Epstein wurde darin der Öffentlichkeit als faszinierender, sagenumwitterter “International Moneyman of Mystery” präsentiert. In der Titelzeile wurde einige seiner wichtigsten Kontakte genannt: Leslie Wexner von der Firma Limited, Ghislaine Maxwell, ein “Haufen wissenschaftlicher Nobelpreisträger” und “sogar Donald Trump”. Sein damals jüngster Coup war eine gemeinsame Reise nach Afrika mit Bill Clinton und Kevin Spacey in seinem inzwischen berüchtigten Privatflugzeug, einer Boeing 727.
Spätestens jetzt sei der Moment gekommen, an dem sich die Welt die Frage stellen muß: Wer zur Hölle ist dieser Jeffrey Epstein eigentlich? Der Autor Landon Thomas jr., der in Epstein geradezu verknallt zu sein scheint, präsentiert das Objekt seiner Bewunderung als geheimnisvollen, sagenhaft reichen, aber von der Öffentlichkeit bislang abgeschirmten Übermenschen, dessen finanzielle Quellen ein Rätsel bleiben.
Hier eine Kostprobe:
Es ist ein Leben voller Fragezeichen. Epstein soll für wohlhabende Kunden 15 Milliarden Dollar verwalten, doch abgesehen von Limited-Gründer Leslie Wexner ist seine Kundenliste ein streng gehütetes Geheimnis. Der ehemalige Mathematiklehrer aus Dalton unterhält einen Salon brillanter Wissenschaftler, besitzt jedoch keinen Bachelor-Abschluß. Seit mehr als zehn Jahren steht er mit der Manhattan-London-Prominenten Ghislaine Maxwell in Verbindung, der Tochter des unter mysteriösen Umständen verstorbenen Medienmagnaten Robert Maxwell, und lebt doch das Leben eines Junggesellen. Er verbringt 600 Stunden im Jahr in seinen verschiedenen Flugzeugen, während er die Welt nach Investitionsmöglichkeiten absucht. Er besitzt das angeblich größte Privathaus Manhattans, führt seine Geschäfte jedoch von einer 100 Hektar großen Privatinsel in St. Thomas aus.
Die Macht an der Wall Street ist in der Regel denen zugefallen, die offen um sie gekämpft haben. Soros. Wasserstein. Kravis. Weill. Der Sturm und Drang ihrer Erfolge und Mißerfolge hat sich vor den Augen der Öffentlichkeit abgespielt. Epstein paßt nicht in dieses Muster. Fast jedermann an der Wall Street hat schon von ihm gehört, aber niemand scheint zu wissen, was genau er eigentlich treibt. Und genau so gefällt es ihm.
„Ich glaube, daß Jeff eine Art Geldverwaltungsfirma betreibt, obwohl man von ihm keine klare Antwort darauf bekommt“, sagt ein bekannter Investor. „Er hat mir einmal erzählt, daß 300 Leute für ihn arbeiten, und ich habe auch gehört, daß er das Geld der Rockefellers verwaltet. Aber Genaueres weiß man nicht. Es ist wie beim Zauberer von Oz – vielleicht steckt weniger dahinter, als man auf den ersten Blick zu sehen bekommt.“
Ein anderer prominenter Wall-Street-Insider sagt: „Er ist eine mysteriöse, Gatsby-ähnliche Figur. Er mag es, wenn die Leute von ihm denken, daß er sehr reich ist, und er gibt sich sehr abgehoben. Das Ganze ist seltsam.“
Als nächstes schwärmt der Autor Landon Thomas jr. (der seinem Helden noch lange nach seiner Verurteilung als Sexualstraftäter die Treue hielt) über Epsteins gutes Aussehen und sein lockeres Auftreten, und erwähnt nebenbei, daß er “ein enthusiastisches Mitglied der Trilateralen Kommission und des Council on Foreign Relations sei”, also zweier berühmt-berüchtigter Denkfabriken, die eine zentrale Rolle in zahllosen Verschwörungstheorien spielen.
In Anbetracht der späteren Enthüllungen läßt das folgende Zitat von Donald Trump (der natürlich die Gelegenheit nutzte, über sich selber zu sprechen) die Ohren spitzen:
Epstein erzählt gerne, daß er ein Einzelgänger ist, ein Mann, der nie Alkohol oder Drogen angerührt hat und dessen Nachtleben alles andere als aufregend sei. Wenn man jedoch mit Donald Trump spricht, ergibt sich ein ganz anderes Bild von Epstein. „Ich kenne Jeff seit fünfzehn Jahren. Ein toller Kerl“, dröhnt Trump aus einem Lautsprecher. „Es macht viel Spaß, mit ihm abzuhängen. Man sagt sogar, daß er schöne Frauen genauso mag wie ich, und viele von ihnen sind eher auf der jüngeren Seite. Kein Zweifel – Jeffrey genießt sein gesellschaftliches Leben.“
“It is even said that he likes beautiful women as much as I do, and many of them are on the younger side.”
Dieser damals 49jährige Playboy sei aber nicht nur an “beautiful women” interessiert, sondern vor allem an “beautiful minds”:
So wie manche Schmetterlinge sammeln, sammelt er brillante Köpfe. „Ich investiere in Menschen – sei es in der Politik oder in der Wissenschaft. Das ist meine Aufgabe“, hat er Freunden gegenüber gesagt. Und seine jüngste Trophäe ist der ehemalige Präsident. In seinen Augen repräsentiert Clinton als Spezies die höchste Evolutionsstufe des politischen Tieres. Ihm so nahe zu sein wie während der Afrikareise ist vergleichbar mit der Begegnung mit den seltensten Tieren auf einer Safari.
Clinton ließ Thomas durch seinen Pressesprecher mitteilen:
„Jeffrey ist sowohl ein äußerst erfolgreicher Finanzier als auch ein engagierter Philanthrop mit einem ausgeprägten Gespür für globale Märkte und fundierten Kenntnissen der Wissenschaft des 21. Jahrhunderts.”
An anderer Stelle formuliert Thomas, Epstein gehe seiner “Sammlung von Wissenschaftlern und Politikern” mit dem “Eifer eines Trophäenjägers” nach. Dabei haben es ihm vor allem die Wissenschaftler angetan, denen er bis zu 20 Millionen Dollar im Jahr spende, um ihre Arbeit zu fördern. Besondere Erwähnung findet der österreichische Biomathematiker Martin Nowak, der nun wegen seiner einst innigen Kontakte zu Epstein sanktioniert wird.
Diese Neigung, sich aus welchen Gründen auch immer zum Mäzen von Wissenschaftlern zu machen, ist ein konsistentes Muster in Epsteins Leben. Der Spiegel 4/2026 und andere Medien thematisieren gerade ausführlich seine Beziehungen zu einem weiteren Protégé, dem deutschen KI-Forscher Joscha Bach, mit dem er sich in einer E‑mail über das Problem der planetaren Überbevölkerung austauschte (Epstein erschienen “Massenhinrichtungen” von Alten und Gebrechlichen zum Zwecke der Bevölkerungsreduktion als einleuchtende Idee.)
Was die Beziehung zu Ghislaine Maxwell angeht, so heißt es bei Thomas 2002:
Obwohl sie weiterhin befreundet sind, vermuten englische Boulevardzeitungen, daß Maxwell sich eine dauerhaftere Beziehung wünscht, während Epstein dieses Gefühl jedoch aus unbekannten Gründen nicht erwidert. „Es ist eine mysteriöse Beziehung, die sie verbindet“, sagt der Gesellschaftsjournalist David Patrick Columbia. „In gewisser Weise sind sie Seelenverwandte, doch sie sind kaum noch Partner. Es ist eine nette, konventionelle Beziehung, in der sie sich gegenseitig ihren Zwecken dienen.“
Heute wissen wir, daß Ghislaine zu diesem Zeitpunkt minderjährige Mädchen für Jeffrey angelte und zu sexuellen Diensten drängte, darunter bereits Virginia Giuffre.
Als nächstes folgt eine glorifizierende Beschreibung von Epsteins Leben. Aus einfachen Verhältnissen stammend, zeigte sich bald das Genie des jungen Mathematiklehrers aus Coney Island, der Robin Williams’ Figur in Club der toten Dichter geähnelt haben soll. Er wurde an den Investmentbanker Ace Greenberg von Bear Stearns vermittelt und machte sich 1982 (in Wahrheit war es 1981) selbstständig.
Die Geschichte, die Thomas nun erzählt, ist ein wenig anders als jene, die man heute auf Wikipedia nachlesen kann, wonach sich Epsteins Firma zunächst darauf spezialisierte, Rückforderungsansprüche auf veruntreute Gelder durchzusetzen.
Thomas hingegen schreibt, daß dieser mysteriöse, kaum dreißig Jahre alte Tausendsassa augenblicklich “hard to get” gegenüber Superreichen gespielt habe und auf einem hohen Niveau und mit augenblicklichem Erfolg in das Geschäft der Vermögensverwaltung eingestiegen sei:
Die Prämisse dahinter war einfach: Epstein würde das Privat- und Familienvermögen von Kunden mit einem Vermögen von mindestens 1 Milliarde Dollar oder mehr verwalten. Und genau hier wird das Rätsel noch größer. Denn der Überlieferung zufolge begann Epstein 1982 sofort, Kunden zu akquirieren. Es gab keine Roadshows, keine spektakulären Marketing-Präsentationen – nur Folgendes: Jeff Epstein stand nur für Leute mit einem Vermögen von 1 Milliarde Dollar oder mehr zur Verfügung.
Auch seine Firma sollte anders als die anderen sein. Er bot nicht bloß Anlageberatungen an; er sah sich selbst als Finanzarchitekt sämtlicher Aspekte des Vermögens seiner Kunden – von Investitionen über Philanthropie und Steuerplanung bis hin zu Sicherheitsproblemen und der Linderung der Schuldgefühle und Belastungen, die mit einem großen geerbten Vermögen einhergehen können. „Ich möchte, daß die Menschen die Macht, die Verantwortung und die Last ihres Geldes verstehen“, sagte er damals zu einem Kollegen.
(…)
Von Anfang an war sein Geschäft erfolgreich. Aber die Bedingungen für eine Investition bei Epstein waren hoch: Er verlangte die vollständige Kontrolle über die Milliarde Dollar, eine Pauschalgebühr und eine Vollmacht, alles zu tun, was er für notwendig hielt, um die finanziellen Interessen seines Kunden zu fördern. Und er blieb bei der Einstiegsgebühr von 1 Milliarde Dollar. Leute, die ihn kennen, behaupten, man hätte von Epstein eine nicht gerade höfliche Absage erhalten, wenn man bloß 700 Millionen Dollar wert war und seine Dienste in Anspruch nehmen wollte.
Eine schier unglaubliche Story! Jedenfalls ist sie im Kern die Geschichte, die sich bis heute “offiziell” gehalten hat: Epstein habe sein ungeheures Vermögen als Finanzverwalter von Milliardären erworben, von denen nur zwei namentlich bekannt sind, Leslie Wexner und Leon Black. Thomas behauptet, es hätte noch mehr Klienten gegeben, diese “Liste” (bereits hier taucht eine auf) sei jedoch streng geheim.
Die Wahrheit ist vermutlich, daß Epstein seine Hochstatus-Beschäftigung erst viel später aufgenommen hat. 1987 läßt Thomas Leslie Wexner auftreten, den Mogul eines Konzernkonglomerats, das unter anderem Damenbekleidung und ‑unterwäsche verkauft. Er war der offiziellen Darstellung nach Epsteins Hauptklient, dem er den Großteil seines Reichtums verdankt.
Thomas unterschlägt allerdings eine weitere wichtige Figur in Epsteins Karriere, die zu dieser Zeit in sein Leben trat, den Geschäftsmann Steven Hoffenberg, der 1995 für einen gigantischen Finanzbetrug zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde – ein “Ponzi-System”, an dem Epstein laut Hoffenberg massiv beteiligt gewesen sein soll.
Der Artikel endet mit einer weiteren Mystifikation:
Freunde von Epstein sagen, er sei entsetzt über die jüngste Welle der Medienaufmerksamkeit um seine Person (…) Er hat nie ein offizielles Interview gegeben und auch diesem Magazin keines angeboten, noch ist sein Bild jemals in einer Publikation erschienen. Doch bei jemandem, der so versessen darauf ist, seine Privatsphäre zu wahren, fragt man sich: War ihm nicht klar, daß seine Tarnung auffliegen würde, als er Clinton und Spacey durch Afrika flog?
Ich vermute, daß dieser Text vielmehr im Einvernehmen mit Epstein entstanden ist, um ein möglichst positiv schillerndes Image von ihm zu erzeugen. Wesentliche Bestandteile sind des Mythos sind schon darin enthalten: Viel Geld, hohe Intelligenz, klandestine Operationen, eine “Sammlung” von Berühmtheiten, das Privat-Flugzeug und die Privat-Insel, sowie die Dauerpräsenz von Frauen “on the younger side”, eine Formulierung, die ziemlich ominös und euphemistisch klingt.
Es gibt Versuche, Epsteins Reichtum (als er starb, sollen es 600 Millionen Dollar gewesen sein) vor allem durch krumme Geschäfte zu erklären. Dieser Artikel aus der New York Times vom 16. Dezember 2025 portraitiert Epstein als Betrüger und Hochstapler, der seine Geschäftspartner routinemäßig ausgebeutet und übers Ohr gehauen hat. Dieser Zug an Epstein scheint mir recht offensichtlich zu sein, weshalb man wohl vieles, was er in seinen Mails schreibt, nicht ungeprüft für bare Münze nehmen sollte.
Die Frage, wie Epstein, der Studienabbrecher aus Brooklyn, zu seinem immensen Vermögen gekommen ist und vom Nobody zur Alpha-Spinne in einem gigantischen Netzwerk internationaler Eliten wurde, steht im Zentrum der Spekulation, er wäre spätestens seit den Neunzigerjahren von Geheimdiensten finanziell gefüttert worden, um eine Art Infrastruktur aufzubauen, mit der sich spionieren und Kompromat sammeln ließ.
Entsprechende Verbindungen gab es vermutlich bereits in den Achtzigerjahren, als Epstein für den britischen Geschäftsmann Douglas Leese arbeitete und durch ihn mit dem berüchtigten arabischen Waffenhänder Adnan Kashoggi in Kontakt kam. Aus dieser Zeit stammt auch ein mysteriöser gefälschter Paß mit dem Konterfei Epsteins, der seinen Besitzer als österreichischen Staatsbürger mit Wohnsitz Saudi-Arabien ausweist.
Oft zitiert wird Trumps zeitweiliger Arbeitsminister Andrew Acosta, der 2008 als Staatsanwalt in Florida dafür sorgte, daß Epstein in seinem ersten Prozeß wegen Prostituierung Minderjähriger mit einem recht milden “Deal” davonkam. Angeblich sei ihm beschieden worden, die Finger von Epstein zu lassen, weil er ihm “eine Nummer zu groß” (above his paygrade) und in Geheimdienstaktivitäten involviert sein. Man kann sich Epstein ziemlich mühelos als Informanten vorstellen, der sein immenses Insiderwissen – darunter nicht notwendigerweise, aber natürlich auch moralisches Kompromat – weiterleitet oder verkaúft.
Der Hauptverdächtige ist hier natürlich der Mossad – eine Annahme, an dem auch das stramm pro-israelische Portal NIUS nicht vorübergehen kann. Was sind die Indizien? Da wäre grundlegend die Tatsache, daß Epstein ein Jude mit einer starken jüdischen Identität war, der seine Karriereleiter hauptsächlich mit Hilfe jüdischer Mentoren und Netzwerke aus der Finanzwelt erklommen hat: Ace Greenberg, Leslie Wexner, Steve Hoffenberg, Leon Black, Ariane de Rothschild und die Schweizer Privatbank Edmond de Rothschild Group. Wexner und Black sind beide Zionisten (Wexner besonders exponiert), die viel Geld für jüdische und israelische Interessen gespendet haben.
Epsteins engste Komplizin war Ghislaine Maxwell, Tochter des mysteriösen jüdischen Unternehmers, Labour-Politikers und Mossad- wie auch KGB-Agenten Robert Maxwell; einer seiner prominentesten Anwälte war der arrogante Hardcore-Zionist Alan Dershowitz. Er spendete Geld an jüdische Organisationen wir Jewish National Fund, Friends of the IDF, Hillel, UJA-Federation. Enge Kontakte pflegte er – vermittelt durch Shimon Peres – seit 2003 mit Ehud Barak, dem ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten (1999–2001), Verteidigungsminister (2007–13) und Generalstabschef der IDF (1991–95).
Zusätzlich kuschelte er privat mit prominenten Juden wie Noam Chomsky oder Woody Allen. In etlichen seiner E‑mails werden Nicht-Juden von ihm und seinen Mitarbeitern mit dem abwertenden Wort “goyim” bezeichnet. Gegenüber Peter Thiel äußerte er, “Ich repräsentiere die Rothschilds”. Signifikant ist vielleicht auch, daß auch Peter Mandelson, der britische Labour-Politiker, der 2009 Epstein sensible politische Insider-Informationen zugespielt hatte, während er das Amt des Wirtschaftsminister bekleidete, jüdischer Abstammung ist.
Dieser Schwerpunkt ist allem Gejammer von wegen “antisemitischer Verschwörungstheorien” (inklusive Ritualmord-Verdächtigungen) zum Trotz nicht zu übersehen. Es ist schlicht und einfach eine Tatsache. Epstein war eine archetypisch negative jüdische Figur am Rande der Karikatur in einem ethnisch dominant jüdischen Kontext: Ein extrem merkurial veranlagter Netzwerker, der vor allem auf dem finanziellen Sektor agierte, ein charismatischer Betrüger, Blender und Hochstapler, und am Ende, um die bösen Klischees voll zu machen, sogar noch ein Verderber, Verführer und mutmaßlicher Vergewaltiger von jungen weißen Mädchen. Er gehörte zum selben Typus wie Alexandre Stavisky, Meyer Lansky, Marc Rich, Roy Cohn, Robert Maxwell, Bernie Madoff oder Dominique Strauss-Kahn.
Auch das ist ein Grund, warum der Fall Epstein derart politisch aufgeladen ist, denn er hängt mit der schwelenden, nicht mehr unterdrückbaren Frage nach der politischen Macht des Zionismus in Amerika zusammen. Sollte sich nämlich herausstellen, daß Epstein im Auftrag des Mossad einen Pädophilen-Ring zum Zwecke der Erpressung und Spionage geführt hat, stünden der angeblich “greatest ally” und seine Unterstützer mal wieder sehr schlecht da.
Ich denke zwar, daß es wahrscheinlich Spionagetätigkeiten und Austausch von sensiblen Informationen gab, und zwar in mehrere Richtungen (in einer Mail prahlt Epstein, etliche Freunde im russischen Geheimdienst zu haben). Allerdings nicht, daß sich die Dinge in jener direkten Form abgespielt haben, die von den Verschwörungstheoretikern favorisiert wird, vor allem, was die Erpressung angeht. Wenn Epstein selbst das “Kompromat” bereitgestellt hat, dann hätte man die Erpressungsopfer schwerlich auffliegen lassen, ohne ihn selbst mit hochgehen zu lassen.
Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß Epstein hin und wieder Mädchen aus seinem “System” an Spießgesellen weitergerreicht hat, aber die Indizien für einen organisierten Sexhandel, noch dazu mit Kindern und Minderjährigen, sind bis dato gering. Das heißt nicht, daß in seinem Umkreis nicht üble Dinge, Ausschweifungen und sexuelle Straftaten passiert sind.
Wenn, dann hatten diese Dinge wohl eher den Zweck von “Gefälligkeiten” oder von “vice bonding”, um die Komplizenschaft zu stärken und die Betroffenen manipulierbar zu machen. Und dies gilt nur für jene Kontakte Epsteins, die für dergleichen anfällig waren. Es ist selbstverständlich Unsinn, in jedem einzelnen Schmetterling seiner Sammlung einen Kunden für Kinder- oder Minderjährigensex zu sehen. (Die allermeisten seiner Kontakte dürften in seiner Verurteilung ein “Kavaliersdelikt” gesehen haben, dem sie keine große Bedeutung zumaßen, was natürlich einiges über ihre moralischen Standards aussagt. Vermutlich war sein “Social proof” durch Zahl und Rang seiner “Freunde” so groß, daß es hier wenig Berührungsängste gab.)
Witzigerweise sieht einer der emsigsten Zuständigen für Verschwörungstheorien, Gerhard Wisnewski, die Sache ähnlich wie ich (seine These, die Veröffentlichung der Akten sei eine “Psy-Op” mit dem Ziel der allgemeinen Demoralisierung halte ich aber für Quatsch, geschuldet der fixen Idee, daß nichts da draußen ungeplant passiert):(Wer sagt das folgende?)
Die wahre Rolle Epsteins? Wisnewski widerspricht der populären Theorie, dass Epstein primär ein Erpressungsring für den Mossad oder andere Dienste war. Zwar hält er eine Geheimdiensttätigkeit für sehr wahrscheinlich, doch er plädiert für das Konzept des „Friendly Networking“.
Anstatt Eliten durch harte Erpressung (Kompromat) gefügig zu machen, was Rachegelüste und Misstrauen schüren würde, sei es effektiver, sie durch Gefälligkeiten, Luxusreisen und das Vermitteln von Partnerinnen emotional zu binden. Wer einmal den Luxus auf Epsteins Insel genossen und dort Kontakte geknüpft habe, stehe in einer Schuld, die stärker wirke als Angst. Epstein fungierte demnach als Spinne im Netz, die Verbindungen zwischen Superreichen, Politikern und Wissenschaftlern im Sinne seiner Auftraggeber knüpfte.
Lassen wir noch einmal den Epstein-Skeptiker Eugyppius zu Wort kommen:
Der allgemeine Versuch, alles in ein einziges Paket zu stecken, ist eines der größten Probleme der Art und Weise, wie die Menschen über Epstein denken. Epstein, der Spion, muß Teil derselben Geschichte sein wie Epstein, der Sexualstraftäter, der wiederum Teil derselben Geschichte sein muß wie Epstein, der Prominente, was natürlich auch mit Epstein und seinem dubiosen Selbstmord zusammenhängt. Die Sache ist nur, daß nicht notwendigerweise alle diese Teile miteinander in Verbindung stehen müssen oder sogar plausibel miteinander in Verbindung gebracht werden können. Vielleicht war Epstein eine Art Spion oder Informant des FBI, der in seinem Privatleben auch Teenager-Mädchen mißbraucht hat. Das erscheint mir tatsächlich unendlich viel plausibler.
Auch das befriedigt mich allerdings nicht so recht, und ich gebe zu, daß ich hier an den Grenzen meiner Urteilsfähigkeit angelangt bin: Ich weiß schlichtweg nicht, wie die Welt der Spione, der Finanzhaie, des Celebrity-Jetsets funktioniert.
“Aber Lichtmesz”, werden nun einige sagen, “Was ist mit den dubiosen mutmaßlichen Codes, mit den verdächtigen Fotos und Videos und den makabren Anspielungen und den krassen Zeugenaussagen, die sich in den Akten finden? Kann man das alles wirklich beiseite wischen?”
Meine Meinung dazu im dritten und letzten Teil dieser Serie!