Glückskalkül und Transhumanismus

PDF der Druckausgabe aus Sezession 122/ Oktober 2024

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von Simon Kießling –

I.
Das »größ­te Glück der größ­ten Zahl« ist das obers­te Prin­zip der Moral­phi­lo­so­phie nach Jere­my Bent­ham (1748 – 1832), dem eng­li­schen Juris­ten, Sozi­al­re­for­mer und Vor­den­ker des Uti­li­ta­ris­mus neben John Stuart Mill. In sei­nem rechts- und moral­theo­re­ti­schen Grund­la­gen­werk An Intro­duc­tion to the Prin­ci­ples of Morals and Legis­la­ti­on defi­niert Bent­ham das Glück als die sub­jek­ti­ve Wahr­neh­mung eines Wohl­be­fin­dens, einer Lust:

Die Natur hat die Mensch­heit unter die Herr­schaft zwei­er sou­ve­rä­ner Her­ren gestellt: Lust und Unlust. Ihnen obliegt es, fest­zu­stel­len, was wir tun soll­ten und tun wol­len. Sie haben zu bestim­men, was rich­tig und falsch ist. Und die Ket­ten von Ursa­che und Wir­kung sind an ihrem Thron befestigt.

Bent­ham ent­wirft eine Öko­no­mie des Wohl­be­ha­gens und der Lust, die auf einer streng kal­ku­la­to­ri­schen Metho­de beruht. Um die mora­li­sche Qua­li­tät einer Hand­lung oder eines poli­ti­schen Vor­ha­bens zu ermes­sen, wer­den die dar­aus resul­tie­ren­den Lust­ge­win­ne und ‑ver­lus­te mit­ein­an­der ver­rech­net; betrags­mä­ßig fest­stell­ba­re Umfän­ge des Wohl­be­fin­dens wer­den addiert und quan­ti­fi­zier­ba­re Umfän­ge des Miß­be­ha­gens subtrahiert.

Hand­lun­gen, die die unmit­tel­ba­re Bedürf­nis­be­frie­di­gung auf­schie­ben, um in Zukunft grö­ße­re Lust-Erlö­se erzie­len zu kön­nen, sind wie Ein­zah­lun­gen auf ein lau­fen­des Kon­to, von dem zu einem spä­te­ren Zeit­punkt ent­spre­chen­de Gut­ha­ben­be­trä­ge abge­ho­ben wer­den kön­nen. Für das wei­te­re Ver­ständ­nis bedeut­sam ist der Umstand, daß die Bent­ham­sche Metho­de in jeder Hin­sicht eine Vari­an­te der neu­zeit­li­chen Bewußt­seins- oder Intro­spek­ti­ons­phi­lo­so­phie dar­stellt, die vom Zwei­fel des Des­car­tes an der Wirk­lich­keit der Welt ausgeht:

II.
Des­car­tes ver­traut nicht mehr den Ein­drü­cken der äuße­ren Wirk­lich­keit, die die Sin­ne uns ver­mit­teln. Wäh­rend die sinn­li­che Wahr­neh­mung als eine poten­ti­el­le Täu­schung, die Außen­welt als ein poten­ti­el­les Trug­bild erscheint, erklärt das »cogi­to ergo sum« die Bewußt­seins­er­leb­nis­se und Denk­pro­zes­se, die im Sub­jekt selbst ablau­fen, zur ein­zig belast­ba­ren Rea­li­tät. Die neu­zeit­li­che Phi­lo­so­phie ent­deckt die Selbst­re­fle­xi­on als den inne­ren Sinn, der »in den Bewußt­seins­ak­ten selbst die ein­zi­ge Gewähr für Wirk­lich­keit erblickt«.

Die moder­ne Sub­jekt­phi­lo­so­phie wer­tet die äuße­ren Phä­no­me­ne (die Sin­nes­da­ten) ab und erklärt eine gesi­cher­te Erkennt­nis nur noch da für mög­lich, »wo der Ver­stand sich im Fel­de sei­ner eige­nen Erkennt­nis­for­men und Begrif­fe bewegt.« Die neu­zeit­li­che Wis­sen­schaft baut auf die ratio­na­len Pro­zes­se, Funk­tio­nen und Ope­ra­tio­nen des Ver­stan­des: das Dedu­zie­ren und Indu­zie­ren, Schluß­fol­gern und Rech­nen. An die Stel­le der objek­ti­ven, sinn­lich vor­han­de­nen Wirk­lich­keit tritt ein Sys­tem mathe­ma­ti­scher Glei­chun­gen, in dem alle rea­len Ver­hält­nis­se in For­meln, Zah­len­ver­hält­nis­se und Bezie­hun­gen zwi­schen Sym­bo­len umge­setzt sind.

Inso­fern er alles Gegen­ständ­li­che, Phä­no­me­na­le auf die Gehirn­funk­tio­nen redu­ziert, bewegt sich der moder­ne Wis­sen­schaft­ler jeder­zeit inner­halb der Sche­ma­ta des Ver­stan­des, die er in sich sel­ber vor­fin­det. Er ist zuletzt

in das Gefäng­nis sei­ner selbst, sei­nes eige­nen Denk­ver­mö­gens ver­wie­sen, das ihn uner­bitt­lich auf sich selbst zurück­wirft, ihn gleich­sam in die Gren­zen sei­ner selbst­ge­schaf­fe­nen Sys­te­me sperrt.

Im Sin­ne einer Vor­stel­lungs­welt, die aus­schließ­lich den Bewußt­seins­da­ten Rea­li­täts­cha­rak­ter zuspricht, ist ein kate­go­ria­ler Unter­schied zwi­schen Wirk­lich­keit und Traum nicht mehr zu begrün­den. Indem das neu­zeit­li­che Sub­jekt das real Gege­be­ne (Gegen­ständ­li­che) in den Fluß der Bewußt­seins­da­ten auf­löst, ent­sub­stan­ti­iert es die äuße­re Welt:

Als Bewußt­seins­ge­gen­stand ver­liert das Ding sei­ne Sub­stan­zia­li­tät, und der gese­he­ne Baum unter­schei­det sich in nichts mehr von einem nur erin­ner­ten oder auch frei erfundenen.

Das neu­zeit­li­che Sub­jekt ten­diert mit­hin dazu, sich in ima­gi­nä­ren, fik­ti­ven Wel­ten zu ver­lie­ren und von ihm selbst pro­du­zier­te, erträum­te, phan­tas­ti­sche Zusam­men­hän­ge als Rea­li­tät anzunehmen.

III.
Bent­hams Metho­de folgt dem basa­len Modus der neu­zeit­li­chen Bewußt­seins- oder Intro­spek­ti­ons­phi­lo­so­phie: Denn Glück bedeu­tet ihm zufol­ge nicht etwas Äußer­li­ches, Greif­ba­res oder Objek­ti­vier­ba­res, son­dern eine rein inne­re Emp­fin­dung. Was Bent­ham unter Glück ver­steht, ist

die End­sum­me der Lust­ge­füh­le, die übrig­bleibt, wenn man die Unlust­ge­füh­le von ihnen sub­tra­hiert; aber die­ses auf Grund eines mathe­ma­ti­schen Kal­küls gefun­de­ne Wohl­be­fin­den mel­det sich ledig­lich im Bewußt­sein, es hat kei­ne äuße­ren Merk­ma­le wie Reich­tum oder Gesund­heit, und es bleibt so in sich selbst ein­ge­schlos­sen und abge­trennt von der Außen­welt wie das kar­te­si­sche cogi­to me cogitare.

Bent­ham erach­tet die Lust- und Unlust­emp­fin­dun­gen eben des­halb für die reals­ten For­men des Sei­en­den, weil sie unmit­tel­bar im Bewußt­sein prä­sent sind; zu ihnen haben wir ein­fa­cher und direk­ter Zugang als zu den objek­ti­ven Din­gen der Welt, die wir immer nur durch den Fil­ter unse­rer For­men der Anschau­ung wahr­neh­men, ohne je zu den »Din­gen an sich« vor­sto­ßen zu kön­nen. Bent­hams Lust- und Unlust­kal­kül beruht ganz und gar auf der Selbst­re­fle­xi­on des Sub­jekts: Nicht nur die Lust- und Unlust­emp­fin­dun­gen selbst stel­len rein sub­jek­ti­ve Emp­fin­dun­gen dar; auch die mathe­ma­ti­schen Kal­ku­la­tio­nen, mit denen Bent­ham die Maxi­mie­rung des Glücks errech­nen will, sind Ope­ra­tio­nen des Ver­stan­des, die sich aus­schließ­lich intro­spek­tiv vollziehen.

Aller­dings muß­ten Bent­ham und sei­ne Adep­ten letz­ten Endes ein­ge­ste­hen, daß es unmög­lich sei, die Sum­me der Lust- und Unlust­ge­füh­le wis­sen­schaft­lich prä­zi­se zu berech­nen, sprich: daß die Inten­si­tät der Erzeu­gung von Lust nicht im stren­gen Sin­ne meß­bar und kal­ku­la­to­risch bestimm­bar sei, um aus den Meß­re­sul­ta­ten Ver­hal­tens­re­geln abzuleiten.

Die lan­ge Zeit für unüber­wind­bar erach­te­te Schwie­rig­keit schien dar­in zu bestehen, daß in Fra­gen der Moral und Poli­tik streng arith­me­ti­sche, quan­ti­ta­tiv ermit­tel­ba­re Ergeb­nis­se wie in den Natur­wis­sen­schaf­ten nicht zu erzie­len waren, wes­halb am Ende das resi­gna­ti­ve Fazit stand, daß es mathe­ma­tisch nicht ermit­tel­bar sei, durch wel­che Hand­lun­gen oder poli­ti­schen Maß­nah­men die maxi­ma­le Lust- und Glücks­er­fah­rung eines Indi­vi­du­ums oder eines Groß­kol­lek­tivs her­bei­ge­führt wer­den könne.

Dies ändert sich indes im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­tät und der Künst­li­chen Intel­li­genz, das die Tech­ni­ken und Mit­tel bereit­stellt, um ent­spre­chen­de Schwie­rig­kei­ten zu über­win­den: Denn nun ste­hen Algo­rith­men zur Ver­fü­gung, die imstan­de sind, aus dem Nut­zer­ver­hal­ten des (sur­fen­den) Sub­jekts die­je­ni­gen Inhal­te abzu­lei­ten, die ihm maxi­ma­le Momen­te des Glücks und der Zufrie­den­heit dar­bie­ten. Com­pu­te­ri­sier­te Rechen­pro­zes­se sind in der Lage, aus der Ver­laufs­ge­schich­te abge­ru­fe­ner Inhal­te, ja aus der von Kame­ras ein­ge­fan­ge­nen Mimik des Users den­je­ni­gen Con­tent zu ermit­teln und aus­zu­wäh­len, der das Beloh­nungs­sys­tem des Nut­zers paß­ge­nau bedient.

Sie sor­gen dafür, daß Bent­hams ursprüng­li­che Visi­on, die lan­ge eine blo­ße, nicht prak­ti­ka­ble Theo­rie zu sein schien, mit einem­mal in die Wirk­lich­keit umsetz­bar wird: Im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­tät und der Künst­li­chen Intel­li­genz wird es in der Tat mög­lich, das mensch­li­che Bewußt­sein über mathe­ma­ti­sche Pro­zes­se so zu regu­lie­ren, daß die­ses die größt­mög­li­che Glücks­er­fah­rung erzielt. Mathe­ma­tisch-kal­ku­la­to­risch ver­mit­telt, wird dem Sub­jekt ein ste­ter Fluß lust­be­rei­ten­der Inhal­te dar­ge­bo­ten, der aus Bild­schir­men respek­ti­ve End­ge­rä­ten quillt.

Die trans­hu­ma­nis­ti­sche Auf­rüs­tung des Men­schen per­fek­tio­niert dies noch, indem sie über ein­ge­pflanz­te Son­den, Chips oder Mikro­elek­tro­den Gehirn­re­gio­nen sti­mu­liert bzw. Emp­fangs­ge­rä­te in das Gehirn ein­setzt, über die Inhal­te unmit­tel­bar ein­ge­speist wer­den kön­nen. Direkt in das Gehirn hoch­ge­la­de­ner Con­tent (Video- Clips, Online-Games, vir­tu­el­le Auf­ent­hal­te in fer­nen Län­dern, sexu­el­le Erleb­nis­se etc.) sorgt für eine künst­lich erzeug­te, ten­den­zi­ell unun­ter­bro­che­ne Aus­schüt­tung von Dopamin.

Dabei gilt es, den Umstand nicht aus den Augen zu ver­lie­ren, daß Bent­ham in ers­ter Linie als Moral­phi­lo­soph argu­men­tier­te. Die in sei­nem Geis­te unter­nom­me­ne glücks­ma­xi­mie­ren­de, mathe­ma­tisch unter­leg­te Bewirt­schaf­tung des Bewußt­seins durch Algo­rith­men und Daten­strö­me erscheint vor die­sem Hin­ter­grund durch­aus als mora­lisch geboten.

Bie­tet sie doch der Mas­se, der »größ­ten Zahl« (oder per­spek­ti­visch dem ins Hin­ter­tref­fen gera­ten­den Homo sapi­ens über­haupt?), Gele­gen­heit, der immer schmerz­haf­ter emp­fun­de­nen Wirk­lich­keits­er­fah­rung zu ent­kom­men, im rea­len Leben ent­behr­lich gemacht zu wer­den – und statt des­sen ein aus Bild­schir­men, Son­den und Chips sprie­ßen­des, unun­ter­bro­che­nes Glücks­er­leb­nis zu erlan­gen. Ohne sich noch um die wach­sen­de Ein­för­mig­keit und Unan­sehn­lich­keit der äuße­ren Welt beküm­mern zu müs­sen, kann das über Simu­la­tio­nen gelenk­te und sedier­te Sub­jekt in vir­tu­el­le Beloh­nungs­räu­me ein­tau­chen, die ein elek­tro­nisch- kal­ku­la­to­risch ver­mit­tel­ter, unab­läs­si­ger Bewußt­seins­strom generiert.

IV.
Der von Are­ndt beschrie­be­ne Hang des neu­zeit­li­chen Sub­jekts, der Wirk­lich­keit den Rücken zu keh­ren und sich auf die Selbst­re­fle­xi­on (die Bewußt­seins­pro­zes­se) zurück­zu­zie­hen, eska­liert im 20. und 21. Jahr­hun­dert mit der Ten­denz des Indi­vi­du­ums, immer grö­ße­re Tei­le des Lebens vor Bild­schir­men zu ver­brin­gen. Der von End­ge­rä­ten umge­be­ne, unab­läs­sig auf Bild­schir­me star­ren­de Mensch setzt sich immer weni­ger den rea­len Gege­ben­hei­ten aus, ver­schließt sich zuse­hends vor den Men­schen, den Din­gen, der Natur. Mit Hil­fe von VR-Bril­len, Immersi­ons­an­zü­gen und trans­kra­ni­ellen Hel­men sowie per­spek­ti­visch durch implan­tier­te Son­den, Chips oder Elek­tro­den als Gehirn-Com­pu­ter- Schnitt­stel­len begibt er sich in einen Daseins­mo­dus, der durch Rechen­ope­ra­tio­nen kon­sti­tu­iert ist und voll­stän­dig um Bewußt­seins­er­leb­nis­se kreist.

Indem das (trans­hu­ma­nis­ti­sche) Sub­jekt sein Gehirn mit dem Cyber­space syn­chro­ni­siert und an einen Daten­spei­cher anschließt, über­sie­delt es in eine vir­tu­el­le, von der Wirk­lich­keit ent­kop­pel­te Sphä­re des Scheins und kap­selt sich in einen Kokon aus Phan­ta­sie­ge­hal­ten ein, wäh­rend die rea­le Welt zuse­hends belang­los wird.

Es ist per­spek­ti­visch in der Lage, sich von erfahr­ba­rer Wirk­lich­keit gänz­lich abzu­dich­ten (sich von der sinn­li­chen Affi­zie­rung durch eine äuße­re Wirk­lich­keit bewußt abzu­schlie­ßen), um voll­stän­dig in die künst­lich erzeug­ten, simu­lier­ten Erfah­rungs­räu­me zu wech­seln. Der ame­ri­ka­ni­sche KI-Pio­nier Ray Kurz­weil spricht bereits von implan­tier­ten Nano­bots (Mini­com­pu­tern in Nano­grö­ße), die »alle Ein­drü­cke unse­rer rea­len Sin­ne unter­drü­cken und sie durch Signa­le erset­zen, die der vir­tu­el­len Welt ange­mes­sen sind.«

Die alte Ein­schät­zung Han­nah Are­ndts, wonach das neu­zeit­li­che Sub­jekt sich aus der Außen­welt in ein Reich der Selbst­re­fle­xi­on zurück­zieht, das nach mathe­ma­ti­schen For­meln (Zah­len­ver­hält­nis­sen) ein­ge­rich­tet ist und phan­tas­tisch-ima­gi­nä­re Züge trägt, wird im digi­ta­len Zeit­al­ter daseins­prak­ti­sche Rea­li­tät: Hier ist der Mensch in der Tat in sei­ne Sub­jek­ti­vi­tät bzw. in eine Ord­nung sei­ner selbst­ge­schaf­fe­nen Sys­te­me, das heißt in jene vir­tu­el­len, digi­tal ver­mit­tel­ten Traum­wel­ten und fik­ti­ven Räu­me als einen Kos­mos des rei­nen Bewußt­seins, eingeschlossen.

Der Bewußt­seins- und Gehirn­haus­halt des (trans­hu­ma­nis­ti­schen) Sub­jekts wird über mathe­ma­tisch-algo­rith­mi­sche Kal­kü­le so bewirt­schaf­tet, daß es das Bedürf­nis emp­fin­det, sich der Unvoll­kom­men­heit der Außen­welt nicht län­ger aus­zu­set­zen, nicht in die objek­tiv vor­han­de­ne, mate­ri­ell gege­be­ne Welt zurück­zu­fal­len, son­dern dau­er­haft in elek­tro­nisch bereit­ge­stell­te, phan­tas­ti­sche, mär­chen­haf­te Gegen­wel­ten umzusiedeln.

V.
Als Kul­mi­na­ti­ons- oder Extrem­punk­te der Eman­zi­pa­ti­on von den Außen­hal­ten der Welt erschei­nen das »Mind Uploa­ding« einer­seits und Ray Kurz­weils Visi­on des »auf­wa­chen­den Uni­ver­sums« ande­rer­seits. Das Mind Uploa­ding ist als tech­no­lo­gi­sches Ver­fah­ren kon­zi­piert, wel­ches das Bewußt­sein auf ein exter­nes, digi­ta­les Medi­um hoch­lädt, um es auf einem neu­en, künst­li­chen Sub­strat tech­nisch nach­zu­bil­den. Ver­mit­tels der Digi­ta­li­sie­rung der Per­sön­lich­keit exis­tiert das Sub­jekt sub­strat­los als Datei in einer rein elek­tro­ni­schen Sphä­re wei­ter. Eine neue, arti­fi­zi­el­le Spe­zi­es ent­steht, die die Ban­de des Kör­pers ver­läßt und rei­ne, kör­per­lo­se Infor­ma­ti­on darstellt.

Aus dem Sumpf der Natur gelöst und von der alten, bio­lo­gi­schen Basis getrennt, erscheint das Bewußt­sein rei­ner, kla­rer und stär­ker denn je. Mit die­sem Zustand abso­lu­ter Ver­geis­ti­gung ver­gli­chen, stellt das her­kömm­li­che, an die phy­si­sche Welt gebun­de­ne Bewußt­sein nur eine Trü­bung dar, von der sich die trans­hu­ma­nis­ti­sche, rein zere­bra­le Exis­tenz­form eman­zi­piert. Das Mind Uploa­ding treibt die Bewe­gungs­ten­denz der neu­zeit­li­chen Bewußt­seins- und Intro­spek­ti­ons­phi­lo­so­phie auf eine abso­lu­te Spit­ze, wo das Bewußt­sein sich von der Kör­per­lich­keit über­haupt los­reißt, das mate­ri­el­le Sub­strat end­gül­tig abstößt.

Einen uni­ver­sal-uto­pi­schen Vor­stoß in ten­den­zi­ell die­sel­be Rich­tung stellt Ray Kurz­weils Visi­on einer Super­in­tel­li­genz dar, die imstan­de ist, elek­tro­nisch geschaf­fe­ne, etwa holo­gra­phi­sche Struk­tu­ren in die rea­le Welt zu pro­ji­zie­ren, so daß vir­tu­el­le Inhal­te die äuße­re Wirk­lich­keit wie eine Datei oder ein Com­pu­ter­pro­gramm über­schrei­ben. Die vir­tu­el­le Welt greift durch Nano­bot­schwär­me in die phy­si­sche Wirk­lich­keit über, und ein cyber­tech­nisch- infor­ma­tio­nel­les Uni­ver­sum legt sich sub­sti­tu­ie­rend über die alte, objek­tiv vor­han­de­ne Rea­li­tät. Nanone­bel aus Mil­li­ar­den kleins­ter Teil­chen gestal­ten die Wirk­lich­keit um und erzeu­gen eine vir­tu­el­le Rea­li­tät, die auch sinn­lich wahr­nehm­bar ist und sich gegen die objek­ti­ve Gege­ben­heit der Außen­hal­te durchsetzt:

Nano­bots, soge­nann­te Foglets, die Bild- und Schall­wel­len mani­pu­lie­ren kön­nen, wer­den die gestal­te­ri­schen Eigen­schaf­ten der vir­tu­el­len Rea­li­tät in die rea­le Welt brin­gen. […] Die Geo­gra­phie von Ber­gen und Flüs­sen weicht dem Cyberspace.

Kurz­weil ent­wi­ckelt die Visi­on eines »auf­wa­chen­den Uni­ver­sums«, wenn die Super­in­tel­li­genz (das gigan­ti­sche Daten­ver­ar­bei­tungs­sys­tem) die stum­me Mate­rie mit Geist und Intel­li­genz befüllt: »Sobald wir Mate­rie und Ener­gie im Uni­ver­sum mit Intel­li­genz satu­rie­ren, wird es auf­wa­chen, bewußt und sub­lim intel­li­gent sein.« So ist am Ende ein Zustand erreicht, in dem kei­ne auto­no­me, dem Bewußt­sein ent­ge­gen­ste­hen­de (natür­li­che) Sub­stanz mehr vor­han­den ist.

Das Bewußt­sein hat jedes Gegen­über assi­mi­liert, sich alle Bestän­de ange­gli­chen, jede es bedin­gen­de Außen­welt in sei­ne eige­ne Krea­ti­on trans­for­miert. Alles Sei­en­de ist aus kör­per­li­cher Gegen­ständ­lich­keit zu Infor­ma­ti­on, Algo­rith­mus, Kal­ku­la­ti­on gewor­den. Der Pro­zeß der Ratio­na­li­sie­rung und Mathe­ma­ti­sie­rung hat sein End­ziel erreicht, wenn er kei­nen Punkt des Uni­ver­sums mehr bestehen läßt, an dem noch eine von den Ope­ra­tio­nen des sub­jek­ti­ven Bewußt­seins unab­hän­gi­ge, aus eige­nem Recht bestehen­de Objek­ti­vi­tät existiert.

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