Jeffrey Epstein: Mythos und Wirklichkeit (2)

Ein guter Startpunkt, um sich mit Jeffrey Epstein zu beschäftigen, ist ein langer, vor Lobhudelei überbordender Artikel, der am 28. Oktober 2002 in der Zeitschrift New York erschienen ist.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Epstein wur­de dar­in der Öffent­lich­keit als fas­zi­nie­ren­der, sagen­um­wit­ter­ter “Inter­na­tio­nal Money­man of Mys­tery” prä­sen­tiert. In der Titel­zei­le wur­de eini­ge sei­ner wich­tigs­ten Kon­tak­te genannt: Les­lie Wex­ner von der Fir­ma Limi­t­ed, Ghis­lai­ne Max­well, ein “Hau­fen wis­sen­schaft­li­cher Nobel­preis­trä­ger” und “sogar Donald Trump”. Sein damals jüngs­ter Coup war eine gemein­sa­me Rei­se nach Afri­ka mit Bill Clin­ton und Kevin Spacey in sei­nem inzwi­schen berüch­tig­ten Pri­vat­flug­zeug, einer Boe­ing 727.

Spä­tes­tens jetzt sei der Moment gekom­men, an dem sich die Welt die Fra­ge stel­len muß: Wer zur Höl­le ist die­ser Jef­frey Epstein eigent­lich? Der Autor Lan­don Tho­mas jr., der in Epstein gera­de­zu ver­knallt zu sein scheint, prä­sen­tiert das Objekt sei­ner Bewun­de­rung als geheim­nis­vol­len, sagen­haft rei­chen, aber von der Öffent­lich­keit bis­lang abge­schirm­ten Über­men­schen, des­sen finan­zi­el­le Quel­len ein Rät­sel bleiben.

Hier eine Kostprobe:

Es ist ein Leben vol­ler Fra­ge­zei­chen. Epstein soll für wohl­ha­ben­de Kun­den 15 Mil­li­ar­den Dol­lar ver­wal­ten, doch abge­se­hen von Limi­t­ed-Grün­der Les­lie Wex­ner ist sei­ne Kun­den­lis­te ein streng gehü­te­tes Geheim­nis. Der ehe­ma­li­ge Mathe­ma­tik­leh­rer aus Dal­ton unter­hält einen Salon bril­lan­ter Wis­sen­schaft­ler, besitzt jedoch kei­nen Bache­lor-Abschluß. Seit mehr als zehn Jah­ren steht er mit der Man­hat­tan-Lon­don-Pro­mi­nen­ten Ghis­lai­ne Max­well in Ver­bin­dung, der Toch­ter des unter mys­te­riö­sen Umstän­den ver­stor­be­nen Medi­en­ma­gna­ten Robert Max­well, und lebt doch das Leben eines Jung­ge­sel­len. Er ver­bringt 600 Stun­den im Jahr in sei­nen ver­schie­de­nen Flug­zeu­gen, wäh­rend er die Welt nach Inves­ti­ti­ons­mög­lich­kei­ten absucht. Er besitzt das angeb­lich größ­te Pri­vat­haus Man­hat­tans, führt sei­ne Geschäf­te jedoch von einer 100 Hekt­ar gro­ßen Pri­vat­in­sel in St. Tho­mas aus.

Die Macht an der Wall Street ist in der Regel denen zuge­fal­len, die offen um sie gekämpft haben. Sor­os. Was­ser­stein. Kra­vis. Weill. Der Sturm und Drang ihrer Erfol­ge und Mißer­fol­ge hat sich vor den Augen der Öffent­lich­keit abge­spielt. Epstein paßt nicht in die­ses Mus­ter. Fast jeder­mann an der Wall Street hat schon von ihm gehört, aber nie­mand scheint zu wis­sen, was genau er eigent­lich treibt. Und genau so gefällt es ihm.

„Ich glau­be, daß Jeff eine Art Geld­ver­wal­tungs­fir­ma betreibt, obwohl man von ihm kei­ne kla­re Ant­wort dar­auf bekommt“, sagt ein bekann­ter Inves­tor. „Er hat mir ein­mal erzählt, daß 300 Leu­te für ihn arbei­ten, und ich habe auch gehört, daß er das Geld der Rocke­fel­lers ver­wal­tet. Aber Genaue­res weiß man nicht. Es ist wie beim Zau­be­rer von Oz – viel­leicht steckt weni­ger dahin­ter, als man auf den ers­ten Blick zu sehen bekommt.“

Ein ande­rer pro­mi­nen­ter Wall-Street-Insi­der sagt: „Er ist eine mys­te­riö­se, Gats­by-ähn­li­che Figur. Er mag es, wenn die Leu­te von ihm den­ken, daß er sehr reich ist, und er gibt sich sehr abge­ho­ben. Das Gan­ze ist seltsam.“

Als nächs­tes schwärmt der Autor Lan­don Tho­mas jr. (der sei­nem Hel­den noch lan­ge nach sei­ner Ver­ur­tei­lung als Sexu­al­straf­tä­ter die Treue hielt) über Epsteins gutes Aus­se­hen und sein locke­res Auf­tre­ten, und erwähnt neben­bei, daß er “ein enthu­si­as­ti­sches Mit­glied der Tri­la­te­ra­len Kom­mis­si­on und des Coun­cil on For­eign Rela­ti­ons sei”, also zwei­er berühmt-berüch­tig­ter Denk­fa­bri­ken, die eine zen­tra­le Rol­le in zahl­lo­sen Ver­schwö­rungs­theo­rien spielen.

In Anbe­tracht der spä­te­ren Ent­hül­lun­gen läßt das fol­gen­de Zitat von Donald Trump (der natür­lich die Gele­gen­heit nutz­te, über sich sel­ber zu spre­chen) die Ohren spitzen:

Epstein erzählt ger­ne, daß er ein Ein­zel­gän­ger ist, ein Mann, der nie Alko­hol oder Dro­gen ange­rührt hat und des­sen Nacht­le­ben alles ande­re als auf­re­gend sei. Wenn man jedoch mit Donald Trump spricht, ergibt sich ein ganz ande­res Bild von Epstein. „Ich ken­ne Jeff seit fünf­zehn Jah­ren. Ein tol­ler Kerl“, dröhnt Trump aus einem Laut­spre­cher. „Es macht viel Spaß, mit ihm abzu­hän­gen. Man sagt sogar, daß er schö­ne Frau­en genau­so mag wie ich, und vie­le von ihnen sind eher auf der jün­ge­ren Sei­te. Kein Zwei­fel – Jef­frey genießt sein gesell­schaft­li­ches Leben.“

“It is even said that he likes beau­tiful women as much as I do, and many of them are on the youn­ger side.”

Die­ser damals 49jährige Play­boy sei aber nicht nur an “beau­tiful women” inter­es­siert, son­dern vor allem an “beau­tiful minds”:

So wie man­che Schmet­ter­lin­ge sam­meln, sam­melt er bril­lan­te Köp­fe. „Ich inves­tie­re in Men­schen – sei es in der Poli­tik oder in der Wis­sen­schaft. Das ist mei­ne Auf­ga­be“, hat er Freun­den gegen­über gesagt. Und sei­ne jüngs­te Tro­phäe ist der ehe­ma­li­ge Prä­si­dent. In sei­nen Augen reprä­sen­tiert Clin­ton als Spe­zi­es die höchs­te Evo­lu­ti­ons­stu­fe des poli­ti­schen Tie­res. Ihm so nahe zu sein wie wäh­rend der Afri­ka­rei­se ist ver­gleich­bar mit der Begeg­nung mit den sel­tens­ten Tie­ren auf einer Safari.

Clin­ton ließ Tho­mas durch sei­nen Pres­se­spre­cher mitteilen:

„Jef­frey ist sowohl ein äußerst erfolg­rei­cher Finan­zier als auch ein enga­gier­ter Phil­an­throp mit einem aus­ge­präg­ten Gespür für glo­ba­le Märk­te und fun­dier­ten Kennt­nis­sen der Wis­sen­schaft des 21. Jahrhunderts.”

An ande­rer Stel­le for­mu­liert Tho­mas, Epstein gehe sei­ner “Samm­lung von Wis­sen­schaft­lern und Poli­ti­kern” mit dem “Eifer eines Tro­phä­en­jä­gers” nach. Dabei haben es ihm vor allem die Wis­sen­schaft­ler ange­tan, denen er bis zu 20 Mil­lio­nen Dol­lar im Jahr spen­de, um ihre Arbeit zu för­dern. Beson­de­re Erwäh­nung fin­det der öster­rei­chi­sche Bio­ma­the­ma­ti­ker Mar­tin Nowak, der nun wegen sei­ner einst inni­gen Kon­tak­te zu Epstein sank­tio­niert wird.

Die­se Nei­gung, sich aus wel­chen Grün­den auch immer zum Mäzen von Wis­sen­schaft­lern zu machen, ist ein kon­sis­ten­tes Mus­ter in Epsteins Leben. Der Spie­gel 4/2026 und ande­re Medi­en the­ma­ti­sie­ren gera­de aus­führ­lich sei­ne Bezie­hun­gen zu einem wei­te­ren Pro­té­gé, dem deut­schen KI-For­scher Joscha Bach, mit dem er sich in einer E‑mail über das Pro­blem der pla­ne­ta­ren Über­be­völ­ke­rung aus­tausch­te (Epstein erschie­nen “Mas­sen­hin­rich­tun­gen” von Alten und Gebrech­li­chen zum Zwe­cke der Bevöl­ke­rungs­re­duk­ti­on als ein­leuch­ten­de Idee.)

Was die Bezie­hung zu Ghis­lai­ne Max­well angeht, so heißt es bei Tho­mas 2002:

Obwohl sie wei­ter­hin befreun­det sind, ver­mu­ten eng­li­sche Bou­le­vard­zei­tun­gen, daß Max­well sich eine dau­er­haf­te­re Bezie­hung wünscht, wäh­rend Epstein die­ses Gefühl jedoch aus unbe­kann­ten Grün­den nicht erwi­dert. „Es ist eine mys­te­riö­se Bezie­hung, die sie ver­bin­det“, sagt der Gesell­schafts­jour­na­list David Patrick Colum­bia. „In gewis­ser Wei­se sind sie See­len­ver­wand­te, doch sie sind kaum noch Part­ner. Es ist eine net­te, kon­ven­tio­nel­le Bezie­hung, in der sie sich gegen­sei­tig ihren Zwe­cken dienen.“

Heu­te wis­sen wir, daß Ghis­lai­ne zu die­sem Zeit­punkt min­der­jäh­ri­ge Mäd­chen für Jef­frey angel­te und zu sexu­el­len Diens­ten dräng­te, dar­un­ter bereits Vir­gi­nia Giuffre.

Als nächs­tes folgt eine glo­ri­fi­zie­ren­de Beschrei­bung von Epsteins Leben. Aus ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen stam­mend, zeig­te sich bald das Genie des jun­gen Mathe­ma­tik­leh­rers aus Coney Island, der Robin Wil­liams’ Figur in Club der toten Dich­ter geäh­nelt haben soll. Er wur­de an den Invest­ment­ban­ker Ace Green­berg von Bear Stear­ns ver­mit­telt und mach­te sich 1982 (in Wahr­heit war es 1981) selbstständig.

Die Geschich­te, die Tho­mas nun erzählt, ist ein wenig anders als jene, die man heu­te auf Wiki­pe­dia nach­le­sen kann, wonach sich Epsteins Fir­ma zunächst dar­auf spe­zia­li­sier­te, Rück­for­de­rungs­an­sprü­che auf ver­un­treu­te Gel­der durchzusetzen.

Tho­mas hin­ge­gen schreibt, daß die­ser mys­te­riö­se, kaum drei­ßig Jah­re alte Tau­send­sas­sa augen­blick­lich “hard to get” gegen­über Super­rei­chen gespielt habe und auf einem hohen Niveau und mit augen­blick­li­chem Erfolg in das Geschäft der Ver­mö­gens­ver­wal­tung ein­ge­stie­gen sei:

Die Prä­mis­se dahin­ter war ein­fach: Epstein wür­de das Pri­vat- und Fami­li­en­ver­mö­gen von Kun­den mit einem Ver­mö­gen von min­des­tens 1 Mil­li­ar­de Dol­lar oder mehr ver­wal­ten. Und genau hier wird das Rät­sel noch grö­ßer. Denn der Über­lie­fe­rung zufol­ge begann Epstein 1982 sofort, Kun­den zu akqui­rie­ren. Es gab kei­ne Road­shows, kei­ne spek­ta­ku­lä­ren Mar­ke­ting-Prä­sen­ta­tio­nen – nur Fol­gen­des: Jeff Epstein stand nur für Leu­te mit einem Ver­mö­gen von 1 Mil­li­ar­de Dol­lar oder mehr zur Verfügung.

Auch sei­ne Fir­ma soll­te anders als die ande­ren sein. Er bot nicht bloß Anla­ge­be­ra­tun­gen an; er sah sich selbst als Finanz­ar­chi­tekt sämt­li­cher Aspek­te des Ver­mö­gens sei­ner Kun­den – von Inves­ti­tio­nen über Phil­an­thro­pie und Steu­er­pla­nung bis hin zu Sicher­heits­pro­ble­men und der Lin­de­rung der Schuld­ge­füh­le und Belas­tun­gen, die mit einem gro­ßen geerb­ten Ver­mö­gen ein­her­ge­hen kön­nen. „Ich möch­te, daß die Men­schen die Macht, die Ver­ant­wor­tung und die Last ihres Gel­des ver­ste­hen“, sag­te er damals zu einem Kollegen.

(…)

Von Anfang an war sein Geschäft erfolg­reich. Aber die Bedin­gun­gen für eine Inves­ti­ti­on bei Epstein waren hoch: Er ver­lang­te die voll­stän­di­ge Kon­trol­le über die Mil­li­ar­de Dol­lar, eine Pau­schal­ge­bühr und eine Voll­macht, alles zu tun, was er für not­wen­dig hielt, um die finan­zi­el­len Inter­es­sen sei­nes Kun­den zu för­dern. Und er blieb bei der Ein­stiegs­ge­bühr von 1 Mil­li­ar­de Dol­lar. Leu­te, die ihn ken­nen, behaup­ten, man hät­te von Epstein eine nicht gera­de höf­li­che Absa­ge erhal­ten, wenn man bloß 700 Mil­lio­nen Dol­lar wert war und sei­ne Diens­te in Anspruch neh­men wollte.

Eine schier unglaub­li­che Sto­ry! Jeden­falls ist sie im Kern die Geschich­te, die sich bis heu­te “offi­zi­ell” gehal­ten hat: Epstein habe sein unge­heu­res Ver­mö­gen als Finanz­ver­wal­ter von Mil­li­ar­dä­ren erwor­ben, von denen nur zwei nament­lich bekannt sind, Les­lie Wex­ner und Leon Black. Tho­mas behaup­tet, es hät­te noch mehr Kli­en­ten gege­ben, die­se “Lis­te” (bereits hier taucht eine auf) sei jedoch streng geheim.

Die Wahr­heit ist ver­mut­lich, daß Epstein sei­ne Hoch­sta­tus-Beschäf­ti­gung erst viel spä­ter auf­ge­nom­men hat. 1987 läßt Tho­mas Les­lie Wex­ner auf­tre­ten, den Mogul eines Kon­zern­kon­glo­me­rats, das unter ande­rem Damen­be­klei­dung und ‑unter­wä­sche ver­kauft. Er war der offi­zi­el­len Dar­stel­lung nach Epsteins Haupt­kli­ent, dem er den Groß­teil sei­nes Reich­tums verdankt.

Tho­mas unter­schlägt aller­dings eine wei­te­re wich­ti­ge Figur in Epsteins Kar­rie­re, die zu die­ser Zeit in sein Leben trat, den Geschäfts­mann Ste­ven Hof­fen­berg, der 1995 für einen gigan­ti­schen Finanz­be­trug zu 20 Jah­ren Haft ver­ur­teilt wur­de – ein “Pon­zi-Sys­tem”, an dem Epstein laut Hof­fen­berg mas­siv betei­ligt gewe­sen sein soll.

Der Arti­kel endet mit einer wei­te­ren Mystifikation:

Freun­de von Epstein sagen, er sei ent­setzt über die jüngs­te Wel­le der Medi­en­auf­merk­sam­keit um sei­ne Per­son (…) Er hat nie ein offi­zi­el­les Inter­view gege­ben und auch die­sem Maga­zin kei­nes ange­bo­ten, noch ist sein Bild jemals in einer Publi­ka­ti­on erschie­nen. Doch bei jeman­dem, der so ver­ses­sen dar­auf ist, sei­ne Pri­vat­sphä­re zu wah­ren, fragt man sich: War ihm nicht klar, daß sei­ne Tar­nung auf­flie­gen wür­de, als er Clin­ton und Spacey durch Afri­ka flog?

Ich ver­mu­te, daß die­ser Text viel­mehr im Ein­ver­neh­men mit Epstein ent­stan­den ist, um ein mög­lichst posi­tiv schil­lern­des Image von ihm zu erzeu­gen. Wesent­li­che Bestand­tei­le sind des Mythos sind schon dar­in ent­hal­ten: Viel Geld, hohe Intel­li­genz, klan­des­ti­ne Ope­ra­tio­nen, eine “Samm­lung” von Berühmt­hei­ten, das Pri­vat-Flug­zeug und die Pri­vat-Insel, sowie die Dau­er­prä­senz von Frau­en “on the youn­ger side”, eine For­mu­lie­rung, die ziem­lich omi­nös und euphe­mis­tisch klingt.

Es gibt Ver­su­che, Epsteins Reich­tum (als er starb, sol­len es 600 Mil­lio­nen Dol­lar gewe­sen sein) vor allem durch krum­me Geschäf­te zu erklä­ren. Die­ser Arti­kel aus der New York Times vom 16. Dezem­ber 2025 por­trai­tiert Epstein als Betrü­ger und Hoch­stap­ler, der sei­ne Geschäfts­part­ner rou­ti­ne­mä­ßig aus­ge­beu­tet und übers Ohr gehau­en hat. Die­ser Zug an Epstein scheint mir recht offen­sicht­lich zu sein, wes­halb man wohl vie­les, was er in sei­nen Mails schreibt, nicht unge­prüft für bare Mün­ze neh­men sollte.

Die Fra­ge, wie Epstein, der Stu­di­en­ab­bre­cher aus Brook­lyn, zu sei­nem immensen Ver­mö­gen gekom­men ist und vom Nobo­dy zur Alpha-Spin­ne in einem gigan­ti­schen Netz­werk inter­na­tio­na­ler Eli­ten wur­de, steht im Zen­trum der Spe­ku­la­ti­on, er wäre spä­tes­tens seit den Neun­zi­ger­jah­ren von Geheim­diens­ten finan­zi­ell gefüt­tert wor­den, um eine Art Infra­struk­tur auf­zu­bau­en, mit der sich spio­nie­ren und Kom­pro­mat sam­meln ließ.

Ent­spre­chen­de Ver­bin­dun­gen gab es ver­mut­lich bereits in den Acht­zi­ger­jah­ren, als Epstein für den bri­ti­schen Geschäfts­mann Dou­glas Lee­se arbei­te­te und durch ihn mit dem berüch­tig­ten ara­bi­schen Waf­fen­hän­der Adnan Kas­hog­gi in Kon­takt kam. Aus die­ser Zeit stammt auch ein mys­te­riö­ser gefälsch­ter Paß mit dem Kon­ter­fei Epsteins, der sei­nen Besit­zer als öster­rei­chi­schen Staats­bür­ger mit Wohn­sitz Sau­di-Ara­bi­en ausweist.

Oft zitiert wird Trumps zeit­wei­li­ger Arbeits­mi­nis­ter Andrew Acos­ta, der 2008 als Staats­an­walt in Flo­ri­da dafür sorg­te, daß Epstein in sei­nem ers­ten Pro­zeß wegen Pro­sti­tu­ie­rung Min­der­jäh­ri­ger mit einem recht mil­den “Deal” davon­kam. Angeb­lich sei ihm beschie­den wor­den, die Fin­ger von Epstein zu las­sen, weil er ihm “eine Num­mer zu groß” (abo­ve his pay­gra­de) und in Geheim­dienst­ak­ti­vi­tä­ten invol­viert sein. Man kann sich Epstein ziem­lich mühe­los als Infor­man­ten vor­stel­len, der sein immenses Insi­der­wis­sen – dar­un­ter nicht not­wen­di­ger­wei­se, aber natür­lich auch mora­li­sches Kom­pro­mat – wei­ter­lei­tet oder verkaúft.

Der Haupt­ver­däch­ti­ge ist hier natür­lich der Mos­sad – eine Annah­me, an dem auch das stramm pro-israe­li­sche Por­tal NIUS nicht vor­über­ge­hen kann. Was sind die Indi­zi­en? Da wäre grund­le­gend die Tat­sa­che, daß Epstein ein Jude mit einer star­ken jüdi­schen Iden­ti­tät war, der sei­ne Kar­rie­re­lei­ter haupt­säch­lich mit Hil­fe jüdi­scher Men­to­ren und Netz­wer­ke aus der Finanz­welt erklom­men hat: Ace Green­berg, Les­lie Wex­ner, Ste­ve Hof­fen­berg, Leon Black, Aria­ne de Roth­schild und die Schwei­zer Pri­vat­bank Edmond de Roth­schild Group. Wex­ner und Black sind bei­de Zio­nis­ten (Wex­ner beson­ders expo­niert), die viel Geld für jüdi­sche und israe­li­sche Inter­es­sen gespen­det haben.

Epsteins engs­te Kom­pli­zin war Ghis­lai­ne Max­well, Toch­ter des mys­te­riö­sen jüdi­schen Unter­neh­mers, Labour-Poli­ti­kers und Mos­sad- wie auch KGB-Agen­ten Robert Max­well; einer sei­ner pro­mi­nen­tes­ten Anwäl­te war der arro­gan­te Hard­core-Zio­nist Alan Der­show­itz. Er spen­de­te Geld an jüdi­sche Orga­ni­sa­tio­nen wir Jewish Natio­nal Fund, Fri­ends of the IDF, Hil­lel, UJA-Fede­ra­ti­on. Enge Kon­tak­te pfleg­te er – ver­mit­telt durch Shi­mon Peres – seit 2003 mit Ehud Barak, dem ehe­ma­li­gen israe­li­schen Minis­ter­prä­si­den­ten (1999–2001), Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter (2007–13) und Gene­ral­stabs­chef der IDF (1991–95).

Zusätz­lich kuschel­te er pri­vat mit pro­mi­nen­ten Juden wie Noam Chom­sky oder Woo­dy Allen. In etli­chen sei­ner E‑mails wer­den Nicht-Juden von ihm und sei­nen Mit­ar­bei­tern mit dem abwer­ten­den Wort “goy­im” bezeich­net. Gegen­über Peter Thiel äußer­te er, “Ich reprä­sen­tie­re die Roth­schilds”. Signi­fi­kant ist viel­leicht auch, daß auch Peter Man­dels­on, der bri­ti­sche Labour-Poli­ti­ker, der 2009 Epstein sen­si­ble poli­ti­sche Insi­der-Infor­ma­tio­nen zuge­spielt hat­te, wäh­rend er das Amt des Wirt­schafts­mi­nis­ter beklei­de­te, jüdi­scher Abstam­mung ist.

Die­ser Schwer­punkt ist allem Gejam­mer von wegen “anti­se­mi­ti­scher Ver­schwö­rungs­theo­rien” (inklu­si­ve Ritu­al­mord-Ver­däch­ti­gun­gen) zum Trotz nicht zu über­se­hen. Es ist schlicht und ein­fach eine Tat­sa­che. Epstein war eine arche­ty­pisch nega­ti­ve jüdi­sche Figur am Ran­de der Kari­ka­tur in einem eth­nisch domi­nant jüdi­schen Kon­text: Ein extrem mer­ku­ri­al ver­an­lag­ter Netz­wer­ker, der vor allem auf dem finan­zi­el­len Sek­tor agier­te, ein cha­ris­ma­ti­scher Betrü­ger, Blen­der und Hoch­stap­ler, und am Ende, um die bösen Kli­schees voll zu machen, sogar noch ein Ver­der­ber, Ver­füh­rer und mut­maß­li­cher Ver­ge­wal­ti­ger von jun­gen wei­ßen Mäd­chen. Er gehör­te zum sel­ben Typus wie Alex­and­re Sta­vis­ky, Mey­er Lan­sky, Marc Rich, Roy Cohn, Robert Max­well, Ber­nie Mad­off oder Domi­ni­que Strauss-Kahn.

Auch das ist ein Grund, war­um der Fall Epstein der­art poli­tisch auf­ge­la­den ist, denn er hängt mit der schwe­len­den, nicht mehr unter­drück­ba­ren Fra­ge nach der poli­ti­schen Macht des Zio­nis­mus in Ame­ri­ka zusam­men. Soll­te sich näm­lich her­aus­stel­len, daß Epstein im Auf­trag des Mos­sad einen Pädo­phi­len-Ring zum Zwe­cke der Erpres­sung und Spio­na­ge geführt hat, stün­den der angeb­lich “grea­test ally” und sei­ne Unter­stüt­zer mal wie­der sehr schlecht da.

Ich den­ke zwar, daß es wahr­schein­lich Spio­na­ge­tä­tig­kei­ten und Aus­tausch von sen­si­blen Infor­ma­tio­nen gab, und zwar in meh­re­re Rich­tun­gen (in einer Mail prahlt Epstein, etli­che Freun­de im rus­si­schen Geheim­dienst zu haben). Aller­dings nicht, daß sich die Din­ge in jener direk­ten Form abge­spielt haben, die von den Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern favo­ri­siert wird, vor allem, was die Erpres­sung angeht. Wenn Epstein selbst das “Kom­pro­mat” bereit­ge­stellt hat, dann hät­te man die Erpres­sungs­op­fer schwer­lich auf­flie­gen las­sen, ohne ihn selbst mit hoch­ge­hen zu lassen.

Ich hal­te es für sehr wahr­schein­lich, daß Epstein hin und wie­der Mäd­chen aus sei­nem “Sys­tem” an Spieß­ge­sel­len wei­ter­ger­reicht hat, aber die Indi­zi­en für einen orga­ni­sier­ten Sex­han­del, noch dazu mit Kin­dern und Min­der­jäh­ri­gen, sind bis dato gering. Das heißt nicht, daß in sei­nem Umkreis nicht üble Din­ge, Aus­schwei­fun­gen und sexu­el­le Straf­ta­ten pas­siert sind.

Wenn, dann hat­ten die­se Din­ge wohl eher den Zweck von “Gefäl­lig­kei­ten” oder von “vice bon­ding”, um die Kom­pli­zen­schaft zu stär­ken und die Betrof­fe­nen mani­pu­lier­bar zu machen. Und dies gilt nur für jene Kon­tak­te Epsteins, die für der­glei­chen anfäl­lig waren. Es ist selbst­ver­ständ­lich Unsinn, in jedem ein­zel­nen Schmet­ter­ling sei­ner Samm­lung einen Kun­den für Kin­der- oder Min­der­jäh­ri­gen­sex zu sehen. (Die aller­meis­ten sei­ner Kon­tak­te dürf­ten in sei­ner Ver­ur­tei­lung ein “Kava­liers­de­likt” gese­hen haben, dem sie kei­ne gro­ße Bedeu­tung zuma­ßen, was natür­lich eini­ges über ihre mora­li­schen Stan­dards aus­sagt. Ver­mut­lich war sein “Social pro­of” durch Zahl und Rang sei­ner “Freun­de” so groß, daß es hier wenig Berüh­rungs­ängs­te gab.)

Wit­zi­ger­wei­se sieht einer der emsigs­ten Zustän­di­gen für Ver­schwö­rungs­theo­rien, Ger­hard Wis­new­s­ki, die Sache ähn­lich wie ich (sei­ne The­se, die Ver­öf­fent­li­chung der Akten sei eine “Psy-Op” mit dem Ziel der all­ge­mei­nen Demo­ra­li­sie­rung hal­te ich aber für Quatsch, geschul­det der fixen Idee, daß nichts da drau­ßen unge­plant pas­siert):(Wer sagt das folgende?)

Die wah­re Rol­le Epsteins? Wis­new­s­ki wider­spricht der popu­lä­ren Theo­rie, dass Epstein pri­mär ein Erpres­sungs­ring für den Mos­sad oder ande­re Diens­te war. Zwar hält er eine Geheim­dienst­tä­tig­keit für sehr wahr­schein­lich, doch er plä­diert für das Kon­zept des „Fri­end­ly Networking“.

Anstatt Eli­ten durch har­te Erpres­sung (Kom­pro­mat) gefü­gig zu machen, was Rache­ge­lüs­te und Miss­trau­en schü­ren wür­de, sei es effek­ti­ver, sie durch Gefäl­lig­kei­ten, Luxus­rei­sen und das Ver­mit­teln von Part­ne­rin­nen emo­tio­nal zu bin­den. Wer ein­mal den Luxus auf Epsteins Insel genos­sen und dort Kon­tak­te geknüpft habe, ste­he in einer Schuld, die stär­ker wir­ke als Angst. Epstein fun­gier­te dem­nach als Spin­ne im Netz, die Ver­bin­dun­gen zwi­schen Super­rei­chen, Poli­ti­kern und Wis­sen­schaft­lern im Sin­ne sei­ner Auf­trag­ge­ber knüpfte.

Las­sen wir noch ein­mal den Epstein-Skep­ti­ker Eugyp­pi­us zu Wort kommen:

Der all­ge­mei­ne Ver­such, alles in ein ein­zi­ges Paket zu ste­cken, ist eines der größ­ten Pro­ble­me der Art und Wei­se, wie die Men­schen über Epstein den­ken. Epstein, der Spi­on, muß Teil der­sel­ben Geschich­te sein wie Epstein, der Sexu­al­straf­tä­ter, der wie­der­um Teil der­sel­ben Geschich­te sein muß wie Epstein, der Pro­mi­nen­te, was natür­lich auch mit Epstein und sei­nem dubio­sen Selbst­mord zusam­men­hängt. Die Sache ist nur, daß nicht not­wen­di­ger­wei­se alle die­se Tei­le mit­ein­an­der in Ver­bin­dung ste­hen müs­sen oder sogar plau­si­bel mit­ein­an­der in Ver­bin­dung gebracht wer­den kön­nen. Viel­leicht war Epstein eine Art Spi­on oder Infor­mant des FBI, der in sei­nem Pri­vat­le­ben auch Teen­ager-Mäd­chen miß­braucht hat. Das erscheint mir tat­säch­lich unend­lich viel plausibler.

Auch das befrie­digt mich aller­dings nicht so recht, und ich gebe zu, daß ich hier an den Gren­zen mei­ner Urteils­fä­hig­keit ange­langt bin: Ich weiß schlicht­weg nicht, wie die Welt der Spio­ne, der Finanz­haie, des Cele­bri­ty-Jet­sets funktioniert.

“Aber Licht­mesz”, wer­den nun eini­ge sagen, “Was ist mit den dubio­sen mut­maß­li­chen Codes, mit den ver­däch­ti­gen Fotos und Vide­os und den maka­bren Anspie­lun­gen und den kras­sen Zeu­gen­aus­sa­gen, die sich in den Akten fin­den? Kann man das alles wirk­lich bei­sei­te wischen?”

Mei­ne Mei­nung dazu im drit­ten und letz­ten Teil die­ser Serie!

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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