Sezession
1. Oktober 2005

Politik und Religion

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 11 / Oktober 2005

sez_nr_11Siegfried Gerlich im Gespräch mit Ernst Nolte

Herr Prof. Nolte, für Sie als Geschichtsdenker zählt Religion zu den Existentialien der geschichtlichen Menschheit. Mehr noch: Sie bestimmen das grundlegende Weltverhältnis des Menschen als „theoretische und praktische Transzendenz“. Liegt in dieser Kategorie eine beabsichtigte religiöse Konnotation? Würden Sie nur den historischen Menschen, oder den Menschen in seiner anthropologischen Grundausstattung an sich als homo religiosus bezeichnen?

NOLTE: Theoretische Transzendenz ist für mich Verhältnis zur Welt als dem ungegebenen Ganzen und insofern der Grund von Religion, in die sie sich unmittelbar umsetzt, sei es als bewundernde Verehrung der Schönheit des Kosmos, sei es als Entsetzen angesichts des „Rads der Geburten“. (Theoretisch ist nicht im Sinne von Theorie zu verstehen, sondern im Sinne der griechischen theoria.) Philosophie und Religion sind mithin ursprünglich identisch, aber es können auch innerweltliche Mächte zu Gegenständen von Bewunderung und Verehrung oder von erschrockener Ablehnung werden, und als Polytheismus trennt sich die Religion von der Philosophie. Der Monotheismus des einen und befehlenden Gottes führt zu einer Wendung gegen konkrete (schlechte) Verhältnisse in der Welt, und er gewinnt oft einen missionarischen Charakter. Als Gebot zur Schaffung eines Gottesreichs oder einer Annäherung darauf hin, verbindet er sich leicht mit partikularen Willenszielen und wird dadurch zur Ideologie, in welcher der religiöse Impuls indessen lebendig bleibt.
Unter praktischer Transzendenz habe ich im Faschismus in seiner Epoche den gesellschaftlichen Prozeß zunehmender Integration von Menschen in größere konkrete Einheiten wie Staaten und Zivilisationen verstanden, also jenen Prozeß, der heute meist als Globalisierung bezeichnet wird. Dessen Fortgang kann auf religiösen Impulsen beruhen, wie vor allem Max Weber gezeigt hat, er kann aber auch durch bloß pragmatisches Handeln religionsloser Menschen vorangetrieben werden. Wenn er als solcher zum Ziel wird, partizipiert er an religiösen Impulsen, ob er das wahrhaben will oder nicht. Mit einer paradoxen Wendung ausgedrückt: Gottlosigkeit kann sich im Alltagshandeln zahlloser Menschen manifestieren; wenn sie aber als solche zum Ziel gemacht und glorifiziert wird, ist das scheinbare Gegenteil von Religion eine Religion im Sinne von Ideologie geworden oder besser: sie hat zu dem religiösen Impuls zurückgefunden.

Religionskritik wird in der Regel im Namen von Aufklärung und Humanität geübt. Wäre die Geschichte der Menschheit ohne Religion weniger „unmenschlich“ verlaufen, oder werden die kulturellen Leistungen der großen Religionen in unserer säkularen Zivilisation unterschätzt?

NOLTE: Wenn man die Religion aus der Geschichte der Menschheit wegdenkt, kann man ebensogut die Menschen wegdenken und eine konfliktlose Zivilisation imaginieren, wie sie, bildlich gesprochen, im Inneren von Ameisenstaaten vorhanden sein mag. Aber auch Ameisenstaaten führen Kriege, und die Kriege beziehungsweise die Verhaltensweisen religionsloser Ameisenmenschen könnten schlimmer sein als diejenigen, die sich in der historischen Existenz der Menschen antreffen und beklagen lassen.

Die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts sind verschiedentlich als politische Religionen interpretiert worden. Wohnt den traditionellen Religionen selber eine Tendenz zu ihrer Politisierung inne, oder handelt es sich bei politischer Religion stets um eine gewaltsame Ideologisierung religiöser Anschauungen?

NOLTE: Genuine politische Religionen sind als Ideologien (im oben gekennzeichneten Sinne) in sich religiös, aber sie können sich so sehr abschwächen und veräußerlichen, daß sie nur noch Mittel für einen pragmatischen Machttrieb sind. Die Unterscheidung ist gewiß schwer zu treffen, aber nicht schon deshalb gegenstandslos.


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