Sezession
28. August 2009

Kriegsbeginn 1. September

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 31 / August 2009

sez_nr31von Stefan Scheil

Der Zweite Weltkrieg ist immer noch jene Vergangenheit, die nicht vergehen will. Erst vor wenigen Monaten ging ein Sturm durch die bundesdeutsche Presselandschaft, als das russische Verteidigungsministerium einen Text ins Internet stellte, der eine wesentliche Verantwortung für den Krieg von 1939 der Republik Polen zuschob. Solche Vorwürfe wurden nicht unberechtigt erhoben.

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Aber: Ohne die scheinheilige Erneuerung des polnisch-sowjetischen Nichtangriffspakts im November 1938 und ohne das sowjetische Versprechen auf Waffenlieferungen im Kriegsfall gegen Deutschland, das der stellvertretende sowjetische Außenminister Potemkin im Frühjahr 1939 in Warschau abgegeben hat, hätte sich die Warschauer Führung im Rücken nicht frei für einen Kriegskurs gegen Deutschland fühlen können. Es ging den Sowjets darum, eine Mine unter Europa zu sprengen und dafür lieferte der deutsch-polnische Konflikt den nötigen Sprengsatz.

Mit dieser Betrachtung kommt man auf den Kern des Geschehens. Es lassen sich eine ganze Reihe von Staaten ausmachen, die im Jahr 1939 auf den Krieg zusteuerten. Entsprechend schwierig ist die Analyse der Absichten und Bedrohungslagen, aus denen heraus die Politik in den einzelnen Ländern damals gehandelt hat. Entsprechend abstrus ist die nach 1945 im Rahmen des Nürnberger Tribunals festgeschriebene Behauptung, es habe letztlich eine deutsche Alleinverantwortung vorgelegen. Dabei handelte es sich um eine bewußt in die Welt gesetzte Unwahrheit. Als die Nürnberger Anklagebehörde im Vorfeld des Prozesses feststellte, aus den erbeuteten deutschen Unterlagen gehe stets die Überzeugung hervor, Deutschlands Gegner hätten den Krieg erzwungen, sah sie sich vor Schwierigkeiten. So wurden Dokumente ungewisser Herkunft und unterschiedlicher Aussagekraft als angebliche Schlüsseldokumente in den Prozeß eingeführt, die diesem Eindruck scheinbar widersprachen. Dies sollte langfristig die Forschung beeinflussen, und noch im Jahr 2009 wird mit Verweisen auf die angeblich zu wenig berücksichtigten Schlüsseldokumente gegen kritische Literatur polemisiert. Da auf der damals in Nürnberg formulierten Behauptung einer deutschen Alleinverantwortung wesentliche Teile der europäischen Nachkriegspolitik beruhten und beruhen, ist der Zweite Weltkrieg weiterhin ein Politikum von allererstem Rang. Mit dieser Feststellung muß ein Überblick zu dieser Sache beginnen, der sich selbst ernst nehmen will.
Die professorale deutsche Geschichtswissenschaft begann trotz des Nürnberger Tribunals zunächst recht unbefangen über die tieferen Ursachen der deutschen und europäischen Katastrophe nachzudenken. Ludwig Dehio legte 1948 mit Gleichgewicht oder Hegemonie gleich eine vollständige Theorie des europäischen Staatensystems der Neuzeit vor, in dem der Zweite Weltkrieg als letzter Abschnitt einer langen Abfolge von traditionellen Hegemonialkämpfen erschien. Deutschland wurde zwar als Auslöser des Krieges verstanden, stand aber in einer Reihe mit dem Spanien der expansiven Ära des 16. Jahrhunderts und dem Frankreich Ludwigs XIV. und Napoleon Bonapartes. Dehio schrieb europäische Geschichte. Dabei blieb aus seiner Perspektive die Frage im Grunde zweitrangig, wie sich dies auf der Ebene konkreter Diplomatie dargestellt habe.
Etwas näher ans Geschehen rückte die Memoirenliteratur der 1950er Jahre. Die Aufregung war groß, als Fritz Hesse 1953 in seinen Memoiren, dem Spiel um Deutschland, öffentlich in Frage stellte, daß Hitler den Krieg gegen Polen gewollt habe. Er selbst, so Hesse, sei als Mitarbeiter der Deutschen Botschaft am Abend des 2. September 1939 im Auftrag von Hitler zum englischen Premier Chamberlain geschickt worden, um den sofortigen Rückzug der in Polen eingerückten deutschen Truppen anzubieten. Auch von Schadenersatz für die beim Angriff entstandenen Verwüstungen sei die Rede gewesen, wenn im Gegenzug bloß Danzig zu Deutschland käme. Die englische Regierung habe das abgelehnt, da die Kriegserklärung beschlossene Sache sei und sich politisch nicht mehr aufhalten lasse.

Hesse wurde für seine Darstellung angefeindet. Er gehörte zu jenen potentiellen Zeugen, die den Nürnberger Prozeß in irgendwelchen alliierten Internierungslagern verbracht hatten und für den Prozeß »unauffindbar« waren. Es fand sich in den veröffentlichten englischen Akten zunächst auch keine Bestätigung für seine späte Aussage. Erst nach Jahren wurden von der englischen Regierung Belege dafür nachgeschoben, daß es diese Gespräche am Vorabend des englischen Ultimatums an Deutschland tatsächlich gegeben hat.
Die Diplomatiegeschichte selbst ließ sich Zeit mit der Erforschung der nationalsozialistischen Außenpolitik. In Deutschland lag bis in die 1960er Jahre nicht einmal das Archivmaterial des Auswärtigen Amts vor, das die Alliierten nach 1945 beschlagnahmt hatten und nur zögerlich zurückgaben. Der Zugang zu den Dokumenten der deutschen Kriegsgegner war zu keiner Zeit zwischen 1945 und heute vollständig gewährleistet, phasenweise völlig unmöglich. Erst die von den Alliierten vorgenommene Edition der Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik stellte wenigstens deutsches Archivmaterial in veröffentlichter Form bereit – wenn man als Historiker bereit war, Auswahl und Echtheit der Edition zu akzeptieren. Zuvor mußte auf die bis dahin vorliegenden Erinnerungsbände, das Anklagematerial aus dem Nürnberger Prozeß und auf die von deutscher Seite bis 1945 veröffentlichten Akten und Dokumente zurückgegriffen werden, wozu jedoch offenbar in Deutschland wenig Neigung bestand.
Der Schweizer Historiker Walther Hofer nahm sich dagegen ein Jahr nach Fritz Hesse dem Thema Kriegsausbruch an. Es ging ihm um die »Verteilung von Schuld und Verantwortung«, und er verteilte eindeutig: Schuld war Deutschland. Hitler habe den Weltkrieg »entfesselt«, wie die brillante Titelwahl lautete. Hesses Aussagen über das deutsche Rückzugsangebot aus Polen berücksichtigte Hofer überhaupt nicht. Nirgends zu finden war bei ihm auch die wohlbekannte Äußerung des polnischen Botschafters Lipski am letzten Friedenstag, er müsse sich nicht um deutsche Verhandlungsangebote kümmern, gleich welcher Art sie seien. Polnische Truppen würden bald siegreich auf Berlin marschieren. Hofers Darstellung unterschlug sogar den gesamten Besuch des englischen Diplomaten Forbes und des schwedischen Vermittlers Dahlerus in der polnischen Botschaft, bei dem diese Äußerung fiel. Bei dieser Gelegenheit wurden noch einmal die schriftlich ausformulierten deutschen Verhandlungsvorschläge übergeben, von denen es später von polnischer Seite und auch bei Hofer hieß, sie seien der polnischen Regierung nicht bekannt gewesen. Lipski legte das Papier mit den Vorschlägen nur zur Seite und sagte, er könne nicht lesen, was dort stehe.
Trotz solcher Schwächen ist die Studie des Schweizer Historikers ein klassisches Vehikel der bundesdeutschen Vergangenheitsbewältigung geworden und geblieben. Die Schuldigen waren schnell aufgezählt. Im Zentrum standen ein Deutschland, dessen Sicherheitsbedürfnisse und machtpolitische Ziele von vornherein illegitim waren und eine Sowjetunion, die sich zwar opportunistisch an der Entfesselung des Krieges beteiligte, dabei aber vorwiegend auf die eigene Sicherheit bedacht war. Die Politik der Republik Polen blieb für Hofer nur eine Funktion der Westmächte, die Westmächte selbst galten ihm als friedlich.

Zu Beginn der 1960er Jahre kam es dann zu den bekannten Kontroversen über den Kriegsausbruch des Jahres 1939. Sie verbinden sich vorwiegend mit den Namen A. J. P. Taylor, David Hoggan und erneut Walther Hofer. David Hoggan legte gleich mehrere schwergewichtige Untersuchungen über die Vorgeschichte des Jahres 1939 vor, in denen er die Verantwortung anders als Hofer verteilte und den Zweiten Weltkrieg als Krieg Englands und Polens gegen Deutschland darstellte. Dies führte ebenso wie Taylors Durchleuchtung der Jahre 1938/39 zu öffentlichen Auseinandersetzungen auch in den großen deutschen Printmedien wie dem Spiegel. Sie können als bisheriger Höhepunkt der Debatte über den Kriegausbruch gelten, soweit sie vor großem Publikum in Deutschland ausgetragen wurde. Danach wandte sich die Öffentlichkeit zu Beginn der 1960er Jahre auch als Folge der Eichmann- und Auschwitzprozesse von diplomatiegeschichtlichen Betrachtungen ab und sah den Weltkrieg aus anderer Perspektive. Ganz in den Hintergrund trat dabei die aktive antinationalsozialistische Politik, die 1938/39 von Politikern und gesellschaftlichen Gruppen in England und den Vereinigten Staaten betrieben worden war, einem Gemisch aus liberalen, christlichen, konservativen wie jüdischen Initiativen. Diese Entwicklung wurde in Deutschland von der Etablierung eines neuen geschichtswissenschaftlichen Establishments begleitet, das damals in den Personen Hans-Adolf Jacobsen und Andreas Hillgruber seine herausragenden Repräsentanten hatte. Beide waren führend an dem Projekt beteiligt, in der zeitgeschichtlichen Forschung die erstaunliche Behauptung durchzusetzen, Hitler habe einen »Stufenplan« zur Welteroberung besessen, als dessen Etappe der Polenkrieg von 1939 zu deuten sei. Erstaunlich ist diese Behauptung zu nennen, da sich bei genauem Hinsehen recht schnell herausstellt, daß die Redewendung eines Stufenplans zur Eroberung der UdSSR, eines Hitlerschen »Programms« zur Eroberung von Lebensraum oder gar eines »Weltblitzkriegs« auf bloßen Mutmaßungen basieren. Es gibt keinen »quellenmäßigen Beleg« für die von ihm angenommenen »Stufenpläne« Hitlers zur Erreichung der Weltherrschaft, schrieb sogar Andreas Hillgruber selbst. Dies hinderte ihn nicht, das Phantom dieser nicht nachweisbaren Stufenpläne zum Leitmotiv seiner Habilitationsschrift zu machen, dies zusammen unter anderem mit Jacobsen als Forschungsstandard durchzusetzen.
In den letzten Jahren ist diese einseitig auf Deutschland und Hitler fixierte Deutung der Dinge in vieler Hinsicht wieder in Frage gestellt geworden. In einem vielgelesenen Buch blickte Gerd Schultze-Rhonhof auf den »Krieg, der viele Väter« hatte. Andere nahmen die Sowjetunion ins Blickfeld, wo der Krieg bereits vor Hitlers Machtergreifung von 1933 geplant und konkret vorbereitet worden war. Wie kommunistische Veteranen schon in den vierziger Jahren im Westen ausgesagt hatten, sollte von Moskau aus mit Hilfe der Gegensätze zwischen den europäischen Nationalstaaten ein europäischer Krieg erzeugt werden, in den die Sowjets siegreich einzugreifen gedachten. Mit Blick auf Deutschland folgte daraus die Strategie, dort die Machtergreifung einer möglichst radikalen Fraktion von Nationalisten zu fördern, schließlich auch die Machtergreifung der Nationalsozialisten. Neben den wissenschaftlich nicht sauber erarbeiteten Veröffentlichungen Viktor Suworows, der allerdings in der Beschreibung dieser Dinge durchaus richtig lag, konnte insbesondere Bogdan Musial in jüngerer Zeit Quellenmaterial erschließen, aus dem sowjetische Angriffsabsichten auf Europa seit 1932 zweifelsfrei hervorgehen. Seine Studie zum »Kampfplatz Deutschland« blieb allerdings dennoch in wichtigen Fragen unbefriedigend. So legte Musial einerseits dar, daß alles weitgehend der Wirklichkeit entsprach, was die Nationalsozialisten seit den zwanziger Jahren immer über die sowjetischen Pläne gedacht und ausgesprochen hatten, daß sie aber davon angeblich nichts Konkretes wußten. Die internationale Politik wurde hier zur Farce erklärt.

Zu einer eben solchen Farce zählt genauso das oft beschworene Bild eines unprovozierten deutschen Angriffs auf Polen am 1. September 1939. Auch die polnische Regierung dachte sich etwas, als sie auf Konfrontationskurs zu Deutschland ging, ein Offensivbündnis mit den Westmächten schloß und offen mit Krieg drohte. Der Autor dieser Zeilen hat wiederholt darauf hingewiesen, daß dies der in Warschau gehegten Überzeugung entsprach, angebliches historisches Unrecht durch Eroberung weiter Teile Ostdeutschlands korrigieren zu müssen.
Wenn sich im September 2009 der Beginn des deutsch-polnischen Krieges zum siebzigsten Mal jährt, wird auch über Grenzzwischenfälle gesprochen werden, etwa über den von Gleiwitz. An der deutsch-polnischen Grenze wurde Ende August dieses Jahres tatsächlich täglich geschossen – von beiden Seiten. Der Autor konnte im Bundesarchiv entsprechende Dokumente ermitteln. Ein deutscher Armeebefehl gab das Feuer bereits am 21. August frei, für den Fall polnischer Grenzverletzungen »in offensichtlich kriegerischer Absicht«. Ein anderer Befehl wies zugleich darauf hin, daß aus polnischen Grenzverletzungen durch reguläre Truppen oder irreguläre Verbände keine ausgedehnten Kampfhandlungen entstehen dürften. Es ging für beide Seiten darum, die Verantwortung für einen heißen Krieg möglichst auf den Gegner abzuladen. Diesen Nervenkrieg habe Deutschland verloren, meldete ein polnischer Sender Ende August.
Es gab jedenfalls Anlaß, mit polnischen Übergriffen zu rechnen. Die polnische »Besetzung von Gleiwitz« werde auf der polnischen Seite der Grenze lebhaft begrüßt, diese Nachricht brachte Anfang September ein Verbindungsmann aus Myslowitz. Man erwarte in der Bevölkerung dort mehr in dieser Hinsicht. Ähnliches enthielten die Nachrichten aus der polnischen Armee. Polnische Offziere unterrichteten die Einheiten mündlich über das »Vorrücken der polnischen Armee nach Berlin«, hieß es am sechsten September 1939. Es werde den Mannschaften erklärt, daß die polnischen Truppen bereits Danzig, halb Ostpreußen und Gleiwitz besetzt hätten.
Bis es so weit kommen konnte, mußte in vielen Staaten viel geschehen. Wer deutsche Mitverantwortung sucht, wird sie nicht in Welteroberungsplänen und Überfällen finden, sondern in den antijüdischen, antichristlichen, antikapitalistischen und antikommunistischen Spitzen der nationalsozialistischen Diktatur, die zwangsläufig eine große Zahl an Gegnern auf sich ziehen mußten. Für 1939 ist eher Hitlers Versprechen vom Mai kennzeichnend, nicht der »Idiot zu sein, der wegen Polen in einen Krieg schliddert«. Das ändert am Gesamturteil nichts: Die »Entfesselung« des europäischen Krieges, der später zum Zweiten Weltkrieg wurde, ist eine »vereinte Entfesselung« gewesen. Sobald sich das herumgesprochen hat, wird dieser Krieg vielleicht auch endlich Vergangenheit sein.


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