Günter Maschke ist verstorben

Uns erreichte die Mitteilung, daß Günter Maschke Anfang der Woche in Frankfurt am Main verstorben ist.

Redaktionelle Informationen und Hinweise - Werkstattberichte sozusagen.

Masch­ke, 68er-Rene­gat und Schmitt-Exper­te, war unse­rer Arbeit als Leser und Gesprächs­part­ner ver­bun­den. Wir ver­öf­fent­li­chen aus Anlaß sei­nes Todes den Bei­trag, den Karl­heinz Weiß­mann für den 3. Band des Staats­po­li­ti­schen Hand­buchs (»Vor­den­ker«) über Gün­ter Masch­ke ver­faßt hat.

– – –

Gün­ter Masch­ke wur­de 1943 in Erfurt gebo­ren und kam 1949 als Adop­tiv­kind mit sei­ner Fami­lie nach Trier. Er ver­ließ mit der mitt­le­ren Rei­fe die Schu­le und absol­vier­te eine Leh­re als Ver­si­che­rungs­kauf­mann, schloß sich zuerst der kom­mu­nis­ti­schen Tarn­or­ga­ni­sa­ti­on „Deut­sche Frie­dens­uni­on“, dann der ille­ga­len KPD an und besuch­te Vor­le­sun­gen an der Tech­ni­schen Hoch­schu­le in Stuttgart.

Masch­ke kam dadurch in Kon­takt mit der lin­ken stu­den­ti­schen Sze­ne (unter ande­rem lern­te er Gud­run Ens­s­lin ken­nen, deren Schwes­ter Johan­na er in ers­ter Ehe hei­ra­te­te), wech­sel­te nach Tübin­gen und hör­te Phi­lo­so­phie bei Ernst Bloch. Gleich­zei­tig arbei­te­te er als Redak­teur einer mar­xis­ti­schen Stu­den­ten­zei­tung und betei­lig­te sich an der „Sub­ver­si­ven Akti­on“, einem Vor­läu­fer der legen­dä­ren „Kom­mu­ne 1“, dann an der Arbeit des Sozia­lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­ten­bun­des (SDS).

1965 deser­tier­te Masch­ke aus der Bun­des­wehr und floh nach Paris, konn­te dort aller­dings kei­nen Unter­schlupf fin­den und kam über Zürich nach Wien, wo er bald zu den Zen­tral­fi­gu­ren der Neu­en Lin­ken gehör­te. Nach einer Anti-Viet­nam-Demons­tra­ti­on wur­de er 1967 ver­haf­tet. Ein Sitz­streik vor dem Poli­zei­ge­fäng­nis ver­hin­der­te die geplan­te Aus­lie­fe­rung an die Bun­des­re­pu­blik, und die öster­rei­chi­schen Behör­den erlaub­ten Masch­ke die Abrei­se nach Kuba, dem ein­zi­gen Staat, der bereit war, ihm Asyl zu gewähren.

Die Armut und der tota­li­tä­re Cha­rak­ter des dor­ti­gen Sys­tems behag­ten ihm aber so wenig wie der kapi­ta­lis­ti­sche West­deutsch­lands. Wegen „kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rer Ver­schwö­rung“ erneut inhaf­tiert, schob ihn die kuba­ni­sche Regie­rung nach Madrid ab. Schließ­lich kehr­te Masch­ke in die Bun­des­re­pu­blik zurück, trat die aus­ste­hen­de Gefäng­nis­stra­fe an und arbei­te­te nach sei­ner Frei­las­sung als Journalist.

Vie­le sei­ner Arbei­ten dien­ten der Selbst­kri­tik, zuerst aus einer unor­tho­dox-lin­ken, dann aus einer libe­ra­len, zuletzt aus einer kon­ser­va­ti­ven Posi­ti­on. Sein Ori­en­tie­rungs­punkt wur­de Carl Schmitt, des­sen Schrif­ten er schon län­ger gekannt, aber als Äuße­run­gen des Fein­des wahr­ge­nom­men hat­te. Das änder­te sich dra­ma­tisch seit dem Ende der sieb­zi­ger Jah­re. Jeden­falls zeig­ten vie­le Tex­te, die er als Redak­teur der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen ver­öf­fent­lich­te, einen zuneh­mend schär­fe­ren Ton.

Masch­ke bedien­te sich einer an Schmitt geschul­ten Begriff­lich­keit und einer Lust, den Geg­ner zu rei­zen, die nur gedul­det wur­de, so lan­ge ihm der Ruf anhing, ein selt­sa­mer Lin­ker, aber eben doch ein Lin­ker zu sein. Das änder­te sich nach einem Gene­ral­an­griff auf Jür­gen Haber­mas, der Masch­kes Aus­schei­den aus der FAZ erzwang.

Seit­dem hat Masch­ke als „hei­mat­lo­ser Rech­ter“, Exeget und Fort­set­zer Schmitts Außer­or­dent­li­ches geleis­tet und gehol­fen, die gro­ßen Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re – allen vor­an Dono­so Cor­tés – der Ver­ges­sen­heit zu ent­rei­ßen. Sein prä­gen­der Ein­fluß auf das Pro­gramm des Wie­ner Karo­lin­ger-Ver­la­ges oder die von ihm mit her­aus­ge­ge­be­ne Zeit­schrift Etap­pe spre­chen für sich. Er gehört ohne Zwei­fel zu den bedeu­tends­ten rech­ten Intel­lek­tu­el­len der Nach­kriegs­zeit, wenn­gleich er jede Hoff­nung auf prak­ti­sche Wirk­sam­keit längst begra­ben hat.

– – –

Schrif­ten Gün­ter Maschkes:

Kri­tik des Gue­ril­le­ro. Zur Theo­rie des Volks­kriegs, Frank­furt a.M. 1973
Der Tod des Carl Schmitt. Apo­lo­gie und Pole­mik, Wien 1987
Das bewaff­ne­te Wort. Auf­sät­ze aus den Jah­ren 1973 – 93, Wien/ Leip­zig 1997

Als Her­aus­ge­ber unter anderen:

Carl Schmitt. Staat – Groß­raum – Nomos, Arbei­ten aus den Jah­ren 1916 – 1969, Ber­lin 1995
Carl Schmitt. Frie­den oder Pazi­fis­mus? Arbei­ten zum Völ­ker­recht und zur inter­na­tio­na­len Poli­tik 1924 – 1978, Ber­lin 2005.
Staats­ge­fü­ge und Zusam­men­bruch des zwei­ten Rei­ches, Ber­lin 2011

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Kommentare (36)

Nemo Obligatur

9. Februar 2022 14:30

Was für ein Lebenslauf! Wie eine Kerze, die an beiden Enden brannte.

Ein gebuertiger Hesse

9. Februar 2022 15:09

Ein Mann, wie sie ihn heute nicht mehr machen. Früher aber auch schon nicht, "eigentlich". Oder eben nur ein einziges Mal. Man darf dem Himmel dafür danken, daß er einen solch kolossalen Menschen ermöglicht hat.

Laurenz

9. Februar 2022 15:24

@Nemo Obligatur

"Was für ein Lebenslauf! Wie eine Kerze, die an beiden Enden brannte."

Der politische Weg, den Maschke ging, bewanderten einige. Historisch ist dieser Weg aber eine Einbahnstraße. Die Größe, vom Glauben abfallen und sich Lebenslügen eingestehen zu dürfen, besitzen eben nur wenige.

Mauerbluemchen

9. Februar 2022 15:26

Der Herr gebe seiner Seele die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihr, der Herr lasse sie ruhen in Frieden, Amen.

Mitleser2

9. Februar 2022 15:28

Den Nachruf von Klonovsky lesen!  Besonders das Interview am Ende.

Sandstein

9. Februar 2022 16:10

Bei Klonovsky findet sich ein großartiger Nachruf samt letztem Interview. Dort wird übrigens auch die Habermas Erzählung korrigiert, die Weißmann hier falsch wiedergibt.  
 

Was ein klasse Typ, dieser Maschke.

RMH

9. Februar 2022 20:21

@Sandstein,

danke für den Hinweis auf  den Nachruf/ das Interview in den acta diurna von Klonovsky. 

Das ist wirklich lesenswert.

Sandstein

9. Februar 2022 22:13

@RMH 

..sehr gern! Dieses Interview weitet doch direkt das Herz. Und in den Systemmedien kein Wort über sein Ableben. Wen wunderts noch.. 

norgallen

10. Februar 2022 09:36

Schon der  Schüler in der DDR - weder Pionier noch FDJler, aber mit Westfernsehen und regelmäßigem Westbesuch -  verspürte ein gewisses Unbehagen gegenüber der BRD und dem homo bundesrepublikanensis, konnte sich dieses aber nicht erklären. Maschkes Flakhelfer-Aufsatz ließ ihm die Schuppen von den Augen fallen. Es gibt keinen größeren Liebesdienst, als (endlich) ins Verstehen, zur Wahrheit geführt zu werden, hat Thomas von Aquin sinngemäß gesagt. Dafür sage ich meinem Thüringer Landsmann Dank. Ruhe in Frieden!

Imagine

10. Februar 2022 11:41

1/2

Günter Maschke weist wie viele aus der Protestgeneration eine fragmentierte Biographie mit Identitätsbrüchen auf. Vom linken Milieu wechselte er ins rechte, blieb aber anders als die linksgrünen Konvertiten und Aufsteiger ein kritischer Außenseiter.

Deutschland hatte seine kulturelle Blütezeit ums Jahr 1800. Einen Durchbruch zu einer bürgerlichen Epoche hat es nie geschafft. Nach der „Heiligen Allianz“ herrschte der reaktionäre Adel mittels Diktatur. Auch Hitler war bis zur Etablierung des SS-Staates Erfüllungsgehilfe von Adel und Hochfinanz.

Die beste Zeit für die deutsche gesellschaftskritische Intelligenz waren die ersten zwei Nachkriegsjahrzehnte in der Bundesrepublik, vorausgesetzt man beschränkte sich auf Kritik und blieb politisch-praktisch abstinent. So konnte man ein materiell gutes und privilegiertes Leben mit Gesellschaftskritik verbinden. Es gibt viele Beispiele dafür diese Art des Lebens, prominentestes ist vielleicht Adorno.

Bereits 1963 bezeichnete Ulrich Sonnemann in einem Essayband Deutschland als  „Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten“, wobei im Zentrum der Gesellschaftskritik
die totalitäre Verblödung in Deutschland stand.

Imagine

10. Februar 2022 11:45

2/2

„Sonnemanns Zorn galt der deutschen ‚Feigheit‘, dem herrschenden ‚Mangel an humaner Spontaneität und also an Freiheit“. Seine Hoffnung: dass in Deutschland eine revolutionäre Idee hervortritt, ‚unvorhergesehen, aber auf der Stelle erkennbar, mordlos, aber tödlich für die Karrieren aller Arten von Ausrottern, propagandalos, aber sich auf Erden herumsprechend, und ganz ohne Machtdrang und Marschdrang, aber die Freiheit verbreitend‘. Als Grund für das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten nannte Sonnemann: deutsche ‚Innerlichkeit‘, die ‚Abwendung von der Welt‘. Diese einst religiös begründete Haltung sei zu schierer ‚Schäbigkeit‘ und ‚Kälte‘ entartet ...“ (https://tinyurl.com/2p8phhx6)

In der Tradition dieser Gesellschaftskritik steht Günter Maschke. Sein Wechsel in rechte Milieu bedeutete nicht, Teil des deutschen Spießertums zu werden, jener kleinbürgerlichen Aufsteigerkultur, die über alle Parteigrenzen – ob rechts oder links – dominant war und ist. Die Kritik daran zieht sich wie ein roter Faden durch Maschkes Leben, wie ein Gespräch aus dem Jahr 2008 zeigt (https://youtu.be/S3th_AWJ05I).

Zusammen mit Horst Mahler und Reinhold Oberlercher veröffentlichte Maschke 1998 eine „Kanonische Erklärung zur Bewegung von 1968“, worin sie der 68er-Bewegung eine nationalrevolutionäre Deutung geben. Es zeigt, dass er sich nach wie vor dazu, wie Rabehl et al., zugehörig fühlte.

Mitleser2

10. Februar 2022 14:42

Off-topic, gehört nicht zu Maschke

@Imagine: "Deutschland hatte seine kulturelle Blütezeit ums Jahr 1800. Einen Durchbruch zu einer bürgerlichen Epoche hat es nie geschafft. Nach der „Heiligen Allianz“ herrschte der reaktionäre Adel mittels Diktatur."

Ausgerechnet während des reaktionären Adels war die Blütezeit der Naturwisschenaften in Deutschland. Zwischen 1901 und 1932 gabe es 25 deutsche Nobelpreise in Physik und Chemie, diejenigen nach WK1 meist auch noch als Folge der Kaiserzeit. So etwas wird heute komplett verdrängt, wie auch die meist negativen Reaktionen letztes Jahr auf 150 Jahre Reichsgründung von 1871 gezeigt haben.

Laurenz

10. Februar 2022 15:25

@Sandstein @RMH 

Immerhin hat die JF doch einen freundlichen, respektvollen Artikel gebracht.

https://jungefreiheit.de/kultur/gesellschaft/2022/guenter-maschke-der-freie-renegat1/

Rautenklause

10. Februar 2022 21:54

@Sandstein:

Lorenz Jäger hat in der FAZ einen kenntnisreichen und stimmigen Nachruf veröffentlicht.

Imagine

10. Februar 2022 22:03

@Mitleser2   10. Februar 2022 14:42
„Ausgerechnet während des reaktionären Adels war die Blütezeit der Naturwissenschaften in Deutschland. Zwischen 1901 und 1932 gab es 25 deutsche Nobelpreise in Physik und Chemie, diejenigen nach WK1 meist auch noch als Folge der Kaiserzeit.“

Der wissenschaftliche Fortschritt Deutschlands in dieser Zeit basierte auf den Humboldtschen Bildungsreformen, der Gymnasialbildung und der Gründung der Akademien. Der Adel hatte dabei keine Verdienste, im Gegenteil, Humboldt wurde entlassen.

Die Träger des Fortschritts, die Wissenschaftler, Erfinder, Entwickler, Ingenieure etc. stammten aus bürgerlichen Schichten. Der Adel scheute die Arbeit, der spielte den Herrn auf seinen Landsitzen, ging zur Jagd, machte Offizierskarriere beim Militär.

Die meisten Naturwissenschaftler verstehen nicht den Stellenwert der Sozialwissenschaften für den gesellschaftlichen Fortschritt, die Bedeutung der Soziologie, Ökonomie und Psychologie.

Rautenklause

10. Februar 2022 22:49

Ergänzung:

HIER: https://karolinger.at/_maschke-rip/

eine großartige Zusammenstellung von Nachrufen - den aus der FAZ eingeschlossen

Michelle

10. Februar 2022 23:59

Lorenz Jäger hat einen großen Nachruf in der FAZ geschrieben.

Franz Bettinger

11. Februar 2022 09:05

@Imagine schreibt: "Die meisten Naturwissenschaftler verstehen nicht den Stellenwert der Soziologie...". Nicht nur die, ich versteh ihn auch nicht. Soziologie - und ich kenne ein paar, die sich in das Fach geflüchtet haben - ist für mich so ziemlich das Letzte. Sorry. Nicht persönlich nehmen.

Sandstein

11. Februar 2022 09:28

@laurenz @rautenklause @michelle 

die FAZ hab ich seit Jahren nicht angefasst. Mein Fehler und danke für den Hinweis.  

Mitleser2

11. Februar 2022 09:34

@Imagine: "Der wissenschaftliche Fortschritt Deutschlands in dieser Zeit basierte auf den Humboldtschen Bildungsreformen, der Gymnasialbildung und der Gründung der Akademien"

Dann beantworten Sie doch die Frage, warum das in der "bösen" Kaiserzeit unter der Vorherrschaft des Adels möglich war, und auch noch zu so überragenden Ergebnissen geführt hat.

Der_Juergen

11. Februar 2022 09:58

Danke für den Artikel. Wer Klonovskys Nachruf und das von ihm wiedergegebene Interview Maschkes mit "Eigentümlich frei" noch nicht gelesen hat, dem sei empfohlen, das nachzuholen.

R. I. P. - KLONOVSKY

Maschke war ein bemerkenswerter Mann, Friede seiner Asche.

Rautenklause

11. Februar 2022 10:23

Daß hier im Forum spätestens nach dem fünften Kommentar das ursprüngliche Thema uninteressant wird - geschenkt!

Aaaaber: könnte das Kommentariat vielleicht in diesem Fall weniger die eigene Belesenheit und die Stellung des Schädlingsbekämpfers in vorkarolingischer Zeit präsentieren und debattieren?

Vielleicht wäre das dem Thema angemessen ...

 

Laurenz

11. Februar 2022 12:32

@Imagine @Mitleser2 (1)

Bezüglich des Adels kann man Ihnen zwar Recht geben, aber es gab auch Ausnahmen, wie zB der Prinz zu Neuwied, der sich für nichts zu schade war.

Den Preußen, wie den Ösis haben wir die frühe Einführung der Schulpflicht zu verdanken. Der Adel begriff erst 1918, daß der eigene Standesdünkel mit zur eigenen territorialen Entmachtung geführt hatte. Aus der Lebensgeschichte Karl Mays kann man gut lesen, wie schwer es auch für jemanden mit Bildung war, aufzusteigen. Und nur dem bürgerliche Geldadel, wie May oder Schliemann, war es möglich, Wissenschaftler zu werden. In der exorbitanten Dynamik der II. Reichsgründung liegt der Aufstieg Deutschlands bis 1914 begründet. Und diese hat sehr wohl etwas mit einer gesunden Identität zu tun. Die wirklichen Schattenseiten werden auch von Ihnen vergessen.

KlausD.

11. Februar 2022 12:35

@Imagine  10. Februar 2022 11:41

"Deutschland hatte seine kulturelle Blütezeit ums Jahr 1800. Einen Durchbruch zu einer bürgerlichen Epoche hat es nie geschafft. Nach der „Heiligen Allianz“ herrschte der reaktionäre Adel mittels Diktatur."

Wenn in "seine" das "s" weglassen wird, stimmt Ihre Aussage. Doch wer hat diese Blütezeit erst ermöglicht?

Und wer hat überhaupt die Akademien gegründet? Die Preußische Akademie der Wissenschaften beispielsweise wurde 1700 vom brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. gegründet, ähnliches trifft auf andere Akademien zu. König Maximilian II. von Bayern war ein Förderer von Kunst und Wissenschaft und seit 1830 Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 

Zur Diktatur des reaktionären Adels: Im Kaiserreich besaß  der demokratisch legitimierte Reichstag wichtige Kompetenzen: Wichtigste Aufgabe des Parlaments war – gemeinsam mit dem Bundesrat – die Verabschiedung aller Gesetze einschließlich der jährlichen Haushaltsvorlagen. Kein Gesetz trat ohne seine Zustimmung in Kraft. 

Laurenz

11. Februar 2022 12:52

@Imagine @Mitleser2 (2)

Daß in der nach-napoleonischen Zeit mit der endgültigen Abschaffung der Leibeigenschaft, aus den Bierbänken der Geldwechsler in einer überschaubaren Zeit Bankenpaläste wurden, wird gerne vergessen. Gerade in Deutschland wütete der Manchester-Kapitalismus. Nicht umsonst haben wir heute noch die Relikte der ökonomischen Abwehrschlacht der kleinen Kommunen, der Bauern & Arbeitervereine zu vergegenwärtigen, "the mighty Sparkassen" (and Volksbanken), wie der Brite zu sagen pflegt. Sie, Imagine, haben uns den Stellenwert der Sozialwissenschaften für den gesellschaftlichen Fortschritt, die Bedeutung der Soziologie, Ökonomie & Psychologie deswegen nicht weiter ausgeführt, weil es nichts auszuführen gibt. Sie können Marx, Freud & wie die alle heißen, in die Tonne hauen. Wenn Bismarck bis heute der größte deutsche Politiker seit dem Alten Fritz war, dann war der größte deutsche soziale Reformator  https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_Raiffeisen 

Wenn Er nicht gar der größte Deutsche aller Zeiten war. Raiffeisen setzte Sozialpolitik, Ökonomie & das Geldwesen praktisch für alle um. Das war um ganze Zeitalter besser als das blöde Gequatsche Ihrer Intellektuellen bis zum heutigen Tage. Jeder SiN-Leser kann das hier leibhaftig nachvollziehen. https://www.hessenpark.de/

Maiordomus

11. Februar 2022 13:05

@Imagine. Ja, die Bildungsgeschichte mit dem Humboldtschen Gymnasium! Beileibe keine Errungenschaft damaliger sozialen Verhältnisse, gewiss nicht des Adels, bei aller Achtung z.B. später noch eines Manfred von Ardenne aus der Familie der "Effi Briest"., Die von Ihnen genannten Lieblings-Wissenschaften hatten schon mal eine bedeutende Zeit, drohen jetzt aber stärker denn je in Geschwätzwissenschaften abzugleiten. Von weit höherer Bedeutung schätze ich die Leistungen auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie ein, bei aller Distanz zum Positivismus auch die Wiener Schule, "Logik der Forschung", überhaupt Logik seit Bernard Bolzano, Frege, Scholz, Kamlah-Lorenzen, später auch Quine, Thomas S. Kuhn. Eine gewaltige Leistung meines Lehrers Lübbe war es war es, aufgrund auch logischer, erkenntnistheoretischer u. sprachanalytischer Untersuchungen Theorien von der Gesetzmässigkeit der Geschichte und dergleichen auf Null zu bringen, krasser Ausdruck von Denk- und Analyseschwäche. Auch wichtig für die Demaskierung von raunenden Zukunftsprophezeiungen selbsternannter "Sieger der Geschichte".  

Imagine

11. Februar 2022 22:43

1/2

Von den Nachrufen bei https://karolinger.at/ scheint Frank Böckelmann. der Person von Maschke trotz aller ihrer Widersprüchlichkeit, Irrungen und Wirrungen am nächsten zu kommen. Eben weil er großes Stück Leben mit ihm gemeinsam gegangen ist, weil auch er in Wort und Tat subversiv gewesen war und die Ambivalenz zwischen Revolte und Anpassung kennt. Weil beide zur gescheiterten 68er-Generation gehören, die vom heutigen linken Milieu nicht verstanden wird und vom rechten noch nie.

Maschke hat die Ideen und Ziele der Subversiven verraten, er desertierte auf die Gegenseite, stand als Ausbilder für Counterinsurgency der peruanischen Marine im Dienste der CIA und später im Lohn der FAZ. Glücklich ist er bei den Reaktionären nicht geworden, im Gegenteil, er wurde Teil der Schwarzmaler, Hoffnungslosen und Misanthropen.

Mich erinnert dies an einen guten Studienfreund, der sich eine Zeitlang für die revolutionären Ideen der 68-er begeisterte. Er stammte aus einer Militärfamilie, sein Vater gehörte als Admiral zu den höchsten deutschen Soldaten, er selbst war einige Jahre während der NATO-Ausbildung seines Vaters auf einem amerikanischen College gewesen, sein Onkel war Jagdflieger gewesen, der von der Unterkunft zu seinem Flugzeug auf Händen lief.

Imagine

11. Februar 2022 22:45

2/2

Mein Freund war ein mutiger und harter Bursche, erfolgreicher Ringer im College-Team, danach Ausbildung auf der Gorch Fock, immer ganz oben bei den Rahen gewesen, im Winter mussten sie morgens die Eisschicht in ihren Waschschüsseln mit der Handkante durchschlagen. Im Familienalbum lag er als Baby auf einem weißen Fell und darunter stand geschrieben: „Zu großem bist du geboren!“ Sein Patenonkel war „Onkel Dönitz“, der Nachfolger des Führers. Eigentlich wollte er nach seiner Marinezeit ein großartiger Architekt werden, aber er war ein Tatmensch und das stundenlange Büffeln von Baustoffkunde entsprach nicht seinem Naturell. Im zweiten Studium erhielt er zwar formal einen Uni-Abschluss. Er jobbte dann als „Personaler“, aber über eine angepasste, kleinbürgerliche Existenz kam er nicht hinaus.

Möglicherweise hätte er als Soldat eine Karriere gemacht. Aber bei der Bundeswehr dient man nicht dem deutschen Volk, sondern steht unter dem Oberbefehl der Sieger- und Okkupationsmacht und muss ggf. gegen die Interessen des deutschen Volks handeln.

Wenn Ex-68er wie Bernd Rabehl, Günter Maschke et al. der 68er-Bewegung mit ihrem Anti-Kapitalismus, Anti-Imperialismus und Anti-Kolonialismus eine nationalrevolutionäre Deutung geben, dann trifft dies durchaus das damalige Lebensgefühl: Born to be free!

Imagine

11. Februar 2022 23:02

@Maiordomus   11. Februar 2022 13:05
„Die von Ihnen genannten Lieblings-Wissenschaften hatten schon mal eine bedeutende Zeit, drohen jetzt aber stärker denn je in abzugleiten.“

Ganz im Gegenteil.

Richtig ist, dass sie an den Hochschulen für die studierende Plebs als „Geschwätzwissenschaften“ angeboten werden.

Aber in den Thinktanks der Funktionseliten sind diese für erfolgreiches Social Engineering, für Globalsteuerung und –planung, für Logistik etc. unverzichtbar.

Das bekommen Sie als kleiner Provinzlehrer natürlich nicht mit, weil Sie nicht Teil dieser Funktionseliten und Thinktanks sind.

Kurativ

12. Februar 2022 09:32

Seine Treffsicherheit schon erstaunlich. Schade. Vielleicht wäre er uns länger erhalten geblieben, wenn er gesünder gelebt hätte. Aber wem sag ich dass..

Laurenz

12. Februar 2022 09:34

Da dachte sich die Redaktion des Relotius zu Hamburg.... "besser spät als nie" & schickte Volker Weiß los, einen mittel bis schlechten Artikel zu schreiben. Was die AfD angeht, so ist Weiß sogar ganz konkret ein Lügner. Aber in Hamburg geht es eben nicht ohne den "ewigen" Relotius. Weiß gehört zu denjenigen Publizisten, die von den Ideen der anderen (den Rechten & vermeintlichen Nazis) leben, weil sie selbst nichts zu sagen haben. Wie kann man sein Leben nur so verschwenden?

https://www.spiegel.de/kultur/guenter-maschke-nachruf-von-ganz-links-nach-ganz-rechts-a-2f9a106e-9555-4b73-858f-e769bf4e3d51

Laurenz

12. Februar 2022 15:05

@Imagine @Maiordomus  

"Aber in den Thinktanks der Funktionseliten sind diese für erfolgreiches Social Engineering, für Globalsteuerung und –planung, für Logistik etc. unverzichtbar."

Wenn dem so wäre, Imagine, hätten die Chinesen auch ein paar von den nutzlosen Berufsquatschern im Politbüro sitzen. Haben Sie aber nicht. Da sitzen nur Naturwissenschaftler, Architekten und Ingenieure.

Simplicius Teutsch

12. Februar 2022 17:55

„1965 desertierte Maschke aus der Bundeswehr…“

Günther Maschke (im Gespräch 1997):

„Allerdings war ich damals immerhin ein halbes Jahr bei der Armee gewesen und sehr glücklich. Damals hatte die Bundeswehr noch starke Ähnlichkeit mit einer Armee und nicht mit einem antiautoritären Trachtenclub. Die Offiziere und Unteroffiziere waren zum Teil noch Weltkriegsteilnehmer, der Schliff – ich war bei den Pionieren – war außerordentlich hart. Wir wurden begrüßt mit dem Satz: „Männer, ihr seid hier, um das rationelle Töten von Menschen zu lernen.“ … Das damals noch vorhandene Soldatische gefiel mir sehr, aber ich war ja ideologisch fixiert. Ich bin dann desertiert…“ – „Ich wollte nicht in einer Armee dienen, die ein kapitalistisches Instrument darstellte und gar nicht Herr ihrer selbst war.“

(Zitiert aus: „Bye-Bye 68…“, Renegaten der Linken, Hrsg. Claus-M. Wolfschlag, 1998.)

 

links ist wo der daumen rechts ist

15. Februar 2022 08:34

„Verräter schlafen nicht“ – Auszüge 1

 

Eine der schönsten Selbstdarstellungen Maschkes findet sich in dem Bändchen „Verräter schlafen nicht“ (Gespräche mit dem Herausgeber Sebastian Maaß) des verdienstvollen Regin-Verlages.

Einige Auszüge:

Linke Lektüre.

SM: Ist es für die Rechte sinnvoll, sich mit linkem Gedankengut zu beschäftigen?

GM: Pardon, diese Frage ist geradezu drollig. […] Man darf nicht vergessen, daß es einen gemeinsamen Fonds von „links“ und „rechts“ mit gleichen oder ähnlichen Argumenten gibt: die Kritik am ‚Liberalismus‘. Es gibt viele Dinge, die auf der Linken eingehender untersucht wurden – das hat zu tun mit der Lesefaulheit und latenten Theoriefeindschaft vieler Rechter, die glauben, mit ihren Affekten auszukommen. Lesen Sie aber nur einmal Herbert Marcuses „Der eindimensionale Mensch“ (1967), das ist doch eine Fundgrube ersten Ranges. Aber was Marcuse da schreibt, geht zu einem guten Teil auf einen rechten Denker zurück, auf Hans Freyer und dessen Buch „Theorie des gegenwärtigen Zeitalters“ (1955). Selbst der Ausdruck „Eindimensionalität“ stammt von Freyer. […] Wichtig ist es auch, Bücher gegen den Strich lesen zu können. Marx kann hier sogar ein Vorbild sein.

ff

links ist wo der daumen rechts ist

15. Februar 2022 08:56

Auszüge 2

 

Die bösen, gefährlichen Rechten.

SM: Es soll nach Willms` Wende nach rechts zu einer „Hexenjagd“ gegen ihn gekommen sein. Was meinen Sie dazu?

GM: Was da genau lief, weiß ich nicht. Doch Willms gehörte rasch zu den bösen Vier, Fünf oder Sechs der Neuen Rechten. Es gibt ein törichtes Buch von Thomas Assheuer und Hans Sarkowicz, „Rechtsradikale in Deutschland: Die alte und die neue Rechte“ (München: C.H. Beck, 1990). Darin werden Willms, Mohler, Hans-Dietrich Sander, Hans-Joachim Arndt, Robert Hepp, Maschke zu den großen Männern im Hintergrund, den Strippenziehern überhaupt, ernannt. Wir haben den Einfluß, wir lassen die Puppen tanzen. Die Autoren hatten offensichtlich keinen Schimmer davon, wie armselig und ohnmächtig wir waren. Diese Autoren verfuhren nach einer Methode, wie sie typisch ist für den Totalitarismus des freiesten Staates, den es je auf deutschem Boden gab: Der Feind ist klein, schmutzig, häßlich, historisch widerlegt, intellektuell bankrott – aber er ist ungeheuer gefährlich und teuflisch raffinert.

Aktuelle Anmerkung:

Die Corona-Proteste haben dieses proto-totalitäre Verhalten wieder einmal (bis zum Widersinn) gezeigt: zuerst muß man eine heterogene Gruppe homogenisieren (esoterische Rechtsextreme), sie dämonisieren (Nazis) und ihnen ihr vermeintlich wehleidiges Opfernarrativ („wehret den Anfängen“) wegnehmen.

Tja, wir leben wirklich in freien Zeiten.

links ist wo der daumen rechts ist

15. Februar 2022 10:47

Auszüge 5 (und aus)

 

Lagerübergreifende Freundschaften.

GM: Willms hegte auch ein bei Rechten leider seltenes Interesse für den Marxismus, ja, er war ein ausgesprochener Leihbrillen-Marxist. Er wurde ein Freund des Marxisten Leo Kofler (1907-1995), mit dem auch ich befreundet war. Als Kofler sehr spät eine Professur in Bochum bekam, dachte alle Welt, er und Willms würden sich da zerfleischen. Aber sie kamen sehr gut miteinander aus, wohl auch weil Kofler, ein aus Galizien stammender Jude mit österreichischem Paß, ganz „großdeutsch“ dachte und sogar für den Anschluß der deutschen Schweiz plädierte.

Das einem gelegentlichen Mitleser (und Impf-Fanatiker wie die meisten Betriebsakademiker) der verkommenen Wiener Germanistik ins Stammbuch.

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