Gedankenexperimente (1): Michael Wolski

Sind Gedankenmodelle, in denen große Zeitspannen und große Hintergründe in den Blick kommen, wilde "Verschwörungstheorien"?

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Oder sind sie not­wen­di­ge Erkennt­nis­werk­zeu­ge, um die “geis­ti­ge Situa­ti­on der Zeit” (Karl Jas­pers) zu umfassen?

In mei­nem letz­ten Bei­trag auf die­sem Blog habe ich zur Zeit­span­ne der nächs­ten Jah­re auf einen Autor ver­linkt, der nähe­re Beschäf­ti­gung ver­dient. Micha­el Wol­ski habe ich im letz­ten Som­mer ken­nen­ge­lernt, und nun ein schrift­li­ches Inter­view mit ihm geführt.

Ein münd­li­ches Inter­view hat er vor kur­zem dem alter­na­ti­ven Sen­der AUF1 gege­ben. Ich möch­te hier neben Wol­skis his­to­ri­scher The­se vor allem mei­nen eige­nen Nach­fra­gen Platz ein­räu­men und dann die Debat­te eröff­nen, auch mit Blick auf den ers­ten Satz des von Licht­mesz vor­ge­stell­ten Kon­spi­ra­tio­nis­ti­schen Mani­fests.

SOMMERFELD: Lie­ber Micha­el Wol­ski, Sie kom­men in Ihrem Buch 1989 – Mau­er­fall Ber­lin zu dem Schluß, daß die “fried­li­che Revo­lu­ti­on” ein Nar­ra­tiv ist, das blo­ße Platz­hal­ter­funk­ti­on hat. Thor von Wald­stein schreibt im Vor­wort zu sei­nem wun­der­ba­ren Buch Der Zau­ber des Eige­nen, er sei

… 1989 in der Hoff­nung auf eine poli­ti­sche Wen­de nach Ber­lin gefah­ren. Nach wahr­haft traum­haf­ten Sze­nen am Pots­da­mer Platz, wo uns die Inkar­na­ti­on der deut­schen Ohn­macht, die Mau­er, sprich­wört­lich vor die Füße gefal­len war, schien es uns damals, als ob das Ver­blü­hen unse­rer Jugend ein­her­gin­ge mit dem Wie­der­auf­blü­hen unse­rer gelieb­ten deut­schen Nati­on. Die Erin­ne­rung an jene glück­li­chen Tage gehört zu dem Unzer­stör­ba­ren in mei­nem Leben. Zugleich gemahnt sie an die alte Weis­heit, daß der Aus­gang der Geschich­te offen ist.

Soll Ihre The­se von Wald­steins “Unzer­stör­ba­res” zerstören?

MICHAEL WOLSKI: Der 9. Novem­ber 1989 mar­kier­te mit dem Mau­er­fall in Ber­lin den Auf­takt zum Zer­fall der Sowjet­uni­on und damit das Ende des Staats­so­zia­lis­mus in Euro­pa. Zeit­gleich bau­ten auch Chi­na, die Mon­go­lei und Viet­nam ihre Gesell­schafts­sys­te­me um.

Mehr als zwei Mil­li­ar­den Men­schen wur­den somit in die west­li­che, auf dem US-Dol­lar basie­ren­de Welt­wirt­schaft  ein­ge­glie­dert. Das welt­weit auch noch heu­te gebrauch­te Nar­ra­tiv für den Aus­lö­ser des Mau­er­falls ist die Erzäh­lung von den fried­li­chen Revo­lu­tio­nä­ren, die die Regie­rung dazu brach­ten, die Ber­li­ner Grenz­über­gän­ge zu öff­nen – sodaß die­se dann nicht mehr zurück­konn­te. Das alles unter den Augen von 340 000 sowje­ti­schen Besat­zungs­sol­da­ten, die still in ihren Kaser­nen saßen. Eine Erzäh­lung vom Zufall.

SOMMERFELD: Und Sie glau­ben, das war kein Zufall? Mein Mann Hel­mut Lethen hat ein­mal in einem Auf­satz über “Magi­sches Den­ken” geschrie­ben, der Satz “Das kann kein Zufall sein” cha­rak­te­ri­sie­re nach Arnold Geh­len eben das magi­sche Den­ken, das den Ord­nungs­grad der Welt über­schätzt. Kön­nen Sie die­sen Vor­wurf der “Zufalls­theo­re­ti­ker” für die von Ihnen erleb­te und unter­such­te Epo­che widerlegen?

WOLSKI: Mitt­ler­wei­le sind über 30 Jah­re ver­gan­gen und sowje­ti­sche Diplo­ma­ten, Poli­ti­ker aller Cou­leur und Zeit­zeu­gen ver­öf­fent­lich­ten ihre Sicht zum Mau­er­fall. 2010 erhielt ein ehe­ma­li­ger Mit­ar­bei­ter des DDR-Mili­tär­ge­heim­diens­tes –  der an der “Akti­on Mau­er­fall” betei­ligt war – einen Brief aus Mos­kau, ver­faßt vom letz­ten Lei­ter der “Ope­ra­ti­on Ljutsch” (einer Struk­tur­ein­heit des dama­li­gen sowje­ti­schen Mili­tär­ge­heim­diens­tes GRU). Die­ser Brief ent­hielt eine Lis­te eini­ger an der Akti­on “Ljutsch” Betei­lig­ten in Ost­eu­ro­pa und Ost-Ber­lin, und die Bit­te, dar­aus etwas für die Nach­welt zu machen. Es ent­stand der 2015 ver­öf­fent­lich­te Roman Ope­ra­ti­on Ljutsch.

SOMMERFELD: Was hat­ten Sie selbst damit zu tun?

WOLSKI: Ich hat­te als Ver­bin­dung­mann des DDR-Außen­han­dels im Büro eines US-Kon­zerns in Ost­ber­lin schon zwi­schen 1986 und 1990 Ereig­nis­se bemerkt, die ich mir nicht erklä­ren konn­te. Nach­dem ich vom Kon­zern über­nom­men und nach Mos­kau ver­setzt wor­den war, lern­te ich vie­le inter­es­san­te Zeit­zeu­gen ken­nen, die mir ihre Sicht des Mau­er­falls mit­teil­ten. So faß­te ich den Ent­schluß, nach Ein­tritt ins Ren­ten­al­ter über den Mau­er­fall und sei­ne Hin­ter­grün­de ein Buch zu schrei­ben. Das Buch 1989 Mau­er­fall Ber­lin – Auf­takt zum Zer­fall der Sowjet­uni­on erschien 2019. Im Jahr 2021 ergänz­te ich es um die Ereig­nis­se vom 24.12.1989 in Mos­kau, wo die deutsch-rus­si­schen Ver­trä­ge von 1939 für ungül­tig von Anfang an erklärt wurden.

SOMMERFELD: So weit, so inter­es­sant, gera­de für mich als West­kind. Ihre The­se ist nun, daß die Selb­st­ab­wick­lung der Sowjet­uni­on (und in der Fol­ge dann der Mau­er­fall und das Ende der DDR) von lan­ger Hand geplant gewe­sen sind. Das erscheint dem unbe­darf­ten Leser zunächst nicht plau­si­bel. Wie­so soll­te sich ein solch gigan­ti­scher und über Jahr­zehn­te erfolg­rei­cher “ideo­lo­gi­scher Staats­ap­pa­rat” (Lou­is Alt­hus­ser) wie die Sowjet­uni­on selbst zer­stö­ren wollen?

WOLSKI: Kur­ze Zeit nach Erschei­nen der zwei­ten Auf­la­ge mei­nes Buches teil­te mir ein Leser mit, daß es einen Pakt der ver­ei­nig­ten Ur-Logen der Frei­mau­rer gäbe, der bereits 1981 for­der­te, die Sowjet­uni­on auf­zu­lö­sen und die deut­sche Ein­heit her­zu­stel­len. Höchst­g­rad­frei­mau­rer hät­ten dazu 2014 in einem Buch die Öffent­lich­keit informiert.

So wur­de sicht­bar, daß der 9.11.1989 kein Zufall war. Die Grün­dung der “Grup­pe Ljutsch” Anfang 1982 durch den KGB-Chef Andro­pow erfolg­te nicht zufäl­lig, son­dern war eine Maß­nah­me des Pakts zur Abwick­lung der Sowjet­uni­on. Den ers­ten Befehl erhielt Ljutsch von Gor­bat­schow 1985, um den Gene­ral­stab zu säu­bern und ihn mit Gor­bat­schows Gefolgs­leu­ten zu erset­zen. Im Rah­men der Ljutsch-Akti­on Kreml­flug von Mathi­as Rust 1987 wur­den über 300 Offi­zie­re und der sowje­ti­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter in den Ruhe­stand geschickt.

Im Spie­gel war spä­ter zu lesen, daß Hon­ecker es 1987 ablehn­te, die Mau­er zu öff­nen. So orga­ni­sier­te dann Ljutsch den Mau­er­fall von 1989. Beach­ten Sie die ent­lar­ven­de Über­schrift des Spie­gel-Bei­trags: Gor­bat­schow und Sche­ward­n­ad­se woll­ten einen frü­he­ren Mau­er­fall. Da steht nichts von fried­li­chen Revolutionären.

SOMMERFELD: Da fra­ge ich mich als grund­sätz­lich ver­schwö­rungs­af­fi­nes Wesen dann aber doch eines: War­um sind die Ur-Logen an die Öffent­lich­keit getre­ten? War­um ver­ra­ten sie sel­ber ihre Exis­tenz oder las­sen zu, daß einer der ihren singt? Auf die­ser Ebe­ne muß man stets davon aus­ge­hen, daß Ent­hül­lun­gen durch Whist­le­b­lower unter­bun­den wer­den (die­se sind auf den unte­ren Ebe­nen meis­tens nur die hal­be Wahr­heit, soge­nann­te limi­t­ed hangouts).

Der Ein­wand liegt doch nahe, hier habe jemand aus eige­nem Gel­tungs­be­dürf­nis die gro­ße Glo­cke erst selbst gegos­sen, an die er dann die Ent­hül­lun­gen hängt.

WOLSKI: Auch die Ur-Logen sind eine Orga­ni­sa­ti­on, und Orga­ni­sa­tio­nen haben immer mit inne­ren Wider­sprü­chen zu kämp­fen. Es war eine War­nung an die Welt, was eini­ge Grup­pen geplant haben, ver­bun­den mit dem Wunsch, vor der letz­ten Pha­se der  End­zeit noch mit­zu­tei­len, wer man sei.

Das Ent­rol­len der  Logen-Land­schaft und einer regel­rech­ten Who-is-Who-Lis­te der Logen­mit­glie­der unter den uns wohl­be­kann­ten Polit-Dar­stel­lern bringt ja unse­re Geschichts­schrei­bung und die aktu­el­len Erklä­run­gen der Poli­ti­ker zur Welt gehö­rig durch­ein­an­der. Im Hin­blick auf die “Pan­de­mie” und die Maß­nah­men zur Ver­skla­vung (Neue Welt­ord­nung, “Gre­at Reset”) ist das die Ent­hül­lung, wer tat­säch­lich die Welt regiert.

SOMMERFELD: Kom­men wir zurück zum Mau­er­fall. Die­ser war Teil ein und des­sel­ben Plans, der bis heu­te aus­ge­führt wird?

WOLSKI: Genau. Aus dem beschrie­be­nen Grund muß­te für 1989 ein Nar­ra­tiv gefun­den wer­den, wel­ches den Ver­dacht von den Rus­sen ablenk­te und doch eini­ger­ma­ßen glaub­haft war, was den Mau­er­fall betraf. Ein wei­te­rer Vor­teil: Das Nar­ra­tiv ver­ne­belt, wer für die heu­ti­gen Pla­nun­gen (digi­ta­le Wäh­rung, “Pan­de­mie”, tota­le Kon­trol­le, Ukrai­ne-Krieg) letzt­lich ver­ant­wort­lich ist.

SOMMERFELD: Da muß ich noch­mal nach­ha­ken. Was haben die heu­ti­gen glo­ba­lis­ti­schen Plä­ne mit dem geplan­ten Mau­er­fall zu tun? Ich mei­ne, außer daß die Hin­ter­grund­mäch­te nie­mals untä­tig sind? Auf Ihrer Netz­prä­senz stel­len Sie die Über­le­gung an, daß es eine gro­ße “Pen­del­be­we­gung” geben könnte.

WOLSKI: Kennt man die dama­li­gen geo­po­li­ti­schen Wei­chen­stel­lun­gen, die zum Mau­er­fall führ­ten, dann ver­steht man schlag­ar­tig, was aktu­ell seit dem 24. Febru­ar 2022 abläuft – die Fort­set­zung von 1989/90 als Wen­de II.

Geo­po­li­tisch wer­den die Macht­struk­tu­ren ver­än­dert hin zu mehr staats­mo­no­po­lis­ti­schen Struk­tu­ren in ganz Euro­pa und zum Ende der Glo­ba­li­sie­rung (die 1990/91 mit der Ein­be­zie­hung der Sowjet­uni­on und Chi­nas in die Welt­wirt­schaft begann).

Ich habe unlängst mit Inter­es­se ein Inter­view mit Hau­ke Ritz ver­folgt. Es läßt sich leicht im Netz auf­trei­ben, auch wenn der direk­te Weg zum rus­si­schen Aus­lands­sen­der auf­grund der Sank­ti­ons­po­li­tik ver­sperrt ist.

Ritz geht von fol­gen­dem aus: Direkt nach dem II. Welt­krieg hat­ten die USA 50% der (ver­blie­be­nen) glo­ba­len Indus­trie und begrün­de­ten bis in die 70er Jah­re dar­auf ihre Macht. Nach dem Han­dels­bi­lanz­de­fi­zit in den 80er Jah­ren haben die USA den Finanz­sek­tor ausgebaut.

Begin­nend mit dem Bör­sen­crash 2008 ist die­se Finanz­macht ins Brö­ckeln gera­ten und die USA such­ten drin­gend nach einem neu­en Hege­mo­nie-Zyklus, einem mili­tä­ri­schen oder einem indus­tri­el­len. Da der Dol­lar ange­zählt ist und die Schul­den exor­bi­tant sind, ver­su­chen sich die USA nun wie­der zu indus­tria­li­sie­ren. Deut­sche und ihre Indus­trie sind in den USA plötz­lich hoch­will­kom­men. Die USA benut­zen die euro­päi­sche Indus­trie qua­si als “Air­bag” für den Dollar.

Wenn Sie das gehört haben, ord­nen Sie das ein­mal in die Geschich­te ein. Dann sehen Sie, wie viel Weis­heit die Hin­ter­grund­mäch­te 1981 hat­ten, als sie den Pakt zur Glo­ba­li­sie­rung schu­fen. Den Hin­ter­grund­mäch­ten war klar­ge­wor­den, daß die dual agie­ren­den Logen han­deln mußten:

  • Die den Sozia­lis­mus unter­stüt­zen­den Logen sahen die Ver­stei­ne­rung in den sozia­lis­ti­schen Län­dern auf­grund der Poli­tik Bre­sch­news (er starb 1982) und sie brach­ten den Ter­mi­na­tor Gor­bat­schow an die Macht.
  • Die die USA unter­stüt­zen­den Logen sahen, daß mit Ende des Gold­stan­dards 1973 und dem nach­fol­gen­den Beginn des Papier­geld-Dru­ckens die Büch­se der Pan­do­ra geöff­net wur­de – was sich dann 2008 zeigte.

Also beschlos­sen die ver­ei­nig­ten Ur-Logen den Pakt. Das Inter­es­se war folgendes:

  • Die sozia­lis­ti­schen Logen woll­ten eine Re-Vita­li­sie­rung des Staats­so­zia­lis­mus (auch in Chi­na etc.)
  • Die west­li­chen Logen waren scharf auf die 2 Mil­li­ar­den neu­en Kon­su­men­ten aus die­sen Län­dern, die nun ins west­li­che Welt­wirt­schafts­sys­tem ein­tra­ten und den Dol­lar stabilisierten.
  • Nun haben die Ost-Logen den Sack zuge­macht, bevor die Ame­ri­ka­ner ans Zer­stü­ckeln Russ­lands gehen konnten.

SOMMERFELD: So erklärt sich dann das kon­kre­te Krie­ge­sche­hen in der Ukrai­ne nicht nur als ein mili­tä­ri­scher “Stell­ver­tre­ter­krieg” zwi­schen USA und Ruß­land, son­dern auch als eine Art Stell­ver­tre­ter-Nar­ra­tiv für den inter­nen Streit inner­halb der soge­nann­ten “grau­en Internationale”.

Den Rest wer­den wir in Echt­zeit in den nächs­ten Jah­ren erle­ben. Inso­fern kann ich getrost mit der von v. Wald­stein zitier­ten “alten Weis­heit, daß der Aus­gang der Geschich­te offen ist” schlie­ßen. Denn auch die ganz gro­ßen Plä­ne haben es an sich, daß sie intern umstrit­ten sind. Auf jeder Ebe­ne der Macht gibt es trotz tem­po­rä­rer gemein­sa­mer Machen­schaf­ten immer min­des­tens zwei wider­strei­ten­de Kräfte.

Herr Wol­ski, ich dan­ke Ihnen für die­ses Interview.

– – –

Von Micha­el Wol­skis Buch 1989. Mau­er­fall Ber­lin sind nur noch 30 Exem­pla­re ver­füg­bar – hier ein­se­hen und bestel­len.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE80 8005 3762 1894 1065 43
NOLADE21HAL

Kommentare (20)

Franz Bettinger

13. Februar 2023 10:47

Ist das Ganze ein Gedanken-Experiment Wolski’s, eine These? Oder hat er Einblick in die kolportierte Welt der Ur-Logen? Kennt er einen whisle blower? Und wieso traut er ihm? Denkt der deep state in so langen Zeiträumen wie von 1981-2023? Wenn die Selbstabwicklung der UDSSR geplant war, warum dann dieses komplizierte Billiard via Installierung Gorbi's, Rust-Flug & Austausch der militärischen Führung, Mauerfall…? Hätte ein Gorbi oder Jelzin nicht gereicht und auf dem direkten Weg zum Ziel geführt? Warum all diese Märchen aus 1000 und 1 Nacht? Nein. Ich halte diese Geschichte für nicht sehr wahtscheinlich. 

MarkusMagnus

13. Februar 2023 10:56

Wenn es so war schmälert es dennoch nicht den Mut der Ostdeutschen. Sie konnten das nicht wissen und mussten mit einem Massaker wie in China im selben Jahr rechnen.
 

RMH

13. Februar 2023 10:59

In diesem Zusammenhang sei an einen vom hessischen Rundfunk produzierten Film von Peter Boultwood und Harald Lüders aus 1991 erinnert, in dem Honecker ein Interview gibt. Zu finden bei YouTube unter "Honeckers letztes großes Interview Moskau 91".
Honecker äußert sich in dem Interview gleichfalls dahingehend, dass es sicher nicht die Demonstranten waren, welche den Mauerfall und das Ende der DDR einläuteten. Man sollte daher immer auch ein wenig einordnen, wessen Narrative welcher Autor bedient. Es gab von Seiten der alten DDR- Nomenklatur stets ein großes Bedürfnis, die friedliche "Revolution" klein zu reden und verächtlich zu machen. Mich dünkt, der Herr Wolski bläst ins selbe Horn. Und natürlich dürfen Freimaurer niemals fehlen.

Gustav

13. Februar 2023 12:37

@ Franz Bettinger
Rudolf Steiner hat während und nach dem Ersten Weltkrieg des öfteren davon gesprochen, dass es in den Plänen bestimmter westlicher Kreise läge, «sozialistische Experimente» in Russland zu veranstalten. Nach Steiner erschien Russland diesen Leuten für solche Versuche aufgrund bestimmter Voraussetzungen des Volkscharakters geeigneter als der Westen selbst. Außerdem sollten die Experimente auch dazu dienen, in ihrem schließlichen Scheitern den Gedanken des «Sozialismus», von dem sich diese westlichen Kreise bedroht fühlten, möglichst dauerhaft zu diskreditieren. Diese Angaben Steiners sind bemerkenswerterweise schon vor der russischen Oktoberrevolution 1917 gemacht worden, während man nicht umhin kann, in der Sowjetunion der Jahre 1917- 1991 eine Verwirklichung dieser Pläne zu erblicken.

Ein gebuertiger Hesse

13. Februar 2023 12:43

Endlich, endlich, endlich ist einmal die Rede von den Logen. Bitte mehr davon! Freilich mit der gebotenen Vorsicht und Wendigkeit, bevor einem was auf'n Kopf fällt.

Gotlandfahrer

13. Februar 2023 12:47

Danke für das spannende Interview. Es ist mir immer willkommen, wenn es ans Eingemachte hinter den Kulissen geht und die Nabelschau notwendige Ergänzungen erhält.

Bin ich zu naiv, wenn ich die Vorgänge vor 89 noch simpler vermute?: Den "Logen" (Interessensgruppen wie auch immer strukturiert und räumlich verteilt) war es im ersten Schritt wichtig, die deutschen Monarchien durch WK1 zu beseitigen, im Zuge ihres Fallens auch das Zarenreich zu enthaupten um dann durch WK 2 die jeweiligen Völker darunter in die gegenseitige Vernichtung zu treiben. In jedem Falle diente die Teilung Europas zur Vernichtung seines Ostens durch Umsiedelung und Bolschewismus, seines Westens durch Coca Cola. Als die Schwächung fortgeschritten genug erschien, wurde es Zeit, die Ernte, den russischen Boden, anzugehen, was jedoch unerwartet ins Stocken geriet. Ein neuer Anlauf wurde jüngst unternommen, Ausgang ungewiss.

Ist dies neben der Spur?

Hesperiolus

13. Februar 2023 13:01

Bemerkenswert hier, nebenbei, über die wohl Lagardesche „Graue Internationale“ auf die Denkfigur des „umgekehrten Schlemihl“ verwiesen zu werden und damit durchaus magisch auf die ombres diaboliques einer skiato-dämonologisch informierten Historiographie. Sapienti sat.

Hajo Blaschke

13. Februar 2023 13:36

Wolski hat recht mit seinen Recherchen, was den Mauerfall betrifft. Das kann man nur beurteilen, wenn man zu diesem Zeitpunkt vor Ort in der DDR war und die Augen offen hatte. Als Beispiel sei nur der Fake um das Interview mit Schabowsky genannt. Auch wer in diesen Zeiten immer mal in Leipzig im sowjetischen Generalkonsulat zu tun hatte, merkte deutlich den anderen Wind.
Ob das mit Logen zusammenhängt, weiß Wolski bestimmt und wenn er will, wird er das sicherlich publizieren.

Gustav

13. Februar 2023 13:50

Für die Klärung der deutschen Kriegsschuldfrage stellen die auf dem  Freimaurer-Kongress  von 1889 zum ersten  Mal gezeigten Karten  eine nicht zu überschätzende  Aufklärungshilfe dar, die vorsätzlich von der  herkömmlichen Geschichtsschreibung ausgeklammert werden. "Denn weit wesentlicher noch als die Aufteilung Österreich Ungarns sind die aus den Karten ablesbaren  Pläne der 1890er Jahre zur Zertrümmerung Deutschlands und zwar in der Weise, wie sie erst 1945 von den Gegenmächten verwirklicht werden konnte."
Haverbeck, Rudolf Steiner: Anwalt für Deutschland, Langen-Müller, München 1989, S. 162 

Gotlandfahrer

13. Februar 2023 13:56

@ Franz Bettiger:
Unsere Erziehung zum kritischen Rationalismus und zum Zweifel gegenüber selbstreferentiellen Weltmodellen lässt uns intuitiv generationenübergreifende Planungserfolge von Geheimgesellschaften für unwahrscheinlich erachten. Dabei übersehen wir die selbststabilisierende Kraft von auf Zugewinn ausgerichteten, selektions- und komprimittierungsbasierten Hierarchien. Ein nachvollziebares Beispiel sind Mafiastrukturen, die sich über Generationen reproduzieren. Denen mangelt es jedoch an Intellektualität und an kultischem Sinn. Addieren Sie dies hinzu lassen sich durchaus Kreise denken, die auch angesichts ihrer öffentlichen Abstinenz von sonstiger institutioneller Dynamik unabhängig bleiben. Man könnte sagen: Ihr Zustandekommen und ihre Fortexistenz sind plausibel denkbar, ihre Existenz wäre das fehlende Glied in einer Vielzahl von Unstimmigkeiten, die sich ohne sie in den Narrativen ergeben. Was nichts beweist, aber Grund für allgemeine Wahrschau ist.

t.gygax

13. Februar 2023 15:12

@Gustav
Sie erwähnen ein sehr lesenswertes Buch. Nebenbei:ein alter hardcore Marxist, ehemals Tübinger Theologe und Stiftler(Wohnung von Hegel,Hölderlin und Schelling...)erlebte den Mauerfall 1989 ,da er damals dort wohnte. Sein Fazit:"da war alles langfristig von den Hintergrundmächten geplant, bis zum Termin 9.11.1989, denn Zahlen spielen in diesen kabbalistischen Kreisen eine große Rolle...."und dann erging sich der alte DKP Wähler in dem, was man heute "Verschwörungstheorien" nennt.

ede

13. Februar 2023 15:19

Wer kommt denn auf so einen Schwachsinn, die 89er Demonstrationen hätten die Wende in der SU eingeleitet? Da hätte ja lustigerweise der Schwanz mit dem Bär gewackelt.
Selbstverständlich war es genau umgekehrt. Die innersowjetische Transformation der SU (keine UFO Klubs) hat die Demonstrationen in Leipzig möglich gemacht. Die Demonstranten haben erspürt, dass die Russen nicht schießen werden (Gorbatschow), und, darauf spekuliert, daß sichs die DDR Nomenklatur nicht trauen wird. 
Die Spekulation ging auf. Hätte aber auch schief gehen können für den ein oder anderen.
Ein wenig Mut war da schon nötig. 

frdnkndr

13. Februar 2023 16:35

'Man könnte sagen: Ihr Zustandekommen und ihre Fortexistenz sind plausibel denkbar, ihre Existenz wäre das fehlende Glied in einer Vielzahl von Unstimmigkeiten, die sich ohne sie in den Narrativen ergeben.'
@gotlandfahrer
Kurz und knapp auf den Punkt, danke.
Eventuell hilft es zudem, auch bei diesem Thema weniger in der Kategorie von 'entweder oder' denn in der von 'sowohl als auch' zu denken - vieles, was sich auf den ersten und auch zweiten (konditionierten) Blick ausschließen mag, tut es nämlich garnicht, zumindest nicht zwangsläufig, sondern kann problemlos nebeneinanderexistieren und bei Bedarf sogar ergänzen, taugt damit also bestenfalls als Dissenzsimulation.
Vielerlei 'Weltenwege' erscheinen mir zudem mittel- bis langfristig so angelegt, dass sie mehrere unterschiedlich vorteilhafte Optionen entwickeln (aber eben nix daneben oder dazwischen existieren lassen), um ab einem gewissen Moment eine ganz bestimmte Richtung zu forcieren, wobei es hier auch kein wirkliches Problem darstellt, wenn dies misslingen sollte, da es dann eben auf eine andere in der 'Vorabauswahl' festgelegte, lediglich etwas weniger günstige Variante hinauslauft bzw. eine Mischform. Aber es entsteht, neben der Möglichkeit, bei Bedarf nachzujustieren, eben nichts tatsächlich Alternatives und eventuell ist das ja der eigentliche Punkt.
1/2

frdnkndr

13. Februar 2023 16:35

Auch darf man sich, bei aller unterstellten Macht, die besagten Akteure vielleicht auch nicht als absolut allmächtig vorstellen; d.h. bspw., vermutlich auch hier, wie überall sonst ebenso auftretende, tatsächliche Fehler in Planung und Ausführung und damit hervortretende vermeintliche Widersprüche nicht zwangsläufig als Beleg für die Nichtexistenz werten.
Zudem: wenn man ein gewisses Chaos als hilfreich für Veränderungen betrachtet, kann praktisch garnicht zuviel schiefgehen, es garnicht zuviel an Verwirrung und Widersprüchlichkeit geben. Was davon künstlich (generiert) oder tatsächlich ist, spielt vielleicht garkeine so große Rolle.
2/2

Der_Juergen

13. Februar 2023 17:41

1. Teil
Danke für dieses enorm informative Gespräch. 
Für jemanden, der das Weltgeschehen seit mehreren Jahrzehnten aufmerksam verfolgt, unterliegt es keinem Zweifel, dass es in erheblichem Umfang nach Plan verläuft. Die grossen Katastrophen und Krisen der jüngeren und jüngsten Vergangenheit sind mehrheitlich künstlich herbeigeführt worden und verfolgen durchwegs dasselbe Ziel, nämlich die Errichtung einer Neuen Weltordnung, die Umwandlung der Welt in ein riesenhaftes Konzentrationslager, in dem eine winzige Minderheit superkrimineller Parasiten über eine (zuvor massiv dezimierte) Menschheit herrschen soll.
Der hausgemachte Terror vom 11. 9. 2001, die Migrationswellen, der Schwindel mit dem "menschengemachten Klimawandel", der Covid-Betrug - all das sind grosse Meilensteine auf dem Weg, der die Menschheit in den Abgrund führen soll. (Jawohl, ich kenne Carl Schmitts Zitat "Wer Menschheit sagt, will betrügen", aber wenn die Spezies Mensch selbst unter Beschuss gerät, ist uns jeder, der Widerstand leistet, willkommen, egal welchem Ethnos und Kulturkreis er angehört.)

Der_Juergen

13. Februar 2023 17:50

Teil 2.
Dennoch gilt: Die Göttin der Geschichte liebt Überraschungen. Alles lässt sich eben nicht planen, auch von den diabolischsten Hirnen nicht. So war die Wahl Donald Trumps anno 2016 mit Sicherheit nicht vorgesehen; das Entsetzen der Eliten darüber war nicht gespielt. Hätte Trump den notwendigen eisernen Willen gehabt, hätte er die USA und vielleicht die Welt vermutlich retten können. Doch er brachte diesen Willen eben nicht auf; er hat keine einzige der grossen Lügen demaskiert und keinen einzigen ernsthaften Schlag gegen den Big State geführt. Immerhin, er hat dass weisse, nationalkonservative Amerika wachgerüttelt, und das könnte sich noch als entscheidend erweisen.
@gygax @gotlandfahrer @gustav
Danke Euch drei g-s für die intelligenten Kommentare.
@C. S. Ist das italien. Buch über die Höchstgradfreimaurer ins Deutsche übersetzt, oder kennen Sie einen Verlag, der an einer Übersetzung interessiert wäre?
 
 

Hajo Blaschke

13. Februar 2023 19:01

@ ede Haben Sie das Buch von Wolski gelesen? Garantiert nicht. Dann verstehe ich nicht, woher Sie sich Ihren Beitrag zusammengereimt haben.
Die Demonstranten in Leipzig und anderswo haben überhaupt nicht gewusst, dass die Sowjetarmee nicht schießen wird. Am Abend vor dem 9. Oktober 1989 waren in Leipzig hunderte Fahrzeuge der NVA zusammengezogen. Schießbereit. Der Schießbefehl kam aber nicht. Es sprach ein Trio aus Masur, dem Kabarettisten Lange und dem Stv.- SED-Bezirksvorsitzenden, dass alles getan werden muss, damit die Demo friedlich bleibt.
Was die anschließende Auflösung der Sowjetunion betrifft: das eben war der Fehler des "revolutionären Reformers" Gorbatschow. Der war genau so blind wie sein Nachfolger Jelzin, die dachten, dass sie mit der Liquidation der DDR ihr Sowjetreich retten könnten.

anatol broder

13. Februar 2023 19:52

das russische wort, welches hier als ljutsch (луч) verschriftet ist, wird eher wie lutsch [ɫut͡ɕ] ausgesprochen. das j erfüllt allein den zweck, den deutschen leser nicht zu verprellen. das ist ljustig.

Adler und Drache

13. Februar 2023 19:55

Selbst eine sehr strenge Diktatur braucht irgendeine Art Anerkennung durchs Volk - und die DDR war zu diesem Zeitpunkt schon keine sehr strenge Diktatur mehr. Sie hatte sich in den 80ern in eine Art onkelhaften Autoritarismus verwandelt. Gleichzeitig war den "Bonzen" schlicht die Substanz ausgegangen. Mit dem Westfunk konnte ihre Propaganda nicht mehr mithalten. Sie waren alt und gebrechlich, Dinosaurier aus dem antifaschistischen Widerstandskampf. 
Als Gorbatschow versicherte, die SU werde sich nicht mehr in die Politik anderer Länder einmischen, standen die Bonzen plötzlich mit runtergelassener Hose da. Sie hatten es sich so schön gemütlich in Wandlitz eingerichtet, im Bewusstsein, dass Entscheidungen ohnehin an anderer Stelle gefällt wurden. Wir haben das sehr genau gehört (wie man ja alles sehr genau hören musste - z.B. auch Krenzens erste offizielle Rede), und ein paar Mutige haben sich halt einen Reim darauf gemacht und sind vorgestürmt, und eine große Menge folgte ihnen. 
Ich glaube wirklich nicht, dass es da noch irgendwelche illustren Logen brauchte. 
Zumal: Mit diesem Bild kann man sich nur noch dem Quietismus verschreiben. Politik, Krieg und Frieden, das mentale Setting der Menschen - alles von Logen gemacht. Da kann man nur noch die Zelte abbrechen. Fällt noch jemandem auf, dass dies das Defätistischste ist, was hier je zu lesen war?  

Götz Kubitschek

13. Februar 2023 20:00

so, sela psalmenende. ich danke "adler und drache" für seinen kommentar. manches haben wir ncht freigestellt: unter pseudonym läßt es sich trefflich spekulieren und schwadronieren. bloß: ich verantworte das hier unter klarnamen.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.