Sezession
14. August 2009

1979 – Der Sommer der Nouvelle Droite

Gastbeitrag / 12 Kommentare

pdf der Druckfassung aus Sezession 31 / August 2009

sez_nr31Ein Gespräche mit Alain de Benoist
mit einer Einleitung von Karlheinz Weissmann

Xavier Jardin, ein französischer Politologe, der sich besonders mit Geschichte und Gegenwart der Rechten seines Landes beschäftigt, hat unlängst in einem Interview mit Le Monde die These aufgestellt, daß alles, was man als »neue Rechte« bezeichne, im Grunde eine Reaktion auf den »Mai ’68« sei.

Diese verbreitete Auffassung erklärt sich vor allem aus dem Bedürfnis der Gesellschaftswissenschaften nach systematischen Erklärungen und einfachen Ableitungen. Dabei zeigt eine genauere Untersuchung der historischen Zusammenhänge, daß die Entwicklung komplizierter war und jedenfalls nicht einem simplen Ursache-Wirkung-Schema folgte.
Der »rote Mai« stand am Ende einer etwa zehn Jahre dauernden, turbulenten, manchmal an den Rand des Bürgerkriegs führenden Entwicklung. Begonnen hatte alles mit der Algerienkrise und dem Kollaps der Vierten Republik, und der Amtsantritt de Gaulles hatte sowenig wie die Gründung der Fünften Republik zu einer tatsächlichen Beruhigung der Lage geführt. Neben einer radikalen Linken, die seit »Befreiung« und »Säuberung« eine sehr starke Position besaß, entstand eine radikale antigaullistische oder »nationalistische« Fraktion, deren Anhänger zum Teil zu den Verlierern von 1945, vor allem aber zu denjenigen gehörten, die sich nicht mit dem Verlust des empire abfinden wollten. Damals bildete sich im Milieu der französischen Gymnasiasten und Studenten eine »Szene« aus, die Verbindung zu diesem Flügel der Rechten hatte, aber eigene organisatorische Ansätze ausbildete. Die waren oft kurzlebig und jedenfalls instabil, führten aber doch zur Entstehung von zwei deutlicher getrennten Strömungen: die »Ideologen« um die Zeitschrift Cahiers Universitaires, dann Europe Action und die »Militanten« des Mouvement Occident. Letztere zeigte eine auffällige Neigung zur »direkten Aktion«, und im Quartier Latin kam es ab 1964/65 regelmäßig zu Scharmützeln zwischen »Kommandos« von Occident auf der einen, Anhängern der KP oder kleinerer trotzkistischer Gruppen auf der anderen Seite. Die zunehmende Radikalisierung hatte schließlich das Verbot der Gruppierung am 1. November 1968 zur Folge.
Was den Mouvement Occident von der Gruppe um Europe Action vor allem unterschied, war das theoretische Desinteresse auf der einen, das theoretische Interesse auf der anderen Seite. Schon die Gründung der Zeitschrift durch Dominique Venner und dann die Mitarbeit Alain de Benoists waren ein Signal für die Distanz gegenüber dem landläufigen Nationalismus: Man war für Europa und gegen den französischen Etatismus, für Griechenland und die alten Götter und gegen die abendländische und die katholische Tradition. Zwar hielt der Kreis um Europe Action anfangs an der Vorstellung fest, Theorie und Praxis zu verknüpfen, aber nach dem Scheitern der Präsidentschaftskampagne für den Rechtspopulisten Tixier-Vignancour, 1965, vollzog Benoist den letzten Schritt weg von den alten Loyalitäten. Nach der Einstellung von Europe Action und der Trennung von Venner gründete er mit einer kleinen Gruppe von Gesinnungsgenossen die Zeitschrift Nouvelle Ecole, deren Titel schon die Ausrichtung andeutete: eine »neue Schule« im Sinne einer Denkgemeinschaft, die sich ausdrücklich an den Prinzipien kritischer Rationalität ausrichten sollte, um eine moderne rechte Weltanschauung zu begründen. Benoist hat im Rückblick darauf hingewiesen, daß er damals eine »positivistische Phase« durchlaufen habe, die Rede der klassischen Rechten von den »ewigen Gesetzen«, auf die man letztlich vertrauen dürfe, für anachronistisch hielt und versuchen wollte, zu einem »Nullpunkt« zurückzukehren, um die viertausendjährige europäische Überlieferung aufzunehmen, ohne einem der verbreiteten ideologischen Vorurteile zu folgen.
Es ist hier nicht der Ort, der weiteren Entwicklung nachzugehen, die vor allem im Januar 1969 zur Bildung des GRECE als organisatorischem Kern führte. Entscheidend ist allerdings, daß die Zielsetzung immer eine konsequent metapolitische blieb, was zwangsläufig zu wachsender Distanz gegenüber der »Alten Rechten« führte, die Benoist denn auch bis heute als »sogenannten Rechten« apostrophiert. Dahinter stand die Überzeugung, daß man der Linken und dem Liberalismus nur begegnen konnte, indem man sie auf ihrem eigenen Feld – der Kultur – bekämpfte und besiegte. Zehn Jahre schien dieser Weg bemerkenswert erfolgreich, dann kam der »Sommer der Nouvelle Droite«

Sezession-Gespräch mit Alain de Benoist

Sezession
: Den Sommer 1979 hat das französische Magazin Le Nouvel Observateur den »Sommer der Nouvelle Droite« genannt. Könnten Sie kurz erklären, wie es dazu kam?
de Benoist: Mit Artikeln im Wochenblatt Le Nouvel Observateur (»Die neuen Kleider der Nouvelle Droite«) und in der Tageszeitung Le Monde (»Die Nouvelle Droite nimmt den Betrieb auf«) begann im Juni 1979 eine konzertierte Kampagne. Sie griff bald um sich wie ein Lauffeuer. Den ganzen Sommer lang erschienen ständig neue Artikel, insgesamt mehr als tausend. Dann folgten Aufsätze, Bücher, Radio- und Fernsehsendungen und so weiter. Aus dieser Zeit stammt die Gewohnheit, mit dem Begriff »Nouvelle Droite« eine Denkschule zu bezeichnen, die bereits seit elf Jahren existierte und zuvor niemals auf den Gedanken gekommen wäre, sich selber so zu nennen.
Die Entstehung dieser Denkschule läßt sich auf Februar 1968 datieren, als – einige Monate vor den Ereignissen im Mai – die erste Ausgabe der Zeitschrift Nouvelle Ecole erschien. Ein Jahr danach wurde der Verband GRECE gegründet (Groupement de recherche et d’études pour la civilisation européenne), dem sich eine Anzahl von Sympathisanten und Lesern anschloß, zumeist Studenten. 1972 erfolgte dann die Gründung der Zeitschrift Eléments, zunächst als internes Verbandsorgan für GRECE-Mitglieder. Daraus wurde aber bald ein Magazin unabhängigen Denkens, das im Kioskverkauf erhältlich war und sich an eine sehr viel breitere Leserschaft wandte als die Nouvelle Ecole. Es fanden zahlreiche Tagungen, Treffen und Vorträge statt, die vornehmlich von den Regional- und Zentralsektionen des GRECE organisiert wurden. Zusätzlich zu den Zeitschriften entstand ein Verlag, so daß zahlreiche Bücher veröffentlicht werden konnten. Ich selber knüpfte Freundschaften mit vielen Akademikern, Philosophen, Intellektuellen, darunter Thierry Maulnier, Arthur Koestler, Louis Rougier, Georges Dumézil, um nur einige zu nennen. Die »Nouvelle Droite« war 1979 also nicht wirklich neu, aber durch die damalige Kampagne wurde sie auch denjenigen ein Begriff, die zuvor noch nie etwas von ihr gehört hatten.

Sezession: Es war ein kurzer Sommer, und die Nouvelle Droite wurde zum Opfer einer nicht nur französischen, sondern europäischen Pressekampagne. Vielleicht handelt es sich überhaupt um das erste Beispiel für ein so koordiniertes Vorgehen gegen eine mißliebige Ideenströmung. Was war die Ursache dieser Vehemenz, Ihrer Meinung nach?
de Benoist: Diese Frage ist heute immer noch schwierig zu beantworten. Das vorrangige Ziel bestand zweifelsohne darin, das weitere Vordringen unseres Gedankengutes zu behindern. Solange die »Nouvelle Droite« mit intellektuellen Zeitschriften, deren Auflage bei ein paar tausend Exemplaren lag, nur ein begrenztes Publikum erreichte, war niemand beunruhigt. Jedoch hatten einige ihrer Vertreter, darunter auch ich, uns sehr früh dem Journalismus zugewandt und begonnen, Schlüsselpositionen bei »großen« Zeitungen zu besetzen. Ich selber war seit 1970 regelmäßiger Mitarbeiter der Wochenzeitung Valeurs actuelles, die seinerzeit von Raymond Bourgine geleitet wurde. Richtig ins Rollen kam die Sache, als Louis Pauwels, ein sehr bekannter Schriftsteller und Journalist, der mir bereits Ende der sechziger Jahre seine aktive Unterstützung bekundet hatte, eine Wochenendbeilage zur Tageszeitung Le Figaro ins Leben rief. Aus dieser Beilage, die unter dem Titel »Figaro-Dimanche« erstmals im Oktober 1977 erschien, wurde im Mai 1978 ein richtiges, sehr üppig aufgemachtes Magazin namens Le Figaro-Magazine. Pauwels hatte die Verantwortung für die inhaltliche Gestaltung dieses Magazins größtenteils Mitgliedern der Nouvelle Droite anvertraut, die es natürlich als Plattform zur Verbreitung der eigenen Standpunkte benutzten. Noch im selben Jahr wurde mein Buch Vu de droite mit dem Großen Essaypreis der Académie française ausgezeichnet. Le Figaro-Magazine, das damals sehr gut gemacht war, erreichte dank des Talents der beteiligten Journalisten schnell eine Auflage von fast einer Million. Erstmals in der französischen Geschichte verfügte eine nonkonforme Denkschule über derartige Mittel, ihr Ideengut öffentlich zu machen. Aus Sicht ihrer Gegner ergab sich daraus die Notwendigkeit, sie möglichst zum Schweigen zu bringen.


 Gastbeitrag

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Kommentare (12)

Toni Roidl
14. August 2009 14:27

Einerseits hat sich das politische Koordinatensystem seit Ende der 1980er Jahre so verschoben, dass es manchmal unmöglich ist, Anschauungen anhand der Kategorien »links« bzw. »rechts« zu verorten. Andererseits braucht man aber ein »Banner«, wie Benoist es nennt, um darum Anhänger zu scharen und ihnen eine Identifikationsmöglichkeit bieten zu können.

d.n.
14. August 2009 17:20

Die angebliche Rückständigkeit der Begriffe „rechts“ / „links“, die Benoist nun schon seit Jahren anhand einer Differenzierung von Kriterien wie pro-/contra-Demokratie, pro-/contra-Westbindung, pro-/contra-Europa, pro-/contra-Liberalismus usf. festmachen möchte, erscheint mir relativ gekünstelt. Besagte Kriterien sind keine dezidiert trennenden; sie stellen lediglich einen natürlichen Pluralismus innerhalb des jeweiligen politischen Spektrums dar. Die hieraus zwangsläufig resultierenden Überschneidungen zwischen links und rechts stellen noch lange keinen gemeinsamen Block, zumal kein Hinwegtäuschen über dezidiert Trennendes dar: die Einstellung zur Nation, die Frage nach der Betonung des Eigenen.

Auch wenn diesbezügliche Debatten nicht die Tagespolitik bestimmen, mitunter gar inopportun sind, liegt hierin mehr natürlich trennendes bzw. einigendes Potential als etwa in der Frage nach der Westbindung oder dem Lissabon-Vertrag (ohne deren politische Bedeutung schmälern zu wollen).

Ich vermag nicht zu beurteilen, ob das Denken in nationalen Dimensionen bei fortwährendem Voranschreiten des EU- und Multikulti-Wahns einst obsolet sein wird; angesichts Letzterem dürfte die Frage nach der nationalen Identität vordem jedoch eine neue Blüte erwarten.

Hesperiolus
14. August 2009 19:13

Zur metapolitischen Invarianz dieser Entgegensetzung bitte in Ernst Jüngers Sprache und Körperbau den Abschnitt Die Hand, Rechts und Links lesen.

Nihil
15. August 2009 04:35

@d.n.: Diese Standpunkte sind derart unvereinbar, daß bei einem Einigungsversuch das politische Profil zur Beliebigkeit verkommen würde. Mit einem Binnenpluralismus hat das nichts mehr zu tun, wenn die einen in eine Richtung und die anderen in die entgegengesetzte marschieren. Bspw. die Einstellung zu den USA ist mehr als eine bloß pragmatisch-taktische Anlegenheit - womöglich auf militärische Bündnisfragen reduziert (Zeitmaschine: 1980er). Hier geht es um das "Ganze": die sog. "Aufklärung", den Liberalismus und die Kultur überhaupt. Das Trennende ist hier so groß, daß man schon fast gar nicht mehr von politischen Differenzen sondern vielmehr von völlig entgegengesetzten Kulturen sprechen muß. "USA" ist natürlich bitte nur als Symptom/Synonym zu verstehen - das geht logischwerweise weiter und ist schon im angelsächsischen Positivismus und Objektivismus zu finden. Und dieser Aspekt (USA: j/n) ist nur einer, den Benoist angesprochen hat. Man könnte mit den anderen ebenso fortfahren.

PS: Und ja: für wirkliche politische Menschen ist ein ernsthaftes Nachdenken über so Angelegenheiten wie den "Vertrag von Lissabon" nicht nur inopportun, sondern eine grobe Beleidigung!

PPS: Ich verstehe diese reflexhafte Kritik/Ablehnung von Benoist in Deutschland überhaupt nicht. Dabei ist Benoist nur ein Reimport deutschen (und damit ureuropäischen) Denkens. Greift hier ein antifranzösischer Reflex? Oder ist der Deutsche nach wie vor zu bieder um "neu" zu denken? Ich befürchte das Schlimmste: eine Mischung aus beidem.

d.n.
15. August 2009 18:37

@ Nihil:

Die unterschiedlichen, von Benoist genannten Standpunkte mögen – radikal zu Ende gedacht – unvereinbar sein: Sie betreffen jedoch eher politisch-philosophische Themen, theoretische Fragen, hinsichtlich derer in der gegenwärtigen Politik ein gewisses Abweichlertum, gewisse gegenteilige Positionen geduldet werden (siehe etwa die Unvereinbarkeit zwischen Gauweiler und der CSU bzgl. des Lissabon-Vertrages oder die der SPD und der Linkspartei bzgl. deren USA-Politik). Natürlich verkommt bei diesem opportunistischen Taktieren, diesen Einigungsversuchen das politische Profil zur Beliebigkeit (ein Parteiaustritt hier oder der Bruch der Koalition dort wären sicherlich konsequenter…). Dies spricht jedoch nicht für Benoist, sondern gegen die heutige Politik.

Die von Benoist genannten Kriterien haben nicht die Kraft, einheitliche Kräfte zu bilden. Warum stößt die USA- und Kapitalismuskritik eines Jürgen Schwab oder Christian Worch in linken Kreisen auf taube Ohren, obwohl diesbezügliche Thesen dort sicherlich konsensfähig sind? Warum stimmt Frankreichs Linke stets pflichtbewußt für bürgerliche Politiker, wenn es darum geht, einen Bürgermeister oder Staatspräsidenten des Front National zu verhindern – obwohl der FN hinsichtlich USA-Kritik usf. der Linken deutlich näher steht? Selbst im jeweils äußersten politischen Spektrums kommen derartige Bündnisse nicht zustande: Die RAF hat stets die ausgestreckte Hand rechtsextremer terroristischer Vereinigungen abgelehnt, obwohl deren Ziele und Grundgedanken (Anti-Kapitalismus, Anti-Amerikanismus) identisch waren.

Die letzten Jahrzehnte zeigen: Entlang der von Benoist aufgezeigten Bruchlinien werden kluge Gespräche geführt, interessante Bücher geschrieben und reizvolle Bündnisideen gehegt. Die entscheidenden Schlachten werden jedoch weiterhin an den bewährten (führwahr: keinesfalls trennscharfen) Kategorien rechts – links geführt.

PS: Mit einer reflexhaften Kritik / Ablehnung Benoists oder gar anti-französischen Reflexen hat dies wahrlich nichts zu tun. Ich schätze Benoist als radikalen und selbständigen Denker sehr, auch wenn ich nicht all seine Auffassungen teile.

Honoré de la Canardière
16. August 2009 09:46

@ Nihil:

Ich stimme Ihnen zu, daß A de B eher ein Reimport deutschen (und damit ureuropäischen) Denkens ist. Innerhalb der G.R.E.C.E. herrscht eine ausgeprägte Deutschfreundlichkeit, die in Frankreich sonst unüblich ist – als hätte sich das ganze deutschfreundliche Frankreich um A de B versammelt.

Die 2 wesentlichen Unterschiede zwischen der deutschen und der französischen Rechte sehe ich in:

1. Religion: in Frankreich bekennt man sich entschieden zum Heidentum und nicht zuletzt A de B sieht – in Anlehnung an Nietzsche – den Ursprung des Totalitarismus in der Bibel, sprich im Christentum (ein einziger und wahrer Gott, ein einzige Wahrheit, alles andere ist falsch und böse, muß ausgerottet werden, usw.)

2. Das Wort „bourgeois“ (Bürger) ist im französischen fast ein Schimpfwort.
In Deutschland wie in anderen germanischen Ländern (Schweden, usw.) scheint das „bürgerliche Lager“ als sinnverwand für die Rechte allgemein angenommen zu sein, und zwar – für einmal – sogar eher positiver belegt (vielleicht auch, weil es harmloser klingt).

Dabei sollten wir nie vergessen, daß beide Länder auch unterschiedliche Erfahrungen in ihrer jeweiligen Vergangenheit gemacht haben. Leute wie A de B und Karlheinz Weißmann wissen das, viele andere dagegen nicht.

Thomas
17. August 2009 14:37

"Wer sich »rechts« nennt, kann heute Demokrat oder Antidemokrat sein, Atlantiker oder Anti-Amerikaner, überzeugter Europäer oder Anti-Europäer, Liberaler oder Antiliberaler, für oder gegen den Kapitalismus, Revolutionär oder Konterrevolutionär, Universalist oder Feind jedes politischen Universalismus und so weiter."

Hier formuliert de Benoist so pauschal, daß man zumindest teilweise widersprechen muß:
Ein Rechter auf dem europäischen Festland kann kein Atlantiker sein. Soll man Friedbert Pflüger, Volker Rühe oder Wolfgang Schäuble allen Ernstes als "Rechte" bezeichnen? Rechte werden immer ein gesundes Mißtrauen gegen die politischen und kulturellen Hegemonialansprüche der USA haben und ebenso gegen die in den USA rührige Israel-Lobby. Allerdings können innerhalb der Rechten durchaus Unterschiede bestehen zwischen realpolitischem Pragmatismus, der die Vorherrschaft der USA zur Kenntnis nimmt (ohne sie gutzuheißen) und punktuelle Übereinstimmungen zur Stärkung der eigenen Position zu nutzen versucht und einem grundsätzlichen Anti-Amerikanismus, der theoretisch begründet sein mag, praktisch aber wirkungslos bleiben wird.

Ebensowenig kann ein Rechter gleichzeitig Liberaler oder Kapitalist sein, dazu bestehen in Hisicht auf Kultur- und Menschenbild zu große Unterschiede. Es kann zwischen Rechten und Liberalen allenfalls Koalitionen - im geistigen oder konkret politischen Sinn - geben.

Infwiefern Rechte auch "Anti-Europäer" sein können, müßte de Benoist schon genauer erklären. Europäische Rechte werden meiner Meinung nach immer "Europäer" im besten Sinne dieses Wortes sein, auch wenn man die eigene Nation oder das eigene Volk gegen Ansprüche anderer europäischer Völker und Nationen gelegentlich verteidigen muß.

Abgesehen davon konnte ich mit der radikal anti-christlichen Einstellung de Benoists nie etwas anfangen. Zum einen ist sie nicht genügend durchdacht. Wenn de Benoist inhaltlich von "Christentum" spricht, steht ihm inhaltlich das calvinistische Christentum vor Augen. Er ignoriert dagegen die prinzipielle Offenheit des Katholizismus für gewisse Aspekte heidnischer Kultur. (Nicolás Gómez Dávila hatte das Heidentum sogar als "Zweites Altes Testament" der katholischen Kirche bezeichnet.) Gleichzeitig kritisiert er den Universalismus der Katholischen Kirche, ohne den innerkirchlichen Pluralismus zu berücksichtigen. Aus dieser Vermengung calvinischen Inhalts und katholisch-globaler Institution konstruiert er ein Feindbild "Christentum" dem er sein angeblich positives Heidentum gegenüberstellt.

Zum andern kann man nicht eine mehr als eineinhalbtausend Jahre währende Symbiose zwischen griechisch-römischer Antike, germanischer Welt und christlicher Religion rückgängig machen. Eben diese Symbiose macht aber Europa aus.

Nihil
18. August 2009 17:39

Soll man Friedbert Pflüger, Volker Rühe oder Wolfgang Schäuble allen Ernstes als „Rechte“ bezeichnen?

Der politische Mainstream (Linksliberale) würde sie so bezeichnen - also sind sie "Rechte" (gewissermaßen). Die Frage ist also vielmehr: kann man gegen derartige Deutungshoheiten anstinken oder hat man besseres zu tun? (Benoist hat besseres zu tun).

Abgesehen davon konnte ich mit der radikal anti-christlichen Einstellung de Benoists nie etwas anfangen. Zum einen ist sie nicht genügend durchdacht.

Ich fürchte die Kritik, die Benoist übt, wurde nicht wirklich verstanden (wurde sie überhaupt gelesen?). Wenn Weißmann in der aktuellen Sezession schreibt, daß Benoist antikatholisch wäre so ist das - aus meiner Sicht - völlig falsch (da könnte man ja daraus schließen, daß er etwa Sympathien für den Protestantismus hat - es ist eher umgekehrt). Benoist geht viel weiter und hält sich sicher nicht mit "christlichen Erscheinungen" wie der katholischen Kirche auf. Seine Kritik des Christentums ist eine absolute inhaltliche(!) Fundamentalkritik (vgl. Nietzsche). Das Christentum ist seinem Wesen nach eine orientalische Religion (Gott als Herrscher, Strafrichter, Gesetzgeber, Naturauffassung = Wüste, usw.) und die damit einhergehende Ethik verhält sich sich zu ureuropäischen (antiken) ethischen Vorstellungen völlig diametral. Die Kirchen zeigen diesen Widerspruch perfekt und zerbrechen heute auch daran (das Kirchenestablishment - zumindest das r.-k. - ist noch in dieser widersprüchlichen Mischung verhaftet, die Laienbewegungen sind aber schon längst wahrhaft christlich geworden [eine Entwicklung die sicher durch die laizistischen Folgeerscheinungen des Christentums beschleunigt oder überhaupt erst ermöglicht wurde]).

Er ignoriert dagegen die prinzipielle Offenheit des Katholizismus für gewisse Aspekte heidnischer Kultur.

Was interessieren mich heidnische Versatzstücke die in ständigem Widerstreit zur Bibel stehen oder überhaupt "nur" die Ästhetik betreffen? Wozu soll ich mich mit dem Katholizismus aufhalten, wenn ich "ganz" "heidnisch" sein kann? Ich verstehe den zitierten Satz nicht wirklich anders als eine schlechte Kirchenwerbung.

Gleichzeitig kritisiert er den Universalismus der Katholischen Kirche, ohne den innerkirchlichen Pluralismus zu berücksichtigen.

Nein, Benoist kritisiert nicht den "Universalismus der Katholischen Kirche" sondern "den" Universalismus überhaupt! Benoist ist gegen jede Form des Universalismus ...

Aus dieser Vermengung calvinischen Inhalts und katholisch-globaler Institution konstruiert er ein Feindbild „Christentum“ dem er sein angeblich positives Heidentum gegenüberstellt.

Leider wieder falsch. Benoist, setzt sich mit der Substanz des Christentums - seiner ethischen Lehre, seiner Zeitauffassung, seiner Weltauffassung - auseinander. Die Kirchen werden nur am Rande erwähnt.

Zum andern kann man nicht eine mehr als eineinhalbtausend Jahre währende Symbiose zwischen griechisch-römischer Antike, germanischer Welt und christlicher Religion rückgängig machen.

Das klingt ja gar nicht dogmatisch ("Symbiose", man "kann nicht"). Natürlich kann man! Das Christentum ist entstanden, es kann auch wieder verschwinden. Und es ist gerade dabei im Linksliberalismus aufzugehen - und das ist kein Zufall. Die Synergieeffekte sind einfach frappierend.

Eben diese Symbiose macht aber Europa aus.

Für Dich vielleicht, für mich macht Europa was anderes aus: seine Völker, seine ureuropäischen Wurzeln, eine spezifische Art zu denken. Und das alles ist leider nicht erst seit heute bedroht ....

So wie es sehr viele Gefühlslinke gibt, befürchte ich, daß es innerhalb der "Konserverativen" auch einige "Gefühlschristen" gibt. Das hat nichts mit dem Intellekt, eher was mit Charakter zu tun. Grob lassen sich die rechten "Gefühlschristen" in zwei Lager einteilen (obwohl es natürlich auch eine Schnittmenge gibt): jene die ihre eigene Biographie (Ausbildung, Sozialisation, usw.) nicht in Frage stellen können/wollen (was persönlich durchaus nachvollziehbar ist, aber für mich nie eine Option war; auch Weißmann gehört hier dazu: jemand der Theologie studiert hat, wird schwerlich sich damit abfinden können, daß er "nur" das "Andere" studiert hat [um Mißverständnissen vorzubeugen: ich schätze Weißmann ansonst sehr!]) und jene die (ebenso verständlich) ihr religiöses Bedürfnis stillen wollen, aber (das ist der Fehler!) den Weg des geringsten Widerstandes gehen und das annehmen was einfach angeboten wird (dann kommt da vielleicht noch die oberflächliche Gleichung Konservativ = Chrstlich dazu).

Ohne Religion (die die Grundlage jeder Kultur ist; ohne Religion ist es IMHO keine Kultur) ist es wirklich schwer zu leben, aber so etwas kann man eben nicht schlagartig ändern. Eine Kultur kann man weder am Reißbrett konstruieren, noch sich zu Hause basteln (denn ist sie "individuell" ist es keine Kultur). Was aber ist die Konsequenz? In den warmen Schoß der falschen Religion zurückkehren? Oder einsam in kalter Umgebung darum ringen, daß es nicht so bleibt? Für mich gibt es nur den Weg Nr. 2 und bin dankbar für Nietzsches Zarathustra, wo dieser Weg genial reflektiert wird.

PS: Find es immer wieder paradox, fast amüsant, pro Benoist (bzw. seiner Positionen) argumentieren zu "müssen", obwohl ich ihn gerade durch die JF (und ihr Umfeld) kennengelernt habe :-)

Thomas
19. August 2009 11:13

Der politische Mainstream (Linksliberale) würde sie so bezeichnen – also sind sie „Rechte“ (gewissermaßen).

Aha. Der poltische Mainstream bezeichnet sie so, also sind sie es gewissermaßen. Nur daß es de Benoist (und ebenso mir) gar nicht um Bezeichnungen durch den politischen Mainstream ging, sondern um die Frage der Selbstbezeichnung!

Benoist geht viel weiter und hält sich sicher nicht mit „christlichen Erscheinungen“ wie der katholischen Kirche auf. Seine Kritik des Christentums ist eine absolute inhaltliche(!) Fundamentalkritik (vgl. Nietzsche).

Der Katholizismus ist mehr als eine christliche "Erscheinung". Und de Benoist berücksichtigt meines Erachtens die binnenchristlichen inhaltlichen Unterschiede zu wenig.

Das Christentum ist seinem Wesen nach eine orientalische Religion (Gott als Herrscher, Strafrichter, Gesetzgeber, Naturauffassung = Wüste, usw.) und die damit einhergehende Ethik verhält sich sich zu ureuropäischen (antiken) ethischen Vorstellungen völlig diametral.

Schon das Judentum zur Zeit Jesu war nicht mehr streng "orientalisch" sondern massiv von der griechischen Philosophie beeinflußt. Und das Christentum selbst integrierte erst recht griechische Gedanken in seine Lehre. (Calvins Reformation kann man dagegen - übersptitzt formuliert - als der Versuch einer Re-Judaisierung des Christentums sehen, gegen die sich Lutheraner und Katholiken wehrten.) Umgekehrt hatte sich das griechische Denken auch für monotheistische Vorstellungen geöffnet. Nicht zuletzt deshalb war das Christentum in der antiken Welt auch auf offene Türen. Nur wenn man die Antike auf den Stand der Vorsokratiker einfrieren und ausschließlich durch eine nietzscheanische Brille betrachten will, kann man von einer prinzipiellen Unvereinbarkeit zwischen Christentum und Antike sprechen.

Was interessieren mich heidnische Versatzstücke die in ständigem Widerstreit zur Bibel stehen oder überhaupt „nur“ die Ästhetik betreffen? Wozu soll ich mich mit dem Katholizismus aufhalten, wenn ich „ganz“ „heidnisch“ sein kann? Ich verstehe den zitierten Satz nicht wirklich anders als eine schlechte Kirchenwerbung.

Falsch verstanden. Es geht nicht um Kirchenwerbung, sondern um Kritik an der These der prinzipiellen Unvereinbarkeit zwischen Christentum und Heidentum. Ja, es gibt (inhaltlich) beträchtliche Unterschiede, es gibt aber auch (inhaltlich) Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte. Natürlich kann, wer will, "ganz heidnisch" sein. Es ist aber drollig, wie manche Neu-Heiden zwar einerseits die christlichen Dualismen (Himmel-Hölle, gut-böse, Gott-Schöpfung usw.) attackieren, dann aber selbst in einen fast schon dogmatischen Dualismus verfallen, wenn es um die Abgrenzung zum Christentum geht.

Das klingt ja gar nicht dogmatisch („Symbiose“, man „kann nicht“). Natürlich kann man! Das Christentum ist entstanden, es kann auch wieder verschwinden. Und es ist gerade dabei im Linksliberalismus aufzugehen – und das ist kein Zufall. Die Synergieeffekte sind einfach frappierend.

Das Christentum kann aus Europa verschwinden, nur wird dann Europa nicht mehr Europa sein. Und das Christentum wird sicher nicht im Linksliberalismus aufgehen. Darin hat schon Mohler geirrt. Es gibt starke linksliberale Tendenzen in den kirchlichen (katholischen und evangelischen) Institutionen, das ist aber im Wesentlichen eine Ein-Generationen-Problem. In dem Maß, in dem die 68er in Pension gehen und die Kirchensteuermittel schrumpfen, wird sich das weitgehend von selbst erledigen. Im übrigen gehört die (katholische) Kirche zu den wenigen, die auch inhaltlich dem Linksliberalismus in Europa den Fehdehandschuh hingeworfen haben.

Hesperiolus
19. August 2009 22:27

Vielleicht können wir als Spätlinge eines irreligiösen Weltstädtertums das - von Spengler überzeugend gegen ein magisches unterschiedene - faustische Christentum unserer Ahnen nicht mehr glauben, aber lieben sollten wir es! In einem Sinne tieferer Ästhetik, des Ursymbols unserer Kultur. Abendländer vs. Atlantiker oder Wüste-Wald vs. Arabien-Gotik...da wäre einiges auszuführen.

Hesperiolus
19. August 2009 22:45

Lag nicht in der Anti-Gotik der Rechten im tiefsten Sinn ein Motiv ihres Scheiterns? Was wäre bis in die weitgreifendsten Entscheidungen aus expressionistischer und nordischer Weltanschauung geworden, statt der elenden Gipsgriecherei von Rosenberg bis Riefenstahl?

Nihil
20. August 2009 15:54

@Thomas:
Auf die Kritik Nietzsches oder Benoists am Christentum wird hier leider nicht eingangen. Es heißt immer: "aber es gibt auch Berührungspunkte". Ja, die gibt es wohl, aber nicht im Kern(!) - die Berührungspunkte sind an der Peripherie, nicht im substantiellen Bereich. Oder es heißt: "das ist so" - mit dieser dogmatischen Verirrung kommen wir doch nicht weiter. Und ich bin mir nicht sicher ob wir beide es noch erleben werden, aber was die endgültige Integration des Christentums in den "Linksliberalismus" betrifft würde ich um sehr viel wetten! :-)

Man könnte zu jedem Pt. noch viel schreiben, aber nur zum letzten: wenn Du tatsächlich interessierter Katholik wärst, würdest Du wissen, daß die Integration des Christentums in den Linksliberalismus (letztlich in die sog. "Aufklärung") mit den 68ern nur bedingt zu tun; es gibt zahlreich innerkirchlich einschlägige Literatur von vor 68 (ev. hat hier sogar der zusammengebrochene NS einen Schub verliehen) - das gesamte Vaticanum II war vor 68! Und diese Entwicklung wird auch nicht mit der Pensionierung einer Generation urplötzlich aufhören; alleine diese naive Idee zeugt von wenig Realitätssinn. Gs. stoppt keine Entwicklung abrupt, selbst wenn "nur" die 68er als Ursache in Frage kämen wäre es naiv zu glauben, daß es dort keinen ideologischen Nachwuchs gibt. Und ich gehe weiter: der kirchliche Nachwuchs ist fast ausschließlich in diesem rein christlichen Geist aufgewachsen, da nutzen auch die Rückzugsgefechte im vatikanischen Bunker herzlich wenig - auch ein hierarchisches Gebilde kommt ohne Laien/Gläubige nicht aus.

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