Götz Kubitschek im Gespräch mit Uwe Jochum
SEZESSION: Sie trugen im Rahmen der Studientage in Schnellroda zur »Kontemplation im Menschenpark« vor, lieber Herr Dr. Jochum, und Ihr Vortrag wurde allenthalben als Kontrapunkt wahrgenommen. Denn das Nachdenken über die »Regeln für den Betrieb von Menschenparks« (Sloterdijk) ist vor allem eines über das Machen, das Betreiben, und keines über das Unterlassen von Dingen, die technologisch möglich geworden sind und ganz sicher nicht weltweit geächtet werden können. Sie umgehen diese Konfrontation und setzen ganz woanders an.
JOCHUM: Die Frage, die sich nach der Lektüre von Sloterdijks Regeln für den Menschenpark stellt, ist die, wie wir uns eine produktiv in den Entwicklungspfad des Menschen integrierte »Anthropotechnik« denken sollen. Sloterdijk bleibt hier eigentümlich unscharf: Einmal spricht er von einer »zoopolitischen Aufgabe«, die der Mensch zu bewältigen habe, und suggeriert damit, daß der Mensch der Herr des Geschehens sei. Dann aber spricht er angesichts der Herausforderungen durch die neuesten Medien und Gentechniken vom »Unumgänglichen«, »das zugleich das Nichtbewältigbare ist«, und das suggeriert, daß der Mensch nichts weiter als eine Variable in einem technischen Entwicklungsprozeß sei.
Beide Male kreisen Sloterdijks Überlegungen jedenfalls um die Frage der Machbarkeit oder Nichtmachbarkeit eines evolutionären Prozesses und verbleiben damit im Horizont einer »Technik«, die alles, was ist, unter die Fuchtel des Machbaren und technisch Herstellbaren bringt. Dabei wird aber übersprungen, daß vor allem Machen und Herstellen zunächst geschaut werden muß, was überhaupt mach- und herstellbar ist.
Die Schau auf das, was ist, nannten die Griechen theoria. Das meinte keine Theorie im modernen Sinn, also ein System von aufeinander bezogenen Sätzen, die die Wirklichkeit operationalisierbar machen sollen. Das meinte vielmehr ein Sich-ansprechen-Lassen von dem, was ist. Theoria in diesem Sinne ist nichts, was wir machen können, wohl aber eine Fähigkeit, die wir geduldig einüben und entwickeln können. Meister Eckhart hat diesem Gegenmodus zum Machen den Namen »Gelassenheit« gegeben.
SEZESSION: Ihre Kritik an dem, was Sloterdijk vortrug und was Heidegger andeutete, richtet sich unter anderem gegen die Vagheit der Vorschläge beider Denker. Beide beschreiben eine Haltung, Sloterdijk nennt sie sogar »Übungen«, aber: Es bleibt bei der Aufforderung zur Übung und wird nie konkreter – wie nämlich geübt werden könne und worauf dieses Üben abziele. Ihr Vortrag hingegen wurde konkreter.
JOCHUM: Ich habe daran erinnert, daß die abendländische Kultur in der Tat auf einer ganz spezifischen Übungskultur aufruht. Dem Vorbild Jesu folgend, entwickelten christliche Mönche, die sogenannten Wüstenväter, ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. in Ägypten und dem Vorderen Orient das »kontemplative Gebet«, das in der stillen Rezitation eines einzigen Gebetsverses besteht, der als immerwährendes Gebet gesprochen wird. Im Verein mit bestimmten körperlichen Übungen soll dieses Gebet den Beter zu Gott hin öffnen. Zugleich aber fixiert das immerwährende stille Gebet das Denken des Beters, indem es abgleitende Gedanken blockiert und den Denker im Hier und Jetzt seines Gebets festhält.
Es ist, religiös gesprochen, das Hier und Jetzt dessen, was Gott uns schenkt, was wir aber in unserem immer in Assoziationen abgleitenden Denken normalerweise gar nicht mehr wahrnehmen: daß wir hier und jetzt etwas sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Mit einem Wort: Der gut geübte kontemplative Beter öffnet sich nicht nur für Gott, sondern auch für Gottes Schöpfung. Er wird »wirklichkeitskompetent«, weil er ohne die eingeschliffenen Denkbahnen, die ihn vom Hier und Jetzt wegführen, neu und geduldig wahrnehmen kann, was ist.
SEZESSION: Verblüffend für uns alle war die so deutliche Ableitung kontemplativer Ordnung in das hinein, was Sie »Politikfähigkeit« nannten. Können Sie das bitte einmal ausführen?
JOCHUM: Wenn es der Politik darum geht, Wirklichkeit zu gestalten, dann ist die unabdingbare Voraussetzung für alles politische Handeln, daß wir eine Ahnung von ebendieser Wirklichkeit haben. Nun sagte ich gerade, daß diese Ahnung in aller Regel verstellt ist durch eingeschliffene Assoziationen, die immer auch mit Emotionen verbunden sind, und durch eine ausgehärtete Sprache. Beides zusammen läßt uns die Wirklichkeit als eine feste Masse von Tatsachen wahrnehmen, die sich anscheinend von selbst verstehen.
Diese feste Masse beginnt allerdings immer wieder zu bröckeln, wenn die Dinge sich verändern und die Wirklichkeit sich verschiebt, sei es durch natürliche Prozesse oder durch menschliches Handeln, so daß wir vor der Herausforderung stehen, unser Wirklichkeitsverhältnis und auch unser Sprechen über die Wirklichkeit neu zu justieren. An dieser Stelle meldet sich die Versuchung der Ideologie, die uns einreden will, das Wirklichkeitsverhältnis sei ein primär sprachliches, so daß man nur die Sprache neu justieren müsse, um zu einer neuen Wirklichkeit zu kommen – oder bei den alten Begriffen bleiben müsse, um das Neue zu verhindern. Sollte es dabei zu miteinander inkompatiblen Ansichten kommen, muß man eben per Sprachpolitik durchsetzen, was sich als Wirklichkeit zeigen soll.
Will man dieser Versuchung nicht erliegen, muß man hinter das Sprechen zurück auf den Moment, da sich die Wirklichkeit uns zeigt als etwas, das sich in einem dynamischen Prozeß herausbildet. Der kontemplative Übungsweg ist ein Weg, der an diesen Moment heranführen will, an dem die Dynamik der Wirklichkeit Gestalt gewinnt und in uns Wort wird. Das geschieht im kontemplativen Gebet dadurch, daß die gewohnten Gedankenketten blockiert und die damit verbundenen Emotionen beruhigt werden. Wenn das glückt, zeigt sich die Wirklichkeit nicht nur neu, sondern zugleich auch so, daß wir erkennen, daß sie nichts Festes und Fixiertes ist, sondern in einem dynamischen Prozeß generiert wird. Wir haben im kontemplativen Gebet an dieser Dynamik der Wirklichkeit teil. Und daher sind wir wirklichkeitskompetent.
Das kontemplative Gebet macht uns aber nicht nur wirklichkeitskompetent, sondern auch politikfähig. Denn dadurch, daß im kontemplativen Gebet unser Wirklichkeitsbezug gleichsam gereinigt, auf jeden Fall aber neu geordnet wird und neu zur Sprache kommt, werden auch unsere Emotionen, Affekte und Willenskräfte neu geordnet. Die alten Aufreger werden abgebaut, die aus der Dynamik der Wirklichkeit aufgestiegenen neuen Sachverhalte und Ziele können affektiv neu aufgeladen und mit neuem Willen angesteuert werden. Und da dieser Vorgang, wenn er glückt, uns mit der Wirklichkeit und nicht mit Illusionen in Kontakt bringt, werden es positive Emotionen, gute Affekte und ein starker Wille sein, die uns politisch das Richtige im Hinblick auf gute Ziele tun lassen.
SEZESSION: Sie verankern diese Kontemplationstechnik im Christentum. Halten Sie andere Religionen, andere Glaubenssysteme für unfähig, auf diese Weise rückzubinden? Oder ist das Ergebnis einer wohl möglichen Rückbindung, etwa im Buddhismus, eben ein ganz anderes als das, was Sie gerade beschrieben?
JOCHUM: Ich muß zunächst einräumen, daß ich Erfahrungen nur mit der christlichen Kontemplation habe; die asiatischen Meditationspraktiken kenne ich nur aus der Literatur. Dies vorausgeschickt, glaube ich aber, daß man folgende drei Punkte feststellen kann.
Erstens: Die christliche Kontemplationspraxis ist »psychotechnisch« nicht verschieden von den asiatischen Meditationspraktiken. Man sitzt und schweigt äußerlich und bringt seine Gedanken zur Ruhe; durch einen Gebetsvers wie im Christentum oder durch ein Mantra wie im Buddhismus.
Zweitens: Auch der Versuch, durch die Übungspraxis die sprachlichen Aushärtungen hinter sich zu lassen und das Sein als einen dynamischen Prozeß zu begreifen, der sich noch im kleinsten Detail zeigen kann, ist beiden Übungskulturen gleich.
Drittens: Der fundamentale Unterschied zwischen den beiden Übungswelten liegt in dem, woraufhin hier jeweils geübt wird. Im Buddhismus ist es die Erfahrung einer wahren Welt, die nicht mehr in Begriffen erfaßt werden kann und sich, so gesehen, als ein »Nichts« zeigt. Hinzu kommt die Erfahrung einer durch Leiden geprägten Welt, die überwunden werden soll. Im Christentum hingegen ist es die Erfahrung der Welt als einer Schöpfung Gottes, die als Schöpfung gut und eine Fülle ist, mit der wir geordnet und produktiv umzugehen haben – und die als Schöpfung Gottes immer auch einen Fingerzeig auf Gott enthält, der keine anonyme Macht und kein kosmisches Energiefeld ist, sondern eine Person.
Das heißt, daß wir von uns als Person auf Gott als Person schließen dürfen: Er benötigt wie wir ein Gegenüber, um Person zu sein; er existiert als Gott in einer Dynamik, in der er sich uns zeigt (so wie sich auch eine andere Person uns zeigt) und zugleich sich verbirgt (so wie auch wir eine andere Person nicht ergründen können). Die christliche Grunderfahrung ist daher die, daß wir Gott, den Menschen und seiner Schöpfung im ganzen vertrauen können, weil sie in einer personalen Struktur miteinander verbunden sind, in der sich der Sinn der Welt zeigt.