Die Systemfrage

Es zieht sich ein neuer Riß durch die geistige Landschaft. Er ist nicht neu im Sinne des Soeben-Entstandenen, sondern er wird neuerdings erst richtig sichtbar.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Je näher das Jah­res­en­de rückt, des­to schär­fer tre­ten die Kon­tu­ren her­vor. Der Riß trennt „Sys­tem­gläu­bi­ge“ von „Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern“. Er ver­läuft zwi­schen denen, die davon aus­ge­hen, daß es trotz Kri­sen und Krie­gen im gro­ßen und gan­zen poli­tisch so wei­ter­ge­hen wird, und denen, die davon aus­ge­hen, daß „das Sys­tem“ am Ende ist.

Die Gläu­bi­gen und die Ungläu­bi­gen  ver­höh­nen ein­an­der, sind wech­sel­sei­tig von­ein­an­der bit­ter ent­täuscht und reden längst nicht mehr über das­sel­be. Was ist „das Sys­tem“? Wie weit geht es, wor­auf beruht es, was pas­siert, wenn man in der Kate­go­rie des „Sys­tems“ denkt?

Hier ist es – qua­si als Pro­bier­stein – inter­es­sant, in Man­fred Klei­ne-Hart­la­ges im ver­gan­ge­nen Jahr erschie­ne­nes Buch Die Sys­tem­fra­ge. Vom Schei­tern der Repu­blik und dem Tag danach zu schau­en. Der Autor sieht im

Natio­nal­staat die obers­te poli­ti­sche Ebe­ne, die demo­kra­ti­scher Kon­trol­le gera­de noch zugäng­lich ist. Die Ver­la­ge­rung von Kom­pe­ten­zen auf die supra­na­tio­na­le Ebe­ne ist daher zwangs­läu­fig mit Demo­kra­tie­ab­bau verbunden.

Er stellt die Sys­tem­fra­ge der­ge­stalt, daß er sich fragt, wie nach dem erwart­ba­ren Ende des Sys­tems der BRD

am Tag danach der Umgang mit den Par­tei­en, den staat­lich finan­zier­ten Medi­en, den Kir­chen und der Zivil­ge­sell­schaft aussehen

müß­te. Hier wür­de sich ein Abtrün­ni­ger ent­setzt an den Kopf fas­sen. Natio­nal­staat? Demo­kra­tie? Par­tei­en? Medi­en? Kir­chen? Zivil­ge­sell­schaft? – alles Bau­stei­ne des Sys­tems, von denen bald sowie­so kei­ner mehr auf dem ande­ren lie­gen wird. Für ihn wäre Klei­ne-Hart­la­ge ein­deu­tig dem Lager der „Sys­tem­lin­ge“ zuzu­ord­nen. Des­sen Über­le­gun­gen zur Ret­tung der Demo­kra­tie und des Staa­tes (vor Glo­ba­lis­mus, ideo­lo­gi­schen Sack­gas­sen und tota­li­tä­ren Ten­den­zen) beru­hen auf vor­aus­set­zungs­rei­chen Annah­men, die der Sys­tem­ab­trün­ni­ge nicht teilt.

Sie beru­hen, und hier ver­las­sen wir Klei­ne-Hart­la­ges Buch und grei­fen ins grund­sätz­li­che Fach, auf einer eben­so vor­aus­set­zungs­rei­chen Unter­schei­dung von Wahr­heit und Lüge.

Dem Sys­tem als sol­chem kommt (meist irrever­si­bel) abhan­den, wer annimmt, daß die­ses auf einer Lüge bzw. meh­re­ren fun­da­men­ta­len Groß­lü­gen beru­he. „Das Sys­tem“ umfaßt, wenn man so her­an­geht, weit mehr als nur den Natio­nal­staat namens „Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land“ mit sei­nen Par­tei­en, Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen, Medi­en, Sprach­re­ge­lun­gen, Wirt­schafts­struk­tu­ren und sei­nem his­to­ri­schen Selbst­ver­ständ­nis. Es bringt aus die­ser Sicht die auf­ge­zähl­ten mani­fes­ten Erschei­nungs­for­men der Lüge nur her­vor, ist also gewis­ser­ma­ßen das Prin­zip der Lüge.

Wenn Mar­xis­ten frü­her „die Sys­tem­fra­ge“ stel­len woll­ten, waren sie dia­gnos­tisch nahe dran an dem Pro­blem, das der­zeit auf dem Spiel steht und den beschrie­be­nen Riß erzeugt. Sie nah­men an, daß der Kapi­ta­lis­mus als öko­no­misch-ideo­lo­gi­sches Sys­tem über­wun­den wer­den müs­se, damit man die durch ihn gene­rier­ten Wider­sprü­che über­win­den kön­ne – blei­be man inner­halb des Sys­tems, sei die Über­win­dung der Wider­sprü­che unmög­lich. Dem­entspre­chend radi­kal, fun­da­men­ta­lis­tisch, poli­tisch-gnos­ti­zis­tisch for­mu­lier­ten Mar­xis­ten die Systemfrage.

Las­sen Sie mich die cha­rak­te­ris­ti­sche Ent­täu­schung eines Sys­tem­ab­trün­ni­gen beschrei­ben. Er las sich seit Jahr und Tag durch die Wei­ten des Net­zes, dock­te irgend­wann bei der poli­ti­schen Rech­ten an, weil er respek­ti­ve in der Migra­ti­ons­fra­ge Wort­mel­dun­gen vor­fand, die ihm anzeig­ten: „Die haben es begrif­fen, die spie­len das Spiel der Migra­ti­ons­agen­da nicht mit und ana­ly­sie­ren genau, wel­che ver­lo­ge­nen Nar­ra­ti­ve dahinterstehen“.

Von da aus fand der Wahr­heits­su­cher meis­tens (in Mit Lin­ken leben hat­ten wir von „Clus­tern“ gespro­chen) noch wei­te­re The­men­kom­ple­xe, die ihn hell­hö­rig wer­den lie­ßen: Zeit­ge­schich­te, Sou­ve­rä­ni­tät der BRD, Klima/Depopulation, Gender/Transhumanismus, Pro­pa­gan­da und Gehirn­wä­sche, Sata­nis­mus, schließ­lich „Corona“/Medizin. Die­se The­men­kom­ple­xe erschei­nen ihm als die Bau­stein­chen eines gro­ßen Lügen­puz­zles, auf denen „das Sys­tem“ fußt.

Und dann tritt fol­gen­des ein: Leu­te, denen er ver­traut, las­sen hie und da durch­bli­cken oder erklä­ren gar gera­de­her­aus, daß sie Tei­le des von ihm erkann­ten Lügen­puz­zles für wahr hal­ten, daß sie es absurd fin­den, an bestimm­ten Punk­ten oder über­haupt von „Lüge“ zu spre­chen. Viel­mehr käme es auf eine ver­nünf­ti­ge Beur­tei­lung kom­ple­xer Zusam­men­hän­ge an, vie­les könn­ten wir (“Wir sind ja kei­ne Viro­lo­gen”) gar nicht abschlie­ßend beur­tei­len. Moder­ne sozia­le Sys­te­me (wie Poli­tik, Wirt­schaft, Gesund­heit usw.) sei­en nun ein­mal hoch­dif­fe­ren­ziert und ihre Pro­ble­me nicht mit der manichäi­schen Scha­blo­ne „Wahr­heit und Lüge“ zu lösen.

Nun sieht sich der Sys­tem­ab­trün­ni­ge dop­pelt düpiert: Ers­tens erklärt man ihn für unver­nünf­tig und – rasch sind auch bei rech­ten Zeit­ge­nos­sen die Voka­beln griff­be­reit – einen „Schwur­b­ler“ und „Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker“. Zwei­tens ste­cken die ehe­dem Ver­trau­ens­wür­di­gen offen­sicht­lich tief im Sumpf des Sys­tems. Sie spie­len es mit, ver­wen­den sei­ne Spra­che („men­schen­ge­mach­ter Kli­ma­wan­del“, „Virus­er­kran­kung“, „Trans­per­so­nen“ etc.), mer­ken dies ent­we­der sel­ber nicht oder spie­len sogar die Rol­le von Tor­wäch­tern: mit gemä­ßigt kri­ti­schen, im Sys­tem anschluß­fä­hi­gen Ant­wor­ten das Wei­ter­fra­gen poten­ti­el­ler Sys­tem­ab­trün­ni­ger zu unterbinden.

Wie reagiert er? Sein Miß­trau­en in „das Sys­tem“ wird noch grö­ßer, was völ­lig ver­ständ­lich ist, da nun nicht nur Erkennt­nis­fra­gen (Wahr­heit und Lüge), son­dern auch mora­li­sche Fra­gen berührt sind (Wem kann ich noch ver­trau­en? Wer ist auf der Sei­te der Guten?), und ihm das Sys­tem die Freun­de zu neh­men droht, die er noch hat.

Wie in einem Vexier­bild fin­de ich das kor­re­spon­die­ren­de Pro­blem auf der ande­ren Sei­te des Ris­ses: der­je­ni­ge, der am „Sys­tem“ (oft kann und mag er mit die­sem Begriff gar nichts anfan­gen und wür­de eher von „Gesell­schaft“ reden) zwar fun­da­men­ta­le Fehl­ent­wick­lun­gen erkennt, aber weder Demo­kra­tie, noch Staat, noch Poli­tik in Bausch und Bogen ver­dammt, sieht sich in die Rol­le des illu­si­ons­blin­den Mit­läu­fers mit man­geln­dem Durch­blick oder des nütz­li­chen Idio­ten („kon­trol­lier­te Oppo­si­ti­on“) ein­ge­wi­ckelt. Aus die­sem Paket kommt er durch klu­ge Argu­men­te, die bis­her sein poli­ti­sches Rüst­zeug waren, nicht mehr her­aus, weil der Sys­tem­ab­trün­ni­ge noch jede sei­ner Recht­fer­ti­gun­gen als umso deut­li­che­res Zuge­ständ­nis an die Sys­tem­lü­gen zu deu­ten imstan­de ist.

Nun ste­hen sich die zwei feind­lich gegen­über, dabei lie­gen sie objek­tiv von ihren poli­ti­schen Ein­stel­lun­gen her nahe bei­ein­an­der. Bei­de sau­gen ihr Man­na aus erkennt­nis­theo­re­ti­scher Über­le­gen­heit: gegen­über dem „im ver­nünf­ti­gen Dis­kurs nicht mehr anschluß­fä­hi­gen irra­tio­na­len Schwarz­weiß­den­ker mit sei­nem alle Dif­fe­ren­zie­rung kil­len­den ‚Sys­tem‘“ bezie­hungs­wei­se spie­gel­bild­lich gegen­über „dem treu­doo­fen Staats­gläu­bi­gen, der lau­ter lecke­re Lügen­häpp­chen schluckt, weil er sich nicht ein­fach vor­stel­len kann, daß wir absicht­lich in einer Matrix gehal­ten wer­den, und vom Sys­tem profitiert“.

Machen wir die Pro­be aufs Exem­pel und neh­men an, daß einer der bei­den bald von der Rea­li­tät Lügen gestraft wer­den wird.

Die poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Zei­chen ste­hen auf Sturm (manch ein Abtrün­ni­ger spricht sogar von einem spi­ri­tu­el­len „per­fek­ten Sturm“, in dem alles auf einen Kul­mi­na­ti­ons­punkt zusteu­ert), und ent­we­der knallt das Sys­tem noch in die­sem Herbst und Win­ter an die Wand – dann braucht sich auch die Oppo­si­ti­ons­par­tei kei­ne Gedan­ken über den Ver­fas­sungs­schutz mehr zu machen, wird die Geschlech­ter­fra­ge unter den Hun­gern­den und Frie­ren­den nicht mehr der Erwäh­nung wert sein und Frau Baer­bock muß sich auch nicht mehr vor „Volks­auf­stän­den“ fürch­ten, denn der neue Hege­mon braucht die­se kaum, um für Recht und Ord­nung zu sor­gen. Mit dem Zusam­men­bruch des Bret­ton-Woods-Sys­tems steht und fällt „das System“.

Oder aber es pas­siert wie in den letz­ten drei­ßig Jah­ren ver­geb­li­chen War­tens auf den „Tag X“ ein­fach gar nichts, jeden­falls nichts, das die „Sys­tem­fra­ge“ berührt. Mit „Ver­wer­fun­gen“ (Yasha Mounk) aller Art kommt das Sys­tem erwie­se­ner­ma­ßen zurecht. Allen­falls eta­bliert sich lang­sam und kei­nes­falls dis­rup­tiv die „Neue Welt­ord­nung“. Der gro­ße Neu­start kommt nicht mit gro­ßer Ges­te und Gewalt, son­dern ergibt sich wie von selbst aus aller­lei bereits vor­ge­bahn­ten Alter­na­tiv­lo­sig­kei­ten, getreu der auf vie­le Groß­stadt­mau­ern gesprüh­ten Devi­se „Sys­tem Chan­ge not Cli­ma­te Chan­ge“. Eini­gen poli­ti­schen Akteu­ren kommt frei­lich selbst die­ses Sze­na­rio so vor, als ent­stam­me es dem hand­lungs­läh­men­den Gift­kas­ten der „Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker“, set­zen sie doch gera­de auf den „hei­ßen Herbst“ der Volks­auf­stän­de und kip­pen­den Mehrheiten.

Das Ver­hält­nis zwi­schen poli­ti­schen Oppo­si­tio­nel­len und post-poli­ti­schen Sys­tem­ab­trün­ni­gen ist im Moment kaum anders denn als tra­gisch zu bezeich­nen. Sie kom­men nicht zuein­an­der und nicht von­ein­an­der los. Ob die äuße­ren Ent­wick­lun­gen die Span­nung lösen wer­den, steht dahin. Eher ist mei­nes Erach­tens zu erwar­ten, daß der Riß noch tie­fer wird. Ver­ge­hen­de Zeit heilt alle Wun­den, aber ver­dich­te­te Zeit reißt sie.

Die Gestalt die­ser Tra­gik habe ich unlängst in einem Apho­ris­mus kon­den­siert gefun­den, den Lou­is-Fer­di­nand Céli­ne in sei­ner Schrift über den Arzt Ignaz Phil­ipp Sem­mel­weis for­mu­liert hat:

Kei­ne ande­re Phan­ta­sie ist gestat­tet, als die, wel­che sich auf den ima­gi­nä­ren Gra­nit des gesun­den Men­schen­ver­stan­des stützt. Zu weit von die­ser Kon­ven­ti­on gibt es kei­ne Ver­nunft und kei­nen Geist mehr, der dich ver­ste­hen kann.

Ob man die­sen Satz mit Beto­nung auf „ima­gi­när“ und „Kon­ven­ti­on“ liest, oder mit Beto­nung auf „gesun­der Men­schen­ver­stand“ und „Ver­nunft“, mar­kiert, wes Geis­tes Kind man in der hier von mir auf­ge­ris­se­nen Fra­ge ist.

– – –

Caro­li­ne Som­mer­feld: Ver­such über den Riß, 2. Auf­la­ge, 10 € – hier bestel­len.

Man­fred Klei­ne-Hart­la­ge: Sys­tem­fra­ge. Vom Schei­tern der Repu­blik und dem Tag danach, 2. Auf­la­ge, 18 € – hier bestel­len.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (20)

Laurenz

10. August 2022 11:15

@CS (1)

Ihr Artikel, wie der Bezug auf Kleine-Hartlages Buch, befleißigt sich einiger Ungenauigkeiten der Definition, die bei diesem Thema (in meinen Augen) schon eine Rolle spielen.

Er stellt die Systemfrage dergestalt, daß er sich fragt, wie nach dem erwartbaren Ende des Systems der BRD.

Das System BRD ist doch schon weitestgehend beendet. Im einzigen Segment, wo keine Internationalisierung stattgefunden hatte, dem Energiesektor, zeigt sich jetzt ganz deutlich, daß sich alle anderen im Zweifelsfalle für den Nationalstaat entschieden haben. Obwohl wir quasi selbst nicht genug Gas haben, liefern wir welches an Frankreich, Spanien & Marokko, weil unsere NomenKlatura der Meinung ist, wir müßten die Fallenden stabilisieren. Dieses Helfersyndrom betrifft ja nicht nur die genannten 3 Staaten. Wir geben zB Indien 10 Milliarden um dessen Klimaziele zu unterstützen. Damit mögen zwar Aufträge an deutsche Unternehmen verbunden sein, aber da können wir das Geld diesen Unternehmen auch gleich so schenken (Subvention). Mancher in der Sozialdemokratie mag verstanden haben, daß wir das viele, für irgendeinen Scheiß projektierte Geld lieber in unsere Armee stecken sollten. Aber, wie sagt man im Kapitalmarkt, never catch a falling knife.

kikl

10. August 2022 11:42

Sehr schön geschrieben. Ein paar Anmerkungen von mir:

"Moderne soziale Systeme (wie Politik, Wirtschaft, Gesundheit usw.) seien nun einmal hochdifferenziert und ihre Probleme nicht mit der manichäischen Schablone „Wahrheit und Lüge“ zu lösen."

Wer den Begriff der "Wahrheit" aufgibt, der gibt das logische Denken auf. Denn die Erhaltung der Wahrheit ist ein Grundaxiom logischer Deduktion. Wer den Wahrheitsbegriff aufgibt, mit dem ist ein vernünftiges Gespräch nicht möglich. Dann ist das Gespräch unter Hinweis auf diesen Umstand abzubrechen. 

Worüber man streiten kann ist, was die Wahrheit ist, weil wir uns sowohl in naturwissenschaftlichen als auch geisteswissenschaftlichen Fragen niemals 100% gewiss seien können, die Wahrheit erkannt zu haben. In der reinen Mathematik besteht dieses Problem nicht, denn die grundlegenden Wahrheiten werden dort nicht erkannt bzw. beobachtet sondern axiomatisch festgelegt. Dafür haben mathematische Wahrheit an sich keinen Bezug zur Wirklichkeit. Sobald die Mathematik auf die Welt losgelassen wird, befindet man sich wieder im Reich der Ungewissheit. Deshalb sind mathematische Modelle der Wirklichkeit Theorien und keine unbestreitbaren Wahrheiten.

Wie ist der Dialog möglich? Respektvoller Umgang. Der Abtrünnige erinnere sich daran, dass die Abkehr vom System ein langwieriger Prozess ist, der nicht in einem einzigen Streitgespräch erfolgt. Der Systemgläubige gestehe sich ein, dass er sich irren könnte.

Franz Bettinger

10. August 2022 11:45

In eine System-Kommission (oder verfassungsgebende Versammlung) der Zukunft wünschte ich mir auf jeden Fall einen Kopf wie Oskar Lafontaine. Er hat sehr gute und sehr radikale Überlegungen - z.B. zur progressiven Besteuerung und zum Aktienmarkt - von sich gegeben, weshalb die britische 'Sun' ihn als 'gefährlichsten Mann Europas' bezeichnet hat.

wbs47

10. August 2022 11:52

Hochaktuelles Thema mit klugen Grundgedanken angegangen.

Allein, die Voraussagen sind das Problem. Mussten beispielsweise auch schon noch Klügere als Markus Krall leidvoll erfahren. 

Im September ´89 nahm ich an einer illuster besetzten Podiumsdiskussion in Bad Vilbel teil, zu deren Ende Enno von Loewenstern die Behauptung aufstellte, "die DDR übersteht das kommende Jahr nicht als eigenständiger Staat." Ich - ein nach vier Jahren Haft und zwei weiteren PM12-Jahren 1985 endlich in den Westen Abgeschobener - konnte mir das überhaupt nicht vorstellen. Hatte ich doch das dortige "System" von vielen Seiten kennengelernt.

Diesmal würde ich es nicht so begrenzt terminieren (dieser Herbst usw.), aber daß in der Systemfrage demnächst alles in Bewegung ist, ist allein mit der Geldfrage (Bretton-Woods) vorbestimmt. Womit man auch wieder bei Markus Krall landet.

Gracchus

10. August 2022 11:54

Da kann ich nicht so ganz folgen. Es gibt ja noch Zwischentöne und Zwischenpositionen, so dass sich da nicht nur zwei Lager sind. Tragisch finde ich das nicht, allenfalls tragikomisch. Erkenntnistheoretische Überlegenheit kann sich niemand anmaßen; das zeigt der Beitrag insofern, als er mit Metaphern operiert, und über das "System" kann man nur in Metaphern sprechen. Eine andere Metapher oder ein Synonym für System wäre Verschwörung. 

Ein wesentliches Problem ist das Entgleiten von Realität. Die Probe aufs Exempel ist ebenfalls nur bedingt möglich. Wenn man das System so betrachtet wie Verschwörungstheoretiker - quasi gottähnlich und personal -, kann sich ja alles als Volte des Systems darstellen. Anders gesagt: Auch seine Zerstörung könnte nur scheinbar sein. Es gibt dann keinen Ausweg aus der Täuschung.

Gracchus

10. August 2022 12:04

Mit Kleine-Hartlage könnte ich mich als "Systemling" bezeichnen, weil ich an Demokratie und liberalen Rechtsstaat festhalten würde - wobei "festhalten" womöglich die falsche Metapher, da diesen Konzeptionen eine prozedurale Verflüssigung inhärent ist. Was davon ist übrig? Das politische System vollzieht eine Transformation, in der es die ältere Semantik noch mitschleppt; noch ist der Nationalstaat nicht erledigt und wird gebraucht, um supranational getroffene Entscheidungen durchzusetzen. Die demokratische Emphase erklimmt ungeahnte Höhen. Situativ wird auch die Einigkeit des Volks beschworen. 

Gracchus

10. August 2022 12:11

Je nach Kontext spreche ich von Gesellschaft, System(en) oder Lebenswelt. Davon bilden nur Systeme so etwas wie eine Einheit. Politisch finden (Uni-)Formierungen statt. Oppositionelle widersetzen sich (erst einmal gleichgültig, ob sie Reformen oder Revolutionen anstreben); das Tragikomische besteht eben darin, dass sie, da sie sich ja gegen Uniformierungen richten, sich nicht selbst uniformierten können.

Gotlandfahrer

10. August 2022 12:34

1/3

Es waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb,
sie konnten beisammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief.

Verehrte Frau Sommerfeld,
es freut mich sehr, wieder einmal von Ihnen etwas zu lesen.  Die fortgeschrittene Schismogenese, die Sie beschreiben, ist in der Tat bemerkenswert, und wie auch in vielen Ihrer früheren Beiträge stellt sich ohne den Beobachter zweiten Grades ein Patt-Gefühl ein: Der Systemabtrünnige, doppelt düpiert, kapselt sich genauso ab, wie der Systemfunktionsoptimist, dessen Weißanteil im Grausehen ihn wider Willen zum Mitgehangenen der Malaise macht.  Er muss ja, um Reformieren zu können, etwas zum Reformieren bewahren, was dem Abtrünnigen bereits unerträglich scheint.

Im Artikel stellen Sie nun eine Gleichrangigkeit (Spiegelbildlichkeit) der unvereinbaren Positionen fest: Beide saugen ihr Manna aus erkenntnistheoretischer Überlegenheit, wobei Ihre beiden Zukunftsszenarien, die jeweils einen von beiden Lügen strafen, beide Verderbnis bringen.  Damit deute ich die Intention Ihres Beitrags dahingehend, dass Sie, in Entsprechung zu den Königskindern oben, ratloses Bedauern angesichts der nicht herstellbaren Allianz der zwei von einer Dritten Seite Geschädigten auszudrücken gedachten.

Gotlandfahrer

10. August 2022 12:35

2/3

Insoweit gehe ich mit.  Um zwei Gedanken würde ich dies jedoch ergänzen wollen:

Erstens handelt es sich keinesfalls um erkenntnistheoretischen Gleichstand auf beiden Seiten, das lässt sich ohne Beobachter zweiten Grades formallogisch herleiten: 

Denn eine von beiden Seiten macht einen objektiven Fehler im Annahmen Set, der ausschlaggebend für eine höhere Irrtumswahrscheinlichkeit der Schlussfolgerungen ist, unabhängig, wie man zu den sonstigen Annahmen steht: Die „Irgendwie geht’s weiter so“-Fraktion geht davon aus, dass das, was man sehen kann, alles das ist, was auch nur ist, alles andere ist Verschwörungstheorie.  Sie unterliegen einer Transparenzillusion, mit der sie sich vorgaukeln, selbst zwar nur kleiner, aber souveräner Teilnehmer in einem regelbasierten System zu sein, dessen Regeln sie zustimmten, würden sie gefragt, weil diese ja vernünftig seien.  In dieser Illusion ist der Hinweis auf Inkonsistenz (in der „Matrix“ waren dies Déjà-vus, Programmierfehler) schlicht ein Störfaktor, während sich der durch Abtrünnigkeit sensibilisierte auf kaum noch etwas anderes konzentriert als diese Inkonsistenzen. Was zwar seinerseits zur Manie ausarten kann ABER: Inkonsistenzen sind Inkonsistenzen und selbst ein Fehler durch ihre Überbewertung bleibt ein Fehler im per se Richtigerkannten (= es gibt Inkonsistenz), während die Verneinung ihrer Bedeutung ein Fehler im Falschen ist (= es gibt keine Inkonsistenz).

Gotlandfahrer

10. August 2022 12:36

3/3

Beispiel:  Wenn Wahlergebnisse in statistisch ausgeschlossener Weise nach Auszählungsunterbrechungen nach deutlichem Vorsprung von Kandidat X gerade noch so zu Gunsten von Y drehen, wie es sich die Medienschaffenden wünschen und darüber dann kein Wort mehr zulassen, ist dies eine Inkonsistenz. Punkt. 

Wer diese ignoriert, macht im weiteren größere Prognosefehler als der, der dahinter womöglich NOCH mehr als nur Wahlbetrug vermutet.

Zweitens folgt hieraus, dass es eben doch mehr gibt, als das, was wir zu sehen bekommen, womit aber auch bereits alle fundamentalen Annahmen zu dem System, wie es uns zu verstehen gegeben wird, falsch sind, denn diese schlössen dieses Unsichtbare ja explizit aus.  „Unser System“ kann mit anderen Worten gar  nicht kollabieren oder transformiert werden, weil es dieses System so gar nicht gibt.  Weder die Abschaffung noch die Reform griffen an etwas, was mittels des Verständnisses von ihm bewältigt werden könnte. 

Es ist wie beim der Verkehrskasperle:  Da sind ein paar Kinder, die bemerken, dass es sich um Handpuppen handelt, man sieht ja manchmal sogar einen Arm im Krokodil.  Die anderen werden ob des Hinweises giftig, sie wollen nicht gestört werden in ihrer Hingabe.  Erst recht nicht, wenn man darauf hinweist, dass die andere Hand des Spielers gerade eine Senfgasflasche aufdreht.  Die Aufführung ist weder zu beenden noch zu verändern: Das Theater muss weg.

Laurenz

10. August 2022 12:37

@CS (2)

Sie haben sehr wohl fast des Pudels Kern getroffen.

Mit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems steht und fällt „das System“.

Allerdings nur bedingt. Wenn wir fallen, also der Euro stürzt, heißt das noch lange nicht, daß andere fallen. Und Bretton Woods betrifft mehr oder weniger alle. Die Währungsfrage ist tatsächlich die grundsätzlich entscheidende. Auch hier haben wir die BRD schon vor über 20 Jahren verlassen. Seitdem haben wir so viel Geld ins Euroland gesteckt (seit der Montanunion bis zum Euro waren die Tributleistungen Deutschlands noch harmlos), was 2 verlorene Kriege gekostet hätten. Mancher mag denken, besser als Krieg. Die Systemprotagonisten lügen hier grundsätzlich mit der Aussage, Deutschland profitiere vom Euro. Falsch. Deutschland war auch als Hartwährungsland Exportweltmeister. Und eine Hartwährung ist immer sozialer als eine Weichwährung. Seit der Euroeinführung fragen die Reichen die Analysten, wann denn die Apokalypse kommt, der Euro scheitert. Die Analysten geben die altbekannte Antwort. Der Euro wird bald scheitern, aber keiner weiß, wann genau. 

ede

10. August 2022 13:02

"Vergehende Zeit heilt alle Wunden, aber verdichtete Zeit reißt sie."

Das ist doch großartig und unübertteffbar Frau Sommerfeld. Meine Therapieempfehlung: Mehr Heiterkeit, mehr Spaß & Spiele, mehr Musik, mehr Schönheit. Und natürlich Bewegung an frischer Luft.

Laurenz

10. August 2022 13:12

@CS (4)

Als Resümee kann man festhalten, das Scheitern des Systems ist durch die Abkehr vom Nationalstaat zwangsläufig, ja schicksalhaft bedingt. Deutschland zeigt der Welt wieder mal, wie es nicht geht. Denn, wenn die Deutschen die Utopie nicht packen, dann schafft es niemand.

RMH

10. August 2022 13:14

@Gracchus stellt wichtige Fragen. Was soll "das System" denn bitte sein?

Und was davon ist ernsthaft von Menschen gemacht und gestaltbar und welche Symptome, die wir einem wie-auch-immer System zuschreiben, sind mehr oder weniger a priori der Menschheitsimmanent? Weht jetzt ein Weltgeist und haben wir darauf überhaupt einen Einfluss? Ist die Zuspitzung des Kapitalismus und eine darauf folgende Revolution jetzt Menschenwerk oder fast schon "naturgesetzlich"?

Wo können Menschen gestalten, wo nicht? was geschieht aus ihrer Natur, unabhängig von irgendwelchen Herrschafts-"systemen"? Es lassen sich noch etliche Fragen hinzufügen.

Alles tiefe Fragen, über die sich die Menschheit seit Jahrtausenden die Köpfe zerbricht und von daher ist für mich jemand, der irgendwas von irgendeinem System (an sich) raunt von Anfang an eher suspekt.

Man kann sich über konkrete, definierbare "Systeme" austauschen und debattieren, wie bspw. ein Verfassungsrahmen oder eine Geld- und Währungssystem, aber bei "das System", da steige ich dann besser gleich aus.

Gracchus

10. August 2022 13:23

@ede

"Meine Therapieempfehlung ..." - volle Zustimmung!!!

(Statt auf das "System" wie das Kanninchen auf die Schlange starren ...)

Ulrike

10. August 2022 13:27

Im aktuellen Artikel auf multipolar der sich mit dem Buch „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ von Vaclav Havel beschäftigt, wird weniger zwischen Systemgläubigen und Verschwörungstheoretikern getrennt, als zwischen denen, die in der Lüge leben können und denen, die das für sich ablehnen.

Zitat von Vaclav Havel: „Der Mensch wird zum Leben in Lüge gezwungen, kann aber nur deshalb dazu gezwungen werden, weil er imstande ist, so zu leben. Nicht nur, dass das System den Menschen entfremdet – der entfremdete Mensch stützt dieses System zugleich als eine unwillkürliche Projektion seines Ichs. Als erniedrigtes Bild seiner eigenen Erniedrigung. Als Dokument seines Versagens.“

Vielleicht kommt es vor allem darauf an – sich nicht zu einem Leben in Lüge zwingen zu lassen. Zitat aus dem Artikel: „In der Wahrheit zu leben bedeute für den Gemüsehändler daher, die Losung nicht mehr aufzuhängen, und, wenn er darauf angesprochen werde, seine Meinung ehrlich zu äußern.“

Es klingt so einfach.

Waldgaenger aus Schwaben

10. August 2022 13:42

Mit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems steht und fällt „das System“.

 

Das Bretton-Woods-System ist  1973 zusammen gebrochen und wir leben immer noch!

 
https://de.wikipedia.org/wiki/Bretton-Woods-System#Der_Zusammenbruch_1973
(...).

heinrichbrueck

10. August 2022 14:14

Die spirituelle Natur mancher Art ist nicht dafür geschaffen, in Revolutionssystemen vernünftig existieren zu können. 
Wenn die Welt nach einem Muster aufgeteilt werden kann, seit Zarathustras Unterscheidung vorgegeben, muß die Welt von einem guten Gott regiert werden, und die Steuerung der Welt ist vorprogrammiert. Die ideologische Umschreibung des guten Gottes, dafür die Mehrheit leichter zu begeistern ist, und der böse Gott bzw. Satan, dessen Vernichtung beschlossene Sache ist. Evolution kennt demographische Entwicklung und fiskalische Steuerung. Wer hat die Kontrolle? Betrug ist in jedem System möglich. Freiwillig nicht zu betrügen, es als Frage der Ehre anzusehen, sind doch eher Erziehungsvorstellungen überlegener Konstitution, sofern spirituelle Überlegenheit die richtige Rolle spielt. Wird diese Rolle in die Verwirrung gestürzt, kann sie nur noch Sklavenarbeit leisten. Sie wird zum Werkzeug des guten Gottes, der eigentlich nicht gut sein kann, betrachtet man die eigene demographisch-fiskalische Verliererentwicklung. 
Der globale Angriff beinhaltet alle Völker. Es wird wohl nicht ausreichend sein, sich einen eigenen Wert und Plan zuzuträumen, gleichzeitig im Revolutionssystem zu bleiben. Der eigene Wert muß bewiesen werden, eine andere Rechtfertigung gibt es nicht. 

Maiordomus

10. August 2022 17:28

An der Debatte um das deutsche "System" möchte ich mich nicht beteiligen, weil freiheitliche Strukturen, wie sich da und dort andeuteten, zum Beispiel die Hauensteiner Einung und andere frühdemokratische Entwicklungen zumal in Süddeutschland, aber auch  nach Wilhelm Schapp in Ostfriesland, wegen der unideologischen Uneinheitlichkeit ihrer Entwicklung sich kaum als "System" bezeichnen lassen. Ohnehin hat der Begriff "radikaldemokratisch", wie er in Deutschland polemisch gebraucht wurde, heute zwar seltener als noch 1968, einen ausgesprochen feindbildbetonten politischen Beigeschmack, fast nach Lehrbuch Carl Schmitt. 

Was mich  mit Frau Sommerfeld verbindet, ist ihr kürzliches Eingeständnis, eine begeisterte Leserin von "Winter in Wien" geworden zu sein. Dort gibt es nicht das kleinste Eingeständnis zu, wie man damals sagte, "Euromarkt", auch nicht zu "Euratom", und der amerikanische "Nihilismus", das Nichts für das Nichts, wurde sogar stärker abgelehnt als der sowjetische, wobei die Stalinisten sich freilich nie als Nihilisten verstanden haben, das wären eher die Bakunin-Anarchisten gewesen und die sich aus diesen rekrutierenden Zaren-Attentäter und -Attentäterinnen. 

 

Götz Kubitschek

10. August 2022 17:50

so, früher badeschluß heute.

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