Netzfundstücke (155) – Zwanzig, Ballweg

»Der Leitbild-Wechsel, der längst fällig wäre, wird niemals stattfinden.«

Die­ser resi­gnie­ren­de Satz ist dem 1993 im Spie­gel ver­öf­fent­lich­ten Essay »Anschwel­len­der Bocks­ge­sang« von Botho Strauß ent­nom­men, dem er anfügt:

Zum Sturz des fau­len Befrei­ungs­zau­bers, des sub­ver­si­ven Gemüts­kit­sches wird es nicht kom­men. Das alles geht über in eine end­lo­se Pro­lon­ga­ti­on durch tech­ni­sche Wie­der­auf­be­rei­tung. Dabei: so vie­le wun­der­ba­re Dich­ter, die noch zu lesen sind – so viel Stoff und Vor­bild­lich­keit für einen jun­gen Men­schen, um ein Ein­zel­gän­ger zu wer­den. Man muß nur wäh­len kön­nen; das ein­zi­ge, was man braucht, ist der Mut zur Sezes­si­on, zur Abkehr vom Mainstream.

IfS-Lei­ter Dr. Erik Leh­nert beschreibt den »Bocks­ge­sang« in sei­nem Arti­kel »Zwan­zig Jah­re Über­bau« aus der aktu­el­len Sezes­si­on 113 als Aus­lö­ser­text für sei­ne Gene­ra­ti­on. Es ist daher nur fol­ge­rich­tig, daß Strau­ßens »resi­gna­ti­ver Opti­mis­mus« (Leh­nert) bei Grün­dung der Sezes­si­on, die sei­nen Auf­ruf in ihre Namens­ge­bung unüber­seh­bar ein­flie­ßen ließ, 2003 Pate stand.

Der Mut zur Abkehr vom Main­stream ist Wesens­merk­mal der wider­bors­ti­gen Zeit­schrift, die im Lau­fe ihres zwan­zig­jäh­ri­gen Bestehens zum wich­tigs­ten rechts­in­tel­lek­tu­el­len Organ im deutsch­spra­chi­gen Raum auf­ge­stie­gen ist.

Anlaß genug, um die­ses Jubi­lä­um fei­er­lich zu bege­hen und Bilanz zu zie­hen: »Wir haben am Sams­tag ein Fest gefei­ert. Gemein­sam mit 140 Gäs­ten freu­ten wir uns in Schnell­ro­da über 20 Jah­re Sezes­si­on«, läßt Sezes­si­on-Chef­re­dak­teur Götz Kubit­schek die Jubi­lä­ums­fei­er hier Revue passieren.

Arbei­ten in der Sicher­heit des Schwei­gens – so stand es als Mot­to auf der Ein­la­dung. […] Sezes­si­on im Gro­ßen und Gan­zen, Schrit­te über Grä­ben dort, wo es uns mög­lich ist. Es war wirk­lich eine schö­ne Feier!

Leh­nert nutz­te die Gele­gen­heit, um die Früch­te des »Arbei­ten in der Sicher­heit des Schwei­gens« vor den 140 Gäs­ten aus­zu­brei­ten und die meta­po­li­ti­sche Wir­kung der Sezes­si­on – eines der Haupt­zie­le der Zeit­schrift seit Grün­dung – einer kri­ti­schen Betrach­tung zu unterziehen:

Kubit­schek faß­te die aktu­el­le Arbeit der Zeit­schrift hin­ge­gen phi­lo­so­phisch, indem er die Fra­ge nach der Mach­bar­keit der Din­ge aus der Per­spek­ti­ve des “Las­sens” vermaß:

Sezes­si­on-Lite­ra­tur­re­dak­teu­rin Ellen Kositza indes gab Ein­bli­cke in die vom Idea­lis­mus ange­trie­be­nen Anfangs­zei­ten der Sezes­si­on – wäh­rend voll­mun­dig ange­kün­dig­te, mit 500.000 Euro begüns­tig­te Pro­jek­te des Main­streams kläg­lich ver­san­de­ten, reich­ten in Schnell­ro­da 15.000 Euro und eine Adreß­lis­te, um ein sub­stan­ti­el­les Pro­jekt auf die Bei­ne zu stellen:

Drei Vor­trä­ge, die die blei­ben­de Rele­vanz der Sezes­si­on – allen staat­li­chen und »zivil­ge­sell­schaft­li­chen« Stig­ma­ti­sie­run­gen zum Trotz – ver­deut­li­chen und unterstreichen.

Soll­ten Sie noch kein Sezes­si­on-Abon­ne­ment hal­ten, jetzt ist der bes­te Zeit­punkt, dies hier zu ändern!

Falls den­noch wei­te­re Über­zeu­gungs­ar­beit not­wen­dig sein soll­te, die aktu­el­le Sezes­si­on 113 – eine Bewe­gung, weg von den Wünsch­bar­kei­ten, hin zu den Not­wen­dig­kei­ten – kön­nen Sie hier bestellen.


Quer­den­ken-Grün­der Micha­el Ball­weg wur­de aus der Unter­su­chungs­haft ent­las­sen. Neun Mona­ten muß­te der Kopf hin­ter den Coro­na-Demos in der JVA Stamm­heim ver­brin­gen. Ver­däch­tig lan­ge für den Vor­wurf des Betrugs, der nun zu einem Vor­wurf des ver­such­ten Betrugs zusam­men­ge­schrumpft ist.

Es ist anzu­zwei­feln, daß Ball­wegs lan­ge Haft­zeit auf­grund der Schwe­re der ihm ange­las­te­ten Ver­ge­hen zu Stan­de kam – das Poli­ti­sche wird viel­mehr den Aus­schlag gege­ben haben. Jeder Gewalt­tä­ter mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund kann sich über kür­ze­re U‑Haft-Zei­ten freu­en, wenn er denn über­haupt dort landet.

Nor­ma­ler­wei­se ein Para­de­fall für die Pres­se, an dem sie sich unter ande­ren Vor­zei­chen für gewöhn­lich mora­lisch hoch­zieht: Außer­par­la­men­ta­ri­scher Oppo­si­tio­nel­ler legt sich mit der Regie­rung an und wird auf der Basis faden­schei­ni­ger Vor­wür­fe vor­über­ge­hend eingekerkert.

Aber Ball­weg steht auf der fal­schen Sei­te und so war der Main­stream­pres­se sei­ne Frei­las­sung nur eine durch­schnitt­li­che Nach­rich­ten­mel­dung oder das impli­zi­te Unter­schie­ben sei­ner Schul­dig­keit wert. Die Mög­lich­keit zur Stel­lung­nah­me bezüg­lich des Vor­wurfs des 9450-fachen Betrugs bekam er nur von denen, die heu­te unter dem Ban­ner »alter­na­ti­ve Medi­en« firmieren.

Dar­un­ter hier in Ralf Schul­ers Inter­view­for­mat oder im lesens­wer­ten, vom Publi­zis­ten Alex­an­der Wal­l­asch geführ­ten Inter­view für die Epoch Times:

Wie ent­täu­schend war es, das Fina­le der Abschaf­fung aller Maß­nah­men und qua­si den gro­ßen Etap­pen­sieg Ihrer Bewe­gung von der Straf­bank aus mit­ver­fol­gen zu müs­sen? Furcht­bar für Sie?

Nee, gar nicht. Wir sind ja noch gar nicht fer­tig. Wir haben doch erst ange­fan­gen. Das ist gar nicht klar gewor­den. Ich habe es ja ange­spro­chen mit dem Mei­nungs­kor­ri­dor. Ich habe mir das jetzt alles mal ange­guckt, ich hat­te ja im Gefäng­nis viel Zeit gehabt. Ich habe über die Anti-Atom­kraft-Bewe­gung viel gele­sen, ich habe über die Grün­dung der Grü­nen viel gelernt.

Es gibt ja auch einen »Omni­bus der direk­ten Demo­kra­tie«, der durch Deutsch­land fährt, von dem ich vor­her noch nichts wuss­te. Es scheint so wel­len­för­mig zu ver­lau­fen und im Moment sehe ich da wie­der sehr viel. Es sind sehr vie­le Bür­ger bereit. Vie­le haben ver­stan­den, dass Demo­kra­tie Arbeit bedeu­tet, und nicht, dass man eben im Hams­ter­rad ist, son­dern dass man da auch aktiv was dafür tut.

Das gan­ze Inter­view lesen Sie hier:

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Kommentare (6)

Pressburger

13. April 2023 16:17

Eine Art Therapie gegen das alltäglich böse Narrativ der transatlantischen Wirtschaftszone. Die Sezession.

Franz Bettinger

14. April 2023 05:28

"Alles was es braucht ist der Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream.“ Die Pilgrim Fathers haben es getan,  Robinson Crusoe (aber nur solange er dazu gezwungen war), die Meuterer auf der Bounty, Eremiten, Diogenes, die Hippies, die Sanjassis, die paar ins neue Wunderland der Freiheit Kambodscha Ausgewanderten ... und ich. Nicht mitmachen, die Dinge anders machen. Das Leben nicht um den Beruf aufbauen, sondern umgekehrt. Dazu muss man wissen, wie man leben will, und nicht, das Leben oder die Karrieren anderer nachahmen wollen. Muss wissen, was einen befriedigt. Und es anstreben. Es ist oft leichter als gedacht. Und die Gesellschaft, die böse, verachtete oder bemitleidete? Sie lässt einen tatsächlich machen. Lässt einen in Ruhe. Aber wird das so bleiben? 

Nemo Obligatur

14. April 2023 12:19

@Franz Bettinger14. April 2023 05:28"Alles was es braucht ist der Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream.“
Solche Leute nannte man früher Aussteiger. Kann man machen, ist aber nicht für jeden, sondern nur für sehr wenige. Es ist nicht nur der Mangel an Mut oder Phantasie. Die Zwänge wachsen mit den Jahren. Der Beruf, die Familie, das Haus, die Gesundheit. Fordert alles seinen Tribut. Aber im Grunde haben Sie recht mit ihrem sehr guten Kommentar. Dazu kann man auch mal wieder "Provokation" von GK lesen. Der Text ist von 2007 und heute noch frisch. Daraus den Schluss: 
"Bilde - für den Moment, für den Tag, für eine Spanne - den Grund, auf dem man in all dem Sumpf, der uns umgibt, festen Stand gewinnen kann. Sei eine Widerstandsinsel, richte Dich auf, werde zum Zeiger, zum Wegweiser für diejenige, die etwas vom Anders-Sein ahnen.
Wage den SPRUNG!"
Wie die allermeisten habe ich es natürlich genau daran fehlen lassen, mit vielleicht ganz wenigen Momenten der Ausnahme. Man wurschtelt sich so durch, hofft, dass auch morgen noch irgendwie reichen wird. So sind die Menschen. Leider oder zum Glück?

Kurativ

16. April 2023 16:33

Ballweg, Jepsen & Co haben eine interessante Methode genutzt, um mit den Angriffen umzugehen. So genanntes Achtsamkeitstraining und Meditation. Normalerweise halte ich nichts von diesen Verfahren, weil sie die natürliche Unruhe zwischen Zentralhirn und Großhirnrinde durch Statifizierung auszugleichen versuchen. Daraus entsteht eine Art "Zufriedenheit des Thalamus", welche sich schnell wieder aus dem Gleichgewicht bringen lässt. ABER: In solchen extremen Situationen, in welche sich die Opposition in Deutschland befindet (Antisemitismusvorwürfe, Terrortismusvorwürde, so genannte Verfassunsgfeindlichkeit, Verschwörungstheoretiker, "Rechts", Verhaftungen, illegale Hausdurchsuchungen, unverhältnismäßige Untersuchungshaft, Anzeigen, Polizeigewalt, Gewalt durch Terrorgruppen wie AntiFa) können Verfahren, welche einen auf sich selber und seinen Körper zurückwerfen sehr nützlich sein.
Ballweg hat sich jedenfalls nicht irritieren lassen und hat nach der Inhaftierung einfach heute eine Demo mit seinen Anhängern vor Stammheim organisiert. Bemerkenswert!

Majestyk

18. April 2023 14:49

"Alles was es braucht ist der Mut zur Sezession"
Und wo die räumlich nicht möglich ist, muß sie eben sozial vollzogen werden. Ein Gastwirt erteilt den Grünen Lokalverbot. Sowas muß Schule machen. Was Linke können, können Konservative ebenfalls. Ein Patriot kauft nicht bei Linken, baut nicht für Linke, kooperiert nicht mit denen und feiert mit mit denen auch keine Feste. Widerstand nicht reden, sondern leben.

dojon86

18. April 2023 21:00

@Majestyk Korrekt. Vor allem beim Konsumverhalten. Bei aufdringlicher Multikulti- Woke- oder LGBT Werbung ist das Produkt sofort zu canceln. Auch wenn das Ersatzprodukt teurer sein sollte. Ein diesbezüglicher Hoffnungsschimmer war der Umsatzeinbruch bei der US Biermarke Budweiser. Go Woke, get broke.

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