Bioland-Qualität zukäme, da für die gefährlichsten Umweltschäden einfach noch die Mittel fehlten.

Für letzte Jahrzehnte erhielt sich die eigenständige Bedeutung des Dorfes als recht „urtümlicher“ Siedlungstyp. Die leeren Gutshäuser wurden umgenutzt und blieben aber trotz baulicher Verschlimmbesserungen in ihrer Substanz erhalten, während die Kirche infolge atheistischer Politik ihre Bedeutung bereits verlor und allenfalls eine subversive Randexistenz hinter altem Flieder fristete; die famose Geschichte des protestantischen Pfarrhauses riß ab – ein tragischer Vorgeschmack auf den fortschreitenden Kulturverlust nach 1990, einhergehend mit der Abwanderung der Leistungsfähigen und der Umfunktionierung des Dorfes zum reinen Wohn- oder vielmehr Schlafort ortsfremder Pendler.

Bis zur Wende lebte das Dorf immerhin jeden Morgen neu auf: Die Kinder radelten zur Schule, die Traktoren wurden gestartet, das Vieh gefüttert, der Plan erfüllt. Bewegung. Wo Leben ist, duftet es, manches stinkt, ja, es war schmuddelig auf den LP-Höfen, aber genau das ermöglichte ökologische Artenvielfalt trotz Großflächenwirtschaft, abgesehen davon, daß auf Feldern und Gärtnereien artenreicher angebaut wurde. Heute sieht das monokulturell bestellte Mecklenburg quadratkilometerweise wie Iowa aus.

Jetzt, da der letzte Zaster der Leute in ihren Immobilien steckt, erscheinen die Dörfer ordentlich, aufgeräumt, ja ausgeräumt und geradezu sterilisiert sauber und sind dabei jedoch abgestorben, gut zurechtgemacht aufgebahrt. Blühende Landschaften? Gibt’s eher in der City. Auf dem Lande herrscht im Vergleich zur einstigen Buntheit Ödnis.

Die sozialistische Sonderexistenz erzwang Rhythmus, Perspektive und Lebenssinn – mitunter eben im Gegenentwurf zur Zwangsvereinnahmung. Für letzte Jahre bestand zudem die traditionelle Kleinteiligkeit. Selbst die Landkreise, obgleich durch die SED-Herrschaft gleichgeschaltet und nicht demokratisch verfaßt, blieben übersichtlich, so daß erlebbar war, wer für was Verantwortung trug – sehr konkret, nicht abstrakt, insofern auch Bonzen in der DDR, dieser Karikatur Preußens, in der Pflicht standen.

Eine solche Skizzierung setzt sich nicht zu Unrecht dem Vorwurf einer sozialistischen Blut-und-Boden-Romantisierung aus. In dieser Weise schrieb sich sogar eine DDR-Dorfliteratur fort, unter anderem bei Erwin Strittmatter, Alfred Wellm, Helmut Sakowski oder Joachim Wohlgemuth. Selbst der Film kam dadurch zu neuen Helden, die durchaus Identifikation ermöglichten.

Trotz verbliebener Rest- und Scheinidylle sowie touristisch gefristeter Weiterexistenz ist das Dorf mittlerweile verlorenes Terrain. Es vermag sich – anders als in den USA – nicht mal an Religion oder Nation zu klammern. Dies gilt dort, in Amerika, zwar als reaktionär, aber reaktionär zu sein ist identitätsbildend. Und das Dorf war stets ein Hort des Konservatismus.

Den ostdeutschen Dörfern hingegen blieb häufig nichts: Die Schulen wurden infolge der einsetzenden Geburtenschwäche zentralisiert, das Leben individualisiert, die Kneipe, jahrzehntelang knallvoll und verraucht, gibt es nicht mehr, die Läden und Gewerke haben dicht, obwohl sie in relativer Vielgestalt sogar in der DDR noch ihre Funktion hatten: Bäcker, Fleischer, Schuhmacher, Tischler. Heute steht ein Zigarettenautomat neben der Busbude. Das war’s.

Eine Kulissenexistenz bewahrten sich die Dörfer allein dort, wo sie touristisch interessant wurden. Die Insel Rügen ist dafür ein Beispiel. Mittlerweile vom Tourismus-Infarkt bedroht, verliert sie ihre Ursprünglichkeit durch immer neue Mega-Projekte, ein immenses Verkehrsaufkommen und die ökologisch verheerende Zersiedelung. Nirgendwo in Mecklenburg-Vorpommern gibt es so viele Bürgerinitiativen, die sich der Kulturvernichtung entgegenzustellen versuchen. "Rügen" hat mit Rügen gar nichts mehr zu tun.

Eine Vereinskultur wie im Westen hatte in der einstigen DDR keine Tradition und kam nach 1990 nur sporadisch in Gang. Bleibt die Freiwillige Feuerwehr, die nicht nur Brände löscht, sondern den verbliebenen Rest an Festen technisch versorgt. Auch sie ringt um Nachwuchs. Hier und da gibt's noch den Fußballverein, der an seiner Bezeichnung „Traktor“ festhielt.

Um so interessanter, wenn es da und dort Initiativen gibt, beinahe ausnahmslos von rechts, nie von links, daher beargwöhnt und stigmatisiert. Stigmatisierung vergeht, Gemeinschaft besteht - nur keine Aufregung!


Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

  • Sezession

Kommentare (41)

RMH

12. Oktober 2021 14:28

"einfaches, aber gehaltvolles Großküchen-Essen,"

Kein Wunder, denn die "Filet-Stücke", Eier, Milch etc. wurden gegen Devisen in den Westen verkauft und dennoch war die Agraraußenhandelsbilanz der DDR stets negativ. Man kaufte schließlich u.a. Soja für die Viecher für den Export ein ... (sozialistisches Wirtschaften eben).

Mein äußerst subjektiver "Thüringer Bratwurst Vergleich" Vor- und Nachwende fällt klar zu Gunsten der Nachwendewurst aus, bei der dann die örtlichen Mezger einmal zeigen konnten, was sie mit guten Ausgangsprodukten machen können (wer weiß, evtl. gabs auch zu DDR Zeiten Produkte für den Eigenverzehr und kleinen Handel, die besser waren, als das, was man sonst so serviert bekam).

Unter dem Strich bleibt bei diesem Artikel dieser Satz das Zentrale:

"Eine solche Skizzierung setzt sich nicht zu Unrecht dem Vorwurf einer sozialistischen Blut-und-Boden-Romantisierung aus."

Was will man uns sagen? Früher war alles besser?

Und auf diese Andeutung

"Um so interessanter, wenn es da und dort Initiativen gibt, beinahe ausnahmslos von rechts, nie von links, daher beargwöhnt und stigmatisiert. Stigmatisierung vergeht, Gemeinschaft besteht - nur keine Aufregung!"

sollte ein zweiter Teil des Artikels folgen, damit er rund wird.

Niekisch

12. Oktober 2021 14:28

"Die Insel Rügen"...zum Dank für Ihren Artikel ein kleines Rügen- Gedicht:

 

Herbsttag auf Rügen
 

Von Süden kam es her wie Fön so warm.

Gelblicher Tag hing über dem Gelände;

das Abend-Wetterleuchten blinkte schon Alarm,

damit vorm Sturm noch jeder heimwärts fände.

 

Schwermut des mitternächtigen Gesichtes

verdunkelte zu großer Finsternis,

bis dann die Blitze ihren Schwall des Lichtes

herniederwarfen und der Dunst zerriß.

 

Nun  grollten Donner über Meer und Land

und wenig später ward es kühl und klar.

Am ruhig hohen Himmel aber stand

der Nordstern hoch in seiner Sternenschar.

 

( Rudolf Paulsen )

Carsten Lucke

12. Oktober 2021 15:39

Ein ganz wunderbarer Text. Der schönste - wenn auch traurigste - von Heino Bosselmann, den ich hier je lesen durfte.

Wie von @ Niekisch auch meinerseits ein Dank mit einem kleinen Gedicht :

 

Landreste

 

Hartholz.

Und eine uralte Stille.

_

Endlich fällt Schnee

ins Zimmer.

 

Jetzt bleiben wir

übers Jahr.

 

( Jan. 2003 )                                                                                            

Laurenz

12. Oktober 2021 15:56

Auf Sylt ist das nicht anders als auf Rügen. Die meisten "Ureinwohner" haben verkauft & sind aufs Festland gezogen.

Allerdings, so mag ich Ihnen zu bedenken geben, gibt die digitale Revolution wieder Hoffnung, wenn denn das Bauern-Land vernetzt wäre. Ich hege die Vermutung, daß in Deutschland absichtlich die ländliche Vernetzung schwächelt, damit die Menschen in der Stadt weiterhin ein nicht artgerechtes Leben führen müssen. Auch die Immobilien-Spekulanten haben daran ein vordergründiges Interesse. Aber ein Sascha Lobo, die digitale Großmacht des Relotius ist schlicht zu blöde, solch einfache Zusammenhänge zu verstehen. Die Deutschen zieht es aktuell emotional aufs Land, eine gute Entwicklung.

Ihre Reminiszenz an die LPGs können Sie den Hasen geben.

URN

12. Oktober 2021 17:16

Da schreibt wieder einer über das, was er kennt. Und schon heulen sie wie die angeschossenen Laurenze. Ein toller Artikel.

Mitleser2

12. Oktober 2021 17:30

Als Bayer steht es mir nicht zu, Herrn Bosselmanns Nostalgie zu bewerten. Ich wüsste aber wirklich gerne, wie andere mit demselben Hintergrund das sehen.

Slentz

12. Oktober 2021 17:45

"Kennen Sie das Münsterland, meine Frau kommt aus dem Münsterland, ja, da kann man das so sehen. Aber das ist ne schöne Landschaft und hier, hier ist Agrarwüste."

https://www.youtube.com/watch?v=3mnB5Q5Hay4

nicht viel hinzuzufügen.

Andreas Walter

12. Oktober 2021 18:02

Was soll das werden? Agrarstaat Deutschland? Morgenthau durch die Hintertür, reloaded? 

Hobbiton, Bullerbü für Arme beziehungsweise Konservative? Anastasia Made in Germany?

Das sind Nischenlösungen für wenige, die ich sogar respektiere, doch wir leben bereits im 21. Jahrhundert, mit mittlerweile weiteren 8 Milliarden Menschen auf der Erde (und mit knapp 5 Millionen AfD-Wähler, die garantiert nicht alle das auch wollen).

Warum schreiben Sie überhaupt was über Traktoren, spannen wir doch gleich wenigstens dann konsequent zwei Ochsen vor den Holzpflug, Hungersnot und -tod in manchen Jahren inklusive, maximale Lebenserwartung im Durchschnitt 40. So war es 1870 auch noch in Deutschland.

Wobei wir schon als “Germanen“ ein Imperium als Feind hatten, manche Dinge scheinen sich eben nie zu ändern.

Es sind die economies of scale, die auch Deutschland zu dieser Entwicklung zwingen, darin war die DDR zumindest im landwirtschaftlichen Bereich sogar bereits fortschrittlicher als der Westen Deutschlands.

Ohne die Maschinen und die entsprechende Energie dazu wären wir noch auf dem Stand von 1800 - oder der Taliban. Ist machbar, haben wir ja gesehen, doch wollen wir das wirklich? Friede, Freude, Eierkuchen hat man dann trotzdem nicht, dann sind es lediglich die Kiowas, die einem ans Leder wollen, unsere Jagdgründe für sich beanspruchen.

 

Laurenz

12. Oktober 2021 18:19

@URN

"Da schreibt wieder einer über das, was er kennt. Und schon heulen sie wie die angeschossenen Laurenz. Ein toller Artikel."

Na klar, hätten das alle gekannt, gäbe es uns nicht, weil unsere Eltern verhungert wären. Immerhin mutierte die Sowjetunion vom größten Weizen-Importeur zu Rußland als größten Weizen-Exporteur. Ein selten dämlicher Beitrag.

 

 

 

RMH

12. Oktober 2021 18:45

"darin war die DDR zumindest im landwirtschaftlichen Bereich sogar bereits fortschrittlicher als der Westen Deutschlands."

Nö, die kleinparzelligere BRD-Landwirtschaft hatte höhere Erträge pro Hektar, bspw. bei Kartoffeln und Getreide, als die flurbereinigte DDR-Landwirtschaft.

Und die Frauen, die am Hof mitarbeiteten, waren eben die Bäuerinnen (Lohn? Gabs keinen, ebenso wie bei den Kindern, die auch in der BRD selbstredend in den Familienbetrieben mitgearbeitet haben).

Wann hört es endlich auf, dass man sich in West und ehem. Ost in die Tasche lügt und die Vergangenheit schöner redet, als sie tatsächlich war?

 

Andreas Walter

12. Oktober 2021 19:25

Wer die ländlichen Regionen reaktivieren will muss heute darum sagen: Industrie und Dienstleistungssektor raus auf's Land, Städte abbauen und begrünen. Dann wird man im Osten automatisch auch schon mal die Grünen los und stellt sich auch noch gut, oder zumindest besser, mit den Gelben.

Dezentralisierung braucht aber womöglich mehr Energie, verlängern sich dadurch nämlich die Transportwege. Wobei die vielen Pendler dann wegfallen, könnte daher auch besser sein (LKW's macht man in der Regel voll, die meisten Pendler sitzen allein im Auto und Stau).

Gerade in Thüringen ist mir das aufgefallen, dass sich im Grunde fast alles nur an der A4 entlang abspielt. Hier könnte man womöglich mit zwei weiteren Ost-West Traversen die ganze Region zumindest nördlich des Gebirges mehr in die Breite ziehen, dadurch die Städte auf der Perlenkette entlasten.

Man kann eben nicht alles gleichzeitig oder am selben Ort haben. Manches gibt es dann sogar gar nicht, weil eine zu geringe regionale Nachfrage es ökonomisch nicht rentabel macht.

Die neue Schnellbahnstrecke Berlin-Prag-Wien. Warum in Sachsen nicht an der Grenze lang? Über Cottbus (BB), Görlitz, Zittau, oder zumindest über Bautzen. Mit Zubringer nach Dresden. Bei 350 km/h doch scheissegal, der kleine Umweg. Stattdessen regen sich Politiker über "braune" Regionen auf, die sie selbst geschaffen haben, durch Vernachlässigung.

URN

12. Oktober 2021 20:00

Schon erstaunlich, wie manche hier es wieder und wieder schaffen, Beiträge von Autoren und Kommentare nicht zu lesen. Und dann noch unterirdische Antworten einzustellen wie Laurenz, der 18:19 der geneigten Leserschaft mitteilt, daß ca. 17 Mio. Hungerkünstler zwischen 1989 und 1990 zur alten BRD stießen. Tolle Leistung, Laurenz, für derart hilflos hätte ich Sie nicht gehalten. Und dann noch der Hinweis zum russischen Weizen, um den sich der gesamte Artikel Bosselmanns ja drehte. Hut ab....

Andreas Walter

12. Oktober 2021 20:00

@RMH

Ja klar, und die riesigen Felder weltweit sind darum auch Blödsinn und das auch die Betriebe in Westdeutschland immer weiter gewachsen sind oder es heute darum auch Maschinenringe dort gibt, die mit riesigen Maschinen das leisten, wozu Kleinbauern früher Tage brauchten.

https://www.agrarheute.com/land-leben/mega-farm-7-groessten-agrarbetriebe-welt-521160

Wozu eigentlich das Ganze? Wozu auch schon das Rad (auch das Lastenfahrrad?), die Dampfmaschine oder der Webstuhl fragen sich aber wohl nur Maschinenstürmer.

Nieder mit den Waschmaschinen! (Haben Sie eine, ich habe nämlich keine)

Lotta Vorbeck

12. Oktober 2021 20:03

@Mitleser2 - 12. Oktober 2021 - 05:30 PM

... wie andere mit demselben Hintergrund das sehen.

---

Antwort: Exactamente so, wie vom Heino Bosselmann beschrieben.

Die Funktion der LPGs, zuletzt administrativ als KAP & Kat organisiert ,ging weit über das bloße Betreiben von Landwirtschaft hinaus. Die LPGs fungierten zugleich als Maschinenpark für Winterdiensttechnik, waren beim Straßen-, Sportplatz, Agrarflugplatz- und Häuserbau unverzichtbar und errichteten und betreuten vorzügliche Klubgaststätten ja unterhieltenstellenweise ganze Kulturhäuser.

Lektüreempfehlung für Sie: die Lebenserinnerungen des Horst Kempa

Horst Kempa gelangte als kleiner Junge in Begleitung seiner Mutter als Ostvertriebener nach Sachsen. Vom Treckerfahrer arbeitete er sich hoch, zum Leiter eines VEG. Der Unterschied zwischen einer LPG und einem VEG* soll an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden.

Was sich seit 1990 auf diesem prächtigen, ortsbildprägenden Gutshof, der sich unter der Leitung des Karl-Heinz-Hoffmann auf einem vielversprechenden Weg befand und nun dem Verfall preisgegeben ist, abspielte, ist dann noch eine gänzlich andere Geschichte.

* Volkseigenes Gut

Gustav Grambauer

12. Oktober 2021 20:17

Mitleser2

I

"Als Bayer steht es mir nicht zu, Herrn Bosselmanns Nostalgie zu bewerten. Ich wüsste aber wirklich gerne, wie andere mit demselben Hintergrund das sehen."

Wer mich kennt, weiß, daß ich die Kolchose nicht gerade für das Ultimo halte. Bin sehr ein Freund des Genossenschaftsgedankens - aber bin kein Freund der Zentralwirtschaft; abgesehen davon, daß die Kollektivierung der Landwirtschaft auf brutale bzw. verbrecherische Art durchgesetzt wurde.

Hier ein Lied aus der Zeit der Zwangskollektivierung, von dem man gar nicht weiß, ob es ernst gemeint oder ein insgeheimes Spottlied war, so wie dieses von Eisler (der Ulbricht gehaßt hat) oder Fürnbergs ja sicher bekanntes Lied von der Partei ja heimliche Spottlieder ihrer Texter waren.

Gustav Grambauer

12. Oktober 2021 20:18

II

Aber die LPGs waren mir immer noch um Dimensionen lieber als die von Herrn Bosselmann m. E. sehr gut beschriebenen heutigen Verhältnisse, wo bis zum Horizont nichts als Monsanto-, Syngenta- und Pioneer-Mais steht und niemand weiß, welcher von Müntes Heuschrecken eigentlich die Felder in der betreffenden Daytrader-Sekunde gehören. (So habe ich auch Herrn Bosselmann verstanden.)

Dabei war der Mais in den 60er Jahren der Anstoß für Ulbricht bei seinem Zerwürfnis mit Chruschtschow gewesen, welcher die DDR zum Maisanbau zwingen wollte, was in Ulbrichts Ausruf "Wir sind aber keine Maisjünger" gipfelte.

Habe 1989 keinen einzigen LPG-Bauern bei der "friedlichen Revolution" demonstrieren gesehen. LPG-Bauern gehörten weder zu denen, denen Honecker lediglich nicht rot genug war, noch haben sie ihre Lebenssituation mit der Duschdas-Werbung im Westfernsehen abgeglichen - vielmehr mit der ihrer meist bettelarmen Vorväter. In der Tat dürfte es den allermeisten nach 1990 wirtschaflich und vor allem lebensperspektivisch viel schlechter ergangen sein als zuvor.

Dafür mußte dann erst ein so geerdeter Mann wie PeMiDi kommen, um so heilsam wie möglich in die von Bonn her betriebenen Exzesse um den Beitritt herum einzugreifen, dabei auch den Widerstand der DDR-Apparare hinter den Kulissen gegen den Totalausverkauf zu organisieren, leider viel zu spät. (Er war Justitiar mehrerer LPGen und von dorther stark geprägt und wie gesagt geerdet gewesen.)

Gustav Grambauer

12. Oktober 2021 20:19

III

"Honecker lediglich nicht rot genug": die LPGen waren ja keineswegs Volkseigentum! Die LPG-Bauern wußten sehr gut, daß die LPGen "gesellschaftskonzeptionell" - so wie die Bodenreform `45 - nur als Durchgangsstadium zur endgültigen Form der Sowchose gedacht waren. Den Rotgardisten im Politbüro, vor allem Honecker, hat es gestunken, daß die LPGen über eigenes Vermögen, und zwar erhebliches, verfügten, sie haben lediglich aus taktischen Gründen nicht gewagt, an dieser Rechtsform zu rühren; dabei hatten sie die verheerenden Folgen ihrer Verstaatlichungswelle von 1971 vor Augen, die ihre Macht empfindlich bedroht hatten. Wer dies vertiefen möchte, der kann hier in einem Text eigentlich zu einem ganz anderen Thema ab Seite 8 und ab Seite 11 / Mitte die - höchst verschrobene, skurrile - "gesellschaftskonzeptionelle" Einordnung der LPGen durch die kommunistische Orthodoxie knackig zusammengefaßt nachlesen.

Gustav Grambauer

12. Oktober 2021 20:19

IV

Hier im Forum fallen mir sehr unangenehm die Pawlowschen Reflexe wohl noch aus dem Kalten Krieg auf, von erwachsenen Männern, die beim Reizwort "LPG" subito in den plumpsten Reiz-Reaktions-Modus fallen. Auch die notorische Überheblichkeit dabei macht keinen guten Eindruck. Keine Sachkenntnis über die konkreten Verhältnisse, aber immer mit der großen Klappe vorweg, wie Besserwessis eben so sind. Kleiner Tipp zum Nachdenken: die damalige Wirtschaft, Verzeihung: Mißwirtschaft im Osten entwickelte sich nicht unter den Laborbedingungen eines hayekianischen Lehrbuches. War da noch was? Ach ja, zwei klitzekleine verlorene Weltkriege, für die das kleine Mitteldeutschland dann allein bezahlte - direkt und indirekt, wirtschaftlich (militärwirtschaftlich!), politisch und in jeder anderen denkbaren Hinsicht, und zwar bis zum Ende der DDR. Sogar den Fährhafen Mukran, über den Mitteldeutschland vampirmäßig ausgesaugt wurde, hat dessen Wirtschaft noch selbst bauen müssen so wie die Fähren dafür.

Aber uns war schon immer klar, daß es dafür in den bräsigen, affektierten, arroganten Rotweingürteln der BRD links wie rechts kein Bewußtsein gibt.

- G. G.

RMH

12. Oktober 2021 20:40

@Andreas Walter,

ich denke, Sie haben da was falsch verstanden:

Vom rein rationellen Aufbau hätten die landwirtschaftlichen Betriebe den damals zum großen Teil in der BRD noch vorhandenen kleinparzelligen Familienbetrieben von den Ergebnissen überlegen sein müssen. Stattdessen wurde im Westen mit weniger Arbeitern, z.T. sogar Maschinen, bessere Erträge pro Hektar erwirtschaftet und das über alle Jahre hinweg. Es zeigte sich gerade hier, dass privat bewirtschaftetes Eigentum klar im Vorteil gegenüber Staatseigentum ist. Und das war das Problem quer durch die ganze DDR Wirtschaft. Hohe Beschäftigungszahlen mit geringerer Produktivität. Wenn man einer auf Export ausgerichteten Wirtschaft mit geringerer Produktivität auch noch ihren Preisvorteil nimmt, wie anno 90/91 durch Einführung der DM, dann bricht sie zusammen. Da darf man die Geier, die danach über dem toten Kadaver kreisen nicht mit Raubvögeln verwechseln. Aber genau so geht das Narrativ der meisten ehem. DDR-Bürger. Im Westen blenden die ehem. BRD Bürger hingegen die massive Jugendarbeitslosigkeit und andere Themen, die es jenseits der Mauer gerade nicht gab, aus und reden sich wiederum ihre "Jugend" schön.

Lotta Vorbeck

12. Oktober 2021 20:52

@Gustav Grambauer

100% d'accord mit Ihnen!

Was dann schnell zur Zwangskollektivierung mutierte, kam anfänglich comoufliert als "Angebot" daher und war im Kern zweifelsohne eine üble Sache. 

Die kollektivierte Landwirtschaft unterschied zwischen Genossenschaftlern (die ihr Eigentum eingebracht hatten) und bloßen Angestellten.

LPGisten waren in der TäTäRä von der Zahlung der Lohnsteuer befreit.

Die kollektivierte Landwirtschaft bescherte deren Beschäftigten erstmals - von den Ernteschlachten abgesehen - geregelte Arbeitszeiten und Urlaubsanspruch.

Horst Kempa schreibt in seinen Lebenserinnerungen: Was 1990 zuerst "weggespart" wurde, war der zuvor sakrosankte Kantinenbetrieb sowie die Mittagessen- und Pausenversorgung derer, die draußen auf dem Feld arbeiteten.

Der SED-Ableger Bauernpartei wäre dann nochmal ein extra Thema.

Lotta Vorbeck

12. Oktober 2021 20:59

Nachtrag für @Mitleser2

KAP = Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion

KAT = Kooperative Abteilung Tierproduktion

Darüber hinaus gab es als ZEG firmierende, sogenannte Zwischenbetriebliche Einrichtungen für die Reparatur des Fahrzeug- und Maschinenparks.

Falls es Sie interessiert, was mit dem einst vom Horst Kempa geleiteten VEG Kohren-Sahlis geschah, können Sie dies auf der Netzseite des Karl Heinz Hoffmann nachschauen.

Carsten Lucke

12. Oktober 2021 21:12

@ Gustav Grambauer IV

Genial auf den Punkt gebracht !

Ich weiß nie so recht, ob ich diese Art "Wessis" eher bemitleiden oder verachten soll.

Ich werde sie in meine atheistischen Gebete einschließen; was soll's.

Andreas Walter

12. Oktober 2021 22:30

@RMH

Sehe ich auch so. Zum Teil gute Ideen, die durch Misswirtschaft und Sozialismus dann wieder kaputt gemacht wurden, nicht ihr volles Potential entfalten konnten. Zudem hat der große “Bruder“, wie auch andere hier schildern, die Ossis gnadenlos ausgepresst. Ab 1990 dann noch die Volksenteignung durch die “Treuhand“, doch auch einige Ostdeutsche haben sich in der Zeit mit allerlei komischen Geschichten gesundgestossen. Die Menschen in anderen “Bruderstaaten“ des Warschauer Pakts haben zum Teil dann wenigstens Aktien als Ausgleich für ihr ehemaliges Miteigentum am volkseigenen Vermögen bekommen, in Deutschland dagegen wurde ihr Volkseigentum zu Staatsvermögen, nämlich über die neue Infrastruktur.

Der “reale“ Umtauschkurs war am Ende eben doch 1:10, und nicht 1:1, das Land eben doch schon ganz schön marode, runtergewirtschaftet, die Substanz nach 30 Jahren im Grunde aufgebraucht. In Kuba sieht es darum heute noch so aus, obwohl die Kubaner glaube ich mittlerweile wenigstens genug zu Essen haben. Das war nicht immer so.

 

Andreas Walter

12. Oktober 2021 23:31

@Carsten Lucke

“bemitleiden oder verachten soll“?

Weder noch. Erzählen Sie einfach, wie es aus Ihrer Sicht war. Vom Mond bin ich allerdings auch nicht. Ich habe auch Augen im Kopf, sehe derzeit daher, was gut war und was nicht.

Denn auf Ossis die meinen, ihr Ding wäre ja doch das bessere gewesen, wenn nur nicht bla bla bla (jaja, die widrigen Umstände), treffe ich hier ununterbrochen.

Ich sag' dann schon gar nichts mehr, nicke nur und denk' mir meinen Teil.

Als Kind habe ich vor der Mauer am Brandenburger Tor gestanden und geweint, als ich die Sperranlagen zum ersten Mal (in der Wirklichkeit) gesehen habe. So leid haben mir damals die Menschen getan, die dahinter gelebt haben, leben mussten.

Im Westen hat nämlich niemand auf Menschen geschossen, die unbedingt in den Osten wollten. Alles schon vergessen? Wobei das ja gut ist, wenn man sich eher an die schönen Dinge im Leben erinnert. Das war der Generation unserer Großeltern ja verboten, hier im Westen. Eine Schweine-System war das hier darum auch, und ist es noch immer, nur eben auf seine Art.

RMH

13. Oktober 2021 06:41

"Keine Sachkenntnis über die konkreten Verhältnisse, aber immer mit der großen Klappe vorweg, wie Besserwessis eben so sind."

Pardon, das kann man ziemlich exakt spiegeln auf so manchen "Ossi". Was für eine Ahnung - außer der durch Westfernsehen verzerrten - hatte man dort von den bereits damals existierenden Raubtierbedingungen der als "sozial" vermeintlich eingehegten Marktwirtschaft? Vergleichbar genauso null wie die meisten BRD- Bürger von der DDR. Was der Kommunikation zwischen Ost-West nie groß weiterhalf, war, dass zu viele Welterklärer mit Alleingeltungsanspruch sein wollten. So trifft Ich-erkläre-dir-mal-was Sache-ist-Oberlehrer Wessi auf den sich als Opfer sehenden Ossi, der irgendwelche Erwartungshaltungen pflegt, wo objektiv nichts zu erwarten war. Beide auf ihre Art aggressiv, der eine eher aktiv, der andere passiv. Und so wird das dann oft nichts mit der Annäherung. Fakt ist, dass Deutschland den Krieg verloren hat, und auf beiden Seiten wurde es ausgebadet - im Westen mit ein bisschen mehr Lametta, Butter und Camping an der Adria (wie schon geschrieben, das Elend als nur eine von vielen Kehrseiten der Medaille blenden viele heute aus). Das Ost-West-Ding ist im Grunde ein Verharren in den jeweiligen vom Feind aufgedrückten Frontstaatenkulturen und eben gerade nicht deutsch. Der Artikel von H.B. hat daher auch leider starke Tendenzen zum Kitsch, weil eben am Ende nur etwas geraunt wird, aber nicht gesagt wird. Dabei ist gerade der eigene Weg nach über 30 Jahren das, was noch gefunden werden sollte.

Nemo Obligatur

13. Oktober 2021 08:33

Was will uns der Autor mit dem Text sagen? Einerseits natürlich seine Erinnerungen aus Kindheitstagen und Jugendjahren ausbreiten. Wer täte dergleichen nicht gern, wenn die Abendsonne des Lebens alles in ein mildes Licht taucht? Andererseits wird der Untergang des dörflichen Lebens beklagt. Womöglich zurecht, aber eben auch unaufhaltsam. Das ist, es klang schon in anderen Kommentaren an, im Westen nicht viel anders gewesen. Gerne mag HB etwa durch Niedersachsen reisen, abseits der industriellen Zentren, dort, wo es keinen nahen Autobahnanschluss gibt, der vielleicht junge Familie aus der Stadt zum erschwinglichen Haus im Grünen bringt. Auch dort gibt es Dörfer mit allenfalls Briefkasten und Zigarettenautomat. In den Gasthäusern oder alten Läden mit ihren erblindeten Schaufenstern an der Hauptstraße schlafen bestenfallens rumänische Akkordschlachter je zu fünft in einem Raum, die Matratzen auf dem blanken Boden. Der Rest sind Windräder und fußballfeldgroße Schweineställe.

Neues Leben wird dort flächendeckend erst aufblühen mit umfassendem Homeoffice bei ausreichender Internet- und Verkehrsanbindung. Entsprechend werden sich die Einwohner aus "digitalen Dienstleistern" rekrutieren. In Bauwerken wie alten Windmühlen oder Gutshöfen als hippe Co-Working Spaces. Ohne Pfarrer und Turnverein, dafür mit Yoga-Studio. Das Land von anno 1980 kommt nicht wieder.

Locke84

13. Oktober 2021 08:56

Die Diskussion hier sollte weggehen von Ost-West, LPG gut oder schlecht und zum eigentlichen Thema führen. 

Und zwar, dass heutige Dörfer in Ost genauso wie West eigentlich lebenskulturell tot sind. Das um so mehr, je näher sie den (großen) Städten sind. 

Ich lebe auf denn Land (im selben Bundesland wie Herr Bosselmann) und kann die heutigen Verhältnisse nur bestätigen. Dorfkultur gibt es kaum noch. Gearbeitet wird auch kaum noch im Dorf, sondern es wird gependelt in die Stadt. Das gilt auch für mich. 

Das Dorf ist kein Wirkungsraum mehr. Nur noch Schlaf- und Freizeitraum. Ich glaube, das möchte Herr Bosselmann anprangern. 

Mitleser2

13. Oktober 2021 09:07

Interessante Perspektiven hier. Nur noch eine Anmerkung: Man kann von der heutigen CSU halten, was man will, aber hier in Oberbayern sind die traditionellen Strukturen auf dem Land noch erstaunlich lebendig: Feuerwehr, Trachtenverein, Burschenverein, Schützen, ...

Ich denke schon, dass das auch eine Folge der ewigen, früher sehr konservativen CSU-Dominanz ist. Wohin es geht, weiß keiner.

Speisegaststätten gibt es auch noch genug, verrauchte Kneipen natürlich nicht mehr.

Sugus

13. Oktober 2021 11:02

@ Mitleser2

Diese traditionellen Strukturen sind auch in anderen südlichen Bundesländern lebendiger. Es gab keine kommunistische Herrschaft und der katholische Hintergrund begünstigt das Brauchtum. Mit CSU-Herrschaft hat das nix zu tun, eher andersrum: Dort, wo diese Strukturen stark sind, wird eben konservativ gewählt.

RMH

13. Oktober 2021 11:28

Landleben - leicht spöttisch dekonstruiert vom linken "Lumpenpack", ist älter, aber wer es noch nicht kennt:

https://www.youtube.com/watch?v=SIPBIRCIkgA

@Mitleser2,

ich denke, dass kommt auch in Bayern ganz auf die Größe des Dorfes und seiner Nähe zu einer größeren Einheit an.

AmazonBesteller

13. Oktober 2021 12:22

@ Mitleser2

Ähm... die von Ihnen beschriebenen lebendigen Traditionen wie Feuerwehr, Trachtenverein, Burschenverein, Schützen usw. sind ein Witz. Das sind gesellschaftlich akzeptierte Sauf- und Dummschwätzveranstaltungen wo der Ingenieur, der Tierarzt und der Gemeinderat mal so richtig die Sau rauslassen können. Während die Dorfband ein Sauflied nach dem anderen anstimmt, wird mal eben dafür gesorgt, dass das neue Baugebiet der Dorfprominenz zugeteilt wird. Da wird, identisch zur Stadt, die Diversity und Integration gelebt. Die AfD wird totgemobbt. Nix mit Erhalten von Traditionen. Wenn das Geld stimmt, machen die da alles mit. Tradition ist für die nur Staffage. Ungefähr so, wie die nachgestellten germanischen oder römischen Siedlungen durch Museen. Da käme man doch auch nicht auf die Idee von Traditionen zu sprechen.

RMH

13. Oktober 2021 13:21

@Amazonbesteller,

Ihr Beitrag zu Vereinen etc liest sich doch eher nach einer Ausrede, nicht am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, geschweige denn, sich zu engagieren. Und: Beziehungen schaden immer nur dem, der keine hat (alte Volksweisheit).

Mitleser2

13. Oktober 2021 13:23

@AmazonBesteller: Woher Sie das alles wissen ...

Mein Schützenverein ist jedenfalls keine "Sauf- und Dummschwätzveranstaltung". Und die AfD wird dort auch nicht gemobbt.

AmazonBesteller

13. Oktober 2021 17:40

@ RMH 13:21

Ich hab nun mal keinen Bock zu saufen oder mir dummes Zeug anzuhören. Auf die Gesellschaft der CSUler (= Dorf-AfD) kann ich gut verzichten. Und was soll daran eine Ausrede sein? Als ob man an der Gesellschaft nur teilnimmt wenn man mit diesen Langweilern abhängt. Dafür ist mir meine Zeit zu schade. 

"....sich zu engagieren."

Hahaha, wieder so eine hohle Phrase. Könnte gut von den Grünen kommen. Stammtischgeschwätz.

 

@Mitleser2

Ich kenne nicht einen Verein, vom THW über die FFW, Schützenverein, Fußballclub oder sonstwas, der sich nicht aktiv für "Integration" und "Diversität" einsetzt sobald er direkt aufgefordert wird. Z.B. vom Landrat. Selbst erlebt: ein Mitglied (IPSC) schleppt einen syrischen Flüchtling (als Gast) an. Reaktion der anderen Mitglieder: "klar, was soll schon schief gehen, soll er ruhig ein paar mal schießen." 

Wahrscheinlich ist Ihr Schützenverein so langweilig und alt, dass sich niemand dafür interessiert. Alle Vereine sind durchsetzt vom neuen Zeitgeist. Wenn Sie sich selber etwas vormachen wollen, gerne. Aber hören sie auf, mich und andere hier für dumm zu verkaufen.

 

Cugel

13. Oktober 2021 21:54

@AmazonBesteller

Selten, daß ich Ihnen nicht zustimme, aber an dieser Stelle malen Sie gar zu schwarz. Ungeachtet des von HB thematisierten Verfalls auch auf dem Dorf sind Vereine immer noch ein gemeinschaftsstiftender bzw. -erhaltender Faktor und, soweit ich es erfahre, durchaus keine reinen Saufgemeinschaften. Fälle wie den von Ihnen beschriebenen stellen die Institution nicht infrage. Was das Saufen betrifft, so legt sich das spätestens dann, wenn die halbe dörfliche Fußballmannschaft aus Kurden besteht. Ich kenne solch einen Fall, der freilich nicht auf hierarchisch-politische Forderung, sondern blanke Rekrutierungsnot zurückgeht. Der deutsche Trainer (AfD-Wähler und beileibe kein Meuthen-Fanboy) ist begeistert von Einsatz, Können, Zähigkeit und Kameradschaft seiner anatolischen Neuzugänge. Denken Sie doch einmal über ihre Motivation nach, hier zu kommentieren (ehrliche Aufforderung, keineswegs böse gemeint).

RMH

14. Oktober 2021 09:13

@A.besteller,

ungeachtet der Tatsache, dass Schützenvereine ausschließlich entsprechend Ausgebildete auf einen IPSC-Parcours lassen, sollten Sie sich einmal überlegen, was für Vorteile es hat, bei Vereinen zumindest ein Stück weit dabei zu sein. Man lernt andere Menschen kennen, man sozialisiert sich ein Stück durch Zurücknahme des eigenen Egos und durch Mitarbeit. Man bleibt am Puls der Gesellschaft, und Saufzwang ist mir persönlich - und ich bin in einigen Vereinen, Organisation, ja sogar Verbänden - außerhalb von Burschenschaften und Initiationsriten bei spezielleren Clubs noch nie begegnet. Gerade zum leichten Narzissmus neigende Exzentriker, wie man sie bei politischen Nischen oder "Bubbles" leider zu oft finden kann, können sich so ein Stück weit kostenlos therapieren lassen, ohne dem politischen "Mainstream" dabei anheimfallen zu müssen. Darüber hinaus ist es absolut nichts Verwerfliches, wenn Vereine Mihigrus und Asylanten einlassen. In einem Punkt hatte Merkel nämlich recht: Nun sind sie halt da. Und als Deutscher begegnet man seinem konkreten Gegenüber mit Respekt, einer gewissen Offenheit und Höflichkeit. Das ist eine Frage des Anstands. Dass jemand überhaupt ins Land kommt oder noch da ist, entscheiden andere und eben gerade nicht der Einzelne. Die Pull- oder Pushfaktoren werden politisch entschieden und nicht durch unhöfliches Verhalten und mangelnden Anstands Einzelner.

Sugus

14. Oktober 2021 09:57

@ RMH

"Die Pull- oder Pushfaktoren werden politisch entschieden und nicht durch unhöfliches Verhalten und mangelnden Anstands Einzelner."

Ja, so ist er, der anständige und ritterliche Deutsche. Deswegen ist er ein politischer Idiot und hat u.a. zwei Weltkriege verloren. In einem andern Strang schrieb ich über Iren in einem Pub in Dublin, die beim Auftauchen eines Engländers in eisiges Schweigen verfielen. Wären Iren so gepolt wie Deutsche, würden sie heute den Union Jack schwenken und "Rule, Britannia" singen.

Allnichts

14. Oktober 2021 10:17

RMH 9:13:

Auf den unteren Teil bezogen: Eine Einstellung, die ich nur schwer nachvollziehen kann. Man muss sicherlich zwischen den Nationen unterscheiden, aber die Integration derjenigen, welche man eigentlich ausser Landes haben will, mit der Begründung, dass sie ja ohnehin nun einmal da sind, zu befürworten, statt ihnen im Rahmen des Gesetzes das Leben hier möglichst unbequem zu machen, auf dass sie sich hier nicht zu sehr einrichten und möglichst bald wieder gehen, gibt denjenigen, welche diese Menschen herlotsen, im Nachhinein ja noch eine Rechtfertigung für ihr Handeln.

Die grossen Linien werden natürlich nicht vom einzelnen Ausländer entschieden, aber von diesem mittels eigener Entscheidung ausgenutzt. Auch die Entscheidung, hierzubleiben, wird vom Einzelnen getroffen, und sie wird ihm durch vermehrte Akzeptanz sicherlich erleichtert.

RMH

14. Oktober 2021 10:44

@Sugus & Allnichts,

Ich rede sicher keiner Anbiederung das Wort, aber in einer konkreten 1 zu 1 Gegenüber Situation sich anständig, höflich und korrekt zu verhalten gebietet einem die Selbstachtung. Wenn ein Ausländer eine Ausweisung erhalten würde, würde ich ihm beim Kofferpacken und andere dabei erforderlichen Dingen genauso helfen. Es ist Hybris zu denken, wenn man mit einem grimmigen Gesicht durch die Gegend läuft und Ausländer disst, wo es geht, würde sich etwas ändern.

URN

14. Oktober 2021 10:57

RMH schrieb 09:13 über "Politik im Alltag", Sugus und Allnichts plädieren für Wirtshausschlägereien. 

links ist wo der daumen rechts ist

14. Oktober 2021 11:01

Landleben

Als jemand, der seit gut 20 Jahren zwischen Großstadt (Wien) und Land (Grenzregion zu Passau) pendelt, kann ich nur sagen, daß alle Negativklischees wie o.a. stimmen, vgl.

https://www.youtube.com/watch?v=y6sYZehnOwg

Tatsächlich herrschen „Laptop und Lederhose“, aber vollkommen ins Gegenteil verkehrt:

Ein Schwachsinn und Stumpfsinn und eine Verkommenheit, gekrönt von absoluter Sturheit, daß selbst ein Thomas Bernhard mit seiner Suada Schnappatmung bekommen hätte.

Fragen Sie doch einmal, wer oder was Knut Hamsun sei. Von 2000 Einwohnern meiner Heimatgemeinde kennen ihn vielleicht 2-3 dem Namen nach, der Rest würde so blöd lachen wie die Typen hier (ab 5:40):

https://www.youtube.com/watch?v=l922kOvbop0&t=483s

Nein, das Land als positiver Entwurf zum Moloch Großstadt ist eine reine Erfindung von Städtern.

Vielleicht können ja ein paar Aussteiger aus der Stadt tatsächlich kleinräumig etwas ändern (Stichwort „solidarische Landwirtschaft“).

Der Rest ist leider wieder einmal (neu)rechte Verkennung einer rückwärtsgewandten Utopie und so zukunftsträchtig wie eine der lächerlichsten Perioden in der an Schwachsinnigkeiten nicht überbietbaren österr. Geschichte, der Ständestaat.

Das Landleben in seiner Eigendynamik bedeutet Entropie in Vollendung.

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