Durch die Mitte

Wo findet sich eigentlich das politische Rückgrat der Berliner Republik?

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

Ja sicher, auf den Frei­sit­zen der Cafés und Restau­rants zwi­schen Ber­li­ner Mit­te und Prenz­lau­er Berg, also in der links­grü­nen Life­style-Kul­tur der „neu­en urba­nen Schichten“.

Wo aber auf dem Lan­de, wo im befrie­de­ten Osten? Man ent­deckt das Milieu der Mit­te, wenn man mor­gens mal nicht durch die Natur, son­dern durch eines der gepfleg­ten Eigen­heim­ge­bie­te joggt, die sich um die Städ­te des Bei­tritts­ge­bie­tes gela­gert haben.

In die­se so künst­lich wie sau­ber anmu­ten­den Sied­lun­gen zogen jene, die schon als sozia­lis­ti­sche Plat­ten­bau-Bewoh­ner arbeit­sam, fit und selbst­dis­zi­pli­niert gut zurecht­ka­men und erfolg­reich waren.

Sie über­stan­den die Kon­ver­si­on des kol­lek­ti­vis­ti­schen Sozia­lis­mus zum durch­in­di­vi­dua­li­sier­ten Kapi­ta­lis­mus nicht nur, son­dern waren als beson­ders enga­gier­te Kräf­te gut am Markt zu pla­zie­ren; sie hat­ten Fami­lie und Kre­dit, beauf­trag­ten nach genau­er Durch­rech­ne­rei eine schlüs­sel­fer­tig bau­en­de Fir­ma und war­te­ten gedul­dig ab, bis die mit gar­ten­bau­li­chem Geschick erfolg­ten Anpflan­zun­gen den sprö­den Charme der Anla­ge etwas ein­grün­ten, so daß ihr Fami­li­en­do­mi­zil nicht mehr ganz so geplant, son­dern schon bei­na­he natur­ge­wor­den anmutet.

Wäh­rend sich drau­ßen die Bäum­chen im Wech­sel der Jah­res­zei­ten Jah­res­ring auf Jah­res­ring stül­pen, sor­gen die Bewoh­ner für das Abzah­len ihrer Raten. Sie tra­gen das Sys­tem so, wie der Schuld­ner nun mal den Gläu­bi­ger trägt. Immer­hin bin­det ein Kre­dit­ver­trag fes­ter als jede Ehe und sorgt zuver­läs­sig dafür, daß man sich dis­zi­pli­niert in den gro­ßen Repro­duk­ti­ons­pro­zeß ein­ord­net, und zwar an mög­lichst ertrag­rei­cher Stel­le. Und auch kul­tu­rell ist man nicht sub­ver­siv. War­um auch? Es besteht kei­ne Veranlassung.

Wer in einem Eigen­heim lebt, der funk­tio­niert so sicher wie sei­ne eige­ne Gas­hei­zung oder Wär­me­pum­pe. Kei­ne Expe­ri­men­te! Eher als der Wider­stand gegen den Kon­su­mis­mus erfolgt der Selbst­mord der Privatinsolventen.

Hier drau­ßen, hin­ter Bux­baum­he­cken und gestutz­tem Rasen, ist ver­klin­kert jene poli­ti­sche Mit­te zu Hau­se, mit der, wie man hört, die Wah­len gewon­nen wer­den. Kei­ne Radi­ka­len, kei­ne Wald­gän­ger, kei­ne Que­ru­lan­ten oder intel­lek­tua­lis­ti­schen Antai­os-Käu­fer. Ins­be­son­de­re die im ideo­lo­gie­fest ver­klam­mer­ten öffent­li­chen Dienst qua­s­i­so­so­zia­lis­tisch Ver­sorg­ten kön­nen sich weni­ger denn je eine kri­ti­sche Hal­tung leisten.

Man lebt hier als Bür­ger, klar, eher als Klein­bür­ger, maß­voll auf engem Geviert, weil jeder Qua­drat­me­ter ja kos­tet. Ist man noch nicht zum aus­ge­wie­se­nen Leis­tungs- und Ent­schei­dungs­trä­ger auf­ge­stie­gen, so doch aber zum Profi-Verbraucher.

Im Sin­ne der letz­ten DDR-Pla­ka­te aus der Zeit der „Ein­heit von Wirt­schafts- und Sozi­al­po­li­tik“ kann gel­ten: Man leis­tet was, und man leis­tet sich was: Car­port, Grill­platz, Per­go­laecke mit Plas­te­rut­sche und Gum­mi­be­cken für die Klei­nen. Alles sehr prak­tisch, so für das Tref­fen mit Freun­den und die neu­er­dings übli­chen Fami­li­en­events: gemein­sa­mes Kochen, Spie­le­aben­de, klei­ne arti­ge Par­tys, bei denen man ein paar Bon­mots aus­tauscht und sich gegen­sei­tig ein biß­chen beguckt.

Bei denen mit noch etwas schi­cke­ren, nicht ganz so kon­fek­tio­niert wir­ken­den Häus­chen reicht es viel­leicht gar zu einer legal ein­ge­stell­ten und anstän­dig mit Min­dest­lohn bezahl­ten Putz­frau, bei allen aber zu Mehr­fach­ein­käu­fen bei den bes­se­ren Dis­coun­tern oder Bio-Märk­ten und zum andau­ern­den Nach­tan­ken. Das Auto ist wich­tig, sonst kommt man aus dem Wohl­stands­be­zirk gar nicht heraus.

Als ers­tes muß ein Eigen­hei­mer mit sei­nem Ver­bren­ner- oder Elek­tro­mo­bil die Lösung aller Trans­port- und Logis­tik­pro­ble­me der fami­liä­ren Haus­hal­tung beherr­schen: Waren rein­ho­len, Trenn­müll und Rasen­schnitt weg­schaf­fen, Kin­der zu deren viel­fäl­ti­gen Ver­pflich­tun­gen chauf­fie­ren – Pfer­de­hof, Musik­schu­le, Phy­sio­the­ra­pie, Förderunterricht.

Weil in Bezug auf Men­gen und Per­so­nen viel zu bewe­gen ist, avan­cier­te erst der Van, dann der SUV zum bevor­zug­ten Vehi­kel der satu­rier­te­ren Fami­li­en. Beliebt sind mit­ten im Zivi­len Fahr­zeu­ge, mit denen man die Kala­ha­ri durch­que­ren könn­te. Ver­dräng­te Mili­tanz? Man sieht jeden­falls augen­fäl­lig oft Fahr­zeu­ge von bul­li­ger Ran­ger-Anmu­tung, aber Fami­li­en­vä­ter tra­gen heut­zu­ta­ge ja auch dicke Flie­ger­uh­ren wie F 16-Bomberpiloten.

Es geht um Fit­neß, Resi­li­enz, Durch­kom­men, Steh­ver­mö­gen. Und selbst wenn man das alles natur­ge­mäß im Alte­rungs­pro­zeß ver­liert, kann man die­sen Anspruch immer noch unter die Motor­hau­be ver­la­gern und sich sym­bo­lisch und wir­kungs­äs­the­tisch vita­lis­ti­sche Sym­bo­le und Feti­sche zule­gen. Und so zei­gen, daß man in der Nah­rungs­ket­te wei­ter hin­ten unter­wegs ist. Etwas Held muß man schon bleiben.

Auf mei­ner mor­gend­li­chen Trai­nings­run­de lau­fe ich, aus dem Plat­ten­bau­vier­tel der sozi­al Schwa­chen und Migran­ten kom­mend, die geo­me­trisch so sin­nig ange­leg­ten Stra­ßen und Wege der neu­en Tra­ban­ten­be­zir­ke ent­lang, mit­ten durch frem­des Leben, am liebs­ten, wenn der unse­re demo­kra­ti­sche Gesell­schaft tra­gen­de Mit­tel­stand gera­de sei­nen Tag beginnt und sei­ne genau katas­ter­ten Grund-Stü­cke ver­läßt, um zu neu­er Wert­schöp­fung aufzubrechen.

In scheck­heft­ge­pfleg­ten Karos­sen, vor­zugs­wei­se dun­kel und poliert, rol­len Män­ner mit sorg­fäl­tig getrimm­ten Bär­ten an mir vor­bei; in Klein­wa­gen, gern kind­lich bunt oder mit wit­zig auf­ge­kleb­ten Blü­ten- oder Schmet­ter­lings­de­kor auf­ge­peppt, fol­gen ihnen die Gat­tin­nen, sehr geschmack­voll zurecht­ge­macht, dezent geschminkt, die Haut straff, nur mit­un­ter etwas durch­ge­trock­net, was am Streß oder am inten­si­ven Trai­ning lie­gen mag: frü­her noch Aero­bic, dann Zum­ba, jetzt eher Yoga, stets beglei­tet von sehr, sehr  bewuß­ter Ernährung.

Hin­ter den Damen sitzt häu­fig ein TÜV-sicher ver­schnall­tes und einer Ganz­tags-Bil­dungs­ein­rich­tung zuzu­füh­ren­des Kind, das im Fond des Wagens auf­wach­sen wird. Immer hin­ter Glas. Wenigs­tens die ers­ten Jah­re. Der älte­re Nach­wuchs ist – obli­ga­to­risch mit Helm – durch­aus mal mit dem Rad unter­wegs oder war­tet gestylt an den Bushaltestellen.

Selbst­ver­ständ­lich alles Abitu­ri­en­ten mit den „good genes“ des unte­ren und mitt­le­ren Mit­tel­stan­des. Mehr zu for­dern als zu för­dern. Schlak­si­ge, etwas unge­lenk wir­ken­de Jun­gen mit wei­ten Hosen und hän­gen­den Schei­teln, dane­ben Mäd­chen, die schon wie ver­hei­ra­tet oder wenigs­tens so glatt wie in Tele­no­ve­las oder in der Groß­dro­gis­ten-Wer­bung aussehen.

Was für eine Zufrie­den­heit, denkt man beim Vor­bei­lau­fen! Alles so beflis­sen reg­sam, urge­sund, nichts Lau­tes, kein Zoff, nicht mal Ziga­ret­ten­kip­pen irgend­wo. Selbst­ver­ständ­lich nicht.

Über­all die Ver­bots­schil­der gegen am fal­schen Ort kacken­de Hun­de. Hier ist man Vor­bild, beschä­digt sich nicht selbst und arbei­tet beflis­sen an sei­ner Selb­st­op­ti­mie­rung. Die Nacht­ru­he ist hei­lig, denn die Häu­ser, so viel jedes für sich auch her­macht, ste­hen eng bei­ein­an­der, etwa so wie frü­her Zel­te auf Camping-Plätzen.

Über­haupt erin­nert der Grund­riß durch­aus an Lager. Nur sind die kla­ren Lini­en und Sym­me­trien plas­tisch-orga­nisch gemil­dert. Han­del­te es sich nicht um eine con­tra­dic­tio in adiec­to, könn­te man sozio­lo­gisch durch­aus von einem Wohl­stand­ghet­to sprechen.

Wie lebt es sich wohl in sol­chen Häu­sern? Unten ein gemüt­lich weit­läu­fi­ger Wohn­be­reich mit gro­ßer Küche, ver­mut­lich von ame­ri­ka­ni­scher Anmu­tung. Wo sozia­le und poli­ti­sche längst durch Ernäh­rungs­pro­ble­me abge­löst sind, avan­cier­te das Kochen zur Lebens­phi­lo­so­phie. Intel­li­gen­te Gerä­te, sin­ni­ge Uten­si­li­en, blan­kes Geschirr, Gra­nit­spü­le als letz­tes archai­sches Zitat darin.

Oben sicher ein gro­ßes Zim­mer mit ergo­no­misch geprüf­ter Sitz­grup­pe und boden­tie­fen Fens­tern, famos blat­ten­den Grün­pflan­zen, an den Wän­den expres­siv farbak­ti­ve Bil­der mit Nol­de-Rot und rund­um so eini­ges an edel nüch­ter­nem Design, ele­gant funk­tio­nal wie Archi­tek­ten-Tisch­leuch­ten, und selbst­ver­ständ­lich einer die­ser alle cine­as­ti­sche Bedürf­nis­se zufrie­den­stel­len­den Flachbildschirme.

Apro­pos Bild­schir­me: Mit der Welt hat man so direkt ohne­hin kaum mehr zu tun, man ist mit ihr über Medi­en ver­stöp­selt. Fällt das Inter­net aus, ist man weit­ge­hend allein.

Unterm Dach dann als Man­sar­de das Schlaf- und die Kin­der­zim­mer, viel gelaug­tes Natur­holz, obli­ga­to­risch ein zwei­tes Bad und aus dem Gie­bel her­aus die Aus­sicht über die gesam­te schnuck­li­ge Sied­lung, hin­ter der am Hori­zont die alte Stadt liegt, der man glück­li­cher­wei­se entrann.

Aus­sicht? Mehr noch als die Alten wird die Jugend von den Screens absor­biert und ver­schwand dar­in wie in ein Spie­gel­land. Einer­seits sehnt man sich nach dem Ech­ten und Unmit­tel­ba­ren, ande­rer­seits lebt man weit­ge­hend im Vir­tu­el­len. Was im Cowor­king-Space beginnt, kann in einer Hiki­ko­m­ori-Exis­tenz enden, auch hierzulande.

Ist das ein Neid­re­port? Willst du hier woh­nen, fra­ge ich mich, hier, in der nou­vel­le-tris­tesse statt in dei­ner Plat­ten­bau-Bude? Eher nicht.

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

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Kommentare (55)

brueckenbauer

8. November 2021 09:17

Ja schön. Das sind eben Leute, die durch Veränderungen mehr zu verlieren als zu gewinnen haben und die daher "keine (sichtbaren) Experimente" wählen. Mit denen hatten schon die amerikanischen Kommunisten und ihre Hippie-Nachfolger Probleme (Pete Seeger, Little Boxes).Aber nicht vergessen: Der Mensch ist überall, auch in dieser Verpackung, ein kämpfendes und leidendes Wesen. Und ohne diese Leute ist ein deutsches Volk nicht denkbar. Man kann sie auch mal aus der Distanz und sezierend betrachten, aber man sollte dabei nicht stehen blieben.

t.gygax

8. November 2021 09:29

Sehr geehrter Herr Bosselmann,

mit wie vielen Kindern wohnen Sie in Ihrer Platte? Als Solitär kann ich in jedem Unterschlupf wohnen,  aber mit Kindern überlegt  sich jeder vernünftige Mensch , daß ein Garten und eine eigenes Haus sinnvoll sind.

 

Ich wohne in einer westlichen Großstadt in  der "Platte" ( die lange nicht so sauber ist wie die im Osten, und die in der Städtbausprache zu einem "prekären" Wohngebiet gehört, dies nebenbei). Uns altem Ehepaar macht das nichts aus, aber  ich rate jedem ab, hierher  zu ziehen, vor allem jungen Eltern mit Kindern, die das Leben noch vor sich haben. Kenne übrigens auch die andere Welt- wir haben ein winziges Häuschen in den neuen Bundesländern, ("Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar", heißt es bei Schiller), aber das Häuschen (bei dem man überall sieht, dass eben in der DDR alles selbst gemacht wurde...unsere Dusche /WC ist so einfach, das gibt es im Westen überhaupt nicht !), hat einen Garten. Und es ist ein  große Freude, die eigenen Kartoffeln zu setzen, zu ernten, sich von den  freundlichen Nachbarn und deren Landwirtschaft den Pferdedung zum Eingraben liefern zu lassen -wenn ich in westlicher Weise frage, was ich denn schuldig bin, schaut man mich fassungslos an..man hilft sich einfach gegenseitig, ist normal. Einen Garten zu haben, in dem  ab und an in den Ferien die Enkelkinder spielen können, ist einfach Glück.

Niekisch

8. November 2021 09:32

Habe meine Frau herbeigerufen, dann haben wir herzhaft gelacht ob dieses zugleich erfrischenden, aber auch etwas demotivierenden Artikels. Wenigstens treffen auf unser Wohnen und Leben all diese Beschreibungen nicht zu. 

Heino Bosselmann

8. November 2021 09:52

Sehr geehrter @t.gytax, haben Sie Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Tatsächlich kann mein Dasein nicht als gesellschaftlich vorbildliches Beispiel gelten, lebe ich doch mit wenig Anhaftung. Und versuche sogar, diese noch weiter zu reduzieren. Danach darf man sich nicht richten. - Und bedenken Sie, daß ich hier keine sozilogischen oder kulturwissenschaftlichen Urteile zu formulieren habe, sondern Beobachtungen wiedergebe - überhöht, klar, dabei aber ohne Häme. Meine Lebensrisiken sind andere als jene der Eigenheimer. Oder: Weil ich spezielle Risiken zu tragen habe, lebe ich eben anders als sie, obwohl ich mir ein solches Leben durchaus schön vorstellen kann und weiß, welche Verantwortung man dafür übernimmt, insbesondere für die Kinder, die, wie mir scheint, in eine Orientierungslosigkeit hineinwachsen. Alle Achtung. Ihre Darstellung des Lebens in dem kleinen Häuschen - erinnernd an Philemon und Baucis - finde ich sehr anschaulich. Ähnliches wünschte ich mir durchaus auch. - Herzlicher Gruß.

Der Joseph

8. November 2021 09:57

Sehr gut beschrieben. Das Bild läßt sich noch komplettieren..
Mit dem schicken, durch die Firma angemieteten SUV geht´s dann über die großen Einfallstraßen in die City und dort von der Tiefgarage mit dem Aufzug in das klimatisierte Büro um sich unter seinesgleichen zu mischen. Zur Mittagspause gibt es in wiedergekäuten Varianten die Erkenntnisse  aus Die Zeit, Spiegelonline, Illner und wenn es richtig lustig werden soll, von der Heute-Show und Böhmermann. Abends zurück, Kontakt mit der Außenwelt maximal beim Tanken und mit der Bedienung im Restaurant. Das unbehagliche Gefühl, das sich einstellt, wenn man es wieder nicht geschafft hat, rechtzeitig zu Hause zu sein, um mit der Familie Abendbrot zu essen und Zeit für Frau und Kinder zu haben, wird mit dem Argument verdrängt, dass wir uns nur so das schöne Haus, die Hobbys und die tollen Urlaube leisten können.

Nemo Obligatur

8. November 2021 10:01

Hatten wir das Thema nicht schon mal?

Ich sags offen: Lieber in der Vorort-Reihenaussiedlung als im Sozialbau-Viertel. Ich kenne beides aus eigener Anschauung. Bildschirme gibt es übrigens in den Hochhaussiedlungen reichlich. Schauen sie doch abends mal aus ihrem Fenster auf den Block gegenüber, Herr B.! Und wer lieber seinen auf Pump gekauften getunten 5er BMW vor dem Hochhaus stehen hat, als im mühsam abzustotternden eigenen Heim den Zeitläuften zu trotzen, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen.

Wobei ich HB eher als Bohemien einschätze, der auch ohne zu Murren im hippen Gründerzeit-Altbau wohnen würde - wenn es das Konto denn hergäbe. Ihr Hauptvorteil, Herr B., ihr "unique selling point", ist immerhin, dass sie mit dem zurecht kommen, was sie haben. Das können Sie, wie ein Vor-Kommentator zurecht schrieb, weil Sie vermutlich (nur) sich selbst erhalten müssen. Sonst wird es halt schwierig.

Monika

8. November 2021 10:08

Lieber Herr Bosselmann, 

ich habe Tränen gelacht. Genauso wohne ich und - doch ist es ganz anders !  Mein Garten ist verwildert, eine Putzfrau habe ich nicht, dafür seit 30 Jahren eine ergonomisch geprüfte Sitzgruppe aus deutscher Produktion, Nolde - Rot  durchzieht mein Haus, selbstgemachte Bilder überall. Einen Fernseher habe ich nicht. Dafür klassenhaft Bücher unter dem Dach und überall im Haus. 

Ist das ein Neidreport? Nein.Wollen Sie hier mal einige Tage wohnen ? Unter dem Dach ? Einen kleinen Urlaub machen ? Lesen. Schreiben.  Ihr Fahrrad können Sie mitbringen . Vielleicht im kommenden Frühjahr ? Wälder bis nach Frankreich durchstreifen? Gut und biodynamisch essen und trinken ? 

Das ist ernst gemeint. Das ist eine Einladung. Mein Mann und ich würden uns freuen.

Grüsse Monika 

Laurenz

8. November 2021 10:09

Der HB-Artikel ist wieder mal top.

Weil er wieder mal den Zeitgeist justement an lokaler Stelle, natürlich mit etwas Ironie überzogen, festhält.

Es ist quasi die Kopie aus dem Westen, wo viele in den 70ern in den Mittelstand aufstiegen. 

Der deutscheste Konflikt zeigt sich dann, wenn die SUV-Muttis die Gemeinde nötigen vor Kindergärten oder in einer wohlhabenden Altstadt Blitzer zur Verhinderung der Raserei aufzustellen. Und keiner braucht wirklich zu raten, wer dann geblitzt wird. Schilda lebt.

@BrückenBauer ist der einzige der 3 Vorschreiberlinge, die die Nummer klar erkannt hat. Diese gesellschaftliche Schicht muß die exakte politische Zielrichtung sein. Wie in der Weimarer Zeit, wo diese damals kleinere Schicht alles verlor, müssen Flüchtlingseinrichtungen genau dorthin gebaut werden & dem Heim Entkommene dort angesiedelt werden. Nur die Entwertung dieser noch nicht abbezahlten Immobilien & indem man dieser Schicht alles nimmt, läßt sich politische Veränderung herbeiführen. Erst dann wählen diese Mittelständischen AfD. Jeder AfDler sollte sich also schon jetzt überlegen, wo er wohnt.

Laurenz

8. November 2021 10:23

@Nemo Obligatur

"Wobei ich HB eher als Bohemien einschätze"

Der quasi-Spartiate HB könnte als Lehrer, am besten verheiratet, mit einer ebenso aufmüpfigen Kollegin, genau dieses Leben führen, welches Sie beschreiben. Das "Lehrer-Konto" gibt das her. Aber er führt dieses Leben nicht, sondern reduziert als Junggeselle (wie meine Wenigkeit übrigens auch) den weltlichen Besitz immer weiter. Weltlicher Besitz belastet nur. Bücher sind viel besser in einem digitalen Speicher aufgehoben. Allerdings nur solange, wie der elektrische Strom fließt.

Auch die Nachlässe derjenigen, die Kinder haben, unterscheidet sich nur noch in Wert & Unwert. Auch die Möbellager der Sozial-Dienste holen keine Möbel ab, die älter als 10 Jahre sind & dann auch nur qualitativ Hochwertiges.

Die neue Regierung wird bald an die Erbschaftssteuer rangehen. Hier sind die meisten Milliarden ohne Widerstände zu holen. Allerdings muß sich die Politik beeilen. Die Geburtenstarken werden das meiste für die Alterspflege verbraten, was heißt, der private Besitz geht in den nächsten 30 Jahren in den Besitz von Konzernen über.

Kurativ

8. November 2021 10:47

Die Platte bringt einen zurück in die Realität. Wer hier lebt, trifft einerseits auf Gleichgesinnte und trifft andererseits auf alles, gegen was es sich lohnt zu kämpfen.

Maiordomus

8. November 2021 11:09

Diese Existenzform, wie Sie, Kollege Bosselmann, dieselbe beschreiben, würde einen heutigen Fontane oder Raabe zu deren kritischer Beschreibung benötigen, zur Not vielleicht sogar einen auch links desillusionierten Heinrich Böll, aber gibt es dies schon? Vielleicht macht sich Volker Mohr mal an ein solches Projekt. Aber Sie, @Bosselmann, haben als nichtangepasster, im Normalfall potentieller Beamter auf Lebenszeit nun mal auf das von Ihnen beschriebene "Glück" verzichtet, wobei eines nicht zu unterschätzen ist: gerade bei herrschenden Verhältnissen brauchen Sie als eigenständiger selbständiger Akademiker mit Forschungsaufträgen, die Sie (wie ich lebenslang)  sich selber erteilen, mutmasslich ein Auto. Bei durchschnittlich dreihundert permanent ausgeliehenen Büchern aus Bibliotheken und Recherchen im ganzen Lande und darüber hinaus einschliesslich bestmöglicher Unabhängigkeit gegenüber diktatorischen Massnahmen der Gesundheitspolitik wird Mobilität auf diese Weise natürlich nicht gerade billig. Kommt dazu, dass die heute wirklich nötigen Forschungen natürlich vielfach abseits der öffentlichen Hand erfolgen müssen. Sehr schwierig wird es heute, im Gegensatz zu vor 100 Jahren, für selbstgegründete Privatschulen in Sachen Lohnzahlungen auch nur einigermassen mithalten zu können.  Der Aufbau einer staatsunabhängigen Parallelgesellschaft war wohl noch nie so schwierige wie heute.

URN

8. November 2021 11:14

Die "Platte", egal ob in Ost oder West (in der West-Variante lebte ich mehr als ein Jahrzehnt) gebaut, ist zigmal besser als die Schlaf-"Dörfer", wiederum gleichgültig, wo gelegen! Auch die wurden hier schon besprochen. 

Das Ost-Schlaf-Kaff, in dem ich wieder siedle, hat sich in den 36 Jahren, seit ich es verlassen hatte, kaum verändert: es sind geschätzte 30 Häuschen dazugekommen, wie H.B. sie beschreibt. Und in den zwei Läden, die es gibt, hängen drehbare Schilder mit bunten Lämpchen, je nach Drehung "open" oder "closed".... Darauf hat man hier vierzig Jahre gewartet!

RMH

8. November 2021 11:44

"Einen Fernseher habe ich nicht. Dafür klassenhaft Bücher unter dem Dach und überall im Haus."

@Monika,

damit sind Sie aus dem, was H.B. beschrieben hat, eigentlich raus - da hilft auch das Eigenheim in passender Lage nicht weiter.

Überhaupt sind die klassischen Insignien früherer Bürgerlichkeit, wie eben volle Bücherregale oder das Klavier, weitestgehend aus den Haushalten verschwunden. Da ich die letzten 20 Jahre häufig im direkten, europäischen Ausland (DK, FI, SE, UK, NL, FR etc.) unterwegs und auch sehr oft privat zu Gast sein durfte, möchte ich dazu nur anmerken, dass Deutschland in Punkto Verlust der Bücherregale und Einzug von Großfernsehern sowie "Playsi" selbst für Erwachsene, sehr spät dran war ... aber letztlich ist der Trend auch bei uns angekommen, wenn auch nicht so total, wie in anderen Ländern (es gibt bei uns nach wie vor noch Ausnahmen anzutreffen).

PS: Was aktuell "must have" der "Neubauer" ist, ist der große Truhen-Gasgrill auf der Terrasse, natürlich mit passender Abdeckung, bei der man die Marke "von der Gerät" deutlich sehen kann. Wie "klimafreundlich" ...

tearjerker

8. November 2021 12:09

 Wo wohnen die Wähler Parteien: Hier.

zeitschnur

8. November 2021 12:34

Ein Sittengemälde aus dem Nirgends ... Frage ist: Wie kommt man in das Irgend?

zeitschnur

8. November 2021 12:45

@ Maiordomus

Kommt dazu, dass die heute wirklich nötigen Forschungen natürlich vielfach abseits der öffentlichen Hand erfolgen müssen. Sehr schwierig wird es heute, im Gegensatz zu vor 100 Jahren, für selbstgegründete Privatschulen in Sachen Lohnzahlungen auch nur einigermassen mithalten zu können. Der Aufbau einer staatsunabhängigen Parallelgesellschaft war wohl noch nie so schwierige wie heute.

Damit treffen Sie den Nagel wirklich auf den Kopf. Und was die unabhängigen Forschungen betrifft, werden sie mit einer geballten Medien-Manipulationsmacht niedergebrüllt, lächerlich gemacht, verleumdet.

Der kriminelle Staat hat wie alle Verbrecher aus jeder historischen Niederlage gelernt, seine Verbrechen zu optimieren.

Aber: Je totaler Macht erzwungen wird, desto leerlaufender wird sie aufgrund ihrer darin gipfelnden inneren Schwäche.

Wenn man es so sieht, ist alles eine Frage der Geduld, der Leichtigkeit, der Freiheit und des längeren Atems. Auch dieser Krug geht nur solange zum Brunnen bis er bricht.

Lotta Vorbeck

8. November 2021 13:48

@Heino Bosselmann - 8. November 2021 - 09:52

an t.gytax: "... Ihre Darstellung des Lebens in dem kleinen Häuschen - erinnernd an Philemon und Baucis - finde ich sehr anschaulich. Ähnliches wünschte ich mir durchaus auch. ..."

---

Lieber Heino Bosselmann,

Ihre Geschichten vom instandgesetzen "Diamant"-Fahrrad, vom kleinen Benno, dem Sohn Ihrer Freundin, von Vaters Uhr, dem alten Füllfederhalter, vom gußeisernen Ofen, den Gläsern mit Eingemachtem im Vorratsregal, vom mit des Nachbars Hilfe erledigten Verlegen eines Abwasserrohres durch den Garten und den im Park des örtlichen Gutshauses von dessen Neubesitzer stante pede gefällten und verhökerten alten Bäumen sind in Erinnerung geblieben.

Seinerzeit schrieben Sie in der Ich-Form.

Jetzt im Konjunktiv: "Ähnliches wünschte ich mir durchaus auch. ...".

Hatten Sie Ähnliches - in einem alten Hause eines natürlich gewachsenen Dorfes - für sich nicht schon gehabt?

deutscheridentitaerer

8. November 2021 14:10

Naja. Das kleinbürgerliche Leben ist vielleicht nicht besonders aufregend, hat aber dennoch seinen Reiz. Das merkt man wie immer erst, nachdem die ehemalige Horrorvorstellung vom durchgeplanten Leben bis zur (sicheren) Rente, mit Eigenheim, Kindern und Hund immer mehr zum unerschwinglichen Luxus geworden ist.

Mboko Lumumbe

8. November 2021 15:58

"Eher als der Widerstand gegen den Konsumismus erfolgt der Selbstmord der Privatinsolventen."

Auch und gerade in dieser "Mitte" der selbsternannten Zivilgesellschaft wird geglaubt, man leiste Widerstand gegen den Konsumismus. Durch Einkauf beim Biohändler, Fleischverzicht, Veganismus, Wählen von LinksGrün, gelegentlich Fahrradfahren, Ausgrenzung und Ächtung politisch Andersdenkender, Kampf gegen Rechts, Anpassung an den linksgrünen Zeitgeist, Yoga und Chai-Latte, ein E-Bike zusätzlich zum SUV, eine von allen Stromzahlern finanzierten Photovoltaikanlage, ein subventioniertes E-Auto, Klimaglaube, usw.

Die meisten dieser Irrgläubigen werden nicht mal dann aufbegehren, wenn in naher Zukunft einem nach dem anderen der Wohlstand genommen wird und es reihenweise Privatinsolvenzen geben wird. Davon bin ich mittlerweile überzeugt. Jeder denkt nur an sich selbst und dass er irgendwie ungestreift durchkommt - ein Irrglaube. Wenn sie sehen, dass es den Nachbarn erwischt hat, so ducken sie weg und sind froh, dass sie es nicht waren. Sankt-Florians-Prinzip. Bis sie dann dran sind und auch sie schweigend niedergehen. Und wer aufbegehrt, wird ausgegrenzt und geächtet - wie gewohnt. Und dann folgen die Selbstmorde.

Loxismus

8. November 2021 16:25

Große und kleine Lebenslügen gehören zu jedem Menschen. Werden sie reflektiert von einem selbst, richtet man sich mit ihnen ein und kann damit leben - gut.
Lebt man aber in einer Gesellschaft, die erstens systematisch durchpolitisiert ist und zweitens einem Bürger ihre systematische Verlogenheit auswegslos aufnötigen will, flüchtet man. Dort, wo Stacheldraht, eigene Inkonsequenz oder Mittellosigkeit dies zu verhindern wissen, flüchtet man nach innen. Das war schon immer zu allen Zeiten so. Es entsteht die "Nischengesellschaft". Das "Mehr" an Bedeutung für den Schrebergarten, das Familienfest, den Angelverein. ALLES ist besser als die widerwärtige, politisch korrekte Pampe des offiziellen Giftes, das unser tägliches Miteinander vergiftet. Alles, was wir sind und haben, wird dadurch entwertet. Dies zu ignorieren und zu verleugnen ist vielleicht die finale Lebenslüge,die man sich selbst antut, wenn man in einer Diktatur lebt.

Laurenz

8. November 2021 16:25

@Maiordomus

Man kann hier @Zeitschnur in der persönlichen Beurteilung Ihres Beitrags durchaus mal Recht geben.

Allerdings, so mag ich bemerken, basiert diese Schwierigkeit, um in "selbstgegründeten Privatschulen in Sachen Lohnzahlungen auch nur einigermaßen mithalten zu können", vor allem auf mangelnder privater Finanzierung.

Sie, Maiordomus, kennen viele & sind bekannt. Aber wie viele Gespräche haben Sie denn mit reichen Schweizern geführt, ein Modell oder Konzept vorgestellt, um ggf. Sponsoren für solch ein Projekt zu gewinnen?

Oder ist es nicht vielmehr so, daß es die Konservativen & die vielen darunter verkannten Genies nicht nötig zu haben scheinen, die Türklingen des Kapitals putzen zu gehen?

brueckenbauer

8. November 2021 17:13

Danke für tearjerker, der uns auf den Boden der Tatsachen bringt. Die AfD ist nicht nur tendenziell eine Arbeiterpartei, sondern vor allem eine Kleinstadtpartei. Und auf dem Land gibt es noch eine Menge Nichtwähler/potentieller Wähler, die sie erst noch erreichen müsste. Deren Lebenswünsche sollten uns also vor allem interessieren. Und die Frage, ob man ihren Zielem genossenschaftlich (also "subkulturell") näherkommt.

Mit dem Thema Subkultur taucht nun allerdings das bekannte wirtschaftswissenschaftliche Problem auf: Sollen wir da nachfrageorientiert herangehen (so habe ich das vorhin skizziert), oder angebotsorientiert? Angebotsorientiert würde heißen: Wir haben einen bestimmten Bestand an jugendbewegt-existentialistisch geprägten Leuten (hier repräsentiert durch Bosselmann) und konstruieren ein subkuturelles Angebot um diese vorhandenen Leute herum!

zeitschnur

8. November 2021 17:14

@ Laurenz

Ich weiß nicht, wo Sie leben, vermutlich nicht in der Mitte .... Was soll der arme Hausmeier da wohl tun? Bei denjenigen um Geld bitten, die genau die Verhältnisse nicht nur geschaffen haben, die freie Projekte nötig machen, sondern ohne jenen Horror auch sofort zusammenklappen würden und deren Reichtum schnell gen 0 asymptotisieren würde, wenn sie sich über die unsichtbare Linie zur Jemeinigkeit (Sommerfeld, Selbstrettung) begeben würden? Gerade diese rückgratlosen und verbogenen Konservativen und Türklinken des Kapitals sind doch die Blutsauger, die jeden freien Entwurf verunmöglichen mit jedem weiteren Tag. Da ist einem doch die Armut oder Schrulligkeit tausendmal lieber als diese Vampire.

Und meinen Sie im Ernst, dass die Verhältnisse diesbezüglich in der Schweiz besser aussehen als in Merkels CDU, der dubiosen Werteunion oder gar der janusköpfigen AfD, um von der perfekten Rollenmechanik der FDP erst nicht zu reden? Bosselmanns Beschreibung bildet die kristallisierende Manifestation der Repräsentanz bei den Repräsentierten unserer Feudaldemokratie ab.

Oder warum hat der Hausmeier sich seit 30 Jahren lieber selbst beauftragt als von diesen Kreisen abzuhängen?

Gotlandfahrer

8. November 2021 17:22

1/3

Ihnen, Herr Bosselmann, gilt mein ehrlicher Respekt für Ihre stete Präsenz unter dieser Feldpostnummer sowie für Ihre unermüdliche und eloquente Abarbeitung auch an feinsinnig erkannten Details unserer Umwelt.  Persönlich bin ich an einem Punkt, an dem ich nur noch wenig Zeitgenössisches zu ertragen imstande bin.  Fiebrig ungeduldig, wie ein Nervenkranker, klicke ich mich in meinen künstlich verlängerten Kaffeepausen durchs digitale Dickicht und komme doch eigentlich fast nur hier, hin und wieder, kurz zur Ruhe.  Wenn ich also meckere, dann eingefasst in einen Überbau aus Dank und mit der Bitte, so weiter zu machen. Immer weiter, sozusagen.

Nun zu dem, was mir, neben dem anzumerkenden generellen Gelingen Ihres Röntgenbildes unserer Vorstädte im Beitrittsgebiet, auffiel.

Das bemühte Gegensatzpaar vom „kollektivistischen Sozialismus“ zu einem „durchindividualisierten Kapitalismus“, das sich im Zuge einer „Konversion“ von einem zum anderen ergeben haben soll, ist m.M.n. ein dem Weiteren nicht auswirkungslos vorausgehender axiomatischer Trugschluss.

Gotlandfahrer

8. November 2021 17:23

2/3

Axiomatisch, weil Sie diese Konversion als Voraussetzung dafür hernehmen, eine – wenn ggf. auch nur unbewusste - Unaufrichtigkeit der Vorstädter hinter ihrer sichtbaren Lebensführung festmachen zu können:  Einer Scheinindividualität, die doch nur eine neue Tristesse sei. Wären sie im sozialistischen Regen geblieben, wäre folglich die Tristesse zumindest konsistent, denn erst durch die Konversion zur kapitalistischen Traufe wird ihre Lebensführung unaufrichtig.  Dieses Axiom ist denke ich falsch, denn es fand keine Konversion zu einem Gegensatz statt.  Sowohl kollektiver Sozialismus wie auch durchindividualisierter Kapitalismus sind beides materialistische Konzepte, die sich lediglich in klügerer Arbeitsteilung, damit mehr Wohlstand ergo  – solange es gut läuft – weniger Knappheitskonflikten und mit ihnen einhergehender Freiheitsberaubung also auch, naja, „Meinungsvielfalt“ unterscheiden.  Im gelebten Ergebnis jedenfalls.  Innerhalb dieses je nach Anordnung besser oder schlechter wärmenden Mantels hängt alles Weitere von gültigen Ideen ab, insbesondere der Idee davon, inwieweit ein Ordnungsrahmen überhaupt Ausdruck des eigenen und darüber hinaus objektiv bestimmbar besten Willens sein kann. 

Gotlandfahrer

8. November 2021 17:25

3/3

Der Trugschluss aus Ihrem Axiom ist folglich, dass es auch hätte gelingen können, nach dieser (nicht existenten) Konversion etwas anderes als „Scheinindividualität“ zu erreichen.  Vielmehr muss man glaube ich sagen: Angesichts dessen, was ablief, ist die neue Tristesse noch das Beste, was möglich war.  Im Umkehrschluss halte ich das Naserümpfen über yogagestählte Twingofahrerinnen mit Gören im Maxi-Cosi angesichts ihrer logisch aussichtslosen Unterfangen, Individualität als Massenmensch auszuleben, selbst für einen Ausdruck einer zu kurz gesprungenen gesellschaftlichen Anamnese.  Ist denn eine Welt, in der alle für die Sezession schreiben, überhaupt möglich?

Als falsche Konsequenz Ihrer Betrachtung fragen Sie abschließend: „Willst Du hier wohnen?“ Was soll man nach der Beschreibung noch antworten?  Außer man ist so verrückt wie ich, denn ich sage: Ja, denn ich bin nur ein Mensch. Also ein Geschöpf, das seinen Sinn weder aus Reichtum noch Armut und weder aus Einzigartigkeit noch Anpassung schöpft, also diesen nicht dadurch bereits verfehlt, dass es, irgendwo dazwischen, mit Baukredit, Webergrill, Designersofa und Carport, versucht, sein eigenes Leben im falschen zu führen, so sehr man dabei auch auf einheitliche Warenkategorien und optimierte Netzwerke zurückgreift.   

Lotta Vorbeck

8. November 2021 17:29

@t.gygax - 8. November 2021 - 09:29 AM

"... Kenne übrigens auch die andere Welt- wir haben ein winziges Häuschen in den neuen Bundesländern, ("Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar", heißt es bei Schiller), aber das Häuschen (bei dem man überall sieht, dass eben in der DDR alles selbst gemacht wurde...unsere Dusche /WC ist so einfach, das gibt es im Westen überhaupt nicht !), hat einen Garten. ..."

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Goldstaub im Produktportfolio des Postzeitungsvertriebs stellte die vierteljährlich auf ligninhaltigem, ungebleichtem Papier gedruckt erscheinende Zeitschrift "practic" dar. Abonnements der "practic" wurden ebenso wie das (geheime) Wissen um ertragreiche Pilzsammelstellen gegebenenfalls weitervererbt.

Die heißbegehrte "practic" lieferte detaillierte Anleitungen für "dieses alles selbermachen" oder das Modifizieren industriell gefertigter Produkte, bis hin zum mit Schubkarrenrädern ausgestatteten Moped der Marke Eigenbau.

Bei all diesen Anleitungen war immer Wert darauf gelegt, möglichst leicht verfügbare Materialien oder von Müllhalden und Schrottplätzen stammende Fundstücke und Kleinteile einzusetzen.

Flaneur

8. November 2021 19:31

In westdeutschen Großstädten entspannt sich das Gedränge der SUV-Mütterpanzer vor den Kindergärten und Schulen leicht. Dafür sieht man immer mehr in Jack Wolfskinsches Plastik gewandete Mütter, die ihre Kleinen im Lastenkorb eines furchtbar hippen Bakfiets zu Kindergärten und Grundschulen pedalieren - natürlich mit elektromotorischer Trethilfe.

Pit

8. November 2021 21:09

An so einer Lebensform ist per se überhaupt nichts schlecht. Man schaut, daß man zurecht kommt, man macht das Beste was geht, man schlägt sich durch. Nein, das ist nicht schlecht. Was schlecht ist, ist, daß man SKLAVE ist dabei. DAS ist das Problem ! Daß man nicht frei ist, daß man keine Selbstbestimmung hat. Daß man nach 200 Jahren gigantischer technischer Entwicklung immer noch 40+ Stunden im Hamsterrad rödeln soll, weil die Oberkaste so ihre Sklaven kontrolliert !
Aber an einer bürgerlichen Lebensweise ist per se nichts schlecht.
Im Übrigen, wenn die Leute mehr Ressourcen hätten, wenn ihnen nicht ihre Energie und Lebensleistung von Tyrannen geraubt würde: so würden sie gewiß viele Elemente ihrem Leben hinzufügen, die viel freier wären, die mehr Lebensqualität brächten. Aber unter den Bedingungen der Sklaverei ist dies eine achtbare Lebensform (außer natürlich, daß sie gegen ihre Versklavung gar nicht protestieren).
Übrigens finde ich die Darstellung außerordentlich gut gelungen! Da stimmt jedes Detail !  ;-)

RMH

8. November 2021 22:16

Die glaubhaftesten Asketen waren meistens die, die auch einmal die Fülle erlebt haben.

Es sich einfach nur zurechtbiegen, weil man eben noch nie nen Pomerol Petrus* getrunken hat, hat leider recht schnell den Geruch der Lebenslüge anderer Art.

*(da kann sich jeder irgendwas rein denken, beim einen Wein, beim anderen eben was anderes, manche können auch schlicht alles schreiben ...)

AndreasausE

8. November 2021 22:28

Genau wie beschrieben sehe ich das von meinem Balkon aus. Dieses Idyll zwischen Hecke, Rasen und Großbildfernseher.

Ich latsche da ja immer durch, wenn ich zum Discounter gehe, um mir Bier und Flasche Wodka zu holen, ich, die arbeitslose Assel aus dem Block nebenan, mit den langen Haaren und Kapuzenpullover.

Aber komisch - die Leute da sind alle nett, man grüßt sich, gern gibt es auch Pläuschchen, und als es jüngst auch mal Gespräche zur Wahl gab, hatte niemand Probleme damit, daß ich weder "Grüne" noch Stegner, sondern AfD gewählt hab.

Weiß nun gar nicht, was ich sagen wollte, aber egal, Wohnumstände und Rasenzustand besagen rein gar nichts - mit Leuten reden ist der Schlüssel.

Gracchus

8. November 2021 23:33

Mir gefallen am besten die Stücke Bosselmanns, die wie dieses von Alltagsbeobachtungen durchsetzt sind. Hier frage ich mich, wie der Altersdurchschnitt in diesem Gebiet ist. Ich hätte gedacht, 40+, so dass diejenigen noch relativ jung das Ende der DDR erlebten - und noch anpassungsfähig waren. Was beschrieben wird, kann man ebenso gut im Westen finden. Und ja: es hat etwas von Ghetto. Die gated communities sind nicht mehr weit. Erfahrungsarmut kennzeichnet diese Welt. Was für Perversionen lauern hinter den Fassaden? 

SamweisG

9. November 2021 00:27

Sehr geehrter Herr Bosselmann,

vielen Dank für die diesen interessanten Artikel. Laut Ihren biographischen Daten, gehören Sie zu denen, die das so richtig harte und lebensnahe Leben eher nicht kennen, in Fabrik oder Büro.

Es sei denn,  Sie sind im Lehrdienst. Daher ist es immer so eine Sache, vom vermeintlich hohen Roß, von oben herab zu sprechen. Viele der Leute, die Sie beschreiben, sind an sich nette Leute, die hart arbeiten und eigentlich lässt es sich so gut leben, deswegen gibt es solche Siedlungen.

Ich muss zugeben, ich lebe auch in einer solchen "Siedlung". Mancher Beschreibung stimme ich zu und muss auch schmunzeln. In solchen Siedlungen kann man aber Sezession lesen und das Buch von Nebenan, sofern man sich das bestellt.

Das Problem der von Ihnen beschriebenen Gemeinschaft ist, dass viele wie Lemminge leben, nicht wirklich nachdenken wollen oder können, Maske tragen, weil Mutti und das Kellerkind Drosdi das so sagen. Das ist wirklich schade.

Ich persönlich bin dankbar, in einer solchen Siedlung zu leben, vergesse aber nicht, wem ich da wirklich zu danken habe, genieße es, in Freiheit das Buch der Bücher zu lesen und aktuell noch ohne Probleme bei Antaios bestellen zu können und Schriften des IfS zu lesen. Diese Freiheit lass ich mir nicht nehmen, auch wenn ich hier wohne.

Bitte aber weiter solche Texte, die zum Nachdenken anregen und einen zum Lachen bringen.

Laurenz

9. November 2021 01:04

@Brueckenbauer, Flaneur & Gotlandfahrer

In Ihren Beiträgen schreiben Sie über unterschiedliche urbane oder weniger urbane Gefilde. Stadt (wokes Kiez), Vorstadt & Kleinstadt unterscheiden sich von ihrer Struktur her durchaus & beherbergen unterschiedliche Schichten.

So, wie ich HB verstanden habe, schrieb Er über Vorstädte, die Speckgürtel um lokale Metropolen herum. Dabei ist es egal, ob es sich um Leipzig, Dresden, Hannover, Frankfurt oder München handelt.

Speziell bei diesem Artikel ist Genauigkeit bei der Betrachtung HBs entscheidend. Die Verhältnisse in Suhl, mit seinen gut 36k Einwohnern & Meiningen, mit seinen 25k, sind trotz einer gewissen Nähe zu Erfurt doch nicht die einer Vorstadt.

RMH

9. November 2021 07:13

@Pit,

Sie haben recht, Sklave ist die treffenste Beschreibung. Und Sklaven bilden eine Sklavenmoral aus.

@Gracchus,

"Was für Perversionen lauern hinter den Fassaden?"

Auch wenn Sie das sicher nicht beabsichtigen, würde ich zur Vorsicht mit solchen rhetorischen Fragen raten, da sie eine der Schlüsselfragen aus dem Werkzeugkasten linker Dekonstruktion sind. Da kann nichts Bürgerliches harmlos sein, da müssen hinter den berühmten "heilen Fassaden" immer große Abgründe sein. Natürlich gibt es diese, denn Abgründe, die gerne verborgen werden, sind Teil der menschlichen Natur. Ich hege mittlerweile aber die Vermutung, der neue, moderne, durchgeimpfte Mensch mit Broilerking auf der Terrasse, hat allenfalls nur noch Senkungen und Täler (Depressionen), aber keine Abgründe.

@Insolvenz/Suizid: Ich habe noch keinen Insolvenz erlebt, die zum Selbstmord beim Schuldner führte, eher dreist egoistisch lügende Schuldner (und da habe ich Branchenkenntnis. Ein Kollege, der in Sachsen tätig ist, durfte dagegen auch schon mal einen "abhängen" lassen, sein Kommentar: Im Osten stirbt man härter).

Laurenz

9. November 2021 07:40

@SamweisG

"Speckgürtel-Siedlung"

Meine Mutter lebt auch in einer solchen Siedlung im Hochtaunuskreis. Diese Siedlung wird aufgrund der unterschiedlichen Einkommens- & Immobilienpreisentwicklung immer reicher. Mitbürger bis 45, die dort leben, haben entweder das Haus oder Geld geerbt. In den nächsten 10 Jahren wird sich der Trend verstärken, da die S-Bahn (nach Ffm) aus Friedrichsdorf weiter in den Taunus verlängert wird. Ich habe dort meine Jugend verbracht & bin mindestens jeden Sonntag dort.

Es ging im HB-Artikel doch nur bedingt um die Lebensart, die ist doch nur das Synonym. & daß viele dort eine Schwachsinns-Karre fahren, weil sie vielleicht den NC für die Försterei nicht geschafft hatten, geschenkt.

Diese Leute, die tatsächlich, wie Sie schreiben, viel arbeiten & viele Steuern zahlen, sind ein politisches Problem. Denn diejenigen, die dort leben & viel arbeiten, haben keine Zeit, sich um Politik & Gesellschaft Gedanken zu machen, geschweige gesellschaftliche Entwicklungen hautnah zu erleben. Wenn ich mit den Nachbarn meiner Mutter spreche oder von meiner Mutter höre, was ihre verwitweten Altersgenossinnen so denken, erfährt man, daß diese Menschen auf einem ganz anderen Planeten leben, quasi in einer Art Paradies. Und die wollen alle, daß das so bleibt. Entsprechend wählen die.

Da nutzt es auch nichts, wenn Sie, SamweisG oder meine Mutter, eine Ausnahme machen.

SamweisG

9. November 2021 08:54

@Laurenz

Vielen Dank für Ihren Beitrag. Ja, ich stimme Ihrer Aussage bezüglich der Konformität und des Nichtmitdenkens zu. Viele mögen in einer Art Blasenwelt leben.

Ich nenne solche Leute BluePills :-). Der Antaios Verlag, der liefert den Stoff für Redpills :-). Redpills schaffen es nur nicht, sich gut zu vernetzten. 

Ich würde mal vorschlagen, es gibt es Redpill-Treffen auf dem Rittergut :-).

Wünsche einen schönen Tag. Grüße aus dem Bergwerk der Postmoderne .

Gracchus

9. November 2021 09:51

@RMH

Ich habe eben eine perverse Phantasie. Meine Frage zielte genau darauf: Ob es da überhaupt Abgründe gibt? Da, wie Sie sagen, Abgründe zur menschlichen Natur gehören, fände ich's unheimlich, wenn es da keine Abgründe gäbe. 

Mit der Askese haben Sie nicht ganz Unrecht. Das ist gut in Hesses Siddharta beschrieben.

@ Laurenz, Pit

Sie beschreiben exakt das Problem.  

Laurenz

9. November 2021 10:55

@SamweisG @L.

Auch wenn die Gastfreundschaft für junge Leute auf besagtem Rittergut sicherlich groß ist, brauchen die Menschen dort eher die knappe Zeit für Ruhe. Leider ist der beste Organisator unseres Forums im Exil zu unseren Füßen auf der anderen Seite der Welt. Man vernetzt sich hier schon. Nur zu solchen Nummern muß man Zeit haben oder im Öffentlichen Dienst beschäftigt sein. Und das sind hier nicht so viele.

Eo

9. November 2021 11:20

Was Sie beschreiben, HB,
nenne ich Multikultiflüchtlinge (vor allem der Kinder wegen), die aber sonst der Globalisierung und Buntheit (welt)offen gegenüberstehen, also die laufenden Prozesse okay finden,  natürlich grün wählen und soweit es dem Ansehen (untereinander), der Karriere und dem eigenen, edlen Selbst dient der Hypermoral frönen und somit den modernen Geboten von Klimakirche, EinerWelt,  Bunte Republik usw. bereitwillig folgen und sich darin gefallen, Ihre Verzichts- und Transformationsbereitschaft damit zu bekunden, indem sie auf E-Karren umsatteln, sich teure, globige Fahrräder mit Frontkasten zulegen und freiwillig auf fleischlose Kost umsteigen, um so ihren Beitrag zur Rettung bzw. Verbesserung der Welt zu leisten.

 

RLU

9. November 2021 16:22

@ Eo: Was haben Sie gegen fleischlose Kost? Da gibt’s mittlerweile ein vielfältiges Angebot an diversem Allerlei – z.B. in Form von kunterbunten Chutneys und dergleichen – das in der Großstadt vom fischerbemützten Hersteller höchstpersönlich mit dem Lastenrad zum hippen Kiez-Store befördert wird. Einzig das lukullische Erlebnis lässt bei derartigen Speisen grob zu wünschen übrig. Dafür sind die Etiketten im fancy Natur-Design gestaltet und wurden vermutlich in zahllosen Club-Mate-durchzechten Nächten gebrainstormt.

Nordlicht

9. November 2021 19:37

Köstlich, der Text.

"Immerhin bindet ein Kreditvertrag fester als jede Ehe ..."

Aber doch nicht ganz richtig, mE. Die Widerständigkeit von Eigenheimbesitzern sollte nicht unterschätzt werden, und zwar nicht nur, was das Asylantenheim "in my backyard" angeht oder die Stromtrasse, sondern auch gegen das sozialistische Getöse in und aus Berlin-Mitte. Auch der Eigenheimbesitzer im Speckgürtel hält "das Eigene" und verteidigt es, mit seinen Mittel. Die Mittel sind andere als die des Hauseigners mit grösserem Grundstück.

Je mehr Hauseigentümer, desto konservativer und verteidigungsbereiter. Nicht umsonst wollen die Linken nur Mieteigentum. Das bedeutet Abhängigkeit von Behörden, d.h. von den Politikern.

 

Herr K aus O

9. November 2021 22:04

Schöner Text, da zwiespältig. Klingt eigentlich nach linker Gesellschaftskritik. Der Konsumterror verschleiert den Zugang zum wahren Leben, es gibt kein wirkliches Leben im Falschen usw. Also: Ich habe etliche Arbeiterviertel durch, also Moabit und Neukölln z.B. und daher gefällt es mir hier in Suburbia ganz gut. Allein weil ich hier unter lauter Spießer meinesgleichen bin. 

@Laurenz: Grüße aus Orschel :)

Cugel

9. November 2021 22:47

@AndreasausE
"ich, die arbeitslose Assel aus dem Block nebenan"
Ihre Selbstironie hat mich zum Lachen gebracht, vielen Dank dafür.

"Weiß nun gar nicht, was ich sagen wollte, aber egal, Wohnumstände und Rasenzustand besagen rein gar nichts - mit Leuten reden ist der Schlüssel."

Genau so ist es; man erlebt manche Überraschung dabei. Wie hoch mag der Anteil von ihnen sein, dem klar ist, was für sie und ihre Nachkommen vorgesehen ist?

Laurenz

10. November 2021 01:10

 

@Nordlicht

"Je mehr Hauseigentümer, desto konservativer und verteidigungsbereiter."

Ja, da kommt der föderale germanische Geist durch. Aber man beschwert sich dann bei der Gemeinde, weil neben dem eigenen Heim ein Altersheim entsteht, weil man vorher den Bebauungsplan nicht gelesen hat. Windkraftanlagen, Biogasanlagen & Hochspannungsleitungen sind klasse, aber bitte nicht! in meiner Straße, meiner Kommune, meinem Landkreis.

Sie haben den Artikel nicht verstanden. Dieser germanische Geist führt dazu, daß die Nachbarshecke bedrohlicher & gefährlicher ist, als eine französische Diktatorin & Betrügerin zu Frankfurt am Main, die jedem Bürger, vor allem den Armen, täglich in den Geldbeutel greift.

Deswegen sind deutsche Gerichte vordergründig mit Nachbarschaftsklagen beschäftigt.

Und es sind genau die Bürger, welche HB beschrieben hat, die sich beschweren, wenn die Gemeinde die Selbstbeteiligung für Kindergärten erhöht.

centurio

10. November 2021 14:01

Hübsch beschrieben. Auffällig seit Jahren die winzigen Gärten, der viel zu kleine Abstand zwischen den Häusern - nicht ungewollt, wie ich vermute, ist doch im Gefüge der BRD jedem Bürger auch die Rolle des Blockwarts zugedacht.

Auffällig vielerorts, wie sich der individuelle Geschmack in Form gedrechselter Zierelemente, pompöser Vorbauten und allerlei Kitsch auslebt; wie die Behörden darauf verzichten, eine regionaltypische Ästhetik durchzusetzen (was durchaus möglich wäre). Pseudo-Bauhaus mit Schottergarten inszeniert sich neben Synthetik-Fachwerk und gravitätischen Säulenbauten, dazwischen paßt jeweils ein Handtuch. Neben dem Car-Port (mit Ladesäule) ist jeweils die unvermeidliche Korbball-Installation aufgepflanzt.

Häuser als Selbstbezichtigung.

Herr K aus O

10. November 2021 14:18

@Laurenz: Da muss ich aber das @Nordlicht verteidigen: In Berlin sympathisieren viele mit linken Ideen, weil nur 15% der Berliner Wohneigentum haben. Das heißt: Enteignet werden immer nur die anderen.

Eigentum hat einen schlechten Ruf in Deutschland (“Eigentum ist Diebstahl”)

Findet der Staat auch gut: Der Erwerb von Wohneigentum ist mit absurd hohen Steuern belegt. Ganz im Gegenteil z.B. in den Niederlanden. Dort wechseln die Hausbesitzer alle paar Jahre die Bleibe, hier in Deutschland ist allein die Grunderwerbssteuer so hoch, dass man das nur einmal im Leben macht.

Also: Wenn alle eine eigene Bleibe hätten, würden Enteignungsdebatten nie stattfinden.

Laurenz

10. November 2021 15:31

@Herr K aus O @L.

"Berlin"

ist einerseits nicht repräsentativ & andererseits sind diejenigen, über die Sie hier schreiben, nicht Inhalt des Artikels.

Die Einwohner Berlins schmarotzen wohl schon seit der Gründung durch die Templer. Und aus Berlin als Hauptstadt kam noch nie was Gutes. Prag war 300 Jahre lang eine viel bessere deutsche Hauptstadt.  

Hier debattieren über Hauseigentümer in den Vorstädten von lokalen deutschen Metropolen.

DonFrederico

10. November 2021 21:48

Einer der besten Artikel, weil er so nah am Leben gebaut ist. Er regt an. Die letzten Tage habe ich darüber gegrübelt ob ich zu der benannten Spezies zähle oder nicht, der SUV in der Garage, der Rasenroboter im Garten…aber gefehlt. Der SUV sieht keine Wagenwäsche, das Laub meiner alten Eichenbäum wiegt schwer, die Blühwiese hinten im Garten ist in herbstlicher Zersetzung, die Bienenbeuten setzen Grünspan an

Heino Bosselmann listet hier mit seinem üblichen Augenzwinkern die pathologischen Befunde einer tieferen Diagnose auf, einer Gesellschaft, die sich in der sicheren Blase vorgekauten Lebens gefällt. Ideenlos dem eigenen Leben und Lebensentwurf gegenüber, unkreativ wie ein Papayaschnitzel und gefangen in der Vorstellung, dass der Besitz Sicherheit verleiht. Warum mag man diesem modernen Biedermeiertum nicht angehören? Im Gegensatz zum Autor, der im Laufe seines Lebens zu geistigen Größe eines Hans im Glück gewachsen ist, lebt der benannte Typus der SUV-fahrenden Bewohner der Neubaumietskasernen Typus „Stadtvilla“ in dem Glauben, dass die Anhäufung von materiellen Gütern zu Reichtum und Glück verhilft.

DonFrederico

10. November 2021 21:48

Doch der Besitz besitzt. Man befolgt artig die Regeln, geht sauber zur Arbeit, keine Ekstase oder Askese gleichermaßen - nur täglicher Bankensex zur Befriedigung des Systems. Eine Gesellschaft in der sich selbst erhaltenden Wohlstands- und Sicherheitsblase gefangen, in der alles politisch wie gesellschaftlich durchdekliniert ist - „American Beauty“ - wehe dem, der ausbricht aus der Blase.

Heino Bosselmann hat den Lebensansatz, den er nicht ausspricht, verstanden: All meinen Besitz trage ich in mir. 

Nordlicht

10. November 2021 22:54

@Laurenz,

mir scheint die Spaltung weniger eine Frage von Hausbesitzer vs. Mieter zu sein, sondern von Stadt vs. Land. In den Städten sammelt sich das Sub-Proletariat sowie das Präkariat und lebt von den Transferzahlungen, was notwendigerweise zu einer Abhängigkeit von der regierenden Politbürokratie führt.

Dort werden dann die Ideen ausgebrütet, welche den Normalos, den 20 Prozent Netto-Steuerzahlern, deren Arbeit das ganze System ermöglicht, nach und nach die Luft abschnürt. Die Normalsten leben mE auf dem Lande und wählen weniger links-grün. 

Die Städter können trefflich immer mehr Windmühlen und Stromtrassen fordern, denn sie betrifft es ja nicht. Würde jemand auf die Idee kommen, für die Energieautarkie die Bebauung des Tempelhofer Feldes mit 5-Megawatt-Windanlagen zu bebauen, dann würden die auch so Klima-Engagierten massiv dagegen sein. NIMBY ist vorwiegend ein urbanes Prinzip. (Das dann von den in den Speckgürtel gezogenen Städtern dorthin exportiert wurde.)

Freiheit und Selbstbestimmung kann nur von den wirklichen Landbewohnern kommen. Die "städtiche Freiheit", das war mal, weil es dort Bürgerstolz und -mut gab. Das ist in den Städten vorbei. Man schaue sich die Wahlergebnisse an.

RMH

11. November 2021 07:26

 "dass die Anhäufung von materiellen Gütern zu Reichtum und Glück verhilft."

Mit Geld ist vor allem auch ein Freiheitsversprechen verbunden, amerikanisch auf den Punkt gebracht u.a. hier:

GAMBLER FUCK YOU STATUS - Best of - FULL HD - (german) - YouTube

Laurenz

11. November 2021 08:15

@Nordlicht @L.

Bremen leidet darunter, daß die Bürger seiner Vorstädte in Niederachsen Steuern zahlen, für Hannover kein Problem.

Auch hier argumentieren Sie über etwas anderes, als der Artikel anspricht. Natürlich haben wir eine Feindbilderschaffung gegen die Landbevölkerung durch die Medien. https://www.tichyseinblick.de/feuilleton/medien/hart-aber-fair-stadt-land-spaltung-urbane-arroganz/

Aber spätestens seit der Fakedemie will selbst die Mehrheit der Relotius-Leser auf's Land. Das Leben mit importierten Sklaven ist nicht immer so prickelnd, wie üblicherweise geschildert. Auf deutsch heißt das: Die fortschrittlichen Städter wollen lieber blöde gestrige Landbewohner werden.

Der Artikel hier beschreibt aber wohlhabende Mitbürger, die nicht auf dem Land leben, sondern in der Vorstadt einer regionalen Metropole, meist deswegen, weil nur so das Eigenheim finanziert werden kann & desweiteren auch kein Linker oder Grüner will, daß seine Kinder mit einem Orientalen-Anteil von über 90% in die Schule gehen.

Genau wie

@DonFrederico

verkennen Sie den eigentlichen Kern des Artikels. Es geht hier nicht um die Lebensart an Sich, dazu ist HB viel zu liberal in Seiner Grundhaltung.

So wie ich HB verstanden habe, geht es um die politische & gesellschaftliche Auswirkung derer, die so, wie im Artikel beschrieben, leben.

URN

11. November 2021 10:27

Wo sind denn Sie, Nordlicht, davongelaufen?! "In den Städten sammelt sich das Sub-Proletariat sowie das Präkariat und lebt von den Transferzahlungen, ...."

Dort, wo Sie offenbar noch nie waren, befinden sich die industriellen Zentren, die nun deindustrialisiert werden, die Universitäten, die Banken und und und. Willkommen im nordlichternden Absurdistan. 

lucasi

12. November 2021 11:14

Zufällig über den Artikel gestolpert. Kenne sie noch von früher! Liest sich wirklich sehr schön und sie waren schon immer sehr inspirierend. 

Frage mich oft ob ich nicht auch irgendwann einmal einer dieser Leute werde, 2-3 Kinder, kleines Haus mit noch kleinerm Garten, SUV oder Kombi vorm Haus stehen.. Will ich das? Nicht wirklich. Ich lebe schon immer nach dem Motto "Es kommt wie es kommen soll". Bin damit noch nicht auf die Schnauze gefallen. Geht ja auch nicht.

Danke für den Artikel und liebe Grüße!

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