Wir erinnern uns an “America First”, den “ökonomischen Nationalismus” und vor allem an seine harsche Kritik an den interventionistischen Abenteuern seiner Vorgänger, insbesondere den desaströsen Irak-Krieg. Das hat ihm viele Sympathien und Stimmen eingebracht, aber Trump hat von Anfang mit gespaltener Zunge gesprochen.
Sein Bocksfuß war stets eine Tatsache, die auch von manchen seiner hiesigen Fans enthusiatisch begrüßt wurde: Nämlich seine enge Bindung an rechtszionistische Kreise, Geldgeber und Benjamin Netanjahu selbst. Insbesondere unseren werten “Liberalkonservativen” erschien das als ein absoluter Jackpot, denn zumindest ein klassisches Totschlagargument konnte man gegen Trump nicht ins Feld führen: Daß er ein “Antisemit” sei. Mehr noch, man konnte sich hinter Trumps scheinbar extremer Judenfreundlichkeit verschanzen wie hinter einem Schutzschild, und von diesem aus womöglich auch noch selber “Antisemitismus”-Keulen austeilen.
Nüchtern betrachtet kam Trump einfach den Interessen bestimmter Gruppen von Juden entgegen, während andere ihn vehement bekämpften. Nun lag aber bereits in seiner dezidierten zionistischen Parteinahme ein gewisser Widerspruch zu seiner Wahlkampfrhetorik versteckt, denn es ist nun einmal so, wie man bei John Mearsheimer und Stephen Walt mustergültig nachlesen kann, daß die amerikanischen Eingriffe in den Nahen Osten sehr eng mit der Allianz mit Israel zusammenhängen.
“Israel” umfaßt hier nicht bloß den Staat Israel oder die Likud-Partei, sondern auch einflußreiche amerikanische Juden mit doppelter Staatsangehörigkeit, jüdische wie nicht-jüdische Meinungsführer insbesondere im evangelikal-dispensationalistischen Bereich oder schlicht und einfach Politiker (wie etwa Ted Cruz), die sich diesem Staat aus religiösen (den Juden wird als “erwähltes Volk” der Bibel ein Sonderstatus unter den Menschen und Völkern zugeschrieben) wie auch monetären Gründen eng verbunden fühlen.
Denn es ist eine Tatsache, daß Lobbies wie etwa das American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) einen enormen Einfluß auf amerikanische Senatoren und Kongreßmänner ausüben, dem sich nur sehr wenige, die eine ernsthafte Karriere verfolgen wollen, entziehen können. Auch wenn diese Verbindungen bei den Republikanern offener und expliziter zu Tage liegen, betrifft dies Politiker beider Parteien.
Hier etwa eine beispielhafte, auszughafte Liste, basierend auf Daten von opensecrets.org. Demnach erhielten folgende US-Senatoren folgende Summen aus pro-israelischen Quellen:
- Joe Biden (D): $4,226,576
- Hillary Clinton (D): $2,352,302
- Kamala Harris (D): $2,346,605
- Mark Kirk (R ): $2,294,469
- Joe Lieberman (D): $1,997,774
- Mitch McConnell (R ): $1,951,910
- Ted Cruz (R ) : $1,872,592
- Chuck Schumer (D): $1,727,974
Donald Trump selbst hat massive Gelder aus pro-israelischen Quellen erhalten, darunter hunderte Millionen Dollar von dem inzwischen verstorbenen jüdischen Milliardär Sheldon Adelson und dessen Witwe Miriam (geboren 1945 in Tel Aviv). Er hat wiederholt mit verblüffender Offenheit erklärt, daß es ihm ein großes Anliegen sei, Israels Macht über den Kongreß sicherzustellen (siehe etwa hier). Also die Macht eines fremden Staats über die amerikanische Legislative.
Trump, der in diesem Jahr achtzig wird, wirkt in seinen öffentlichen Auftritten immer mehr wie ein leicht besoffener, hemmungsloser alter Onkel, der auf Familienfesten keinen Pfifferling mehr auf Etikette gibt, und auf nahezu klamaukige Weise die diplomatischen Fassaden der Macht mißachtet.
Am 13. Oktober hielt er anläßlich des Waffenstillstands in Gaza in der Knesset eine Rede, in der er launig und ohne jeden Genierer preisgab, in Adelsons Tasche zu stecken und seine Politik nach ihren Wünschen zu gestalten. Er sprach sie in einem humorigen, kollegialen Tonfall an, als wäre er in einer ausgelassenen privaten Runde.
Seht euch Miriam an! Da hinten ist sie. Steh auf, Miriam, steh auf! Miriam und Sheldon kamen oft ins Büro. Ich glaube, sie kamen öfter ins Weiße Haus als alle anderen, die mir einfallen. Seht sie euch an, wie unschuldig sie da sitzt! Sie hat 60 Milliarden auf der Bank. 60 Milliarden! [Gelächter]
Und sie liebt Israel, und sie kamen… Ihr Gatte war ein sehr aggressiver Mann, aber ich habe ihn geliebt … er hat mich sehr unterstützt… er rief an und fragte: Kann ich zu Ihnen kommen und Sie sehen? Und ich sagte: “Sheldon, ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten, das funktioniert so nicht!”
Und er kam und sie haben mich über viele Dinge zum Nachdenken gebracht, die Golan-Höhen, was wahrscheinlich eines der größten Dinge ist, die je passiert sind.
Sie liebt dieses Land. Ich werde sie damit in Schwierigkeiten bringen, aber ich habe sie tatsächlich einmal gefragt, ich sagte: “Also, Miriam, ich weiß, daß Sie Israel lieben. Was lieben Sie mehr, die Vereinigten Staaten oder Israel?” Sie weigerte sich zu antworten. Das könnte bedeuten, daß es Israel ist.
Die Huldigung wurde von der Adressatin grinsend entgegengenommen, aber vielleicht war manchen der Anwesenden (man achte auf den Herren zur Linken von Miriam) war etwas mulmig zumute angesichts einer derartigen Offenheit. Trump gab im Grunde zu, daß er sein Land wie ein Mafiaboß regiert, der ständig Deals mit seinen “GoodFellas” aushandelt.
Dennoch bleibt er unberechenbar und erfüllt keineswegs alle Wünsche Netanjahus, trotz der permanenten Schleimerei, mit der sich diese beiden Staatsmänner Honig ums Maul schmieren. Als es im Juni dieses Jahres zur militärischen Eskalation zwischen Israel und dem Iran kam, bügelte Trump diesen Konflikt mit ein paar Alibi-Aktionen nieder, stieg aber nicht in einen regelrechten Krieg ein, wie es Netanjahu vermutlich gewünscht hätte.
Dieser gewaltige Elefant im Raum, der immense politische Einfluß einer fremden Nation auf die amerikanische Politik und die Art, wie er ausgeübt wird (wofür die Adelsons exemplarische Figuren sind) ist der wesentliche Grund, warum sich “die MAGA-Bewegung” gerade zerstreitet, wie es Sofia Dreisbach in der FAZ formuliert hat.
Sie braucht jedoch acht Absätze, bis sie zum Kern des Konflikts der amerikanischen Rechten vorgedrungen ist, aber nur, um ihn en passant ohne weitere Tiefenschürfung zu erwähnen:
Wie steht MAGA zu Israel? Zu antisemitischen Aussagen in den eigenen Reihen? Wie weit geht die von Trumps Anhängern immer wieder beschworene Meinungsfreiheit? Was ist „amerikanisch“, was nicht?
Das ist alles nicht scharf genug formuliert, denn die entscheidende Frage lautet: “Israel First” oder “America First”? Und Dreisbach übernimmt den Rahmen eines dezidierten “Israel Firster”, nämlich Ben Shapiro:
Der konservative Kommentator Ben Shapiro, ein orthodoxer Jude, machte auf der Konferenz in Phoenix den Anfang – und sprach in düsteren Tönen. Die Bewegung sei in „ernsthafter Gefahr“, sagte Shapiro. Nicht nur von links, sondern auch durch „Scharlatane, die vorgeben, im Namen von Prinzipien zu sprechen, aber in Wirklichkeit Verschwörungstheorien und Unehrlichkeit verbreiten“. Konkret nannte Shapiro unter anderen die Podcasterin Candace Owens, die antisemitische Parolen und Verschwörungstheorien verbreitet, den früheren Fox-News-Moderator Tucker Carlson und Trumps früheren Chefstrategen Steve Bannon. Sie alle seien „Betrüger und Gauner“.
Worum es aber tatsächlich geht, ist, daß die “Israel Firster”, eine Klasse einflußreicher jüdischer Miliardäre und ihrer politischen Vasallen, nun zunehmend unter Druck geraten, sich der Frage zu stellen, welcher Nation sie denn nun eigentlich tatsächlich dienen und welche sie mehr “lieben”. Diese Leute müssen nun Farbe bekennen. Das alte Thema der “doppelten” oder wahren Loyalität liegt nun klar zutage.
Diese Frage ist vor allem deshalb innerhalb der MAGA-Bewegung virulent geworden, weil eine jüngere Generation von Republikanern immer weniger mit dem Israel-Kult der “Boomer” anfangen kann, die immer noch im Banne der von Peter Novick und Norman Finkelstein beschriebenen politischen Indienstnahme des Holocaust stehen. Nicht nur verliert diese historische Erzählung an emotionaler und symbolischer Macht – der Zionismus, der sich stark auf sie stützt, hat nicht zuletzt durch sein Vorgehen in Gaza enorm an moralischem Prestige eingebüßt.
So muß man meiner Ansicht auch den Brief Charlie Kirks an Netanjahu vom 2. Mai 2025 lesen, nämlich als Zwischenstation zu seiner wachsenden Distanz zum Zionismus und seinen aggressiven Lobbyisten innerhalb Amerikas, die nach seiner Ermordung vielfach belegt wurde. Die wesentliche Botschaft darin ist, daß Israel den Propagandakrieg verliert und nicht mehr imstande ist, Kirks Zielgruppe, die jungen Republikaner unter dreißig, zu erreichen, denen die bizarre Unterwerfung des Parteiestablishments unter einen fremden Staat zunehmend suspekt, unwürdig und ärgerlich erscheint.
Millennial Woes kommentierte diesen Ablösungsprozeß so:
Trotz Trumps Zurückhaltung in Bezug auf kriegerische Unternehmungen ist der Einfluß der zionistischen Lobby auf die amerikanische Politik offensichtlicher denn je und wird heftiger abgelehnt, als ich es je zuvor in meinem Leben gesehen habe. Dies hat bereits erhebliche Auswirkungen. Linke Kommentatoren (zum Beispiel Ana Kasparian) sagen Dinge, für die man früher auf YouTube gesperrt wurde. Elon Musk hat angekündigt, Thomas Massie [einer der wenigen israelkritischen Republikaner, ML] finanziell zu unterstützen. Und das ist erst der Anfang. Mit dem kulturellen und politischen Machtzuwachs der Millennials & Zoomer im Laufe der nächsten Jahre wird Israels Status in der amerikanischen Wahrnehmung drastisch sinken.
Ich glaube, daß wir in naher Zukunft ein ganz anderes Amerika erleben werden, als wir es bisher kannten, und dies nicht allein deswegen, weil die Boomer-Generation ausstirbt; es sind die Israelis selbst, die sich diskreditiert haben. Viele Amerikaner stellen sich wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben die Frage, warum ihr Land ausgerechnet diesem Schurkenstaat gegenüber so unterwürfig ist. Die politische Maschinerie wird gewiß aufgrund einer Mischung aus Unwissenheit, Gewohnheit und Verzweiflung erstmal weiterlaufen – die Unterwürfigkeit wird anhalten – und das wird die Lage nur verschlimmern. Wenn normale Amerikaner sehen, daß ihre Politiker immer noch so unterwürfig sind wie eh und je, wird ihre Unzufriedenheit zunehmen.
Ein wesentlicher Meilenstein in diesem Diskurs, eine massive Verschiebung des Overton-Fensters war das entspannte, respektvolle Interview, das Tucker Carlson, der erfolgreichste rechte Influencer der älteren Generation, am 28. Oktober 2025 mit Nick Fuentes, dem erfolgreichsten rechten Influencer der jüngeren Generation, geführt hat.
Fuentes war, so kann man wohl getrost sagen, der wesentlichste und schärfste Konkurrent Charlie Kirks im Kampf um die republikanische Jugend. Sein Appeal besteht vor allem in seiner flamboyanten und furchtlosen Art, die krassesten und kantigsten Dinge an- und auszusprechen, unter völliger Mißachtung jeglicher Themen- und Diskussionstabus.
Süchtig nach der Show und der Performance, nach Pointen und der Zurschaustellung seiner eigenen Radikalität, hat Fuentes ein beachtliches Sündenregister an kontroversen, oft gezielt beleidigenden (“rassistischen”, “antisemitischen”, “frauenfeindlichen” etc.) Aussagen angehäuft, die einander nicht selten widersprechen. Heischend nach größtmöglicher Aufmerksameit, kennt er kaum Prinzipientreue, ist aber in mindestens einem Punkt beharrlich und konsistent geblieben, und das ist genau jener, den er mit Carlson gemeinsam hat: Nämlich der Kritik und scharfen Ablehnung der zionistischen Einflußnahme.
Darüber gab es auch in unseren alternativen Medien nur Unsinn oder Nebelkerzen zu lesen. Stefan Frank beschränkte sich auf der pro-israelischen, neokonservativen Achse des Guten darauf, eine selektive Auswahl der haarsträubendsten Äußerungen von Fuentes (die er vermutlich nur aus zweiter bis dritter Hand kennt) herunterzuleiern. Und hier gibt es in der Tat eine Menge Unfug, Anstößiges und auch für meine eigenen Begriffe Widerwärtiges und Dummes zu finden. Aber in sehr vielen Dingen trifft Fuentes ganz offensichtlich ins Schwarze, worauf Frank nicht argumentativ, sondern nur frech gaslichternd eingeht. Kostprobe:
In der wahnhaften Welt von Antisemiten wie Fuentes aber lauert überall der „Antisemitismusvorwurf“. Weitschweifig erzählte er, wie er ausgegrenzt worden sei, so etwa vom konservativen jüdischen Journalisten Ben Shapiro, der ihn als Antisemiten bezeichnet habe – was Fuentes ja nun einmal ist. Er habe Shapiro damals geantwortet: „Wenn du zuerst für Israel bist, solltest du vielleicht nach Israel ziehen.“ Daraufhin habe ihn Shapiro wieder als Antisemiten bezeichnet.
Ein weiterer Punkt, in dem sich Carlson und Fuentes als gläubige Christen einig sind, ist die vehemente Ablehnung des “christlichen Zionismus”, der die Gebietsansprüche und die Politik des Staates Israel biblisch begründet. Die Christen haben gemäß dieser Ideologie die Pflicht, den Juden und Israel zu dienen, auch wenn sich dies auf beiden Seiten mit einander entgegengesetzten messianischen Endzeit- und „Armageddon“-Ideen verbindet. Die christliche Verhaftung an das Alte Testament wird hier manipulativ mißbraucht, um die zionistische Sache zu stützen (ich habe ausführlicher über dieses Thema in Sezession 124 geschrieben).
Auch zu diesem für die amerikanischen Konservativen essentiellen Punkt fällt Frank nichts ein außer Schmähungen:
Carlson will an dieser Stelle nicht nachstehen. Er hasse die „christlichen Zionisten“, platzte es aus ihm heraus, also proisraelische Christen wie Ted Cruz oder George W. Bush. „All die Leute, die ich kenne, sind von diesem Hirnvirus befallen […] Ich verabscheue sie mehr als alle anderen, weil es Ketzerei gegen das Christentum ist.“ Darum geht es beiden: Das Christentum zur selbst gebastelten Waffe machen gegen politische Gegner.
Der letzte Satz stellt die Lage auf den Kopf, denn es ist ja nicht anderes als die politische Nutzung bestimmter theologischer Vorstellungen als “Waffe gegen politische Gegner”, gegen die sich Carlson und der Katholik Fuentes wenden. Daran ist nichts “selbst gebastelt”; wenn überhaupt kann man diesen Vorwurf genauso gut der Ideologie des “christlichen Zionismus” machen.
Das Bemerkenswerte an dem Fuentes-Interview ist, daß die anschließenden Versuche der getroffenen belllenden Hunde à la Shapiro, Carlson ob dieser Grenzüberschreitung zu ächten und auszugrenzen, vollkommenen gescheitert sind. Ihr Beharren, daß “America First” eine zionistische Parteinahme voraussetzt oder mindestens inkludiert, erscheint zunehmend absurd und ergibt keinen Sinn für die jungen amerikanischen Patrioten.
Daß dieselben Leute am “First Amendment” sägen und “antisemitische” Äußerungen (also solche, die ihre Politik kritisieren) zensieren oder gar strafbar machen wollen, macht die Sache nicht besser, im Gegenteil. Fuentes ist nun Teil des akzeptierten Meinungsspektrums, und daran wird sich wohl so bald nichts mehr ändern, schon allein deswegen, weil er den Finger in eine Wunde legt, die nur die einschlägig interessierten Betriebsblinden nicht sehen wollen oder können.
In diesem „Bürgerkrieg“ innerhalb der amerikanischen Konservativen hat die pro-israelische Seite so gut wie keine Argumente auf ihrer Seite, und antwortet mit den üblichen Drohungen, Beschimpfungen, Ausgrenzungsversuchen und Gesprächsverweigerungen. Der ans Soziopathische grenzende Ethnonarzissmus, der Gaza verwüstet hat, ist voller blinder Flecken über sein eigenes Verhalten. Diesmal hat er den Bogen vermutlich überspannt. Gradmesser dafür werden die kommenden Entwicklungen in den USA sein.



Freichrist343
Die Intervention in Venezuela ist ein Fehler. Und es ist ein Fehler, dass Trump die Rüstungsausgaben erhöht. Gut ist, dass Trump die Einwanderung begrenzt und gegen Abtreibungen kämpft.
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