Wiedervorlage (7): Ukraine und “Zwischeneuropa”

Im Rahmen einer Europa-Akademie unseres Instituts diskutierten wir unter anderem über die Pufferstaaten Weißrußland und Ukraine.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Aus­gangs­punkt der Über­le­gun­gen waren die Ost­ver­schie­bung der NATO und die vom Aus­land ange­scho­be­nen und unter­stütz­ten Farb­re­vo­lu­tio­nen auch in die­sen bei­den Län­dern. Es zeig­te sich im Ver­lauf die­ser geo­po­li­ti­schen Ana­ly­se, wie nahe­lie­gend es sei, die zahl­rei­chen klei­ne­ren und teils mit immer wie­der ande­ren Grenz­ver­läu­fen aus­ge­stat­te­ten Staa­ten in einem eige­nen euro­päi­schen Kon­zept und mit einer iden­ti­täts­stif­ten­den Rol­le zu verorten.

Die Arbeits­be­grif­fe dafür lau­ten “Zwi­sche­n­eu­ro­pa”, “Inter­ma­ri­um” und Visegrad. Im Euro­pa­heft der Sezes­si­on (Okto­ber 2018) stan­den die­se Kon­zep­te neben etli­chen ande­ren zur Debat­te. Sie sind gra­phisch auf­be­rei­tet hier ein­seh­bar. Die heu­ti­ge Wie­der­vor­la­ge ist ein Aus­schnitt daraus.

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ZWISCHENEUROPA

Aus der Erb­mas­se der im Ers­ten Welt­krieg unter­ge­gan­ge­nen Rei­che waren in Ost­mit­tel­eu­ro­pa zahl­rei­che neue Natio­nal­staa­ten ent­stan­den, denen spä­tes­tens nach der Kon­so­li­die­rung der Sowjet­uni­on klar wur­de, daß sie allein kaum eine Über­le­bens­chan­ce haben würden.

Vor die­sem Hin­ter­grund erör­ter­ten Intel­lek­tu­el­le und Poli­ti­ker ver­schie­de­ne Vari­an­ten einer trans­na­tio­na­len Zusam­men­ar­beit, die vom Zwei­ten Welt­krieg und der anschlie­ßen­den kom­mu­nis­ti­schen Herr­schaft hin­weg­ge­fegt und erst nach Ende des Kal­ten Krie­ges und der Auf­lö­sung der Sowjet­uni­on in ein­zel­ne Natio­nal­staa­ten wie­der aktu­ell wurden.

Vor­rei­ter die­ses Gedan­kens war der pol­ni­sche Mar­schall Pił­sud­ski, der Polen in sei­nen mit­tel­al­ter­li­chen Gren­zen wie­der­her­stel­len woll­te. Lang­fris­tig dach­te er an die Errich­tung einer sla­wi­schen Föde­ra­ti­on, die von der Ost­see bis zum Mit­tel­meer (Mied­zy­mor­ze, »Zwi­schen­meer«) rei­chen soll­te. Die­se heu­te unter dem Namen Inter­ma­ri­um fort­exis­tie­ren­de Idee war immer von der Front­stel­lung gegen Deutsch­land im Wes­ten und gegen Ruß­land im Osten geprägt.

Der Jour­na­list und Volks­wirt Gisel­her Wir­sing (1907 – 1975) erwei­ter­te den Gedan­ken und präg­te 1932 den Begriff »Zwi­sche­n­eu­ro­pa« für die zwi­schen Deutsch­land und der Sowjet­union lie­gen­den Staa­ten. In sei­nem gleich­na­mi­gen Buch for­der­te er von Deutsch­land nach dem geschei­ter­ten Aus­griff auf das Welt­meer und dem ver­geb­li­chen Bemü­hen um Freund­schaft mit dem Wes­ten die Wen­dung nach Osten.

Deutsch­land soll­te sich mit den Völ­kern Zwi­sche­n­eu­ro­pas näher ver­bin­den, um eine eigen­stän­di­ge Wirt­schafts­form aus­zu­bil­den, die sowohl gegen den dok­tri­nä­ren Mar­xis­mus als auch den impe­ria­lis­ti­schen Kapi­ta­lis­mus gerich­tet sein müs­se. Ihm schweb­te dabei eine föde­ra­lis­ti­sche Struk­tur des deutsch-zwi­sche­n­eu­ro­päi­schen Rau­mes auf Grund­la­ge der Natio­nen vor, wobei er das Vor­bild der Sowjet­uni­on nicht ver­leug­nen woll­te. Da die Staa­ten nur über eine Schein­sou­ve­rä­ni­tät ver­füg­ten, sei dies der ein­zi­ge Weg zur Selbstbehauptung.

Die heu­ti­ge Renais­sance der Inter­ma­ri­um-Kon­zep­ti­on hat mit Wir­sing nichts zu tun und wird als Alter­na­ti­ve zur deutsch domi­nier­ten EU pro­pa­giert, obwohl die meis­ten Staa­ten mitt­ler­wei­le selbst EU-Mit­glie­der sind. Eine real­po­li­ti­sche Vari­an­te die­ser Idee ver­birgt sich hin­ter dem Zusam­men­schluß der soge­nann­ten Visegrád-Staa­ten (Polen, Ungarn, Tsche­chi­en, Slo­wa­kei) in einer Zoll­uni­on, die heu­te unter dem Dach der EU als infor­mel­les Bünd­nis fortbesteht

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Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Kommentare (7)

RMH

24. Februar 2022 09:58

Tja, hätte, hätte Fahrradkette ...

es gab so viele vernünftige Ideen zu Gestaltung der europäischen Beziehungen und der europäischen Räume - seit Jahrzehnten, Jahrhunderten. Jetzt sprechen einmal wieder die Waffen und Deutschland kann in Europa nach über 80 Jahren den "donkey of the century award" für die Abgabe des ersten Schusses an Russland weiterreichen.

Danke Putin, wir sind jetzt nicht mehr alleine und geben die Karte des "Tätervolks" hiermit ganz offiziell an Russland weiter (so interpretiere ich die Twitter-Äußerungen unserer Außenministerin).

Ich für meinen Teil kann auf das alles gut verzichten und hoffe und bete, dass das angestoßene Blutvergießen rasch vorbei ist. Jeder einzelne Soldat, jeder Zivilist, der aktuell stirbt, verwundet und versehrt wird, ist einer zu viel. 

MARCEL

24. Februar 2022 10:31

Interessant!

Nicht nur der Westen, sondern auch die Staaten des Intermariums (heute Visegrad) wollten ein Zusammengehen Deutschlands mit Russland stets verhindern.

Das Russland von heute ist jedenfalls nicht mehr das von Jelzin, auch wenn es dort demographisch auch nicht zum Besten bestellt ist und der Islam ebenso heranrückt.

Leider ist aber das Deutschland von heute nur noch ein "geografischer Begriff" (Bismarck über Albanien), der handlungsunfähig und kaum noch zu verwalten ist.

Die deutsche Rechte ist in einer Situation, vergleichbar der französischen Rechten von 1940, die auf Deutschland als einzigen  Retter vor der Bolschewisierung (Volksfront) ihres Landes (dann Europas) vertrauten.

Jeder Vergleich hinkt, dennoch: Viele von uns schauen, aus verständlichen Günden, mit ähnlichen Augen auf Russland...

Niekisch

24. Februar 2022 11:24

"Jeder Vergleich hinkt"

@ MARCEL 10:31: wohl auch der zwischen Hitler und Putin. Beide wollten eigene Bevölkerung im anderen Staat schützen und Putin wird ebenso wie Hitler gerade durch unvorsichtig gewaltsames Vorpreschen gegen diese Staaten - Polen und die Ukraine - seitens des "Westens" zu Fall gebracht. 

Gustav Grambauer

24. Februar 2022 12:16

Die Frage ist doch: an wen geht im Jahr, sagen wir vielleicht, 2025 oder 2030 dieser Wanderschlüssel?

Nur eines steht fest: diese Kumpanei hier wird es nicht wieder sein!

- G. G.

heinrichbrueck

24. Februar 2022 12:48

RMH-Außenministerin sei ein Film empfohlen: https://nuoflix.de/ukrainian-agony--der-verschwiegene-krieg Kann sie zusammen mit der Regierungssekretärin Scholz
(RMH-Bundeskanzler) ansehen. Verlogenes Pack. 

Laurenz

24. Februar 2022 13:40

Wenn es nach Piłsudski gegangen wäre, reicht Polen vom Schwarzen Meer bis Brest. Und wie @RMH das klar geschildert hat, die Nummer ist für die nächsten 50 Jahre gelaufen. 10 Jahre Amis in Rußland & weitere 20 Jahre in der Ukraine haben jedem anderen, nicht russischen Modell den Rest gegeben. Es liegt natürlich in Deutschem Interesse, wenn die Ukraine wieder zu Rußland gehört, das darf halt nur keiner aussprechen. Wenn ich mir die transatlantischen Kack-Artikel auf Tichys zum Thema durchlese, haben die alle immer noch nichts begriffen. Ist ja so schön in Buntland, vor allem dann, wenn die Buntewehr so erfolgreich weltweit operiert. Hoffen wir, daß die Bayern im südchinesischen Meer nicht absäuft, was eine Blamage für Großbuntland. Wenn Putin morgen Polen einkassiert, passiert gar nichts. Dann liegt die Grenze diesmal nicht am Njemen, sondern an der Oder-Neiße-Linie, ist doch wunderbar, dann gibt es Gas per Lastwagen.

MARCEL

24. Februar 2022 16:33

@Laurenz

spritziger Kommentar

Bringt mich auf den Gedanken, dass nicht nur Deutschland in seiner Mittellage stets gefährdet war, sondern ebenso Polen (östlich der Mitte).

Die Frage zwischen den beiden war immer: Wer verschwindet zuerst?

 

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