Räume – ein Sammelsurium

mit Texten von Ellen Kositza, Götz Kubitschek, Erik Lehnert, Caroline Sommerfeld und Nils Wegner

PDF der Druckfassung aus Sezession 114/ Juni 2023

Die Win­ter­kü­che lern­te ich ken­nen, als ich erst­mals zu Neu­jahr nach Sie­ben­bür­gen fuhr, genau­er gesagt in das Dorf Holz­men­gen, in dem ich zusam­men mit ande­ren Wan­der­vö­geln alten deut­schen Bau­ern bei der Ern­te und im Holz gehol­fen hat­te, jahrelang.

Ich kam von der Land­stra­ße her durch den Schnee ins Dorf, es war bit­ter­kalt, es däm­mer­te bereits, und am letz­ten Hof vor dem Anstieg zur Kir­chen­burg klopf­te ich an das Küchen- und dann an das Stu­ben­fens­ter. Aber nie­mand öff­ne­te. Die Tür zum Hof war ver­rie­gelt, ich klopf­te auch dort, häm­mer­te ein wenig, hör­te die Stim­me der Bäue­rin und wur­de ein­ge­las­sen. Frau Drotl­eff drück­te mir die Hand, warm und froh, und führ­te mich in ein Räum­chen, das so groß war wie eine Gara­ge und so warm wie eine Back­stu­be. Dort saß ihr Mann, der alte Bau­er, der Stalin­gradkämpfer, der unver­wüst­li­che Pferde­narr und Imker und Schnaps­bren­ner, mit den Füßen in einer Schüs­sel hei­ßen Was­sers und hat­te ein Bier vor sich ste­hen. Ich war in der Winterküche.

Die Win­ter­kü­che war der Raum, der bezo­gen wur­de, wenn das Über­gangs­feu­er in der Stu­be des Haupt­hau­ses nicht mehr aus­reich­te, um Behag­lich­keit nach der schwe­ren Arbeit zu ver­brei­ten. In der gro­ßen Küche wäre es wohl noch eine Wei­le gegan­gen, aber auch sie: zu groß, zu kalt, vor allem umge­ben von ein­frie­ren­den Räu­men. So zog man Mit­te Okto­ber in die Win­ter­kü­che um, und zwar ganz und gar, und ließ das Haus kalt­fal­len. Kei­ne Zen­tral­hei­zung muß­te abge­las­sen, kein Was­ser­rohr geöff­net wer­den. Das Was­ser schöpf­te man aus dem Brun­nen, Lei­tun­gen gab es kei­ne, Bücher ein paar, Möbel natür­lich, Geschirr und Werk­zeug. Aber alles stand ­tro­cken in der klir­ren­den Käl­te, nichts fror ein, nichts konn­te der stren­ge Frost auf­spren­gen oder zerreißen.

Die Win­ter­kü­che war im nied­ri­gen Stall ein­ge­rich­tet, die Wär­me der Büf­fel­kü­he roch her­über, und ein paar Holz­schei­te reich­ten aus, um den Küchen­ofen zum Glü­hen zu brin­gen. Die Brut­hit­ze lag wie Wat­te in der Tür, wenn man ein­trat. Nach weni­gen Minu­ten setz­ten Müdig­keit und wil­len­lo­se Schwe­re ein, aber der Win­ter war ja auch zum Schla­fen da, zum Reden und Trin­ken und Umsin­ken, nach­dem man im Wald Holz geschla­gen hat­te. Zweck­mä­ßig­keit und Fin­ger­zeig der Win­ter­kü­che waren offen­sicht­lich – und wo nicht, da wirk­mäch­tig ohne Ein­sicht: Zieh dich zurück ins Schne­cken­haus, wär­me und labe dich, schlaf dich aus und schäl dich im Früh­jahr aus dem Heu. So machen’s alle, die wis­sen, wie gesund es ist, wenn man nicht stän­dig etwas erzwin­gen will.          (GK)

 

 

Daß es Kup­fer­häu­ser gibt, erfuhr ich erst, als mir ein Buch mit dem Titel Hei­mat­con­tai­ner. Deut­sche Fer­tig­häu­ser in Isra­el in die Hän­de fiel. Ich begriff, daß eine mei­ner Lauf­run­den mich jah­re­lang an so einem Kup­fer­haus vor­bei­ge­führt hat­te: Man sieht eben nur, was man weiß.

Bei den Kup­fer­häu­sern han­del­te es sich um Typen­häu­sern, deren äuße­re Bau­tei­le aus Holz­rah­men bestan­den, die außen mit Kup­fer und innen mit Stahl­blech ver­klei­det waren. Im Innern der Bau­tei­le befand sich eine paten­tier­te Iso­lie­rung, die eine erstaun­li­che Dämm­leis­tung vor­wei­sen konn­te. Wenn­gleich neue­re Unter­su­chun­gen erge­ben haben, daß die damals in der Wer­bung her­vor­ge­ho­be­ne Ent­spre­chung von zwei Metern Mau­er­werk über­trie­ben war, so bleibt der ermit­tel­te Meter immer noch erstaun­lich, wenn man bedenkt, daß die Wän­de die­ser Häu­ser nur zwölf Zen­ti­me­ter dick sind.

Ein wei­te­res Verkaufs­argument bestand in der Kup­fer­ver­klei­dung selbst, die unter Hin­weis auf jahr­hun­der­te­al­te Dach­ein­de­ckun­gen an Kir­chen als unzer­stör­bar bezeich­net wur­de. Außer­dem soll­ten der Preis und die Auf­stel­lung inner­halb eines Tages in den schwie­ri­gen Zei­ten der Welt­wirt­schafts­kri­se die Kauf­ent­schei­dung erleichtern.

Ent­wi­ckelt wur­den die Häu­ser seit 1929 von dem Inge­nieur Fried­rich Förs­ter, der für das Ver­bin­dungs­sys­tem und den Auf­bau der Wand­tei­le zustän­dig war und ent­spre­chen­de Paten­te anmel­de­te, sowie von dem Archi­tek­ten Robert Krafft, der die ers­te Serie von sie­ben Typen ent­warf, die vom zwei­stö­cki­gen Haus für geho­be­ne Ansprü­che bis zum ein­fa­che Klein­haus reich­ten. Im Ebers­wal­der Orts­teil Finow exis­tiert bis heu­te die soge­nann­te Kup­fer­haus­sied­lung, die man 1930 / 31 als Mus­ter­haus­sied­lung errich­tet hatte.

Die Kup­fer­häu­ser wur­den zudem auf ver­schie­de­nen Aus­stel­lun­gen im In- und im Aus­land gezeigt und aus­ge­zeich­net, ohne daß sie sich zum Ver­kaufs­schla­ger ent­wi­ckel­ten. Daher ent­schloß sich die Fir­ma, mit Wal­ter Gro­pi­us eine pro­mi­nen­te Ver­stär­kung an Bord zu holen. Das ach­te Haus in der Kup­fer­haus­sied­lung geht auf einen Ent­wurf von Gro­pi­us zurück. Es ist fast im Ori­gi­nal erhal­ten. Gro­pi­us prä­sen­tier­te Ver­suchs­bau­ten von zwei­en sei­ner Ent­wür­fe 1932 in Ber­lin auf der Aus­stel­lung »Son­ne, Luft und Haus für Alle«. Sie wur­den in der Pres­se als die »schöns­ten der gan­zen Aus­stel­lung« und »in Anla­ge und Raum­auf­tei­lung voll­endet« gelobt. Die Zusam­men­ar­beit zwi­schen Gro­pi­us und den Mes­sing­wer­ken sowie der wenig spä­ter gegrün­de­ten Kup­fer­haus­ge­sell­schaft ende­te aller­dings im Som­mer 1932, ohne daß sich der erhoff­te Ver­kaufs­er­folg ein­ge­stellt hatte.

Eine letz­te Ver­triebs­mög­lich­keit bot die von den Natio­nal­so­zia­lis­ten 1933 for­cier­te Aus­wan­de­rung der deut­schen Juden nach Paläs­ti­na, auf die sich das ein­gangs erwähn­te Buch bezieht. Um die Aus­wan­de­rung zu beschleu­ni­gen, schloß das Reichs­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um mit der Jewish Agen­cy und der Zio­nis­ti­schen Ver­ei­ni­gung für Deutsch­land das »Haa­va­ra-Abkom­men«, das es den Juden ermög­lich­te, einen Teil ihres Eigen­tums als Waren­lie­fe­rung nach Paläs­ti­na zu transferieren.

Dazu zähl­ten seit Juli 1933 auch Kup­fer­häu­ser, die sich, die Fer­tig­tei­le in Kis­ten ver­packt, gut für den Trans­port eig­ne­ten. Die Kup­fer­haus­ge­sell­schaft gab ihren Model­len für die Wer­bung bei zio­nis­ti­schen Aus­wan­de­rern Namen wie »Jaf­fa« und »Scha­ron«. Aller­dings wur­de die Aus­fuhr von Kup­fer am 31. Juli 1934 ver­bo­ten, so daß sich auch die­ser Ver­triebs­weg als nicht mehr gang­bar erwies und sich die Kupfer­hausgesellschaft auflöste.

Wie vie­le Kup­fer­häu­ser damals errich­tet wor­den sind, ist unklar. In und um Ber­lin haben sich, Ebers­wal­de-Finow mit ein­ge­rech­net, rund zwan­zig von ihnen erhal­ten, die fast alle unter Denk­mal­schutz ste­hen. Ins­ge­samt exis­tie­ren in Deutsch­land 36 Kup­fer­häu­ser, vier wei­te­re ste­hen noch heu­te in Isra­el, drei in Hai­fa und eins in Safed am Berg Kana­an.       (EL)

 

 

Mein Eltern­haus steht in Offen­bach. Dort­hin ver­schlug es mei­ne Groß­el­tern 1947. Anfang 1946 wur­den sie von den Rus­sen aus Kun­zen­dorf, Kreis Groß War­ten­berg (heu­te Dzia­do­wa Kło­da), ver­trie­ben. Sie lan­de­ten zunächst in Leip­zig-Plag­witz. Dort wur­de mein Vater ein­ge­schult. Dort war Schmal­hans Küchen­meis­ter. Die Fami­lie hun­ger­te. Dann kam ein Ruf aus Offen­bach am Main. Die Stadt war zer­bombt, es gab was auf­zu­bau­en. Ein Teil der Fami­lie war dort bereits gelan­det. Einer hat­te geschäfts­tüch­tig gleich ein Mau­rer­un­ter­neh­men gegrün­det. Hin!

Mein Groß­va­ter kam per Arbeits­vi­sum legal nach West­deutsch­land, mei­ne Groß­mutter muß­te ille­gal mit zwei klei­nen Kin­dern die Wer­ra durch­wa­ten. Sie wur­de von rus­si­schen Sol­da­ten erwischt. Die hat­ten Erbar­men und lie­ßen sie gehen in ihren nas­sen Kleidern.

Die Groß­el­tern bau­ten ziem­lich bald ein Eigen­heim (mit Hil­fe von Groß­on­keln und ande­ren). Erstaun­lich: Sie waren mit nichts gekom­men, hat­ten ein paar Jah­re im Kel­ler des zer­bomb­ten Rum­pen­hei­mer Schlos­ses gelebt, waren als »Pola­cken« beschimpft wor­den – aber anno 1954 stand da, weit­ge­hend selbst gebaut, ein Dop­pel­haus. Das war kein städ­ti­scher Bau. Die Innen­stadt war zwar bin­nen einer Vier­tel­stun­de per Rad erreich­bar (mein Opa als Kriegs­in­va­li­de brauch­te viel län­ger), aber der Vor­ort Rum­pen­heim lag und liegt recht länd­lich. »Speck­gür­tel­la­ge« sagt man heu­te: Rund­um wird Wei­zen und Mais ange­baut, wer­den Tie­re gehalten.

Das Rum­pen­hei­mer Schloß ist wie­der­auf­ge­baut, dort woh­nen (im Eigen­tum) die Rei­chen, die das Eti­kett »Offen­bach« nicht scheu­en. Neben dem Schloß­park liegt mein Eltern­haus. Es gilt als »Neu­bau« (alle ab 1949 errich­ten Gebäu­de sind »Neu­bau­ten«), obwohl es nun 70 Jah­re alt ist. Ich lie­be es – aus Nost­al­gie. Wirk­lich schön ist es nicht. Nichts dar­an ist char­mant. Es geht los mit den Fens­tern. Es sind moder­ne, kipp­ba­re Alufens­ter. Das ist häß­li­che Dia­lek­tik: Irgend­wann nach dem Krieg wur­den die gro­ßen, unge­sproß­ten Fens­ter modern – aber gleich­zei­tig wur­den sie durch »Vor­hän­ge« und »Stores« ver­hüllt. Sol­che Para­do­xien sind im nicht­städ­ti­schen Woh­nungs­bau fast die Regel: Man möch­te Licht, aber gedimmt; man möch­te Natur, aber pfle­ge­leicht; man möch­te etwas mit Stein, also Gabio­nen, die wohl totes­te Form von »Mau­er«.

Schlimm an mei­nem gelieb­ten Eltern­haus ist auch der Putz. Zement­putz, Wel­len­putz – das galt wohl damals als »chic«. Die Hof­ein­fahrt: Wasch­be­ton (seit den Acht­zi­gern). Die Haus­tür: futu­ris­ti­sche Bau­markt­kunst (eben­falls Acht­zi­ger), dafür drei­fach ein­bruchs­si­cher. Aus dem atmen­den Hob­by­kel­ler mei­nes Groß­va­ters wur­de ein geflies­ter, gedämm­ter, sprich: ordent­li­cher Partyraum.

Ins­ge­samt wur­de alles ste­ri­ler, ver­sie­gelt: Ich erin­ne­re mich noch an Mur­mel­gän­ge, die wir als Kin­der in tage­lan­ger »Arbeit« durch die gan­ze Stra­ße gru­ben, von Vor­gar­ten zu Vor­gar­ten. Lan­ge her. Daß »erschlos­sen« wur­de (Stra­ßen­bau), ist ver­ständ­lich. Aber es wur­de zuneh­mend ver­schlos­sen: Sicht­schran­ken, der bun­des­deut­sche Dop­pel­stabmat­ten­zaun. Bei Die­ter Wie­land (Gebau­te Lebens­räu­me, 1982, neu auf­ge­legt 2009 bei Manu­scrip­tum, bis heu­te eine emp­feh­lens­wer­te und lehr­rei­che Seh­schu­le wie alles von Wie­land) fand ich die­se Text­stel­le: »Ken­nen Sie das auch? Die Angst, wohin zu kom­men, wo man ein­mal ger­ne war. Die Angst, es sieht womög­lich anders aus. Und es sieht ganz anders aus. Und viel schlim­mer, als man ahnte.«

War­um wird bau­lich in unse­rem Land so sel­ten etwas schö­ner? Ver­mut­lich ist es eine Mix­tur: aus fal­schem Vor­bild (haben zwei Nach­barn eine solar­be­trie­be­ne Haus­num­mer, muß man halt mit­tun), aus Son­der­an­ge­bo­ten (»guck mal, Rollo­kästen sind heu­te viel güns­ti­ger, als die ollen Klapp­lä­den zu strei­chen!«), staat­li­chen Zuckerln (»laß uns däm­men, ich mein’, die inne­ren Wer­te zäh­len«) und einem Über­maß an Tages­frei­zeit, der Frei­raum fürs »Machen« läßt. »Machen« heißt: einen Car­port bau­en. Kno­chen­stei­ne legen. Thu­ja­he­cken pflan­zen. Glas­bau­stei­ne in den Wind­fang. Je nach Jah­res­zeit Deko­wa­re auf­stel­len; Haus­tü­ren anschaf­fen, die einem Atom­krieg trot­zen wür­den und auch so aus­se­hen; Dach­zie­gel in zukunfts­träch­ti­gen Far­ben ver­le­gen las­sen; den Vor­gar­ten mit Stei­nen schot­tern, denn dann hat man kein Pro­blem mehr mit Unkraut! Und hier schließt sich para­do­xer­wei­se der Kreis. Was hat man zu tun, wenn selbst das Unkraut kein The­ma mehr ist?

Oh, ich lie­be mein Eltern­haus. Aus Anhäng­lich­keit. Dort leben? Lie­ber nein. Manch­mal träu­me ich von rigi­den Bestim­mun­gen. Natür­lich nur zum Glück aller …              (EK)

 

 

Die Acht-Mann-Stu­be ist so erklä­rungs­be­dürf­tig wie eine mecha­ni­sche Schreib­ma­schi­ne: Man muß vor 1975 gebo­ren sein, um sol­che Lebens­umstände noch als etwas ken­nen­ge­lernt zu haben, das nicht der Rede wert war. Es war nicht der Rede wert, daß man sich an einem genau bezeich­ne­ten Tag bis vier Uhr nach­mit­tags vor einem Kom­pa­nie­ge­bäu­de ein­zu­fin­den hat­te, um sich regis­trie­ren zu las­sen und einer Stu­be zuge­teilt zu wer­den, die den Quer­schnitt des Vol­kes beher­berg­te, seit es sie gab und seit sie ein­ge­rich­tet wor­den war mit Dop­pel­stock­bet­ten, Spin­den, einem Tisch und Stüh­len und sonst nichts. Nur: sie­ben ande­re Rekruten.

Es begann mit einer hier­ar­chi­schen Übung: Wer ergat­tert eines der obe­ren Bet­ten? Der Vor­teil lag auf der Hand: hel­ler als unten, Über­blick und den Spind als Nacht­schränk­chen, denn hin­term Auf­bau aus Zelt­bahn, Pon­cho, Stahl­helm, Gas­mas­ke und Spa­ten war ver­bor­ge­ner Platz. Die ers­ten Tage: Wir bil­de­ten die drit­te Grup­pe, der Stabs­un­ter­of­fi­zier räum­te einen Mus­ter­spind ein, man räum­te nach, begann aus­zu­hel­fen, sprach ein­an­der mit du plus Nach­na­men an und fand den gemein­sa­men, has­ti­gen Rhyth­mus auf kleins­tem Raum, wenn rasch ange­tre­ten wer­den soll­te oder ein Stu­ben­durch­gang und ein Kos­tüm­fest anstan­den, ein rasen­des Umklei­den vom Gefechts- in den Aus­geh­an­zug und wie­der zurück – sinn­lo­ses Trei­ben, das aber bereits das Poten­ti­al ein­zel­ner zur Sub­ver­si­vi­tät und zum Frei­raum aufdeckte.

Der sozia­le Unter­schied spiel­te kei­ne Rol­le, Uni­form und glei­che Anfor­de­rung bügel­ten alle Her­kunfts­fal­ten aus, die Kar­ten wur­den tat­säch­lich neu gemischt. Aber nach Wochen zeig­ten sich Eigen­hei­ten: Es waren aus­ge­lern­te Gesel­len dar­un­ter, die ganz anders mit den Aus­bil­dern spre­chen, rau­chen und ver­han­deln konn­ten. Es gab Schnar­cher, es gab sol­che, die den Rotz hoch­zo­gen, ohne je auf die Idee zu kom­men, daß zur Rekru­ten­aus­stat­tung auch zwei Taschen­tü­cher gehör­ten. Es wur­de gefurzt und gerülpst und auf fast uner­träg­li­che Wei­se nach­ge­fres­sen, wenn die Ver­pfle­gung nicht reich­te. Fick­ge­sprä­che, Por­no­nei­gung, ekel­haf­te Spä­ße: Dies ertra­gen zu ler­nen, das Nicht-Abstell­ba­re hin­zu­neh­men, weil es im gemein­sa­men Ein­satz, im wirk­lich har­ten Aus­bil­dungs­all­tag ganz egal wur­de, war eine der ­Lebens­leh­ren die­ser Zeit.

Sie ende­te nach drei Mona­ten. Wir Offi­zier­an­wär­ter ver­lie­ßen die Acht-Mann-Stu­be, als man wäh­rend der Spe­zi­al­aus­bil­dung damit begann, uns mehr auf­zu­la­den als den ande­ren: Es kam zum abend­li­chen Ruf des Kom­pa­nie­chefs, der Auf­ga­ben ver­teil­te, die bis zum mor­gend­li­chen Antre­ten zu erle­di­gen waren – Bau eines Gelän­de­sand­kas­tens nach Lage­kar­te, Aus­for­mu­lie­rung eines Befehls, Pla­nung eines Ori­en­tie­rungs­mar­sches samt Marsch­kompaß­zah­len, Vor­be­rei­tung eines Kurz­vor­trags zu einem gesell­schafts­po­li­ti­schen The­ma. Auf der Acht-Mann-Stu­be war für so etwas kein Platz mehr. Also sie­del­ten wir zu zweit, dritt in Zim­mer mit Arbeitspul­ten und Kar­ten­tisch um. Auch gab es wie­der ein Bücherregal …

Es soll, hör­te ich, kei­ne Acht-Mann-Stu­ben mehr geben. Eine wei­te­re Türe, durch die Gene­ra­tio­nen jun­ger Män­ner gescho­ben wur­den, ist zuge­schlos­sen.         (GK)

 

 

Abbe Ecken hat gese­hen, wer schon ein­mal eine Wal­dorf­schu­le oder eine anthro­po­so­phi­sche Kli­nik betrat oder sich nach Dor­nach in der Schweiz begab, um das »Goe­the­a­num« zu sehen: Er hat den »typisch anthro­po­so­phi­schen« Bau­stil erlebt.

Auf rech­te Win­kel wird kon­se­quent ver­zich­tet: Die Ecken sind ab, weil die Natur kei­ne rech­ten Win­kel kennt. Stil­merk­ma­le sind viel­mehr gerun­de­te oder abge­kapp­te Ecken, orga­ni­sche For­men und geo­me­tri­sche, kris­tall­ar­ti­ge Figu­ren. Kris­tal­le sind sehr wohl eckig, aber nie­mals recht­wink­lig geformt. Dächer wer­den groß­teils als Scha­len oder Kap­pen ange­legt, dar­un­ter sind tra­gen­de Säu­len von wesent­li­cher Bedeu­tung. »Das Gan­ze ist aus der Gesamt­form her­aus gedacht, rein künst­le­risch gedacht […] so daß also die­se fort­lau­fen­de Ent­wi­cke­lung der Kapi­täl­mo­ti­ve, der Archi­trav­mo­ti­ve, rein aus der Anschau­ung her­aus geschaf­fen ist, eine Form aus der andern«, cha­rak­te­ri­sier­te Rudolf Stei­ner sei­ner­zeit die den Rund­kup­pel­bau des Goe­the­anums tra­gen­den Innenraumsäulen.

Die ver­wen­de­ten For­men »bedeu­ten« nichts Sym­bo­li­sches; viel­mehr fol­gen in der Natur die For­men den Natur­ge­set­zen und ver­mit­teln dadurch geis­ti­ge Gehal­te, wes­halb die For­men der Gebäu­de den For­men der Natur nach­emp­fun­den wer­den. Bogen, Schwün­ge, außer­ge­wöhn­li­che Win­kel und Far­ben sind kei­ne »Kunst am Bau«. Sie sind der Bau selbst, so wie eine Blü­te oder Frucht am Baum nicht den Baum ver­ziert, son­dern aus ihm her­vor­ge­wach­sen ist.

Stei­ner hielt 1914 einen Archi­tek­tur­vor­trag, in dem er das an den damals aus dem Boden schie­ßen­den Grün­der­zeit­bau­ten so häu­fig ver­wen­de­te anti­ki­sie­ren­de »Akan­thus­blatt« umdeu­te­te: Die Kunst kopiert nie die Natur, son­dern ist Aus­druck geis­ti­ger Gege­ben­hei­ten. Säu­len mit Blatt­ornamenten zu ver­zie­ren ist daher ganz unor­ga­nisch und geis­tig leer, wes­halb auch ein Ver­gleich von anthro­po­so­phi­scher Archi­tek­tur mit dem Jugend­stil nur äußer­li­che Ähn­lich­kei­ten zuta­ge fördert.

Das ers­te Goe­the­a­num war voll­kom­men aus Holz gefer­tigt, es fiel 1923 einem ver­hee­ren­den Brand zum Opfer. Der neue Goe­the­an­um­bau wur­de daher von Stei­ner aus Beton ent­wor­fen, einem damals in der Archi­tek­tur ganz neu­ar­ti­gen Mate­ri­al. Er beschrieb den Ein­druck, den der Dop­pel­kup­pel­bau (er selbst sprach mit vol­lem Ernst von einer »Gugel­hupf­form«) auf die ers­ten Besu­cher mach­te: »Man kommt ja – das ist ganz selbst­ver­ständ­lich – mit vor­ge­faß­ten Moti­ven hin­ein und beur­teilt es nach dem, was man schon gese­hen hat. Da fällt man­ches auf.

Man­che, die gar nicht gewußt haben, was sie dar­aus machen sol­len, haben gesagt: In Dor­nach hat man einen futu­ris­ti­schen Bau auf­ge­führt. Die For­men des Beton­bau­es sind sowohl dem neu­en Mate­ri­al, Beton, wie auch dem, was für die­ses neue Mate­ri­al sich ergibt in bezug auf die künst­le­ri­sche Form, gedacht. Aber inner­halb der Beton­um­rah­mung ist dann auch ver­sucht, säu­len­ar­ti­ge Stüt­zen zu schaf­fen. Da ergab sich von selbst, daß sie so aus­se­hen wie Ele­men­tar­we­sen, die gno­men­haft ris­sig aus der Erde her­aus­wach­sen und zugleich in der Gestal­tung tragen.«

Das Goe­the­a­num wird durch ver­schie­de­ne Bau­ten in der Umge­bung ergänzt, wie zum Bei­spiel das skulp­tu­ra­le Heiz­haus. Auf­fäl­lig ist hier der Schorn­stein, der wie Ast­werk in die Lüf­te ragt. Nach Stei­ners Ansicht teilt sich der Rauch in einen phy­si­schen und einen äthe­ri­schen Teil. Der Schlot reprä­sen­tiert den phy­si­schen, die seit­li­chen Ver­äs­te­lun­gen den äthe­ri­schen Teil.

Im Ver­gleich dazu nimmt sich die von Frie­dens­reich Hun­dert­was­ser ent­wor­fe­ne Kraft­werks­an­la­ge in Wien Spit­tel­au ganz »volks­päd­ago­gisch« aus – dort ver­de­cken Bäu­me auf den Dächern als »Mit­be­woh­ner« das Indus­trie­ge­bäu­de, bun­te Fens­ter­chen, Mosai­ke und eine über­di­men­sio­nier­te Clowns­kap­pe len­ken von der Funk­ti­on der Müll­ver­bren­nungs­an­la­ge ab, die ­Hun­dert­was­ser als »Mahn­mal für das Bedürf­nis nach einer abfall­frei­en Gesell­schaft« ver­stand. An Stei­ners Archi­tek­tur­im­puls ist nichts in die­sem lin­ken Sin­ne päd­ago­gisch, wenn­gleich jedem Bau eine mensch­heits­ge­schicht­li­che Auf­ga­be inne­wohnt. Bei der Grund­stein­le­gung zum ers­ten Goe­the­a­num am 20. Dezem­ber 1913 sprach er von einem »Wahr­zei­chen geis­ti­gen Lebens der neue­ren Zeit«.      (CS)

 

 

Sta­chel­draht ist jetzt eher ein Sym­bol als das beson­ders nütz­li­che Mit­tel zur Struk­tu­rie­rung von Räu­men, als das er ursprüng­lich erdacht wur­de. Sein Raum sind heu­te gesell­schaft­li­che Alp­träu­me: Denkt man an Sta­chel­draht, dann auch an die so oft gezeig­ten Bil­der von der West­front 1916, aus Gefäng­nis­sen, aus Arbeits­la­gern. Und wäh­rend die­se Asso­zia­tio­nen berech­tigt sind, blei­ben sie doch an der Ober­flä­che des Phä­no­mens: Sta­chel­draht ist das phy­sisch-topo­gra­phi­sche Steue­rungs­in­stru­ment des Massenzeitalters.

Der Bedarf geht zurück auf die bri­ti­sche Agrar­re­vo­lu­ti­on des 18. Jahr­hun­derts mit ihrer Ein­füh­rung des selek­ti­ven Zucht­ver­fah­rens. Ob das Grund­pro­blem der Moder­ne nun die Anwen­dung natür­li­cher Funk­ti­ons­me­cha­nis­men auf die mensch­li­che Gesell­schaft (»Sozi­al­dar­wi­nis­mus«) sei oder genau anders­her­um, dar­über schei­den sich die Geis­ter. Das Resul­tat bleibt sich gleich: Das expo­nen­ti­el­le Anwach­sen der zu bewirt­schaf­ten­den, beweg­li­chen Bio­mas­se schuf den Bedarf nach einer wirk­sa­men Diri­gier­me­tho­de, die so kos­ten­güns­tig, bestän­dig und mobil wie mög­lich sein soll­te. Die durch die Agrar­re­vo­lu­ti­on ermög­lich­te indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on ver­viel­fach­te die­sen Bedarf und stell­te gleich­zei­tig die not­wen­di­gen Mit­tel zur Abhil­fe bereit – Draht­zäu­ne als simp­le Form der Ein­frie­dung gibt es seit etwa 1860.

Der ein­fachs­te und – zumin­dest kurz­fris­tig – wirk­sams­te Anreiz, Lebe­we­sen in eine gewünsch­te Rich­tung zu bewe­gen, ist indes Schmerz. Einen Wei­de­zaun kann ein ton­nen­schwe­rer Stier ein­fach nie­der­drü­cken; ver­letzt der Zaun ihm Maul und Flan­ken, wird er sich instink­tiv abwen­den. Nach eini­gen Anläu­fen bei­der­seits des Atlan­tiks setz­te sich der US-Bau­er Joseph Glid­den 1874 mit sei­nem beson­ders ein­fa­chen Kon­zept durch: Er hat­te Stü­cke des vor­han­de­nen Drahts in einer Kaf­fee­müh­le zu scharf­kan­ti­gen Split­tern geschro­tet, die in eine Dop­pel­wen­del des glei­chen Drahts ein­ge­floch­ten wurden.

Die Her­stel­lungs­me­tho­de mit den wenigs­ten Arbeits­schrit­ten set­ze sich unwei­ger­lich durch: Der »Teu­fels­strang« wog sehr wenig, zer­stör­te nicht den Acker­bo­den, warf kei­nen Schat­ten, war wind­be­stän­dig, bil­de­te kei­ne Schnee­we­hen und war extrem güns­tig. Sei­ne weit­räu­mi­ge Anwen­dung an der US-»Frontier« sorg­te für mas­sen­haf­tes Ver­hun­gern der gro­ßen, frei umher­ge­trie­be­nen Rin­der­her­den; als deren Hüter, in ihrer Exis­tenz bedroht, Draht­sper­ren zu zer­schnei­den began­nen und sich einen mehr­jäh­ri­gen Klein­krieg mit Groß­grund­be­sit­zern lie­fer­ten, wur­de das Draht­schnei­den ab 1884 gesetz­lich ver­bo­ten. Der »Wil­de Wes­ten« wur­de so durch den Sta­chel­draht »gezähmt«; die »Cow­boys« gehör­ten bald der Ver­gan­gen­heit an.

Dem all­sei­ti­gen Umbruch der Jahr­hun­dert­wen­de ent­spre­chend, zog auch der Sta­chel­draht in den Krieg: Der Rus­sisch-Japa­ni­sche Krieg (1904 / 05 als tech­ni­sche Gene­ral­pro­be für den euro­päi­schen Gro­ßen Krieg aus­ge­tra­gen) sah das Debüt auch der Sta­chel­draht­ver­haue, die ein­ge­setzt wur­den, um angrei­fen­de Infan­te­rie gezielt in die über­lap­pen­den Feu­er­be­rei­che der eben­falls brand­neu­en MG-Nes­ter zu lenken.

Der ers­te Ein­satz des Drahts zur geziel­ten Ein­schlie­ßung von Men­schen kam sogar noch frü­her, weil er wenig Umden­kens bedurf­te: Die Bri­ten gewan­nen den Zwei­ten Buren­krieg (1899 – 1902) wesent­lich infol­ge ihrer Ter­ror­kam­pa­gne gegen die Zivil­be­völ­ke­rung, die sie nach der Zer­stö­rung der hei­mi­schen Höfe – Vieh­her­den gleich – in umzäun­te Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger trie­ben und dort dem Hun­ger und den Seu­chen über­lie­ßen. Die aus­schwei­fen­den Draht­sper­ren des Ers­ten Welt­kriegs schu­fen ihrer­seits Bedarf an revo­lu­tio­nä­ren Neu­ent­wick­lun­gen wie der Feu­er­wal­ze und dem Panzer.

Heu­te sind einer­seits noch abschre­cken­de­re Abrie­ge­lun­gen wie Klin­gen­draht, ande­rer­seits sub­ti­le­re Kon­troll- und Diri­gier­me­cha­nis­men wie Kame­ra­über­wa­chung, elek­tro­ni­sche Ver­fol­gung und Psy­cho­geo­gra­phie an die Stel­le der insti­tu­tio­nel­len Sta­chel­draht­ver­wen­dung getre­ten. Sei­ne Spu­ren hat der Teu­fels­strang jedoch alle­mal ins moder­ne Zeit­al­ter gegra­ben, als sym­bo­li­sche Mani­fes­ta­ti­on der Sicht­wei­se auf Men­schen als instink­tiv zu steu­ern­des Mas­sen­vieh.         (NW)

 

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