von Simon Kießling –
I.
Das »größte Glück der größten Zahl« ist das oberste Prinzip der Moralphilosophie nach Jeremy Bentham (1748 – 1832), dem englischen Juristen, Sozialreformer und Vordenker des Utilitarismus neben John Stuart Mill. In seinem rechts- und moraltheoretischen Grundlagenwerk An Introduction to the Principles of Morals and Legislation definiert Bentham das Glück als die subjektive Wahrnehmung eines Wohlbefindens, einer Lust:
Die Natur hat die Menschheit unter die Herrschaft zweier souveräner Herren gestellt: Lust und Unlust. Ihnen obliegt es, festzustellen, was wir tun sollten und tun wollen. Sie haben zu bestimmen, was richtig und falsch ist. Und die Ketten von Ursache und Wirkung sind an ihrem Thron befestigt.
Bentham entwirft eine Ökonomie des Wohlbehagens und der Lust, die auf einer streng kalkulatorischen Methode beruht. Um die moralische Qualität einer Handlung oder eines politischen Vorhabens zu ermessen, werden die daraus resultierenden Lustgewinne und ‑verluste miteinander verrechnet; betragsmäßig feststellbare Umfänge des Wohlbefindens werden addiert und quantifizierbare Umfänge des Mißbehagens subtrahiert.
Handlungen, die die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung aufschieben, um in Zukunft größere Lust-Erlöse erzielen zu können, sind wie Einzahlungen auf ein laufendes Konto, von dem zu einem späteren Zeitpunkt entsprechende Guthabenbeträge abgehoben werden können. Für das weitere Verständnis bedeutsam ist der Umstand, daß die Benthamsche Methode in jeder Hinsicht eine Variante der neuzeitlichen Bewußtseins- oder Introspektionsphilosophie darstellt, die vom Zweifel des Descartes an der Wirklichkeit der Welt ausgeht:
II.
Descartes vertraut nicht mehr den Eindrücken der äußeren Wirklichkeit, die die Sinne uns vermitteln. Während die sinnliche Wahrnehmung als eine potentielle Täuschung, die Außenwelt als ein potentielles Trugbild erscheint, erklärt das »cogito ergo sum« die Bewußtseinserlebnisse und Denkprozesse, die im Subjekt selbst ablaufen, zur einzig belastbaren Realität. Die neuzeitliche Philosophie entdeckt die Selbstreflexion als den inneren Sinn, der »in den Bewußtseinsakten selbst die einzige Gewähr für Wirklichkeit erblickt«.
Die moderne Subjektphilosophie wertet die äußeren Phänomene (die Sinnesdaten) ab und erklärt eine gesicherte Erkenntnis nur noch da für möglich, »wo der Verstand sich im Felde seiner eigenen Erkenntnisformen und Begriffe bewegt.« Die neuzeitliche Wissenschaft baut auf die rationalen Prozesse, Funktionen und Operationen des Verstandes: das Deduzieren und Induzieren, Schlußfolgern und Rechnen. An die Stelle der objektiven, sinnlich vorhandenen Wirklichkeit tritt ein System mathematischer Gleichungen, in dem alle realen Verhältnisse in Formeln, Zahlenverhältnisse und Beziehungen zwischen Symbolen umgesetzt sind.
Insofern er alles Gegenständliche, Phänomenale auf die Gehirnfunktionen reduziert, bewegt sich der moderne Wissenschaftler jederzeit innerhalb der Schemata des Verstandes, die er in sich selber vorfindet. Er ist zuletzt
in das Gefängnis seiner selbst, seines eigenen Denkvermögens verwiesen, das ihn unerbittlich auf sich selbst zurückwirft, ihn gleichsam in die Grenzen seiner selbstgeschaffenen Systeme sperrt.
Im Sinne einer Vorstellungswelt, die ausschließlich den Bewußtseinsdaten Realitätscharakter zuspricht, ist ein kategorialer Unterschied zwischen Wirklichkeit und Traum nicht mehr zu begründen. Indem das neuzeitliche Subjekt das real Gegebene (Gegenständliche) in den Fluß der Bewußtseinsdaten auflöst, entsubstantiiert es die äußere Welt:
Als Bewußtseinsgegenstand verliert das Ding seine Substanzialität, und der gesehene Baum unterscheidet sich in nichts mehr von einem nur erinnerten oder auch frei erfundenen.
Das neuzeitliche Subjekt tendiert mithin dazu, sich in imaginären, fiktiven Welten zu verlieren und von ihm selbst produzierte, erträumte, phantastische Zusammenhänge als Realität anzunehmen.
III.
Benthams Methode folgt dem basalen Modus der neuzeitlichen Bewußtseins- oder Introspektionsphilosophie: Denn Glück bedeutet ihm zufolge nicht etwas Äußerliches, Greifbares oder Objektivierbares, sondern eine rein innere Empfindung. Was Bentham unter Glück versteht, ist
die Endsumme der Lustgefühle, die übrigbleibt, wenn man die Unlustgefühle von ihnen subtrahiert; aber dieses auf Grund eines mathematischen Kalküls gefundene Wohlbefinden meldet sich lediglich im Bewußtsein, es hat keine äußeren Merkmale wie Reichtum oder Gesundheit, und es bleibt so in sich selbst eingeschlossen und abgetrennt von der Außenwelt wie das kartesische cogito me cogitare.
Bentham erachtet die Lust- und Unlustempfindungen eben deshalb für die realsten Formen des Seienden, weil sie unmittelbar im Bewußtsein präsent sind; zu ihnen haben wir einfacher und direkter Zugang als zu den objektiven Dingen der Welt, die wir immer nur durch den Filter unserer Formen der Anschauung wahrnehmen, ohne je zu den »Dingen an sich« vorstoßen zu können. Benthams Lust- und Unlustkalkül beruht ganz und gar auf der Selbstreflexion des Subjekts: Nicht nur die Lust- und Unlustempfindungen selbst stellen rein subjektive Empfindungen dar; auch die mathematischen Kalkulationen, mit denen Bentham die Maximierung des Glücks errechnen will, sind Operationen des Verstandes, die sich ausschließlich introspektiv vollziehen.
Allerdings mußten Bentham und seine Adepten letzten Endes eingestehen, daß es unmöglich sei, die Summe der Lust- und Unlustgefühle wissenschaftlich präzise zu berechnen, sprich: daß die Intensität der Erzeugung von Lust nicht im strengen Sinne meßbar und kalkulatorisch bestimmbar sei, um aus den Meßresultaten Verhaltensregeln abzuleiten.
Die lange Zeit für unüberwindbar erachtete Schwierigkeit schien darin zu bestehen, daß in Fragen der Moral und Politik streng arithmetische, quantitativ ermittelbare Ergebnisse wie in den Naturwissenschaften nicht zu erzielen waren, weshalb am Ende das resignative Fazit stand, daß es mathematisch nicht ermittelbar sei, durch welche Handlungen oder politischen Maßnahmen die maximale Lust- und Glückserfahrung eines Individuums oder eines Großkollektivs herbeigeführt werden könne.
Dies ändert sich indes im Zeitalter der Digitalität und der Künstlichen Intelligenz, das die Techniken und Mittel bereitstellt, um entsprechende Schwierigkeiten zu überwinden: Denn nun stehen Algorithmen zur Verfügung, die imstande sind, aus dem Nutzerverhalten des (surfenden) Subjekts diejenigen Inhalte abzuleiten, die ihm maximale Momente des Glücks und der Zufriedenheit darbieten. Computerisierte Rechenprozesse sind in der Lage, aus der Verlaufsgeschichte abgerufener Inhalte, ja aus der von Kameras eingefangenen Mimik des Users denjenigen Content zu ermitteln und auszuwählen, der das Belohnungssystem des Nutzers paßgenau bedient.
Sie sorgen dafür, daß Benthams ursprüngliche Vision, die lange eine bloße, nicht praktikable Theorie zu sein schien, mit einemmal in die Wirklichkeit umsetzbar wird: Im Zeitalter der Digitalität und der Künstlichen Intelligenz wird es in der Tat möglich, das menschliche Bewußtsein über mathematische Prozesse so zu regulieren, daß dieses die größtmögliche Glückserfahrung erzielt. Mathematisch-kalkulatorisch vermittelt, wird dem Subjekt ein steter Fluß lustbereitender Inhalte dargeboten, der aus Bildschirmen respektive Endgeräten quillt.
Die transhumanistische Aufrüstung des Menschen perfektioniert dies noch, indem sie über eingepflanzte Sonden, Chips oder Mikroelektroden Gehirnregionen stimuliert bzw. Empfangsgeräte in das Gehirn einsetzt, über die Inhalte unmittelbar eingespeist werden können. Direkt in das Gehirn hochgeladener Content (Video- Clips, Online-Games, virtuelle Aufenthalte in fernen Ländern, sexuelle Erlebnisse etc.) sorgt für eine künstlich erzeugte, tendenziell ununterbrochene Ausschüttung von Dopamin.
Dabei gilt es, den Umstand nicht aus den Augen zu verlieren, daß Bentham in erster Linie als Moralphilosoph argumentierte. Die in seinem Geiste unternommene glücksmaximierende, mathematisch unterlegte Bewirtschaftung des Bewußtseins durch Algorithmen und Datenströme erscheint vor diesem Hintergrund durchaus als moralisch geboten.
Bietet sie doch der Masse, der »größten Zahl« (oder perspektivisch dem ins Hintertreffen geratenden Homo sapiens überhaupt?), Gelegenheit, der immer schmerzhafter empfundenen Wirklichkeitserfahrung zu entkommen, im realen Leben entbehrlich gemacht zu werden – und statt dessen ein aus Bildschirmen, Sonden und Chips sprießendes, ununterbrochenes Glückserlebnis zu erlangen. Ohne sich noch um die wachsende Einförmigkeit und Unansehnlichkeit der äußeren Welt bekümmern zu müssen, kann das über Simulationen gelenkte und sedierte Subjekt in virtuelle Belohnungsräume eintauchen, die ein elektronisch- kalkulatorisch vermittelter, unablässiger Bewußtseinsstrom generiert.
IV.
Der von Arendt beschriebene Hang des neuzeitlichen Subjekts, der Wirklichkeit den Rücken zu kehren und sich auf die Selbstreflexion (die Bewußtseinsprozesse) zurückzuziehen, eskaliert im 20. und 21. Jahrhundert mit der Tendenz des Individuums, immer größere Teile des Lebens vor Bildschirmen zu verbringen. Der von Endgeräten umgebene, unablässig auf Bildschirme starrende Mensch setzt sich immer weniger den realen Gegebenheiten aus, verschließt sich zusehends vor den Menschen, den Dingen, der Natur. Mit Hilfe von VR-Brillen, Immersionsanzügen und transkraniellen Helmen sowie perspektivisch durch implantierte Sonden, Chips oder Elektroden als Gehirn-Computer- Schnittstellen begibt er sich in einen Daseinsmodus, der durch Rechenoperationen konstituiert ist und vollständig um Bewußtseinserlebnisse kreist.
Indem das (transhumanistische) Subjekt sein Gehirn mit dem Cyberspace synchronisiert und an einen Datenspeicher anschließt, übersiedelt es in eine virtuelle, von der Wirklichkeit entkoppelte Sphäre des Scheins und kapselt sich in einen Kokon aus Phantasiegehalten ein, während die reale Welt zusehends belanglos wird.
Es ist perspektivisch in der Lage, sich von erfahrbarer Wirklichkeit gänzlich abzudichten (sich von der sinnlichen Affizierung durch eine äußere Wirklichkeit bewußt abzuschließen), um vollständig in die künstlich erzeugten, simulierten Erfahrungsräume zu wechseln. Der amerikanische KI-Pionier Ray Kurzweil spricht bereits von implantierten Nanobots (Minicomputern in Nanogröße), die »alle Eindrücke unserer realen Sinne unterdrücken und sie durch Signale ersetzen, die der virtuellen Welt angemessen sind.«
Die alte Einschätzung Hannah Arendts, wonach das neuzeitliche Subjekt sich aus der Außenwelt in ein Reich der Selbstreflexion zurückzieht, das nach mathematischen Formeln (Zahlenverhältnissen) eingerichtet ist und phantastisch-imaginäre Züge trägt, wird im digitalen Zeitalter daseinspraktische Realität: Hier ist der Mensch in der Tat in seine Subjektivität bzw. in eine Ordnung seiner selbstgeschaffenen Systeme, das heißt in jene virtuellen, digital vermittelten Traumwelten und fiktiven Räume als einen Kosmos des reinen Bewußtseins, eingeschlossen.
Der Bewußtseins- und Gehirnhaushalt des (transhumanistischen) Subjekts wird über mathematisch-algorithmische Kalküle so bewirtschaftet, daß es das Bedürfnis empfindet, sich der Unvollkommenheit der Außenwelt nicht länger auszusetzen, nicht in die objektiv vorhandene, materiell gegebene Welt zurückzufallen, sondern dauerhaft in elektronisch bereitgestellte, phantastische, märchenhafte Gegenwelten umzusiedeln.
V.
Als Kulminations- oder Extrempunkte der Emanzipation von den Außenhalten der Welt erscheinen das »Mind Uploading« einerseits und Ray Kurzweils Vision des »aufwachenden Universums« andererseits. Das Mind Uploading ist als technologisches Verfahren konzipiert, welches das Bewußtsein auf ein externes, digitales Medium hochlädt, um es auf einem neuen, künstlichen Substrat technisch nachzubilden. Vermittels der Digitalisierung der Persönlichkeit existiert das Subjekt substratlos als Datei in einer rein elektronischen Sphäre weiter. Eine neue, artifizielle Spezies entsteht, die die Bande des Körpers verläßt und reine, körperlose Information darstellt.
Aus dem Sumpf der Natur gelöst und von der alten, biologischen Basis getrennt, erscheint das Bewußtsein reiner, klarer und stärker denn je. Mit diesem Zustand absoluter Vergeistigung verglichen, stellt das herkömmliche, an die physische Welt gebundene Bewußtsein nur eine Trübung dar, von der sich die transhumanistische, rein zerebrale Existenzform emanzipiert. Das Mind Uploading treibt die Bewegungstendenz der neuzeitlichen Bewußtseins- und Introspektionsphilosophie auf eine absolute Spitze, wo das Bewußtsein sich von der Körperlichkeit überhaupt losreißt, das materielle Substrat endgültig abstößt.
Einen universal-utopischen Vorstoß in tendenziell dieselbe Richtung stellt Ray Kurzweils Vision einer Superintelligenz dar, die imstande ist, elektronisch geschaffene, etwa holographische Strukturen in die reale Welt zu projizieren, so daß virtuelle Inhalte die äußere Wirklichkeit wie eine Datei oder ein Computerprogramm überschreiben. Die virtuelle Welt greift durch Nanobotschwärme in die physische Wirklichkeit über, und ein cybertechnisch- informationelles Universum legt sich substituierend über die alte, objektiv vorhandene Realität. Nanonebel aus Milliarden kleinster Teilchen gestalten die Wirklichkeit um und erzeugen eine virtuelle Realität, die auch sinnlich wahrnehmbar ist und sich gegen die objektive Gegebenheit der Außenhalte durchsetzt:
Nanobots, sogenannte Foglets, die Bild- und Schallwellen manipulieren können, werden die gestalterischen Eigenschaften der virtuellen Realität in die reale Welt bringen. […] Die Geographie von Bergen und Flüssen weicht dem Cyberspace.
Kurzweil entwickelt die Vision eines »aufwachenden Universums«, wenn die Superintelligenz (das gigantische Datenverarbeitungssystem) die stumme Materie mit Geist und Intelligenz befüllt: »Sobald wir Materie und Energie im Universum mit Intelligenz saturieren, wird es aufwachen, bewußt und sublim intelligent sein.« So ist am Ende ein Zustand erreicht, in dem keine autonome, dem Bewußtsein entgegenstehende (natürliche) Substanz mehr vorhanden ist.
Das Bewußtsein hat jedes Gegenüber assimiliert, sich alle Bestände angeglichen, jede es bedingende Außenwelt in seine eigene Kreation transformiert. Alles Seiende ist aus körperlicher Gegenständlichkeit zu Information, Algorithmus, Kalkulation geworden. Der Prozeß der Rationalisierung und Mathematisierung hat sein Endziel erreicht, wenn er keinen Punkt des Universums mehr bestehen läßt, an dem noch eine von den Operationen des subjektiven Bewußtseins unabhängige, aus eigenem Recht bestehende Objektivität existiert.