Würde und Recht in Zeiten der Linkswende

Daß die Würde des Menschen unantastbar sein soll,

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

hal­te ich bes­ten­falls für ein ehren­wer­tes Wunsch­den­ken und Bemü­hen, schlimms­ten­falls für poli­ti­schen Kitsch. Kei­ne Fra­ge, daß Men­schen die Wür­de des ande­ren täg­lich viel­fach ver­letz­ten – im schlecht aus­ge­leuch­te­ten Raum des Pri­va­ten sowie­so, selbst hierzulande.

Der Ver­fas­sungs­grund­satz der Unan­tast­bar­keit der Wür­de meint jedoch zuerst eine Maß­ga­be für staat­li­ches Han­deln. Es darf, das scheint mit soge­nann­tem Ewig­keits­recht ver­brieft, kei­ne Will­kür­hand­lun­gen geben, die die Wür­de des Men­schen ver­let­zen, wobei phi­lo­so­phisch dahin­ge­stellt sei, was die­se Wür­de nun – etwa kan­tisch her­glei­tet – aus­macht und ob sie gedank­lich und prak­tisch hand­hab­bar exis­tiert. Scho­pen­hau­er jeden­falls sah den Begriff der Wür­de als „hoh­le Hyper­bel“ an.

In sei­ner „Preis­schrift über die Grund­la­ge der Moral“ (1840) führt er aus:

„Allein die­ser Aus­druck ‘Wür­de des Men­schen’, ein­mal von Kant aus­ge­spro­chen, wur­de nach­her das Schi­bo­leth aller rat- und gedan­ken­lo­sen Mora­lis­ten, die ihren Man­gel an einer wirk­li­chen oder wenigs­tens doch irgend­et­was sagen­den Grund­la­ge der Moral hin­ter jenen impo­nie­ren­den Aus­druck ‘Wür­de des Men­schen’ ver­steck­ten, klug dar­auf rech­nend, daß auch ihr Leser sich gern mit einer sol­chen Wür­de ange­tan sehen und dem­nach damit zufrie­den gestellt sein würde.”

Men­schen­recht und Men­schen­wür­de. Mag sein, bei­de Fik­tio­nen schüt­zen vor­läu­fig. Im Bei­spiel: Zwar bin ich bei­spiels­wei­se ohne kla­re Begrün­dung mit Berufs­ver­bot belegt und wer­de von Appa­rat­schiks stumm und unter Abwei­sung jedes Gesprächs­an­ge­bots ver­hin­dert, aber unter der­zei­ti­gen Bedin­gun­gen dro­hen immer­hin weder Haft noch Gewalt.

Der Staat ver­sagt mir die Aus­übung mei­nes Beru­fes, aber das mag sein gutes Recht sein, inso­fern er an öffent­li­chen Schu­len mein Arbeit­ge­ber wäre und gleich­falls über pri­va­te Schu­len die Auf­sicht führt.

So sind die Regeln. Man hät­te publi­zis­tisch ja still­hal­ten und sei­ne Gedan­ken ver­schwie­gen dem Tage­buch anver­trau­en können.

Wer jen­seits des enger gewor­de­nen Mei­nungs­kor­ri­dors ver­öf­fent­licht, steht im Risi­ko, gilt den emp­find­li­cher gewor­de­nen Behör­den als Gefahr und wird geblockt. Immer­hin neh­men sie so einen nicht nur wahr, son­dern mitt­ler­wei­le sogar ernst.

Wer öffent­lich artig schweigt, kann als Leh­rer im Unter­richt hin­ge­gen wir­ken, wie er es will, selbst wenn er – im Gegen­satz zu mei­nem Ver­ständ­nis – direkt staats­kri­tisch oder gar ‑feind­lich unter­rich­tet. Haupt­sa­che, er schweigt öffent­lich. So die Erwar­tung des vor­mund­schaft­li­chen Staa­tes. Genaue Kennt­nis vom Unter­richts­ge­sche­hen haben Schul­auf­sichts­be­hör­den nicht; sie ver­las­sen das Amts­ge­bäu­de kaum. Dort wer­den nur Mel­dun­gen und Zah­len abge­rech­net. Poli­tisch-ideo­lo­gi­sche Auf­sicht aber funk­tio­niert wie­der und ist für Denun­zia­tio­nen dank­bar, zumal der Denun­zi­ant als „cou­ra­giert“ gilt.

Man dürf­te, wenn die Not­wen­dig­keit dring­lich wäre oder man sich ver­letzt fühl­te, selbst­ver­ständ­lich juris­tisch kla­gen. Immer öfter ver­fährt die Exe­ku­ti­ve so: Erst selbst­ge­recht ent­schei­den, durch­aus in Will­kür­ak­ten (in der Coro­na-Pha­se eif­rig erprobt), und es dann dem Betrof­fe­nen zynisch zuge­ste­hen, daß er ja kla­gen, sich also auf den Rechts­weg bemü­hen kön­ne, um gera­de noch Selbst­ver­ständ­li­ches jetzt kos­ten- und zeit­in­ten­siv zu erstreiten.

Salopp: Die Staats­macht leis­tet sich Frag­wür­dig­kei­ten oder Unge­rech­tig­kei­ten, aber der Unter­tan darf immer­hin vor das Ver­fas­sungs- oder Ver­wal­tungs­ge­richt zie­hen. Er wird geschaßt, aber das stellt ja sei­ne „Wür­de“ nicht infrage.

Hät­te ich eine Fami­lie zu ver­sor­gen und zudem kei­ne beruf­li­che Alter­na­ti­ven, gerie­te ich in erns­te Schwie­rig­kei­ten, denn einer poli­tisch miß­li­e­bi­gen Per­son ver­hin­dern Minis­te­ri­um und Amt die beruf­li­che Exis­tenz, ganz selbst­ver­ständ­lich mit dem Ziel, die Lebens­füh­rung zu erschwe­ren und ein halb­wegs bür­ger­li­ches Leben zu ver­hin­dern. Die Exe­ku­ti­ve wünscht kei­nen Dis­kurs; sie will, daß der Kri­ti­ker, die­se Kanail­le, ein­fach verschwindet.

Um den poli­ti­schen Durch­griff auf das Pri­vat­le­ben zu ver­hin­dern, lebt man in einem ideo­lo­gisch bestimm­ten Gesin­nungs­staat daher am bes­ten frei­be­ruf­lich oder als Selb­stän­di­ger, jeden­falls solan­ge der Staat noch das Eigen­tum, die Unver­letz­lich­keit der Woh­nung und die phy­si­sche Unver­sehrt­heit respektiert.

Inter­es­sant jedoch, daß eben die­ser Staat und sei­ne Anhangs­be­hör­den immer­fort so laut­stark auf Men­schen­recht und Men­schen­wür­de insis­tie­ren, ins­be­son­de­re nach außen pre­kä­re Zustän­de anders­wo schul­meis­ternd. Bei­de Begrif­fe, Men­schen­recht und ‑wür­de, erwei­tert um die omni­prä­sen­ten Wort­hül­sen Gerech­tig­keit, Teil­ha­be, Tole­ranz, Diver­si­tät usw. usf., befin­den sich in Dau­er­ven­ti­la­ti­on – in einer Inten­si­tät, die an die DDR-Pro­pa­gan­da und die dama­li­ge All­ge­gen­wart von Losun­gen und Trans­pa­ren­ten erinnert.

Angeb­lich war Deutsch­land noch nie so demo­kra­tisch, so gerecht, so tole­rant, so dis­kurs­ori­en­tiert und so frei wie gegen­wär­tig. Einer­seits wer­den kli­en­tel­po­li­tisch zur Siche­rung von Wäh­ler­stim­men Geschen­ke wie in Form des soge­nann­ten Bür­ger­gel­des ver­teilt, ande­rer­seits gewinnt die Abwehr von Kri­tik eine vor zwan­zig Jah­ren noch unvor­stell­ba­re Rigorosität.

Man darf zwei­er­lei unter­stel­len – zum einen die Polit-Neu­ro­se, affek­tiert genau das zu über­be­to­nen, was eigent­lich so nicht Tat­sa­che, son­dern nur­mehr Vor­ga­be ist, also pro­pa­gan­dis­tisch dreist zu sug­ge­rie­ren, was der Rea­li­tät über­haupt nicht ent­spricht, zum ande­ren offen­si­ve Mani­pu­la­ti­on zuguns­ten des herr­schen­den Estab­lish­ments. Mag auch sein, die­ses Estab­lish­ment hat sich völ­lig in sei­ner Eigen­kon­struk­ti­on ver­rannt, die Gesell­schaft wäre tat­säch­lich noch dis­kurs­ori­en­tiert und Kri­ti­kern gegen­über mini­mal gerecht.

Die grün­lin­ke Mei­nungs­füh­rer­schaft in der Exe­ku­ti­ve und ihre woken Hilfs­trup­pen im All­tag sind erleb­bar alles ande­re als tole­rant, gerecht, divers; sie sind – ganz im Gegen­teil – in beträcht­li­chem Maße indok­tri­niert, aus­schließ­lich eige­nen poli­ti­schen Zie­len ver­pflich­tet und gegen­über Abweich­lern gera­de­zu all­er­gisch, wenn nicht haßer­füllt, aber sie begrün­den dies in genau der Wei­se, wie das frü­her „die Par­tei“ oder „die Volks­ge­mein­schaft“ tat, näm­lich mit der Legi­ti­ma­ti­on, selbst die ein­zi­ge Kraft für die ein­zig gute Sache zu sein.

Kei­ne Fra­ge, daß die Funk­tio­nä­re ihrem Zuschnitt nach frü­her geeig­ne­te SED-Char­gen und davor bün­dig iden­ti­fi­zier­te NS-Bon­zen gewe­sen wären. Anpas­ser, von stat­ten Gehäl­tern kor­rum­piert, braucht es immer. Man soll­te dar­über nicht mal kla­gen, denn ohne die­ses wil­li­ge Voll­stre­cker läuft es nie und nirgends.

Phä­no­me­nal nur, daß sich die­se Indok­tri­na­ti­on aus einer grund­sätz­lich frei­heit­li­chen Gesell­schaft und trotz gesi­cher­ter Rechts­staat­lich­keit eigen­dy­na­misch so ent­wi­ckeln konn­te: ten­den­zi­el­ler Tota­li­ta­ris­mus, schein­bar evo­lu­tio­när erwach­sen, min­des­tens in Gestalt eines Gesin­nungs­staa­tes, der bereit ist, sei­nen Appa­rat gemäß Schmitt­schem Freund-Feind-Sche­ma gegen Dis­si­den­ten ein­zu­set­zen, ins­be­son­de­re in Mobi­li­sie­rung des Verfassungsschutzes.

Apro­pos Schmitt: Die Exe­ku­ti­ve unter­schei­det längst nicht mehr zwi­schen dem per­sön­li­chen (ini­mi­cus) und poli­ti­schen Feind (hos­tis). Der poli­ti­sche ist immer gleich ganz und gar der per­sön­li­che Geg­ner. Wer etwa als AfD­ler auf Funk­tio­nä­re der Macht oder auf Ver­tre­ter der „demo­kra­ti­schen Par­tei­en“ trifft, wird das spüren.

Mit Aus­nah­me der AfD und ein paar kri­tisch-reni­ten­ter Medi­en gibt es kei­ne Oppo­si­ti­on mehr, schon gar kei­ne, die im Sin­ne ech­ter Demo­kra­tie geschätzt oder auch nur akzep­tiert wür­de. Die AfD und kri­ti­sche Medi­en bie­ten so die ein­zi­gen Orte für eine inne­re Emi­gra­ti­on. Daher wer­den sie ein­ge­hegt wie in Öff­nungs­rich­tung abge­sperr­te Sack­gas­sen: Wer als AfD­ler oder kri­ti­scher Publi­zist mar­kiert ist, soll es schwer haben, je wie­der irgend­wo anders tätig sein zu kön­nen. Der Staat möch­te ihn iso­liert wissen.

Nicht nur der Staat. In Thü­rin­gen selek­tiert die Gewerk­schaft Ver­di AfD-Mit­glie­der aus. Auch Gewerk­schaf­ten gehö­ren also wie­der zur Einheitsfront.

Vom Bun­des­prä­si­den­ten bis zu Kli­ma-Akti­vis­ten fol­gen alle maß­geb­li­chen poli­ti­schen Kräf­te der „Mit­te“ längst Ziel­stel­lun­gen, die sich wie im Pro­gramm einer eins­ti­gen „Par­tei neu­en Typus“ zusam­men­fas­sen lie­ßen. Die eins­ti­gen „bür­ger­li­chen Par­tei­en“, CDU, CSU und FDP, sind die­sen Zie­len längst völ­lig gleich­ge­schal­tet, und gemein­sam führt das Bünd­nis für sich den selbst­le­gi­ti­mie­ren­den Titel „demo­kra­ti­sche Parteien“.

Die poli­ti­sche Vor­mund­schaft­lich­keit wird ins­be­son­de­re in den Schu­len exer­ziert, in deren gesell­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Fächern genaue Erkennt­nis­se oder gar dif­fe­ren­zie­ren­des Urteils­ver­mö­gen durch ange­paß­te Bekennt­nis­se von mora­lis­ti­scher Grun­die­rung ersetzt sind. Man sehe sich in die­sem Zusam­men­hang die Abitur­the­men des Geschichts- und Poli­tik­un­ter­richts an. Die­se Fach­be­rei­che sind längst wie­der rei­ne Staatsbürgerkunde.

Über das Pen­sum des Polit­un­ter­richts hin­aus las­sen die Bil­dungs­mi­nis­te­ri­en unterm Mot­to „Schu­le der Demo­kra­tie“ die links­po­li­ti­schen Ver­ei­ne wir­ken, die den Segen und die För­de­rung der Lan­des­zen­tra­len für poli­ti­sche Bil­dung genie­ßen. Schu­le für Demo­kra­tie bedeu­tet Schu­le für ver­ein­heit­lich­tes lini­en­treu­es Den­ken. Man betrach­te ins­be­son­de­re die Bild­spra­che der ver­link­ten Netz­sei­te, also ihren Symbolgehalt.

Je wei­ter die­se Ein­heits­front-Bewe­gung zusam­men­rückt, um so kon­tur­schär­fer bil­det sie ein Feind­bild aus, für das ihr die Attri­bu­tie­rung „rechts“ aus­reicht, zumal sich damit effek­tiv stig­ma­ti­sie­ren läßt, denn von „rechts“ ist’s, so das pro­pa­gan­dis­ti­sche Nar­ra­tiv, nur ein Schritt zum „Nazi“, und vom Nazi ist’s nicht weit bis zu den auf Aus­schwitz zulau­fen­den Glei­sen. Dann der Aus­ruf: Das kann kei­ner wol­len! Seid wachsam!

Heißt also: Eine „grund­ver­ein­bar­te“ Auf­fas­sung, die sich abstru­ser­wei­se noch als Aus­druck von „Viel­falt“ ver­steht, eine dadurch immer mehr uni­for­mier­te und eben gera­de nicht diver­se Lebens­kul­tur steht Skep­ti­kern und Kri­ti­kern gegen­über, die über kei­nen ande­ren Ort als den „rech­ten“ ver­fü­gen, um sich über­haupt zu artikulieren.

Es wird ihnen die­ser Ort direkt zuge­wie­sen. Als rechts zu gel­ten bedarf es wenig, näm­lich ledig­lich der Distanz zur durch­ge­schal­te­ten Agi­ta­ti­on. Jeder, der nicht zum Som­mer­fest des Bun­des­prä­si­den­ten ein­ge­la­den wer­den dürf­te, kann mitt­ler­wei­le als „gefähr­li­cher Rech­ter“ gelten.

Es gibt für Skep­ti­ker und Kri­ti­ker nur­mehr zwei Mög­lich­kei­ten – ent­we­der den rech­ten Stand­ort oder den Rück­zug ins Unpolitische.

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

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Kommentare (39)

Adler und Drache

15. Dezember 2022 22:57

Phänomenal nur, daß sich diese Indoktrination aus einer grundsätzlich freiheitlichen Gesellschaft und trotz gesicherter Rechtsstaatlichkeit eigendynamisch so entwickeln konnte: tendenzieller Totalitarismus, scheinbar evolutionär erwachsen

Phänomenal und deprimierend: Damit wäre dann auch das Hoffnungspulver der letzten politischen Großidee verschossen. Ganz gleich, von wo aus man startet und welchen Weg man wählt, man kommt offensichtlich immer an derselben Stelle an. 

Vielleicht erklärt das die Lethargie, die Absenz einer erneuernden Kraft, die ausbleibende Mobilisierung eines starken, richtungsweisenden, politisch gestalterischen Willens gegen ebendiesen Totalitarismus, wenigstens zum Teil? Man hat's mit allem versucht, nun ist man irgendwie am Ende mit seinem Latein ...

Der Ideenpool ist ausgeschöpft. Der letzte deutsche Sommer vorbei. Mögen die Parzen noch einen Herbst zu reifem Gesange gönnen!   

Nordlicht

15. Dezember 2022 23:30

Ja, so ist es wohl. So scheint es mir auch, ich bin allerding weiter entfernt von direkten Einschränkungen und urteile nach den Medien und den Äusserungen der Machthaber.

Zu: "... andererseits gewinnt die Abwehr von Kritik eine vor zwanzig Jahren noch unvorstellbare Rigorosität.": Erstaunlich finde ich, dass diese Entwicklung aus der west-BRD kommt und der Widerstand aus der ehem. DDR.

1986 begann ich als 20-Jähriger mein Ingenieur-Studium und sah die politisierenden Sozialwissenschaftler mir skeptischem, aber nicht feindlichem Seitenblick. Ich hätte nicht gedacht, dass die Entwicklung linker, dann linksgrüner Ideen zum Totalitarismus führen würde. Ich habe sie gewählt, zunächst die Willy-Brandt-SPD, dann die Schmidt-SPD, dann die Naturschutz-Grünen. Mitläufer und Mittäter, ja. 

Eo

16. Dezember 2022 00:32

 

Es sieht derzeit
trübe aus, insbesondere was Freiheit, freies Denken und Vernunft angeht, daß ma sich nur in sarkastische Sprüche und andere Ablenkungen flüchten kann, um diesen Winter und diese politische, besser idiologische Eiszeit eiskalter politischer Eiferer, also Jakobiner zu überstehen.

Ein Rechtsstaat,
der sich in Auflösung befindet, verwandelt sich mehr und mehr in einen Drecksstaat.

Und ansonsten gilt:
Wir halten auch weiter die Stellung   ̶   auf verlorenem Posten.

 

https://neue-spryche.blogspot.com/2016/08/ein-aberwitz.html

 

brueckenbauer

16. Dezember 2022 05:58

Danke für das Schopenhauer-Zitat, in dem ich meine eigenen Vorbehalte vortrefflich formuliert finde.

Ansonsten: Die Anthroposophen und die Evangelikalen haben in der BRD weitaus mehr "Parallelgesellschaft" zustande gebracht als wir Rechten. Die Linken haben seinerzeit ihre Schulen auch nicht einfach aufgegeben, sondern im Ausland weitergeführt. Wir haben unsere Möglichkeiten einfach noch nicht erforscht und ausgeschöpft.

Laurenz

16. Dezember 2022 06:59

@Nordlicht (& HB)

Der Haken an der Geschichte sind die vergangenen Konservativen. FJS & Co. waren nie in der Lage oder willens, die Alt68er gesellschaftlich auszuschalten. Vielleicht hätten die Amis das auch verhindert, weiß ich aber nicht. Die deutsche Einheitsfront 2.0 fängt sich im typisch deutschen, vorauseilendem Gehorsam teils auch die Kritik linker Medien in den USA ein. Denn diese sehen, daß in Deutschland längst die Roten Linien zum Totalitarismus überschritten wurden. Das ist grundsätzlich staatsgefährdend. Bei einem politischen Wechselwind besteht dann immer die Gefahr tatsächlicher Eskalation & zwar so ganz ohne Reichsbürgerhanseln. Das ist insofern nicht abwegig, weil allen offensichtlich ist, daß bereits einige europäische Staaten gekippt sind. Die Kartaris zählen nicht mal die Bevölkerung halb Frankfurts, sind aber in der Lage, Brüssel in Gefahr zu bringen, weil man die dümmsten Holzköpfe nach Brüssel abschiebt.

Nemo Obligatur

16. Dezember 2022 08:26

Dies hier geht raus an alle wehleidigen Pseudo-Dissidenten:

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/dissidenten-in-dresden?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Es ist also alles nur von Ihnen imaginiert, Herr Bosselmann! Um David Begrich mal zu zitieren: "Wer Tellkamps Äußerungen im Umfeld rechter Zeitschriften wie Cato, Tumult oder Sezession liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, Zeuge eines verschobenen ästhetischen Reenactments der dissidenten Künstler-Szene der Spät-DDR zu sein."

Der Gegenbeweis wird mitgeliefert: "... der bewusst eingesetzte Vergleich zur Phase der kulturellen und gesellschaftlichen Stagnation der DDR in den 1980er Jahren ist abwegig. Keine der in den vergangenen Jahren entstandene neurechte Zeitschrift erscheint als Samisdat auf schlechtem Papier ..."

Merke: Wer auf teurem, holzfreiem Papier drucken darf, hat sich nicht zu beschweren!

Wie kommt ein argloser Leser zu so einem Text? Wenn man den Browser startet, bekommt man eine Auswahl mit allen möglichen Webseiten angeboten. Die dort vorgeschlagenen Medien haben meist Schlagseite backbords. Schon oft wurden mir Beiträge der taz oder der FR empfohlen, noch nie solche der JF oder von TE. Allenfalls FAZ oder NZZ kommen vor. Wird wohl eine Frage des Geldes sein. Davon gibt es nächstens ja reichlich mehr (Demokratieförderungsgesetz). Das Leben ist leicht und schön, wenn man auf der richtigen Seite steht.

Dieter Rose

16. Dezember 2022 08:51

Ein trauriger Text. Wenn ich ihn auf mich beziehe: falsch gelebt, sich zu sehr darauf verlassen, dass "die da oben" es schon richtig machen. Obwohl: der einzige Versuch, mit Gleichgesinnten "etwas zu bewegen", wurde von Beginn an sabotiert, damals in den Achtzigern.

Resumee: Resignation.

Es wird 40 Jahre dauern, bis ein Imschwung stattfindet - wenn es denn überhaupt noch das Gefühl für wahres freiheitliches Denken geben wird.

Zur Erinnerung: Die Chance der Rechten auf Behandlung des Grünen Gedankens konnte mit dem Austritt von Hans Gruhl begraben werden/ist verpasst worden. Mit der Gründung der Grünen 1980 hat die (auch extreme) Linke die Chance gesehen  und sie beim Schopfe gepackt, "den Marsch durch die Institutionen" zu nehmen. Sh. die Äußerungen schon vor zwei Jahren aus Berlin (Lux?) Jetzt müssen wir damit leben, denn wer kann die Zeit zurückdrehen. "Venceremos!" - tatsächlich, sie haben's geschafft.

Persephone

16. Dezember 2022 09:34

"Imagine" hat es doch schon in einem Kommentar zu einem vorausgegangenen Artikel anklingen lassen: Poltische Repression gab es zu allen Zeiten, nur halt gegen unterschiedliche Ideologien und deren Anhänger - man denke nur an den Radikalenerlass in den 70er und 80er Jahren. Ich finde es ein wenig müssig, politischen Akteuren politisches Handeln bzw. Maßnahmen zur Absicherung ihrer Macht vorzuwerfen. Die freiheitliche Gesellschaft, der hier nachgetrauert wird, in der jeder immer ungestraft seine Meinung kundtun konnte, gab es so nie. Obwohl ich die Beiträge Herrn Bosselmanns sonst sehr schätze muss ich sagen, dass sich dieser Artikel für mich anhört wie ein einziges "Mimimi".

Niekisch

16. Dezember 2022 11:16

"über keinen anderen Ort als den „rechten“ verfügen, um sich überhaupt zu artikulieren."

Wie anders war es doch noch am 16. Dezember 1897, als unser Kaiser Wilhelm II. den Chinesen "mit gepanzerter Faust" drohte. 

MARCEL

16. Dezember 2022 11:44

In der Tat, phänomenal, in welche Richtung der Zug an Fahrt aufnimmt.

Menschenrechte, Demokratie etc. oder schlicht Freiheit sind nur vorübergehende, periodische Erscheinungen. 

Sie überfordern den Menschen und befriedigen seine dunklen Seiten nicht. Letztere entfalten sich mal wieder ungehindert.

Es hat aber alles eine depressiv-resignierte Note, selbst die Repression. (Zitat aus Steinbecks Früchte des Zorns: "They hate what they do"). Niemand tut mehr etwas aus Überzeugung, geschweige denn Begeisterung - was das Ganze nicht besser macht, im Gegenteil!

Alles, was uns davon (und von uns selbst) erlösen könnte, kann nur von jenseits der Grenzen kommen.

Und damit frohe Festtage!

 

 

Niekisch

16. Dezember 2022 12:42

Ein Blick ins ( Grund )gesetz erleichtert die Diskussion:

Art. 1 ( GG )

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Aus der Abfolge der Normierungen ergibt sich schon, daß es sich bei Art. 1 GG um einen "Auffangtatbestand" handelt, d.h. es wird auf ihn zurückgegriffen, wenn kein anderes Abwehrrecht gegen den Staat betroffen ist.

weiter II. - Definiton des BVerfG ( Bundesverfassungsgericht )

Niekisch

16. Dezember 2022 12:46

II. 

Zum Begriff der Menschenwürde aus einem Beschluß des BVerfG v. 20.10.1992: 

"„Mit ihm ist der soziale Wert- und Achtungsanspruch des Menschen verbunden, der es verbietet, den Menschen zum bloßen Objekt des Staates zu machen oder ihn einer Behandlung auszusetzen, die seine Subjektqualität prinzipiell in Frage stellt. Menschenwürde in diesem Sinne ist nicht nur die individuelle Würde der jeweiligen Person, sondern die Würde des Menschen als Gattungswesen. Jeder besitzt sie, ohne Rücksicht auf seine Eigenschaften, seine Leistungen und seinen sozialen Status. Sie ist auch dem eigen, der aufgrund seines körperlichen oder geistigen Zustands nicht sinnhaft handeln kann. Selbst durch ‚unwürdiges‘ Verhalten geht sie nicht verloren. Sie kann keinem Menschen genommen werden. Verletzbar ist aber der Achtungsanspruch, der sich aus ihr ergibt.“"

weiter III.

Laurenz

16. Dezember 2022 13:13

@Persephone

man denke nur an den Radikalenerlass in den 70er und 80er Jahren.

@Imagine hatte gelogen. Die paar Lehrer, die Berufsverbot bekamen, sind gar nicht vergleichbar. Seinerzeit war schon die Mehrheit der Lehrerschaft links, wie auch die deutsche Journaille. Das geht historisch weiter. Wie schon mehrmals erwähnt, verteilte die Friedrich-Ebert-Stiftung in den letzten 3 Jahrzehnten großzügig Stipendien vor allem an weibliche Jura-Studenten & unterwanderte damit die deutsche Justiz. Konservative Juristen machten lieber Karriere.

muss ich sagen, dass sich dieser Artikel für mich anhört wie ein einziges "Mimimi".

Ja, die Debatte hatten wir schon öfters. In der originalen DDR war HB, noch keine 30 Jahre alt, privilegierter Mitläufer bei den Grenztruppen der DDR. Jetzt, in der DDR 2.0 gehört HB, wie der Osten an sich, zum Widerstand, vor allem deswegen, weil Er Seine Fähigkeit, sich schriftlich verständlich ausdrücken zu können, nutzt. Bis Faeser, als direkte Erbin Mielkes, irgendwann gestehen muß "Ich liebe doch alle", kann noch ein paar Jahre dauern. Aber zum Glück sorgt sie selbst dafür, dieses Geständnis irgendwann zu provozieren.

Gimli

16. Dezember 2022 13:55

Ein Text mit Jahresendendstimmung. Ich finde ihn wieder sehr larmoyant, der Autor lässt auch persönliche Gründe durchblicken. 

Wer so weit rechts steht, für den ist nun aber wirklich alles links. Und wer feine Unterschiede nicht sehen möchte, der nennt das dann alles zusammen Mainstream. Die AfD und ein paar Medien und Publizisten als renitent zu bezeichnen, ist für mich Euphemismus und mindestens zu grob. Meuthen war stockkonservativ, aber kein Rassist. Bernd Höcke nennt Afrikaner k/r-Strategen -> das ist nicht tolerabel. Ganz unangenehm wirds für mich jedoch, wenn man sich selber so weit von der Mitte entfernt und die andern  für schuld an der Enfremdung erklärt. 

Ein gebuertiger Hesse

16. Dezember 2022 14:17

@ Marcel

"Menschenrechte, Demokratie etc. oder schlicht Freiheit sind nur vorübergehende, periodische Erscheinungen. 

Sie überfordern den Menschen und befriedigen seine dunklen Seiten nicht. Letztere entfalten sich mal wieder ungehindert."

Großartig tiefgehend, was in diesen Sätzen steckt. Merci, Marcel. Allein über das Wort "überfordern" ließe sich ein weitaufgespanntes Seminar (in der Gegen-Uni) oder eine Akademie (im rechtsverbliebenen Herzland) gestalten. 

Alles Gute Ihnen und uns!

Niekisch

16. Dezember 2022 14:21

II.

Die zitierte Entscheidung war 1 BvR 698/89 v. 20.10. 1992

Aus der Würde des Menschen abgeleitete Grundrechte:

Das Grundgesetz listet gleich im Anschluss an Art. 1 GG diejenigen Grundrechte auf, die sich aus der Würde des Menschen ergeben, etwa das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, die Gleichheit aller vor dem Gesetz, die Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Meinungs -und die Versammlungsfreiheit, das Recht auf Eigentum und Unverletzlichkeit der Wohnung etc.

Die sogenannte Ewigkeitsgarantie:

Art. 1 GG, einschließlich des Bekenntnisses zu den Menschenrechten und der Rechtsverbindlichkeit der Grundrechte, stehen unter dem besonderen Schutz einer so genannten Ewigkeitsgarantie ( Ewigkeitsklausel ). Laut Art. 79 Abs. 3 GG ist eine „Änderung dieses Grundgesetzes, durch welche (…) die in den Artikeln 1 und 20 - demokratisch -republikanischer Rechts - und Sozialstaat niedergelegten Grundsätze berührt werden (…) unzulässig.“ Damit wird der Staatsgewalt die Einflussnahme auf den Kern des Grundgesetzes verwehrt.

Allnichts

16. Dezember 2022 15:01

Persephone ist zuzustimmen. Hätten "Rechte" eine solche Macht, wären eben Linke und auch Liberale benachteiligt, vermutlich noch stärker als Rechte derzeit. Eine Machtstruktur hält den Gegner tendenziell unten und raus, das ist nichts Neues. Diskutiert werden könnte, ob das Ganze mittlerweile so eindeutig Schlagseite hat, dass ein gerechter Wettbewerb der Ideen unmöglich ist, und ob die Daumenschrauben nicht immer weiter angezogen werden. Allerdings ist dabei festzuhalten, dass eine Partei wie die AfD sich etablieren konnte und "Rechtes" sich allgemein erstarkt zeigt. Es ist doch eigentlich eine interessante Frage: Hat sich das Overton-Fenster vergrössert oder verkleinert, nach links verschoben oder nach rechts? Paradoxerweise scheint alles zuzutreffen.

Der letzte Artikel, der auch gefragt hat, was getan werden kann und sollte, war da wesentlich weiter. Es mangelt noch immer an einer rechten Lebenswelt, an der Verankerung im Realen, und allzu viel scheint diesbezüglich auch nicht in Angriff genommen zu werden. Die heutige Rechte ist zu sehr eine virtuelle Rechte.

Niekisch

16. Dezember 2022 15:03

"Man hat's mit allem versucht, nun ist man irgendwie am Ende mit seinem Latein ..."

@ Adlerund Drache 15.12. 22:57: Als Althumanist möchte ich sagen: da kommen noch Griechisch  und Hebräisch...

Es gibt Benedikt Kaiser mit dem Solidarischen Patriotismus als schüchternen Ansatz, unseren etwas verkannten "Imagine" sowie das Buch von Wagner, Thomas, Die Angstmacher - 1968 und die Neuen Rechten -, Aufbau Verlag, 1. Auflage 2017, wo wir ab S. 296 ff. lesen können, wie wir unsere Flügellahmheit überwinden könnten. Wagner befürchtet große Erfolge, wenn "rechts" berechtigte "linke" Forderungen in populäre Parolen gießt, sie wissenschaftlich untermauert in die metapolitische Arena wirft. Sehr interessant zu lesen. Hauptanreger für uns kann nach wie vor auch mein geistiger Mentor Ernst Niekisch sein, von dem, wenn ich recht erinnere, Golo Mann einmal sagte, Niekisch sei der einzige wahre Weltrevolutioär.

Karl Otto

16. Dezember 2022 15:28

Ich empfinde durchaus Ähnliches. Es ist eigentlich nichts Fundamentales passiert, keine Revolution und kein Krieg. Noch nicht mal eine massive Verschiebung der Mehrheiten im Parlament, aber trotzdem herrscht plötzlich überall eine extreme Einheitsmeinung. Noch vor 20 Jahren gab es sowohl in Medien wie in der Politik verschiedene Meinungen, von rechts bis links. Plötzlich herrscht von CSU bis Linke Einigkeit, nur die AfD weicht ab. Und die vertretene Einheitsmeinung ist absurd und weltfremd. Man kann nicht massenhaft Menschen aus gewalttätigen Stammeskulturen ins Land holen und wenn es dann Konflikte gibt, immer nur dem Rassismus der Einheimischen Schuld geben; wer halbwegs klar im Kopf ist, sieht das.

Karl Otto

16. Dezember 2022 15:37

Es fragt sich, was da passiert ist? Es müssen da Netzwerke von Personen in Schlüsselstellungen existiert haben bei Medien und an den Universitäten, die lange Zeit nur Gesinnungsgenossen angestellt haben.

Beim NDR oder WDR merken die Leute das überhaupt nicht mehr, weil niemand vorhanden ist, der abweichende Auffassungen äußert. Umfragen ergeben, dass zwischen 70 und 80% der Menschen die Genderei-Sprache ablehnen, aber sie wird stur weiter propagiert, schließlich sind sich alle beim Sender einig.

Aber kann man die Realität dauerhaft verdrängen?

Allnichts

16. Dezember 2022 16:07

Niekisch:

Im Grunde gibt es diese politische Weltanschauung bereits und sie wird auch von der Neuen Rechten grösstenteils abgelehnt, zumindest offiziell. Ich denke allerdings, mit dem Verschmelzen von Linkem und Rechtem allein ist es nicht getan, es haben sich neue Weltanschauungen gebildet wie die grüne, es wurden Erfahrungen und nicht immer nur schlechte Erfahrungen mit Kapitalismus, Marktwirtschaft, Liberalismus gesammelt. Es sollte versucht werden, das gedanklich miteinander zu verbinden, daraus etwas Eigenes zu bilden, es euphorisch zu propagieren und pragmatisch umzusetzen.

Es darf bezweifelt werden, dass das rechte Lager die geistige Beweglichkeit besitzt, um solches zu schaffen. Es fehlt auch ein wenig die Grösse für Kreativität. Eigentlich sprechen wir alljährlich über die immer gleichen Dinge.

Gustav

16. Dezember 2022 16:29

Die Menschenwürde fungiert heute als verfassungsrechtliche Wundertüte. Unsere obersten Verfassungshüter entnehmen ihr, was immer von der Politik nachgefragt wird und ideologisch jeweils erwünscht ist. Sie bildet die Einbruchstelle eines rechtsphilosophischen Ladenhüters in unser positives Recht: des Naturrechts. Dieses wiederum enthält beliebige Inhalte je nach ideologischer Haltung des Naturrechtlers. Es bildet das Gängelband, an dem man uns führt.

Der Verfassungsrechtler Duttge formulierte 2007,

"..die Menschenwürde als solche gelte inzwischen vielen »als mehr oder minder ausfüllbare Leerformel mit gefährlich expansiven Zügen – eine Wanderdüne ohne Halt«, bedeutend und wohlklingend, als »Opium fürs Volk« schnell in aller Munde, tatsächlich aber ohne greifbaren Sinngehalt, in Wahrheit eine »terra incognita«.

Gustav

16. Dezember 2022 17:00

@ Karl Otto

"Ich habe zu meiner Zeit schier unglaubliche Beispiele einer grenzenlosen, blinden Bereitwilligkeit der Völker gesehen, ihr Glauben und Hoffen von ihren Herren beliebig dorthin führen und verführen zu lassen, wo es diesen dienlich war – unberührt davon, daß hundertmal Enttäuschung auf Enttäuschung folgte und von den ihnen vorgegaukelten Wahnbildern eins nach dem anderen zerplatzte. Da erstaunt es mich gar nicht mehr, daß sich Menschen schon vor den Bauernfängereien des Apollionius von Tyana und Mahammeds hereinlegen ließen. Sinne und Verstand solcher Leute werden von ihrer Leidenschaft völlig erstickt."
Montaigne, um 1588/89, Buch 3, 10. Kap., S.510.

 

Gustav

16. Dezember 2022 17:16

@ Allnichts

"Es darf bezweifelt werden, dass das rechte Lager die geistige Beweglichkeit besitzt.."

„Was immer für eine Aufschrift die Parteien tragen, was immer für ein Schlachtruf von den Demagogen erschallt, die sie führen, man hat tatsächlich nur die Wahl zwischen der Plutokratie auf der einen und einer Horde lächerlicher Utopisten auf der anderen Seite.“  

Henry Louis Mencken

 

Blue Angel

16. Dezember 2022 18:26

Waren in einigen Haushalten Depressiva im Keksteig? Schlägt dem einen oder anderen vielleicht der Frost auf´s Gemüt? 

Vielleicht wär´s hilfreich, sich öfter mit normalen, "einfachen" Leuten zu unterhalten statt (zu?) viele traurige Bücher zu lesen. Oder mal öfter raus zu gehen und sich Bewegung in der wunderbar frisch-kalten Luft zu verschaffen: Eine Sauerstoffdusche für´s Gemüt zu nehmen...

Die "einfachen" Leute, die mir begegnen (keine durchgeknallten System-Zombies wie auf der bereinigten Buchmesse) haben mehrheitlich *nichts* übrig für die aktuelle Politik. Nicht nur bezüglich der Genderei ist eine große Mehrheit dagegen: es gibt mehr geballte Fäuße, auch außerhalb von Taschen, als hochgereckte Hurra-Arme. 

Wie kann man Patriot sein ohne Vertrauen in´s eigene Volk? - Die Mehrheit ist *nicht* dumm und nicht mal so indoktriniert, wie die Globalisten sie gerne hätten. 

Der Wind *hat* sich schon lange gedreht. Schade, daß grade von denen, die dadurch endlich Auftrieb bekommen können, sich so viele in Resignation treiben lassen...

 

Hax Morkheimer

16. Dezember 2022 18:52

@Gimli

Da spricht der Faschismus der Mitte.

Niekisch

16. Dezember 2022 19:23

"Es darf bezweifelt werden, dass das rechte Lager die geistige Beweglichkeit besitzt, um solches zu schaffen. Es fehlt auch ein wenig die Grösse für Kreativität."

@ Allnichts 16:07: Das Problem liegt nicht in diesem möglicherweise garnicht vorhandenen Mangel, sondern darin, daß wir uns hier um einen Verlag gruppieren, keine rein unkommerzielle "Denkfabrik" sind. Deswegen kommt es hier wohl nicht zum Ausarbeiten von Manifesten, Kurzprogrammen, Anrufen, auch nur Stichwortsammlungen pp.. Es ist ja schon mehrfach vergeblich vorgeschlagen worden. Wahrscheinlich schließt auch die Stichwortgeberschaft für die AfD das Ausarbeiten einer dissidentischen Alternative aus. Zuletzt vielleicht die Furcht, dem Feind Futter hinzuwerfen, das er nicht fressen soll.

Was tun? Material in die Schublade und Schlüssel rumdrehen!

SMHJanssen

16. Dezember 2022 20:22

Niekisch: Ich muß Sie korrigieren - Art.1 GG ist der Krönungsartikel des GG - deshalb ist er zusammen mit Art.20 GG und Art.79.III GG auch unveränderlich. Während die Art. 2-19 GG mit einer 2/3 Mehrheit der Mitglieder des Bundestags und 2/3 der Stimmen im Bundesrat verändert werden dürfen - allerdings nicht in ihrem Wesensgehalt/Kernbestand. Als Auffanggrundrecht wird in der Verfassungslehre Art.2 GG angesehen, da er immer dann greift, wenn die Art.3 -19 GG nicht unmittelbar betroffen sind, allerdings trotzdem eine Grundrechtsverletzung vorliegen könnte.

Das BVerfG stellt bei einer Feststellung einer Menschenwürdeverletzung regelmäßig auf den Objektcharakter eines Gesetzes ab - das heisst immer dann wenn der Subjektcharakter des Einzelnen im staatlichen Handeln nicht mehr erkennbar ist (Art.13 GG Änderung, Luftsicherheitsgesetz...).

Sozialliberale Grüße aus Bonn,

Siebo M. H. Janssen

Zauberer von Oz

16. Dezember 2022 21:56

Jeder Staat ist ein künstliches Konstrukt, jede Verfassung ist ein künstliches Konstrukt. Was ist schlimmer: Regierungsgläubigkeit, oder Papiergläubigkeit? 
Der Mensch ist unbelehrbar, und der Michel ist ein Mensch.

Mitleser2

17. Dezember 2022 10:01

@Blue Angel: "Die "einfachen" Leute, die mir begegnen haben mehrheitlich *nichts* übrig für die aktuelle Politik." und "Der Wind *hat* sich schon lange gedreht."

Selbst wenn dem mehrheitlich so wäre, solange sich das weiterhin in Nichtwählen (das Hauptproblem!) oder sogar Wählen der Systemparteien äußert, kann sich nichts ändern. Die Thüringer sind da weiter, aber das sind zu wenige.

P.S: Natürlich kann man der Meinung sein, die Teilnahme am "demokratischen Ritual" ist sowieso sinnlos, aber das führt dann halt zu Faeser & Co.

Laurenz

17. Dezember 2022 10:28

@SMHJanssen @Niekisch

Ohne Jurist zu sein, schreibe ich Ihnen, daß die Juristen falsch liegen. Artikel 20 spielt überhaupt keine Rolle, er ist durch andere Gesetze ausgehebelt. Vor allem 20 (2) ist hiervon betroffen. Verfassungsrechtler interpretieren diesen Artikel, wie sie Bock haben, anstatt das zu lesen, was da steht.

Sozialliberale braucht man deswegen auch nicht zu grüßen.

Niekisch

17. Dezember 2022 10:31

"Ich muß Sie korrigieren"

@ SMHJanssen 16.12. 20:22: Das dürfen und können, aber das müssen Sie nicht. Denn ich habe Art. 1 GG der Mindermeinung entsprechend wegen seines Normaufbaus und seiner Formulierung als "Programmsatz" staatlicher Verpflichtung angenommen und  gar nicht als "Auffangrundrecht" bezeichnet, den Subjekt - Objekt - Gegensatz hinreichend kenntlich gemacht. Auch in den Senaten des BVerfG wird nicht nur die "herrschende Meinung" vertreten.

Wir alle können beobachten, daß das BVerfG zunehmend in nacheilendem Gehorsam zu Politik und Zeitgeist den Willen des Grundgesetzgebers und Wortlaut des Grundgesetzes geschmeidig "evolutiv" verändert. Für mich ist das prägnanteste Beispiel das Deutschenrecht der Versammlungsfreiheit, das mittlerweile dergestalt entwertet ist, daß sehr gut integrierte Menschen ohne Aufenthaltstitel mit marokkanisch beflaggten Fahnenstöcken auf Polizisten mit Migrationshintergrund einprügeln dürfen, weil sie sich spontan versammelt haben, was behördlicherseits und gerichtlicherseits hingenommen wird.

Imagine

17. Dezember 2022 10:49

1/2

Einer unserer Gymnasiallehrer war damals weiterhin glühender nationalsozialistischer Idealist. Er war stolz darauf, SA-Mann gewesen zu sein. Und verkündete dies auch. In der Schule lief er meist mit einer unter den Arm geklemmten „National-Zeitung“ herum.

Als seine Hauptaufgabe sah er an, uns vor den Lügen und Verdrehungen über das „Dritte Reich“ zu schützen.

Es gehörte zur gesellschaftlichen Normalität, solche Leute im Staatsdienst zu tolerieren und akzeptieren. Die meisten der Akademiker waren Mitglieder der NSDAP, SA oder der (Waffen)-SS gewesen. Und diese wurden gebraucht, als Lehrer, Ärzte, Juristen. Polizisten, Ingenieure etc. Normal war es, über die Vergangenheit zu schweigen und den Demokraten zu mimen.

Bis in die 90-er Jahre wurden in der BRD Rechtsextremismus und Protofaschismus – nicht aber offener Alt- und Neo-Nazismus - im Rechtsaußenmilieu von CDU/CSU toleriert und akzeptiert. Während man in der Öffentlichkeit von Sozialdemokraten als den „roten Socken“ sprach, wurden sie in diesen Kreisen als „rote Ratten“ bezeichnet. Habe ich wiederholt selbst erlebt.

Ab Mitte der 90-er Jahre geriet dieses Milieu zunehmend in Konflikt mit den Wirtschaftsinteressen des Hegemons und des Establishments. Das zeigt sich sehr deutlich in der Geschichte der rechtsnationalen JF.

Imagine

17. Dezember 2022 10:52

2/2

In der neuen neoliberalen und globalistischen Strategie zeigten sich Demokratie und nationalstaatliche Organisation zunehmend als Störfaktoren, wenn es z.B. um den Import ausländischer Arbeitskräfte, um Reallohnsenkungenden und den Abbau von Arbeitnehmerrechten, Betriebsverlagerungen in Niedriglohnländer etc. ging.

Der Hegemon wollte seine Vasallenstaaten zunehmend zu Bananenrepubliken machen, die im Interesse der imperialistischen Supermacht funktionieren. Im Resultat bedeutet dies, dass diese Staaten – wie zuvor Südamerika als „Hinterhof der USA“ – sich zunehmend in Richtung von Volksverarmung und Failed States entwickeln.

Eine zentrale Rolle spielte dabei die Entwicklung von „Chimerika“. Man verlagerte die Produktion nach China und kassierte in den USA in den Konzernzentralen gigantische Profite. Aber China wurde nicht zur Bananenrepublik, sondern ging und geht einen eigenen nationalen und sozialistischen Weg.

Sehr deutlich wurde die Zerstörung der Nationalstaaten bei der Migrationspolitik, aber diese wurde im rechten Milieu nicht begriffen als Wirtschafts- und Herrschaftsstrategie des US-Imperialismus und globalisiertem Kapitalismus und entsprechend intellektuell jämmerlich war deren Anti-Migrations-Aktivismus.

Leute wie H.B. scheinen selbst heute noch nicht verstanden zu haben, warum und aufgrund welcher Interessen sie Exklusion erfahren.

 

Gimli

17. Dezember 2022 12:36

@Hax Morkheimer

16. Dezember 2022 18:52 

@Gimli

Da spricht der Faschismus der Mitte.

——

Klingt bombastisch. Aber was soll das heißen? 

 

Mitleser2

17. Dezember 2022 13:48

@Imagine: Sie postulieren, dass die Migration von kriminellen, ungebildeten Massen gesteuert ist, um die EU zu einem Bananenrepublik-Hinterhof der USA zu machen. Das mag eine Zeitlang gut gehen, aber wenn die Vasallen zu Failed States werden, ist der Vorteil weg, dann kann man die nicht mehr aussaugen. Man sieht das ja jetzt schon selbst an der US-Grenze am Rio Grande. Also was sollte das strategische Ziel dieses Vorgehens sein? Failed States werden jedenfalls keinen Puffer gegen Eurasien bilden können.

Blue Angel

17. Dezember 2022 13:54

Mitleser2, beim Thema "noch wählen oder nicht" sind viele hin- und hergerissen, auch ich. Den AfD-Aktiven, die keine U-Boote sind (m. E. die große Mehrheit) gilt auf jeden Fall Dank und Unterstützung für den (m. E. teilweise schon gelingenden) Versuch, innerhalb der Systemebene den Globalisten Zugeständnisse abzutrotzen, entgegen aller Widerstände und teilweise unter persönlichen Opfern.

- Ob dieser aller Ehren werte Versuch mittelfristig erfolgreich sein kann, ist m. E. allerdings zweifelhaft. Ohne den, auch passiven, Widerstand aller, die "nicht mehr mitmachen wollen", wird sich in diesem Land wohl nichts mehr retten lassen. Dazu hat und findet *jeder*, ob Müllfahrer oder Intellektueller, Möglichkeiten, entsprechend dem jeweiligen Umfeld und der jeweiligen Fähigkeiten: Jedes zusätzliche Sandkörnchen im Getriebe kann dasjenige sein, welches die Maschine knirschend zum Halten zwingt.

Umso trauriger, wenn grade diejenigen, die schon so viel dazu beigetragen und geleistet haben, den Eindruck erwecken, sich der unheilvollen Maschine zu ergeben.

 

Allnichts

17. Dezember 2022 15:28

1/2

Niekisch:

Schnellroda ist ja bereits die Speerspitze, wenn es um eine Sammlung rechter Denker und Lenker geht. Zusammengenommen gibt es sicherlich - relativ - viele einzelne Menschen, aber auch allgemein Gruppierungen, Parteien, Vereine, Verlage, Redaktionen usw., die gerade in Anbetracht der Rahmenbedingungen viel leisten, das sollte auch nicht kleingeredet werden. Irgendwo und wahrscheinlich eher an mehreren Stellen als nur an einer hakt es allerdings nicht zu knapp, sonst stünden wir nicht dort, wo wir stehen.

Zu der Verschmelzung bzw. der Aufhebung von "Links" und "Rechts": Soweit ich Sie richtig verstehe, vertreten Sie einen national- und sozialrevolutionären Standpunkt vor allem mit dem Ziel einer deutschen sozialistischen Nation. Dies entspräche in etwa auch meinem Standpunkt, wobei ich die Nationen- sowie die Klassenfrage vermutlich eher in einem internationalen Zusammenhang sehe und z.B. wohl auch skeptischer gegenüber der langfristigen Funktionsfähigkeit eines strengen Sozialismus bin, da wie angedeutet also eher etwas Neues auch mit sozialistischen Elementen als erstrebenswert betrachte. Jedenfalls wäre für mich nachvollziehbar, weshalb die Kategorien "Links" und "Rechts" für Sie nur bedingt sinnvoll sind.

Allnichts

17. Dezember 2022 15:36

2/2

Damit sitzt man aber natürlich zwischen den Stühlen. Den "Linken" und den neueren Linken umso mehr ist man zu nationalistisch, rassistisch und reaktionär, zu "faschistisch", den "Rechten" zu proletarisch und progressiv, sie fürchten Umverteilung und allgemein Auflösung von Strukturen, Hierarchien, Prinzipien, Werten. Die möglichen Bündnispartner beiderseits sind überschaubar, die eigene Gruppe ist klein. Eine wirkliche Lösung dafür konnte ich bisher nicht finden.

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