Nie wieder Humanismus?

PDF der Druckausgabe aus Sezession 122/ Oktober 2024

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

»Der NS ist mir zu huma­nis­tisch!« Mit die­ser Pro­vo­ka­ti­on, frei nach Heid­eg­ger, konn­te man stets sowohl Kom­mi­li­to­nen am phi­lo­so­phi­schen Insti­tut als auch Kame­ra­den im rech­ten Lager scho­ckie­ren. Was meint die­ser auf den ers­ten Blick haar­sträu­ben­de Satz?

Der Weg zur Ant­wort führt über einen Brief Mar­tin Heid­eg­gers zu einer Rede Peter Slo­ter­di­jks. Heid­eg­gers Huma­nis­mus-Brief wur­de inmit­ten der deut­schen Trüm­mer­land­schaft ver­faßt. Der »Letzt­me­ta­phy­si­ker« und »Meis­ter ohne Wan­der­jah­re« (Peter Slo­ter­di­jk) bezog nach dem geschei­ter­ten Enga­ge­ment im NS sei­ne Denk­stel­lung im Schwarzwald.

Mit einer »Wut des Dablei­bens« (eben­falls Slo­ter­di­jk) mach­te er sich dar­an, in die »Gegend, in die er gebo­ren wur­de, immer tie­fer ein­zu­wan­dern«. Wäh­rend eine deut­sche Hoch­schu­le nach der ande­ren umge­färbt und den heim­keh­ren­den Frank­fur­ter Exi­lan­ten der aka­de­mi­sche Boden geeb­net wur­de, hielt Heid­eg­ger die Stel­lung des boden­stän­di­gen Den­kens. Von dort aus schick­te er Nach­rich­ten an geis­tig Verbündete.

Am 10. Dezem­ber 1946 erging ein Brief an den fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Jean Beau­fret. Heid­eg­ger ant­wor­tet ihm dar­in auf Fra­gen zum Exis­ten­zia­lis­mus. Auf den ers­ten Blick grenzt er sich von einem sei­ner ers­ten fran­zö­si­schen Epi­go­nen, Jean-Paul Sart­re, ab. Schürft man tie­fer, so fin­det sich dar­in Heid­eg­gers Kri­tik am moder­nen Men­schen­bild in höchs­ter Klar­heit und Konzentration.

Sei­ne Abfer­ti­gung des Huma­nis­mus und mein Aper­çu gegen den NS empö­ren des­halb, weil der Begriff zum mora­li­schen Kern der Auf­klä­rung gehört. In sei­nem vul­gä­ren Ver­ständ­nis evo­ziert er Asso­zia­tio­nen wie »Men­schen­wür­de, Men­schen­recht, Mei­nungs­frei­heit, Bil­dung und Demo­kra­tie«. Man denkt an Cice­ro, Eras­mus von Rot­ter­dam, Pico del­la Miran­do­la, Goe­the und Kant. Heid­eg­ger fegt die­ses dif­fu­se Geflecht aus Moral, Mei­nun­gen und All­ge­mein­plät­zen mit Hil­fe der Seins­fra­ge bei­sei­te: Huma­nis­mus blei­be ein lee­rer Begriff, wenn unklar sei, was mit huma­nus, also dem »Men­schen« eigent­lich gemeint sei. So ist es. Moral­phi­lo­so­phie wird leicht zur Phra­seo­lo­gie, wenn sie über kein onto­lo­gi­sches Fun­da­ment verfügt.

Bevor wir uns in mora­li­schen Appel­len dar­über ver­lie­ren, was der Mensch sol­le, müs­sen wir ent­schei­den, was der Mensch ist. Eine Debat­te über Für und Wider von Abtrei­bung ist sinn­los, wenn wir uns nicht vor­her dar­über eini­gen, wes­sen Leben hier will­kür­lich been­det wird. Auch rund 80 Jah­re nach der Abfas­sung des Huma­nis­mus-Briefs krankt die Moral­phi­lo­so­phie also an einer ekla­tan­ten »Seins­ver­ges­sen­heit«.

Not­ge­drun­gen wird daher unter­schwel­lig ein libe­ra­les, auf­klä­re­ri­sches Men­schen­bild vor­aus­ge­setzt, das eigent­lich erst begrün­det wer­den müß­te. Die Mons­tranz der »Mensch­lich­keit«, die der Wer­te­wes­ten vor sich her­trägt, bezieht sich auf den Men­schen als ani­mal ratio­na­le, also »ver­nunft­be­gab­tes Tier«. Er wird damit als Zwit­ter­we­sen aus Geist und Mate­rie, Ver­nunft und Tier­heit ver­stan­den. Das macht den Huma­nis­mus ambivalent.

Je nach­dem, wel­chen Aspekt die­ser dua­len Mensch­lich­keit man betont, erge­ben sich völ­lig ande­re mora­li­sche Maxi­men, Gesell­schafts­for­men, Staats­theo­rien und Erzie­hungs­idea­le. Man kann den Men­schen als auto­no­mes, ratio­na­les Sub­jekt oder als wil­len­los- ani­ma­li­schen Trä­ger ego­is­ti­scher, Gene und Trie­be auf­fas­sen. Bei­de Optio­nen sind in der Ideen- und Begriffs­ge­schich­te des »Huma­nis­mus« ver­tre­ten. Ihre gesell­schafts­po­li­ti­schen Kon­se­quen­zen wur­den im 20. Jahr­hun­dert ins Äußers­te getrieben.

Heid­eg­ger ver­wirft Extrem­po­si­tio­nen und die zugrun­de­lie­gen­de Idee des ani­mal ratio­na­le. Der Mensch »ist« weder sei­ne »bewuß­te Ratio­na­li­tät«, noch »ist« er sein »unter­be­wuß­tes Trieb­ge­fü­ge«. Im bis heu­te andau­ern­den Streit, wer denn Herr im zwie­ge­spal­te­nen »See­len-Haus­halt« (­Nietz­sche) des Men­schen sei, schlägt sich Heid­eg­ger auf kei­ne Sei­te. Statt des­sen beschreibt er den Men­schen als Dasein neu. Des­sen Wesen lie­ge in sei­ner Existenz.

Das sei ein Phä­no­men, das jeder nach­träg­li­chen Spal­tung in Kör­per und Geist zuvor­ge­he und sich nicht ein­sei­tig redu­zie­ren las­se. Sobald aus der star­ren, phi­lo­so­phi­schen Anthro­po­lo­gie das poli­ti­sche Pro­gramm eines Huma­nis­mus ent­ste­he, wer­de das Dasein not­wen­dig ver­stüm­melt. Es kön­ne sich nicht ent­fal­ten. »Huma­nis­ti­sche« Bil­dungs­kon­zep­te, vom kom­mu­nis­ti­schen Osten bis zum libe­ra­len Wes­ten, die das mensch­li­che Wesen miß­ver­ste­hen, lie­ßen es ver­öden und die Gemein­schaft verkümmern.

Heid­eg­gers Kri­tik am Huma­nis­mus zielt also gera­de nicht auf einen Amo­ra­lis­mus ab. Noch weni­ger betreibt er eine Recht­fer­ti­gung der Bes­tia­li­tät, die in Nietz­sches Schrif­ten gele­gent­lich anklingt. Heid­eg­gers Destruk­ti­on des Huma­nis­mus als geis­ti­ges Kon­glo­me­rat aus Anthro­po­zen­tris­mus, Ratio­na­li­täts­wahn und Auto­no­mie­ver­ses­sen­heit ist nur der ers­te Akt. Das Ziel der Kri­tik ist eine neue, tie­fe­re Fra­ge nach dem Wesen des Men­schen, aus der erst eine ech­te Mensch­lich­keit ent­ste­hen könne.

Inter­es­san­ter­wei­se waren es vor allem lin­ke, oft sogar mar­xis­ti­sche Phi­lo­so­phen, die Heid­eg­gers genea­lo­gi­sche Kri­tik begeis­tert auf­grif­fen. Im 20. Jahr­hun­dert ent­deck­ten sie Zug um Zug, daß das Men­schen­bild, das dem libe­ra­len Huma­nis­mus zugrun­de liegt, weder uni­ver­sal noch ewig sei. Das ver­nünf­ti­ge, auto­no­me Sub­jekt ist ein zeit- und orts­ge­bun­de­nes Pro­dukt der abend­län­di­schen Geis­tes­ge­schich­te und wur­de nicht zu Unrecht von Heid­eg­gers lin­ken Epi­go­nen als »euro­zen­trisch, männ­lich und weiß« entlarvt.

Die Neue Rech­te täte gut dar­an, die­se anti­uni­ver­sa­lis­ti­sche Kri­tik post­mo­der­ner Iden­ti­täts­po­li­ti­ker nicht mit einer Ver­tei­di­gung des west­lich-libe­ra­len Pro­jekts zu kon­tern. Im Kampf gegen über­kom­me­ne »geis­ti­ge Bal­last­stof­fe« der Auf­klä­rung besteht eine sel­te­ne und klei­ne Schnitt­men­ge zwi­schen uns und den Den­kern der Dekonstruktion.

Das Men­schen­bild des Huma­nis­mus ist unser phi­lo­so­phi­sches »white man’s bur­den«. Sei­ne effek­ti­ven poli­ti­schen Aus­wir­kun­gen sind nicht zu über­se­hen. Die Idee eines abs­trak­ten Rechts­sub­jekts ist die Basis von Migra­ti­ons­po­li­tik, Asyl- und Staats­bür­ger­recht. Die eth­no­kul­tu­rel­len Ent­ste­hungs- und Mög­lich­keits­be­din­gun­gen des Rechts wer­den aus­ge­blen­det. Die ani­ma­li­tas des Men­schen wird dage­gen, wenn es um die Recht­fer­ti­gung des Hedo­nis­mus und die Unter­gra­bung der reli­giö­sen Tra­di­tio­nen und kul­tu­rel­len Wer­te geht, von den­sel­ben Akteu­ren ins Feld geführt.

Der wah­re Grund für die Empö­rung über Heid­eg­gers Huma­nis­mus-Brief ist, daß er dem links­li­be­ra­len »Ende der Geschich­te« den phi­lo­so­phi­schen Boden unter den Füßen weg­zieht. Alter­na­ti­ve Men­schen­bil­der, Huma­nis­men und Gesell­schafts­for­men wer­den damit wie­der denk­bar. Sei­ne Kri­tik wirk­te fort. Sie ström­te wie ein unter­ir­di­scher Fluß wei­ter, wäh­rend sich an der Ober­flä­che die Gesell­schaft der BRD »um stän­di­ges Wirt­schafts­wachs­tum und die Auf­dau­er­stel­lung fol­gen­blin­der Geschäf­te, um Besitz­stän­de an gedan­ken­lo­ser Destruk­ti­vi­tät und Gewohn­heits­rech­te auf Natur­plün­de­rung« sorgte.

Und damit kom­men wir zu den »Regeln für den Men­schen­park«. Der Autor der vor­an­ge­gan­ge­nen Zei­len, Peter Slo­ter­di­jk, hielt am 17. Juli 1999 in der phi­lo­so­phi­schen Aka­de­mie in Elmau einen Vor­trag die­ses Titels, der das Jus­te milieu (oder wie er nann­te, die »Jus­te Mélan­ge«) der BRD in Auf­ruhr ver­set­ze. Slo­ter­di­jk knüpft als einer der weni­gen Phi­lo­so­phen, die heu­te noch so genannt wer­den soll­ten, an Heid­eg­gers Brief an.

Was die­ser in sei­nem Brief nur erah­nen konn­te, war zum Zeit­punkt der Rede vor­her­seh­bar und ist heu­te offen­sicht­lich. Die Tech­nik ist zum »Zen­tral­ge­biet« (Sie­fer­le) der Aus­ein­an­der­set­zung gewor­den. Sie ist kein neu­tra­ler Bereich von Exper­ten und Erfin­dern, son­dern ein umkämpf­tes Feld poli­ti­scher Technikideologien.

Slo­ter­di­jk zog ein grim­mi­ges Fazit: Ange­sichts neu­er tech­no­lo­gi­scher Mög­lich­kei­ten habe der Mensch dort, wo bis­lang »Gebur­ten­fa­ta­lis­mus« vor­herrsch­te, bewuß­te Selek­ti­ons­macht. Die Macht­fül­le der Bio­tech­no­lo­gie füh­re unwei­ger­lich dazu, daß »der Mensch für den Men­schen die höhe­re Gewalt dar­stellt.« Es kün­di­gen sich »unver­meid­li­chen Kämp­fe über die Rich­tung der Men­schen­züch­tung« an. Die über­lau­te mora­li­scher Empö­rungs­wel­le ange­sichts Slo­ter­di­jks Wort­wahl ließ die Ver­wandt­schaft zwi­schen »Zucht« und »Erzie­hung« in Ver­ges­sen­heit geraten.

Immer schon und in jeder Gesell­schaft form­te ein Regel­werk aus Erzie­hungs­idea­len, Bil­dungs­po­li­tik, Geset­zen zur Hei­rat und Aner­ken­nung von Nach­kom­men­schaft den Men­schen nach einem Bild. Die Bio­tech­no­lo­gie löst die Sozi­al­tech­nik ab. Schnel­ler und nach­hal­ti­ger kön­nen und wer­den Sys­te­me den Insas­sen ihrer »Men­schen­parks« ihre Men­schen­bil­der auf­prä­gen. Ob er will oder nicht, wird der Mensch in die »Rol­le des Selek­tors« gedrängt.

Seit Slo­ter­di­jks Rede ist die mensch­li­che »Selek­ti­ons­macht« über Gebur­ten, Gen­ma­ni­pu­la­ti­on und Pro­the­tik wei­ter­ge­wach­sen. Auch »tech­no­ge­ne Fremd­le­be­we­sen«, wie sie der Phi­lo­soph vor­her­sah, wer­den immer rea­lis­ti­scher. Kri­ti­ker, die Slo­ter­di­jk »Euge­nik« vor­war­fen, flüch­te­ten sich in mora­li­sche Posen. Tat­säch­lich bewer­tet er weni­ger, ob die Men­schen­parks »Klein- oder Groß­züch­tung« betrie­ben. Was als eu- oder dys­ge­nisch gilt, hängt näm­lich am Ende vom Wer­te­sys­tem des Selek­tors ab.

Was aus­blieb, war und ist eine offe­ne, unauf­ge­reg­te Debat­te über die poli­ti­sche Ver­ge­sell­schaf­tung der Selek­ti­ons­macht. Eine bloß trot­zi­ge Wei­ge­rung, sie aus­zu­üben, hält Slo­ter­di­jk für eine »ste­ri­le« und unhalt­ba­re Posi­ti­on. Süf­fi­sant schreibt er: »Im besinn­li­chen Reser­vat geben die Men­schen sich frei­wil­lig so schwach, wie sie vor der Ein­füh­rung der gro­ßen Tech­nik waren.« Die­se Hal­tung ist aus sei­ner Sicht inso­fern reak­tio­när, als sie »nur Pro­test, aber kein Wei­ter­den­ken« ermöglicht.

Ein Wei­ter­den­ken fand bis­her kaum statt. Die Debat­te, die Slo­ter­di­jk los­tre­ten woll­te, blieb aus, und das The­ma wur­de der Sci­ence-fic­tion über­las­sen. Sie lotet seit Jahr­zehn­ten die unter­schied­lichs­ten Mög­lich­kei­ten bio­tech­no­lo­gi­scher Men­schen­züch­tung aus. In den zwei immer wie­der auf­tre­ten­den Sze­na­ri­en erken­nen wir die bei­den Pole des huma­nis­ti­schen Men­schen­bilds wie­der: In tech­no­kra­ti­schen, im wei­tes­ten Sin­ne »kom­mu­nis­ti­schen« Dys­to­pien wie in Equi­li­bri­um, Fah­ren­heit 451 und Bra­ve New World erle­ben wir die »Klein­züch­tung« und end­gül­ti­ge Domes­ti­zie­rung, Ega­li­sie­rung und Nivel­lie­rung des Men­schen im Namen eines ratio­na­lis­ti­schen Ide­als. In den dage­gen »neo­li­be­ra­len« Ideen­wel­ten des Cyber­punks malt man die regel­lo­se, anar­cho­ka­pi­ta­lis­ti­sche Hoch­züch­tung ein­zel­ner Men­schen zu amo­ra­li­schen Über­men­schen aus.

Sech­zehn Jah­re nach der Slo­ter­di­jk-Debat­te präg­te Noah Yuval Hara­ri für die­sen Typus den Begriff »homo deus«. Der israe­li­sche His­to­ri­ker kri­ti­siert in sei­nem gleich­na­mi­gen Buch eben­falls den libe­ra­len Huma­nis­mus. Das auto­no­me Sub­jekt, von dem die­ser aus­geht, sei hin­fäl­lig, da es »bio­lo­gisch hack­bar« gewor­den sei. Anders als Heid­eg­ger und Slo­ter­di­jk führt Hara­ri gegen die Meta­phy­sik des Libe­ra­lis­mus nicht die Phi­lo­so­phie, son­dern die Neu­ro­wis­sen­schaft ins Feld. Bewuß­te und sou­ve­rä­ne Ent­schei­dun­gen sei­en bei Men­schen die Aus­nah­me, nicht die Regel. Die moder­nen Men­schen­mas­sen sei­en längst mani­pu­lier­ba­re Daten­strö­me gewor­den, ob das den libe­ra­len Salon­phi­lo­so­phen gefällt oder nicht.

Tat­säch­lich inten­si­viert die moder­ne Tech­no­lo­gie die anti­quier­te Unklar­heit des Huma­nis­mus. Sei­ne Ambi­va­lenz läßt eben bei­de Men­schen­züch­tungs­theo­rien zu: sowohl die ega­li­tär begrün­de­te, bio­po­li­ti­sche Zäh­mung und Ver­zwer­gung des Men­schen als auch die eli­tär begrün­de­te, gene­ti­sche Ermäch­ti­gung ein­zel­ner Indi­vi­du­en und Völ­ker. In dem einen Fall wür­de eine mono­the­is­tisch anmu­ten­de Exper­to­kra­tie über eine klein­ge­züch­te­te Men­schen­her­de herr­schen. Im ande­ren Fall ent­stün­de ein neu­heid­ni­scher Plu­ra­lis­mus, im frei­en Spiel von Bio­tech­nik­kon­zer­nen und gene­tisch auf­ge­motz­ten Menschengöttern.

Die­se Kon­zep­te gehen zwar in ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tun­gen, befin­den sich aber auf der­sel­ben hori­zon­ta­len Ebe­ne des Huma­nis­mus. Des­sen zen­tra­le Aus­sa­ge ist näm­lich immer auch, daß der Mensch – »selbst­he­gend und selbst­züch­tend« – der ein­zi­ge Ursprung sei­ner Geset­ze sein kann. Die Schnitt­men­ge aller Huma­nis­men ist eine anthro­po­zen­tri­sche und athe­is­ti­sche Welt­sicht. Nach ihr folgt aus tech­ni­scher Macht­fül­le unaus­weich­lich ein qua­si­gött­li­ches Recht der Menschenzüchtung.

Ihr gemein­sa­mer ideo­lo­gi­scher Nukle­us, den Heid­eg­ger als die Machen­schaft, das Rech­ne­ri­sche und den end­lo­sen Fort­schritt beschreibt, ist die Rea­li­sie­rung aller denk­ba­ren bio­po­li­ti­schen Mach­bar­kei­ten. Auch der Natio­nal­so­zia­lis­mus war ein »mili­tan­ter Huma­nis­mus« (Slo­ter­di­jk) mit bes­tia­li­scher Schlag­sei­te. Als »gestie­fel­ter« Nietz­schea­nis­mus (Slo­ter­di­jk) stellt er eine umge­stülp­te Vari­an­te der Auf­klä­rung und ihrer »Macht­er­grei­fung über alles Sei­en­de« dar.

Auf der Suche nach einem Aus­weg, der die huma­nis­ti­sche Dicho­to­mie über­win­den kön­ne, bevor sie zur Bio­po­li­tik wer­de, wan­delt Slo­ter­di­jk stre­cken­wei­se auf Heid­eg­gers Pfa­den. Er greift auf Pla­tons Poli­te­ia, eine der ältes­ten und radi­kals­ten Über­le­gun­gen zur Erzie­hung und »Men­schen­zucht« zurück. Was Pla­ton sowohl von »huma­nis­ti­schen Gym­na­si­en der Bür­ger­zeit« als auch von der »faschis­ti­schen Euge­nik« unter­schei­det, ist, daß ein »pla­to­ni­sche Hirt« nur des­halb ein »glaub­wür­di­ger Hüter der Men­schen« sein kann, »weil er das irdi­sche Abbild des ein­zi­gen, ursprüng­li­chen verkörpert.«

An ande­rer Stel­le schreibt er: »Die ›natu­ra­lis­ti­schen Angrei­fer‹, die mit­tels der Tech­nik vor­pre­schen, kön­nen nur von den ›Ver­tei­di­gern außer­na­tu­ra­lis­ti­scher Grö­ßen‹ in Schach gehal­ten wer­den«. Nur aus einer nicht­hu­ma­nis­ti­schen, womög­lich gött­li­chen Dimen­si­on kann ein Anstoß kom­men. Die »onto­lo­gi­sche Demuts­übung« ret­tet uns womög­lich aus dem Ver­häng­nis huma­nis­ti­scher Belie­big­keit in Ver­bin­dung mit tech­ni­scher Macht.

Slo­ter­di­jk hofft auf »eine Keh­re der Tech­nik gegen die Tech­nik« und »eine Über­ho­lung der Wis­sen­schaf­ten durch die Wis­sen­schaf­ten, eine Keh­re der Medi­en gegen sich selbst«. Die Lek­ti­on, die ­Slo­ter­di­jk aus dem 20. Jahr­hun­dert zieht, ist, daß »der Mensch als Sub­jekt der Keh­re« und die Revo­lu­ti­on als ihr Ope­ra­ti­ons­mo­dus nicht in Fra­ge kom­men. Er kon­sta­tiert eine Epo­che, in der es »kei­ne Revo­lu­tio­nen alten Stils mehr geben kann, wohl aber Her­aus­dre­hun­gen aus erstarr­ten und ver­zerr­ten Strukturen«.

Doch anders als Heid­eg­ger, des­sen Man­gel an Iro­nie und des­sen »Ste­hen­blei­ben in End­fi­gu­ren des besinn­li­chen Den­kens« er respekt­voll, aber unbe­irr­bar kri­ti­siert, will Slo­ter­di­jk nicht nur auf einen ret­ten­den Gott war­ten. Aus sei­ner lako­ni­schen Fest­stel­lung »Der Gott, der uns noch ret­ten könn­te, läßt sich Zeit« folgt: Es braucht neben der Samm­lung zum ande­ren Anfang und dem Nach­den­ken über das Wesen des Men­schen auch kon­kre­te Ant­wor­ten auf drän­gen­de, tech­nik­po­li­ti­sche Fra­gen. Wenn der »Men­schen­park« alter­na­tiv­los ist, so müs­sen wir uns über sei­ne Regeln Gedan­ken machen. Andern­falls wer­den sie jene schrei­ben, die sich als Huma­nis­ten geben, sich aber ins­ge­heim für Göt­ter halten.

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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