Oxfordianische Lektionen (3): Vero Nihil Verius

1909 verkündete der amerikanische Gelehrte Charles William Wallace den größten Fund der Shakespeare-Forschung "seit hundertfünfzig Jahren".

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Spä­te­re Wis­sen­schaft­ler stimm­ten die­ser Ein­schät­zung zu. Samu­el Schoe­n­baum (1927–1996), eine Kory­phäe sei­nes Fachs, sprach sogar von der “Shake­speare-Ent­de­ckung des Jahr­hun­derts”. Wor­um han­del­te es sich?

Wil­liams hat­te nach jah­re­lan­ger Wühl­ar­beit durch (nach eige­ner Aus­sa­ge) fünf Mil­lio­nen Doku­men­te aus der eli­sa­be­tha­ni­schen Zeit eine eides­statt­li­che Erklä­rung aus dem Jahr 1612 ent­deckt, geschrie­ben in der drit­ten Per­son von einem Sekre­tär, unter­zeich­net in einer kra­ke­li­gen, kaum les­ba­ren Klaue mit dem Namen “Wilm Shakp”.

Der Fall, in den Strat­ford-Shak­spe­re ver­wi­ckelt war, dreh­te sich um einen Damen­hut­ma­cher namens Mount­joy, der von sei­nem Schwie­ger­sohn ver­klagt wur­de, weil er die ver­spro­che­ne Mit­gift nicht bezahlt hat­te. Shak­spe­re, der eine Zeit lang bei den Mount­joys gewohnt hat­te, hat­te offen­bar beim Arran­ge­ment der Ehe mit­ge­hol­fen, und wur­de des­halb als Zeu­ge vor Gericht bestellt. Er konn­te sich aller­dings nicht mehr genau an die Bedin­gun­gen der Mit­gift erinnern.

Die­ses epo­cha­le Fund­stück offen­bart frei­lich nur wenig über den Men­schen und rein gar nichts über den Dich­ter Wil­liam Shake­speare. Auch zur Beant­wor­tung der Autor­schafts­fra­ge lie­fert es kei­nen Bei­trag. Das hin­der­te die Bio­gra­phen nicht, sich in eksta­ti­sche Rhap­so­dien hin­ein­zu­stei­gern.  Joe Sobran zitiert eini­ge davon:

“Daß Shake­speare mit einer hart arbei­ten­den Fami­lie das Dach und das All­tags­le­ben teil­te, und sogar sei­ne Hil­fe anbot, um zwei jun­ge Men­schen glück­lich zu machen, läßt ihn als genau den Mann erschei­nen, den die Welt ger­ne in ihm sehen möch­te: unprä­ten­ti­ös, sym­pa­thisch und durch und durch mensch­lich.”  (Charles Wil­liam Wal­lace, der Ent­de­cker des Fundstückes)

“Uns wur­de das Glück zuteil, einen Blick auf den König der Dich­ter zu erha­schen, wie er sich unbe­fan­gen unter den beschei­de­ne­ren Gegen­stän­den sei­ner Kunst bewegt, was nicht nur die Berich­te über sei­ne welt­läu­fi­ge Mensch­lich­keit bestä­tigt, son­dern auch dar­auf hin­deu­tet, daß Shake­speare, weit davon ent­fernt, von dem unüber­wind­ba­ren Wider­wil­len befal­len zu sein, sich eine ande­re Spra­che als die eige­ne anzu­eig­nen, zu den Mount­joys gegan­gen sein könn­te, um sein Fran­zö­sisch zu ver­bes­sern.” (Peter Alexander)

“Auch hier erken­nen wir Shake­speares urei­ge­ne Beson­nen­heit; er ließ sich nicht zu einer mög­li­cher­wei­se unge­nau­en Aus­sa­ge ver­lei­ten, son­dern tat für bei­de Par­tei­en sein Bes­tes.” (Peter Quennell)

“Von allen Shake­speare-Doku­men­ten zeigt nur der Belott-Mount­joy-Pro­zeß, daß er inmit­ten des Roh­ma­te­ri­als für bür­ger­li­che Komö­di­en leb­te. Trotz sei­ner krä­mer­haf­ten oder schä­bi­gen Unter­tö­ne, offen­bart das Gerichts­ver­fah­ren den Dich­ter-Dra­ma­ti­ker als einen etwas ver­wirr­ten Sterb­li­chen.” (Samu­el Schoenbaum)

“Sein Ver­stand arbei­te­te mit blitz­ar­ti­ger Geschwin­dig­keit und sei­ne Sin­ne waren stän­dig in Bewe­gung. Er war über­all dort anzu­tref­fen, wo etwas Auf­re­gen­des pas­sier­te und wenn er genug hat­te, schloß er die Tür und schrieb sei­ne Gedich­te. Im Mount­joy-Haus gab es immer so viel Auf­re­gung, wie er brauch­te.” (Robert Payne)

Vie­le Shake­speare-Bio­gra­phien sind rand­voll mit frei flot­tie­ren­den Phan­ta­sien die­ser Art, die sich an völ­lig tro­cke­nen und dürf­ti­gen Doku­men­ten ent­zün­den. Sie zei­gen die Inten­si­tät des Bedürf­nis­ses, der Per­son Shake­speares hab­haft zu wer­den und die eher ent­täu­schen­de Fak­ten­la­ge zu kompensieren.

Die Iro­nie könn­te nicht grö­ßer sein: Wäh­rend die Strat­for­dia­ner wie hyp­no­ti­siert auf jeden nichts­sa­gen­den Fet­zen Papier starr­ten, den sie nach müh­se­li­ger Suche in die Hand beka­men und wie eine Reli­quie ver­ehr­ten, wei­ger­ten sie sich stur, die zum Bers­ten gefüll­te Schatz­kam­mer, die Tho­mas Loo­ney hin­ter ihrem Rücken auf­ge­schlos­sen hat­te, auch nur wahrzunehmen.

Hier bot sich plötz­lich ein greif­ba­rer und scharf kon­tu­rier­ter Mensch aus Fleisch und Blut an, über den ungleich mehr über­lie­fert war als über Mr. Shak­spe­re, alle Wün­sche der frus­trier­ten Shake­speare-For­scher der Jahr­hun­der­te erfül­lend, hät­ten sie sich nicht in das Bild vom stil­len, spon­tan genia­len “Bar­den” aus dem Vol­ke verliebt.

So stark wirk­te das 1623 von Ben Jon­son und sei­nen Kom­pli­zen in die Welt gesetz­te Para­dig­ma, daß sie es nicht über sich brach­ten, es los­zu­las­sen und außer­halb sei­nes Rah­mens zu den­ken, obwohl der Wítz für alle, die Augen im Kopf hat­ten, seit Jahr­hun­der­ten offen zuta­ge lag, im Hans­wurst auf dem Kup­fer­stich, den Mar­tin Droes­hout für die Titel­sei­te des “ers­ten Foli­os” ange­fer­tigt hatte.

Sobran schreibt zu Recht:

Im star­ken Kon­trast hier­zu [den ernüch­tern­den Erfah­run­gen der Oxfor­dia­ner], wird sich der For­scher, der die Auf­zeich­nun­gen über Oxfords Leben stu­diert, alles ande­re als ent­täuscht füh­len. Ganz im Gegen­teil wird er immer wie­der schock­haf­te Momen­te des Wie­der­erken­nens erleben.

Loo­ney, ein flei­ßi­ger und pas­sio­nier­ter Außen­sei­ter, hat­te somit der Zunft der eta­blier­ten aka­de­mi­schen Shake­spearo­lo­gen eine “nar­ziss­ti­sche Krän­kung” zuge­fügt, auf die sie mit ent­spre­chen­der Aggres­si­on und Abwehr reagierte.

Der Mann, der letz­te­ren psy­cho­lo­gi­schen Begriff geprägt hat, Sig­mund Freud, zähl­te übri­gens zu den frü­hen Anhän­gern der Oxford-Theo­rie. 1935 schrieb er:

Ich glau­be nicht mehr, daß der Schau­spie­ler Wil­liam Shake­speare aus Strat­ford der Ver­fas­ser der Wer­ke ist, die ihm so lan­ge zuge­schrie­ben wur­den. Seit der Ver­öf­fent­li­chung des Buches “Shake­speare Iden­ti­fied” von J. Th. Loo­ney bin ich nahe­zu über­zeugt davon, daß sich hin­ter die­sem Deck­na­men  tat­säch­lich  Edward de Vere, Earl of Oxford, verbirgt.

Freud war bei wei­tem nicht der ein­zi­ge pro­mi­nen­te Kopf, der sich über­zeu­gen ließ. Zuspruch kam vor allem aus den Rei­hen von Lite­ra­ten und Schau­spie­lern, dar­un­ter gro­ße Shake­speare-Dar­stel­ler wie Orson Wel­les, John Gie­l­gud, Micha­el York, Ken­neth Bra­nagh oder Derek Jaco­bi. “Main­stream” wur­de der Oxfor­dia­nis­mus 2011 mit dem Kos­tüm­spek­ta­kel “Anony­mus” von Roland Emme­rich, das lei­der nur halb­ge­lun­gen ist und an den Kino­kas­sen floppte.

Das Inter­es­se an Edward de Vere hat aller­dings seit dem Film gehö­ri­gen Auf­trieb bekom­men und hält bis heu­te an: So erschie­nen in den letz­ten Jah­ren gleich zwei Doku­men­tar­fil­me aus oxfor­dia­ni­scher Per­spek­ti­ve: “Not­hing Is Tru­er Than the Truth” (2018) und “The Truth Behind the Name” (2021). Der bes­te Film ist aber immer noch die Doku­men­ta­ti­on “Last Will. & Tes­ta­ment” (2011), die zusam­men mit dem Emme­rich-Schin­ken herauskam.

Der Kampf zwi­schen Strat­for­dia­nern und Oxfor­dia­nern währt nun schon über ein Jahr­hun­dert, und obwohl letz­te­re inzwi­schen erheb­li­ches Gelän­de für sich gewin­nen konn­ten, bleibt das Estab­lish­ment der Shake­speare-For­schung stramm strat­for­dia­nisch. Der Strat­for­dia­nis­mus bestimmt nach wie vor “die Wahr­heit” der Schul­bü­cher, Lite­ra­tur­ge­schich­ten und Wikipedia-Artikel.

Amü­sant wird es, wenn man sich ansieht, mit wel­chen Mit­teln die Anti-Strat­for­dia­ner seit eh und je bekämpft wur­den. Das Estab­lish­ment ver­wei­ger­te lan­ge jeg­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit den oxfor­dia­ni­schen Argu­men­ten, und sträubt sich bis auf den heu­ti­gen Tag, auch nur den kleins­ten berech­tig­ten Zwei­fel an der offen­kun­di­gen Wahr­heit der Autor­schaft Wil­liam Shak­spe­res einzuräumen.

Hank Whit­temo­re schrieb im Vor­wort zu sei­nem Buch 100 Rea­sons Shake-speare was the Earl of Oxford (2016):

Die­je­ni­gen, die glau­ben, daß “Wil­liam Shake­speare” ein Pseud­onym für ein hoch­ran­gi­ges, viel­sei­tig begab­tes, etwas exzen­tri­sches Mit­glied der Aris­to­kra­tie des eli­sa­be­tha­ni­schen Eng­lands war, wer­den als Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, Eli­tis­ten oder psy­chisch Labi­le ver­höhnt. Die­se Men­schen, so sagt man, wol­len nicht akzep­tie­ren, daß der gro­ße Dich­ter und Dra­ma­ti­ker aus beschei­de­nen Ver­hält­nis­sen stamm­te und sich am eige­nen Schopf aus dem Sumpf gezo­gen hat. Sie wol­len nicht akzep­tie­ren, daß Shake­speare ganz ein­fach ein “Genie” war, das sei­ne Vor­stel­lungs­kraft nut­zen konn­te, um sei­ne Meis­ter­wer­ke zu schaffen.

Exem­pla­risch für die Unter­stel­lung eines nar­ziss­ti­schen Aris­to­kra­tie-Kom­ple­xes ist etwa die­ses Zitat von Samu­el Schoenbaum:

In bestimm­ten typi­schen Merk­ma­len des anti­strat­for­dia­ni­schen Ver­hal­tens las­sen sich psy­cho­pa­tho­lo­gi­sche Mus­ter erken­nen. Die Abscheu des Ket­zers vor dem Pro­vin­zi­el­len und Gemei­nen; die Über­hö­hung sei­nes Hel­den (und, durch Iden­ti­fi­ka­ti­on, sei­ner selbst), indem er ihn mit einem aris­to­kra­ti­schen, sogar könig­li­chen Stamm­baum aus­stat­tet; sei­ne para­no­iden Denk­struk­tu­ren, die die klas­si­schen Para­pher­na­lia des Ver­fol­gungs­wahns umfas­sen: Geheim­nis­se, Flü­che, Ver­schwö­run­gen; der Zwang, in Kir­chen, Schlös­sern, Fluß­bet­ten und Grä­bern zu gra­ben; die Selbst­hyp­no­se, Geis­ter­er­schei­nun­gen und ande­ren hal­lu­zi­na­to­ri­schen Phä­no­me­ne; in eini­gen Fäl­len das buch­stäb­li­che Abglei­ten in den Wahn­sinn – all die­se Mani­fes­ta­tio­nen einer unru­hi­gen Psy­che legen nahe, daß die Bewe­gung weni­ger die Exper­ti­se des Lite­ra­tur­his­to­ri­kers als viel­mehr die Ein­sicht des Psych­ia­ters erfor­dert. Dr. Freud läßt grüßen.

Dr. Freud, der iro­ni­scher­wei­se von der Oxford-Theo­rie “nahe­zu über­zeugt” war!

Ähn­lich wie Schoe­n­baum äußer­te sich 2017 der ortho­do­xe Strat­for­dia­ner Sir Jona­than Bate, einer der ange­se­hens­ten leben­den Shake­speare-Spe­zia­lis­ten, in einer öffent­li­chen Debat­te (ein­seh­bar auf You­tube) mit dem Oxfor­dia­ner Alex­an­der Waugh, mit dem er pri­vat eng befreun­det ist:

Dies ist eine Debat­te. Der Schlüs­sel zum Geist einer Debat­te ist die­ser: Sind Sie bereit, Ihre Mei­nung zu ändern? Glau­ben Sie an evi­denz­ba­sier­te Argu­men­te? Oder bevor­zu­gen Sie Zufäl­le, Ver­schwö­run­gen und Kryp­to­gram­me, ver­steck­te Codes? Ich bin hier, um für his­to­ri­sche Bewei­se, für die Wahr­heit, für Fak­ten zu sprechen.

Ich weiß jedoch, daß ich in unse­rer post-fak­ti­schen Welt die Gläu­bi­gen der “Fake News”, daß Shake­speare nicht Shake­speare geschrie­ben hat, nicht umstim­men kann. Ich wer­de die Oxford-Kul­tis­ten, die Flug­blät­ter auf Ihre Stüh­le gelegt haben, nicht über­zeu­gen. Kul­tis­ten las­sen Emo­tio­nen und Wunsch­den­ken über Bewei­se und gesun­den Men­schen­ver­stand sie­gen. Ich bin hier, um mich an die Agnos­ti­ker unter Ihnen zu wen­den. Die wah­ren Gläu­bi­gen der ver­fälsch­ten Geschich­te sind ein hoff­nungs­lo­ser Fall. Aber ich mag sie sehr gern. Sie tra­gen zur “Hei­ter­keit der Natio­nen” bei.

Zu den auch wirt­schaft­lich inter­es­sier­ten Ver­tei­di­gern des Strat­for­dia­nis­mus zäh­len Insti­tu­tio­nen wie die Stif­tung “Shake­speare Birth­place Trust”, die 2013 ein Buch mit dem Titel Shake­speare Bey­ond Doubt her­aus­gab, das den Anti-Strat­for­dia­nern ein für alle Mal den Gar­aus machen woll­te. Die­se ant­wor­te­ten unter Feder­füh­rung von Alex­an­der Waugh mit dem Gegen­buch Shake­speare Bey­ond Doubt?, das den tref­fen­den Unter­ti­tel “Expo­sing an Indus­try in Deni­al” trug.

Der Ehren­prä­si­dent des Birth­place Trust, der renom­mier­te Shake­speare­for­scher Stan­ley Wells (*1930), fuhr schwe­re Geschüt­ze auf, um die Oxfor­dia­ner zu dis­kre­di­tie­ren: “It is dan­ge­rous and immo­ral to ques­ti­on histo­ry”, “Es ist gefähr­lich und unmo­ra­lisch, die Geschich­te in Fra­ge zu stel­len”, soll Wells nach Aus­kunft von Alex­an­der Waugh gesagt haben.

2007 schrieb Wells:

In mei­ner mehr als fünf­zig­jäh­ri­gen Lauf­bahn habe ich Shake­speare stän­dig gele­sen und wie­der gele­sen, sein Leben und sei­ne Wer­ke stu­diert und gelehrt, alle sei­ne Stü­cke unzäh­li­ge Male auf der Büh­ne, im Film und im Fern­se­hen gese­hen, über ihre Bedeu­tung nach­ge­dacht und geschrie­ben und sie alle sowohl für die Oxford Uni­ver­si­ty Press als auch für Pen­gu­in herausgegeben.

Es ist bezeich­nend, daß er sei­ne Stel­lung­nah­me mit einem “Auto­ri­täts­ar­gu­ment” beginnt. Die­ses ist auch die wesent­li­che Grund­la­ge sei­nes stren­gen Verdikts:

Wäh­rend die­ser gan­zen Zeit wur­de ich, obwohl ich nie den gerings­ten Grund gese­hen habe, sei­ne Urhe­ber­schaft anzu­zwei­feln, häu­fig mit der Ver­mu­tung kon­fron­tiert, daß sie nicht von Wil­liam Shake­speare aus Strat­ford-upon-Avon geschrie­ben wur­den, son­dern zum Bei­spiel von Fran­cis Bacon, Chris­to­pher Mar­lo­we, dem Earl of Oxford – übri­gens ein wirk­lich schreck­li­ches Werk! – und in jün­ge­rer Zeit Sir Hen­ry Nevil­le, Lady Mary Sid­ney und, erst heu­te, Ful­ke Greville. (…)

Ich hof­fe, daß ich noch imstan­de bin, ver­nünf­tig und (bis zu einem gewis­sen Grad) höf­lich mit die­sem The­ma umzu­ge­hen, aber die Zeit der Tole­ranz ist vor­bei. Es gibt kei­nen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel dar­an, dass Wil­liam Shake­speare aus Strat­ford-upon-Avon die Wer­ke vefaßt hat, die ihm tra­di­tio­nell zuge­schrie­ben werden.

Nun: Ich habe mich in die Autor­schafts­fra­ge ver­tieft, und nach mei­nem Ermes­sen gibt es zuhauf “ver­nünf­ti­ge Zwei­fel” an “Wil­liam Shake­speare aus Strat­ford-upon-Avon”, und zwar völ­lig unab­hän­gig davon, wel­chen Kan­di­da­ten man als Alter­na­ti­ve in Betracht zieht. Das ist die all­er­min­des­te Erkennt­nis, die man aus der anti-strat­for­dia­ni­schen Lite­ra­tur mit­nimmt. Und wie aus die­ser Arti­kel­se­rie her­vor­ge­hen dürf­te, scheint mir die Evi­denz zuguns­ten Edward de Veres über­wäl­ti­gend zu sein.

Was nun? Wer bin ich klei­ner Ama­teur gegen hoch­an­ge­se­he­ne Exper­ten wie Jona­than Bate oder Stan­ley Wells, die das Werk Shake­speares mit Sicher­heit viel bes­ser ken­nen als ich? Muß ich nun an mei­nem Ver­stand und mei­ner Urteils­kraft zwei­feln, und mich demü­tig den Auto­ri­tä­ten fügen?

Hin­zu kommt, daß ich als neu­rech­ter Publi­zist natür­lich hoch­ver­däch­tig bin, aris­to­kra­ti­sche Kom­ple­xe zu hegen. Daß berüch­tig­te Reak­tio­nä­re wie Enoch Powell oder Joe Sobran eben­falls im de-Vere-Lager stan­den, kann doch kein Zufall sein! (Und auch Alex­an­der Waugh ist als Enkel von Eve­lyn und Sohn von Aube­ron Waugh ziem­lich suspekt.)

Der geneig­te Leser wird all­mäh­lich kapiert haben, wor­auf ich hin­aus­will: Wir haben es auch hier mit einem Estab­lish­ment aus “Exper­ten” zu tun, das der Welt sei­ne Leh­re als dog­ma­ti­sche, unan­tast­ba­re Wahr­heit ver­kau­fen will, und das Häre­ti­ker weni­ger mit Argu­men­ten als mit Diff­fa­mie­run­gen bekämpft: der “Shake­speare-Leug­ner” ist in ihren Augen ein Spin­ner, ein Dilet­tant, ein Geis­tes­kran­ker, ein “eli­tis­ti­scher” Demo­kra­tie- und Wis­sen­schafts­feind, ein Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, mit ande­ren Wor­ten das, was man heut­zu­ta­ge als “Schwur­b­ler” bezeichnet.

Nun ist es frei­lich nicht so, daß Strat­for­dia­ner immer Unrecht und Oxfor­dia­ner immer Recht hät­ten. Die “ortho­do­xen” Gelehr­ten haben enorm viel Wis­sen über Shake­speares Wer­ke und sei­ne Zeit zusam­men­ge­tra­gen, und die Geschich­te der “Autor­schafts­fra­ge” ist in der Tat voll mit Spin­nern, Schwär­mern, Roman­ti­kern, Exzen­tri­kern und Irrlichtern.

Berüch­tigt ist etwa Tho­mas Loo­neys Schü­ler Per­cy Allen (1875–1959), ein füh­ren­der Oxfor­dia­ner und Urhe­ber der “Prince Tudor Theo­ry”, der in den vier­zi­ger Jah­ren Sean­cen abhielt, in denen er sich intim mit dem Geis­tern von Shak­spe­re, Fran­cis Bacon und Edward de Vere unter­hal­ten haben will, die ihm die Ant­wor­ten auf alle noch offe­nen Fra­gen ein­flüs­ter­ten.  Die­se “Gesprä­che” schil­der­te er aus­führ­lich in sei­nem Buch Talks with Eliza­be­thans (1945), das der Glaub­wür­dig­keit der Oxfor­dia­ner einen Bären­dienst erwies.

Es kam auch häu­fig vor, daß sich die Oxfor­dia­ner min­des­tens genau­so dog­ma­tisch, sek­tie­re­risch, bor­niert und unfair ver­hiel­ten wie ihre strat­for­dia­ni­schen Gegen­spie­ler – denen umge­kehrt Schwär­me­rei und Roman­tik auch nicht immer ein Fremd­wort waren.

Wo aber steht geschrie­ben, daß Spin­ner, Schwär­mer, Roman­ti­ker, Exzen­tri­ker und Dilet­tan­ten zwangs­läu­fig falsch lie­gen müs­sen? Gera­de die Geschich­te der Autor­schafts­fra­ge Shake­speares zeigt, daß “die Wis­sen­schaft” immer wie­der der lei­den­schaft­li­chen “Quer­den­ker” bedarf, die außer­halb star­rer Para­dig­men zu den­ken imstan­de sind, und die oft Ver­blüf­fen­des und Über­se­he­nes zuta­ge för­dern, nicht sel­ten ver­mischt mit den Schla­cken von Irr­tü­mern und per­sön­li­chen Schrul­len. So hat gewiß auch die Schu­le der “Baco­nis­ten”, die in eine Sack­gas­se geführt hat, zur Klä­rung der Wahr­heit beigetragen.

Der Oxfor­dia­nis­mus ist heu­te längst sei­nen Kin­der­schu­hen ent­wach­sen, und hat dick­lei­bi­ge, gelehr­te Wer­ke auf hohem Niveau her­vor­ge­bracht, ver­faßt von erst­klas­si­gen Autoren, die ihren Shake­speare min­des­tens so gut ken­nen und so sehr lie­ben wie ein Schoe­n­baum, Wells oder Bate. Es ist auch nicht mehr “ehren­rüh­rig”, ein Oxfor­dia­ner zu sein – man wird damit als Aka­de­mi­ker zwar kei­ne gro­ße Kar­rie­re machen kön­nen, aber auch nicht sei­nen guten Ruf und sei­nen Job ver­lie­ren, im Gegen­satz zu ande­ren kon­tro­ver­sen Mei­nun­gen, die über den lite­ra­ri­schen Elfen­bein­turm hin­aus­wei­sen. Ich für mei­nen Teil kann den Leser nur dazu ein­la­den, sich selbst ein Urteil zu bil­den, wenn sein Inter­es­se geweckt ist.

Was ist die Moral aus die­ser Geschich­te? Wie gesagt: Mein stärks­tes Erleb­nis war der Schock über die Dis­kre­panz zwi­schen den kate­go­ri­schen, abwer­ten­den Aus­sa­gen der Strat­for­dia­ner und der umwer­fen­den Fül­le, Ratio­na­li­tät und Schlüs­sig­keit der Argu­men­te ihrer Wider­sa­cher. Es gibt Din­ge, die über Jahr­hun­der­te, wenn nicht über Jahr­tau­sen­de hin­weg als Wahr­heit akzep­tiert wer­den kön­nen, und die doch auf töner­nen Füßen ste­hen und in Fra­ge gestellt wer­den kön­nen, sol­len und müs­sen. Es liegt in der Natur der Sache, daß man hier stets auf Wider­stand stos­sen wird, ob im Äuße­ren oder Inneren.

Wahr­schein­lich hat jeder von uns die eine oder ande­re lieb­ge­won­ne­ne Über­zeu­gung, die in sei­nem inner­see­li­schen Haus­halt eine so gro­ße Rol­le spielt, daß er es vor­zieht, sie auch trotz gegen­tei­li­ger Evi­den­zen vor Zwei­feln abzu­schir­men. Man­che Din­ge wer­den wir nie­mals mit Sicher­heit wis­sen kön­nen; und zuwei­len müs­sen wir uns ent­schei­den, ob wir agnos­tisch blei­ben oder Par­tei ergrei­fen wollen.

Die­se Ent­schei­dung wird häu­fig nicht von unse­rem Kopf getrof­fen, son­dern von unse­rem Her­zen oder auch unse­rem Bauch. Ich selbst wer­de mei­ne oxfor­dia­ni­sche Über­zeu­gung wohl schon des­halb nicht mehr ändern, weil sie mir eine Quel­le inten­si­ven geis­ti­gen Ver­gnü­gens bie­tet. Es ist schlicht­weg die span­nen­de­re Geschich­te, für die ich mich ent­schie­den habe, aller­dings in völ­li­ger Kon­gru­enz mit mei­nen ratio­na­len Erwä­gun­gen. Ich den­ke nicht, daß ich mei­ner Ver­nunft hier ein Leid getan habe, ganz im Gegenteil.

Die­je­ni­gen, die eine über­kom­me­ne Wahr­heit oder ein angreif­ba­res Dog­ma ver­tei­di­gen, sind nicht immer Nar­ren oder Unwis­sen­de oder gar bewuß­te Lüg­ner. Die hart­nä­cki­ge mensch­li­che Fähig­keit zur Selbst­täu­schung, häu­fig ver­bun­den mit kryp­tore­li­giö­sen Sen­ti­ments, ist immens. Die­se Tat­sa­che ver­blüfft mich immer wie­der, mehr als irgend­ei­ne ande­re Eigen­schaft der “con­di­tio huma­na”. Viel­leicht ist sie ein Schlüs­sel zur Weltgeschichte.

Vie­les, was die Strat­for­dia­ner Böses über die Oxfor­dia­ner gesagt haben, wirkt wie eine psy­cho­lo­gi­sche Pro­jek­ti­on, der offen­bar erstaun­li­che blin­de Fle­cken zugun­de­lie­gen. Bewei­se, evi­denz­ba­sier­te Argu­men­te und gesun­der Men­schen­ver­stand fin­den sich weit­aus häu­fi­ger im Oxford- als im Strat­ford-Lager, auch wenn Jona­than Bate das Gegen­teil behaup­tet. Geg­ne­ri­sche Par­tei­en ähneln ein­an­der oft wie Spie­gel­bil­der, aber sie haben nicht immer glei­cher­ma­ßen an der Wahr­heit teil (z. B. den­ke ich nicht, daß die Befür­wor­ter eines bestimm­ten, zur Zeit viel­dis­ku­tier­ten medi­zi­ni­schen Ein­griffs auch nur “ein biß­chen” Recht haben).

Als den­ken­der und reflek­tier­ter Mensch soll­te man sich stets bewußt sein, daß man auch selbst von der Fähig­keit zum Irr­tum und zur Selbst­täu­schung nicht aus­ge­nom­men ist. Wie aber demü­tig blei­ben, ohne sich vor einer Ent­schei­dung zu drü­cken? Ein rus­sisch-ortho­do­xer Pries­ter sag­te ein­mal zu mir, daß uns Gott neben der Lie­be auch die Wahr­heit als höchs­tes Gut anver­traut hat. Der Kampf für die Wahr­heit erfor­dert den Mut zum Irr­tum. Man muß sich ent­schei­den. Über­trie­be­ne Skep­sis kann auch ein Zei­chen von Feig­heit sein.

Damit wäre ich wie­der beim Earl of Oxford ange­langt. Sein Fami­li­en­na­me “Vere” kann auf das latei­ni­sche verus = “wahr” zurück­ge­führt wer­den. Edward de Vere lei­te­te dar­aus das Mot­to sei­nes Wap­pens ab: Vero Nihil Veri­us, “nichts ist wah­rer als die Wahr­heit”. Nun: Ist die­se Aus­sa­ge nicht genau­so ein Unsinn wie “nichts ist gel­ber als gelb sel­ber”? Oder ist hier eine schmei­chel­haf­te Anspie­lung auf die Iden­ti­tät des Earls ver­steckt (“Nichts ist wah­rer als Vere”)?

Viel­leicht bedeu­tet die­ses Mot­to die ulti­ma­ti­ve Iro­nie für das Leben eines Man­nes, des­sen Gestalt weit über sei­nen Tod hin­aus von Thea­ter, Trug und Täu­schung umschat­tet war, und des­sen wah­re Iden­ti­tät erst nach Jahr­hun­der­ten ans Tages­licht gekom­men ist.

Ich für mei­nen Teil neh­me es als Mah­nung, der Wahr­heit ver­pflich­tet zu blei­ben, so gut mir dies mit allen mei­nen Schwä­chen mög­lich ist.

 

Wei­ter­füh­ren­de Links zu Shakespeare/Edward de Vere:

The De Vere Socie­ty of Gre­at Britain

Shake­speare Oxford Fellowship

Shake­speare Aut­hor­s­hip Sourcebook

Hank Whittemore’s Shake­speare Blog

Neue Shake-speare Gesell­schaft (deutsch­spra­chi­ge Seite)

Laug­witz-Ver­lag

Alex­an­der Waugh  (You­tube-Kanal)

Oxfraud – Anti-Oxford-Seite

 

Emp­feh­lens­wer­te Bücher:

Mark Ander­son: Shake­speare by Ano­t­her Name: The Life of Edward de Vere, Got­ham 2005.

Charles Beau­clerk: Shakespeare’s Lost King­dom: The True Histo­ry of Shake­speare and Eliza­beth, Gro­ve Press 2011.

Kurt Krei­ler: Der Mann, der Shake­speare erfand, Insel-Ver­lag 2009.

J. Tho­mas Loo­ney: “Shake­speare” Iden­ti­fied, Veri­tas Publi­ca­ti­ons 2019 (EA 1920).

Charl­ton Ogburn jr: The Mys­te­rious Wil­liam Shake­speare: The Myth and the Rea­li­ty, Dodd & Mead 1984.

Richard Paul Roe: The Shake­speare Gui­de to Ita­ly, Har­per Peren­ni­al 2011.

Joseph Sobran: Genannt: Shake­speare. Die Lösung des größ­ten lite­ra­ri­schen Rät­sels, Dumont 2002.

Hank Whit­temo­re: 100 Rea­sons Shake-speare was the Earl of Oxford, Fore­ver Press 2016.

Martin Lichtmesz

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Kommentare (67)

Maiordomus

16. Januar 2022 22:05

Banalitäten im Umgang mit Kleinbürgern lassen sich auf ganz ähnliche Art für den 26 Wochen währenden Aufenthalt von Paracelsus in St. Gallen 1531 nachweisen, bei dem es zu einem Streit um die Anwendung einer Kur mit aufgelegten lebenden Regenwürmern gegenüber dem Sohn des St. Galler Koches Kaspar Tischmacher kam, aufgezeichnet vom Tagebuch schreibenden Kaufmann Johannes Rütiner, einsehbar in der Bibliothek Vadiana St. Gallen. Dort steht auch, der im Ruf eines Magiers stehende Heiler habe seine Künste von Zigeunern erlernt, was man ihm aber zur Rufschädigung angehängt hat und was man nicht zum Nennwert nehmen darf. Fast die ganze Lebensgeschichte von Faust aus Knittlingen und Paracelsus aus Einsiedeln drohte bzw. droht über die längste Zeit der Rezeptionsgeschichte in allerlei Legenden zu ertrinken. Man könnte über diese beiden die deutsche Geistesgeschichte mitprägenden Persönlichkeiten eine ähnliche Serie hier publizieren wie es Lichtmesz gegenüber Shakespeare unternimmt. Die Unklarheiten erlauben fast jedwedes Szenario.  

anatol broder

16. Januar 2022 23:11

ein autistischer junge wünschte jahrelang eine rote katze als haustier. in einem augenblick der schwäche brachte seine mutter ihm ein kleines rotes kätzchen. darauf fasste sich der junge an den kopf und rief: «du hast meinen traum zerstört.»

ML: Ich versteh's ned.

ede

17. Januar 2022 01:05

Ganz großartig, Herr Lichtmesz! Danke.

Kurativ

17. Januar 2022 02:35

Es ist ein Vergnügen, Martin Lichtmeszs typischen Spott über die Stratfordianer zu lesen.

Auch wenn "Lorenz" mich wieder hassen wird: Für mich hat diese ganze elisabethanischen Entstehungs-Mytologie von einen Ledermacher-Sohn aus Stratfort etwas mit der religiösen Vergötterung der Entstehungszusammenhänge von Bibel und Coran zu tun. Je unverstänlicher, desto "Göttlicher" oder anbetungswürdiger. Und das gibt es auch beim abschnittsweisen Kauderwelsch im Talmud.

Vielleicht sollte die "neue Rechte" irgendwelchen unverständlichen Blödsinn schreiben, den man dann in warmen Sommernächten mit religiösen Formeln umtanzen kann. So wie es die Linken mit Texten von Marx machen.

Koek Boeri

17. Januar 2022 04:51

Ebenso wie in der früheren Sowjetunion nur die stratfordianische Version von Shakespeare erlaubt wurde (seit Ende 20er bis zum Mitte 70er durfte man die anderen Hypothesen sogar nicht erwähnen), schlicht aus den ideologischen Gründen: der grosse englische Dichter MUSSTE ein Werktätiger, Vertreter der progressiven Kleinbourgeosie und ein "Mensch aus dem Volke" sein, ist das englische Establishment auch daran interessiert, stark auf die Stratford-Theorie zu halten. Natürlich, ist es den Engländern nicht verboten andere Versionen zu besprechen, die Redefreiheit gibt es da noch, zumindest was die 400 Jahre alten Ereignisse anbetrifft. Aber auch da ist es ideologisch richtig (und politisch korrekt) im Autor der Shakespeare´s Werke den Schauspielen W.Sh. zu sehen. Eben weil er ein "Werktätiger"; "Mensch aus dem Volke" und  Vertreter der progressiven Kleinbourgeosie ist, absolut ähnlich wie in der SU. Die britische Monarchie ist schon lange, seit Liz I., keine Monarchie des Adels, sondern Monarchie der Kaufleute und Bourgeosie.

ML: Genauer gesagt, seit Jakob I.

Und für sie ist die Version mit dem Grafen von Oxford genauso nicht "political correct", wie für bolschewistische Literaturwissenschaftler.

Laurenz

17. Januar 2022 04:51

@ML

Sie haben das wieder gut recherchiert, insoweit man diese Nummer der wahren Identität Shakespeares überhaupt recherchieren kann. Es bedeutete allerdings auch für die von Ihnen favorisierte Persönlichkeit Zeit Ihres Lebens einen enormen Aufwand an Disziplin, die Umgebung über das eigene tägliche Tun im Unklaren zu lassen.

ML: Die "Umgebung" war sich völlig im Klaren, wie unzählige Anspielungen in verschiedenen Büchern zeigen. Einige habe ich ja zitiert.

Wie wahrscheinlich allen, ist dieser Disput mir in der Vergangenheit schon ein paar mal über den Weg gelaufen. Aber das Lesen Ihrer 3 Artikel war jetzt tatsächlich wieder richtig spannend & die bisher intensivste Beschäftigung damit.

Einen vielleicht unangenehmen Punkt möchte ich Ihnen hierzu, 

"was die Stratfordianer Böses über die Oxfordianer gesagt haben, wirkt wie eine psychologische Projektion",

näher bringen. Was bewegt denn die Stratford-Fraktion dazu,

"die eine überkommene Wahrheit oder ein angreifbares (tief religiöses) Dogma (zu) verteidigen" ?

Ich würde in den Raum stellen, einerseits den historischen Mangel an kulturellen Größen & den Mangel an kulturellen Größen explizit in einer dünner vorhandenen bürgerlichen Schicht, betrachtet im Vergleich zum Kontinent.

Laurenz

17. Januar 2022 05:08

@ML (2)

Die Stratfordianer haben einen "bürgerlichen" Shakespeare wohl mit ihrem eigenen Selbstverständnis verbunden. Sie tun nichts anderes, als ein 

"Glaubensbekenntnis"

zu verteidigen. Der Stratford-Shakespeare fungiert hier als "Erlöser" in einem vielleicht nie verheilten Konflikt.

Die Briten, also inklusive der Engländer, sind mehrheitlich eine Mischung aus Angelsachsen & ursprünglichen Kelten, die seit 1066 von einer dünnen Schicht des normannischen Hochadels beherrscht wird. (ca. 3k angelsächsische Adelsfamilien wurden, unter Wilhelm dem Eroberer, durch ca. 200 normannische Barone ersetzt.)

De Vere ist Normanne, einem Vertreter, wenn Sie so wollen, der Besatzungsmacht, welche nie zerschlagen wurde, wenn auch später das doch belanglose Königshaus durch Deutsche ersetzt wurde. Aber der Hochadel, die Barone (House of Lords), blieben dieselben Normannen, die durch ein paar Juden in der nachelisabethanischen Zeit (Wilhelm von Oranien, Glory Revolution) ergänzt wurden.

ML: Ja, die de Veres waren normannischer Abstammung.

Sie, ML, wollen also einen angelsächsischen Shakespeare zu einem Arsch von Normannen machen, das geht natürlich nicht.

Historische Parallelen zu einem ähnlichen historischen Konflikt im Nahen Osten sind also rein zufällig.

Laurenz

17. Januar 2022 05:12

@Kuratevka

Falls meine Beiträge durchgehen, sehen Sie, daß wir gar nicht so weit auseinanderliegen, zumindest in der historischen Funktionsweise einer unterdrückten Gesellschaft.

Der Gehenkte

17. Januar 2022 10:40

1/1

"der Wahrheit verpflichtet zu bleiben"

Aufgrund mangelnder Zeit konnte ich das Triptychon noch nicht begutachten, habe jetzt nur die Schlußtafel, die Konklusion gesehen. Da wird die große Summe gezogen - aber geht sie auf, kann sie aufgehen? 

Der Wahrheit verpflichtet bleiben ist ein hohes Ideal, nur ist die Wahrheit schwer zu greifen und oft gibt es nicht mal eine oder eine. Die permanente Aufmerksamkeit und Selbsthinterfragung, das ständige Ermöglichen auch einer "Kopernikanischen Wende" oder eines Paradigmenwechsels ist dringend vonnöten. Wie das im Wissenschaftsprozeß funktioniert haben Thomas S. Kuhn und Paul Feyerabend schon vor Jahrzehnten zur Genüge beschrieben. 

Einen Verfasser der Shakespearschen Dramen muß es gegeben haben, oder mehrere, ergo kann man diese Wahrheit potentiell ergründen. Hier auf dem Blog wurde in Hinblick auf Virentheorie auch von Kopernikus gesprochen. Doch sind diese Erkenntniswege und Erkenntnisgegenstände nur bedingt miteinander vergleichbar. …

Der Gehenkte

17. Januar 2022 10:41

1/2

… Kopernikus‘ Wahrheit setzte sich gegen die unmittelbare empirische Evidenz durch, weil es ihm, Galilei, Kepler u.a. gelang, durch Beobachtung und Berechnung die rein visuell zu erwartenden Tatbestände zu erschüttern. Ihr Verdienst war es, quasi eine extraterrestrische Position einzunehmen, etwas, was dem menschlichen Wahrnehmungsapparat nicht zusteht. Hinzu kam, daß sich das geozentrische Weltbild im kirchlichen Dogma verfestigt hatte, weil es die biblische Anthropologie – die sich selbst der empirischen Evidenz verschrieben hatte - zu unterstützen schien. Ähnlich wie bei Shakespeare ist hier die Wahrheit objektiv faßbar, wenn auch interpretationsoffen.

Im Corona-Komplex ist die Sache allerdings komplizierter. Das geht schon bei der Gefahreneinschätzung los. Daraus ergeben sich Begriffe wie „Pandemie“ und folglich auch die Begründung der Notwendigkeit der Impfung bis hin zur Impfpflicht. Das sind graduelle „Wahrheiten“, ganz stark von den individuellen Einschätzungen und Vorannahmen abhängig. Die Wahrheit, wie bei Shakespeare, gibt es hier nicht. Ergo sollte man seinen Einsatz modifizieren: statt Wahrheiten verkünden zu wollen, müssen wie bescheidener bleiben und uns mit Kritik begnügen. Da geht es ums Graduelle, nicht ums Ganze – vorerst zumindest. Und die sollte in alle Richtungen gehen.

Auf keinen Fall darf man der Versuchung erliegen, sich selbst – aufgrund seines Andersseins, Dagegen-Seins – einer Kopernikanischen Wende zu verdächtigen.

Maiordomus

17. Januar 2022 11:33

@Der Gehenkte. Seit ich weiss, dass Ihr Pseudonym mit einem Text von Stefan George zu tun hat, nehme ich Ihre Einsprüche hier sehr ernst. 

Was Sie hier schreiben über "Kritik" statt Wahrheit entspricht z.B. der vom grossen Medizinhistoriker Karl Sudhoff in den 1890-er Jahren begründeten "Kritik der Echtheit der Paracelsischen Druckschriften", womit die Detailforschung für hundert Jahre und mehr auf den Weg geschickt wurde, wiewohl es um diese Thematik in den letzten Jahrzehnten wegen der einstigen Überschätzung des "Ingenium teutonicum" und weil auch das "Faustische" längst nicht mehr Mode ist, längst ruhiger geworden ist. Dies ist natürlich bei der Ruhmesgeschichte von Shakespeare nicht der Fall. Ein vor 5 Jahren verstorbener junger Kollege von mir schrieb in Zürich eine genialische Dissertation über die Homerische Frage, die im Vergleich zu Shakespeare sogar noch mehr Rätsel aufgibt. Wegen unkonventionellem Ansatz wurde er in der Forscherszene jedoch wenig ernst genommen, so wie ein neuer Nietzsche heute wohl an einer Uni chancenlos wäre.  

Old Linkerhand

17. Januar 2022 11:43

Nichts ist wahrhaftiger als die Wahrheit.

ML: Sehr gut!

Laurenz

17. Januar 2022 14:38

@Old Linkerhand

"Nichts ist wahrhaftiger als die Wahrheit."

So macht Bewußtsein Feige aus uns allen;

Niemand

17. Januar 2022 15:06

@Der Gehenkte:
Es ist richtig, dass "Pandemie" ein politischer und kein wissenschaftlicher Begriff ist. Gleichwohl will mir nicht einleuchten, warum die wesentlichen Fragen zu Corona in geringerem Maße der Wissenschaft zugänglich sein sollen als die der Astronomie. Zu diesen Fragen zählen die Beschaffenheit des Virus, Ausprägung und Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung, Möglichkeit der Übertragung etc etc. Die sinngemäß gleichen Fragen stellen sich auch bei den "Impfungen" und auch hier ist mir nicht klar, wieso eine grundlegende wissenschaftliche Erkenntnis schwierig sein soll.

Dass sich aus wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht automatisch zwingende politische Entscheidungen ergeben ist trivialerweise wahr. Aber das Schaffen einer soliden wissenschaftlichen Grundlage für solche Entscheidungen wäre möglich (wenn es denn gewollt wäre).

Maiordomus

17. Januar 2022 15:28

@Niemand. In der Theorie haben Sie vollkommen recht. In der Praxis aber stellt sich das berüchtigte Problem der "Konsens-Objektivität" bzw. des anwaltschaftlichen Interessensystems. Max Weber forderte in diesem Sinne eine Wissenschaft, die von politischer Verantwortung eben befreit ist. Sobald sie aber dazu verpflichtet wird, verwandelt sich Wissenschaft selektiv in Politik im Sinn einer Engführung der Informationen. Es muss, wenn man es geschickt macht, nicht mal extra gelogen werden.  

Der Gehenkte

17. Januar 2022 15:43

@ Niemand @ Old Linkerhand

"Wahrheit ist die Art von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Wert für das Leben entscheidet zuletzt." (Nietzsche)

Foucault hat diesen Gedanken in seiner "politischen Ökonomie der Wahrheit" aufgegriffen: "Die Wahrheit ist ein Irrtum, der nicht mehr abgewiesen werden kann, weil er durch eine lange Geschichte hartgesotten wurde." Man kann das etwa nachlesen in den "Dispositiven der Macht": "'Wahrheit' ist zu verstehen als ein Ensemble von geregelten Verfahren für Produktion, Gesetz, Verteilung, Zirkulation und Wirkungsweise der Aussagen".

Daß diese Einsicht sich heute verselbständigt hat und von den gesellschaftlichen Zuständen auch auf ontologische übertragen bzw. als Aufruf zur kreativen und selbstbetrügerischen/selbstirrtümlichen Selbstgestaltung des (eigenen) Seins mißverstanden wird, ändert nichts an der Tatsache, daß alle nicht-materialistische, nicht-physikalische "Wahrheit" eine gewisse Relativität aufweist und diese mit der Macht verbandelt ist.

Umlautkombinat

17. Januar 2022 16:20

daß alle nicht-materialistische, nicht-physikalische "Wahrheit" eine gewisse Relativität aufweist

Allerdings haben die von @Niemand angesprochenen Fragen genau diesen materiellen und physikalischen Inhalt, den man auch mit entsprechenden Instrumentarium naturwissenschaftlich-mathematischer Art korrekt bearbeiten kann.

kikl

17. Januar 2022 16:36

Ich glaube, man sollte sich hüten, sich als Vertreter der unbestreitbaren Wahrheit darzustellen und den intellektuellen Kontrahenten falsche Motive zu unterstellen.

Wunschdenken sieht man hier auf beiden Seite. Beide Seiten wünschen sich ein beispielloses Genie als Autoren der Werke.

Die eine Seite identifiziert sich mit dem bürgerlichen Shakespeare, die andere Seite präferiert den Mantel-und-Degen-Held Earl of Oxford. Die eine Seite wünscht sich einen proletarischen Helden, die andere Seite identifiziert sich mit einem elitären Adligen.

Ich halte Shakespeare als Autoren der Dramen für ausgeschlossen. Nur ein Grund: Seine Werke, die gleichsam seine Kinder sind, hat er in seinem Testament nicht erwähnt.

Der bildschöne Earl of Oxford hatte neben seiner Ehefrau so viele Liebschaften zu bedienen sowie höfische Intrigen und ruhmreiche Abenteuer zu überstehen, dass zum schnöden Dichten nicht viel Zeit blieb. Ein so umfangreiches Werk wie das von Shakespeare hat er allein nicht erschaffen.

Laurenz

17. Januar 2022 17:37

@Niemand @Der Gehenkte

Die WHO lebt zu 4/5 von privaten Zuwendungen, arbeitet also im Sinne besagter Zuwender. Und wenn besagte Zuwender Aktionäre der Pharma-Industrie sind, können diese mit Aspirin kein Geld verdienen, auch dann nicht, wenn Aspirin, wissenschaftlich betrachtet, die beste Therapie für die Krankheit X oder Y ist. Und die Lobby schafft dann die Verbindung zur Politik um neue Medikamente zu verkaufen, am besten für Krankheiten, die vorher noch keiner hatte, wie zB einen zu hohen Cholesterin-Spiegel.

Oder sehen Sie hier, Heilbetriebe

https://dpa-factchecking.com/germany/211228-99-522723

https://publikum.net/olaf-scholz-bruder-jens-millionen-betrug-mit-intensivbetten/

Der Sinnierer

17. Januar 2022 18:18

Als flieszend Anglophoner und seit Jahrzehnten im englischsprachigen Kultur- und Geographieraum lebend, sei mir ein kurzer Kommentar zu Shake-Speare gestattet: Seine Literatur ist groszartig und die Werke suchen ihresgleichen im englischsprachigen Raum. Doch was sagt es ueber eine Sprache und Kultur aus, wenn dessen hoechster schriftstellerischer Punkt vor mehr als 400 Jahre erreicht wurde? Seit Shakespeare ist die englische Sprache bekanntermaszen verarmt, wie schon das banale Beispiel der Abschaffung der Polaritaet in der Anrede (also ubiquitaeres Siezen mit der Abschaffung des thou, thy, thine usf.) aufzeigt, neben Verlust des Konjunktives ("I wish I were") oder Verflachung des Vokabulars. Da koennen wir im deutschsprachigen Raum stolz sein, dasz unser Hoehepunkt erst knapp 50 Jahre zurueckliegt (Heidegger). Oder wie sehen das die anderen hier?

Maiordomus

17. Januar 2022 18:22

@kiki. Die 161 Manuskripte, die Paracelsus pluis minus  bei seinem Tod am 24. Sept. 1541 hinterlassen hat und dann in den Besitz der Pfalzgrafen Ottheinrich kamen, sind in dem von Notar Hans Kalbsohr im Gasthaus zum Weissen Ross in Salzburg am 21. September aufgenommenen Testament nicht erwähnt, überhaupt nicht seine Werke, wiewohl er immerhin dem Barbier Andrä Wendl "Kunstbücher" vermacht hat, worunter man alchemistische Werke versteht, die jedoch zu seinen Lebzeiten nicht gedruckt waren. Selbst noch im Testament der grössten deutschen Dichterin, Annette v. Droste Hülshoff von 1847 ist das schriftstellerische Vermächtnis nur ganz marginal genannt, es werden keine grossen Einnahmen vermutet, falls es solche gibt, sollen die Nichten und Neffen es unter sich teilen; immerhin eine Andeutung auf die Schriftstellerei. Es dürften noch in jeder Menge Schriftstellertestamente auszumachen sein, bei denen die Werke nicht genannt werden. Meistenteils ging es um das Verteilen z.B. von geldwertem Schmuck, bei Paracelsus zum Beispiel ein silberner Kelch mit Löwenköpfen, welcher übrigens dem Abt von Einsiedeln als "Totfall" eines Leibeigenen zugute kam. Die Nichterwähnung der Werke beweist als bei Shakespeares Testament wenig. 

kikl

17. Januar 2022 19:44

Bei dem Umfang des Werkes Shakespeares muss man davon ausgehen, dass die Erschaffung dieser Werke der Dreh- und Angelpunkt seines Lebens war. Für irgendetwas anderes wird er kaum Zeit gehabt haben.

Deswegen ist das völlige Nicht-Erwähnen seines Werkes in seinem Testament ein sehr starkes Indiz dafür, dass er diese Werke nicht erschaffen hat. 

Das Werk Shakespeares umfasst 154 Sonette und fast 38 große Theaterstücke, sie gehören zum Kanon der Englischen Literatur.

Annette von Droste-Hülshoff ist bekannt für einen großen Roman, die Judenbuche, und eine Reihe von Gedichten, insbesondere ihre wunderschönen Balladen.

Ich will nicht sagen, dass Annette faul war, ganz im Gegenteil. Aber sie hätte 500 Jahre lang leben müssen und hätte nicht das Werk Shakespeares erschaffen.

Dass dieser Shakespeare mit einer übermenschlichen Schaffenskraft sein Werk überhaupt nicht in seinem Testament erwähnt, ist für mich undenkbar.

ML: Wichtig ist, dass in seinem Testament keine Bücher, Manuskripte oder Musikinstrumente erwähnt werden.

AndreasausE

17. Januar 2022 20:32

Ohne jeden Zweifel sind die "Shakespeare" zugeschriebenen Werke weder von dem Proleten aus Stratford noch von dem Großkopferten aus Oxford.

Die ganzen alten Quellen sind plumpe Fälschungen, tatsächlich entsprangen die Werke allesamt der Federn des Autorenduos Karl Marx und Friedrich Engels, welche die so nebenher schrieben, während sie die Bibel verfassten.

 

Spaß beiseite: Vielen Dank für diese schöne Trilogie. Vielleicht bringt mich "Duolingo" noch soweit, daß ich mich mal ans Original wagen kann. Ihnen eine gute Zeit!

Laurenz

17. Januar 2022 20:55

@Der Sinnierer (1)

"Englisch im Niedergang"

Mir können Sie damit kommen. Ich habe ein schlechtes Englisch-Abi gemacht, englisch kommunizieren bei einer Japanischen Bank gelernt, schau viel englischsprachige Filme, lese englischsprachige Artikel, habe das Wörterbuch im Rechner immer offen, bin aber weit davon entfernt, wie ein Eingeborener sprechen oder schreiben zu können. 

Einem Berufs-Übersetzer der englischen Sprache, wie ML, werden Sie damit nicht kommen können. Den so jemand muß im Grunde auf die Schnelle eben Shakespeare übersetzen können.

ML: "Auf die Schnelle" kann ich das nicht, und auch nicht "auf die Langsame"!

Und Shakespeare ist auch kein Maßstab, sondern ein Unikum. Ich hatte in einem der vorigen ML-Artikel eine Shakespeare-Statistik verlinkt. Demnach, wenn Sie so wollen, hat Shakespeare ein eigenes Englisch kreiert, also fast wie Tolkien oder Enya.

Laurenz

17. Januar 2022 21:11

@Der Sinnierer (2)

Es existieren angelsächsische Schriften aus dem 7. Jahrhundert. Wenn man die laut liest, klingen die sehr deutsch. Interessant wäre es, einen Historiker dazu zu lesen, der sich damit auskennt. Man kann ja die romanische -, wie auch die germanische Herkunft englischer Wörter leicht ausmachen. Und man kann auch recht gut, den Einfluß der am meisten noch gesprochenen keltischen Sprache im Englischen heraushören, die walisische Sprache, deren Phonetik sich, in meinen Augen, extrem stark auf das Englische ausgewirkt hat.

https://de.wikipedia.org/wiki/Walisische_Sprache

Hier das bekannteste walisische Lied, das Einschlaflied "Suo Gan" in einer recht aktuellen Aufnahme aus 2019.

https://youtu.be/whKw72731L8

Niemand

17. Januar 2022 21:52

Herzlichen Dank an Herrn Lichtmesz für diese Artikelreihe und den Hinweis auf dieses - glücklicherweise gleichermaßen spannende wie an sich harmlose - Thema, in das man sich wunderbar vertiefen kann. Das Buch von Sobran ist sehr gut zu lesen.

Gewisse strukturelle Ähnlichkeiten zu aktuell relevanten Diskussionen sind wohl "weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich". 

Simplicius Teutsch

17. Januar 2022 22:53

Das „Kostümspektakel“ von Roland Emmerich vor einem Jahrzehnt hatte mich insgesamt sehr beeindruckt, war aber anstrengend und teilweise inhaltlich (für mich) unverständlich.

ML: Es hat ihm nicht gut getan, die komplette "Prinz Tudor-Theorie" reinzupacken. Außerdem ist es voller nerviger historischer Fehler...

Ich glaube, mich noch zu erinnern, dass ich zunächst einen inneren Widerstand gegen die Oxfordianische Sichtweise hatte, die meinen in der Schule früher mühsam erworbenen Stratford-Standpunkt in Frage stellte. Persönlich wichtig war mir die Streitfrage aber nicht. Und andererseits kannte ich von William Shakespeare eigentlich nur "Macbeth" etwas tiefgehend, weil wir es in der Schule durchgepaukt hatten. 

Großartig jetzt aber die drei Nachhilfe-Lektionen von Martin Lichtmesz. Natürlich hat Lichtmesz recht.

Lausitzer

18. Januar 2022 00:02

Danke, Herr Lichtmesz! Ich werde mich wohl nie für die Wahrheit Shakespeares entbrennen aber Ihre Texte hierzu waren spannend und ein Genuß zu lesen. 

Maiordomus

18. Januar 2022 03:30

@Lichmesz. Ich finde Ihr Triptychon grossartig. Kompliment, dass Sie sich so tief eingearbeitet haben. Es spricht, zusammen mit Ihrem "Filmhorizont", für Breite Ihrer Perspektiven und auch, dass Sie wie jeder halbwegs bedeutende Rechte, nicht im Politischen aufgehen, sondern im Bewusstsein leben, dass Freistellung für das Schöne und Geistige, nach Seneca Musse genannt, Hauptgrund ist, jenseits v. Trends für geistige Freiheit zu kämpfen. Zur Debatte: Sh. ist für die grossen Gelehrten und Autoren des 16. bis 19. Jahrhunderts quantitativ nicht mal der Fleissigste, die Komponisten inbegriffen, vgl. Familie Bach, nicht zu vergessen die Mathematiker Euler, Bernoulli u. Co, in FR Réaumur. Der bedeutendste Alpendichter der Schweiz, Albrecht von Haller, schrieb und forschte immens, war Arzt u. Politiker, dass er seine literarischen Werke in Testament nicht mal erwähnte, sie in Vorworten als Freizeitbeschäftigung abtat, was man sicher mit Sh. nicht vergleichen kann. Würde indes aber als Leser einer dreistelligen Zahl historischer Testamente bei Sh. diese Frage nicht überschätzen. Letztlich lohnt es sich, bei ihm, wie ich es getan habe, über enge Detailfragen aus dem Text, dafür sehr genau, zu forschen. So z.B. Medizinhistorisches. 

Laurenz

18. Januar 2022 05:29

Zumindest kann auch ein Roland Emmerich etwas Humor entwickeln....

https://youtu.be/lXILcLr5Xr8

Franz Bettinger

18. Januar 2022 09:45

@Gehenkter: Kein Bedeutungs-Vergleich zwischen Kopernikus und Lanka möglich? Hielten Sie eine nach Lanka zu benennende Lanka’ische Zeitenwende (im Vergleich zur Kopernikanischen in der Astronomie und damit auch in der Philosophie) denn für eine Banalität? Wäre es nicht ein geradezu revolutionärer, mit enormen praktischen Konsequenzen einhergehender Erkenntnis-Gewinn, wenn bald aufgrund konsequent durchgeführter Experimente kein Mensch mehr an den Viren-Unsinn (analog zum Hexen-Unsinn) glauben würde, und auch viele weiteren Dogmen der Medizin in den Orkus der Geschichte verbannt wären? Es wäre fast wie die Erfindung des Rades. Es wäre, als hätten wir einen schweren, mit Sand gefüllten Rucksack ausgezogen. Welche Experimente? Nun jene, die Lanka einfordert und selbst schon durchgeführt hat; für deren Falsifizierung er mittlerweile 1,4 Mio. € ausgelobt hat: die berühmten Kontrollgruppen-Experimente, deren Ergebnisse schon vorliegen, die aufgrund einer satanischen Betäubungs-Glocke aber noch nicht den Weg ins allgemeine Wissen gefunden haben. Es ist zum Haare raufen. 

kikl

18. Januar 2022 10:05

@Laurenz.

Ich finde Roland Emmerich bringt es auf den Punkt. Die Shakespeare-Theorie ist im Grunde lächerlich.

Der Earl of Oxford kommt als Autor viel eher in Frage. Ich glaube allerdings nicht, dass der Höfling innerhalb von ca.  15 Jahren (1590 bis 1613 sollen Shakespeares Werke entstanden sein, wobei der Earl schon 1604 verstarb)  ein riesiges Werk allein erschaffen konnte, während er als Günstling der Queen auf tausenden Hochzeiten tanzte und die Damenwelt mit Nachwuchs beglückte. Dass er daran mitwirkte kann ich mir allerdings sehr gut vorstellen.

Laurenz

18. Januar 2022 10:35

@Kikl @L.

Audienzen & Festivitäten bleiben überschaubar. Die Briefe "checken", die reinkommen, ist auch eine übersichtliche Aufgabe. Wir können davon ausgehen, daß Walsingham die meisten Korrespondenzen zu vergegenwärtigen & zu koordinieren hatte. Außerdem hatte de Vere Sekretäre, brauchte nicht selbst kochen & auf Geld achtete er auch nicht. Das heißt, er machte keine Geschäfte. Nur der Gang zur Toilette war ab & an etwas weiter als heute. Was macht denn ein Adliger, der auf Reisen geht, die ganze Zeit? Wenn's schnell gehen muß reitet er, sonst wird er in einer Kutsche sitzen, eine höchst langweilige Tätigkeit, wenn die Landschaft nix taugt. Da kann man auch entspannt diktieren.

Bonaparte war in seinen besten Zeiten in der Lage 5 Briefe simultan zu diktieren.

Die Frage ist, wie schnell einem Künstler die Ideen kommen, hat man die Oper, wie Mozart bereits komplett im Kopfe, Note für Note, oder gehört man zu der langsameren Spezies, die ein Werk erst entwickelt?

Ich trage Ihre Bedenken, bezüglich de Veres nicht mit.

kikl

18. Januar 2022 11:25

@ Laurenz

"Bonaparte war in seinen besten Zeiten in der Lage 5 Briefe simultan zu diktieren."

Genau, weil wir wissen, dass er fünf Zungen und Münder besaß. 

"Ich trage Ihre Bedenken, bezüglich de Veres nicht mit."

Wenn Sie glauben, dass Bonaparte 5 Briefe gleichzeitig diktierte, dann scheint es wenig zu geben, dem sie keinen Glauben schenken würden.

Wenn die Biographie des Earls auch nur halbwegs den Tatsachen entspricht, dann war der Earl als wahrer Lebemann in zahlreiche Skandale verwickelt.

"Mit einer Hofdame der Königin, Anne Vavasour, die während der Zeit des Zerwürfnisses mit Anne Cecil seine Geliebte war, zeugte Oxford 1581 ein uneheliches Kind, Edward Vere. Er und Anne wurden daraufhin kurzzeitig im Tower of London gefangengehalten. ..."

Er war kein Poet, der seine gesamte Zeit im Studierzimmer verbrachte, um in Rekordzeit ein Jahrhundertwerk zu erschaffen.

ML: Ich würde die Energie dieser Renaissance-Menschen nicht unterschätzen, wir Zeitgenossen verblassen dagegen. Außerdem ist es nun nicht ganz so undenkbar, dass einer in einem Zeitraum von ca. 25 Jahren vierzig Stücke, 154 Sonnette und zwei epische Gedichte schreibt.

Laurenz

18. Januar 2022 12:58

@Kikl @L.

https://www.handelsblatt.com/technik/forschung-innovation/hirnforschung-mythos-multitasking-seite-3/3368308-3.html

https://www.diepresse.com/563120/multitasking

Das ist jedenfalls glaubhafter als der Lebenslauf von Frau Bärbock oder die Briefe des selbsternannten Apostels Paulus....

Sie erinnern mich an Heinrich Himmler, der, als er mittags um 12 Uhr mit der Nachricht geweckt wurde, die Sowjets seien über die Oder gesetzt, antwortete: "Der größte Bluff seit Dschingis Khan."

kikl

18. Januar 2022 13:10

@ML

"Ich würde die Energie dieser Renaissance-Menschen nicht unterschätzen, wir Zeitgenossen verblassen dagegen"

Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass die "Renaissance-Menschen" in ihren Veranlagungen sich von uns in irgendeiner Weise merklich unterschieden.

ML: Sorry, aber ich lach mich schlapp.

"Außerdem ist es nun nicht ganz so undenkbar, dass einer in einem Zeitraum von ca. 25 Jahren vierzig Stücke, 154 Sonnette und zwei epische Gedichte schreibt."

Es sind aber keine 25 sondern allenfalls 15 Jahre, die dem Earl zur Verfügung standen, wenn die Entstehungszeit der Werke halbwegs richtig datiert ist.

ML: Sie sind aber schnell ein Experte geworden. Die Werke reichen in ihren Urfassungen vermutlich bis in die 1570er Jahre zurück.

Vergleichen wir ihn mal mit einer anderen Ausnahmebegabung, Mozart. Der ist mit 35 Jahren gestorben und hat in ca. 20 Jahren sein Werk erschaffen. Mozart war zweifellos unglaublich veranlagt, aber er hat in seinem ganzen Leben auch nichts Anderes als Musik gemacht, tagein tagaus Musik, Musik, Musik, Musik und hatte als Privatlehrer seinen Vater, der selbst ein außergewöhnlicher Musiker und Komponist war.

Der Earl of Oxford passt einfach überhaupt nicht in dieses Schema.

ML: Das Schema haben Sie sich halt mal eben schnell aus den Fingern gesogen.

Tut mir leid, aber da könnte ich genauso an den Bonaparte mit 5 Stimmen glauben.

Maiordomus

18. Januar 2022 14:22

Kolossalwerk von Paracelsus,  14 Bände aus und 10 Bände Theologisches, entstanden in 20 Jahren-Und die Lebensleistung von Leibniz. Leihen Sie sich mal hist.krit. Ausgabe von Novalis aus, der mit 29 starb.  @Bettinger, statt Kopernikus, dessen Werk Sie wohl kaum original erarbeiteten, beachten Sie 9bändige kleingedruckte deutsch-lateinische Originalausgabe v. Kepler, ohne den Kopernikus Vorentwurf geblieben wäre. Und für Réaumur hätte normaler Mensch 200 Jahre Leben gebraucht. Schreiben Sie mal Kompositionen v. Mozart/BACH V. Hand ab, rechnen Sie Zeitaufwand! Und Grimm!.  Der CH- Frauenarzt, Nationalratspräsident JR Steiger, der eigene Zeitungen vollschrieb schloss vor Tod (1862)  600seitige Flora das Kantons Luzern ab mit Beobachtung sowohl der Berg- wie Flachlandpflanzen, Garten- und Landwirtschaftsflora. Für Nachfolgewerk: 30 Mitarbeiter erforderlich, mehrere, die  Jahre schuften mussten, incl. mod. technischer Hilfsmittel. Steiger war mal zum Tode verurteilt, organisierte Freischarenzüge, schrieb Gesetzestext, war als Geburtshelfer unterwegs, verbrachte Jahre im Exil. Die 24 Bände Rousseau plus 56 Bände Briefe, jede Menge Musiktheorie kolossal!. Habe diese Sachen nicht alle lesen können, oft nur in Lesesälen durchgeblättert. 

Laurenz

18. Januar 2022 14:42

@Kikl @ML

Mozart hat mehr Damen privat getroffen & mehr Feten gefeiert, als wir alle & de Vere zusammen. Dazu noch die viele Arbeit.....der hat nicht umsonst mit Mitte 30 schlapp gemacht.

Worin ich @ML beim Renaissance-Menschen beipflichten muß, ist die freie Wahrnehmungskapazität. Unsere Wahrnehmung wird in ihrer Kapazität arg durch Medien, Straßenverkehr etc. gebeutelt. Das gab es so in der Renaissance nicht.

kikl

18. Januar 2022 15:20

"ML: Sie sind aber schnell ein Experte geworden. Die Werke reichen in ihren Urfassungen vermutlich bis in die 1570er Jahre zurück."

"It is not known definitively when Shakespeare began writing, but contemporary allusions and records of performances show that several of his plays were on the London stage by 1592."

Da scheint die Meinung der Gelehrten weit auseinander zu gehen. Der Earl ist im Jahre 1604 gestorben. 15 Jahre ist wohl eine gute Schätzung für den Entstehungszeitraum, wenn es der Earl allein gewesen ist.

ML: Diese Aussage ist doch aus dem stratfordianschen Lager und bezieht sich nicht auf den Earl. Jetzt habe ich DREI Artikel darüber geschrieben, wie diese Dogmen von den Oxfordianern bestritten werden. Mehr kann ich wirklich ned machen.

Die Songs der Beatles sind übrigens auch ein Gegenbeispiel für die These, dass nur ein Einzelgenie einen Stil ausbilden kann und kein Künstlerkollektiv.

ML: Ist leider falsch, weil die Songs fast alle von Lennon/McCartney gezeichnet waren, aber entweder von Lennon oder McCartney stammten, in der Regel von dem, der sie gesungen hat. Sie unterschieden sich auch deutlich. Je länger es die Beatles gab, umso größer wurde die Kluft. "Yesterday" vs. "I am the Walrus", "Let it Be" vs. "Across the Universe". Die Songs von George waren wiederum ganz anders.

In 500 Jahren wird es vermutlich auch heißen, Ringo Star habe drei Schlagzeuge gleichzeitig spielen können und die "Neuzeit-Menschen" der damaligen Zeit hatten eine unerschöpfliche Schaffenskraft usw.... Legenden, Mythen, an die zu glauben zu schön ist.

Pferdefuss

18. Januar 2022 15:24

Martin Lichtmess! Was für eine Spezialität Was da noch alles in der Hinterhand sein mag! 

Den Shakespeare habe ich, dem Englisch nur als Schulenglisch mehr ohnmächtig, als mächtig, nur in unserer Theatersprache kennen- und schätzengelernt, eine Theateraufführung nach der anderen, immer eingedenk einer Größe

Faszinosum dann die impulsive Rezeption im Sturm und Drang (in deutlicher Distanz zur romanischen Einheit von Ort, Zeit, Handlung) Programmatisch: Goethes Shakespeare-Aufsatz! 

Wandertheater, die den derben Shakespeare u.v.a. über Niederlande/Deutschland zur Volksbelustigung auf Jahrmärkten verbreiteten, waren das Eine, das andere, wie Deutschland zum europäischen Zentrum eines Übersetzungs- und Verlagswesens wurde.

Frage: Ist Literatur aus fremden Ländern, z. B. Russland, Skandinavien, England nicht erst über die rege Verlags- und Übersetzungstätigkeit zur Weltliteratur geworden?  Schlegel-Tieck, die den Lokalautor auf Bühnendeutsch bürsteten, ihm aber damit auch Tür und Tor zum modernen Theater öffneten?  

kikl

18. Januar 2022 16:16

"ML: Ist leider falsch, weil die Songs fast alle von Lennon/McCartney gezeichnet waren,..."

Gezeichnet mag sein, aber selbst der gute Ringo Star hatte einen maßgeblich Einfluss auf die Qualität der Songs.

Der Unterschied zwischen einem außergewöhnlichen guten und einem guten Song sind die vielen kleinen Details, weil die Struktur von Pop-Songs eigentlich immer die Gleiche ist. Dazu hat unter anderem maßgeblich das Drumming von Ringo beigetragen.

ML: Das ist jetzt "shifting the goalpost", denn die Beatles haben eben keinen "Kollektivsound" hervorgebracht.

Diese junge Dame beweist es an zahlreichen Beispielen:

https://www.youtube.com/watch?v=0NCczct2ZIM

"Sie unterschieden sich auch deutlich,..."

Selbst McCartney kann heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, welcher Teil von welchem Song, von ihm persönlich stammt. Wenn sie's mir nicht glauben, ich suche es ihnen das gerne raus. Ich habe mich vor Jahren damit beschäftigt.

ML: Das kommt auf den Song an, aber mehrheitlich waren die Songs entweder hauptsächlich von Lennon ODER McCartney, was man auch hört.

Maiordomus

18. Januar 2022 16:46

@Pferdefuss. Goethe hat nicht einen Aufsatz geschrieben, sondern als junger Mann die einzigartige "Rede zum Shakespeares's Tag" gehalten, so wie Jean Paul ursprünglich die Rede, dass kein Gott sei, entweder Shakespeare in den Mund legen wollte oder an ihn richten, erinnere mich nicht mehr gleich. J.P. Richter radikalisierte es dann zur "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei", als Traumnovelle, eingefügt in den Roman "Siebenkäs". Jean Pauls Lebensmotto stammte von Shakespeare, "We are such stuff as dreams are made of  (?) and all our little life is atounded with a sleep", wenn ich mich richtig erinnere, in Nachfolge zu Calderon und in Vorläuferschaft zu Grillparzer "Der Traum ein Leben" und natürlich Schnitzlers "Traumnovelle", deren Ruhmesgeschichte mit Kubrick endet, dem wohl bedeutendsten Filmemachers englischer Sprache:, "Eyes whide shut", dem letzten, wohl nicht stärksten Werk des Meisters aus der Schule Harlan.. Das letzte Wort der Filmfassung war weder Calderon noch Shakespeare noch Jean Paul noch Schnitzler, lautend: "Fuck!" ML, gibt's diesen Grundwortschatzbegriff bei Shakespeare? Dank Frühenglisch kennen ihn meine Enkel, auch wenn der Film für sie nicht zugelassen wäre. 

Maiordomus

18. Januar 2022 16:55

PS. Das Shakespeare-Zitat aus dem "Sturm", The Tempest, lautet korrekt: "We are such stuff as dreams are made on, and all our little life is rounded with a sleep". Der Satz wurde Motto von dem, was später "grosses Kino" genannt wurde. Passt etwa zu Kubrick, Kurosawa oder John Hustons Schluss der Filmfassung von "The dead" aus "Dubliners" von James Joyce, dessen Grab in Zürich aufgesucht werden kann. 

kikl

18. Januar 2022 18:19

"ML: Das ist jetzt "shifting the goalpost", denn die Beatles haben eben keinen "Kollektivsound" hervorgebracht."

Absolut nicht. Es geht um die These, ob ein Kunststil nur von einem Individuum und niemals von keinem Kollektiv geprägt werden kann. Die Beatles beweisen das Gegenteil.

"Lennon ODER McCartney", Nein die Songs sind fast alle "Lennon UND McCartney" gezeichnet und das ist eine Verkürzung der Realität, denn viele Details stammen von Ihren Kollegen George Harrison, Ringo Star sowie dem kongenialen Produzenten George Martin und es sind genau diese Details, die aus einem sehr guten einen großartigen Song machen.

ML: Das ist schlicht und einfach nicht falsch, die meisten Lennon-McCartney-Songs wurden entweder von McCartney ODER Lennon geschrieben.

Selbstverständlich haben die Beatles einen eigenen Stil erschaffen und geprägt. Der "Kollektivsound" der Beatles wird üblicherweise  "Beatlesque" bezeichnet und steht für Musik im Stile der Beatles. Nennen sie mir einen einzigen professionellen Musiker, der das bestreiten würde.

ML: Klar hatten die Beatles eine besondere Chemie und waren zusammen mehr als die Summer ihrer Teile, aber der Input der einzelnen Bandmitglieder plua diverse "fünfter" Beatles war eben doch sehr individuell und klar unterscheidbar, spätestens ab dem Rubber Soul-Album. Nur mal "Michelle" neben "Norwegian Wood" hören.

Wir Menschen sind "Herden-" oder "Rudeltiere", d.h. wir überleben und funktionieren nur in der Gemeinschaft. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass wir auch gemeinschaftliche Leistungen erbringen. Das ist die Regel und nicht die Ausnahme. Deswegen ist der Ausschluss aus der Gemeinschaft durch Ächtung eine schwere Verletzung unter der viele Menschen leiden.

ML: Gerade auf Künstler trifft das nicht zu, sie funktionieren eher außerhalb der Gemeinschaft. Kein großes Kunstwerk wurde jemals "kollektiv" erschaffen, es gibt immer einen leitenden Kopf, einen individuellen Schöpfer mit einer Vision. Und nun ausgerechnet eine Band, die naturgemäß aus mehreren Personen besteht, als Parallelbeispiel zu Shakespeare zu bringen, ist Äpfel mit Zwetschken vergleichen. Die Werke anderer Bühnenautoren sind ja auch nicht "kollektiv" enstanden, Moliere, Racine, Schiller, Goethe, Ibsen...

Diese Tatsache erklärt auch den Konflikt zwischen Individuum und Gemeinschaft, den wir derzeit unter dem Corona-Regime erleben. 

tearjerker

18. Januar 2022 18:37

„Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass die "Renaissance-Menschen" in ihren Veranlagungen sich von uns in irgendeiner Weise merklich unterschieden.“

Tja, wenn man weniger Zeit darauf verwendet Nflix zu konsumieren oder in Foren zu texten, kann man offensichtlich ganz erstaunliche Dinge produzieren.

Kurativ

18. Januar 2022 21:07

Laurenz (17. Januar 2022 05:08)
So etwas hatte ich auch im Sinn. Vielen Dank dafür. Wobei ich nicht auf diesen konkreten Fall ziele, sondern auf wiederkehrende Grundprinzipien solcher Verschmelzungsvorgänge, welche sich dann als "Mythen" manifestieren. Es gibt dort entgegengesetzte Kräfte: Schaut man ins Detail (sie Sie es beschrieben haben), dann findet man Unterschiedliches als Unterscheidbares mit seinen Fliehkräften, welches nicht zusammenpasst. Schaut man von weit Oben, so sieht man Kräfte, welche das neue Ganze aus pragmatischen Erwägungen beider Seiten zusammen halten möchte. So wird es auch bei Homer, den folgenden griechischen Sagen, dem Masoretentum, dem Buddhismus, dem Christentum oder dem Islam sein. Damit stellt sich die Frage nach der Zukunft Deutschlands.

Pferdefuss

18. Januar 2022 21:10

@Maiordomus

Sie sagen es, aber viel präziser.  

Goethes Rede in seinem Elternhaus ist allerdings erst als Programmatik-Aufsatz des 'Sturm und Drang' populär geworden. (Shakespeares Dramen hat er als 'Raritätenkasten' bezeichnet. 

Mich interessiert: Hat Shakespeare erst über die Traditionslinie Wieland-Herder-Goethe-Schlegel-Tieck die Welt(-literatur) erobert?  

Maiordomus

18. Januar 2022 21:47

@Pferdefuss: Deutschland incl. Niederlande, Frankreich und Grossbritannien,  das waren einst die Säulen einer westlich orientierten  hochgebildeten Weltkultur, natürlich Italien, Spanien (Calderon!) und natürlich die grosse Epoche der russ. Literatur nicht vergessen, Hamlet war schliesslich aber "Prinz von Dänemark". Der bedenklichste  Satz der Gegenwart, mit dem richtigen Land auszufüllen, bleibt das Bonmot "Es ist etwas faul im Staate D....."

Skeptiker

18. Januar 2022 21:57

Ein wichtiges Dokument sind sicherlich "Die Anmerkungen über das Theater" von Reinhold Jacob Michael Lenz, die in besonderer Weise seine Verehrung gegenüber Shakespeare zum Ausdruck bringen. Nicht zuletzt durch eine Bemerkung Goethes in "Dichtung und Wahrheit" gilt Lenz heute als "das tragisch gescheiterte Genie". Durch seine Übersetzungen kannte und verehrte er Shakespeare wie kaum ein anderer Dichter des Sturm und Drang. Dass er dabei von der Arbeit eines Kollektivs und nicht einer Person ausgegangen ist, habe ich zumindest nie in der Lenz-Forschung gelesen.

Gracchus

18. Januar 2022 22:39

Mich animiert die Serie eher dazu, wieder Shakespeare zu lesen. Offen gestanden, lese ich lieber Shakespeare als mir Inszenierungen auf dem Theater anzusehen; ich habe einige, aber auch noch keine richtig gute gesehen. Bei der letzten sah man immerhin das Geschlechtsteil von Lars Eidinger. Derzeit kann ich aber eh nicht ins Theater. 

Der wichtigste Satz im Artikel: "Der Kampf für die Wahrheit erfordert den Mut zum Irrtum. Man muss sich entscheiden. Übertriebene Skepsis kann auch Feigheit bedeuten." 

Gracchus

18. Januar 2022 22:50

@Maiordomus

Wieso gehörte Kubrick zur Harlan-Schule?

ML: Diese Behauptung finde ich auch bizarr. Harlan ist ein überdrehter Melodramatiker, Kubrick ein unterkühlter Analytiker.

Jetzt bitte nicht, weil seine Frau mit Harlan verwandt war. Und wer gehört noch zu der Schule?

@Kikl, Harlan

Ich freue mich schon auf eine Beatles-Artikel-Serie.

ML: Paßt, kommt als nächstes.

RMH

19. Januar 2022 07:41

"Ich freue mich schon auf eine Beatles-Artikel-Serie.

ML: Paßt, kommt als nächstes."

Das wäre schön. Bei der ewigen Gretchen- Frage Beatles oder Stones (die in den 80er Jahren durch die Frage Michael Jackson oder Prince abgelöst wurde), hat sich ja intoleranterweise durchgesetzt, dass man als spießig und uncool gilt, wenn man Beatles nennt (ich konnte noch nie eine komplette LP der Stones am Stück anhören, von den Beatles geht das mittlerweile auch nicht mehr). Sich heutzutage für die Beatles auszusprechen, ist fast schon ein Akt des Widerstandes gegen den Mainstream der Alt-68er und ihrer Epigonen (gut, ich übertreibe schwer und die Welt hat sicher andere Probleme - Popkultur ist aber kurzweilig und lenkt hervorragend ab).

ML: Also ich bin Team Beatles und Team Prince, wenn's schon sein muß. Ich habe nicht den Eindruck, dass Beatles "uncool" sind, eben kam der "Let it Be"-Film von Peter Jackson raus..

Laurenz

19. Januar 2022 08:21

@Kikl & ML

Die Vergleiche zwischen Theater & populärer - oder auch anderer Musik sind nicht ganz adäquat.

John Williams kommt nicht auf die Idee, mit einer Idee zu einer Orchesterprobe zu kommen, um zu schauen, was man kollektiv aus dieser Idee machen könnte. Bands/Kombos tun das sehr wohl, wobei dann die Idee zählt. Das gab oft Zoff bei Queen, obwohl man nie die gemeinsame Existenz in Frage stellte. Dabei ging es weniger um Geld als um die Egos der einzelnen Musiker. Bei Depeche Mode ist es die einfache, aber deswegen genial strukturierte Gabe Martin Gores erfolgreiche Musik zu schreiben, die aber nur durch Dave Gahan zu verkaufen ist. Bei ABBA kreierten/arbeiteten Benny Andersson & Björn Ulvaeus zwar gemeinsam, aber die Musik ist von der musikalischen Genialität Benny Anderssons & den Liedtexten Björn Ulvaeus' geprägt, zu jeweils fast 100%. Die Mark II - Besetzung  von Deep Purple verteilte die Rechte an alle 5 Musiker. Wobei die Texte meist von Ian Gillan geschrieben wurden & die Musik von Ritchie Blackmore stammt. (Dieser Minisozialismus zerbrach 1973 mit Mark III). Um dieses Rock-Kollektiv zu definieren hier Jon Lord (+2012) über Ritchie Blackmore ... https://youtu.be/OWrgSJOKQ_M      (00:00:21)

ML: Musik schreibt man nicht bloß, man muß sie auch interpretieren, spielen. Ein Bühnenautor will aufgeführt werden, dazu braucht es ein Schauspielensemble, und das kann unter verschiedenen Arten von Regie geführt werden. Was Rockbands angeht, so haben nicht alle die gleiche Dynamik. Lou Reed war klar der Kopf von Velvet Underground, aber am besten waren sie, als noch John Cale dabei war, ganz zu schweigen von den Songs, die Nico gesungen hat. Die Doors ohne Jim Morrison waren sofort tot. Ebenso Joy Division nach dem Tod von Ian Curtis, aber der Rest wandelte sich zu New Order. Die Rolling Stones sind Jagger/Richards, aber zur Gesamtchemie und zum charakteristischen Sound haben Brian Jones oder Charlie Watts wesentlich beigetragen. The Who war im Kern die Kombi Townsend/Daltrey (die bis heute aktiv sind), aber ohne Keith Moon waren sie nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Etc. etc. Mit "Kollektiven" hat das nichts zu tun.

Im Film gibt es zwar mittlerweile ab und an mehrere Skriptautoren, die sich absprechen, bei einem Werk, aber die schreiben meist auch alleine.

ML: Für Filme gilt im Prinzip dasselbe wie für Bands, aber um einige Stufen komplexer, weil sie "Gesamtkunstwerke" sind.

Laurenz

19. Januar 2022 09:35

Ohne Worte

https://jungefreiheit.de/politik/ausland/2022/uni-warnung-literatur/

kikl

19. Januar 2022 09:39

"Kein großes Kunstwerk wurde jemals "kollektiv" erschaffen, es gibt immer einen leitenden Kopf, einen individuellen Schöpfer mit einer Vision."

Das riecht scharf nach Dogma.

ML: Was ist denn der große Unterschied zu IHREN apodiktischen Aussagen?

Deshalb ist die Opposition zu meiner These so emotional und aggressiv.

ML: Projizieren Sie grad ein bissl? ;)

Übrigens ist der leitende Kopf eines Orchesters, auch Dirigent genannt, nichts ohne sein Orchester. Er kann mit seinem Stab herumfuchteln und Purzelbäume schlagen, keinen Ton wird er erzeugen. Es bleibt auch so ein KOLLEKTIVES Werk.

ML: Der Dirigent kann auch ohne Notenblatt nix machen. Die AUFFÜHRUNG eines musikalischen oder dramatischen Werkes bedarf eines "Kollektivs", bzw. eines Ensembles. Dirigenten und Orchester sind nur AUSFÜHRENDE, "Interpreten". Das WERK aber stammt vom Komponisten, und der komponiert nicht "kollektiv". Man hat in Bayreuth seit 150 Jahren alles mögliche Gute und Schlechte gemacht, mit großen Sängern, Dirigenten und Regisseuren, aber worum es sich dreht, ist eben das kompositorische Werk und die Vision eines einziges Mannes. Man muß schon die Gewichte richtig verteilen.

Weiteres Beispiel: Was wäre George Lucas - der Visionär - ohne John Williams? Ist das Star-Wars-Drehbuch des Visionärs Lucas wirklich der Grund für seinen Erfolg?

Lucas wäre ohne Hilfe krachend gescheitert, weil das peinliche Eingangsmotiv mit dem ewig lang zu lesenden Schriftzug, der über die Leinwand läuft, keine Vision sondern eine Zumutung für das Publikum ist.

Einfach mal den Ton ausschalten:

https://www.youtube.com/watch?v=8DwO35uQIoo

ML: Na, auch hier war es am Ende die Entscheidung des *Regisseurs*, die zählte. Das Besondere an Filmen ist, dass sie "Gesamtkunstwerke" sind, an denen naturgemäß verschiedene Künstler beteiligt sind: Regie, Kamera, Schauspiel, Drehbuch, Musik, Schnitt, special effects... Das kann in der unverwechselbaren Vision eines einzigen Menschen gebündelt werden (Kubrick, Hitchcock, Lang...), oder es kann ein Konfektionsprodukt aus einer "Traumfabrik" sein oder irgendetwas dazwischen (dann kann man auch in Hollywood-Routiniers "auteurs" sehen.) Pauschal kann man das so nicht sagen, das kommt auf den Film an.

Lucas "Vision" war anfangs sogar noch viel schlimmer und wurde erst im Filmschnitt gerettet:

https://www.youtube.com/watch?v=GFMyMxMYDNk

Ohne Musik, Ton- und Bild-Effekte ist das peinlich. Jetzt ist es die berühmteste Eingangs-Scene der Filmgeschichte, die vielfach persifliert wurde. Es ist das Meisterwerk eine KOLLEKTIVS.

ML: Diesen Enthusiasmus für "KOLLEKTIVE" finde ich langsam suspekt.

Maiordomus

19. Januar 2022 10:03

@Harlan-Schule. Da muss ich mich entschuldigen. Wahr ist, dass Kubrick natürlich auch aus Gründen der "Schwägerschaft" mit Harlan verbunden war, ihn gut kannte und mit ihm gewiss in fachlichem Austausch stand, sich auch nie von ihm distanzierte, was sich aus Gründen der politischen Korrektheit, die immer Zwang ausübte, für ihn hätte wichtig werden können. Sowieso hat Kubrick in Sachen 1. Weltkrieg sich geweigert, ein parteilicher Filmemacher zu sein, er hätte vermutlich sogar den 6. Tag oder Die Kanonen von Navarone anders verfilmt, zu schweigen von den Filmen um Hitlers Ende. Ja, ich habe mit der "Harlan-Schule" zumindest übertrieben. In meiner Jugend wurde gegen einen neueren Harlan-Film in Zürich noch demonstriert, Schlagwort "Heim ins  Reich mit Nazi-Seich". Immerhin muss er als Könner anerkannt werden. Selber wurde ich schon mal gerüffelt als Zeitungspublizist, weil ich den Bildhauer und Picasso sowie Dali und Adenauerporträtisten Breker auch nur schon als "begabt" bezeichnet hatte...  Schrieb längst zuvor ein Gedicht über "Adolfs Giganten-Gestalter", welches 1985 in einer grösseren Zeitung mit würdigendem Kommentar publiziert wurde. 

Maiordomus

19. Januar 2022 10:11

@Gracchus. Was Shakespeare betrifft, so gab es vor Jahrzehnten ganz hervorragende Verfilmungen von Hamlet, z.B. mit Lawrence Olivier, wenn ich mich richtig erinnere. Überhaupt Hamlet. Weniger überzeugen konnte die italienische Fassung von "Romeo und Julia", und was McBeth betrifft, bewegte mich noch die japanisch völlig neugestaltete Fassung  des supergenialen Akira Kurosawa am meisten. Vom zumal modernen Film, auch technischen Fragen, glaube ich mich gegenüber ML wie die meisten von hier im Sinne eines Kompliments "geschlagen" geben zu müssen. Der Autor hätte das Zeug zum Filmkritiker in einer wirklich guten Zeitschrift, falls es die noch gibt und welche im Prinzip jedenfalls wünschbar wäre. Selber war ich dann und wann, so schon 1972, historisch-literarischer Berater bei Filmproduktionen, musste mich aber in technischen Fragen stets als inkompetent bekennen, was meinen Einfluss minimalisierte. 

ML: Der japanische Macbeth ist der beste von allen Macbeth-Filmen, leider ohne Shakespeares Sprache.

kikl

19. Januar 2022 10:38

"ML: Diesen Enthusiasmus für "KOLLEKTIVE" finde ich langsam suspekt."

Ehre wem Ehre gebührt!

Der Wunsch, alle Leistung einem einzelnen überragenden Genie zuzuschreiben, scheint mir hingegen suspekt. Hier scheint ein menschliches Bedürfnis nach der Vergöttlichung von Vorbildern am Werk zu sein. Ich erkenne ein religiöses Motiv.

ML: Ich erkenne ein "religiöses Motiv" und ein (allzu-)"menschliches Bedürfnis" in diesem Kleinmachen, Kollektivieren, Reduzieren, Demokratisieren, Vergemeinschaften etc. Es ist eine Angst vor dem "Genie", wie sie alle schmalen Seelen haben. Das "riecht" für mich auch ziemlich "scharf".

Im Einzelfall ist das sicher gerechtfertigt, denn es gibt extraordinäre Einzelleistungen. A Priori ist es unwahrscheinlich. Daher gilt Sagans Standard:

"extraordinary claims require extraordinary evidence"

Zurück zum eigentlichen Thema. Meine These ist ja nur, dass ein Großteil der Dramen in Kollaboration mit weiteren Autoren erschaffen wurden. Damit lässt sich das Werk viel einfacher erklären.

Dass es diese Kollaboration gab, scheint mittlerweile sogar Mainstream zu sein, es geht nur noch um das Ausmaß:

"Like most playwrights of his period, William Shakespeare did not always write alone. A number of his surviving plays are collaborative, or were revised by others after their original composition, although the exact number is open to debate."

https://en.wikipedia.org/wiki/William_Shakespeare%27s_collaborations

ML: Die teilweise "Kollaboration" bestreiten auch Oxfordians nicht. Aber das reduziert sich auf ein paar wenig bekannte Stücke und paar Passagen in anderen. Das kratzt ja nicht im mindesten am zentralen, unverwechselbaren Autor von Hamlet, Macbeth, Lear..., der in der englischen Sprache einzigartig ist. Ich verstehe also das Rumreiten auf diesem Punkt nicht.

kikl

19. Januar 2022 11:46

Ich würde mittlerweile gerne wissen, weshalb ich hier immer wieder massiv persönlich angegriffen werden.

Erst unterstellt man mir, "literarisch schon enorm farbenblind" zu sein, jetzt werde ich hier als Kleingeist bzw. "schmalen Seelen" diffamiert, der auf seinem Standpunkt "rumreitet". Dabei vertrete ich nur meine Meinung mit nachvollziehbaren Argumenten. Ich erwarte von niemandem, mir beizupflichten.

Habe ich Sie irgendwie persönlich angegriffen? Wie ist dieser scharfe Ton in die Debatte gekommen?

ML: Ich habe Sie nicht persönlich angegriffen, schauen Sie nochmal auf die Formulierungen. Ich finde einfach, dass es stimmt. Davon abgesehen, sind Sie ja auch ziemlich schnell mit Mutmaßungen über diverse "menschliche Bedürfnisse".

Gracchus

19. Januar 2022 12:14

@ML, Maiordomus

Einer der letzten Filme von Kurosawa ist eine King Lear-Adaption. Die Macbeth-Adaption (Schloss im Spinnwebwald) habe ich noch nicht gesehen, kenne nur die - m. E. nicht schlechte - Polanski-Version. Ich bezog mich ja auf Theater-Inszenierungen. Ich fand z. B. auch die poppige Luhrman-Verfilmung von Romeo + Julia gut. 

Ich frage mich: Was für einen Effekt hätte es, wenn z. B. Scorseses oder Coppolas Mafia-Gangster in (Blank-)Versen sprächen? 

Von Veit Harlan kenne ich nur "Opfergang"; das ist von Kubrick meilenweit entfernt. Spontan würde ich eher an eine Beeinflussung von Fassbinder denken, der ebenfalls zum Melodram neigt. 

Laurenz

19. Januar 2022 12:21

@Kikl

Wenn John Williams seine eigenen Stücke dirigiert, finde ich die Bühnenauftritte (mit Orchester) gar nicht so gut. Studio ist wieder was anderes. Ich habe mir locker 40 unterschiedliche Aufnahmen vom "Imperial March", interpretiert durch unterschiedliche Orchester, angehört. Am besten fand ich die Wiener Philharmoniker. Und weswegen? Weil die wohl die besten Hornisten (welche quasi das wichtigste Instrument in diesem Stück darstellen & "die" Melodie an der entscheidenden Stelle führen) in ihren Reihen haben.

Hier einmal die Wiener Philharmoniker mit Jon Williams aus 2020.

https://youtu.be/vsMWVW4xtwI

und einmal hier aus 2010 unter Franz Welser-Möst

https://youtu.be/4wvpdBnfiZo

Finde die ältere Version minimal besser, weil Welser-Möst den Marsch etwas langsamer laufen läßt & die wichtige Tempo-Dynamik besser fühlt & einsetzt.

Die Wiener Philharmoniker sind immer noch Weltspitze. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Wäre die Wiener Politik so gut wie dieses Orchester, würde Österreich ein Paradies sein.

Umlautkombinat

19. Januar 2022 12:58

Dass es diese Kollaboration gab, scheint mittlerweile sogar Mainstream zu sein

Ohne jetzt irgend etwas zu Shakespeare sagen zu koennen - das zumindest ist sicher auch geruettelt Zeitgeist geschuldet. Wenn ich von Naturwissenschaften ausgehe, und dort speziell die Publikationen in KI ansehe, aber auch zunehmend in Mathematik selbst: Der Hang zur Masse bezogen auf die Autorenzahl ist unuebersehbar. Das geht bis in die Dutzende(!) Verfasser eines papers. Eine Pest.

Die richtige Qualitaet kommt von Einzelnen oder auch einmal einem Duo (auch die o.g. Verfassergruppen haben oft nur wenige inhaltlich treibende Mitglieder).

Der franzoesische Mathematiker Galois starb mit 20 in einem getuerkten Duell ("Wen die Goetter lieben...") und hatte bis dahin die massgeblichen Grundlagen der Gruppentheorie im Kontext der Loesbarkeit algebraischer Gleichungen formuliert (das nur zum Verhaeltnis Qualitaet-Alter, was haette der in einem normalen Leben schaffen koennen?). Etwas, was erst ca. 50 Jahre spaeter mathematischer Mainstream wurde. Mathematik generell bietet viele Beispiele ganz individueller Gedankengaenge. Manchmal entstehen sie parallel, wenn die Zeit 'reif' ist, aber auch dann ist der individuelle Kontext oft derart verschieden, dass sich getrennt unabhaengig wertvolle Ergebnisse ergeben.

Maiordomus

19. Januar 2022 13:46

@Danke, ML. Ausser Macbeth gab's mit "Ran" nach König Lear später sogar eine noch spektakulärere, allerdings filmisch fast völlig freie Adaption von "King Lear" durch den späten Kurosawa, dem es Shakespeare fürwahr angetan hatte. Dieser wirklich geniale, auf seine Weise eigentlich nobelpreiswürdig gewesene Japaner (er vermittelte wie wenige Literatur in der Filmsprache) war für sein Land und auch den globalen Film, was Kubrick für den angelsächsischen Raum und Bergman für Skandinavien geworden ist. In Russland waren es wohl Eisenstein und der ideologisch nicht manipulierte Tarkowski, vgl. "Stalker" und "Nostalghia", im spanischen Sprachraum incl. Lateinamerika wohl Luis Bunuel, in Italien Fellini, wiewohl noch mit veritabler Konkurrenz - irgendwie habe ich aber Mühe, für Frankreich oder Deutschland zumindest für die neuere Zeit wirklich ganz Grosse zu nennen. 

Umlautkombinat

19. Januar 2022 14:14

@Maiordomus

Von Tarkowski gibt es noch mehrere eher unbekannte Perlen. Mein Favorit: "Spiegel" (hier im Archiv zu russischen/sowjetischen Filmen zu finden, Untertitel in den gaengigen westlichen Sprachen). Wer einen Nerv dafuer hat, findet weitere osteuropaeische Filme hier.

RMH

19. Januar 2022 14:32

"Spontan würde ich eher an eine Beeinflussung von Fassbinder denken, der ebenfalls zum Melodram neigt."

@Gracchus

Mal die Inhalte komplett außen vor: Harlan (war, wie damals viele, zuerst am Theater) ist in Sachen Film Inszenierung und Spielleitung auf hohem bis höchstem Niveau unter Ausnutzung der besten vorhandenen technischen Möglichkeiten, vgl. "Der große König" (in diesem Punkten gäbe es dann doch auch Parallelen zu Kubrik). Fassbinder hingegen ist direkt vom Theater kommend bzw. beeinflusst  (Action Theater, Antitheater) und drehte Szenen gerne auch mal mit einer langen Einstellung, direkt und drauf gehalten, wie bei einer Theateraufnahme und hatte eigentlich nie besonders viel Geld für die meisten seiner Produktionen, weshalb diese auch schnell gehen mussten (und er schaffte in seinem kurzem Leben ja auch beachtlich viele Filme). Da kommt dann eher ein Hauch von "Globe Theatre" auf, wo die Leute sehr dicht an den Schauspielern dran waren (es fehlen beim Film natürlich die Reaktionen des Publikums).

Die alte Biografie "Die 13 Jahre des Reiner Werner Fassbinder" von Peter Berling lässt sich ganz gut einfach mal an einem Wochenende "wegschmökern" (ohne, dass das gleich alles wissenschaftliches Niveau hat).

herbstlicht

19. Januar 2022 15:10

@Niemand 17. Januar 2022 15:06
»warum die wesentlichen Fragen zu Corona in geringerem Maße der Wissenschaft zugänglich sein sollen als die der Astronomie«

Das Planetensystem der Sonne ist ungefähr ein 10-Körperproblem und schwierig genug (schon um 1900 wurde gezeigt, daß bereits beim allgemeinen astronomischen 3-Körperproblem eine (analytische) Lösung nicht existiert). Ein Wirbeltier ist mehr als 20 Größenordnungen größer --- also auf diese Art nicht mehr behandelbar.  Statistische Mechanik taugt auch nur noch für Teile --- und damit stehen wir nicht mehr per Mathematik auf Axiomen: "der Boden schwankt".

@FB, welcher neulich OT amläßlich Sonnenfinsternis über NZ fragte, warum uns der Mond "ständig angrinst".  Dies fragte schon die französische Akademie der Wissenschaften und der junge Laplace schrieb die preisgekrönte Antwort --- welche ich aber nicht kenne.  Habe mich auch nie näher mit dem Problem befasst; der Grund scheint aber klar: Koppelung von Eigenrotation und Bahnbewegung durch plastische/elastische Deformation.  Im "Endzustand" wird demnach auch die Erde dem Mond stets Gesicht (oder Hintern) zeigen.  Falls Sie meine "handwaving arguments" interessieren: PM per Redaktion.

 

Laurenz

19. Januar 2022 15:31

@Maiordomus @ML

"irgendwie habe ich aber Mühe, für Frankreich oder Deutschland zumindest für die neuere Zeit wirklich ganz Große zu nennen." 

Wolfgang Petersen mit "Das Boot".

https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Boot_(Film)

Ohne die Musik des Jazzers Klaus Doldinger ist der Film auch undenkbar.

Hier die Produktions-Doku    https://youtu.be/YWq6KBH9Eic

Die neue erschaffene Serie von Sky kann man zwar sehen, aber im Vergleich in die Tonne hauen.

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