Wiedervorlage (11): 100. Todestag von Georges Sorel

Über den Todestag Sorels herrscht Uneinigkeit. In vielen Nachschlagewerken, etwa im Lexikon des Konservatismus, wird der 4. September angegeben.

Redaktionelle Informationen und Hinweise - Werkstattberichte sozusagen.

Armin Moh­ler hat dage­gen den 27. August als gül­ti­ges Datum genannt, bei Wiki­pe­dia, sowohl deutsch als auch fran­zö­sisch, fin­det sich der 29. August. Die Unklar­heit dar­über zeigt zumin­dest, daß es im Moment sei­nes Able­bens still um Sorel gewor­den war. Sei­ne Wir­kung in Deutsch­land setz­te erst im Lau­fe der 1920er Jah­re ein, als Carl Schmitt Sorel als wich­ti­gen anti­de­mo­kra­ti­schen Den­ker wür­dig­te und die Über­set­zung sei­nes wich­tigs­ten Wer­kes Über die Gewalt erschien. Über die­ses Buch hat Alain de Benoist in den Schlüs­sel­wer­ken (Band 2 des Staats­po­li­ti­schen Lexi­kons) einen Bei­trag ver­faßt, den wir nun anläß­lich des 100. Todes­ta­ges von Geor­ges Sorel als Wie­der­vor­la­ge bringen

Geor­ges Sorel (1847–1922) will in kei­ne Schub­la­de pas­sen. Als jun­ger Mann war er stark beein­flußt von der Phi­lo­so­phie Berg­sons und dem Den­ken Pierre-Joseph Proud­hons, aber auch von eini­gen Wer­ken Nietz­sches. 1893 wur­de er Mar­xist, ergriff in der gro­ßen Debat­te der Jahr­hun­dert­wen­de Par­tei für Edu­ard Bern­stein gegen Karl Kaut­sky und ent­wi­ckel­te sich ab 1905 zum Vor­den­ker des von Fer­nand Pell­ou­tier begrün­de­ten revo­lu­tio­nä­ren Syn­di­ka­lis­mus. Zusam­men mit sei­nem Freund Edouard Berth initi­ier­te er zur sel­ben Zeit einen Dia­log mit den jun­gen Roya­lis­ten, die sich im Cer­cle Proud­hon um Geor­ges Valo­is ver­sam­mel­ten. Der »hei­li­gen Uni­on« von 1914 brach­te er tie­fe Abscheu ent­ge­gen, ver­damm­te den Krieg und begrüß­te die Rus­si­sche Revolution.

Über die Gewalt ist eine Ver­tei­di­gungs­schrift zuguns­ten der Ideen des revo­lu­tio­nä­ren Syn­di­ka­lis­mus, der 1906 mit der Annah­me der Char­ta von Ami­ens durch die Con­fé­dé­ra­ti­on géné­ra­le du tra­vail (CGT) sei­nen end­gül­ti­gen Durch­bruch erlebt zu haben schien. Das Buch ist in sie­ben Kapi­tel unter­teilt, hin­zu kom­men zwei Anhän­ge und ein Brief an Dani­el Halé­vy zur Ein­lei­tung. Es beruht auf einer Arti­kel­se­rie, die Sorel ab Janu­ar 1906 in Hubert Lagar­del­les Zeit­schrift Le Mou­ve­ment socia­lis­te (und spä­ter in der ita­lie­ni­schen Zeit­schrift Il Dive­ni­re socia­le) ver­öf­fent­lich­te. Ab 1920 ent­hiel­ten Neu­auf­la­gen auch den berühm­ten Text »Für Lenin« im Anhang, den Sorel eini­ge Jah­re vor sei­nem Tod verfaßte.

Der Anti-Eta­tist und Anti-Jako­bi­ner Sorel ver­ficht eine Vor­stel­lung der gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit, die pes­si­mis­tisch und hero­isch zugleich ist. Mit der Fort­schritts­ideo­lo­gie hat er gebro­chen; ihr Deter­mi­nis­mus und Opti­mis­mus schei­nen ihm inak­zep­ta­bel für die Arbei­ter­be­we­gung. Die Demo­kra­tie als »poli­ti­sche Form des Bür­ger­tums« lehnt er eben­falls ab. »Die größ­te Bedro­hung für den Syn­di­ka­lis­mus«, erklärt er, »wäre jeg­li­cher Ver­such, die Demo­kra­tie zu imi­tie­ren. « Die Arbei­ter­be­we­gung for­dert er auf, Distanz zu den poli­ti­schen Par­tei­en zu wah­ren und sich statt des­sen gewerk­schaft­lich zu orga­ni­sie­ren. Auch den Pazi­fis­mus mit sei­nen »huma­ni­tä­ren Pla­ti­tü­den« müs­se die Arbei­ter­klas­se ver­wer­fen: »Die revo­lu­tio­nä­ren Gewerk­schaf­ten durch­den­ken die sozia­lis­ti­sche Akti­on in genau der­sel­ben Wei­se, wie Mili­tär­stra­te­gen den Krieg durch­den­ken … Sie sehen in jedem Streik eine Imi­ta­ti­on im klei­nen, einen Ver­such, eine Vor­be­rei­tung auf den gro­ßen fina­len Umsturz.« Der ein­zi­ge erfolg­ver­spre­chen­de Weg füh­re also über die direk­te Aktion.

Man darf die­se Apo­lo­gie der Gewalt nicht miß­ver­ste­hen. Sorel sel­ber trenn­te sorg­fäl­tig zwi­schen der Gewalt der Arbei­ter­klas­se und jener der jako­bi­ni­schen Revo­lu­tio­nä­re: »Man darf die Gewalt­ta­ten, die im Zuge der Streiks von Pro­le­ta­ri­ern began­gen wer­den, um den Staat zu stür­zen, nicht mit den Akten der Bru­ta­li­tät ver­wech­seln, zu denen der Aber­glau­be an den Staat die Revo­lu­tio­nä­re von 1793 beweg­te.« Als legi­tim defi­niert Sorel die Gewalt (vio­lence), die sich gegen die staat­li­che Macht (for­ce) rich­tet: »Macht zielt dar­auf ab, eine bestimm­te gesell­schaft­li­che Ord­nung zu erzwin­gen, in der eine Min­der­heit regiert, wäh­rend Gewalt die­se Ord­nung zer­stö­ren will. Seit Beginn der Neu­zeit hat das Bür­ger­tum Macht ein­ge­setzt, wäh­rend das Pro­le­ta­ri­at nun dage­gen und gegen das Bür­ger­tum mit Gewalt reagiert.« Den gro­ßen Vor­zug der pro­le­ta­ri­schen Gewalt sieht Sorel dar­in, daß sie die Arbei­ter­be­we­gung dar­an hin­de­re, dem Refor­mis­mus zu ver­fal­len, und den Bür­gern »die revo­lu­tio­nä­re Rea­li­tät« zeige.

Kon­kret emp­fiehlt Sorel die Tak­tik des Gene­ral­streiks, des­sen »Deut­lich­keit« er begrüßt. Sei­ne For­mel vom »Mobi­li­sie­rungs­my­thos « erin­nert an Berg­sons Anmer­kun­gen zur Macht gedank­li­cher Reprä­sen­ta­tio­nen von Ereig­nis­sen und deren direk­te Ein­wir­kung auf die Wirk­lich­keit: »Der Gene­ral­streik ist genau das, was ich gefor­dert habe: der Mythos, der den Sozia­lis­mus in sei­ner Gesamt­heit erfaßt, d. h. eine Anord­nung von Bil­dern, die instink­tiv sämt­li­che Gefüh­le zu beschwö­ren ver­mö­gen, die den unter­schied­li­chen Aus­drucks­for­men des Krie­ges ent­spre­chen, den der Sozia­lis­mus gegen die moder­ne Gesell­schaft führt.«

Über die Gewalt ist ein anti­de­mo­kra­ti­sches, ein revo­lu­tio­nä­res Werk, des­sen Ein­fluß auf die Lin­ke wie auf die Rech­te, auf so unter­schied­li­che Den­ker und Män­ner der Tat wie Beni­to Mus­so­li­ni, Anto­nio Gram­sci, Arturo Labrio­la, Cur­zio Mala­par­te, Georg Lukács oder Wal­ter Ben­ja­min außer­or­dent­lich war. Die­ser Ein­fluß reich­te bis nach Peru (José Car­los Mariá­te­gui) und nach Syri­en (Michel Aflaq), am deut­lichs­ten war er jedoch in Ita­li­en zu spü­ren, wo Sorel zu Leb­zei­ten noch mehr gele­sen und ver­öf­fent­licht wur­de als in Frank­reich. Autoren wie Zeev Stern­hell gin­gen soweit, in ihm den »Begrün­der« des Faschis­mus zu sehen, was stark über­trie­ben ist. Rich­tig ist, daß eini­ge Füh­rer der revo­lu­tio­nä­ren ita­lie­ni­schen Gewerk­schafts­be­we­gung – aber längst nicht alle – sich in den zwan­zi­ger Jah­ren Mus­so­li­nis Bewe­gung anschlos­sen. Lenin, laut Sorel der »größ­te Theo­re­ti­ker, den der Sozia­lis­mus seit Marx gehabt hat«, nann­te ihn zum Dank einen »Wirr­kopf«.

Anfang Okto­ber erscheint in der Schrif­ten­rei­he des Insti­tuts für Staats­po­li­tik (IfS) der Band Sozia­le Idee und Revo­lu­ti­on, der Tex­te Sorels aus den Jah­ren 1898 bis 1908 und Moh­ler Groß­essay über Sorel als „Erz­va­ter der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on“ bringt. Man kann die­sen Band hier zum Preis von 20 € sub­skri­bie­ren, spä­ter wird er 25 € kosten.

Redaktionelle Informationen und Hinweise - Werkstattberichte sozusagen.

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Kommentare (13)

Der Gehenkte

27. August 2022 15:03

Nach Jahren intensiver Suche, war es mir vor einiger Zeit endlich gelungen, die "Gewalt"-Schrift zu einem vernünftigen Preis zu bekommen - man bezahlt dafür mittlerweile 80 Euro in der Suhrkamp-Ausgabe. Gleichzeitig kam die Ankündigung auf Sezession - ein Wink mit m Zaunpfahl. Wurde sofort geordert - freue mich auf das Studium dieses noch weißen Fleckes. Sorel scheint uns heute, grade heute, noch einiges zu sagen zu haben.

Peter Gamon

27. August 2022 15:09

Danke für das Erinnern an Georges Sorel, dessen Gedanken so trefflich mit Erich Kästners Spruch  „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ zusammengefasst sind. 
 

kikl

27. August 2022 15:49

Ich kann nur hoffen, dass sich niemand, sei er rechts oder links, in diesem heißen Herbst die Gewaltlegitimation von Herrn Sorel zu Herzen nimmt. Es wäre ein unverzeihlicher Fehler.

Das einzige, was das derzeitige Regime im Übermaß besitzt, ist Gewalt. Deshalb muss es sich nicht vor Gewalt fürchten, im Gegenteil. Deshalb werden von Faeser, VS und Co. jetzt schon gewalttätige Proteste herbeigeschrieben. Denn gegen ihre Gewalt, ist der einfache Bürger machtlos. 

Das Regime fürchtet das Wort. Deshalb werden Kritiker eingesperrt und eingeschüchtert. Ballweg, Brandenburg, Schiffmann, ... die Liste der Corona-Dissidenten wird lang und länger.

Wenn wir die Schlacht auf dem Feld der Worte schlagen, dann werden wir siegen. Das Regime kann darauf nur noch mit Gewalt reagieren, womit es seine Legitimität verliert. Ohne zumindest den Anschein der Legitimität ist ihre Herrschaft besiegelt. Deshalb fürchtet Frau Faeser die "Delegitimierung" wie der Teufel das Weihwasser.

RMH

27. August 2022 19:55

"die Gewaltlegitimation von Herrn Sorel"

Achtung, Sorel bitte nicht falsch verstehen. Als Kind seiner Zeit und Syndikalist wird Sorel damals sicher nichts dagegen gehabt haben, wenn Streikbrecher vom Werksgelände geprügelt werden aber Réflexions sur la violence ist gerade kein Plädoyer für etwa einen bewaffneten (Klassen!-) Kampf und Sorel selber ist klar Denker und eben kein Kämpfer. Er denkt eben politisch und gewiss nicht militärisch oder paramilitärisch.

"Als legitim definiert Sorel die Gewalt (violence), die sich gegen die staatliche Macht (force) richtet:"

Eine der interessantesten Passagen in dem Werk ist die Herleitung der Begriffe rund um "Gewalt", "Macht" etc., da geht Sorel nach meiner Erinnerung deutlich über das Begriffspaar "violence" und "force" hinaus (habe gerade reisebedingt keinen Zugriff auf meine Bibliothek).

Dieser Artikel ist auch lesenswert:

Georges Sorel und der Mythos der Gewalt | Zeithistorische Forschungen (zeithistorische-forschungen.de)

RMH

27. August 2022 20:57

"zu einem vernünftigen Preis zu bekommen - man bezahlt dafür mittlerweile 80 Euro."

@Der Gehenkte, da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an: Man bekommt immer weniger Grundlagenliteratur zum bezahlbarem Preis - früher gab es einmal den Erotik-Aufschlag bei Büchern (bin kein Experte - frage für einen Freund :) Ist das heute noch so?), jetzt gibt es offenbar einen KR-Aufschlag. Mehr oder weniger alles, was in Mohlers umfangreichen Werk zur KR genannt wird, hat deftige Preise. Gut, ein Ernst Jünger und/oder sein Verleger wussten mit den Vorzugsausgaben schon zu Lebzeiten Kasse zu machen (das sind mittlerweile Spekulationsobjekte - aber es gibt ja noch die Normalausgaben). Aber hohe Preise gibt es nicht nur im antiquarischen Bereich, auch für bspw. einen Sieferle oder Carl Schmitt - beides lieferbar - zahlt man gepfefferte Preise und bekommt bei Carl Schmitt auch nur Broschur. PS: Brauche nicht zu jammern, lediglich bei Sieferle - da aktuell - habe ich "bluten" müssen (gut, Finis G. war ein Schnäppchen). Das meiste andere konnte ich zu anderen Zeiten kaufen. Aber nicht jeder kauft seit 40 Jahren Büchern und war schon als Jugendlicher gerne mal in Antiquariaten unterwegs. Wo und wie kommen junge Menschen preiswert ans Buch, wenn sie nicht gerade sich als Ausleiher bei einer Uni-Bibliothek oder der Fernleihe listen und verdächtig machen wollen?

Niekisch

28. August 2022 15:13

"Einfluß auf die Linke wie auf die Rechte, auf so unterschiedliche Denker und Männer der Tat wie Benito Mussolini, Antonio Gramsci,..."

Antonio Gramsci ( Gefängnishefte Bd 6, S. 1480-86, Argument-Verlag, 1. Auflage 2002 ) setzt sich intensiv und teilweise äußerst kritisch mit Sorel auseinander, bezweifelt partiell dessen intellektuellen Fähigkeiten und seine Ernsthaftigkeit.

Gramsci selber zur Gewalt: "..Aber da wir auf diesem Gebiet (der Politik, Niekisch ) notwendigerweise praktischen Realitäten gegenüberstehen, müssen alle Individuen die bestehenden Regierungen akzeptieren und dürfen nichts außerhalb der legalen Wege versuchen, um sie zu stürzen oder ihre Form zu verändern.Den Individuen die Freiheit einzuräumen, sicher Regierungsform oder der Person ihres Chefs gewaltsam zu widersetzen, wäre gleichbedeutend mit der Einführung von Unordnung und permanenter Revolte in die politische Gesellschaft. Nur eine unerträgliche Tyrannei oder die offene Verletzung der offenkundigen wesentlichen Bürgerrechte berechtigen, wenn jedes andere Mittel versagt, zum Aufstand." ( ebenda, Bd. 4, A 406 )

 

Der_Juergen

29. August 2022 09:12

Niekisch:

Danke für das Gramsci-Zitat. Frage an @Kiki:

Ab wann ist für Sie die Stufe erreicht, wo man von einer "unerträglichen Tyrannei" oder der "offenen Verletzung der offenkundigen wesentlichen Bürgerrechte" sprechen kann und der Aufstand somit legitimiert ist?

Niekisch

29. August 2022 14:16

"Danke für das Gramsci-Zitat."

@ Der_Juergen 9:12: Gerne. Zum Aufstand: Diese Diskussion hatten wir hier schon zur Widerstandsdiskussion, soweit Art. 20 IV GG einen solchen Widerstand nach Ausschöpfen aller Rechtsmittel zuläßt. Ein Holzschwert! 

Einen Aufstand können wir aber so definieren, dass Millionen Menschen gleichzeitig mit Millionen LKW, PKW, Krädern, Einkaufswagen, E-Rollern, Rollatoren, Kinderwagen, Rasenmähern, Drohnen, die gesamte Infrastruktur blockieren, bis die Verwalter kapitulieren.

kikl

29. August 2022 15:12

Entscheidend ist der letzte Absatz des Zitates.

"..., wenn jedes andere Mittel versagt, zum Aufstand." ( ebenda, Bd. 4, A 406 )"

Im Grundgesetz kommt der gleiche Gedanke folgendermaßen zum Ausdruck:

Art. 20 (4) GG "Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist."

Nach meinem Verständnis ist mit "Abhilfe" jedes rechtsstaatliche Mittel gemeint, wie Wahlen, Abstimmungen, Gerichtsprozesse, Demonstrationen, ...

Erst wenn keines dieser Mittel zur Verfügung steht, ist es so weit. Aber dann ist die rechtsstaatliche Ordnung bereits beseitigt. Das spricht dafür, dass das Widerstands bereits früher einsetzt. Ich weiß es nicht und es gibt auch keine Rechtsprechung dazu.

Die BRD nähert sich immer bedrohlicher diesem Zustand an, wo Abhilfe nicht mehr möglich ist, insbesondere weil die Justiz sich immer mehr zum Erfüllungsgehilfen der Exekutive gewandelt hat, die Wahlen teilweise gefälscht werden - siehe Berlin - und Demonstrationen willkürlich verboten werden.

Selbst wenn das Widerstandsrecht bestünde, hielte ich dennoch den friedlichen Protest für erfolgversprechender. Auf dem Schlachtfeld der Worte sind wir stark und der Gegner schwach. Dort gilt es den Kampf auszutragen.

Der_Juergen

29. August 2022 22:06

@kiki

Danke für Ihre klare Antwort.

Ich persönlich würde den bewaffneten Widerstand für moralisch vollkommen gerechtfertigt halten. Er wäre unter den heutigen Umständen freilich kontraproduktiv, weil er nur von einer kleinen Minderheit unterstützt würde und dem System einen willkommenen Vorwand für immer härtere Repression liefern würde.

Die Umstände können sich natürlich bald ändern. Das hoffnungsvollste Mittel wäre gegenwärtig ein Generalstreik.

Niekisch

30. August 2022 11:44

"(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist."

@ kikl & Der_Juergen: Das ist der GG-Text. Von Aufstand ist da nicht die Rede, wenn legale Demos allerdings einen solchen Umfang annehmen, daß niemand mehr reagieren kann oder will, dann ist der legitime und legale Umsturz da und es kann eine verfassunggebende Nationalversmmlung einberufen werden oder ein Minus für uns Indianer im Lande.

Laurenz

30. August 2022 13:16

@Niekisch @Kikl & Der_Jürgen

"(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist."

Die Verfassungsrechtler sind sich weitestgehend einig, daß es sich hier um einen rein passiven Widerstand handelt.

Bekannte Revolutionen (Frankreich, USA, Rußland, Iran) wurden durch unterschiedliche gesellschaftlichen Strömungen im Kollektiv veranlaßt. Ohne Ausnahme setzte sich dann eine Strömung durch, nachdem das alte Regime beseitigt war. 

Hier beschreibt Volker Pispers anschaulich die Revolution im Iran.  https://youtu.be/AAvVaUMoOQs

kikl

30. August 2022 18:15

@Laurenz

Das Demonstrationsrecht ist bereits in Art. 8 GG normiert. Deshalb glaube ich, dass mit Widerstand tatsächlich mehr als nur der rein passive Widerstand handelt. Immerhin geht es darum, einen Staatsstreich durch Widerstand abzuwehren.

Allerdings bringt die Berufung auf das Widerstandsrecht nichts, wenn die Gerichtsbarkeit nicht mehr funktioniert, was wiederum Voraussetzung dafür ist, dass keine Abhilfe mehr möglich ist und damit das Widerstandsrecht besteht.

Das Grundgesetz ist halt auch nur Menschenwerk und in Teilen unausgegoren. 

Art. 20 Abs. 4 GG kann höchsten im Falle eines Staatsstreiches den Widerständlern eine moralische Legitimation geben. Wenn der Widerstand scheitert, ist der Kopf eh ab, Widerstandsrecht hin Widerstandsrecht her...

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