Die Entortung der Welt – neun Schritte

PDF der Druckausgabe aus Sezession 122/ Oktober 2024

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von Thor v. Waldstein –

1. MENSCH UND ERDE. Seit der Mensch im Ver­lauf der neo­li­thi­schen Revo­lu­ti­on, also vor rund 10 000 Jah­ren, sei­ne noma­disch gepräg­te Lebens­wei­se als Jäger und Samm­ler auf­gab, um sei­ne Daseins­grund­la­ge zukünf­tig durch Acker­bau und Vieh­hal­tung zu sichern, wur­de er seß­haft, wur­de er ein »Orts­we­sen«.

Mit zuneh­men­der Dau­er die­ser Seß­haf­tig­keit ent­wickelte der Mensch zu der von ihm gewähl­ten Ört­lich­keit, zu der Land­schaft, in die er sich ein­ge­bun­den, zu der Regi­on, zu der er sich zuge­hö­rig fühl­te, eine beson­de­re Bezie­hung. Es kam – objek­tiv – zu einer »Indi­vi­dua­li­sie­rung des Ortes« und in deren Fol­ge – sub­jek­tiv – zu einer »Emp­fin­dung räum­li­cher Individualität«.

Das Nähe­ver­hält­nis zwi­schen Mensch und Ort ließ ein »Bewußt­sein des Zu-ein­an­der-Gehö­rens« ent­ste­hen, das Georg Sim­mel unter Ver­wen­dung klas­si­schen mar­xis­ti­schen Voka­bu­lars als »see­li­schen Über­bau« des Men­schen bezeich­ne­te. Seit­her gehört es zur con­di­tio huma­na, daß die mensch­li­che Exis­tenz ohne Bezie­hung zu einem ter­ri­to­ria­len Rah­men nicht mehr denk­bar ist.

Arnold Geh­len, der wie kein ande­rer über­zeugt war von der »poten­ti­el­len Chao­tik« des Men­schen, von sei­ner »bio­lo­gi­schen Mit­tel­lo­sig­keit«, zähl­te neben den Insti­tu­tio­nen die Orts­bin­dung, die Gewöh­nung an einen Ort, die Ent­wick­lung eines unge­stör­ten Raum­ge­fühls, zu den wich­tigs­ten Vor­aus­set­zun­gen für eine Ent­las­tung des Men­schen. Und Wil­helm Dil­they sprach von der »Macht des Ortes«, der sich das Indi­vi­du­um nicht ent­zie­hen könne.

Für die­ses wesent­li­che Bezie­hungs­ge­flecht zwi­schen Mensch und Erde stand in der grie­chi­schen Mytho­lo­gie sinn­bild­lich der Rie­se Antai­os, der Sohn des Mee­res­got­tes Posei­don: Antai­os war unbe­sieg­bar, solan­ge er aus der Erde von sei­ner Mut­ter Gaia, der Erd­göt­tin, immer neue Kraft schöp­fen konn­te. Erst Hera­kles konn­te ihn bezwin­gen, indem er Antai­os in die Luft hob, ihn auf die­se Wei­se sei­ner Kraft­quel­le beraub­te und schließ­lich erwürgte.

2. RAUM UND RECHT. Die Zuord­nung des Rau­mes auf den Men­schen betraf aber nicht nur sei­ne Exis­tenz als Ein­zel­we­sen, son­dern gera­de auch sei­ne Lebens­form in einer Grup­pe, in einem Stamm, in einem Volk: »Am Anfang der Geschich­te jedes seß­haft gewor­de­nen Vol­kes, jedes Gemein­we­sens, jedes Rei­ches steht […] der kon­sti­tu­ti­ve Vor­gang einer Land­nah­me.« Die­se Land­nah­me wie­der­um gebar eine »Schick­sals­ge­mein­schaft des Bodens«, »eine[n] raum­haft kon­kre­ten, kon­sti­tu­ie­ren­den Ord­nungs- und Ortungs­akt«, für den Carl Schmitt den alt­grie­chi­schen Begriff des Nomos wie­der in Gel­tung gebracht hat. Die­sen Nomos defi­nier­te er als

das den Grund und Boden der Erde in einer bestimm­ten Ord­nung ein­tei­len­de und ver­or­ten­de Maß und die damit gege­be­ne Gestalt der poli­ti­schen, sozia­len und reli­giö­sen Ord­nung. Maß, Ord­nung und Gestalt bil­den hier eine raum­haft kon­kre­te Ein­heit. In der Land­nah­me, in der Grün­dung einer Stadt oder einer Kolo­nie wird der Nomos sicht­bar, mit dem ein Stamm oder eine Gefolg­schaft oder ein Volk seß­haft wird, d. h. sich geschicht­lich ver­or­tet und ein Stück Erde zum Kraft­feld einer Ord­nung erhebt.

Die­se tel­lurisch gebun­de­ne und begrenz­te Ord­nung ver­kör­pert somit den »bodenhafte[n] Urgrund, in dem alles Recht wur­zelt«. Jede Rechts­ein­rich­tung, jede Insti­tu­ti­on hat danach »ihren Raum­ge­dan­ken in sich […] und [bringt] daher auch ihr inne­res Maß und ihre inne­re Gren­ze mit sich«.

3. STAAT UND STAATSGEBIET. Der neu­zeit­li­che Staat, der aus den Reli­gi­ons­krie­gen des 16. und 17. Jahr­hun­derts her­vor­ge­gan­gen war und die Fron­ten des kon­fes­sio­nel­len Bür­ger­krie­ges neu­tra­li­siert hat­te, ent­fal­te­te sich von Anfang an als »eine gebiets­uni­ver­sa­le Ent­schei­dungs- und Wir­kungs­ein­heit«. Er steck­te einen »räum­lich abge­grenz­ten Teil der Erd­ober­flä­che« für sich ab, um auf die­sem Staats­ge­biet eine an das Ter­ri­to­ri­al­prin­zip gebun­de­ne Ord­nung zu begründen.

Das Staats­ge­biet ist somit die »grund­le­gends­te sach­li­che Wesens­kon­kre­ti­sie­rung« des Staa­tes, »unter den sach­li­chen Inte­gra­ti­ons­fak­to­ren des Staa­tes [steht es] an ers­ter Stel­le«. Inner­halb des pla­ne­ta­ri­schen Kraft­fel­des ist der »Raum­cha­rak­ter«, die »Raum­ge­nos­sen­schaft« wesent­li­che Bedin­gung staat­li­cher Einheit.

4. SEENAHME VERSUS LANDNAHME. Mit der koper­ni­ka­ni­schen Wen­de und der Ent­de­ckung der Neu­en Welt durch die (west-)europäischen Völ­ker im 16. und 17. Jahr­hun­dert ver­lo­ren Ort und Raum und die hier­auf erschaf­fe­ne ter­ra­ne Rechts­ord­nung an Bedeu­tung. Die See­nah­me nach 1492 und die Frei­heit der Mee­re schu­fen ein völ­ker­recht­li­ches Raum­ord­nungs­pro­blem, dem die tra­di­tio­nell aus­ge­bil­de­ten Juris­ten mit ihrem kon­ti­nen­ta­len Welt­bild, nach dem Recht und Frie­den nur auf dem Lan­de gel­ten, nicht gewach­sen waren.

In den fol­gen­den gut 300 Jah­ren bis zum 19. Jahr­hun­dert ent­wi­ckel­te sich nach und nach eine »raum­scheue Denk- und Vor­stel­lungs­wei­se, die […] dem land­frem­den, raum­auf­he­ben­den und daher gren­zen­lo­sen Uni­ver­sa­lis­mus« mari­ti­mer Herr­schafts­sys­te­me Tür und Tor öff­ne­te: »Das Meer ist frei im Sin­ne von staats­frei, d. h. frei von der ein­zi­gen Raum­ord­nungs­vor­stel­lung des staats­be­zo­ge­nen Rechts­den­kens«. In einer rechts­his­to­ri­schen logi­schen Sekun­de chan­gier­te der ter­ra­ne Ort zum mari­ti­men Nicht-Ort, und das »noma­di­sche Ide­al«, ent­stan­den in den Wüs­ten Ara­bi­ens, erwach­te in der Ozea­ne umspan­nen­den bri­ti­schen Welt­herr­schaft und ihrem stol­zen »Bri­tan­nia rules the waves« zu neu­er Blüte.

Die Mit­te des 19. Jahr­hun­derts explo­die­ren­de indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on bestä­tig­te den schon von Hegel erkann­ten Bedin­gungs­zu­sam­men­hang zwi­schen Meer und Indus­trie. Und die sich in der­sel­ben Epo­che zu neu­er, bis heu­te unge­bro­che­ner Macht­fül­le for­mie­ren­de Geld­wirt­schaft soll­te zu einem wei­te­ren Bedeu­tungs­ver­lust raum­ge­bun­de­ner Ord­nun­gen füh­ren. Gleich­zei­tig bewirk­te der spä­tes­tens nach 1848 nicht mehr ein­dämm­ba­re Drang der euro­päi­schen Völ­ker nach demo­kra­ti­scher Teil­ha­be »eine Auf­he­bung tra­di­tio­nel­ler Ortun­gen und in die­sem Sin­ne eine tota­le Mobil­ma­chung inten­sivs­ter Art, eine all­ge­mei­ne Entor­tung, [die] die euro­pa­zen­tri­sche Welt aus den Angeln [hob].«

Die Ver­aus­ga­bung euro­päi­scher Ener­gien auf den mari­tim auf­ge­la­de­nen Poli­tik- und Wirt­schafts­fel­dern des Glo­bus führ­te in der Alten Welt zu »ein[em] Absturz in das Nichts einer raum- und boden­lo­sen All­ge­mein­heit«. Anfang des 20. Jahr­hun­derts wur­de dann mit der Erfin­dung des Flug­zeugs die See­nah­me um eine Luft­nah­me ergänzt. Mit­te des 20. Jahr­hun­derts folg­te der Ver­such einer Welt­raum­nah­me, der frei­lich nie den Anschein des Uto­pi­schen, letzt­lich Erfolg­lo­sen abstrei­fen konnte.

Viel wich­ti­ger für unser The­ma ist dage­gen die Ende des 20. Jahr­hun­derts anhe­ben­de, in der Beherr­schung des vir­tu­el­len Rau­mes sich mani­fes­tie­ren­de Welt­netz­nah­me. Deren digi­ta­le Kraft­strö­me haben auf allen Kon­ti­nen­ten zu einer bei­spiel­lo­sen Ent­ter­ri­to­ri­a­li­sie­rung vie­ler mensch­li­cher Lebens­for­men geführt.

5. BODEN UND CHARAKTER. Die fata­len Fol­gen, die die Auf­lö­sung des Ortes auf das See­len­le­ben des Indi­vi­du­ums haben soll­ten, waren für Hell­sich­ti­ge schon in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts unüber­seh­bar. Graf Paul Yorck von War­ten­burg schrieb am 9. Mai 1881 an sei­nen Freund ­Wil­helm Dilthey:

Mit der Ent­frem­dung von dem Boden geht die hal­ten­de Kraft ver­lo­ren. Der boden-lose Sta­tus bewirkt im Men­schen und in sei­nen Lebens­ge­stal­tun­gen das labi­le Gleich­ge­wicht, wel­ches jeder Erschüt­te­rung weicht.

Die geis­ti­ge Des­ori­en­tie­rung, die den heu­ti­gen Mas­sen­mensch kenn­zeich­net und deren Tabu­la-rasa-Wir­kung erst die mons­trö­sen Polit­ap­pa­ra­tu­ren des 20. und 21. Jahr­hun­derts mög­lich wer­den ließ, geht zurück »auf eine unna­tür­li­che Stö­rung des Raum­ge­fühls […], die den Impe­tus der Erkennt­nis und der Selbst­er­kennt­nis zer­streut und die Ener­gien der Selbst­be­haup­tung zerreibt.«

Der Tri­umph der Belie­big­keit, die »Dik­ta­tur des Rela­ti­vis­mus« (Joseph Ratz­in­ger), die bis­wei­len unfaß­ba­re Gleich­gül­tig­keit vie­ler Zeit­ge­nos­sen gegen­über der Zer­stö­rung der eige­nen Lebens­grund­la­gen und der­je­ni­gen von Kin­dern und Enkeln haben viel zu tun mit dem Virus der Ort­lo­sig­keit, der sich pan­de­mie­ar­tig auf der Erde ver­brei­tet hat. Wur­zel­lo­sig­keit scheint anste­ckend zu sein; jeden­falls ver­mö­gen es immer weni­ger Indi­vi­du­en, sich dem glo­ba­len »Sog der Entor­tung« zu entziehen.

Das gna­den­los Unver­bind­li­che, die schein­bar wil­len­lo­se Hin­nah­me des Any­thing-goes-Wahn­sinns unse­rer Tage beraubt den Men­schen um nichts weni­ger als sei­nen Cha­rak­ter. Denn Cha­rak­ter kommt von grie­chisch charás­sein – ein­gra­ben, ein­rit­zen, ein­prä­gen. Und den­je­ni­gen, dem förm­lich der Boden unter den Füßen weg­ge­zo­gen, der ent­hei­ma­tet wur­de, prägt nie­mand mehr. Er hat sei­ne Wur­zeln gekappt und gleicht einer Schnitt­blu­me, die

immer wie­der beschnit­ten wer­den [muß], weil sich an der Schnitt­flä­che der Stiel schließt […]. Zu spät merkt man, daß man sich von dem befreit hat, was einen ausmacht.

6. VERFREMDUNG UND VERMASSUNG. Die mar­xis­ti­sche Voka­bel »Ent­frem­dung«, das Unver­traut­sein des Men­schen mit dem ihn umge­ben­den, ihm einst von sei­nen Vor­fah­ren zu treu­en Hän­den über­las­se­nen Fleck­chen Erde, hat Jacob Tau­bes als »Fall in die Frem­de« begriff­lich prä­zi­siert. Und zu den anthro­po­lo­gi­schen Grund­kon­stan­ten des homo sapi­ens gehört, daß bei ihm eine sol­che Begeg­nung mit dem Frem­den, mit dem Unbe­kann­ten eine tie­fe Furcht aus­löst. Seit Canet­ti wis­sen wir, daß »es […] die Mas­se allein [ist], in der der Mensch von die­ser Berüh­rungs­furcht erlöst wer­den kann.«

Ver­kör­per­te für das Indi­vi­du­um vor­dem die Hei­mat »das Wohl­ge­fühl des Bau­mes an sei­nen Wur­zeln«, so flüch­te­te sich der moder­ne, die­ser Wur­zeln beraub­te Mensch in die pseu­do-hei­me­li­ge Emp­fin­dung, zu einer ver­dich­te­ten Men­schen­quan­ti­tät zu gehö­ren, die ihn schein­bar von allen dro­hen­den Gefah­ren in der frei­en und hei­mat­lo­sen Wild­bahn bewahrt:

Sobald man sich der Mas­se ein­mal über­las­sen hat, fürch­tet man ihre Berüh­rung nicht […]. Je hef­ti­ger die Men­schen sich anein­an­der­pres­sen, um so siche­rer füh­len sie, daß sie kei­ne Angst vor­ein­an­der haben.

Nach­dem sich die iden­ti­täts­stif­ten­den Orte auf­ge­löst haben, oszil­liert das sol­cher­art entor­te­te Human­mo­le­kül halt­los zwi­schen den Ver­hei­ßungs­ver­spre­chen der Moder­ne umher. Auf dem Bil­lard­tisch des Lebens irren stets schnel­ler rol­len­de Kugeln auf Lini­en, die sich im Nir­gend­wo schnei­den mögen, die aber kein Ziel haben. Die inne­re Ver­las­sen­heit, die ent­setz­li­che Unbe­haust­heit des neu­zeit­li­chen Men­schen hat gera­de in unse­rem Land zu einem sozio­lo­gi­schen Umschlag geführt, der schon im Kai­ser­reich Schau­der erregte:

Das alte Deutsch­land beruh­te mit der ihm eige­nen Kraft auf selb­stän­dig gegrün­de­ten Exis­ten­zen. Mit die­sen wird man nun anfan­gen auf­zu­räu­men bis nichts mehr da ist, als Mas­se und Regierung

– Die Ent­frem­dung vom eige­nen Grund und Boden erweist sich somit als eine der wich­tigs­ten Herr­schafts­vor­aus­set­zun­gen der Massendemokratie.

7. WIEDERKEHR DES NOMADENTUMS. Jen­seits des Poli­ti­schen ist es vor ­allem der Bereich der Wirt­schaft, der spä­tes­tens seit dem letz­ten Vier­tel des 20. Jahr­hun­derts mehr und mehr neo­no­ma­di­sche Züge ange­nom­men hat. Schrie­be man eine Typen­leh­re des Neu­zeit­no­ma­den, stä­chen pri­ma vis­ta fol­gen­de Mus­ter­ex­em­pla­re ins Auge:

a. der Indus­trie­noma­de, der sei­ne Blech­zel­te heu­te hier, mor­gen dort auf­stellt und der urplötz­lich wei­ter­zieht, wenn ihm das Well­ness­um­feld aus Sub­ven­tio­nen, Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen, Arbeits­be­din­gun­gen etc. nicht mehr paßt,

b. der Job­no­ma­de, der – mehr gehetzt als selbst­be­stimmt – von Ort zu Ort ver­setzt wird, ohne daß auf sei­ne Bezü­ge zu Hei­mat­stadt, Fami­lie etc. Rück­sicht genom­men würde,

c. der Com­pu­ter­no­ma­de, der, indem er die Din­ge vir­tua­li­siert hat, die welt­um­span­nen­de Dik­ta­tur der digi­ta­len Ort­lo­sig­keit in Sze­ne gesetzt hat,

d. der Ren­di­teno­ma­de, der – in der heu­ti­gen »Pha­se […] eines ent­ter­ri­to­ri­a­li­sier­ten, spe­ku­la­ti­ven Kapi­ta­lis­mus« – mit sei­nem Geld heu­schre­cken­ar­tig den Pla­ne­ten nach den jeweils bes­ten Pro­fit­chan­cen abgrast,

e. der Asyl­no­ma­de, den es – getrie­ben von den Ver­lo­ckun­gen einer inter­na­tio­nal orga­ni­sier­ten Asyl­ma­fia – dort­hin ver­schlägt, wo gera­de auf dem Glo­bus die meis­ten gegen­leis­tungs­frei­en Trans­fer­gel­der abge­grif­fen wer­den kön­nen und

f. der Rei­se­no­ma­de, der – inner­lich unmö­bliert und von einer tief­grei­fen­den Ruhe­lo­sig­keit gezeich­net – rast­los um die hal­be Erde jet­tet, um in der Frem­de das zu suchen, was ihm in der eige­nen, ihm fremd gewor­de­nen Hei­mat abhan­den gekom­men ist.

Was die­se heu­ti­gen Noma­den eint, ist die Über­zeu­gung, daß Wur­zeln beim Fort­kom­men auf den sich anbie­ten­den Kar­rie­re­lei­tern nur hin­der­lich sein kön­nen. Das klas­si­sche, seit der Anti­ke gel­ten­de »ubi patria, ibi bene« – »Wo mein Vater­land ist, da geht es mir gut« – wur­de ein­fach umge­kehrt zu dem Leit­spruch der Glo­ba­li­sie­rungs­bar­ba­ren: ubi bene, ibi patria – (über­all) wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland.

8. VIRTUALISIERUNG UND MACHT. Kaum etwas hat unser Leben in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten so ver­än­dert wie der Tri­umph der Fer­ne. War frü­her das wirk­lich, was nah war, was man anfas­sen, was man sehen, was man hören, zu dem man spre­chen konn­te, so inter­agiert man heu­te über­wie­gend ort­los: Über Smart­phone / Lap­top kom­mu­ni­ziert Any­whe­re A mit Any­whe­re B, ohne daß A weiß, wo sich B befin­det, et vice versa.

Über Ama­zon bestellt der homo digi­ta­lis Waren, die er mit eige­nen Augen nicht gese­hen hat, bei Fir­men, die er nicht kennt und von denen er nicht weiß, wo sie resi­die­ren. Goog­le zau­bert ihm jeden Tag ande­re fas­zi­nie­ren­de Land­schaf­ten auf den Bild­schirm­scho­ner, von denen er raten darf, in wel­chem Win­kel des Glo­bus sie sich befin­den. Und als geo­gra­phi­scher Analpha­bet läßt er sich über das Navi zu Orten lei­ten, die er auf der Land­kar­te nie fin­den würde.

Ange­sichts die­ser wahr­haft tota­len Dis­lo­zie­rung muten ein­zel­ne Ver­or­tungs­rest­pos­ten auf dem elek­tro­ni­schen Jahr­markt nur noch gro­tesk an: etwa die sonn­tag­abend­li­che Selt­sam­keit, wenn sich die altern­de BRD-Täter­volks­ge­mein­schaft nach Ein­bruch der Däm­me­rung um das ­fla­ckern­de Fern­seh­la­ger­feu­er ver­sam­melt, um sich mit Hil­fe rou­ti­ne­mä­ßig abge­spul­ter Kri­mi­strei­fen an der Erkennt­nis zu erwär­men, daß in ort- und ori­en­tie­rungs­lo­sen Zei­ten wenigs­tens Mord und Tot­schlag noch einen Tat­ort haben. An der Ago­nie des Ortes ändern sol­che Kurio­si­tä­ten eben­so­we­nig etwas wie an der Tat­sa­che, daß es die Rah­men­lo­sig­keit des Digi­ta­len ist, die immer mehr Macht über die Men­schen gewinnt.

Micha­el Esders spricht von einer »Top­ik der Ort­lo­sig­keit«, von »Gemeinplätze[n] ohne Platz«, die nach und nach die letz­ten Wur­zeln kap­pen, mit denen das Indi­vi­du­um noch mit der Wirk­lich­keit ver­bun­den ist:

Die syn­the­ti­sche, refe­renz­lo­se und ver­flüs­sig­te (Un-)Ordnung des Digi­ta­len setzt das ter­ra­ne Prin­zip, die Raum­bin­dung des Rea­len, außer Kraft […] und ver­schafft den­je­ni­gen, die über­die glo­ba­len Net­ze und Begrif­fe ver­fü­gen, einen wei­te­ren, nahe­zu unein­hol­ba­ren Evidenzvorsprung.

Sou­ve­rän ist also, wer über den Lauf der Algo­rith­men­strö­me im Reich von Big Data gebie­tet. Dabei nimmt die vir­tu­el­le Herr­schafts­tech­nik »eine sub­ti­le, geschmei­di­ge, smar­te Form an und ent­zieht sich jeder Sicht­bar­keit.« Durch die unwi­der­steh­li­che Kunst der vir­tu­el­len Ver­füh­rung wird der ein­zel­ne heim­lich, still und lei­se in ort­lo­se Mega­struk­tu­ren ein­ge­bun­den, deren Zugriff er sich kaum ent­zie­hen kann.

Wenn nicht alles täuscht, dürf­te der Kip­punkt, zu dem »die digi­ta­le Ord­nung den Nomos der Erde end­gül­tig ver­ab­schie­det«, in unse­ren Tagen gekom­men sein. Kate­go­rien des Rechts, die dem ste­tig sei­ne Geschwin­dig­keit stei­gern­den Rad der elek­tro­ni­schen Welt­nah­me wirk­sam in die Spei­chen grei­fen, sind nicht erkennbar.

Das Netz ist ohne­hin nicht auf Streit gebürs­tet, son­dern grün­det sei­ne Macht­voll­kom­men­heit nicht zuletzt dar­in, daß der Nut­zer die Dro­ge des gro­ßen »Alles akzeptieren«-Einverständnisses frei­wil­lig ein­nimmt. Aber­tau­sen­de von Maus­klicks und Tas­ten­drü­cken ver­mit­teln ihm die süße Illu­si­on, er sei der Fin­ger­sou­ve­rän über die Appa­ra­tur. Tat­säch­lich kommt es umge­kehrt zu einer his­to­risch bei­spiel­lo­sen Unter­wer­fung des Men­schen unter die Maschi­ne, zu einer gewal­ti­gen Stei­ge­rung sei­ner geis­tig-see­li­schen Deformation.

9. HEIMATLOSIGKEIT ALS WELTSCHICKSAL. Par­i­dei­da, der umgrenz­te Gar­ten, ist die alt­per­si­sche Wur­zel für das schö­ne Wort »Para­dies«. Mit die­sem Para­dies, die­sem Gar­ten Eden, der in der Bibel beschrie­ben wird als »wun­der­sa­mer Ort, der kein Unglück kennt«, ver­bin­den wir die Hei­mat, das Stück­chen Erde, »wo man sich nicht erklä­ren muß« (Her­der). Trotz aller Ent­frem­dun­gen, die die Indus­tria­li­sie­rung und die ent­fes­sel­te Mobi­li­tät des 19. Jahr­hun­derts mit sich brin­gen soll­ten, trotz aller Ent­zau­be­rung der Welt durch die Moder­ne war der Bezug der Deut­schen zu ihrer Hei­mat bis 1918 weit­ge­hend ungebrochen.

Im Zuge der Ver­wer­fun­gen nach dem Ers­ten und Zwei­ten Welt­krieg ver­lor die meta­phy­sisch gepräg­te Erd­ver­bun­den­heit des ein­zel­nen mit sei­nem Land nach und nach an Bedeu­tung. Ange­sichts der Aus­trei­bung von mehr als zwölf Mil­lio­nen Ost- und Sude­ten­deut­schen von ihrem seit Jahr­hun­der­ten ver­trau­ten Hei­mat­bo­den stell­te Mar­tin Heid­eg­ger 1946 dann lapi­dar fest: »Die Hei­mat­lo­sig­keit wird ein Welt­schick­sal.« Hei­mat hat­te Heid­eg­ger defi­niert als den »geschicht­lich umheg­ten und hegen­den, allen Mut befeu­ern­den und alle Ver­mö­gen lösen­den Umkreis des­sen, wohin der Mensch […] gehört«. Daß kein Mensch ohne eine sol­che ihn umge­ben­de Sphä­re des Ver­trau­ten aus­kom­men kann, war bis in die zwei­te Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts noch weit­ge­hend unumstritten.

Ich selbst bin Ende der 1960er Jah­re noch im Fach »Hei­mat­kun­de« unter­rich­tet wor­den, einem Fach, in des­sen Mit­tel­punkt der päd­ago­gi­sche Anspruch stand, die natür­li­che Bezo­gen­heit des Men­schen zur Erde meta­phy­sisch rück­zu­kop­peln, um den in jedem Indi­vi­du­um schlum­mern­den Kräf­ten der Zer­streu­ung Wider­part zu bieten.

In West­deutsch­land wur­den Anfang der 1970er Jah­re die letz­ten Taue zu einer sol­chen geis­tig-see­li­schen Ver­an­ke­rung im Hei­mat­bo­den gekappt, um eine kos­mo­po­li­ti­sche Entor­tungs­uto­pie ins Werk zu set­zen, die mit den anthro­po­lo­gi­schen Grund­be­dürf­nis­sen des Men­schen nicht in Über­ein­stim­mung zu brin­gen ist. Es mag sein, daß es ein­zel­ne Indi­vi­du­en gibt, die den Noma­den in sich bewahrt haben und tat­säch­lich dau­er­haft ort­los exis­tie­ren kön­nen. Sol­che Aus­nah­me­erschei­nun­gen begrün­den aber für die meis­ten Men­schen, erst recht für ein Volk, kei­ne dau­er­haft belast­ba­re Lebensform.

In Wirk­lich­keit kön­nen die Eti­ket­ten »Mensch­heit« und »Welt­bür­ger­tum« zur Behei­ma­tung des Men­schen auf der Erde nichts bei­tra­gen. Sol­che abs­trac­ta gewin­nen begriff­lich ohne­hin nur Kon­tu­ren, wenn man sie pole­misch gegen con­cre­ta wie Hei­mat, Volk und Vater­land setzt. »Die Mensch­heit ist«, sagt Speng­ler, »ein zoo­lo­gi­scher Begriff oder ein lee­res Wort«; und noch etwas bis­si­ger for­mu­liert Carl Schmitt: »Wer Mensch­heit sagt, will betrü­gen.« – Wenn die Deut­schen denn ihre Zukunft im eige­nen Land zurück­ge­win­nen wol­len, wer­den sie sich von sol­chen Begriffs­hül­sen einer »hyper­kul­tu­rel­len Ort­lo­sig­keit« abwen­den müssen.

Sofern die welt­weit zu beob­ach­ten­den Zei­chen nicht trü­gen, erwacht bei immer mehr Men­schen ein Orts­fun­da­men­ta­lis­mus, aus des­sen Geist sich ein hand­fes­ter »Auf­stand gegen die Entor­tung« ent­wickeln könn­te. Wenn die Some­wheres über die Ort- und Hei­mat­lo­sig­keit der Any­whe­res tri­um­phie­ren, dann könn­te es zu einer ganz unge­ahn­ten Wie­der­kehr der Hei­mat kom­men, einer Hei­mat, die wir im Her­zen nie ver­lo­ren haben, einer Hei­mat, die unse­re ein­zi­ge Hoff­nung ist, wenn das Kar­ten­haus der libe­ra­lis­ti­schen Lügen in sich zusammenbricht.

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