In der letzten Ausgabe der Sezession stand viel über das Konzept und die Regeln des »Menschenparks« zu lesen, aber nichts darüber, wovon sich die Insassen dieses Parks ernähren (oder ernähren sollen) und welche Rolle die Tiere darin spielen. Diese Frage scheint sich vielen gar nicht erst zu stellen. Im biblischen Ur-Menschenpark, dem Garten Eden, wird den unschuldigen Geschöpfen Adam und Eva von Gott eine rein vegetarische Nahrung zugedacht: »Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten.« (Gen 1,29)
In der Welt nach dem Sündenfall bringt der Hirte Abel Gott ein Opfer aus den »Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett« dar. Es wird zwar nicht explizit gesagt, aber wir können annehmen, daß Abel diese Tiere auch zu seinem eigenen Verzehr geschlachtet hat. Sein Bruder, der die »Früchte der Erde« bestellt, wird von Gott weniger geliebt und nach dem Mord an Abel verdammt.
Erst Noah nach der Sintflut, nach Rettung aller Tiere, wird ausdrücklich gestattet: »Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen.« (Gen 9,3) Auch wir gehen heute selbstverständlich davon aus, daß die Tiere uns als Nahrungsquellen und Hausgenossen zur Verfügung stehen und daß wir das Recht haben, über ihr Leben und ihren Tod zu verfügen. In der industriellen Massengesellschaft sind sie ebenso unsichtbar wie allgegenwärtig.
Kinder sind fasziniert von Tieren, weshalb diese eine große Rolle in Kinderbüchern spielen. Viele der Arten, die in diesen abgebildet sind oder als Plastikspielzeug reproduziert werden, sind in ihrem Bestand gefährdet. Heute gibt es auf der Welt hunderttausendfach mehr Blauwale und Tiger aus Plastik, als es reale Exemplare gibt. Man hat heute keine Angst oder Ehrfurcht mehr vor Löwen, Wölfen, Adlern und Haien (wenn man sie nicht gerade vor der Nase hat); es ist vielmehr so, daß diese Kreaturen heute vor der erbarmungslosen Verfolgung durch den techno-optimierten Top-Predator Mensch geschützt werden müssen.
Jedoch nicht von diesen Tieren, die durch Umweltzerstörung, Profitgier und Jagdlust vernichtet werden, soll hier die Rede sein, sondern vielmehr von jenen, die massenhaft gezüchtet werden, um den Lebensstandard der technologischen Zivilisation zu gewährleisten und aufrechtzuerhalten. Die wenigsten Menschen bekommen heutzutage täglich lebendige Hühner, Schweine, Kühe, Schafe oder Ziegen zu sehen, aber an jeder Ecke gibt es Supermärkte, in denen ihr Fleisch und ihre Knochen, sauber in Plastik verpackt, zu kaufen sind, jeden Morgen frisch, alles unter strengsten hygienischen Auflagen und in einem Überfluß, der dazu führt, daß täglich Tonnen unverzehrten Fleisches weggeworfen werden.
Laut dem Statistischen Bundesamt (2021) werden pro Tag in Deutschland mehr als zwei Millionen Tiere geschlachtet, darunter 1,7 Millionen Hühner, 142 000 Schweine, 91 000 Puten, 26 500 Enten und 9000 Kühe. Wer kann sich dem Eindruck widersetzen, daß frei nach Stefan George »schon diese zahl frevel« sei? Das Dasein der Mehrzahl dieser Tiere, ihre Zeugung, Geburt und Tod werden von Hi-Tech-Maschinen gesteuert, begleitet und beendet.
Es sind dystopische Höllen, Fabriken des Todes ebenso wie des Lebens, eines Lebens, das ausschließlich dem Konsum und der industriellen Vernutzung dient. Sie sind piepsende, grunzende, muhende, defäkierende und kopulierende Biodinge, deren kurze Existenz am Fließband beginnt und endet, die unter alptraumhaften Umständen versklavt und geschunden werden.
Daß die grauenhaften Bedingungen, unter denen sie gehalten werden, zum Teil jeder Beschreibung spotten, ist vage ins kollektive Bewußtsein eingesickert, wird aber meistens rasch wieder verdrängt, weil die Implikationen dieses Wissens zu erschreckend sind. Einen der ersten großen öffentlichen Schocks gab es bereits 1905, als der amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair in seinem Roman Der Dschungel die damals noch kraß unhygienischen Bedingungen in den Schlachthöfen von Chicago schilderte, in denen menschliche Arbeit ebenso ausgebeutet wurde wie tierische Leiber.
Das Buch hatte weitreichende politische Folgen und bekehrte etliche Leser wie seinen Autor selbst zum Vegetarismus. Der Anblick der Realität der Schlachthöfe wirkt bis heute zuverlässig, um zumindest vorübergehend den Appetit auf Fleisch zu verderben. Ein lebendes Wesen, das im Todeskampf zappelt, ist für die meisten ein schwer erträglicher Anblick; und dennoch gibt es Menschen, die täglich zu ihrem Arbeitsplatz gehen, um dort Tausende Schweine zu töten.
Anschauungsmaterial ist für jeden, der sich traut, nur einen YouTube-Klick weit entfernt, von dem Klassiker Le sang des bêtes (1949) von Georges Franju bis hin zu dem mit versteckten Kameras gefilmten Schocker Earthlings (2005) oder Eating Animals (2017) nach dem gleichnamigen Bestseller von Jonathan Safran Foer.
Peter Sloterdijk hat dieses Problem mehrfach angesprochen. Die weltweiten Schlachthöfe bilden einen globalen »Gulag der Tiere« (Die Reue des Prometheus, 2023), ihre industrielle Massenschlachtung stelle die »Holocauste der Nationalsozialisten, der Bolschewiken und der Maoisten« weit in den Schatten (Im Weltinnenraum des Kapitals, 2005). Diese Art von drastischen Vergleichen ist also keineswegs alleinige Sache von fanatischen, linksradikalen »Anti-Speziesisten«, zu denen immerhin schon Schopenhauer zählte:
»Erst, wenn jene einfache und über allen Zweifel erhabene Wahrheit, daß die Tiere in der Hauptsache und im Wesentlichen ganz das Selbe sind, was wir«, schrieb er, »in’s Volk gedrungen sein wird, werden die Tiere nicht mehr als rechtlose Wesen dastehn und demnach der bösen Laune und Grausamkeit jedes rohen Burschen preisgegeben sein.« Sloterdijk hat nicht davor die Augen verschlossen, daß die »Befreiung« des Menschen einhergeht mit der Versklavung der Tiere, die freilich weitaus älter ist als die industrielle Revolution, wie abermals Schopenhauer bemerkte: »Die Menschen sind die Teufel der Erde, und die Tiere die geplagten Seelen.«
Völlig übereinstimmend mit Sloterdijk schrieb Yuval Noah Harari in seinem Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit, man könne die »beispiellosen Errungenschaften des modernen Homo sapiens« nur dann vorbehaltlos bejubeln, wenn man »das Schicksal aller anderen Tiere ausblendet«: »In den vergangenen zweihundert Jahren«, schreibt der weitgehend vegan lebende, buddhistische Meditation praktizierende Harari, »haben wir Abermilliarden von Tieren in einem Regime industrieller Ausbeutung geknechtet, deren Grausamkeit in den Annalen des Planeten Erde ohnegleichen ist.«
Harari gilt im rechten Spektrum als ein besonders exponierter Schurke aufgrund seiner Nähe zum Weltwirtschaftsforum, seiner Apologie des Transhumanismus und seiner Prophezeiung, daß die Automatisierung riesige Schichten von »nutzlosen« Menschen erzeugen werde, die man wohl nur mit »Drogen und Computerspielen« bei Laune halten könne. Man könnte auch ergänzen: für deren Erhalt es billiger Fließbandnahrung bedarf. Damit dafür nicht allzu viele Schweine und Hühner geschlachtet werden müssen, wird bereits jetzt die Idee beworben, noch billigere, proteinreiche und hoffentlich gefühllose Insekten als Nahrungsmittel bereitzustellen.
Beim Namen »Harari« allein fahren schon bei vielen die Jalousien herunter. Die programmatische Verquickung von Tier- und Umweltschutz mit »Klimawandel« und anderen zweifelhaften Agenden ruft im rechten Spektrum oft eine energische Trotzhaltung und Apperzeptionsverweigerung hervor. Besonders manche Christen haben Schwierigkeiten, den Zusammenhang zwischen der menschlichen Bevölkerungsexplosion der letzten, sagen wir, 150 Jahre und der Konsumption und Vernichtung von Pflanzen, Tieren und Lebensräumen zu sehen.
Heißt es nicht in der Bibel, »Machet euch die Erde untertan«? Und wie kann man bloß behaupten, daß es »zu viele« Menschen auf diesem Planeten gebe, wenn doch jeder einzelne das Ebenbild Gottes in sich trägt, eine unsterbliche Seele hat oder aus anderen Gründen, über die man Bescheid zu wissen glaubt, nicht zufällig auf dieser Erde »inkarniert« wurde?
Andere wiederum machen einen Kult aus ihrem Fleischkonsum, vom »Boomer«, der unbehelligt von »linksgrünen« Spielverderbern sein Steak grillen will, bis hin zum »nietzscheanischen Vitalisten«, der denkt, daß er nur mittels Fleischverzehr (aus artgerechter Haltung vom Biobauern) seinen Testosteronspiegel halten und einen Breker- Körper aufbauen kann.
Es gibt jedoch gewichtige Einwände zum Status quo des Fleischkonsums, die nicht von der Hand zu weisen sind. Ein ähnlich rotes Tuch wie Harari ist manchen die streitlustige Pornodarstellerin und Medizinerin Raffaela Raab, genannt die »militante Veganerin«. Diese schreckt im Gegensatz zu den meisten Linken nicht davor zurück, auch mit Rechten in den Diskussionsring zu steigen. Nach »Shlomo Finkelstein« und Feroz Khan, der sich inzwischen offen zum Veganismus bekennt, debattierte sie im Juli 2024 für den alternativen Internetsender AUF1 mit Jonas Schick, dem Herausgeber der ökologischen Zeitschrift Die Kehre.
Aufgrund ihres exzentrischen Auftretens und ihres Radikalismus scheint es zunächst ein leichtes Spiel zu sein, sie als Wahnsinnige abzutun. Raab vertritt einen extremen Egalitarismus, wonach auch die hierarchische Unterteilung von Tierarten eine Form der »Diskriminierung« sei, analog zum »Rassismus« und »Sexismus«. Daraus folgt aus ihrer Sicht, daß es keinen Unterschied macht, ob man einen Menschen oder ein Schwein zur Schlachtbank führt.
Daraus folge wiederum, daß die Lebensmittelindustrie einen tagtäglichen Holocaust an Millionen von Tieren begehe, für eine Gesellschaft, die sich theoretisch auch auf rein pflanzlicher Basis ernähren könnte. Gegenüber diesem gigantischen Verbrechen könne es keinerlei moralische Kompromisse geben: Mord ist Mord. Auch »Vegetarismus«, der immer noch Eier oder Käse erlaubt, sei nur ein schwaches Alibi. In der Diskussion mit Schick betonte Raab, daß Veganismus für sie zuallererst ein rein ethisches Anliegen sei und keine Frage etwa der »gesunden Ernährung« oder der ökologischen Nachhaltigkeit.
Diese wiederum ist das zentrale Anliegen von Schick, der diesen Themenbereich »von rechts« zu beackern versucht. Leider hatte auch er Raab deutlich unterschätzt. Die meisten Menschen werden nicht so weit gehen, ein Schwein oder eine Kuh auf dieselbe Stufe zu stellen wie einen Menschen. Sie würden lieber eine beliebige Anzahl Hühner (oder Wale) töten, als ihr Kind verhungern zu lassen. Die meisten Menschen würden auch zustimmen, daß es ethisch weitaus verwerflicher sei, Raffaela Raab zu töten als einen beliebigen Hamster, und wahrscheinlich würde sie selber auch entsprechend entscheiden, wenn man sie vor die Wahl stellen würde, einen Spatzen oder einen Menschen, irgendeinen Menschen, zu töten.
Aber die Kunst der guten Argumentation besteht nun einmal darin, auch das vermeintlich Selbstverständliche zu begründen. Man könnte ins Feld führen, daß Menschen ein stärker entwickeltes Selbstbewußtsein und damit (angeblich) auch ein höheres Schmerzempfinden haben oder daß das Individuationsprinzip bei Menschen stärker ausgeprägt sei, daß Menschen im Gegensatz zu Tieren »Personen« seien.
Aus diesem Grund erfüllt uns der Kannibalismus mit ganz besonderem Grausen, wenn Menschen mit den Leibern anderer Menschen wie mit den Leibern von Tieren umgehen: sie zerfleischen, zerstückeln, kochen, sich einverleiben und, was übrigbleibt, ausscheiden. Elias Canetti, der ebenfalls ein (gemäßigter) Anti-Speziesist avant la lettre war, ging sogar so weit, in Masse und Macht zu formulieren: »Der Kot, der von allem übrigbleibt, ist mit unserer ganzen Blutschuld beladen. An ihm läßt sich erkennen, was wir gemordet haben.«
Wie man es drehen und wenden mag: Wenn man bejaht, daß ein Menschenleben prinzipiell über einem Tierleben steht, und manche Tierleben »wertvoller« sind als andere, dann wäre die ehrliche Antwort: Der Mensch als das mächtigste, faktisch überlegene Tier an der Spitze der Nahrungskette nimmt sich das Recht heraus, perspektivisch zu »hierarchisieren« und zu entscheiden, was er wann töten darf und wofür. Das ist jedoch eine willkürliche Setzung, zu der man so viele ethische Begründungen hinzuerfinden mag, wie man will. Am Ende ist es der eingefleischte »speziesistische« Egoismus, der entscheidet.
Machen es denn die anderen Tiere anders, macht uns die »Schöpfung, die auf Fraß gestellt ist« (Canetti), nicht vor, daß ausnahmslos jedes Lebewesen, auch der Pflanzenfresser, sich nur dadurch erhalten kann, indem er andere Lebewesen ihres Lebens beraubt? So gesehen unterscheiden wir uns vom eiszeitlichen Jäger, der sich in das Fell getöteter Tiere kleidet und mit ihren Zähnen und Knochen schmückt, nur durch den Grad unserer technologischen Perfektion und Glätte, die das eigenhändige Töten in Schinderhütten auslagern, wo andere die Drecksarbeit erledigen.
Nur sehr stumpfe Seelen werden dieses elementare, darwinistische Drama aus zerberstenden Knochen und Blutsäuferei vorbehaltslos bejahen. Ist es nicht so, daß es erst die Möglichkeit des Neinsagens zu dem endlosen Kreislauf des Verschlingens, Verdauens und Ausscheidens, zu den Regeln des Jurassic Parks ist, die das eigentliche Menschsein ausmacht?
Gemessen an einem absoluten Tötungsverbot, scheint die Menschheit zur Schuld gegenüber anderen Lebewesen verdammt. So gab es auch immer wieder religiöse und ethische Versuche, aus diesem Verhängnis auszusteigen. Schick führte gegen Raab ins Feld, daß Veganismus »auf dem Spielfeld spielt, das die industrielle Gesellschaft ausgelegt hat«, also nur unter Bedingungen möglich ist, die letztere erst geschaffen habe, als eine Art Versorgungsluxus, den sich nur wenige leisten können. Eine wirklich ökologisch nachhaltige Lebensmittelproduktion aber könne auf Tierhaltung kaum verzichten. Zu allen Zeiten haben sich Menschen vom Fleisch der Tiere ernährt, und das könne auf breiter Basis nicht geändert werden.
In der Tat ist es schwer vorstellbar, man könne eine Massengesellschaft wie die unsrige derart »umschalten«, daß sie nur mehr mit veganen Produkten ernährt wird. Das Leiden und massenhafte Töten der zu »Energiespeichern« (Schick) reduzierten Tiere und ihre Aufzucht mit dem alleinigen Ziel des Getötet-Werdens sind der Preis, den unsere Zivilisation (offenbar) zahlen muß, um Milliarden Menschen auf jenem hohen Niveau zu versorgen, das zum Standard geworden ist.
Angesichts des Frevels gegen das Leben selbst, der in den zahllosen aus unserem Bewußtsein, Augen und Sinn verdrängten Köppelsbleeks der eßbaren Tiere verübt wird, ist das ein äußerst unbehaglicher Gedanke.