Ignoranz und Abschiedlichkeit

It's the end of the world as we know it (and I feel fine) ... REM 1987

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Auch wenn die Gas­rech­nung dop­pelt so teu­er wie im Vor­jahr ist und die Lebens­mit­tel­prei­se um ein Drit­tel gestie­gen sind, lebt es sich für die meis­ten Bewoh­ner der BRD wei­ter­hin “gefühlt” kommod.

Sie wer­den von der Pro­pa­gan­da damit beschäf­tigt, über Was­ser­spa­ren beim Duschen zu zweit, Strom­spa­ren durch Stand-by-Aus­schal­ten und Heiz­kos­ten­spa­ren durch Tem­pe­ra­tur­sen­kung um ein Grad mit ihren Mit­men­schen ohne Unter­laß zu dis­ku­tie­ren – die Volks­ge­mein­schaft muß in der Illu­si­on der Infor­miert­heit zusam­men­hal­ten, dann “schaf­fen wir das”.

Nun schon zum drit­ten Mal. Zwei­mal haben wir “es” schon geschafft: Deutsch­land ist weder “isla­mi­siert” wor­den, noch sind alle “geimpft, gene­sen oder gestor­ben”. So darf man sich sei­nes BRD-Lebens wei­ter­hin erfreu­en. Nun gibt es halt “Teue­run­gen”. Doch die Super­märk­te sind ja noch voll, bei “Dr. Oetker” soll es Lie­fer­eng­päs­se geben, aber sonst? Wir meis­tern “die Kri­se” schon. Im Wirt­schafts­teil der FAZ steht ja, daß die Wirt­schaft bereits einen Auf­schwung verzeichnet.

Und so hört man auch die “Moral­bour­geoi­sie” (Alex­an­der Wendt) den nächs­ten Urlaub pla­nen, sich E‑Autos zule­gen und sich in den sozia­len Medi­en damit brüs­ten, durch recht­zei­ti­ge “kli­ma­freund­li­che Kom­plett­däm­mung des Hau­ses und die neue Pel­lets­hei­zung / die neu­en Solar­pa­nee­le” pri­ma vor­ge­sorgt zu haben. Es gibt auch eine “kri­sen­be­wuß­te” Igno­ranz, schließ­lich liest der BRD-Bür­ger Zeitung.

Der Duden ver­steht unter “Igno­ranz”

Unwis­sen­heit, Unkennt­nis auf einem Gebiet, auf dem man von dem Betref­fen­den eine gewis­se Sach­kennt­nis voraussetzt.

Blo­ßes Nicht­wis­sen ist kei­ne Igno­ranz. Die oben beschrie­be­nen Ver­hal­tens­wei­sen erschei­nen also nur dem­je­ni­gen Beob­ach­ter als Igno­ranz, der die Exis­tenz von etwas vor­aus­setzt, wovon die Leu­te eigent­lich Kennt­nis haben soll­ten. Der Igno­ran­te ist (abge­se­hen von Fäl­len ratio­na­ler Igno­ranz, d.h. bewuß­tem Aus­spa­ren bestimm­ter Wis­sens­an­eig­nung, weil die­se arbeits­tei­lig an ande­re dele­giert ist) sich nicht des­sen bewußt, daß er igno­rant ist.

Dem igno­ranz­fest­stel­len­den Beob­ach­ter erscheint der Igno­ran­te des­we­gen so beschränkt, weil er etwas für ers­te­ren Offen­kun­di­ges nicht zur Kennt­nis nimmt. Der Beob­ach­ter setzt also eine bestimm­te Sach­kennt­nis vor­aus, eine Wirk­lich­keits­wahr­neh­mung, an der es dem Igno­ran­ten eben mangelt.

In Mit Lin­ken leben hat­ten wir vom “Ich-seh-etwas-das-du-nicht-siehst-Spiel” gespro­chen: zwei Men­schen sehen kom­plett ande­re Wirk­lich­kei­ten, obwohl sie äußer­lich das­sel­be Land bewohnen.

Was ist für den einen denn das Offen­kun­di­ge, das der ande­re nicht sieht? Der oben beschrie­be­ne BRD-Typus erscheint dem­je­ni­gen als igno­rant, der ahnt, daß kein Stein mehr auf dem ande­ren bleibt, daß wir es nicht bloß mit einer “Kri­se” zu tun haben, auch nicht mir deren zwei, drei oder meh­re­ren inner­halb weni­ger Jah­re, son­dern daß sich vor unse­ren Augen die alte Welt zer­legt. Man mag es “Gre­at Reset” oder “Sys­tem­zu­sam­men­bruch” oder “Drit­ter Welt­krieg” nen­nen, es wur­de jeden­falls ein unum­kehr­ba­rer Pro­zeß ausgelöst.

Wer dies ver­mu­tet, läuft bis­wei­len mit einer Art “zwei­tem Gesicht” her­um, einer Hal­tung zur Welt, die ich in Selbst­ret­tung schon fol­gen­der­ma­ßen beschrie­ben hatte:

Er sieht all das mit einem par­al­lel­lau­fen­den Bewußt­s­eins­strom im Kopf, als Aus­druck von etwas, das poli­tisch gewollt erscheint, das auf Bie­gen und Bre­chen zur neu­en Nor­ma­li­tät gemacht wer­den soll. Es gibt fast kein All­tags­phä­no­men, das nicht mit dem zwei­ten Gesicht ver­stö­ren­de Züge offen­bart. Das zwei­te Gesicht kann das Den­ken anre­gen und zugleich das Leben lahmlegen.

Ein Schau­fens­ter erzeugt in ihm den Gedan­ken, daß es bald leer sein wird, der Betrieb insol­vent; ein Fahr­rad am Weges­rand, daß es viel­leicht bald das ein­zi­ge Fort­be­we­gungs­mit­tel sein wird, vor­aus­ge­setzt, es gibt noch Ersatz­tei­le; der Restau­rant­be­such gene­riert das Gefühl des Tanz­or­ches­ters auf der Titanic.

Beim Kochen über­legt er sich, wel­che indus­tri­el­len Vor­aus­set­zun­gen und Trans­port­we­ge ein hoch­ver­ar­bei­te­tes Lebens­mit­tel mit sich bringt und wie ohne all dies aus­zu­kom­men wäre. Und beim Licht­an­schal­ten, ob das wohl mor­gen früh noch gehen wird. Ganz zu schwei­gen vom Geld­ab­he­ben am Ban­ko­ma­ten, viel­leicht wäre es klug, vor dem Tag X alles Erspar­te in Bar­geld oder Gold­mün­zen umzu­tau­schen? Die Gas­rech­nung ist nur der Anfang von etwas, das “poli­tisch gewollt erscheint, das auf Bie­gen und Bre­chen zur neu­en Nor­ma­li­tät gemacht wer­den soll” .…

Im sel­ben kapla­ken-Bänd­chen hat­te ich eine unse­rer not­wen­di­gen Sie­ben­sa­chen des geis­ti­gen Vor­be­rei­tetseins als “Abschied­lich­keit” bezeichnet.

Ist der­je­ni­ge mit dem Zusam­men­bruchs-Bewußt­s­eins­strom im Kopf ein abschied­lich Gestimm­ter? Er blickt total des­il­lu­sio­niert auf “das Sys­tem”, das ihn so lan­ge am Leben gehal­ten hat, und von dem wir uns nun offen­bar kol­lek­tiv ver­ab­schie­den. Man­cher, der die Welt auf die­se Wei­se wahr­nimmt, haßt die BRD (oder die Glo­ba­li­sie­rung, den “Wer­te­wes­ten” oder den Neo­li­be­ra­lis­mus) und sehnt ihr bal­di­ges Ende inbrüns­tig her­bei. Inner­lich ist er gespal­ten, er will die Din­ge behal­ten und los­wer­den zugleich.

Der unauf­hör­li­che Bewußt­s­eins­strom, das “zwei­te Gesicht”, mit dem wahr­ge­nom­men jedes Detail ver­stö­rend wirkt, die Angst vor dem Sys­tem­zu­sam­men­bruch, der gleich­zei­tig ersehnt wird – die­se Welt­ver­lust­wahr­neh­mung legt, wenn man sie die Füh­rung über die eige­ne See­le über­neh­men läßt, das Leben lahm.

Und wie ver­hält es sich mit jenen Leu­ten, die sehr wohl mit­be­kom­men haben, daß Deutsch­land die “De-Indus­tria­li­sie­rung” droht, die womög­lich dage­gen demons­trie­ren gehen und Pla­ka­te tra­gen mit der Auf­schrift “Wir kön­nen uns unser Leben nicht mehr leis­ten”? Die sind weder igno­rant noch des­il­lu­sio­niert. Ihr Pro­blem­be­wußt­sein reicht so weit, wie sie an der BRD hän­gen und sich wün­schen, daß alles wie­der so wird wie frü­her. Die­se Sicht­wei­se ist rück­wärts­ge­wandt. Noch ein­mal Selbst­ret­tung:
Abschied­lich­keit unter­schei­det sich von Rück­wärts­ge­wandt­heit. Der Rück­wärts­ge­wand­te sehnt sich zurück, ist vol­ler Melan­cho­lie, denkt von der Ver­gan­gen­heit her und ist der Gegen­wart hilf­los aus­ge­lie­fert. Der Abschied­li­che ord­net zunächst ein­mal die Über­fül­le der Gegenwart.
Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ner hat in Wege der Welt­be­wah­rung (1985) als „Abschied­lich­keit“  jene Hal­tung cha­rak­te­ri­siert, grund­sätz­lich nichts in der Welt erzwin­gen zu können:
Abschied­lich gestimmt und gesinnt zu sein ist eine noble Ant­wort auf die unbe­streit­ba­re Tat­sa­che, daß in die­ser Welt alles ver­gäng­lich, also dem schließ­li­chen Unter­gang ver­fal­len und schon des­halb pro­ble­ma­tisch ist. In der Ver­fas­sung der Abschied­lich­keit ler­nen wir zu ent­sa­gen, zu ver­zich­ten und gelas­sen zu sein.

Der Igno­ran­te lebt unbe­irrt wei­ter, aber sei­ne Wohl­le­be ist um den Preis der “App­er­zep­ti­ons­ver­wei­ge­rung” (Hei­mi­to von Dode­rer) erkauft, ihm fehlt jeg­li­che Abschiedlichkeit.

Der Beirr­te hin­ge­gen kann nicht mehr in der Wirk­lich­keit leben, er ist auf fal­sche Art abschied­lich gestimmt. Sein Den­ken ist abs­trakt, denn jede ein­zel­ne kon­kre­te Erfah­rung über­wölbt ein medi­al indu­zier­tes Sze­na­rio des Was-wäre-Wenn. Es fehlt ihm der gelas­se­ne Blick auf die Ver­gäng­lich­keit: selbst das eige­ne Leben wird er nicht ret­ten können.

Jeden Augen­blick so aus­zu­kos­ten als wäre er der letz­te, ist als Medi­ta­ti­ons­übung bekannt. Gera­de in einer Lebens­la­ge, die ganz irre­al zwi­schen unge­bro­che­ner Wohl­le­be und medi­al wahr­ge­nom­me­nem bal­di­gem Unter­gang chan­giert, gerät der so Medi­tie­ren­de aller­dings sehr leicht in eine “mani­sche” Abschied­lich­keit, die ihn den Tag X umso mehr her­bei­seh­nen läßt.

Den Kennt­nis­ho­ri­zont des Des­il­lu­sio­nier­ten zu haben, dar­auf aber weder rück­wärts­ge­wandt noch manisch zu reagie­ren, sich aber auch nie wie­der in die “Wursch­tig­keit” des Igno­ran­ten zurück­fal­len las­sen zu kön­nen – dies ent­sprä­che der Abschied­lich­keit als aktu­ell nötigs­ter Tugend.

– – –

Caro­li­ne Som­mer­feld: Selbst­ret­tung. Unse­re Sie­ben­sa­chen, Kapla­ken 69 – hier bestel­len.
Caro­li­ne Som­mer­feld: Ver­such über den Riß, Kapla­ken 78 – hier bestel­len.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (42)

RMH

11. November 2022 06:09

Ich glaube, zwischen den 2 hier dargestellten Positionen gibt es sehr, sehr viele Abstufungen und Schattierungen. Menschen, mit Immobile und Geld, investieren klar erst einmal in die sog. "energetische Sanierung" (Euphemismus) ihres Hauses, was sollen sie sonst auch noch mit ihrer Kohle machen? Ob deswegen gleich eine Ignoranz oder ein notwendig falsches Bewusstsein, das "Richtige" zu tun vorliegt - völlig offen. Viele machen es in der Tat, weil es erst einmal eine rationale Option ist. Genauso, wie es eine rationale Option ist, wenn man nur vom Monatsersten bis Monatsletzten sein Leben durch Arbeit finanzieren kann, dass man dann nicht mehr 100% gibt, sondern in einen Vorsichtigkeitsmodus ob des Kommenden umschaltet (bei einer Minderheit geht es dann auch in den Protestmodus). Alle Kreise haben eines gemein: Nirgendwo findet man mehr die Übereinstimmung zwischen Handeln, Denken und Wünschen. Die sog. Dissonanzen nehmen auf breiter Front zu. Selbst die Hurra, meine PV-Anlage macht auch im November den Puffer voll-Freuer, haben ein inneres Unwohlsein, in manchen Fällen nur unbewusst. Folge ist: Die Erkrankungen nehmen zu - das Leistungsvermögen ab. Jeder kleine Schnupfen wirft die buchstäblich Geschwächten gleich mehrere Tage hin. Auch wenn man sich aus eigenem Bemühen zum Optimismus immer wieder sagt, das Glas ist immer noch halb voll und das rational auch begründen kann, so ist nur noch die Hoffnung, "es wird schon noch gut gehen", die letzte Motivation.

Franz Bettinger

11. November 2022 06:32

Ein Schulfreund (Klassenprimus) ist Prof für Virologie. Andere gute Bekannte halten hohe Positionen in der Uni oder bei Big Pharma. Wenn ich sie in Briefen vorsichtig auf unsere Grundfragen hin aushorche (Viren-Existenz, Koch'sche Postulate, direkte und indirekte Erreger- und Impferfolgs-Nachweise, die Geschichte des Impfens...), blocken sie ab: „Das ist nicht meine Welt. Erwarte also nicht…“ Das sagen sie, obwohl es genau ihre Welt ist. Viele Fachleute wissen genau, dass sie Scharlatane sind und ihre Renommees und Kontenstände auf Lug & Trug aufgebaut haben. Zum Teil habe ich Verständnis dafür, dass sie ihre gut dotierten Jobs und Aprèsski-Karrieren nicht riskieren wollen. Sogar Bhakti wagt sich nicht an die Gretchen-Fragen: Gibt's überhaupt Viren? Kann man überhaupt wirksam impfen? Ich habe diese Fragen klar mit Nein beantwortet. - Viele Intellektuelle gehören zur Spezies der Ignoranten. Ignoranz ist nicht Unkenntnis, sondern eine (oft willentliche, oft aber auch unbewusste) Erkenntnis-Verweigerung auf einem Gebiet, auf dem (bei Experten) Sachkenntnis zu erwarten wäre. Eng verwandt sind: Betriebsblindheit und Fachidiotie. Ignorieren heißt bestimmte Wirklichkeiten (bewusst oder unbewusst) ausblenden. 

Franz Bettinger

11. November 2022 06:36

Ich halte Folgendes für sehr wichtig: 

Ein 2. Durchbruch ist in die Mauer der manipulierten und verbarrikadierten Wissenschaft geschlagen worden. Die zwei Stefane - Scoglio und Lanka - sind alles andere als Ignoranten. Sie sind als Mikrobiologen wahre Augen- & hoffentlich auch Tür-Öffner. Es sind die Galileo Galileis des 21. Jahrhunderts. Ich empfehle den Text mehr als das Video: https://uncutnews.ch/dass-mrna-impfstoffe-zellen-dazu-bringen-spike-proteine-zu-produzieren-ist-ein-maerchen/  

A. Kovacs

11. November 2022 07:10

Frau Sommerfeld beschreibt meine (bisweilen dominierende) Gestimmtheit sehr genau. Es ist schön, dass man nicht allein ist. Aber ich mag die Abschiedlichkeit, wie sie meine Gestimmtheit nennt, nicht. Sie hat etwas Depressives. Tristesse droite? Jedenfalls kenne ich Leute, die rechts sind und sich in Eskapismus retten. Also eine gewisse bewusste Ignoranz den Zeitläuften gegenüber. Ihr Ding machen, ohne groß aus dem Fenster zu schauen. Und sich dabei wohl fühlen. Womöglich besser als Frau Sommerfeld und ich. Ich bin fast geneigt, diese Art von Wurstigkeit anzustreben. Nennen wir‘s einen klösterlichen Rückzug. Ob der Illusion ist? Mag sein. Aber einige Jahre des kurzen Lebens lebt man damit vielleicht besser. (– – In Wirklichkeit glaube ich, dass Abschiedlichkeit und Eskapismus defätistisch sind und dass man tapfer bis zum Ende durchhalten und kämpfen muss. „Wer hat dir erzählt, dass wir auf die Welt kommen, um glücklich zu sein?“
Der Kardinal zu Guido Anselmi in 8 ½” von Federico Fellini).

Ein Fremder aus Elea

11. November 2022 07:56

Jedes Opfer wird mit einem Hinweis auf ein Ziel verlangt, dessen notwendiger Preis es ist. Die Tugend, welche ich mir am meisten wünsche, ist eine rationale Analyse der Perspektiven, daß das Mögliche erkannt wird, daß das Bevorzugte erkannt und dann auf den Weg gebracht wird. Passiv sollten wir nicht werden, sich damit bescheiden, nicht alles tun zu können, ja, das unterlassen, was wir tun können, nein.

Gracchus

11. November 2022 12:27

Die (massenmedial induzierte und inszenierte) Gegenwart ist gespenstisch - so grau wie grauenerregend. Gespenster sind Wesen, die eigentlich schon vergangen sind, aber wiederkehren. Daraus ist zu schließen, dass der Zusammenbruch schon erfolgt ist. Man muss also weder Angst davor haben noch sich danach sehnen. 

Man kann das gut an Maja Göpels Auftritt beobachten (in dem verlinkten Wendt-Artikel eingebettet). Was die gute Frau spricht, läuft unter der Überschrift "Klimawandel", es ist aber absolut unverständlich, ohne hermetisch zu sein. Das (bürgerliche) Denken läuft sich leer und tot in Begriffs-Abstraktionen. Fragte man Göpel, was sie meint,  Wenn man annimmt, das Leben vom Geist kommt, ist geistloses Sprechen aber tot - und daher ein Gespenst, wenn es weiterhin am geistigen Leben teilnehmen will. 

Es gibt also keine allgemeine Sprache, keine Allgemeinheit und keine allgemein geteilte Realität mehr. Gerade weil es das nicht gibt, wird ein "Wir" beschworen, das nur noch als Gespenst existiert. Beckett und Kafka waren Realisten.

Carsten Lucke

11. November 2022 12:55

" Abschiedlichkeit " - schönes Wort ! Kannte ich bisher nicht.

Es kann aber doch nur ein Synonym für tiefe Trauer sein, verehrte Frau Sommerfeld, keine "Tugend".

Ausdruck eines übermäßigen Schmerzes, des Verlustgehens aller Gewißheiten.

Und Tugend hat mich noch nie überzeugt.

Wuwwerboezer

11. November 2022 13:36

Sein-Tun-Haben, Fromm-Leser wissen Bescheid.

Im Seins-Modus bin ich heiterer Apokalyptiker. Dort ist die Krise ja nur eine Übung, um unter allem Umständen in der Wonne der völligen Illusionslosigkeit zu bleiben.

Christa Wolf hat 1990 "Was bleibt?" vorgelegt. Hatte mir unter einem solchen Titel einen Abgesang auf 1.500 Jahre Abendland oder meinetwegen wenigstens einen Abgesang auf das sozialistische Weltsystem vorgestellt. (Aber es ging nur um ein Hickhack innerhalb der Literaturdeutungsbürokratie.)

Groß denken!

Im Tat-Modus bin ich in vieler Hinsicht und sehr gern Antizykliker. Habe z. B. in den fetten Jahren die innere Arbeit manch anderer miterledigt und wenig Dank bekommen, jetzt lehne ich mich mal zurück, jetzt sind die Betreffenden mal dran, Stark machet die Not und die Nacht / Bis daß Helden genug!

Im Habens-Modus - wir werden sehen, ob meine Anlage-Strategie aufgeht. Münzen empfehle ich aber nicht, Nepp; es zählt, erst recht in der Krise, nur die Unze. (Sehet-die-Vögel-Erwägungen gehören in Modus Nr. 1.)

- der Wuwwerbözer

deutscheridentitaerer

11. November 2022 14:57

Ich erwarte auch Schlimmes für die Zukunft, aber Kopf hoch Frau Sommerfeld, es kommt ja immer anders als man denkt.

Resi Burgen

11. November 2022 15:09

Frau Sommerfeld: Sie sprechen mir aus der Seele! Dem ist nichts hinzuzufügen. 

Franz Bettinger: Ja, Lanka, Andrew Kaufman und jetzt noch Scoglio dürften die neuen Pioniere der Virus-Lügen-Aufklärung sein. Sogar Dr. Mike Yeadon, ehemaliger Pfizer  CEO, begibt sich auf neues Terrain und sagt auch: there is no "Virus". War die Virologie nur Täuschung? Mit Vakzinen lässt sich enorm viel Geld verdienen. Hinzu kommt  noch das Geschäft mit der Angst... Ich lese gerne Ihre Kommentare.

Gotlandfahrer

11. November 2022 15:10

Letztens las ich:

Ich hoffe nichts, ich fürchte nichts, ich bin frei.

anatol broder

11. November 2022 15:24

bitte ankreuzen:

[ ] es ist wurst, wenn alles käse ist.

[ ] es ist käse, wenn alles wurst ist.

Laurenz

11. November 2022 16:58

Hm, anders als

@RMH

stimme ich der Schwarz-Weiß-Malerei von CS absolut zu. Es existieren bei ignoranter Blödheit keine Schattierungen, ein bißchen blöd, ein bißchen schwanger, gibt es nicht. 3/4 der Deutschen haben sich impfen lassen & sind durch den Massen-Intelligenztest der Fakedemie gefallen. Das betrifft alle sozialen Schichten & Bildungshintergründe. Dazu gehören auch SiN-Teilnehmer. 

Allerdings, das fehlt im Artikel, ist diese verblödete Ignoranz ein Zustand des mehrheitlich völlig Apolitischen. Man kann aber davon ausgehen, daß der stetig steigende, verabreichte Schmerzpegel, verursacht durch die politische Kaste Buntlands, mehr Bürger, exakt durch diesen Schmerz von der apolitischen Ignoranz heilen wird.

@Carsten Lucke

hat hier Unrecht. Der Verabschiedung des Alten ist unumgänglich notwendig, um das Neue erschaffen zu können. Für das Neue ist das zwangsläufige, revolutionäre Bewußtsein einer Mehrheit erforderlich. Vorher passiert nix.

Monika

11. November 2022 18:19

Abschiedlich leben - da kann man eine individuelle und eine kollektive Sichtweise unterscheiden. Als Haltung eines Einzelnen läuft das in der christlichen Lebenslehre unter ars moriendi. Philosophische   Überlegungen dazu findet man bei Seneca ( Von der Kürze des Lebens)  .Die individuell erfahrene Begrenztheit des Lebens wird kaum mehr kollektiv, bzw. religiös kultiviert. ( Feiertage verlieren ihre Be-Deutung).Transhumanistische Richtungen ignorieren die Endlichkeit des Individuums. Die Rechte erlebt die kollektive Endlichkeit als Verlust der eigenen Kultur, als Niedergang der Ethnie. Die Linke erlebt die kollektive Endlichkeit durch den sog. Klimawandel oder als Wärmetod der Menschheit. ( Letzte Generation) . In Psalm 90 heißt es über die Vergänglichkeit des Menschen: Lehre uns zu bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden.“ Klugheit gilt als erste Kardinaltugend, aus der sich die anderen Tugenden, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß ableiten. Da stellen sich doch Fragen : Was bedeutet Klimagerechtigkeit ? Sind Aktivisten tapfer ? Sind die Forderungen der Aktivisten nicht völlig maßlos? Fragen an die Rechten: Vergehen nicht alle Völker und Kulturen ? 

FraAimerich

11. November 2022 19:24

"Winter, ade!
Scheiden thut weh.
Gehst du nicht bald nach Haus,
Lacht dich der Kuckuck aus."

Hoffmann von Fallersleben

Franz Bettinger

11. November 2022 21:35

Danke @Resi.  Goethe / Faust: "Es glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei auch etwas denken lassen.“ "Wozu denn der ganze Aufwand mit der Virologie, wenn's keine Viren gibt?“ fragte mich neulich ein Nachbar. - "Gegenfrage: Wozu Gender-Professuren? UFO-logie? Astrologie? Theologie? Fiktion?... Weil sich damit Geld machen und Macht ausüben lässt." Das sah er ein. 

Adler und Drache

12. November 2022 09:36

A. Kovacs:

Aber ich mag die Abschiedlichkeit, wie sie meine Gestimmtheit nennt, nicht. Sie hat etwas Depressives. Tristesse droite?

 

Heiterkeit, güldene, komm!
du des Todes
heimlichster, süßester Vorgenuß!
- Lief ich zu rasch meines Wegs?
Jetzt erst, wo der Fuß müde ward,
holt dein Blick mich noch ein,
holt dein Glück mich noch ein.

Rings nur Welle und Spiel.
Was je schwer war,
sank in blaue Vergessenheit -
müßig steht nun mein Kahn.
Sturm und Fahrt - wie verlernt er das!
Wunsch und Hoffen ertrank,
glatt liegt Seele und Meer.

Siebente Einsamkeit!
Nie empfand ich
näher mir süße Sicherheit,
wärmer der Sonne Blick.
- Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch?
Silbern, leicht, ein Fisch
schwimmt nun mein Nachen hinaus.

links ist wo der daumen rechts ist

12. November 2022 09:36

@ Monika

Sie haben vollkommen recht.

Zugespitzt formuliert ist den Linken die Klima-Endzeitstimmung das, was den Rechten die Migrationsendzeitstimmung ist: uns bliebe keine Zeit mehr. Chiliasten sind sie beide.

Das eigentliche Problem ist aber (auf beiden Seiten), daß je stringenter ein Weltbild für sich reklamiert wird, desto größer die Anstrengungen sein werden, ein Flickwerk zurechtzuzimmern: unzählige Korrekturen, Zusatzannahmen, Verwerfungen, also schlicht Lebenslügen.

Man möge sich den Kommentarstrang zum Bürgergeld in Erinnerung rufen, etwa wenn Besitzstandswahrer (mit ihren leerstehenden „Vorsorgewohnungen“) sich über „Sozialschmarotzer“ mokieren (und dabei immer die armen Schlucker, nie aber die reichen Schweine meinen).

Es gibt aber nicht die eine Sicht auf die Wirklichkeit, ob rechter „Realismus“ (dann hätten wir noch feudal-ständische Verhältnisse) oder linker Utopismus (der endet im Gulag).

Einsicht in Vergänglichkeit und Zerfall bewirkt bei mir einen Hang zur Dissolution (W.G. Sebald) im Doppelsinn von Verfall und Außer-sich-Sein; bipolare Sichtweisen.

Ich bin z.B. in meinem Bekenntnis zur deutschen Kulturnation (was das Eingedenken der Vertreibungsverbrechen einschließt) rechts-„national“, in meinem Kampf gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeit (dumme Bürgerkinder vs. arme begabte Bergbauernkinder) links-„universalistisch“.

Adler und Drache

12. November 2022 09:46

Gibt es jenseits der von C. Sommerfeld beschriebenen Positionen noch Optionen? Ein mittlerweile auch schon nicht mehr taufrischer Dissens zwischen ihr und mir - ich denke: ja. In jeglichem Untergang lag bisher auch ein Keim des Neuanfangs. Das Samenkorn stirbt, aber es bringt Frucht. Der Kreis der Wirksamkeit mag sich einschränken - aber er war in vielerlei Hinsicht ohnehin nur eingebildet -, man wird aufs (hier so oft beschworene) Eigene zurückgeworfen. Man schweift nicht mehr ab, man konzentriert sich.

Wenn man sich dem absteigenden Ast verweigert, zumindest soweit es eben geht, und da tätig ist, wo man eben steht, im Ur-Eigenen, wird das Private von ganz allein politisch, ohne Bekenntnis, Aktionismus, Polarisierung, Zeichensetzen, Geschrey etc.   

Laurenz

12. November 2022 15:07

@Adler & Drache

Sie interpretieren den Artikel in meinen Augen viel zu weit. Auch CS kann nicht hellsehen, oder sagen wir, nicht so konkret, wie es für den Artikel nötig wäre. Es geht hier nur um das plausibelste Szenario & die innere Haltung dazu. Das betrifft auch nur eine einstellige Minderheit in %en, eben die politischen Menschen. Die Masse der Ignoranten verhält sich apolitisch. Nur aus diesem Blickwinkel kommt man überhaupt erst dazu, den Artikel so zu positionieren.

Die Debatte wird nur dann gefährlich, wenn wir uns in unsere Vorstellung des Neuen begeben wollen. Die historischen Sozialisten wollten den sozialistischen Menschen erschaffen, die zeitgeistigen Woken den neo-feudalen Untertan oder besser staats-leibeigenen & die Nationalsozialisten die zivilisatorische Abstreifung bewerkstelligen, um den magischen Urmenschen wieder zum Leben zu erwecken. Eben weil diese folgende Debatte gefährlich ist, ging CS auch nur bis zur Verabschiedung des Alten & keinen Schritt weiter.

Kurativ

12. November 2022 20:54

Die Eroberer gestalten ihr erobertes Land nach ihren Vorstellungen.

Es sieht immer mehr aus wie in den USA

Kein Volk, sondern eine Be-Völkerung

Zusammenhalt und ein gemeinsames Vorgehen gegen eine implementierte Medien und Regierungen werden verunmöglicht. Wer geht im Westen schon raus und spricht Aug zu Aug mit andern über die Zustände?

Im Osten ist es anders. Bis jetzt. Aber die Zeit läuft. Es gibt weniger deutsche Jugendliche und auch im Osten wird das Volk nach Plan durch eine Be-Völkerung ersetzt

Lausitzer

12. November 2022 21:15

Liebe Frau Sommerfeld,

unsere Seelen müssen Verwandte sein, obwohl ich Altlutheraner bin und Sie Katholikin. Als ich Ihren Text mit einer christlichen Freundin besprach, verwies sie auf Hebräer 13,13:

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Ich meine, dass das die Abschiedlichkeit ist, von der Sie sprechen.

Ihr 

Lausitzer

Kommentar Sommerfeld: Sie haben's erfaßt. Aber die Abschiedlichkeit ist nie rein transzendent zu verstehen, sondern begreift immer das Welt-Verhältnis mit ein.

Laurenz

12. November 2022 21:47

@Lausitzer @CS

obwohl ich Altlutheraner bin und Sie Katholikin

Ich kann da, weißgott, nichts Christliches feststellen. Persönlich finde ich den Artikel sehr gut, weil er zwar subjektiv, aber alles in allem recht nüchtern anhand zeitgeistlicher Fakten, den Ist-Zustand beschreibt & dazu eine innere Haltung zu etablieren sucht.

Hätte CS hier einen christlichen Ansatz veranlagt, wäre der Artikel nie geschrieben worden. Denn, dann müßten CS & Sie Sich ja von der verfaulten Institution Christentum verabschieden. Und an einen solchen Abschied CSs, kann ich wiederum nicht glauben. Das ist ziemlich unwahrscheinlich, denn dann hätte Sich CS historisch Selbst als ignorant definieren müssen. Ihr Beitrag, Lausitzer, ist also nicht plausibel. Hier geht es nicht um Religion, der Artikel ist in diesem Falle völlig säkular auf Nation & Gesellschaft bezogen.

Gracchus

12. November 2022 23:12

Nach Durchlesen der Kommentare habe ich den Faden verloren und frage mich, was Thema ist. Abschied wovon? Ich zähle ausserdem 3-4 Positionen im Sommerfeld-Artikel. Denjenigen, die auf Demos Schilder hochhalten, muss man auch nicht Rückwärtsgewandtheit unterstellen; es ist ihnen ja um ihre materiellen Grundbedürfnisse zu tun, nicht darum, wie es früher einmal war. 

Gibt es BRD-Nostalgie? Möglich - die BRD war aber immer auch Ungeliebtes, Unnormales, Provisorisches, Unfallartiges. Womöglich haben sich mit der Wiedervereinigung Erwartungen verknüpft, es könne eine "normale" Nation werden.  

nom de guerre

12. November 2022 23:19

Einmal mehr ein sehr lesenswerter Artikel von Frau Sommerfeld, bei dem ich aber die Gedankengänge der Autorin, etwa an folgender Stelle, nicht nachvollziehen kann:

„Und wie verhält es sich mit jenen Leuten, die [...] Plakate tragen mit der Aufschrift “Wir können uns unser Leben nicht mehr leisten”? [...] Diese Sichtweise ist rückwärtsgewandt.“

Zum einen können sich viele Leute ihr Leben wirklich nicht mehr leisten, und das in einem sehr konkreten Sinn. Was sollen die denn dazu sagen? Etwa: „Na und?“

Zum anderen stelle ich mir vor, wie ich reagieren könnte oder würde, wenn mir vandalistische, sich aber aus irgendeinem Grund für bessere Menschen haltende Diebe vor meinen Augen das Haus ausräumen und das, was sie nicht wegschleppen können, kaputtmachen, damit auf keinen Fall etwas übrigbleibt, und ich nichts dagegen tun kann. Soll ich dann nicht dezent oder auch sehr laut darauf hinweisen, dass das meine Sachen sind und ich nebenbei bemerkt keine anderen habe? Auch wenn – oder gerade weil – ich weiß, dass es nichts nützen wird? Um zumindest irgendetwas getan zu haben und dafür zu sorgen, dass sich hinterher, falls es ein solches geben wird, niemand damit herausreden kann, er habe nicht gewusst, was er tut oder unterstützt?

ME ist für Abschiedlichkeit später noch Zeit genug, sofern sich die düsteren Prognosen bewahrheitet haben und sofern der einzelne dann noch Muße für solche Reflexionen hat.

brueckenbauer

13. November 2022 04:30

Im großen und ganzen stimme ich zu; aber die "Rückwärtsgewandten" kommen für mein Gefühl etwas zu schlecht weg. Das in der Vergangenheit erfahrene Glück ist doch der bleibende Maßstab dafür, wie es wieder einmal sein könnte. Und viele sozial- und rechtswissenschaftliche Einsichten werden doch durch eine Katastrophe nicht ungültig. Es besteht durchaus noch die Möglichkeit, solche früheren Einsichten über die Gegenwart hinweg zu "retten".  Und auch in der nächsten Generation wird es den einen oder anderen jungen Menschen geben, der sich in den Schriften seiner Vorfahren wiederfindet, "auf den Begriff gebracht" findet und daran freut - so wie es uns auch ergangen ist.

Laurenz

13. November 2022 10:40

@Gracchus, Nom de Guerre & Brückenbauer

Rückwärtsgewandte

Ich kann Ihnen nicht sagen, ob ich den Artikel, im Sinne der Autorin, richtig verstanden habe. Kann Ihnen nur mitteilen, was ich verstanden habe.

Wenn Sie Sich das Bild derjenigen (BRD-Liebhaber) vergegenwärtigen, welche auf der Straße demonstrieren, Schilder hochhalten, die besagen, daß sie sich ihr Leben nicht mehr leisten können, dann geht es nicht darum, ob diese Aussage der Demonstranten wahr ist oder nicht. Sie wird wohl wahr sein. Aber die Rückwärtsgewandheit offenbart sich erst dann, als man sich gezwungen sieht, zu handeln. All die Jahrzehnte vorher, sagen wir seit 1968, hatte es keine (konservative) Sau interessiert, obwohl offensichtlich war, wohin der Hase läuft. Nur die Bürger sind politische Bürger, die über ihr eigenes Schicksal hinaussehen oder gar abseits ihres Schicksal denken & meinen. Wenn wir den ehemaligen DDR-Bürger betrachten, wird es im Grunde noch schlimmer. Ihm wird selten klar geworden sein, daß die ökonomische BRD nur wegen seiner Existenz, die BRD sein konnte, die sie war. Der Gesamtdeutsche agierte aber genauso ignorant bis 2015 oder immer noch.

Gimli

13. November 2022 11:15

Ich lese hier interessiert mit, obgleich mir das rechtskonservative Denken fremd ist. Aber ich will nicht pauschal vorverurteilen, sondern Argumente für so manche Haltung erfahren. 
Frau Sommerfelds Beitrag enttäuscht mich. Außer ihr Text ist rein deskriptiv zu verstehen. Ich lese immer wieder von Propaganda und dunklen Machenschaften, die es aber bis heute niemand geschafft hat, aufzudecken, sonst würde Frau Sommerfeld bestimmt die Beweise liefern. Auch die  Medien sind Teil der Verschwörung. Wo es dann passt, wird aus dem Duden zitiert, um auf der dortigen Definition von Ignoranz einen Text aufzubauen. Danach nur Gefühl. Die sich verändernde Welt Stichworte Pandemie, Bankenkrise, Erderwärmung wird anscheinend als Bedrohung gesehen, aber es scheint Rädelsführer zu geben, dass globale Lieferketten, die nicht sehr breit angelegt sind, bei Ausfall eines Partners weltweit ihre Auswirkungen bis in die Supermärkte zeigen, kann doch zum Beispiel nicht ernsthaft irgendwie als absichtlich gelenkt gesehen werden, sondern ist schlicht und einfach die Fehl- Entwicklung einer oder mehrere Manager-Generationen, die wiederum auf den Aktienmarkt  hören oder eben auch auf einen Konsens unter Professoren der Betriebswirtschaftslehre. Aber auch dieses Fach entwickelt sich weiter. 
 

Gimli

13. November 2022 11:16

unsere Welt entwickelt sich und verändert sich nicht linear sondern irgendwie Exponenziell, weil sich die Technik Exponenziell entwickelt. Das ist neu, das kennen wir nicht von unseren Eltern Generationen und womöglich auch nicht aus unserer Kindheit, wo sich das Leben gemächlich und stetig veränderte. Diese Ruptur durch Technik, die uns Menschen vorantreibt und atemlos macht scheint mir der Grund für manche Denkverzerrung und manche Krise. 

dojon86

13. November 2022 18:57

@Laurenz @Gimli Gebe Laurenz recht. Ich kann mich natürlich irren, ich glaube aber, dass Gimlis Annahme auf einem geringerem Lebensalter beruht. Wenn man so im Alter von 30 bis 40 ist, hat man bereits einen Umbruch erlebt und hält diesen natürlich für epochal. Ich habe in meiner frühen Kindheit noch eine weitergehende autofreie Stadt erlebt, man kann es kaum glauben, es gab in der Großstadt Wien um 1960 noch Zustellung der Milch mit Pferdewagen, es gab kleine Lebensmittelgeschäfte noch in jeder Gasse, an schönen Wochenenden waren die Strassenbahnen in die grünen Vororte in einer Weise überfüllt, wie man es heute höchstens in einem Drittweltland sieht. Auslandsreisen gab's für die Masse maximal nach Italien. Ein paar Kriegsruinen und natürlich Schwerbeschädigte gab's auch. Nach Nichteuropäern drehten sich die Kinder auf der Gasse um, weil sie die kaum sahen. All das verschwand zwischen 1960 und 1975. Ich würde sagen, wenn meine Tochter per Zeitmaschine ins Jahr 1955 fliegen könnte, wäre sie in einer anderen Welt wogegen sie sich 1975 schon ganz gut zurechtfinden würde. Somit kann ich keine exponentielle Beschleunigung erkennen. Die Entwicklung ist durch abwechselnde Phasen der Stagnation und der Beschleunigung gekennzeichnet. Da ich beides erlebt habe, verfalle ich nicht dem Irrtum, eine Phase der Beschleunigung exponentiell fortzuschreiben. Diesbezüglich empfehle ich jedem mal den Begriff Kondratieff Zyklen zu googeln. Dieses Modell vereinfacht zwar, ist aber grundsätzlich interessant.

Sandstein

13. November 2022 19:05

@Laurenz 

Sie haben in den letzten Wochen viel Kluges geschrieben und dabei endlich mal die abschätzige Art zu Kommentieren in den Griff bekommen. Möchte Sie fragen: hatten Sie ein schlechtes Wochenende? Ist das nötig? 
 

Amen. 

nom de guerre

13. November 2022 22:13

@ Laurenz

Was Sie schreiben, beantwortet meine Frage nicht, allerdings sind Sie auch nicht verpflichtet, einen Artikel erklären zu können, den Sie nicht verfasst haben. Der Autorin scheint es, wenn ich sie richtig verstehe, darum zu gehen, auf einer inneren Ebene Abschied von etwas (und wenn sie schreibt, es werde kein Stein mehr auf dem anderen bleiben, muss sie damit konsequenterweise alles, wirklich alles meinen) zu nehmen, das ohnehin nicht mehr zu retten sei.

Nur kann niemand wissen, ob etwas – oder alles – nicht mehr zu retten ist, bevor es wirklich weg ist. Und selbst wenn man sicher ist, dass sich nichts mehr retten lässt, halte ich es immer noch für angebracht, wenigstens zu versuchen, sich zur Wehr zu setzen und auf das Unrecht, das einem angetan wird, hinzuweisen. Jedes kleine Kind im Sandkasten, dem ein anderes das Spielzeug wegnimmt, wird rufen: „Gib das her! Das ist meins!“ Sich das Eigene, wozu ein bezahlbares, aus eigener Kraft zu stemmendes Leben gehört, nicht einfach wegnehmen lassen zu wollen, ist nach meinem Dafürhalten ganz normal und nicht rückwärtsgewandt. Ich sehe auch den Bezug zum „BRD-Liebhaber“ nicht. Es geht hier um essentielle Voraussetzungen, um überhaupt existieren zu können, die mit dem Verhältnis des einzelnen zur alten Bundesrepublik nichts zu tun haben.

Mboko Lumumbe

14. November 2022 08:28

@Gimli 11:16

"unsere Welt entwickelt sich und verändert sich nicht linear sondern irgendwie Exponenziell, weil sich die Technik Exponenziell entwickelt. Das ist neu, das kennen wir nicht von unseren Eltern Generationen und womöglich auch nicht aus unserer Kindheit, wo sich das Leben gemächlich und stetig veränderte."

Das ist nicht neu, ganz im Gegenteil, sondern ungefähr 250 Jahre alt.

Damals begann die Industrialisierung und die industrielle Revolution in Europa, Deutschland und dann weltweit. Und seither haben nicht nur unsere Ur-Großeltern und deren Vorfahren, sondern auch unsere Eltern und auch wir selbst die disruptive Entstehung, Ausbreitung und mittlerweile weltweite Anwendung von Technik erlebt, erfahren und genutzt. Stichworte: Dampfmaschinen, Fließbandarbeit, Flugzeuge, Automobilbau, Elektronik, Medizintechnik, Waffentechnik, Kraftwerkstechnik, Computer, Kommunikationstechnik, Digitalisierung, Internet, usw.

Wie alt sind Sie?
Dann lege ich Ihnen gerne dar, dass sich in und seit Ihrer Kindheit das Leben eben NICHT gemächlich und stetig veränderte.
Sie selbst schrieben ja um 11:15 und fragen danach:
"Aber ich will nicht pauschal vorverurteilen, sondern Argumente für so manche Haltung erfahren."

Laurenz

14. November 2022 09:37

@Nom de Guerre @L.

Was sollen die denn dazu sagen? Etwa: „Na und?“

Das war doch Ihre Frage. Die habe ich natürlich beantwortet. Die Entwicklung der BRD war abzusehen, ökonomisch, wie politisch & und zwar leichter als der Aktienkurs von VW. Es wurde über Jahrzehnte lauthals verkündet, was passieren wird, eben die Abschaffung dessen, was ist oder war. Man wählte trotzdem Kohl, Schröder oder Merkel, um sich jetzt darüber zu wundern, daß auch eintritt, was propagiert wurde? Wir führten auf der SiN diese Debatte schon viel konkreter als hier, wo es CS wohl eher um die innere Haltung geht.

Nehmen Sie historisch den Untergang des Römischen Reichs. Da wechselte überall erstmal nur lokal die Herrschaftsschicht. Keiner kam auf die Idee die Infrastruktur der Römer zu vernichten. Das geschah in der Folge erst mit der Kulturvernichtung durch die Christen (ab Theodosius), 300 Jahre später durch die Musels. Mit der kulturellen Vernichtung gehen auch die technischen Kapazitäten in der Folge unter. Und Sie sehen, daß diese Kulturvernichtung sogar heute noch, völlig ignorant, durch @Lausitzer gefeiert wird & CS sich da in der Antwort rausredet, weil durch Religion der Artikel inkonsistent wird.

Allnichts

14. November 2022 09:57

Gimli:

Im rechten Lager ist es üblich, von einem mehr oder weniger allumfassenden, nahezu perfekt inszenierten Plan einer unermesslich mächtigen Über-Elite auszugehen, und daher werden auch fast alle irgendwie politisch relevanten Ereignisse in diese Richtung gedeutet. Das ist natürlich etwas stark runtergebrochen, es muss differenziert werden, aber die Tendenz ist doch recht eindeutig. Im Grunde ist alles gelogen, alles abgesprochen, alles immer ganz anders und vor allem ist alles gegen das gerichtet, was einem selbst am wichtigsten ist. Es erinnert mich immer wieder an dieses Phänomen.

Allerdings gilt natürlich auch, aus dem Englischen entlehnt: Nur weil Du paranoid bist, heisst es nicht, dass sie nicht hinter Dir her sind. Schliesslich gibt es reale Verschwörungen, Machteliten, Netzwerke usw. Viele treiben es mit ihren eigenen Theorien darüber allerdings so weit, dass es ins Irrationale und Unlogische abdriftet. Mit dieser ganzen Corona-Sache kam deutlich spürbar eine ganze Welle von "Verschwörungstheoretikern" ins rechte Lager, mit denen man sich jetzt erst einmal ein Jahrzehnt lang herumärgern darf. Macht nichts, wir haben die Zeit ja, und von vielen der führenden Köpfe, die nicht selten ähnlich merkwürdige Ansichten vertreten wie die Neuankömmlinge, wird der Zuwachs gern gesehen, denn schliesslich ist jeder Zuwachs besser als kein Zuwachs.

dojon86

14. November 2022 13:45

@Laurenz Sie haben nur eingeschränkt recht. Die Kulturvernichtung begann, als die römischen Eliten nicht mehr an ihre angestammte Religion glaubten und nicht einmal mehr so taten, als würden sie daran glauben. In die entstehende ideologische Leere drangen nahöstliche Heilslehren (Isiskult, Mithras, diverse Mysterienkulte und Christentum ein. Letztlich setzte sich das Christentum durch. Dieses begann mit der Zerstörung, sie wurde durch Hunnen und Germanen fortgesetzt und durch den Islam vollendet. Überlebt haben allerdings Teile der antiken Kultur in christlichen Klöstern, in Byzanz und im islamischen Raum. Der Beginn war aber der Abfall der Eliten von ihrer angestammten Glaubenswelt. Wer hier Analogien zum heute findet, mag sie behalten. PS. Laurenz, ich weiß nicht, ob das Absicht war, sie vergaßen die Mittäterschaft der Germanen am Zerstörungswerk. Ich empfehle hierzu die Vita des heiligen Severin, da werden die Zustände im oberen Donauraum zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs plastisch geschildert.

Gracchus

14. November 2022 16:36

@Laurenz: Noch immer ist damit nicht gesagt, was an Schilder-Hochhaltern rückwärtsgewandt ist. Die Ignoranten könnten im Übrigen entgegnen:

"Für unser Wohlleben bezahlen wir gerne mit Apperzeptionsverweigerung; das erscheint uns sogar ein sehr geringer Preis. Wir sind nicht ignorant, wir folgen nur der Macht."

Gracchus

14. November 2022 16:49

Ganz allgemein sehe ich "Rückwärtsgewandtheit". Oder grob: Es gibt zwei gegenläufige Entwicklungslinien, die aber zusammenwirken. Einmal die Erweiterung technischer Möglichkeiten, dagegen soziokulturell ein Zurück in sozusagen feudale, dogmatische, autoritäre Verhältnisse, wie Sie Wendt in dem Artikel beschreibt. Kennzeichnend für die derzeitige Situation: dass man geistig in ein Prokrustes-Bett gespannt wird. Das allgemeine Bewusstsein wird herabgedämpft, Entwicklung insoweit abgebremst, obwohl nötig hinsichtlich der technischen Neuerungen. 

Laurenz

14. November 2022 17:30

@Gracchus @L.

Sie ziehen alles an der Haaren herbei. Die Rückwärtsgewandheit ergibt sich daraus, das die Demonstranten das wiederhaben wollten, was sie ein hatten.

Gracchus

14. November 2022 21:38

@Laurenz: Im Gegenteil. Nach Ihnen wäre jeder rückwärtsgewandt, der überleben will. Nom de guerre hat denselben Einwand gebracht. 

Gimli

15. November 2022 09:00

Ich find es ja drollig, dass man meine o.g. Ansichten zu diesem wie gesagt für mich enttäuschenden Beitrag von CS iwie mit meinen Alter korrelieren möchte. (Das legt den Umkehrschluss nahe, dass ich mich hier im Kreise Hochbetagter bewege?!) Darauf folgt dann in großväterlicher Milde im Hinblick auf mein jugendliches Unwissen der Hinweis, dass doch mit der Industrialisierung  (250 Jahre) bzw dem „Raketenmotor“ (iwo 1930er) doch schon die Welt eine andere wurde. Das ist falsch! 

Die Technik hat sich vom Faustkeil mehr oder weniger stetig im Sinne von linear/proportional entwickelt und hat erst JETZT (seit kurzem, ca 20-30 Jahre) -innert einer Generation erlebbar!- beschleunigt. Digitalisierung, KI Robotik und Automatisierung zerlegen in immer kürzeren Intervallen das bis dahin Geschaffene und Erlebbare und fordern in Intervallen von 5-10 Jahren ein Umdenken und Neuausrichtung. Unsere Kommunikation (und damit Erreichbarkeit, Vernetztheit - jederzeit überall), unser Konsum („same day“, Stationärhandel geht zurück, die shops der Welt trage ich im ipad) und die Produkte (das Automobil wird jetzt wirklich zu einem). 

Der Affe in uns wird stark gefordert. Stehenbleiben wird zum aktiven Widerstand gegen den Sog. Die Angst vor der Veränderung und die Ermüdung erklären mir einige der Proteste (gegen beliebig alles, seien es Corona oder Erderwärmung), nicht alle. Und CS‘ Abschiedlichkeit für mich ist einfach iwie Feuilletonismus, erklärt nichts, verändert nichts. 

Arrow

16. November 2022 07:40

Der Typus manisch Beirrter wird irgendwo bei Solschenizyn als Moskauer Mitglied der KPdSU im Jahre 1937 beschrieben, das ganz genau weiß, dass irgendwann desnächtens das NKWD bei ihm klingeln wird. Hier ist es die nagende Angst vor dem Unvermeidlichen, dass den Genossen das Unvermeidliche herbeisehnen lässt.