Wo befindet sich der Menschenpark?

PDF der Druckausgabe aus Sezession 122/ Oktober 2024

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von Jörg Seidel –

9745 Wör­ter, 56 groß­ge­druck­te Sei­ten im Taschen­buch­for­mat, vier Dop­pel­sei­ten in der Zeit, das ist der Umfang des Vor­tra­ges »Regeln für den Men­schen­park«, den Peter Slo­ter­di­jk im Juli 1999 vor aus­er­le­se­nem Publi­kum gehal­ten und der einen veri­ta­blen Skan­dal, oder bes­ser eine Skan­da­li­sie­rung, aus­ge­löst hat.

Im sel­ben Jahr war der zwei­te Teil sei­ner Sphä­ren-Tri­lo­gie erschie­nen, ein Werk von über 1000 Sei­ten, zusam­men fül­len die drei Bän­de 2500 Sei­ten. Schon sein Erst­ling, der Best­sel­ler Kri­tik der zyni­schen Ver­nunft, von 1983 war ein knap­per Tau­sen­der, und sein Grund­la­gen­text Du mußt dein Leben ändern (2009) kommt noch ein­mal auf 700 eng­be­schrie­be­ne Blätter.

Man kann die­se bei­den letzt­ge­nann­ten Wer­ke als Rah­men des The­men­kom­ple­xes »Anthro­po­tech­nik« ver­ste­hen, man kann den Rah­men auch noch wei­ter bis zu Die schreck­li­chen Kin­der der Neu­zeit (2014) fas­sen, und blickt auf ein drei­ßig­jäh­ri­ges Rin­gen auf 12 000 Sei­ten, aus­ge­walzt in drei Dut­zend Büchern. Da sind die spä­ten Wer­ke nicht mitgezählt.

Der Skand­al­text – ein Zen­ti­me­ter in einem Zwei­me­ter­re­gal – ist ein Tup­fer im Denk‑, im Pan­ora­ma­ge­mäl­de, das Slo­ter­di­jk seit fünf Jahr­zehn­ten ent­wirft und ver­voll­komm­net. Wo ist der schma­le Text dort zu ver­or­ten? Und wel­che Rol­le spielt er im gan­zen? Was wür­de er bedeu­ten, hät­te er nicht die media­le Auf­merk­sam­keit bekom­men, und ist die­se über­haupt gerecht­fer­tigt? Es wird sich anhand aus­ge­wähl­ter Bei­spie­le her­aus­stel­len, daß die im Text ver­han­del­ten Fra­gen Teil eines lan­gen Stro­mes an Denk­ar­beit sind, der in den 1980er Jah­ren her­vor­quoll, um die Jahr­tau­send­wen­de dann kräf­ti­ge Kas­ka­den und Fäl­le bil­de­te, um dann im drit­ten Jahr­tau­send in brei­ten Aus­le­gungs­del­tas auszulaufen.

Mit der Kri­tik der zyni­schen Ver­nunft zu begin­nen erscheint dop­pelt sinn­voll. Es ist Slo­ter­di­jks ers­tes Werk nach der indi­schen Erfah­rung. Ver­gleicht man sei­ne frü­hen, aka­de­misch und mime­tisch gehal­te­nen Arbei­ten mit allem, was danach kam, dann wird eine geis­ti­ge Umfor­ma­tie­rung wahr­schein­lich, in der der Auf­ent­halt in Poo­na bei Bhag­wan Shree Raj­nee­sh, spä­ter Osho, eine zen­tra­le Rol­le gespielt haben dürf­te. Von ihm könn­te Slo­ter­di­jk gelernt haben, sich als Medi­um zu ver­ste­hen, sich zur Durch­gangs­sta­ti­on von The­men und Fra­gen, sich durch­läs­sig zu machen für die Stim­mun­gen und Schwin­gun­gen der Zeit und die­se über ori­gi­nel­le Ver­ba­li­sie­rung zu Gehör zu brin­gen, sein Den­ken vom memo­ra­ti­ven, repe­ti­ti­ven und rein ana­ly­ti­schen Rekon­stru­ie­ren in einen meta­phern­rei­chen Fluß an Evo­ka­tio­nen zu verwandeln.

Das ist ein ande­rer Geis­tes- oder Wach­heits­zu­stand. Im Gegen­satz zum Guru erar­bei­te­te sich Slo­ter­di­jk dazu das gesam­te Arse­nal euro­päi­scher Phi­lo­so­phie und ver­fügt anschei­nend schwe­re­los über ein Sam­mel­su­ri­um ver­schie­dens­ter Stim­men, über die gesam­te Kla­via­tur der phi­lo­so­phi­schen Sprach­spie­le, die von der Phä­no­me­no­lo­gie bis zur Eso­te­rik, vom Struk­tu­ra­lis­mus bis zur Psy­cho­ana­ly­se, vom Mate­ria­lis­mus bis zum Idea­lis­mus, von den Vor­so­kra­ti­kern bis zu den Post­mo­der­nen, vom pro­gres­si­ven bis zum kon­ser­va­ti­ven Den­ken etc. reicht.

Zum ande­ren erkennt man in die­sem lebens­fro­hen Werk schon Slo­ter­di­jks bewun­dern­de Skep­sis Heid­eg­ger gegen­über und den Ver­such, des­sen »Pathos zu ent­kramp­fen und es von der Anklam­me­rung an das blo­ße Todes­be­wußt­sein zu befrei­en«. Dort wur­zelt wohl das Pro­gramm, »mit Heid­eg­ger gegen Heid­eg­ger« und über Heid­eg­ger hin­aus zu den­ken, das im Zen­trum der mitt­le­ren Pha­se – zu der auch die »Regeln« gehö­ren – steht. Neben Nietz­sche, dem er sein zwei­tes Buch wid­me­te und der ob sei­ner geis­ti­gen Kaprio­len Slo­ter­di­jks wich­tigs­te Inspi­ra­ti­ons­quel­le wird, ist Heid­eg­ger der am hart­nä­ckigs­ten be- und wei­ter­ge­dach­te Den­ker, in einer unfaß­bar lan­gen Pha­lanx an Inspiratoren.

Posi­tiv gewen­det wur­de das The­ma der Geburt und des Zur-Welt-Kom­mens – was bei Slo­ter­di­jk nicht als ein­ma­li­ges Ereig­nis, son­dern als per­ma­nen­te Revo­lu­ti­on gedacht wer­den muß – in dem viel zu wenig beach­te­ten Roman Der Zau­ber­baum (1985) zur Spra­che gebracht. In ihm sehen wir nicht nur ein metho­di­sches Selbst­ex­pe­ri­ment, an des­sen Ende statt des Phi­lo­so­phen ein Schrift­stel­ler hät­te ste­hen kön­nen; man kann ihn auch als Schlüs­sel­ro­man lesen, in dem sich auto­bio­gra­phi­sche Ereig­nis­se enco­diert fin­den, dar­un­ter ein plas­tisch geträum­tes Geburts­trau­ma des Hel­den, das mit der Fra­ge nach dem Nach­teil, gebo­ren zu wer­den, endet. Mit dem spä­te­ren Lek­tü­rewis­sen aus­ge­stat­tet, kann man wei­te Tei­le des Slo­ter­di­jk­schen anthro­po­tech­ni­schen Pro­gramms, bis hin zum Sphä­ren- und Übungs­ge­dan­ken, in nuce vorfinden.

Der Phi­lo­soph hat­te die inne­re Schlacht gewon­nen, die Bedeu­tung des lite­ra­ri­schen Stils und der ästhe­ti­schen Fra­ge nach Nietz­sche blieb. Koper­ni­ka­ni­sche Mobil­ma­chung und pto­le­mäi­sche Abrüs­tung (1987) wur­de als »ästhe­ti­scher Ver­such« vor­ge­stellt, greift aber nach dem prin­zi­pi­el­len Ver­ständ­nis von Moder­ne und Post­mo­der­ne aus. Die eine sei »die Revol­te gegen das Selbst­ver­ständ­li­che«, also die Tra­di­ti­on, das ande­re die reflek­ti­ve Wie­der­be­fra­gung der­sel­ben mit den glei­chen Fra­gen, aber unter exter­mi­nis­ti­schem Vorzeichen.

Der koper­ni­ka­ni­sche »Dezen­trie­rungs­schock« wird »zur Revo­lu­ti­on in Per­ma­nenz. Er löst die tra­di­tio­nel­len Kul­tu­ren auf dem Pla­ne­ten unwi­der­steh­lich auf«; alles gerät aus den Fugen, die »gro­ßen Tech­no­lo­gien« kom­men auf, die Flucht in die Ästhe­tik wird zur »Phi­lo­so­phie­er­satz­phi­lo­so­phie«, der die Wahr­heit abhan­den gekom­men sei. Aber das »Pto­le­mä­er­tum« ist anthro­po­lo­gisch grun­diert, es wird kei­nen End­sieg der Erkennt­nis­se und For­schun­gen über die Wahr­neh­mun­gen geben, viel­mehr macht sich Slo­ter­di­jk für einen Aus­gleich stark – und die­ses Motiv durch­zieht alle sei­ne Arbei­ten, auch die zu den Anthropotechniken.

Zum ersten­mal taucht der Begriff der »Homöo­sta­se« auf. Der unver­meid­ba­ren Mobi­li­sie­rung sei eine bewuß­te Abrüs­tung ent­ge­gen­zu­stel­len, eine Scho­nung: »[…] das ange­mes­se­ne Ver­hält­nis zu moder­nis­ti­scher Tech­nik bestehe dar­in, Anwen­dun­gen zu unter­las­sen, sofern nicht die ›Sachen selbst‹ sie for­dern«. Slo­ter­di­jk plä­diert für einen bewuß­ten Rück­zug aus dem koper­ni­ka­ni­schen Vor­stel­lungs­wir­bel – »die ent­schei­den­den Wör­ter: unter­las­sen, ver­zich­ten« –, warnt aber zugleich vor zu star­ken har­mo­nie­ba­sier­ten »tona­len Syn­the­sen«, die schnell total wer­den können.

Der Titel des fol­gen­den Buches – Zur Welt kom­men – zur Spra­che kom­men  – spricht das Lebens­the­ma offen an: das Anfan­gen, das sowohl indi­vi­du­ell, natio­nal als auch anthro­po­lo­gisch mit kul­tur­his­to­ri­schen Mit­teln und poe­ti­schem Stil, als »Poe­tik des Zur­welt­kom­mens«, unter­sucht wird. Für Slo­ter­di­jk ver­bin­det sich das bio­gra­phi­sche mit dem natio­na­len Ele­ment, denn der 1947 Gebo­re­ne atmet die Nach­kriegs­at­mo­sphä­re, die »sehr ver­düs­ter­ten Jah­re nach 1945«, die Teil des Skan­dals um den Men­schen­park wur­den. Zur Welt kom­men kann auch als eine Varia­ti­on über Heid­eg­gers Motiv des »Die Spra­che ist das Haus des Seins« gele­sen wer­den; für Slo­ter­di­jk besteht das Wesen der Spra­che »in dem Bezeu­gen des Ver­spre­chens der Spra­che: den Nach­teil, gebo­ren zu wer­den, in den Vor­teil zu ver­wan­deln, durch freie Spra­che zur Welt zu kommen«.

In der Idee des pro­gram­ma­ti­schen »Sich­an­fan­gens« ist der Kern zur Theo­rie der Ver­ti­kal­span­nung erkenn­bar: »Die Selbst­auf­ru­fung von Men­schen zur Initia­ti­ve ist der Appell der Sub­jek­te an sich selbst, mehr Sub­jek­te zu wer­den, indem sie selbst Geschich­te machen – ihre ›eige­ne Geschich­te‹«. Daß dies los­ge­löst von der »eiser­nen Ket­te der Tra­di­ti­on« bes­ser in einer »gehauch­ten Ket­te«, der »Ket­te des Ver­spre­chens« in der »Wei­ter­ga­be von Nicht-Bin­dung« gesche­hen wer­de, deu­tet nicht nur Slo­ter­di­jks anti­sub­stan­tia­lis­ti­sches Pro­gramm an, son­dern ver­weist auch unmit­tel­bar an nah- und fern­lie­gen­de Denkaufgaben.

Euro­tao­is­mus  gehört zu den frü­hen Haupt­wer­ken. Es hat vie­le Scha­len, legt die inne­ren Antrie­be der moder­nen Mobi­li­sie­rungs­wel­le offen, aber in sei­nem Kern wird das Den­ken über das Zur-Welt-Kom­men, ein­mal mehr »mit Heid­eg­ger gegen Heid­eg­ger«, wei­ter­ent­wi­ckelt. Es begeg­net uns der Gedan­ke des Zu-früh-Kom­mens des Men­schen, der in den anthro­po­lo­gi­schen Schrif­ten unter Neo­te­nie ver­han­delt wer­den wird.

Das Buch stellt das Bin­de­glied zwi­schen ers­ter und zwei­ter Pha­se des genui­nen Slo­ter­di­jk­schen Den­kens dar, denn in ihm ver­ei­nen sich noch die gegen­mo­bi­li­sa­to­ri­schen Gelas­sen­heits­ent­wür­fe mit den kom­men­den Anstrengungs‑, Hal­tungs- und Ver­ti­kal­for­de­run­gen: »Die Gelas­sen­heit fängt mit der Bereit­schaft an, sich vom Wirk­li­chen anstren­gen zu las­sen.« Das Leben der zu früh Gebo­re­nen nach der Geburt ist nur vor dem Hin­ter­grund eines »Ver­spre­chens« vor­stell­bar, auf indi­vi­du­el­ler wie natio­na­ler Ebene.

Natio­na­li­tät und Nata­li­tät gehö­ren zusam­men, Natio­nen sind auch »kol­lek­ti­ve Geräu­sche« – so wie Horden.

Natio­nen sind ursprungs­my­tho­lo­gi­sche wie poli­tisch-recht­li­che Gebil­de. Sie ent­ste­hen ter­ri­to­ri­al aus der Bin­dung an die Begräb­nis­plät­ze der Vor­fah­ren; sie ent­ste­hen psy­cho­akus­tisch durch Bin­dun­gen des inne­ren Ohrs an mut­ter­sprach­li­che Hyp­no­sen; sie ent­ste­hen psy­cho­his­to­risch durch ver­zau­bern­de Mis­sio­nen und Pro­blem­de­le­ga­tio­nen an die ›Söh­ne und Töch­ter des Landes‹

Natio­nen sind »poli­ti­sche Mut­ter­in­stan­zen« mit »poli­ti­schen Schoß­funk­tio­nen«. Die­ses Tra­gen­de und zugleich intrin­sisch »Bös­ar­ti­ge« gerät immer mehr unter Außen­streß und wird die Zei­ten nicht überstehen.

In sei­nem Vor­trag »Der star­ke Grund, zusam­men zu sein«  nimmt ­Slo­ter­di­jk die Gedan­ken wie­der auf. Er ent­wirft die moder­ne Nati­on als Hör- oder Streß- oder Erre­gungs­ge­mein­schaft, die sich selbst »tele­kom­mu­ni­ka­tiv, zuerst mehr schrift­lich [wie beim Huma­nis­mus; J. S.], dann mehr audio­vi­su­ell« durch »Syn­chron-Streß in Form hält«. Natio­nen sind kei­ne »geschicht­li­chen Begrün­dungs- und Her­kunfts­ge­mein­schaf­ten mehr«, son­dern »psycho-poli­ti­sche Sug­ges­ti­ons­kör­per […] von radi­kal auto­plas­ti­scher Natur.« Selbst­re­fe­ren­zia­li­tät ist ein Signum aller Sphärenkörper.

Wenn die »Fixie­rung auf die Hoch­kul­tu­ren Grund­lü­ge und Haupt­irr­tum« der Geschichts­schrei­bung und der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten ist, wie Slo­ter­di­jk in sei­nem Essay zur Hyper­po­li­tik  behaup­tet, dann ist der Rück­schritt in die Anthro­po­lo­gie und die Kul­tur­ge­schich­te, um moder­ne Phä­no­me­ne zu begrei­fen, nur kon­se­quent. Die Hor­de wird als ers­te Form der »Insu­la­ti­on« kennt­lich gemacht, in der sich ein Bin­nen­kli­ma ent­wi­ckelt und die auf das genea­lo­gi­sche Prin­zip setzt: die »Wie­der­ho­lung der Hor­de in ihrer eige­nen Brut«.

Das ist Paläo­po­li­tik. Wie kann dar­aus gro­ße Poli­tik, wie kön­nen dar­aus Rei­che, wie Glo­ba­li­sie­rung ent­ste­hen, wenn doch immer eine schüt­zen­de Hül­le, eine gemein­sa­me Erre­gung der Unglei­chen, wenn »Zusam­men­ge­hö­rig­keits­phan­tas­men« gewähr­leis­tet wer­den müssen?

Wie ist in indi­vi­dua­li­sier­ter, ent­po­li­ti­sier­ter Erleb­nis­ge­sell­schaft sozia­ler Zusam­men­halt noch mög­lich? Die Haupt­auf­ga­be der Hyper­po­li­tik wäre es, »aus der Mas­se der Letz­ten eine Gesell­schaft von Indi­vi­du­en zu machen, die es auf sich neh­men, wei­ter­hin Mitt­le­re zu wer­den zwi­schen Vor­fah­ren und Nachkommen.«

Das in etwa ist der Stand inner­halb die­ses Pro­blem­krei­ses, als Slo­ter­di­jk 1997 zum ers­ten und 1999 zum zwei­ten Male sei­nen Vor­trag »Regeln für den Men­schen­park« hielt. Hät­te es die Skan­da­li­sie­rung nicht gege­ben, es wäre nicht ein­mal sicher, ob die­se schma­le Schrift je eine brei­te­re Öffent­lich­keit erreicht hät­te. In dem medi­en­theo­re­tisch ein­set­zen­den Text folgt Slo­ter­di­jk in Heid­eg­gers Rücken­wind dem Gedan­ken des Schei­terns des klas­si­schen Huma­nis­mus – weil jener den Men­schen zu nied­rig anset­ze, Teil der Meta­phy­sik und von Seins­ver­ges­sen­heit geprägt sei und im übri­gen die Kata­stro­phen des 20. Jahr­hun­derts nicht ver­hin­dert, ja viel­leicht sogar mit­ver­ur­sacht habe; er schwenkt mit der Ein­füh­rung einer his­to­ri­sie­ren­den Anthro­po­lo­gie dann aber aus und wirft anthro­po­tech­ni­sche, hier kon­kret gen­tech­ni­sche Grund­satz­fra­gen auf, die er abschlie­ßend ethisch wen­det, indem er die schein­ba­re Tabuf­ra­ge nach der »gene­ti­schen Reform der Gat­tungs­ei­gen­schaf­ten« stellt. All das noch in vagem, andeu­ten­dem Ton. Nur die Leser sei­ner frü­he­ren Wer­ke hat­ten über­haupt die Chan­ce, das Pro­vo­ka­ti­ve ver­ste­hend ins Werk­ge­fü­ge einzupassen.

Der zen­tra­le Text in unse­rem Zusam­men­hang erschien zwei Jah­re spä­ter und ist ver­gleichs­wei­se wenig rezi­piert wor­den. Viel­leicht auch, weil er im Schat­ten der ers­ten bei­den Bän­de des Groß­pro­jek­tes Sphä­ren steht und nur 90 Sei­ten umfaßt. Werk­lo­gisch gehört er vor die Tri­lo­gie. Schon der Titel Das Men­schen­treib­haus  stellt ihn in die ange­deu­te­te Kon­ti­nui­tät – man kann ihn als Exem­pli­fi­zie­rung der »Menschenpark«-Thesen lesen.

Wenn ein Skan­dal je gerecht­fer­tigt gewe­sen wäre, dann müß­te es die­sen schma­len Band betref­fen. Der skan­da­li­sier­te Begriff der »Anthro­po­tech­nik« wur­de dem­nach als »pla­nen­de Human­bio­tech­nik« miß­ver­stan­den, mein­te aber tat­säch­lich die simp­le Tat­sa­che, daß der Mensch schon immer ein Pro­dukt sei­ner eige­nen Pro­duk­ti­ons­ver­fah­ren ist und damit »eine Grö­ße, die es in der blo­ßen Natur nicht gibt und nie­mals geben kann.« Der Begriff der »Umwelt« paßt auf ihn nicht mehr, er durch­stößt die­sen Ring und kommt damit erst im eigent­li­chen Sin­ne zur Welt.

Das zei­tigt ins­be­son­de­re in der Atom- und Gen­tech­nik apo­ka­lyp­ti­sche Züge. Um auf den Grund der »Apo­ka­lyp­se­fä­hig­keit« zu gelan­gen, dür­fe Heid­eg­gers Lich­tung – also der Ort, »wo Sein auf­geht als das, was da ist« – nicht nur onto­lo­gisch, son­dern müs­se auch anthro­po­lo­gisch und his­to­risch beleuch­tet wer­den, und zwar bis in die Homi­ni­sa­ti­on zurück. Dann wird der Mensch als nicht­in­ten­tio­na­ler Sphä­ren-Bild­ner erkenn­bar, der »aus einem tie­ri­schen Im-Umwelt-Treib­haus-Sein ein mensch­li­ches In-der-Welt-Sein« schafft. Dies gesche­he über unend­lich lan­ge Zeit­räu­me durch vier wesent­li­che und inein­an­der­grei­fen­de, sich ergän­zen­de Mecha­nis­men: die Insu­la­ti­on, die Kör­per­aus­schal­tung, die Neo­te­nie und die Übertragung.

Die Insu­la­ti­on meint einen Pro­zeß des In-die-Mit­te-Neh­mens der beson­ders schüt­zens­wer­ten Exem­pla­re, deren »Immu­ni­sie­rung« und damit die Schaf­fung einer ers­ten Sphä­re der Sicher­heit, etwa in einer Her­de oder Hor­de. Höhe­re und gesel­li­ge Lebens­for­men ten­die­ren dazu, »für sich selbst die Rol­le der ›Umwelt‹ zu spie­len«, sie orga­ni­sie­ren ihre eige­ne Nische. Die Kör­per­aus­schal­tung beschreibt die erst­mals tech­nisch rea­li­sier­te Distanz‑, Dif­fe­ren­zie­rungs- und Ent­las­tungs­leis­tung durch Wür­fe, Schlä­ge, Schnit­te. In ihnen ver­ber­gen sich auch die ers­ten pri­mor­dia­len Wahr­heits­be­grif­fe, eine »ursprüng­li­che Rich­tig­keit«, denn wahr ist, was trifft, paßt, brauch­bar ist, hilft, stimmt, steht, hält, sich fügt, wirkt etc.

Mit der »Erobe­rung der Natur­di­stanz« geschieht die »ers­te Spren­gung des Umwelt-Rings in Rich­tung Welt­of­fen­heit«. »Damit tritt der evo­lu­tio­nä­re Vor­zug der Wahr­heit vor Irr­tum und Lüge auf die Büh­ne«. Die­se Vor­gän­ge sind Bedin­gung und Vor­aus­set­zung der – drit­tens – typisch mensch­li­chen Neo­te­nie, des Zu-früh-gebo­ren-Wer­dens. Nur weil das »sta­bi­li­sier­te Grup­pen-Treib­haus« der Hor­de einen »tech­nisch ein­ge­räum­ten exter­nen Ute­rus« zu garan­tie­ren in der Lage ist, »in dem die Gebo­re­nen Unge­bo­re­nen­pri­vi­le­gi­en genie­ßen«, kann das hilf­lo­se und viel zu unfer­ti­ge Men­schen­kind zwei Drit­tel sei­ner Früh­ent­wick­lung außer­halb des müt­ter­li­chen Schutz­rau­mes erfah­ren. Über­tra­gung ist dann der Pro­zeß der Über­nah­me die­ser Raum­qua­li­tä­ten auf grö­ße­re Gebil­de wie Völ­ker, Natio­nen oder Religionen.

Dem Men­schen gelingt mit all­dem, in die­ser »Scho­nung«, in die­sem »auto­ge­nen Park«, nichts Gerin­ge­res als »eine Umkeh­rung der Selek­ti­ons­ten­den­zen« der Evo­lu­ti­on. Daß die Spra­che das Haus des Seins sei, wie Heid­eg­ger mein­te, ist erst an zwei­ter Stel­le wahr, die Anthro­po­sphä­re ist das ers­te Haus. All die­se umwelt­di­stan­zie­ren­den, sphä­ren­schöp­fe­ri­schen, ver­wöh­nungs­ef­fek­ti­ven pri­mä­ren Anthro­po­tech­ni­ken sind durch ihre evo­lu­tio­nä­re Wir­kung per se schon immer Gen-Tech­ni­ken; und auto­tech­ni­sche Umfor­mun­gen gehö­ren zum huma­nen Aprio­ri: Sei­ne »Natur« zu ver­än­dern heißt, sie zu verwirklichen.

Anti­tech­ni­sche Res­sen­ti­ments ver­ra­ten nur die »unthe­ra­pier­ba­re Dop­pel­mo­ral, vor­tech­nisch zu den­ken und tech­nisch zu leben«. Dem »Unbe­ha­gen am Arti­fi­zi­el­len« als Kon­stan­te der Meta­phy­sik tritt Slo­ter­di­jk ent­ge­gen, bricht aus­glei­chend aber auch eine Lan­ze für einen »geschicht­lich bei­spiel­lo­sen Typus von Kon­ser­va­tis­mus« von »alten Natu­ren«, die »einer Hegung bedür­fen«; kurz: Zuver­sicht und Sor­ge, wie sie auch im »Men­schen­park« ange­spro­chen wurden.

Was wir heu­te als »Gen­tech­nik« dis­ku­tie­ren, gehört zu den sekun­dä­ren Anthropotechniken:

Zu recht­fer­ti­gen wären sie nur dann, wenn sie als ein­sich­ti­ge Fort­schrei­bung der Brut­kas­ten­re­vo­lu­ti­on im Inter­es­se von lokal oder uni­ver­sal aner­ken­nungs­fä­hi­gen Zie­len aus­ge­wie­sen wer­den können.

Das wie­der­um kön­nen sie nur als Homöo­tech­ni­ken. Die­se sind von den Allo­tech­ni­ken unter­schie­den. Fast alle bis­he­ri­ge Tech­nik war Allo­tech­nik, das heißt kon­fron­ta­ti­ve, wider­stand­über­win­den­de, extrak­ti­ve, herr­schaft­li­che, anti­na­tu­ra­le Tech­nik, die der zwei­wer­ti­gen Logik – Subjekt/Objekt, Geist/Materie etc. – der klas­si­schen Meta­phy­sik ent­spricht. Die Tech­nik­ent­wick­lung hat uns nun zum ersten­mal in der Geschich­te der Mensch­heit an einen Punkt geführt, an der sie »weit genug ent­wi­ckelt sein wird, um radi­kal auf Natur­nach­ah­mung umstel­len zu können«.

Die Gen­tech­no­lo­gie ist ein Bei­spiel dafür. Sie zwingt uns auch auf­grund ihrer mehr­wer­ti­gen Onto­lo­gie – das Gen zum Bei­spiel ist wesent­lich Infor­ma­ti­on, Befehl und führt damit eine drit­te Kate­go­rie ein – eine mehr­wer­ti­ge Logik auf (Gott­hard Gün­ther und Gil­les Deleu­ze sind ihre Vor­den­ker): Ter­ti­um datur. Die­se Art Tech­nik nennt Slo­ter­di­jk Homöo­tech­nik; sie kann »ihrem Wesen nach nichts ande­res wol­len als das, was ›die Sachen selbst‹ von sich aus sind und wer­den kön­nen«, sie ist »ko-intel­li­gent«. Nur vor die­sem Hin­ter­grund sind Slo­ter­di­jks skan­da­li­sier­te Äuße­run­gen um einen »Codex der Anthro­po­tech­ni­ken«, von »Men­schen­pro­duk­ti­on«, »Lek­ti­on und Selek­ti­on«, vom »Men­schen als Züch­ter des Men­schen«, von der »gene­ti­schen Reform der Gat­tungs­ei­gen­schaf­ten« und der­glei­chen zu verstehen.

Den pro­vo­kan­ten Begriff »Men­schen­park« woll­te Slo­ter­di­jk spä­ter hyper­bo­lisch, iro­nisch und als Ana­lo­gie­bil­dung zum »Tier­park« ver­stan­den wis­sen. Tat­säch­lich aber kennt er noch ande­re pas­sen­de, mit­schwin­gen­de Kom­ple­men­tä­re; er liegt auch zwi­schen Maschi­nen­park, Juras­sic Park, Mons­ter­park  und Dis­ney­park. An einem Ende steht die Maschi­ne im wei­tes­ten Sin­ne, am zwei­ten das geklon­te oder gen­ver­än­der­te Leben und bald wohl auch der Mensch.

Konn­te die bis­he­ri­ge Geschich­te unter dem Impe­ra­tiv des Wan­dels von Hand­lun­gen in Ereig­nis­se beschrie­ben wer­den – sie begann in dem Moment, wo Blitz und Don­ner kein gött­li­cher Ein­griff, son­dern »nur« noch natür­li­ches Ereig­nis wur­den –, mit allen beschleu­ni­gen­den, blas­phe­mi­schen, säku­la­ri­sie­ren­den Kon­se­quen­zen, so setzt nun ver­stärkt ein gegen­tei­li­ger Pro­zeß ein: Han­deln und Ereig­nis gehen wech­sel­sei­tig inein­an­der über.

Die einst mit Aplomb ver­kün­de­te Sin­gu­la­ri­tät  zeigt sich als prin­zi­pi­el­le Ohn­macht der Theo­rie vor der Rea­li­tät. Die alten und bewähr­ten Anthro­po­tech­ni­ken sind den tech­ni­schen Tech­ni­ken nicht mehr gewach­sen. Die­se müs­sen unter einer ers­ten Prä­mis­se in jene inkor­po­riert wer­den: unter einem Gebot, dem »Pfusch­ver­bot«. Slo­ter­di­jk stellt die demi­ur­gi­sche, die gnos­ti­sche Fra­ge. Prä­ven­ti­on und The­ra­pie unter homöo­tech­ni­schem Impe­ra­tiv wären die vor­erst letz­ten Kon­se­quen­zen und ers­ten Pflich­ten der Auf­klä­rung; wer sich dem ver­wei­ge­re, ver­ab­schie­de sich daraus:

Wenn die Gren­ze zwi­schen dem Heil­ba­ren und dem Unheil­ba­ren drif­tet, so ist den Akteu­ren die­ser Drift auf­ge­ge­ben, die Gren­zen des Mach­ba­ren und Zuläs­si­gen ent­spre­chend zu ver­schie­ben und die ärzt­li­che Berufs­ethik his­to­risch nach­zu­bes­sern. Die Sabo­ta­ge des Schick­sals geht weiter.

Zwan­zig Jah­re spä­ter, am Tor zum neu­en Zeit­al­ter der Künst­li­chen Intel­li­genz und sich sin­gu­la­ri­sie­ren­der »Geschich­te« mögen die­se Wor­te wei­se oder naiv klin­gen – wir wis­sen es noch nicht.

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