Kontemplation im Menschenpark – Fragen an Uwe Jochum

PDF der Druckausgabe aus Sezession 122/ Oktober 2024

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Götz Kubit­schek im Gespräch mit Uwe Jochum

SEZESSION: Sie tru­gen im Rah­men der Stu­di­en­ta­ge in Schnell­ro­da zur »Kon­tem­pla­ti­on im Men­schen­park« vor, lie­ber Herr Dr. Jochum, und Ihr Vor­trag wur­de allent­hal­ben als Kon­tra­punkt wahr­ge­nom­men. Denn das Nach­den­ken über die »Regeln für den Betrieb von Men­schen­parks« (Slo­ter­di­jk) ist vor allem eines über das Machen, das Betrei­ben, und kei­nes über das Unter­las­sen von Din­gen, die tech­no­lo­gisch mög­lich gewor­den sind und ganz sicher nicht welt­weit geäch­tet wer­den kön­nen. Sie umge­hen die­se Kon­fron­ta­ti­on und set­zen ganz woan­ders an.

JOCHUM: Die Fra­ge, die sich nach der Lek­tü­re von Slo­ter­di­jks Regeln für den Men­schen­park stellt, ist die, wie wir uns eine pro­duk­tiv in den Ent­wick­lungs­pfad des Men­schen inte­grier­te »Anthro­po­tech­nik« den­ken ­sol­len. ­Slo­ter­di­jk bleibt hier eigen­tüm­lich unscharf: Ein­mal spricht er von einer »zoo­po­li­ti­schen Auf­ga­be«, die der Mensch zu bewäl­ti­gen habe, und sug­ge­riert damit, daß der Mensch der Herr des Gesche­hens sei. Dann aber spricht er ange­sichts der Her­aus­for­de­run­gen durch die neu­es­ten Medi­en und Gen­tech­ni­ken vom »Unum­gäng­li­chen«, »das zugleich das Nicht­be­wäl­tig­ba­re ist«, und das sug­ge­riert, daß der Mensch nichts wei­ter als eine Varia­ble in einem tech­ni­schen Ent­wick­lungs­pro­zeß sei.

Bei­de Male krei­sen ­Slo­ter­di­jks Über­le­gun­gen jeden­falls um die Fra­ge der Mach­bar­keit oder Nicht­mach­bar­keit eines evo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­ses und ver­blei­ben damit im Hori­zont einer »Tech­nik«, die alles, was ist, unter die Fuch­tel des Mach­ba­ren und tech­nisch Her­stell­ba­ren bringt. Dabei wird aber über­sprun­gen, daß vor allem Machen und Her­stel­len zunächst geschaut wer­den muß, was über­haupt mach- und her­stell­bar ist.

Die Schau auf das, was ist, nann­ten die Grie­chen theo­ria. Das mein­te kei­ne Theo­rie im moder­nen Sinn, also ein Sys­tem von auf­ein­an­der bezo­ge­nen Sät­zen, die die Wirk­lich­keit ope­ra­tio­na­li­sier­bar machen sol­len. Das mein­te viel­mehr ein Sich-anspre­chen-Las­sen von dem, was ist. Theo­ria in die­sem Sin­ne ist nichts, was wir machen kön­nen, wohl aber eine Fähig­keit, die wir gedul­dig ein­üben und ent­wi­ckeln kön­nen. Meis­ter Eck­hart hat die­sem Gegen­mo­dus zum Machen den Namen »Gelas­sen­heit« gegeben.

SEZESSION: Ihre Kri­tik an dem, was Slo­ter­di­jk vor­trug und was Heid­eg­ger andeu­te­te, rich­tet sich unter ande­rem gegen die Vag­heit der Vor­schlä­ge bei­der Den­ker. Bei­de beschrei­ben eine Hal­tung, Slo­ter­di­jk nennt sie sogar »Übun­gen«, aber: Es bleibt bei der Auf­for­de­rung zur Übung und wird nie kon­kre­ter – wie näm­lich geübt wer­den kön­ne und wor­auf die­ses Üben abzie­le. Ihr Vor­trag hin­ge­gen wur­de konkreter.

JOCHUM: Ich habe dar­an erin­nert, daß die abend­län­di­sche Kul­tur in der Tat auf einer ganz spe­zi­fi­schen Übungs­kul­tur auf­ruht. Dem Vor­bild Jesu fol­gend, ent­wi­ckel­ten christ­li­che Mön­che, die soge­nann­ten Wüs­ten­vä­ter, ab dem 3. Jahr­hun­dert n. Chr. in Ägyp­ten und dem Vor­de­ren Ori­ent das »kon­tem­pla­ti­ve Gebet«, das in der stil­len Rezi­ta­ti­on eines ein­zi­gen Gebets­ver­ses besteht, der als immer­wäh­ren­des Gebet gespro­chen wird. Im Ver­ein mit bestimm­ten kör­per­li­chen Übun­gen soll die­ses Gebet den Beter zu Gott hin öff­nen. Zugleich aber fixiert das immer­wäh­ren­de stil­le Gebet das Den­ken des Beters, indem es abglei­ten­de Gedan­ken blo­ckiert und den Den­ker im Hier und Jetzt sei­nes Gebets festhält.

Es ist, reli­gi­ös gespro­chen, das Hier und Jetzt des­sen, was Gott uns schenkt, was wir aber in unse­rem immer in Asso­zia­tio­nen abglei­ten­den Den­ken nor­ma­ler­wei­se gar nicht mehr wahr­neh­men: daß wir hier und jetzt etwas sehen, hören, rie­chen, schme­cken und füh­len. Mit einem Wort: Der gut geüb­te kon­tem­pla­ti­ve Beter öff­net sich nicht nur für Gott, son­dern auch für Got­tes Schöp­fung. Er wird »wirk­lich­keits­kom­pe­tent«, weil er ohne die ein­ge­schlif­fe­nen Denk­bah­nen, die ihn vom Hier und Jetzt weg­füh­ren, neu und gedul­dig wahr­neh­men kann, was ist.

SEZESSION: Ver­blüf­fend für uns alle war die so deut­li­che Ablei­tung kon­tem­pla­ti­ver Ord­nung in das hin­ein, was Sie »Poli­tik­fä­hig­keit« nann­ten. Kön­nen Sie das bit­te ein­mal ausführen?

JOCHUM: Wenn es der Poli­tik dar­um geht, Wirk­lich­keit zu gestal­ten, dann ist die unab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung für alles poli­ti­sche Han­deln, daß wir eine Ahnung von eben­die­ser Wirk­lich­keit haben. Nun sag­te ich gera­de, daß die­se Ahnung in aller Regel ver­stellt ist durch ein­ge­schlif­fe­ne Asso­zia­tio­nen, die immer auch mit Emo­tio­nen ver­bun­den sind, und durch eine aus­ge­här­te­te Spra­che. Bei­des zusam­men läßt uns die Wirk­lich­keit als eine fes­te Mas­se von Tat­sa­chen wahr­neh­men, die sich anschei­nend von selbst verstehen.

Die­se fes­te Mas­se beginnt aller­dings immer wie­der zu brö­ckeln, wenn die Din­ge sich ver­än­dern und die Wirk­lich­keit sich ver­schiebt, sei es durch natür­li­che Pro­zes­se oder durch mensch­li­ches Han­deln, so daß wir vor der Her­aus­for­de­rung ste­hen, unser Wirk­lich­keits­ver­hält­nis und auch unser Spre­chen über die Wirk­lich­keit neu zu jus­tie­ren. An die­ser Stel­le mel­det sich die Ver­su­chung der Ideo­lo­gie, die uns ein­re­den will, das Wirk­lich­keits­ver­hält­nis sei ein pri­mär sprach­li­ches, so daß man nur die Spra­che neu jus­tie­ren müs­se, um zu einer neu­en Wirk­lich­keit zu kom­men – oder bei den alten Begrif­fen blei­ben müs­se, um das Neue zu ver­hin­dern. Soll­te es dabei zu mit­ein­an­der inkom­pa­ti­blen Ansich­ten kom­men, muß man eben per Sprach­po­li­tik durch­set­zen, was sich als Wirk­lich­keit zei­gen soll.

Will man die­ser Ver­su­chung nicht ­erlie­gen, muß man hin­ter das Spre­chen zurück auf den Moment, da sich die Wirk­lich­keit uns zeigt als etwas, das sich in einem dyna­mi­schen Pro­zeß her­aus­bil­det. Der kon­tem­pla­ti­ve Übungs­weg ist ein Weg, der an die­sen Moment her­an­füh­ren will, an dem die Dyna­mik der Wirk­lich­keit Gestalt gewinnt und in uns Wort wird. Das geschieht im kon­tem­pla­ti­ven Gebet dadurch, daß die gewohn­ten Gedan­ken­ket­ten blo­ckiert und die damit ver­bun­de­nen Emo­tio­nen beru­higt wer­den. Wenn das glückt, zeigt sich die Wirk­lich­keit nicht nur neu, son­dern zugleich auch so, daß wir erken­nen, daß sie nichts Fes­tes und Fixier­tes ist, son­dern in einem dyna­mi­schen Pro­zeß gene­riert wird. Wir haben im kon­tem­pla­ti­ven Gebet an die­ser Dyna­mik der Wirk­lich­keit teil. Und daher sind wir wirklichkeitskompetent.

Das kon­tem­pla­ti­ve Gebet macht uns aber nicht nur wirk­lich­keits­kom­pe­tent, son­dern auch poli­tik­fä­hig. Denn dadurch, daß im kon­tem­pla­ti­ven Gebet unser Wirk­lich­keits­be­zug gleich­sam gerei­nigt, auf jeden Fall aber neu geord­net wird und neu zur Spra­che kommt, wer­den auch unse­re Emo­tio­nen, Affek­te und Wil­lens­kräf­te neu geord­net. Die alten Auf­re­ger wer­den abge­baut, die aus der Dyna­mik der Wirk­lich­keit auf­ge­stie­ge­nen neu­en Sach­ver­hal­te und Zie­le kön­nen affek­tiv neu auf­ge­la­den und mit neu­em Wil­len ange­steu­ert wer­den. Und da die­ser Vor­gang, wenn er glückt, uns mit der Wirk­lich­keit und nicht mit Illu­sio­nen in Kon­takt bringt, wer­den es posi­ti­ve Emo­tio­nen, gute Affek­te und ein star­ker Wil­le sein, die uns poli­tisch das Rich­ti­ge im Hin­blick auf gute Zie­le tun lassen.

SEZESSION: Sie ver­an­kern die­se Kon­tem­pla­ti­ons­tech­nik im Chris­ten­tum. Hal­ten Sie ande­re Reli­gio­nen, ande­re Glau­bens­sys­te­me für unfä­hig, auf die­se Wei­se rück­zu­bin­den? Oder ist das Ergeb­nis einer wohl mög­li­chen Rück­bin­dung, etwa im Bud­dhis­mus, eben ein ganz ande­res als das, was Sie gera­de beschrieben?

JOCHUM: Ich muß zunächst ein­räu­men, daß ich Erfah­run­gen nur mit der christ­li­chen Kon­tem­pla­ti­on habe; die asia­ti­schen Medi­ta­ti­ons­prak­ti­ken ken­ne ich nur aus der Lite­ra­tur. Dies vor­aus­ge­schickt, glau­be ich aber, daß man fol­gen­de drei Punk­te fest­stel­len kann.

Ers­tens: Die christ­li­che Kon­tem­pla­ti­ons­pra­xis ist »psy­cho­tech­nisch« nicht ver­schie­den von den asia­ti­schen Medi­ta­ti­ons­prak­ti­ken. Man sitzt und schweigt äußer­lich und bringt sei­ne Gedan­ken zur Ruhe; durch einen Gebets­vers wie im Chris­ten­tum oder durch ein Man­tra wie im Buddhismus.

Zwei­tens: Auch der Ver­such, durch die Übungs­pra­xis die sprach­li­chen Aus­här­tun­gen hin­ter sich zu las­sen und das Sein als einen dyna­mi­schen Pro­zeß zu begrei­fen, der sich noch im kleins­ten Detail zei­gen kann, ist bei­den Übungs­kul­tu­ren gleich.

Drit­tens: Der fun­da­men­ta­le Unter­schied zwi­schen den bei­den Übungs­wel­ten liegt in dem, wor­auf­hin hier jeweils geübt wird. Im Bud­dhis­mus ist es die Erfah­rung einer wah­ren Welt, die nicht mehr in Begrif­fen erfaßt wer­den kann und sich, so gese­hen, als ein »Nichts« zeigt. Hin­zu kommt die Erfah­rung einer durch Lei­den gepräg­ten Welt, die über­wun­den wer­den soll. Im Chris­ten­tum hin­ge­gen ist es die Erfah­rung der Welt als einer Schöp­fung Got­tes, die als Schöp­fung gut und eine Fül­le ist, mit der wir geord­net und pro­duk­tiv umzu­ge­hen haben – und die als Schöp­fung Got­tes immer auch einen Fin­ger­zeig auf Gott ent­hält, der kei­ne anony­me Macht und kein kos­mi­sches Ener­gie­feld ist, son­dern eine Person.

Das heißt, daß wir von uns als Per­son auf Gott als Per­son schlie­ßen dür­fen: Er benö­tigt wie wir ein Gegen­über, um Per­son zu sein; er exis­tiert als Gott in einer Dyna­mik, in der er sich uns zeigt (so wie sich auch eine ande­re Per­son uns zeigt) und zugleich sich ver­birgt (so wie auch wir eine ande­re Per­son nicht ergrün­den kön­nen). Die christ­li­che Grund­er­fah­rung ist daher die, daß wir Gott, den Men­schen und sei­ner Schöp­fung im gan­zen ver­trau­en kön­nen, weil sie in einer per­so­na­len Struk­tur mit­ein­an­der ver­bun­den sind, in der sich der Sinn der Welt zeigt.

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