Was wir wissen können

PDF der Druckfassung aus Sezession 101/ April 2021

Redaktionelle Informationen und Hinweise - Werkstattberichte sozusagen.

von Fre­de­rik Holst und Erik Lehnert

 

Wir wis­sen, daß dort, wo es um »Gro­ße Erzäh­lun­gen« und um Angst­po­li­tik geht, das Argu­ment ein Mau­er­blüm­chen ist. Ver­ste­hen wir das fol­gen­de also als Pro­to­koll: Was konn­te man im Früh­jahr 2021 wis­sen, aus wel­chen Erfah­run­gen hät­te man seit Mona­ten klug gewor­den sein können?

 

Ursprung und Vorbereitung

Im Dezem­ber 2019 brach in der chi­ne­si­schen Stadt Wuhan (Pro­vinz Hub­ei) die Lun­gen­krank­heit COVID-19 aus. Zu der Annah­me, daß es sich bei dem Erre­ger SARS-CoV‑2, einem Coro­na­vi­rus, um eine Zoo­no­se han­delt, die auf einem chi­ne­si­schen Tier­markt in der Stadt Wuhan über­tra­gen wur­de, kom­men zuneh­mend Hin­wei­se auf einen Unfall in einem bio­tech­no­lo­gi­schen Labor im Zen­trum von Wuhan. Für bei­de Hypo­the­sen gibt es wis­sen­schaft­li­che Argu­men­te, die Labor-The­se ist bis­her aller­dings eine aka­de­mi­sche Außen­sei­ter­po­si­ti­on, fin­det jedoch zuneh­mend Fürsprecher.

Aus epi­de­mio­lo­gi­scher Sicht ist die Ant­wort belang­los, das Virus ist in der Welt. Am 30. Janu­ar 2020 rief die WHO eine »gesund­heit­li­che Not­la­ge von inter­na­tio­na­ler Trag­wei­te« aus. In Chi­na wur­den bis dahin in die­sem Aus­maß unge­kann­te Maß­nah­men zum Infek­ti­ons­schutz ergrif­fen. Die gan­ze Pro­vinz Hub­ei mit 50 Mil­lio­nen Ein­woh­nern wur­de abge­rie­gelt, Aus­gangs­sper­ren ver­hängt, Qua­ran­tä­ne ange­ord­net, Kon­takt­ver­bo­te aus­ge­spro­chen und Kon­takt­ver­fol­gung betrie­ben. Man war vorbereitet.

Zwei Mona­te vor dem Aus­bruch in Chi­na fand am 18. Okto­ber 2019 in New York die Simu­la­ti­ons­übung »Event 201« mit einem fik­ti­ven Coro­na­vi­rus statt. Das Plan­spiel wur­de vom Welt­wirt­schafts­fo­rum (WEF), der Johns-Hop­kins-Uni­ver­si­tät und der Bill & Melin­da Gates Foun­da­ti­on orga­ni­siert. In dem zugrun­de­lie­gen­den Sze­na­rio einer glo­ba­len Pan­de­mie durch die fik­ti­ve Lun­gen­krank­heit »CAPS«, aus­ge­löst durch ein SARS-ähn­li­ches Coro­na­vi­rus, ging man von 65 Mil­li­on Toten inner­halb von 18 Mona­ten aus. Das Ergeb­nis der Bera­tun­gen, an der auch der Gene­ral­di­rek­tor der chi­ne­si­schen Seu­chen­schutz­be­hör­de CCDC teil­nahm, wur­de in Form einer Hand­lungs­auf­for­de­rung publi­ziert. Das zen­tra­le Anlie­gen war ein staat­lich-pri­va­ter Zusam­men­schluß (»public-pri­va­te coope­ra­ti­on«) in der Seu­chen­be­käm­fung, der Auf­klä­rungs­ar­beit und der ange­mes­se­nen Reak­ti­on auf die öko­no­mi­schen Fol­gen von Pan­de­mien. Regie­run­gen und Pri­vat­wirt­schaft soll­ten Metho­den zur Bekämp­fung von »Fehl­in­for­ma­tio­nen« (»mis- and dis­in­for­ma­ti­on«) ent­wi­ckeln. Auch in phar­ma­zeu­ti­sche Pro­duk­te, wie etwa Impf­stof­fe, soll­ten Regie­run­gen investieren.

Bereits 2010 hat­te die Rocke­fel­ler-Stif­tung ein pan­de­mi­sches Sze­na­rio hypo­the­tisch durch­ge­spielt und publi­ziert. Als Fol­ge der Pan­de­mie wur­de die Ent­wick­lung einer stren­ge­ren staat­li­chen Obrig­keit mit auto­ri­tä­rem Füh­rungs­stil inklu­si­ve einer ent­spre­chen­den bür­ger­li­chen Gegen­wehr für plau­si­bel gehal­ten. Auch extre­me Maß­nah­men und her­me­ti­sche Ein­schrän­kun­gen zur Ein­däm­mung der Pan­de­mie unter ande­rem mit einer »welt­um­span­nen­den« Mas­ken­pflicht wur­den für mög­lich gehalten.

Ber­ga­mo und Angstpolitik

Nach­dem dann im Febru­ar 2020 die ers­ten COVID-19-Fäl­le in Nord­ita­li­en gemel­det wur­den, gin­gen, den ent­spre­chen­den Mel­dun­gen aus Chi­na ähn­lich, Bil­der von über­füll­ten Inten­siv­sta­tio­nen, über­las­te­ten Kre­ma­to­ri­en und Mili­tär­fahr­zeu­gen, die Lei­chen abtrans­por­tier­ten, um die Welt. Die »Bil­der aus Ber­ga­mo« wur­den zum Topos, mit dem Ver­weis auf sie konn­te man Maß­nah­men gegen die Aus­brei­tung des Virus anschau­lich recht­fer­ti­gen. Schnell wur­de aber deut­lich, daß in Nord­ita­li­en die Alters­struk­tur der Bevöl­ke­rung, die Luft­ver­schmut­zung und vor allem der Zustand des Gesund­heits­sys­tems eine beson­de­re Rol­le spiel­ten. Die Über­las­tung des ita­lie­ni­schen Gesund­heits­sys­tems war bereits von der sai­so­na­len Grip­pe her bekannt. Die­se Umstän­de fan­den jedoch kaum oder gar kei­nen Ein­gang in die Bericht­erstat­tung der Mas­sen­me­di­en. Durch pani­sche Fehl­ent­schei­dun­gen wur­de die Situa­ti­on in Nord­ita­li­en ver­mut­lich noch ver­schärft. Men­schen mit leich­ten Sym­pto­men kamen in die Kran­ken­häu­ser und wur­den von dort in Alten­hei­me über­wie­sen. Sol­che Ein­wei­sun­gen stell­ten sich als eine töd­li­che Fal­le für vie­le der Betrof­fe­nen, inklu­si­ve des Per­so­nals, her­aus. Spä­ter kam der mit kli­ni­schen Beob­ach­tun­gen unter­mau­er­te Ver­dacht auf, daß die COVID-19-Pati­en­ten in Nord­ita­li­en in der Panik etwa mit einer Intu­ba­ti­on zur künst­li­chen Beatmung über­the­ra­piert wur­den und dar­an verstarben.

Die Mas­sen­me­di­en blie­ben, im Unter­schied zur Schwei­ne­grip­pe 2009, in erstaun­lich gleich­för­mi­ger Wei­se unkri­tisch gegen­über dem offi­zi­el­len Nar­ra­tiv der Regie­rungs­or­ga­ne und ihrer Bera­ter, die sozia­len Medi­en wie Twit­ter, Face­book und You­Tube zen­sier­ten kri­ti­sche Bei­trä­ge. Erst mit dem Jah­res­wech­sel 2020 / 21 wur­de deut­li­che­re Skep­sis wahr­nehm­bar. Die Welt am Sonn­tag leg­te am 7. Febru­ar die­ses Jah­res Vor­gän­ge offen, die zu der anfäng­li­chen Kri­tik­lo­sig­keit bei­getra­gen haben dürf­ten. Die Zei­tung berich­te­te über Doku­men­te aus dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern (BMI), die offen­leg­ten, daß die Bun­des­re­gie­rung in Gestalt des BMI wis­sen­schaft­li­che Ein­rich­tun­gen im März 2020 dazu ange­hal­ten hat­te, Daten zu gene­rie­ren, mit denen Maß­nah­men »repres­si­ver Natur« gerecht­fer­tigt wer­den könn­ten. Das Ergeb­nis war das zunächst ver­trau­li­che Stra­te­gie­pa­pier »Wie wir ­COVID-19 unter Kon­trol­le bekom­men«, in dem man von über einer Mil­li­on Toten im Jah­re 2020 in Deutsch­land aus­ging. Dabei berief sich das BMI auf ein »Exper­ten­team«, auf wel­ches das Amt unmit­tel­bar zuvor selbst mit dem Ziel ein­ge­wirkt hat­te, mög­lichst bedroh­li­che Ein­schät­zun­gen abzu­ge­ben, damit die­se wie­der­um für die ent­spre­chen­den poli­ti­schen Zwe­cke ein­ge­setzt wer­den könn­ten. Zur Stra­te­gie des BMI gehör­te damit auch das geziel­te Schü­ren von Ängs­ten, gera­de auch bei Kindern.

Unklar ist, wel­che Rol­le dabei eine Risi­ko­ana­ly­se zum epi­de­mi­schen Bevöl­ke­rungs­schutz aus dem Jahr 2012 spiel­te, in der eine fik­ti­ve Pan­de­mie durch ein SARS-Virus ange­nom­men wur­de. Das Sze­na­rio einer »Pan­de­mie durch Virus Modi-SARS« wur­de unter fach­li­cher Feder­füh­rung des Robert-Koch-Insti­tuts (RKI) und Mit­wir­kung wei­te­rer Bun­des­be­hör­den ent­wi­ckelt. Es wur­de dabei her­vor­ge­ho­ben, daß im Rah­men von not­wen­di­gen Schutz­maß­nah­men Grund­rech­te (Frei­zü­gig­keit, Ver­samm­lungs­frei­heit) ein­ge­schränkt wer­den könn­ten. Dabei ver­an­schlag­te man die Sterb­lich­keits­ra­te bei den Erkrank­ten mit zehn Pro­zent und sah eine ent­spre­chen­de Kom­mu­ni­ka­ti­on in Print­me­di­en, Fern­se­hen, Social Media vor. »Nur wenn die Bevöl­ke­rung von der Sinn­haf­tig­keit von Maß­nah­men (etwa Qua­ran­tä­ne) über­zeugt ist, wer­den sich die­se umset­zen lassen«.

 

Grund­rech­te und Krankenhauskapazitäten

Wäh­rend die deut­sche Regie­rung zu Beginn des Jah­res 2020 die gesund­heit­li­che Gefahr für die Bevöl­ke­rung als gering ein­schätz­te und dies auf einer Pres­se­kon­fe­renz am 28. Janu­ar durch Gesund­heits­mi­nis­ter Spahn und RKI-Chef Wie­ler, der noch am 14. Febru­ar von einer schwe­ren Grip­pe­wel­le sprach, auch öffent­lich kom­mu­ni­zier­te, wen­de­te sich das Blatt Ende Febru­ar mit der Ein­set­zung eines Kri­sen­stabs. Seit dem 3. März 2020 einigt sich die Bund-Län­der-Kon­fe­renz regel­mä­ßig auf (ver­fas­sungs­recht­lich umstrit­te­ne) Anord­nun­gen, Ver­län­ge­run­gen, Locke­run­gen und Ver­schär­fun­gen der bekann­ten Ein­däm­mungs­maß­nah­men nach chi­ne­si­schem Vor­bild (Lock­down), bestehend aus Zwangs­maß­nah­men: von Kon­takt­be­schrän­kun­gen, Aus­gangs­sper­ren und Qua­ran­tä­ne über die Schlie­ßung von fast allen Ein­rich­tun­gen bis zur Mas­ken­pflicht im öffent­li­chen Raum und dem soge­nann­ten Ver­weil­ver­bot an öffent­li­chen Plät­zen. Drin­gend gebo­te­ne Ope­ra­tio­nen wur­den ver­scho­ben, um Kran­ken­haus­ka­pa­zi­tä­ten für COVID-19-­Pa­ti­en­ten freizuhalten.

Begrün­det wur­den die har­ten Ein­schnit­te in das pri­va­te und öffent­li­che Leben zunächst mit einer dro­hen­den Über­las­tung des Gesund­heits­sys­tems. »Flat­ten the Cur­ve«, die Infek­ti­ons­kur­ve flach hal­ten, hieß die Paro­le, mit der man die Bevöl­ke­rung auf die Ein­däm­mungs­maß­nah­men ein­schwor. Als epi­de­mio­lo­gi­sche Para­me­ter für eine fla­che Kur­ve galt zunächst eine Ver­dop­pe­lung der fest­ge­stell­ten Neu­in­fek­tio­nen wäh­rend eines Zeit­raums von nicht weni­ger als zwei Wochen, spä­ter von nur noch zehn Tagen. Außer­dem durf­te der R‑Wert (wie vie­le ande­re Per­so­nen steckt ein Mensch durch­schnitt­lich an?) nicht grö­ßer als eins sein – ein Para­me­ter der auch bei nied­ri­gen Inzi­den­zen schnell erreicht ist. Schließ­lich wur­de die Anzahl der Neu­in­fek­tio­nen pro 100 000 Ein­woh­ner pro Woche zum epi­de­mio­lo­gi­schen Para­me­ter für die Recht­fer­ti­gung von Lock­down-Maß­nah­men. Für die­se Inzi­den­zen wur­den Mit­te Novem­ber mit dem »Drit­ten Gesetz zum Schutz der Bevöl­ke­rung bei einer epi­de­mi­schen Lage von natio­na­ler Trag­wei­te« abso­lu­te Schwel­len­wer­te ins Infek­ti­ons­schutz­ge­setz ein­ge­bracht; deren Über­schrei­tung ver­band man mit gesetz­lich ver­pflich­ten­den Schutz­maß­nah­men, die je nach Schwel­len­wert eine Abschwä­chung, eine Kon­trol­le oder eine Ein­däm­mung des Infek­ti­ons­ge­sche­hens zum Ziel haben. Die­se Schwel­len­wer­te sind inso­fern will­kür­lich, als daß die Inzi­den­zen von der Anzahl der Tes­tun­gen abhängen.

Die Daten des zu Beginn der Coro­na-Kri­se ein­ge­rich­te­ten deut­schen Inten­siv­bet­ten­re­gis­ters (DIVI-Inten­siv­re­gis­ter) zei­gen jedoch, daß das deut­sche Gesund­heits­sys­tem sich seit Beginn der Kri­se zu kei­nem Zeit­punkt auch nur annä­hernd an der Gren­ze zur Über­las­tung befand. Auch die mutier­ten Vari­an­ten von SARS-CoV‑2 mit einer um 50 Pro­zent erhöh­ten Über­trag­bar­keit konn­ten dar­an nichts ändern. Ange­sichts der rela­tiv unauf­fäl­li­gen epi­de­mio­lo­gi­schen Daten ste­hen die Ein­schrän­kun­gen der Grund­rech­te aus Sicht vie­ler Bür­ger in kei­nem Ver­hält­nis mehr zum Nut­zen der Maßnahmen.

 

Leta­li­tät und Todeszahlen 

Die anfäng­lich von der WHO kom­mu­ni­zier­te Ster­be­ra­te (Leta­li­tät) von über drei Pro­zent der Fäl­le (»repor­ted cases«) ist wis­sen­schaft­lich irre­füh­rend: Wäh­rend das RKI heu­te mit Hil­fe von Model­lie­run­gen eine Leta­li­tät von ca. 1,1 Pro­zent angibt, ermit­tel­te das Stu­di­en­team KoCo19 in einer Münch­ner Stich­pro­be auf Grund­la­ge empi­ri­scher Daten 0,47 Pro­zent, die For­scher­grup­pe um Pro­fes­sor Hen­drik Stre­eck, eben­falls durch empi­ri­sche Unter­su­chun­gen, eine Infek­ti­ons­sterb­lich­keits­ra­te von 0,36 Pro­zent. Und der Pro­fes­sor für Epi­de­mio­lo­gie und Bevöl­ke­rungs­ge­sund­heit an der Stan­ford-Uni­ver­si­tät, John Ioann­i­dis, ermit­tel­te empi­risch 0,23 Pro­zent. Die­ser Wert liegt knapp über der Span­ne, die in der wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur mit 0,1 bis 0,2 Pro­zent für die sai­so­na­le Grip­pe ange­ge­ben wird. Unter Berück­sich­ti­gung der welt­weit unter­schied­li­chen Alters­struk­tur der Bevöl­ke­rung errech­ne­te Ioann­i­dis eine Leta­li­tät (Infek­ti­ons­sterb­lich­keits­ra­te) von 0,15 bis 0,2 Prozent.

Der aktu­el­le Alters­me­di­an der Ver­stor­be­nen mit posi­ti­vem SARS-CoV-2-​Test­ergeb­nis liegt bei 84 Jah­ren (»Täg­li­cher Lage­be­richt« des RKI vom 9. März 2021). Das sind zwei Jah­re über der all­ge­mei­nen Lebens­er­war­tung (Alters­me­di­an Ver­stor­be­ner) in Deutsch­land im Jahr 2019. In der Grip­pe­sai­son 2018 / 19 lag der Alters­me­di­an der an Influ­en­za Ver­stor­be­nen, den Mel­de­da­ten zufol­ge, bei nur 78 Jah­ren (RKI: »Bericht zur Epi­de­mio­lo­gie der Influ­en­za in Deutsch­land Sai­son 2018 / 19«). Dem­nach wirk­te sich die Influ­en­za bei jün­ge­ren Bevöl­ke­rungs­grup­pen öfter töd­lich aus als ­COVID-19. Ent­spre­chend sind jün­ge­re Men­schen deut­lich weni­ger von SARS-CoV‑2 betrof­fen als von Influ­en­za. Die Fall­zah­len bei Kin­dern und Jugend­li­chen sind im Ver­gleich zur Influ­en­za in der Grip­pe­sai­son 2018 / 19 gering. Die Alters­grup­pen null bis vier und fünf bis 14 Jah­re machen nur 1,8 und 4,3 Pro­zent der gemel­de­ten Fäl­le aus. Bei Influ­en­za der Grip­pe­sai­son 2018 / 19 waren es in die­sen Alters­grup­pen dage­gen 13 und elf Prozent.

Auch eine unge­wöhn­li­che Übersterb­lich­keit war im Coro­na-Jahr bis­her nicht fest­stell­bar. Eine abschlie­ßen­de sta­tis­ti­sche Ana­ly­se zur Beur­tei­lung einer soge­nann­ten Übersterb­lich­keit liegt zwar noch nicht vor (Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt: »Ster­be­fäl­le 2016 – 2021«, Son­der­aus­wer­tung zu den Ster­be­fäl­len 2016 bis 2021, Stand 8. März 2021), bis­her wur­den jedoch ledig­lich tem­po­rä­re Erhö­hun­gen gegen­über den Vor­jah­ren fest­ge­stellt, etwa im Dezem­ber um 29 Pro­zent, ähn­lich der Hong­kong-Grip­pe 1969. Aber auch in den Jah­ren 2017 und 2018 gab es durch die sai­so­na­le Grip­pe im Früh­jahr eben­falls tem­po­rä­re Häu­fun­gen von Todes­fäl­len (Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt: Pres­se­mit­tei­lung Nr. 044 vom 29. Janu­ar 2021). Schon der Alters­me­di­an der Ver­stor­be­nen legt nahe, daß eine Infek­ti­on mit SARS-CoV‑2 vor allem bei aus­ge­prägt vor­er­krank­ten Men­schen zum Tode führt. Dar­aus ent­brann­te eine öffent­li­che Dis­kus­si­on dar­um, ob die Todes­op­fer nun an oder nur mit Coro­na ver­stor­ben sei­en. Nor­ma­ler­wei­se wird jemand, der fünf Jah­re lang mit einer Lun­gen­krebs­er­kran­kung rang und zuletzt eine Lun­gen­ent­zün­dung nicht über­leb­te, den an Krebs Ver­stor­be­nen zuge­rech­net. SARS-CoV-2-Infi­zier­te zähl­te das RKI hin­ge­gen auch ohne Kau­sal­zu­sam­men­hang in die Ster­be­sta­tis­tik die­ser Epi­de­mie. Die Aus­wir­kun­gen von COVID-19 auf die Mor­ta­li­tät in Deutsch­land blie­ben offen­sicht­lich über­schau­bar. Der Anteil von COVID-19 an den Atem­wegs­er­kran­kun­gen und die durch ­COVID-19-Pati­en­ten beleg­ten Inten­siv­bet­ten mach­ten nur jeweils einen Bruch­teil der Gesamt­heit aus, und auch eine tem­po­rär auf­ge­tre­te­ne Übersterb­lich­keit war ver­gleich­bar mit vori­gen Jahren.

 

Mas­ken­pflicht und Hygiene

Gegen die PCR-Tests zur Fest­stel­lung von Infek­tio­nen mit SARS-CoV‑2 wur­den schwe­re Beden­ken geäu­ßert. Der Test kann zwar spe­zi­fi­sches Virus­ma­te­ri­al fest­stel­len, nicht jedoch im Ein­zel­fall sicher­stel­len, ob das nach­ge­wie­se­ne Virus­ma­te­ri­al intakt und der Getes­te­te erkrankt oder gar infek­ti­ös ist. Für das Schreck­ge­spenst der »asym­pto­ti­schen Infek­tio­nen« konn­ten bis heu­te kaum belast­ba­re empi­ri­sche Bele­ge erbracht wer­den. Dadurch erscheint eine all­ge­mei­ne Mas­ken­pflicht frag­wür­dig, vor allem im öffent­li­chen Raum außer­halb von Gesundheitseinrichtungen.

Auch die gerin­ge Anzahl gemel­de­ter Fäl­le von Influ­en­za in der ­COVID-19-​Sai­son 2020 / 21 sind nichts Unge­wöhn­li­ches und spre­chen nicht zwin­gend für das Tra­gen von Mas­ken: In den Sai­son­jah­ren 2011 / 12 und 2013 / 14 gab es auch ohne Mas­ken­pflicht ähn­lich gerin­ge Mel­de­zah­len für Influ­en­za. Und gera­de für die­se Infek­ti­ons­krank­heit hat­te die ame­ri­ka­ni­schen Seu­chen­schutz­be­hör­de CDC eine Meta­ana­ly­se empi­ri­scher Daten aus ran­do­mi­sier­ten und kon­trol­lier­ten Stu­di­en mit dem Ergeb­nis publi­ziert, daß die­se kei­nen Nach­weis für die Wirk­sam­keit von Mas­ken im öffent­li­chen Raum erbrin­gen konn­ten. Der Ein­bruch an gemel­de­ten aku­ten respi­ra­to­ri­schen Erkran­kun­gen (ARE) und Influ­en­za-ähn­li­chen Erkran­kun­gen erfolg­te etwa ab der 36. Kalen­der­wo­che 2020, also mit­ten im August, lan­ge nach der Ein­füh­rung des ers­ten Lock­downs im März oder der Mas­ken­pflicht Ende April und lan­ge vor Beginn der erneu­ten Ver­schär­fung der Ein­däm­mungs­maß­nah­men im Febru­ar 2021. Die Ursa­chen für den Rück­gang der aku­ten respi­ra­to­ri­schen Erkran­kun­gen seit dem Som­mer blei­ben unklar. Mög­lich ist auch, daß die Besin­nung auf ein seit Jahr­zehn­ten bewähr­tes kon­ven­tio­nel­les Hygie­never­hal­ten – wie etwa, Gesell­schaft zu mei­den, wenn man Krank­heits­sym­pto­me auf­weist – zu dem Rück­gang bei­getra­gen haben könnte.

Bele­ge für die Wirk­sam­keit soge­nann­ter nicht-phar­ma­zeu­ti­scher Maß­nah­men (Lock­down) stüt­zen sich vor allem auf theo­re­ti­sche Modell­rech­nun­gen. Dies auch mit empi­ri­schen Ana­ly­sen nach­zu­wei­sen erwies sich offen­bar als schwie­rig. So wie die Aus­wer­tung der Mel­de­da­ten nach dem Infek­ti­ons­schutz­ge­setz durch das RKI sich nur schwie­rig oder gar nicht direkt mit den Kon­takt­be­schrän­kun­gen in Zusam­men­hang brin­gen läßt, kom­men inter­na­tio­na­le Ana­ly­sen zu ähn­li­chen Ergeb­nis­sen. Dem­nach ent­wi­ckelt sich das Infek­ti­ons­ge­sche­hen weit­ge­hend unab­hän­gig davon, ob und wel­che Maß­nah­men ergrif­fen wurden.

 

Kol­la­te­ral­schä­den und Ethik

Die War­nun­gen von Exper­ten vor unver­hält­nis­mä­ßi­gen Kol­la­te­ral­schä­den wur­den weit­ge­hend igno­riert, obwohl der Bun­des­re­gie­rung bereits im Mai 2020 die inter­ne Eva­lua­ti­on des Coro­na-Kri­sen­ma­nage­ments eines Regie­rungs­rats aus dem für den Schutz kri­ti­scher Infra­struk­tu­ren zustän­di­gen Refe­rat KM4 im Innen­mi­nis­te­ri­um vor­ge­le­gen hat­te. Die unter Betei­li­gung exter­ner Exper­ti­se ange­fer­tig­te Ana­ly­se dia­gnos­ti­zier­te gra­vie­ren­de Fehl­leis­tun­gen des Kri­sen­ma­nage­ments und kam zu dem Ergeb­nis schwer­wie­gen­der gesund­heit­li­cher Schä­den durch die Maß­nah­men zum Infek­ti­ons­schutz: »Der Kol­la­te­ral­scha­den ist inzwi­schen höher als der erkenn­ba­re Nut­zen«, heißt es in dem Doku­ment. Damit wur­den die Ergeb­nis­se zahl­rei­cher wis­sen­schaft­li­cher Stu­di­en und Ana­ly­sen vor­weg­ge­nom­men, die spä­ter zu ähn­li­chen Schluß­fol­ge­run­gen kom­men soll­ten. Dabei wur­de auch die War­nung vor den Fol­gen der öko­no­mi­schen Aus­wir­kun­gen wie Arbeits­lo­sig­keit und Armut von pro­mi­nen­ter Sei­te wis­sen­schaft­lich gestützt. Die Aus­ar­bei­tung wur­de vom Minis­te­ri­um jedoch als Pri­vat­mei­nung ver­wor­fen (Deut­scher Bun­des­tag: Druck­sa­che 19 / 19928, 19 / 20309). Wäh­rend man im März 2020 der Regie­rung noch eine all­ge­mei­ne Ver­un­si­che­rung und die mög­li­cher­wei­se emp­fun­de­ne Pflicht zugu­te hal­ten konn­te, im Zwei­fel die Gefahr einer unbe­kann­ten Seu­che schwe­rer zu gewich­ten als mög­li­che Kol­la­te­ral­schä­den, so fällt auf, daß nach dem Früh­ling 2020 eine fun­dier­te Nut­zen-Scha­den-Abwä­gung und die Prü­fung von Alter­na­ti­ven zur bis­he­ri­gen Pan­de­mie-Poli­tik unter­blie­ben. Unter ande­rem hät­te der Aus­bau der Inten­siv­bet­ten­ka­pa­zi­tä­ten, die per­so­nel­le und mate­ri­el­le Aus­stat­tung der Gesund­heits­äm­ter sowie ein Schutz­pro­gramm für vul­nerable Bevöl­ke­rungs­grup­pen nahe­ge­le­gen. Statt des­sen hat­te die Füh­rung Deutsch­lands immer noch kaum Kennt­nis dar­über, wel­che medi­zi­ni­schen Risi­ken ihre Poli­tik für die Bür­ger des Lan­des barg: »Dezi­dier­te Erkennt­nis­se zu den gesund­heit­li­chen Fol­gen für die Bevöl­ke­rung in Deutsch­land, die in Zusam­men­hang mit den Pan­de­mie-beding­ten Ver­än­de­run­gen im Ver­sor­gungs­ge­sche­hen ste­hen könn­ten«, lagen der Bun­des­re­gie­rung Ende Juni nicht vor (Deut­scher Bun­des­tag: Druck­sa­che 19 / 21298).

Durch Stel­lung­nah­men aus dem deut­schen Gesund­heits­sys­tem und Unter­su­chun­gen aus dem Aus­land waren zu die­sem Zeit­punkt aller­dings bereits Hin­wei­se und Daten über die medi­zi­ni­schen Kol­la­te­ral­schä­den der Maß­nah­men bekannt, die eigent­lich ergrif­fen wur­den, um die Gesund­heit der Bevöl­ke­rung vor COVID-19 zu schüt­zen (Deut­scher Bun­des­tag: Druck­sa­che 19 / 21015). Auch der Anstieg der Sui­zi­de bzw. Sui­zid­ver­su­che war seit Mai öffent­lich doku­men­tiert (Abge­ord­ne­ten­haus Ber­lin: Druck­sa­che 18 / 19026). Die Bun­des­re­gie­rung schien an den vor­han­de­nen Infor­ma­tio­nen über Kol­la­te­ral­schä­den nicht son­der­lich inter­es­siert. Im Gegen­teil, ein aus­ge­such­ter Kreis von Bera­tern aus der Natio­na­len Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten Leo­pol­di­na riet der Regie­rung, den bis­he­ri­gen Kurs fort­zu­set­zen und zu ver­schär­fen (»7. Ad-hoc-Stel­lung­nah­me« vom 8. Dezem­ber 2020).

 

Imp­fen und Vertrauen

Vor über einem Jahr­zehnt initi­ier­te Wolf­gang Wodarg die Unter­su­chun­gen des Euro­pa­ra­tes zur Schwei­ne­grip­pe-Pan­de­mie H1N1 2009/10. Damit soll­te der Ein­fluß von Phar­ma­kon­zer­nen auf inter­na­tio­na­le, euro­päi­sche und natio­na­le Gesund­heits­be­hör­den auf­ge­klärt wer­den. In ihrer dar­auf­hin ver­ab­schie­de­ten Reso­lu­ti­on lis­te­te die Par­la­men­ta­ri­sche Ver­samm­lung des Euro­pa­ra­tes auf, wie ver­ant­wor­tungs­los die H1N1-Pan­de­mie gehand­habt wor­den war, und zwar sowohl von der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) als auch von den inter­na­tio­na­len, euro­päi­schen und natio­na­len Gesund­heits­be­hör­den. Kri­tik­punk­te waren die Ver­zer­rung der Prio­ri­tä­ten in der Gesund­heits­po­li­tik, die zu einer Ver­schwen­dung öffent­li­cher Gel­der und zu unge­recht­fer­tig­ten Befürch­tun­gen hin­sicht­lich der Gesund­heits­ri­si­ken für die Bevöl­ke­rung geführt habe, und gra­vie­ren­de Män­gel in bezug auf die Trans­pa­renz der Ent­schei­dungs­pro­zes­se im Zusam­men­hang mit der Pan­de­mie, die zu Beden­ken hin­sicht­lich des mög­li­chen Ein­flus­ses der Phar­ma­in­dus­trie auf eini­ge der wich­tigs­ten Ent­schei­dun­gen im Zusam­men­hang mit der Pan­de­mie führ­ten. Die Ver­samm­lung befürch­te­te, daß die­ser Man­gel an Trans­pa­renz und Rechen­schafts­pflicht zu einem Ver­trau­ens­ver­lust in die öffent­li­chen Gesund­heits­ein­rich­tun­gen füh­ren könn­te. Im Lau­fe des fol­gen­den Jahr­zehnts wur­den die Risi­ken ver­zerr­ter Prio­ri­tä­ten die­ser Poli­tik deut­li­cher. Bei einem der Impf­stof­fe gegen die Schwei­ne­grip­pe, der zumin­dest für Tei­le der Fach­welt uner­war­tet schnell und nach dem Kon­zept der »Mus­ter­impf­stof­fe« zuge­las­sen wer­den konn­te (»Pan­dem­rix® vor der Markt­ein­füh­rung«, in: Deut­sche Apo­the­ker-Zei­tung 41 / 2009), wur­de eine sel­te­ne, aber schwe­re Neben­wir­kung nach­ge­wie­sen. Das Prä­pa­rat Pan­dem­rix konn­te Nar­ko­lep­sie auslösen.

In der COVID-19-Pan­de­mie setz­te die Regie­rung erneut auf Impf­stof­fe als Lösung, womit sie in der Bevöl­ke­rung sowohl Hoff­nun­gen weck­te als auch Ängs­te schür­te. Vor­be­hal­te gegen­über den eilig ent­wi­ckel­ten und bedingt zuge­las­se­nen Impf­stof­fen gegen SARS-CoV‑2 / COVID-19 sind nahe­lie­gend, vor allem, weil es sich bei man­chem der Prä­pa­ra­te um kei­nen kon­ven­tio­nel­len, son­dern um einen neu­ar­ti­gen Typ von Impf­stoff han­delt, der den Mecha­nis­mus natür­li­cher Erre­ger nach­ahmt und das Erb­ma­te­ri­al des Virus mit künst­li­chen Nano­par­ti­keln in die Zel­le schleust. Die Zulas­sungs­da­ten lie­ßen bei der unter­such­ten Stu­di­en­po­pu­la­ti­on in dem Unter­su­chungs­zeit­raum auf kei­ne unge­wöhn­li­chen Impf­re­ak­tio­nen und Neben­wir­kun­gen schließen.

Das Paul-Ehr­lich-Insti­tut mel­de­te Mit­te Janu­ar 2021 »kei­ne Sicher­heits­be­den­ken bei Coro­na-Impf­stof­fen bis­her« (Ärz­te­zei­tung, 2021), wobei mög­li­che Lang­zeit­fol­gen bei die­ser Bewer­tung kei­ne Rol­le spie­len konn­ten. Für Beun­ru­hi­gung in der Öffent­lich­keit sorg­te zuletzt vor allem der Impf­stoff von Astra­Ze­ne­ca, bei dem es sich nicht um Lipid-Nano­par­ti­kel mit RNS han­delt, son­dern um einen Vek­tor­i­mpf­stoff mit einem Ade­no­vi­rus, das DNS ent­hält. Die gemel­de­ten und mit Besorg­nis dis­ku­tier­ten Fäl­le schwe­rer Impf­re­ak­tio­nen heben die Not­wen­dig­keit sorg­fäl­ti­ger Über­wa­chung gesund­heit­li­cher Fol­ge­wir­kun­gen her­vor. Vie­le euro­päi­sche Län­der, dar­un­ter am 15. März 2021 auch Deutsch­land, setz­ten die Anwen­dung daher zunächst aus. Auch durch die­se Vor­gän­ge wird die all­ge­mei­ne Ver­un­si­che­rung mit ein­her­ge­hen­dem Ver­trau­ens­ver­lust in die Gesund­heits­be­hör­den deut­lich. Ange­sichts die­ser Irri­ta­tio­nen und der mode­ra­ten epi­de­mio­lo­gi­schen Lage stellt sich auch hier die Fra­ge der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit, ein gan­zes Volk »durch­imp­fen« zu wollen. ¡

 

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