von Thor v. Waldstein –
1. MENSCH UND ERDE. Seit der Mensch im Verlauf der neolithischen Revolution, also vor rund 10 000 Jahren, seine nomadisch geprägte Lebensweise als Jäger und Sammler aufgab, um seine Daseinsgrundlage zukünftig durch Ackerbau und Viehhaltung zu sichern, wurde er seßhaft, wurde er ein »Ortswesen«.
Mit zunehmender Dauer dieser Seßhaftigkeit entwickelte der Mensch zu der von ihm gewählten Örtlichkeit, zu der Landschaft, in die er sich eingebunden, zu der Region, zu der er sich zugehörig fühlte, eine besondere Beziehung. Es kam – objektiv – zu einer »Individualisierung des Ortes« und in deren Folge – subjektiv – zu einer »Empfindung räumlicher Individualität«.
Das Näheverhältnis zwischen Mensch und Ort ließ ein »Bewußtsein des Zu-einander-Gehörens« entstehen, das Georg Simmel unter Verwendung klassischen marxistischen Vokabulars als »seelischen Überbau« des Menschen bezeichnete. Seither gehört es zur conditio humana, daß die menschliche Existenz ohne Beziehung zu einem territorialen Rahmen nicht mehr denkbar ist.
Arnold Gehlen, der wie kein anderer überzeugt war von der »potentiellen Chaotik« des Menschen, von seiner »biologischen Mittellosigkeit«, zählte neben den Institutionen die Ortsbindung, die Gewöhnung an einen Ort, die Entwicklung eines ungestörten Raumgefühls, zu den wichtigsten Voraussetzungen für eine Entlastung des Menschen. Und Wilhelm Dilthey sprach von der »Macht des Ortes«, der sich das Individuum nicht entziehen könne.
Für dieses wesentliche Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Erde stand in der griechischen Mythologie sinnbildlich der Riese Antaios, der Sohn des Meeresgottes Poseidon: Antaios war unbesiegbar, solange er aus der Erde von seiner Mutter Gaia, der Erdgöttin, immer neue Kraft schöpfen konnte. Erst Herakles konnte ihn bezwingen, indem er Antaios in die Luft hob, ihn auf diese Weise seiner Kraftquelle beraubte und schließlich erwürgte.
2. RAUM UND RECHT. Die Zuordnung des Raumes auf den Menschen betraf aber nicht nur seine Existenz als Einzelwesen, sondern gerade auch seine Lebensform in einer Gruppe, in einem Stamm, in einem Volk: »Am Anfang der Geschichte jedes seßhaft gewordenen Volkes, jedes Gemeinwesens, jedes Reiches steht […] der konstitutive Vorgang einer Landnahme.« Diese Landnahme wiederum gebar eine »Schicksalsgemeinschaft des Bodens«, »eine[n] raumhaft konkreten, konstituierenden Ordnungs- und Ortungsakt«, für den Carl Schmitt den altgriechischen Begriff des Nomos wieder in Geltung gebracht hat. Diesen Nomos definierte er als
das den Grund und Boden der Erde in einer bestimmten Ordnung einteilende und verortende Maß und die damit gegebene Gestalt der politischen, sozialen und religiösen Ordnung. Maß, Ordnung und Gestalt bilden hier eine raumhaft konkrete Einheit. In der Landnahme, in der Gründung einer Stadt oder einer Kolonie wird der Nomos sichtbar, mit dem ein Stamm oder eine Gefolgschaft oder ein Volk seßhaft wird, d. h. sich geschichtlich verortet und ein Stück Erde zum Kraftfeld einer Ordnung erhebt.
Diese tellurisch gebundene und begrenzte Ordnung verkörpert somit den »bodenhafte[n] Urgrund, in dem alles Recht wurzelt«. Jede Rechtseinrichtung, jede Institution hat danach »ihren Raumgedanken in sich […] und [bringt] daher auch ihr inneres Maß und ihre innere Grenze mit sich«.
3. STAAT UND STAATSGEBIET. Der neuzeitliche Staat, der aus den Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts hervorgegangen war und die Fronten des konfessionellen Bürgerkrieges neutralisiert hatte, entfaltete sich von Anfang an als »eine gebietsuniversale Entscheidungs- und Wirkungseinheit«. Er steckte einen »räumlich abgegrenzten Teil der Erdoberfläche« für sich ab, um auf diesem Staatsgebiet eine an das Territorialprinzip gebundene Ordnung zu begründen.
Das Staatsgebiet ist somit die »grundlegendste sachliche Wesenskonkretisierung« des Staates, »unter den sachlichen Integrationsfaktoren des Staates [steht es] an erster Stelle«. Innerhalb des planetarischen Kraftfeldes ist der »Raumcharakter«, die »Raumgenossenschaft« wesentliche Bedingung staatlicher Einheit.
4. SEENAHME VERSUS LANDNAHME. Mit der kopernikanischen Wende und der Entdeckung der Neuen Welt durch die (west-)europäischen Völker im 16. und 17. Jahrhundert verloren Ort und Raum und die hierauf erschaffene terrane Rechtsordnung an Bedeutung. Die Seenahme nach 1492 und die Freiheit der Meere schufen ein völkerrechtliches Raumordnungsproblem, dem die traditionell ausgebildeten Juristen mit ihrem kontinentalen Weltbild, nach dem Recht und Frieden nur auf dem Lande gelten, nicht gewachsen waren.
In den folgenden gut 300 Jahren bis zum 19. Jahrhundert entwickelte sich nach und nach eine »raumscheue Denk- und Vorstellungsweise, die […] dem landfremden, raumaufhebenden und daher grenzenlosen Universalismus« maritimer Herrschaftssysteme Tür und Tor öffnete: »Das Meer ist frei im Sinne von staatsfrei, d. h. frei von der einzigen Raumordnungsvorstellung des staatsbezogenen Rechtsdenkens«. In einer rechtshistorischen logischen Sekunde changierte der terrane Ort zum maritimen Nicht-Ort, und das »nomadische Ideal«, entstanden in den Wüsten Arabiens, erwachte in der Ozeane umspannenden britischen Weltherrschaft und ihrem stolzen »Britannia rules the waves« zu neuer Blüte.
Die Mitte des 19. Jahrhunderts explodierende industrielle Revolution bestätigte den schon von Hegel erkannten Bedingungszusammenhang zwischen Meer und Industrie. Und die sich in derselben Epoche zu neuer, bis heute ungebrochener Machtfülle formierende Geldwirtschaft sollte zu einem weiteren Bedeutungsverlust raumgebundener Ordnungen führen. Gleichzeitig bewirkte der spätestens nach 1848 nicht mehr eindämmbare Drang der europäischen Völker nach demokratischer Teilhabe »eine Aufhebung traditioneller Ortungen und in diesem Sinne eine totale Mobilmachung intensivster Art, eine allgemeine Entortung, [die] die europazentrische Welt aus den Angeln [hob].«
Die Verausgabung europäischer Energien auf den maritim aufgeladenen Politik- und Wirtschaftsfeldern des Globus führte in der Alten Welt zu »ein[em] Absturz in das Nichts einer raum- und bodenlosen Allgemeinheit«. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde dann mit der Erfindung des Flugzeugs die Seenahme um eine Luftnahme ergänzt. Mitte des 20. Jahrhunderts folgte der Versuch einer Weltraumnahme, der freilich nie den Anschein des Utopischen, letztlich Erfolglosen abstreifen konnte.
Viel wichtiger für unser Thema ist dagegen die Ende des 20. Jahrhunderts anhebende, in der Beherrschung des virtuellen Raumes sich manifestierende Weltnetznahme. Deren digitale Kraftströme haben auf allen Kontinenten zu einer beispiellosen Entterritorialisierung vieler menschlicher Lebensformen geführt.
5. BODEN UND CHARAKTER. Die fatalen Folgen, die die Auflösung des Ortes auf das Seelenleben des Individuums haben sollten, waren für Hellsichtige schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unübersehbar. Graf Paul Yorck von Wartenburg schrieb am 9. Mai 1881 an seinen Freund Wilhelm Dilthey:
Mit der Entfremdung von dem Boden geht die haltende Kraft verloren. Der boden-lose Status bewirkt im Menschen und in seinen Lebensgestaltungen das labile Gleichgewicht, welches jeder Erschütterung weicht.
Die geistige Desorientierung, die den heutigen Massenmensch kennzeichnet und deren Tabula-rasa-Wirkung erst die monströsen Politapparaturen des 20. und 21. Jahrhunderts möglich werden ließ, geht zurück »auf eine unnatürliche Störung des Raumgefühls […], die den Impetus der Erkenntnis und der Selbsterkenntnis zerstreut und die Energien der Selbstbehauptung zerreibt.«
Der Triumph der Beliebigkeit, die »Diktatur des Relativismus« (Joseph Ratzinger), die bisweilen unfaßbare Gleichgültigkeit vieler Zeitgenossen gegenüber der Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen und derjenigen von Kindern und Enkeln haben viel zu tun mit dem Virus der Ortlosigkeit, der sich pandemieartig auf der Erde verbreitet hat. Wurzellosigkeit scheint ansteckend zu sein; jedenfalls vermögen es immer weniger Individuen, sich dem globalen »Sog der Entortung« zu entziehen.
Das gnadenlos Unverbindliche, die scheinbar willenlose Hinnahme des Anything-goes-Wahnsinns unserer Tage beraubt den Menschen um nichts weniger als seinen Charakter. Denn Charakter kommt von griechisch charássein – eingraben, einritzen, einprägen. Und denjenigen, dem förmlich der Boden unter den Füßen weggezogen, der entheimatet wurde, prägt niemand mehr. Er hat seine Wurzeln gekappt und gleicht einer Schnittblume, die
immer wieder beschnitten werden [muß], weil sich an der Schnittfläche der Stiel schließt […]. Zu spät merkt man, daß man sich von dem befreit hat, was einen ausmacht.
6. VERFREMDUNG UND VERMASSUNG. Die marxistische Vokabel »Entfremdung«, das Unvertrautsein des Menschen mit dem ihn umgebenden, ihm einst von seinen Vorfahren zu treuen Händen überlassenen Fleckchen Erde, hat Jacob Taubes als »Fall in die Fremde« begrifflich präzisiert. Und zu den anthropologischen Grundkonstanten des homo sapiens gehört, daß bei ihm eine solche Begegnung mit dem Fremden, mit dem Unbekannten eine tiefe Furcht auslöst. Seit Canetti wissen wir, daß »es […] die Masse allein [ist], in der der Mensch von dieser Berührungsfurcht erlöst werden kann.«
Verkörperte für das Individuum vordem die Heimat »das Wohlgefühl des Baumes an seinen Wurzeln«, so flüchtete sich der moderne, dieser Wurzeln beraubte Mensch in die pseudo-heimelige Empfindung, zu einer verdichteten Menschenquantität zu gehören, die ihn scheinbar von allen drohenden Gefahren in der freien und heimatlosen Wildbahn bewahrt:
Sobald man sich der Masse einmal überlassen hat, fürchtet man ihre Berührung nicht […]. Je heftiger die Menschen sich aneinanderpressen, um so sicherer fühlen sie, daß sie keine Angst voreinander haben.
Nachdem sich die identitätsstiftenden Orte aufgelöst haben, oszilliert das solcherart entortete Humanmolekül haltlos zwischen den Verheißungsversprechen der Moderne umher. Auf dem Billardtisch des Lebens irren stets schneller rollende Kugeln auf Linien, die sich im Nirgendwo schneiden mögen, die aber kein Ziel haben. Die innere Verlassenheit, die entsetzliche Unbehaustheit des neuzeitlichen Menschen hat gerade in unserem Land zu einem soziologischen Umschlag geführt, der schon im Kaiserreich Schauder erregte:
Das alte Deutschland beruhte mit der ihm eigenen Kraft auf selbständig gegründeten Existenzen. Mit diesen wird man nun anfangen aufzuräumen bis nichts mehr da ist, als Masse und Regierung
– Die Entfremdung vom eigenen Grund und Boden erweist sich somit als eine der wichtigsten Herrschaftsvoraussetzungen der Massendemokratie.
7. WIEDERKEHR DES NOMADENTUMS. Jenseits des Politischen ist es vor allem der Bereich der Wirtschaft, der spätestens seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts mehr und mehr neonomadische Züge angenommen hat. Schriebe man eine Typenlehre des Neuzeitnomaden, stächen prima vista folgende Musterexemplare ins Auge:
a. der Industrienomade, der seine Blechzelte heute hier, morgen dort aufstellt und der urplötzlich weiterzieht, wenn ihm das Wellnessumfeld aus Subventionen, Steuervergünstigungen, Arbeitsbedingungen etc. nicht mehr paßt,
b. der Jobnomade, der – mehr gehetzt als selbstbestimmt – von Ort zu Ort versetzt wird, ohne daß auf seine Bezüge zu Heimatstadt, Familie etc. Rücksicht genommen würde,
c. der Computernomade, der, indem er die Dinge virtualisiert hat, die weltumspannende Diktatur der digitalen Ortlosigkeit in Szene gesetzt hat,
d. der Renditenomade, der – in der heutigen »Phase […] eines entterritorialisierten, spekulativen Kapitalismus« – mit seinem Geld heuschreckenartig den Planeten nach den jeweils besten Profitchancen abgrast,
e. der Asylnomade, den es – getrieben von den Verlockungen einer international organisierten Asylmafia – dorthin verschlägt, wo gerade auf dem Globus die meisten gegenleistungsfreien Transfergelder abgegriffen werden können und
f. der Reisenomade, der – innerlich unmöbliert und von einer tiefgreifenden Ruhelosigkeit gezeichnet – rastlos um die halbe Erde jettet, um in der Fremde das zu suchen, was ihm in der eigenen, ihm fremd gewordenen Heimat abhanden gekommen ist.
Was diese heutigen Nomaden eint, ist die Überzeugung, daß Wurzeln beim Fortkommen auf den sich anbietenden Karriereleitern nur hinderlich sein können. Das klassische, seit der Antike geltende »ubi patria, ibi bene« – »Wo mein Vaterland ist, da geht es mir gut« – wurde einfach umgekehrt zu dem Leitspruch der Globalisierungsbarbaren: ubi bene, ibi patria – (überall) wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland.
8. VIRTUALISIERUNG UND MACHT. Kaum etwas hat unser Leben in den vergangenen Jahrzehnten so verändert wie der Triumph der Ferne. War früher das wirklich, was nah war, was man anfassen, was man sehen, was man hören, zu dem man sprechen konnte, so interagiert man heute überwiegend ortlos: Über Smartphone / Laptop kommuniziert Anywhere A mit Anywhere B, ohne daß A weiß, wo sich B befindet, et vice versa.
Über Amazon bestellt der homo digitalis Waren, die er mit eigenen Augen nicht gesehen hat, bei Firmen, die er nicht kennt und von denen er nicht weiß, wo sie residieren. Google zaubert ihm jeden Tag andere faszinierende Landschaften auf den Bildschirmschoner, von denen er raten darf, in welchem Winkel des Globus sie sich befinden. Und als geographischer Analphabet läßt er sich über das Navi zu Orten leiten, die er auf der Landkarte nie finden würde.
Angesichts dieser wahrhaft totalen Dislozierung muten einzelne Verortungsrestposten auf dem elektronischen Jahrmarkt nur noch grotesk an: etwa die sonntagabendliche Seltsamkeit, wenn sich die alternde BRD-Tätervolksgemeinschaft nach Einbruch der Dämmerung um das flackernde Fernsehlagerfeuer versammelt, um sich mit Hilfe routinemäßig abgespulter Krimistreifen an der Erkenntnis zu erwärmen, daß in ort- und orientierungslosen Zeiten wenigstens Mord und Totschlag noch einen Tatort haben. An der Agonie des Ortes ändern solche Kuriositäten ebensowenig etwas wie an der Tatsache, daß es die Rahmenlosigkeit des Digitalen ist, die immer mehr Macht über die Menschen gewinnt.
Michael Esders spricht von einer »Topik der Ortlosigkeit«, von »Gemeinplätze[n] ohne Platz«, die nach und nach die letzten Wurzeln kappen, mit denen das Individuum noch mit der Wirklichkeit verbunden ist:
Die synthetische, referenzlose und verflüssigte (Un-)Ordnung des Digitalen setzt das terrane Prinzip, die Raumbindung des Realen, außer Kraft […] und verschafft denjenigen, die überdie globalen Netze und Begriffe verfügen, einen weiteren, nahezu uneinholbaren Evidenzvorsprung.
Souverän ist also, wer über den Lauf der Algorithmenströme im Reich von Big Data gebietet. Dabei nimmt die virtuelle Herrschaftstechnik »eine subtile, geschmeidige, smarte Form an und entzieht sich jeder Sichtbarkeit.« Durch die unwiderstehliche Kunst der virtuellen Verführung wird der einzelne heimlich, still und leise in ortlose Megastrukturen eingebunden, deren Zugriff er sich kaum entziehen kann.
Wenn nicht alles täuscht, dürfte der Kippunkt, zu dem »die digitale Ordnung den Nomos der Erde endgültig verabschiedet«, in unseren Tagen gekommen sein. Kategorien des Rechts, die dem stetig seine Geschwindigkeit steigernden Rad der elektronischen Weltnahme wirksam in die Speichen greifen, sind nicht erkennbar.
Das Netz ist ohnehin nicht auf Streit gebürstet, sondern gründet seine Machtvollkommenheit nicht zuletzt darin, daß der Nutzer die Droge des großen »Alles akzeptieren«-Einverständnisses freiwillig einnimmt. Abertausende von Mausklicks und Tastendrücken vermitteln ihm die süße Illusion, er sei der Fingersouverän über die Apparatur. Tatsächlich kommt es umgekehrt zu einer historisch beispiellosen Unterwerfung des Menschen unter die Maschine, zu einer gewaltigen Steigerung seiner geistig-seelischen Deformation.
9. HEIMATLOSIGKEIT ALS WELTSCHICKSAL. Parideida, der umgrenzte Garten, ist die altpersische Wurzel für das schöne Wort »Paradies«. Mit diesem Paradies, diesem Garten Eden, der in der Bibel beschrieben wird als »wundersamer Ort, der kein Unglück kennt«, verbinden wir die Heimat, das Stückchen Erde, »wo man sich nicht erklären muß« (Herder). Trotz aller Entfremdungen, die die Industrialisierung und die entfesselte Mobilität des 19. Jahrhunderts mit sich bringen sollten, trotz aller Entzauberung der Welt durch die Moderne war der Bezug der Deutschen zu ihrer Heimat bis 1918 weitgehend ungebrochen.
Im Zuge der Verwerfungen nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg verlor die metaphysisch geprägte Erdverbundenheit des einzelnen mit seinem Land nach und nach an Bedeutung. Angesichts der Austreibung von mehr als zwölf Millionen Ost- und Sudetendeutschen von ihrem seit Jahrhunderten vertrauten Heimatboden stellte Martin Heidegger 1946 dann lapidar fest: »Die Heimatlosigkeit wird ein Weltschicksal.« Heimat hatte Heidegger definiert als den »geschichtlich umhegten und hegenden, allen Mut befeuernden und alle Vermögen lösenden Umkreis dessen, wohin der Mensch […] gehört«. Daß kein Mensch ohne eine solche ihn umgebende Sphäre des Vertrauten auskommen kann, war bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts noch weitgehend unumstritten.
Ich selbst bin Ende der 1960er Jahre noch im Fach »Heimatkunde« unterrichtet worden, einem Fach, in dessen Mittelpunkt der pädagogische Anspruch stand, die natürliche Bezogenheit des Menschen zur Erde metaphysisch rückzukoppeln, um den in jedem Individuum schlummernden Kräften der Zerstreuung Widerpart zu bieten.
In Westdeutschland wurden Anfang der 1970er Jahre die letzten Taue zu einer solchen geistig-seelischen Verankerung im Heimatboden gekappt, um eine kosmopolitische Entortungsutopie ins Werk zu setzen, die mit den anthropologischen Grundbedürfnissen des Menschen nicht in Übereinstimmung zu bringen ist. Es mag sein, daß es einzelne Individuen gibt, die den Nomaden in sich bewahrt haben und tatsächlich dauerhaft ortlos existieren können. Solche Ausnahmeerscheinungen begründen aber für die meisten Menschen, erst recht für ein Volk, keine dauerhaft belastbare Lebensform.
In Wirklichkeit können die Etiketten »Menschheit« und »Weltbürgertum« zur Beheimatung des Menschen auf der Erde nichts beitragen. Solche abstracta gewinnen begrifflich ohnehin nur Konturen, wenn man sie polemisch gegen concreta wie Heimat, Volk und Vaterland setzt. »Die Menschheit ist«, sagt Spengler, »ein zoologischer Begriff oder ein leeres Wort«; und noch etwas bissiger formuliert Carl Schmitt: »Wer Menschheit sagt, will betrügen.« – Wenn die Deutschen denn ihre Zukunft im eigenen Land zurückgewinnen wollen, werden sie sich von solchen Begriffshülsen einer »hyperkulturellen Ortlosigkeit« abwenden müssen.
Sofern die weltweit zu beobachtenden Zeichen nicht trügen, erwacht bei immer mehr Menschen ein Ortsfundamentalismus, aus dessen Geist sich ein handfester »Aufstand gegen die Entortung« entwickeln könnte. Wenn die Somewheres über die Ort- und Heimatlosigkeit der Anywheres triumphieren, dann könnte es zu einer ganz ungeahnten Wiederkehr der Heimat kommen, einer Heimat, die wir im Herzen nie verloren haben, einer Heimat, die unsere einzige Hoffnung ist, wenn das Kartenhaus der liberalistischen Lügen in sich zusammenbricht.