Weihnachtsempfehlungen (5) – Martin Lichtmesz

Hier meine drei Buchempfehlungen für Weihnachten.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Gutes – Der Jun­g­eu­ro­pa-Ver­lag legt mit Hei­mat Euro­pa nach Die Unzu­läng­li­chen und Der fal­sche Bel­gi­er sein bereits drit­tes Buch aus der Feder des fran­zö­si­schen Schrift­stel­lers Pierre Drieu la Rochel­le (1893–1945) vor.

Es han­delt sich um eine Zusam­men­stel­lung von Rei­se­be­rich­ten und ande­ren Tex­ten, die der Grenz­gän­ger zwi­schen “rechts” und “links” zwi­schen 1931 und 1942 für ver­schie­de­ne Zeit­schrif­ten quer durch das poli­ti­sche Spek­trum ver­faßt hat.

Man darf hier aller­dings kei­ne geschlif­fe­nen schön­geis­ti­gen Betrach­tun­gen à la Robert Byron (Euro­pa 1925, Der Weg nach Oxia­na) erwar­ten. Drieus Rei­sen sind viel­mehr Sta­tio­nen einer vor allem poli­ti­schen Spu­ren­su­che, deren Leit­ge­dan­ken die Ver­ei­ni­gung Euro­pas und die Über­win­dung der kapi­ta­lis­tisch-kom­mu­nis­ti­schen Dicho­to­mie sind. Bekannt­lich lan­de­te er auf die­se Wei­se im Lager des Faschis­mus, den er als eine Form des Sozia­lis­mus und revo­lu­tio­nä­ren Auto­ri­ta­ris­mus auffaßte.

So ver­folg­te er mit beson­de­rem Inter­es­se die poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Umwäl­zun­gen in Hit­lers Deutsch­land und Mus­so­li­nis Ita­li­en, die er zwar aus wacher Distanz, aber doch über­wie­gend mit Bewun­de­rung und Fas­zi­na­ti­on schil­der­te. Dabei zeig­te er sich in der Vor­kriegs­zeit kei­nes­wegs als unbe­ding­ter Deut­schen­freund, da für ihn die Idee eines euro­päi­schen Zusam­men­spiels und Gleich­ge­wichts abso­lu­ten Vor­rang hat­te, was vor­aus­setzt, daß die ver­schie­de­nen Par­ti­ku­lar­na­tio­na­lis­men gehegt und ein­ge­dämmt werden.

So ent­wirft er in einem Text aus dem Jahr 1935 eine post-habs­bur­gi­sche Alli­anz der “Donau­län­der”, an der Tsche­chen, Ungarn, Slo­wa­ken, Rumä­nen und Öster­rei­cher teil­ha­ben sol­len, als mit­tel­eu­ro­päi­sches Gegen­ge­wicht zum geo­po­li­ti­schen Druck des Deut­schen Rei­ches. Auch sei­ne Bewer­tung der Tsche­cho­slo­wa­kei unter der Regie­rung von Edvard Beneš ist zu die­sem Zeit­punkt äußerst wohl­wol­lend, wäh­rend er den Volks­tums­kampf der Sude­ten­deut­schen unter Kon­rad Hen­lein eher kri­tisch betrachtet.

Dem Deutsch­land Hit­lers pro­phe­zeit er schon früh (eben­falls 1935) einen gewalt­sa­men, ver­nich­ten­den Zusam­men­stoß mit der Sowjet­uni­on Sta­lins, die er eben­falls über­ra­schend posi­tiv bewer­tet. So meint er, in Sta­lin und sei­ner Füh­rungs­eli­te faschis­ti­sche Züge in sei­nem Sin­ne ent­deckt zu haben.

Erst spät, wäh­rend des Krie­ges, als er sich im besieg­ten Frank­reich der Kol­la­bo­ra­ti­on anschließt, setzt Drieu (ver­geb­li­che) Hoff­nun­gen auf das Reich als mög­li­ches Instru­ment der euro­päi­schen Eini­gung. 1942 zeigt er sich anläß­lich einer Dich­ter­ta­gung in Wei­mar, an der etli­che fran­zö­si­sche Autoren teil­nah­men, fas­zi­niert von dem Gedan­ken einer Alli­anz zwi­schen Ruß­land und Deutsch­land, einer “Umar­mung” der Genies der “Sla­wen und Germanen”.

Nicht nur hier zei­gen sich die roman­ti­schen Impul­se Drieus, die sei­ne poli­ti­schen Urtei­le und Par­tei­nah­men stark beein­flußt haben. Etli­che Bei­trä­ge sind Spa­ni­en gewid­met, das er 1936 zu Beginn des Bür­ger­kriegs besuch­te. In die­sem Land “des Blu­tes, der Wol­lust und des Todes” (nach einem der berühm­tes­ten Wer­ke von Mau­rice Bar­rès) begeg­net ihm  – zu sei­nem gro­ßen Glück – ein alter, ver­lo­ren­ge­gan­ge­ner Bekann­ter wie­der, der Krieg, jene prä­gen­de und inten­sivs­te Erfah­rung sei­ner Jugendzeit.

So ist Hei­mat Euro­pa auch eine fas­zi­nie­ren­de Zeit­rei­se, die einen unge­wohn­ten und auf­schluß­rei­chen Blick auf das Pul­ver­faß der Vor­kriegs­zeit bie­tet, gese­hen mit den Augen eines äußerst kon­tro­ver­sen Ausnahmeschriftstellers.

Die Edi­ti­on des Jun­g­eu­ro­pa-Ver­lags läßt nichts zu wün­schen übrig: von der sehr schö­nen biblio­phi­len Aus­stat­tung im dun­kel­blau­en Lei­nen­ein­band bis hin zu den kennt­nis­rei­chen Kom­men­ta­ren des Drieu-Exper­ten Bene­dikt Kai­ser, die zur his­to­ri­schen Ein­ord­nung der Tex­te uner­läß­lich sind.

Pas­send zur Lek­tü­re kann man Sol Invic­tus hören:

He went loo­king for Euro­pe, took love in his hand
With eyes of sun­light, like bur­ning sand
Went to the west, rode to the east
Heard of life and honour, loo­ked into the eyes of the beast…

Pierre Drieu La Rochel­le: Hei­mat Euro­pa. Rei­se­be­rich­te und ande­re Tex­te 1931–1942, 272 Sei­ten, 24 €.

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Wah­res – Von Drieu zu einem wei­te­ren fran­zö­si­schen “Kult­au­tor”, der aller­dings über­zeug­ter Anti­fa­schist war und eine Art von christ­li­chem Anar­chis­mus ver­trat: Jac­ques Ellul (1912–1994). Ich habe ihn letz­tes Jahr hier porträtiert.

Sein neben La Tech­ni­que ou l’enjeu du siè­cle (1954) wohl bedeu­tends­tes Werk, Pro­pa­gan­des (1962), wur­de erst letz­tes Jahr erst­ma­lig ins Deut­sche über­setzt. Es erschien im Herbst 2021 im West­end-Ver­lag, nicht zufäl­lig mit­ten in der Wal­pur­gis­nacht der “Coro­na-Pan­de­mie”.

Als Weih­nachts­ge­schenk ist Elluls Pro­pa­gan­da zuge­ge­be­ner­ma­ßen eine etwas maka­bre Wahl, und auch die Lek­tü­re der ins­ge­samt 477 Sei­ten (davon vier­zig Anmer­kungs­ap­pa­rat) ist alles ande­re als ein Ver­gnü­gen. Das “Wah­re” will eben hart erar­bei­tet wer­den. Elluls gründ­li­che, ja akri­bi­sche Ana­ly­se der Wir­kungs­wei­sen, Tech­ni­ken und psy­cho­lo­gi­schen Fol­gen ver­schie­de­ner Pro­pa­gan­da­me­tho­den und ‑stra­te­gien über­trifft alles, was sonst noch zu die­sem The­ma geschrie­ben wurde.

Dabei geht er nicht den beque­men Weg, sich auf Bei­spie­le aus anti­li­be­ra­len poli­ti­schen Sys­te­men wie Sta­li­nis­mus, Mao­is­mus, Faschis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus zu beschrän­ken, son­dern er sieht in der Pro­pa­gan­da, die auf den mensch­li­chen Geist eine zutiefst kor­rum­pie­ren­de Wir­kung aus­übt, ein zen­tra­les Steue­rungs­ele­ment der moder­nen Gesell­schaf­ten über­haupt, auch der soge­nann­ten “demo­kra­ti­schen” und “libe­ra­len”.

Eine ver­stö­ren­de Lek­tü­re, die vie­les dazu bei­trägt, die Ereig­nis­se der letz­ten bald drei Jah­re zu erhel­len und zu ermes­sen, was wir in der Zukunft zu erwar­ten haben.

Jac­ques Ellul: Pro­pa­gan­da. Wie die öffent­li­che Mei­nung ent­steht und geformt wird, 477 Sei­ten, 28 €.

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Schö­nes: Kein Bild­band, son­dern ein Stück “schö­ne Lite­ra­tur”.  Der in Wien ansäs­si­ge Castrum-Ver­lag schmückt sich mit dem berühm­ten Signet der “Blät­ter für die Kunst”, deren Geist der Ver­lags­grün­der Ledio Alba­ni zu pfle­gen und in die heu­ti­ge Zeit zu über­tra­gen anstrebt. Auch der Name des Ver­lags ver­weist auf den Geor­ge-Kreis und die sei­nem Andenken ver­pflich­te­te Stif­tung “Castrum Peregrini”.

Die­se deut­li­che Bezug­nah­me will Alba­ni aller­dings nicht als the­ma­ti­sche oder for­ma­le Ein­schrän­kung ver­stan­den haben: “Ohne ein bestimm­tes lite­ra­ri­sches Gen­re anzu­spre­chen, soll jedem Gedan­ken in der Tra­di­ti­on klas­si­scher, deut­scher Lite­ra­tur und Phi­lo­so­phie ein Ver­öf­fent­li­chungs­or­gan dar­ge­bo­ten werden.”

Eines der drei bis­lang erschie­ne­nen Bücher des Ver­la­ges ist der Debüt­ro­man Die Bogo­mi­li­schen Grä­ber von Deni­al Bah­ti­ja­ra­gic, gebo­ren 1983 als Sohn eines bos­ni­schen Vaters und einer ser­bi­schen Mut­ter. 1992 flüch­te­te die Fami­lie vor dem Krieg in Bos­ni­en nach Wien, wo Bah­ti­ja­ra­gic heu­te noch lebt.

Der Roman, eigent­lich eine Erzäh­lung in fünf Kapi­teln, ist offen­sicht­lich stark auto­bio­gra­phisch. Der Autor schil­dert die Zuspit­zung und Eska­la­ti­on der Kon­flik­te zwi­schen Ser­ben und Bos­ni­ern und die Flucht einer Fami­lie nach Öster­reich aus der Per­spek­ti­ve eines Kin­des, in des­sen Wahr­neh­mung sich Traum und Phan­ta­sie mischen.

Eines Tages im April 1992 erfährt der neun­jäh­ri­ge Almas, der aus einem geho­be­nen bür­ger­li­chen Milieu stammt, daß sein bewun­der­ter Vater, Spe­zi­al­arzt und Kran­ken­haus­di­rek­tor, als Bos­ni­er auf einer ser­bi­schen Todes­lis­te steht. Die Schlin­ge um den Hals der “gemisch­ten” Fami­lie – die Mut­ter Almas’ ist wie Bah­ti­ja­ra­gics Mut­ter Ser­bin – zieht sich immer wei­ter zu, bis ihr kei­ne ande­re Wahl mehr bleibt, als ihre Hei­mat­stadt Pri­je­dor und das zer­fal­len­de Jugo­sla­wi­en über Ungarn zu verlassen.

Plä­ne, nach Paris zum exi­lier­ten Vater der Mut­ter zu zie­hen, zer­schla­gen sich. Die Fami­lie stran­det in Wien-Otta­kring, wo sie eine sozia­le Deklas­sie­rung erdul­den muß. Um ihren Lebens­un­ter­halt zu bestrei­ten, muß die kul­ti­vier­te Mut­ter, die Thea­ter und Kunst liebt, sich als Putz­frau ver­din­gen, der Vater, des­sen Diplom in Öster­reich nicht aner­kannt wird, “in einer gro­ßen Hal­le” Obst und Gemü­se waschen.

Über Zei­tun­gen, Fern­se­hen, Berich­te von Flücht­lin­gen, gele­gent­li­che Brie­fe, die durch die Front­li­ni­en sickern, erfährt Almas mehr und mehr von den “eth­ni­schen Säu­be­run­gen” und Mas­sa­kern, die nun sei­ne ehe­ma­li­ge Hei­mat in Blut­strö­men erträn­ken. Mit Ent­set­zen begreift er, daß er und sei­ne Fami­lie die­sem Los nur knapp ent­ron­nen sind (das Cover des Buches zeigt Sär­ge von Opfern von Srebrenica).

Die­se Kon­fron­ta­ti­on Almas’ mit einem uner­bitt­li­chen und uner­klär­li­chen Maelstrom, den alle klu­gen Diplo­ma­ten der Welt nicht auf­hal­ten kön­nen, und des­sen ver­häng­nis­vol­le Wucht sei­ne wie Halb­göt­ter ver­ehr­ten Eltern erschre­ckend ver­wund­bar und sterb­lich macht und bei­na­he bricht, steht im Zen­trum die­ser dun­kel gefärb­ten, eigen­tüm­lich stil­len und nach innen gekehr­ten Erin­ne­run­gen, die in eine lyri­sche Medi­ta­ti­on über das Schick­sal des bos­ni­schen Vol­kes münden.

Ein­mal auf­ge­schla­gen, konn­te ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen und habe es in einem Zug ausgelesen.

Deni­al Bah­ti­ja­ra­gic: Die Bogo­mi­li­schen Grä­ber, 152 Sei­ten, 25 €.

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (5)

Niekisch

9. Dezember 2022 16:01

"Stationen einer vor allem politischen Spurensuche"

Etwas Schöngeistiges zu Weihnachten von Drieu wären "Die Memoiren des Jan Raspe" über Vincent van Gogh. 

Phil

9. Dezember 2022 20:48

"Heimat Europa" ist buchhandwerklich schön, kann mit Manesse usw. locker mithalten. Inhaltlich interessant, aber auch sehr politisch. Meine Lieblingsstelle wohl die über die Deutschen (nachdem er Parks als "Altare des deutschen Humanismus" bezeichnet hat):

Hier kultiviert dieses Volk in anderer Weise das Heilige und das Göttliche, welche die Grundfesten jeder Menschlichkeit sind. Hier hat dieses Volk, das sich so wild in die Hölle der Großstadt gestürzt hat, sein Hinterland gestaltet, wieder einmal seine Fähigkeit, die größten Widersprüche zu ersinnen und zu unterhalten, unter Beweis stellend. Es gibt kein urbaneres und zugleich ländlicheres Volk als die Deutschen. In seinen riesigen Städten und um sie herum hat der Deutsche Wälder und Wiesen bewahrt, in denen er immer wieder den Kontakt zur Natur aufnimmt, ohne den er nicht leben kann, der für ihn Quelle starker Gefühle, Inspiration und Stimulation ist, und der ihn unablässig an die tragische Weite von Vision und Handlung erinnert, die alle sichtbaren und unsichtbaren Kräfte zusammenhält.

brueckenbauer

10. Dezember 2022 10:26

Bisserl pathetisch, der Drieu. Da fehlt das Understatement, die Ironie, das Niedriger-Hängen.

Ellul schrieb übrigens auch die akribischste Analyse linker Gewaltverherrlichung: "Contre les violents". Immer noch mein Traum, das mal übersetzen zu dürfen ...

Nemo Obligatur

10. Dezember 2022 19:39

Nur leicht off topic, aber einen Hinweis wert:

"Aufgeblättert, zugeschlagen" mit EK, SD und Uwe Tellkamp(!). Das ist fast wie eine vorgezogene Weihnachtsbescherung :-)

https://www.youtube.com/watch?v=9B3XfD7YOEE

Danke!

Laurenz

11. Dezember 2022 16:54

@ML

Habe Ihren Beitrag nochmal gelesen.

Am wenigsten prickelnd finde ich das balkanische Migranten-Schicksal. Wenn da jeder abgehauen wäre, säße heute der gesamte Balkan in Wien, also wenig glaubhaft. Die Nummer ist, seit der Entstehung der Balkanreiberei doch das vollkommen Normale.

Die zweite Vorschlag ist schon spannender, aber auch hier ergibt sich die Logik von selbst. Autoritäre politische Systeme sind propagandistisch weniger leistungsfähig, einfach deswegen, weil sie es nicht nötig haben, gut zu sein. Und was bei christlicher Anarchie am Ende herauskommt, wissen wir alle doch nur allzu gut.

Den ersten Vorschlag, also Drieu, empfinde ich am anziehendsten. Allerdings wird schon im Beitrag offensichtlich, daß eine europäische Großmacht, im Sinne Drieus, zentralistisch, also in Froschfresser-Manier organsiert sein würde. So überzeugt man die Deutschen nie. Bisher funktionierte eine Partnerschaft mit den Gallo-Römern immer nur so, daß die Deutschen ihre Identität, ihre Interessen aufgeben mußten, damit irgendwas geht. Das kann's einfach nicht sein. Das ist der Grund, warum ich noch kein Buch eines französischen Rechten, außer mal Pierre Krebs, angefaßt habe.