von Jörg Seidel –
9745 Wörter, 56 großgedruckte Seiten im Taschenbuchformat, vier Doppelseiten in der Zeit, das ist der Umfang des Vortrages »Regeln für den Menschenpark«, den Peter Sloterdijk im Juli 1999 vor auserlesenem Publikum gehalten und der einen veritablen Skandal, oder besser eine Skandalisierung, ausgelöst hat.
Im selben Jahr war der zweite Teil seiner Sphären-Trilogie erschienen, ein Werk von über 1000 Seiten, zusammen füllen die drei Bände 2500 Seiten. Schon sein Erstling, der Bestseller Kritik der zynischen Vernunft, von 1983 war ein knapper Tausender, und sein Grundlagentext Du mußt dein Leben ändern (2009) kommt noch einmal auf 700 engbeschriebene Blätter.
Man kann diese beiden letztgenannten Werke als Rahmen des Themenkomplexes »Anthropotechnik« verstehen, man kann den Rahmen auch noch weiter bis zu Die schrecklichen Kinder der Neuzeit (2014) fassen, und blickt auf ein dreißigjähriges Ringen auf 12 000 Seiten, ausgewalzt in drei Dutzend Büchern. Da sind die späten Werke nicht mitgezählt.
Der Skandaltext – ein Zentimeter in einem Zweimeterregal – ist ein Tupfer im Denk‑, im Panoramagemälde, das Sloterdijk seit fünf Jahrzehnten entwirft und vervollkommnet. Wo ist der schmale Text dort zu verorten? Und welche Rolle spielt er im ganzen? Was würde er bedeuten, hätte er nicht die mediale Aufmerksamkeit bekommen, und ist diese überhaupt gerechtfertigt? Es wird sich anhand ausgewählter Beispiele herausstellen, daß die im Text verhandelten Fragen Teil eines langen Stromes an Denkarbeit sind, der in den 1980er Jahren hervorquoll, um die Jahrtausendwende dann kräftige Kaskaden und Fälle bildete, um dann im dritten Jahrtausend in breiten Auslegungsdeltas auszulaufen.
Mit der Kritik der zynischen Vernunft zu beginnen erscheint doppelt sinnvoll. Es ist Sloterdijks erstes Werk nach der indischen Erfahrung. Vergleicht man seine frühen, akademisch und mimetisch gehaltenen Arbeiten mit allem, was danach kam, dann wird eine geistige Umformatierung wahrscheinlich, in der der Aufenthalt in Poona bei Bhagwan Shree Rajneesh, später Osho, eine zentrale Rolle gespielt haben dürfte. Von ihm könnte Sloterdijk gelernt haben, sich als Medium zu verstehen, sich zur Durchgangsstation von Themen und Fragen, sich durchlässig zu machen für die Stimmungen und Schwingungen der Zeit und diese über originelle Verbalisierung zu Gehör zu bringen, sein Denken vom memorativen, repetitiven und rein analytischen Rekonstruieren in einen metaphernreichen Fluß an Evokationen zu verwandeln.
Das ist ein anderer Geistes- oder Wachheitszustand. Im Gegensatz zum Guru erarbeitete sich Sloterdijk dazu das gesamte Arsenal europäischer Philosophie und verfügt anscheinend schwerelos über ein Sammelsurium verschiedenster Stimmen, über die gesamte Klaviatur der philosophischen Sprachspiele, die von der Phänomenologie bis zur Esoterik, vom Strukturalismus bis zur Psychoanalyse, vom Materialismus bis zum Idealismus, von den Vorsokratikern bis zu den Postmodernen, vom progressiven bis zum konservativen Denken etc. reicht.
Zum anderen erkennt man in diesem lebensfrohen Werk schon Sloterdijks bewundernde Skepsis Heidegger gegenüber und den Versuch, dessen »Pathos zu entkrampfen und es von der Anklammerung an das bloße Todesbewußtsein zu befreien«. Dort wurzelt wohl das Programm, »mit Heidegger gegen Heidegger« und über Heidegger hinaus zu denken, das im Zentrum der mittleren Phase – zu der auch die »Regeln« gehören – steht. Neben Nietzsche, dem er sein zweites Buch widmete und der ob seiner geistigen Kapriolen Sloterdijks wichtigste Inspirationsquelle wird, ist Heidegger der am hartnäckigsten be- und weitergedachte Denker, in einer unfaßbar langen Phalanx an Inspiratoren.
Positiv gewendet wurde das Thema der Geburt und des Zur-Welt-Kommens – was bei Sloterdijk nicht als einmaliges Ereignis, sondern als permanente Revolution gedacht werden muß – in dem viel zu wenig beachteten Roman Der Zauberbaum (1985) zur Sprache gebracht. In ihm sehen wir nicht nur ein methodisches Selbstexperiment, an dessen Ende statt des Philosophen ein Schriftsteller hätte stehen können; man kann ihn auch als Schlüsselroman lesen, in dem sich autobiographische Ereignisse encodiert finden, darunter ein plastisch geträumtes Geburtstrauma des Helden, das mit der Frage nach dem Nachteil, geboren zu werden, endet. Mit dem späteren Lektürewissen ausgestattet, kann man weite Teile des Sloterdijkschen anthropotechnischen Programms, bis hin zum Sphären- und Übungsgedanken, in nuce vorfinden.
Der Philosoph hatte die innere Schlacht gewonnen, die Bedeutung des literarischen Stils und der ästhetischen Frage nach Nietzsche blieb. Kopernikanische Mobilmachung und ptolemäische Abrüstung (1987) wurde als »ästhetischer Versuch« vorgestellt, greift aber nach dem prinzipiellen Verständnis von Moderne und Postmoderne aus. Die eine sei »die Revolte gegen das Selbstverständliche«, also die Tradition, das andere die reflektive Wiederbefragung derselben mit den gleichen Fragen, aber unter exterministischem Vorzeichen.
Der kopernikanische »Dezentrierungsschock« wird »zur Revolution in Permanenz. Er löst die traditionellen Kulturen auf dem Planeten unwiderstehlich auf«; alles gerät aus den Fugen, die »großen Technologien« kommen auf, die Flucht in die Ästhetik wird zur »Philosophieersatzphilosophie«, der die Wahrheit abhanden gekommen sei. Aber das »Ptolemäertum« ist anthropologisch grundiert, es wird keinen Endsieg der Erkenntnisse und Forschungen über die Wahrnehmungen geben, vielmehr macht sich Sloterdijk für einen Ausgleich stark – und dieses Motiv durchzieht alle seine Arbeiten, auch die zu den Anthropotechniken.
Zum erstenmal taucht der Begriff der »Homöostase« auf. Der unvermeidbaren Mobilisierung sei eine bewußte Abrüstung entgegenzustellen, eine Schonung: »[…] das angemessene Verhältnis zu modernistischer Technik bestehe darin, Anwendungen zu unterlassen, sofern nicht die ›Sachen selbst‹ sie fordern«. Sloterdijk plädiert für einen bewußten Rückzug aus dem kopernikanischen Vorstellungswirbel – »die entscheidenden Wörter: unterlassen, verzichten« –, warnt aber zugleich vor zu starken harmoniebasierten »tonalen Synthesen«, die schnell total werden können.
Der Titel des folgenden Buches – Zur Welt kommen – zur Sprache kommen – spricht das Lebensthema offen an: das Anfangen, das sowohl individuell, national als auch anthropologisch mit kulturhistorischen Mitteln und poetischem Stil, als »Poetik des Zurweltkommens«, untersucht wird. Für Sloterdijk verbindet sich das biographische mit dem nationalen Element, denn der 1947 Geborene atmet die Nachkriegsatmosphäre, die »sehr verdüsterten Jahre nach 1945«, die Teil des Skandals um den Menschenpark wurden. Zur Welt kommen kann auch als eine Variation über Heideggers Motiv des »Die Sprache ist das Haus des Seins« gelesen werden; für Sloterdijk besteht das Wesen der Sprache »in dem Bezeugen des Versprechens der Sprache: den Nachteil, geboren zu werden, in den Vorteil zu verwandeln, durch freie Sprache zur Welt zu kommen«.
In der Idee des programmatischen »Sichanfangens« ist der Kern zur Theorie der Vertikalspannung erkennbar: »Die Selbstaufrufung von Menschen zur Initiative ist der Appell der Subjekte an sich selbst, mehr Subjekte zu werden, indem sie selbst Geschichte machen – ihre ›eigene Geschichte‹«. Daß dies losgelöst von der »eisernen Kette der Tradition« besser in einer »gehauchten Kette«, der »Kette des Versprechens« in der »Weitergabe von Nicht-Bindung« geschehen werde, deutet nicht nur Sloterdijks antisubstantialistisches Programm an, sondern verweist auch unmittelbar an nah- und fernliegende Denkaufgaben.
Eurotaoismus gehört zu den frühen Hauptwerken. Es hat viele Schalen, legt die inneren Antriebe der modernen Mobilisierungswelle offen, aber in seinem Kern wird das Denken über das Zur-Welt-Kommen, einmal mehr »mit Heidegger gegen Heidegger«, weiterentwickelt. Es begegnet uns der Gedanke des Zu-früh-Kommens des Menschen, der in den anthropologischen Schriften unter Neotenie verhandelt werden wird.
Das Buch stellt das Bindeglied zwischen erster und zweiter Phase des genuinen Sloterdijkschen Denkens dar, denn in ihm vereinen sich noch die gegenmobilisatorischen Gelassenheitsentwürfe mit den kommenden Anstrengungs‑, Haltungs- und Vertikalforderungen: »Die Gelassenheit fängt mit der Bereitschaft an, sich vom Wirklichen anstrengen zu lassen.« Das Leben der zu früh Geborenen nach der Geburt ist nur vor dem Hintergrund eines »Versprechens« vorstellbar, auf individueller wie nationaler Ebene.
Nationalität und Natalität gehören zusammen, Nationen sind auch »kollektive Geräusche« – so wie Horden.
Nationen sind ursprungsmythologische wie politisch-rechtliche Gebilde. Sie entstehen territorial aus der Bindung an die Begräbnisplätze der Vorfahren; sie entstehen psychoakustisch durch Bindungen des inneren Ohrs an muttersprachliche Hypnosen; sie entstehen psychohistorisch durch verzaubernde Missionen und Problemdelegationen an die ›Söhne und Töchter des Landes‹
Nationen sind »politische Mutterinstanzen« mit »politischen Schoßfunktionen«. Dieses Tragende und zugleich intrinsisch »Bösartige« gerät immer mehr unter Außenstreß und wird die Zeiten nicht überstehen.
In seinem Vortrag »Der starke Grund, zusammen zu sein« nimmt Sloterdijk die Gedanken wieder auf. Er entwirft die moderne Nation als Hör- oder Streß- oder Erregungsgemeinschaft, die sich selbst »telekommunikativ, zuerst mehr schriftlich [wie beim Humanismus; J. S.], dann mehr audiovisuell« durch »Synchron-Streß in Form hält«. Nationen sind keine »geschichtlichen Begründungs- und Herkunftsgemeinschaften mehr«, sondern »psycho-politische Suggestionskörper […] von radikal autoplastischer Natur.« Selbstreferenzialität ist ein Signum aller Sphärenkörper.
Wenn die »Fixierung auf die Hochkulturen Grundlüge und Hauptirrtum« der Geschichtsschreibung und der Geisteswissenschaften ist, wie Sloterdijk in seinem Essay zur Hyperpolitik behauptet, dann ist der Rückschritt in die Anthropologie und die Kulturgeschichte, um moderne Phänomene zu begreifen, nur konsequent. Die Horde wird als erste Form der »Insulation« kenntlich gemacht, in der sich ein Binnenklima entwickelt und die auf das genealogische Prinzip setzt: die »Wiederholung der Horde in ihrer eigenen Brut«.
Das ist Paläopolitik. Wie kann daraus große Politik, wie können daraus Reiche, wie Globalisierung entstehen, wenn doch immer eine schützende Hülle, eine gemeinsame Erregung der Ungleichen, wenn »Zusammengehörigkeitsphantasmen« gewährleistet werden müssen?
Wie ist in individualisierter, entpolitisierter Erlebnisgesellschaft sozialer Zusammenhalt noch möglich? Die Hauptaufgabe der Hyperpolitik wäre es, »aus der Masse der Letzten eine Gesellschaft von Individuen zu machen, die es auf sich nehmen, weiterhin Mittlere zu werden zwischen Vorfahren und Nachkommen.«
Das in etwa ist der Stand innerhalb dieses Problemkreises, als Sloterdijk 1997 zum ersten und 1999 zum zweiten Male seinen Vortrag »Regeln für den Menschenpark« hielt. Hätte es die Skandalisierung nicht gegeben, es wäre nicht einmal sicher, ob diese schmale Schrift je eine breitere Öffentlichkeit erreicht hätte. In dem medientheoretisch einsetzenden Text folgt Sloterdijk in Heideggers Rückenwind dem Gedanken des Scheiterns des klassischen Humanismus – weil jener den Menschen zu niedrig ansetze, Teil der Metaphysik und von Seinsvergessenheit geprägt sei und im übrigen die Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht verhindert, ja vielleicht sogar mitverursacht habe; er schwenkt mit der Einführung einer historisierenden Anthropologie dann aber aus und wirft anthropotechnische, hier konkret gentechnische Grundsatzfragen auf, die er abschließend ethisch wendet, indem er die scheinbare Tabufrage nach der »genetischen Reform der Gattungseigenschaften« stellt. All das noch in vagem, andeutendem Ton. Nur die Leser seiner früheren Werke hatten überhaupt die Chance, das Provokative verstehend ins Werkgefüge einzupassen.
Der zentrale Text in unserem Zusammenhang erschien zwei Jahre später und ist vergleichsweise wenig rezipiert worden. Vielleicht auch, weil er im Schatten der ersten beiden Bände des Großprojektes Sphären steht und nur 90 Seiten umfaßt. Werklogisch gehört er vor die Trilogie. Schon der Titel Das Menschentreibhaus stellt ihn in die angedeutete Kontinuität – man kann ihn als Exemplifizierung der »Menschenpark«-Thesen lesen.
Wenn ein Skandal je gerechtfertigt gewesen wäre, dann müßte es diesen schmalen Band betreffen. Der skandalisierte Begriff der »Anthropotechnik« wurde demnach als »planende Humanbiotechnik« mißverstanden, meinte aber tatsächlich die simple Tatsache, daß der Mensch schon immer ein Produkt seiner eigenen Produktionsverfahren ist und damit »eine Größe, die es in der bloßen Natur nicht gibt und niemals geben kann.« Der Begriff der »Umwelt« paßt auf ihn nicht mehr, er durchstößt diesen Ring und kommt damit erst im eigentlichen Sinne zur Welt.
Das zeitigt insbesondere in der Atom- und Gentechnik apokalyptische Züge. Um auf den Grund der »Apokalypsefähigkeit« zu gelangen, dürfe Heideggers Lichtung – also der Ort, »wo Sein aufgeht als das, was da ist« – nicht nur ontologisch, sondern müsse auch anthropologisch und historisch beleuchtet werden, und zwar bis in die Hominisation zurück. Dann wird der Mensch als nichtintentionaler Sphären-Bildner erkennbar, der »aus einem tierischen Im-Umwelt-Treibhaus-Sein ein menschliches In-der-Welt-Sein« schafft. Dies geschehe über unendlich lange Zeiträume durch vier wesentliche und ineinandergreifende, sich ergänzende Mechanismen: die Insulation, die Körperausschaltung, die Neotenie und die Übertragung.
Die Insulation meint einen Prozeß des In-die-Mitte-Nehmens der besonders schützenswerten Exemplare, deren »Immunisierung« und damit die Schaffung einer ersten Sphäre der Sicherheit, etwa in einer Herde oder Horde. Höhere und gesellige Lebensformen tendieren dazu, »für sich selbst die Rolle der ›Umwelt‹ zu spielen«, sie organisieren ihre eigene Nische. Die Körperausschaltung beschreibt die erstmals technisch realisierte Distanz‑, Differenzierungs- und Entlastungsleistung durch Würfe, Schläge, Schnitte. In ihnen verbergen sich auch die ersten primordialen Wahrheitsbegriffe, eine »ursprüngliche Richtigkeit«, denn wahr ist, was trifft, paßt, brauchbar ist, hilft, stimmt, steht, hält, sich fügt, wirkt etc.
Mit der »Eroberung der Naturdistanz« geschieht die »erste Sprengung des Umwelt-Rings in Richtung Weltoffenheit«. »Damit tritt der evolutionäre Vorzug der Wahrheit vor Irrtum und Lüge auf die Bühne«. Diese Vorgänge sind Bedingung und Voraussetzung der – drittens – typisch menschlichen Neotenie, des Zu-früh-geboren-Werdens. Nur weil das »stabilisierte Gruppen-Treibhaus« der Horde einen »technisch eingeräumten externen Uterus« zu garantieren in der Lage ist, »in dem die Geborenen Ungeborenenprivilegien genießen«, kann das hilflose und viel zu unfertige Menschenkind zwei Drittel seiner Frühentwicklung außerhalb des mütterlichen Schutzraumes erfahren. Übertragung ist dann der Prozeß der Übernahme dieser Raumqualitäten auf größere Gebilde wie Völker, Nationen oder Religionen.
Dem Menschen gelingt mit alldem, in dieser »Schonung«, in diesem »autogenen Park«, nichts Geringeres als »eine Umkehrung der Selektionstendenzen« der Evolution. Daß die Sprache das Haus des Seins sei, wie Heidegger meinte, ist erst an zweiter Stelle wahr, die Anthroposphäre ist das erste Haus. All diese umweltdistanzierenden, sphärenschöpferischen, verwöhnungseffektiven primären Anthropotechniken sind durch ihre evolutionäre Wirkung per se schon immer Gen-Techniken; und autotechnische Umformungen gehören zum humanen Apriori: Seine »Natur« zu verändern heißt, sie zu verwirklichen.
Antitechnische Ressentiments verraten nur die »untherapierbare Doppelmoral, vortechnisch zu denken und technisch zu leben«. Dem »Unbehagen am Artifiziellen« als Konstante der Metaphysik tritt Sloterdijk entgegen, bricht ausgleichend aber auch eine Lanze für einen »geschichtlich beispiellosen Typus von Konservatismus« von »alten Naturen«, die »einer Hegung bedürfen«; kurz: Zuversicht und Sorge, wie sie auch im »Menschenpark« angesprochen wurden.
Was wir heute als »Gentechnik« diskutieren, gehört zu den sekundären Anthropotechniken:
Zu rechtfertigen wären sie nur dann, wenn sie als einsichtige Fortschreibung der Brutkastenrevolution im Interesse von lokal oder universal anerkennungsfähigen Zielen ausgewiesen werden können.
Das wiederum können sie nur als Homöotechniken. Diese sind von den Allotechniken unterschieden. Fast alle bisherige Technik war Allotechnik, das heißt konfrontative, widerstandüberwindende, extraktive, herrschaftliche, antinaturale Technik, die der zweiwertigen Logik – Subjekt/Objekt, Geist/Materie etc. – der klassischen Metaphysik entspricht. Die Technikentwicklung hat uns nun zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit an einen Punkt geführt, an der sie »weit genug entwickelt sein wird, um radikal auf Naturnachahmung umstellen zu können«.
Die Gentechnologie ist ein Beispiel dafür. Sie zwingt uns auch aufgrund ihrer mehrwertigen Ontologie – das Gen zum Beispiel ist wesentlich Information, Befehl und führt damit eine dritte Kategorie ein – eine mehrwertige Logik auf (Gotthard Günther und Gilles Deleuze sind ihre Vordenker): Tertium datur. Diese Art Technik nennt Sloterdijk Homöotechnik; sie kann »ihrem Wesen nach nichts anderes wollen als das, was ›die Sachen selbst‹ von sich aus sind und werden können«, sie ist »ko-intelligent«. Nur vor diesem Hintergrund sind Sloterdijks skandalisierte Äußerungen um einen »Codex der Anthropotechniken«, von »Menschenproduktion«, »Lektion und Selektion«, vom »Menschen als Züchter des Menschen«, von der »genetischen Reform der Gattungseigenschaften« und dergleichen zu verstehen.
Den provokanten Begriff »Menschenpark« wollte Sloterdijk später hyperbolisch, ironisch und als Analogiebildung zum »Tierpark« verstanden wissen. Tatsächlich aber kennt er noch andere passende, mitschwingende Komplementäre; er liegt auch zwischen Maschinenpark, Jurassic Park, Monsterpark und Disneypark. An einem Ende steht die Maschine im weitesten Sinne, am zweiten das geklonte oder genveränderte Leben und bald wohl auch der Mensch.
Konnte die bisherige Geschichte unter dem Imperativ des Wandels von Handlungen in Ereignisse beschrieben werden – sie begann in dem Moment, wo Blitz und Donner kein göttlicher Eingriff, sondern »nur« noch natürliches Ereignis wurden –, mit allen beschleunigenden, blasphemischen, säkularisierenden Konsequenzen, so setzt nun verstärkt ein gegenteiliger Prozeß ein: Handeln und Ereignis gehen wechselseitig ineinander über.
Die einst mit Aplomb verkündete Singularität zeigt sich als prinzipielle Ohnmacht der Theorie vor der Realität. Die alten und bewährten Anthropotechniken sind den technischen Techniken nicht mehr gewachsen. Diese müssen unter einer ersten Prämisse in jene inkorporiert werden: unter einem Gebot, dem »Pfuschverbot«. Sloterdijk stellt die demiurgische, die gnostische Frage. Prävention und Therapie unter homöotechnischem Imperativ wären die vorerst letzten Konsequenzen und ersten Pflichten der Aufklärung; wer sich dem verweigere, verabschiede sich daraus:
Wenn die Grenze zwischen dem Heilbaren und dem Unheilbaren driftet, so ist den Akteuren dieser Drift aufgegeben, die Grenzen des Machbaren und Zulässigen entsprechend zu verschieben und die ärztliche Berufsethik historisch nachzubessern. Die Sabotage des Schicksals geht weiter.
Zwanzig Jahre später, am Tor zum neuen Zeitalter der Künstlichen Intelligenz und sich singularisierender »Geschichte« mögen diese Worte weise oder naiv klingen – wir wissen es noch nicht.