Ein viehisches Köppelsbleek

PDF der Druckausgabe aus Sezession 123/ Dezember 2024

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

In der letz­ten Aus­ga­be der Sezes­si­on stand viel über das Kon­zept und die Regeln des »Men­schen­parks« zu lesen, aber nichts dar­über, wovon sich die Insas­sen die­ses Parks ernäh­ren (oder ernäh­ren sol­len) und wel­che Rol­le die Tie­re dar­in spie­len. Die­se Fra­ge scheint sich vie­len gar nicht erst zu stel­len. Im bibli­schen Ur-Men­schen­park, dem Gar­ten Eden, wird den unschul­di­gen Geschöp­fen Adam und Eva von Gott eine rein vege­ta­ri­sche Nah­rung zuge­dacht: »Hier­mit über­ge­be ich euch alle Pflan­zen auf der gan­zen Erde, die Samen tra­gen, und alle Bäu­me mit samen­hal­ti­gen Früch­ten.« (Gen 1,29)

In der Welt nach dem Sün­den­fall bringt der Hir­te Abel Gott ein Opfer aus den »Erst­lin­gen sei­ner Her­de und von ihrem Fett« dar. Es wird zwar nicht expli­zit gesagt, aber wir kön­nen anneh­men, daß Abel die­se Tie­re auch zu sei­nem eige­nen Ver­zehr geschlach­tet hat. Sein Bru­der, der die »Früch­te der Erde« bestellt, wird von Gott weni­ger geliebt und nach dem Mord an Abel verdammt.

Erst Noah nach der Sint­flut, nach Ret­tung aller Tie­re, wird aus­drück­lich gestat­tet: »Alles Leben­di­ge, das sich regt, soll euch zur Nah­rung die­nen.« (Gen 9,3) Auch wir gehen heu­te selbst­ver­ständ­lich davon aus, daß die Tie­re uns als Nah­rungs­quel­len und Haus­ge­nos­sen zur Ver­fü­gung ste­hen und daß wir das Recht haben, über ihr Leben und ihren Tod zu ver­fü­gen. In der indus­tri­el­len Mas­sen­ge­sell­schaft sind sie eben­so unsicht­bar wie allgegenwärtig.

Kin­der sind fas­zi­niert von Tie­ren, wes­halb die­se eine gro­ße Rol­le in Kin­der­bü­chern spie­len. Vie­le der Arten, die in die­sen abge­bil­det sind oder als Plas­tik­spiel­zeug repro­du­ziert wer­den, sind in ihrem Bestand gefähr­det. Heu­te gibt es auf der Welt hun­dert­tau­send­fach mehr Blau­wa­le und Tiger aus Plas­tik, als es rea­le Exem­pla­re gibt. Man hat heu­te kei­ne Angst oder Ehr­furcht mehr vor Löwen, Wöl­fen, Adlern und Hai­en (wenn man sie nicht gera­de vor der Nase hat); es ist viel­mehr so, daß die­se Krea­tu­ren heu­te vor der erbar­mungs­lo­sen Ver­fol­gung durch den tech­no-opti­mier­ten Top-Pre­da­tor Mensch geschützt wer­den müssen.

Jedoch nicht von die­sen Tie­ren, die durch Umwelt­zer­stö­rung, Pro­fit­gier und Jagd­lust ver­nich­tet wer­den, soll hier die Rede sein, son­dern viel­mehr von jenen, die mas­sen­haft gezüch­tet wer­den, um den Lebens­stan­dard der tech­no­lo­gi­schen Zivi­li­sa­ti­on zu gewähr­leis­ten und auf­recht­zu­er­hal­ten. Die wenigs­ten Men­schen bekom­men heut­zu­ta­ge täg­lich leben­di­ge Hüh­ner, Schwei­ne, Kühe, Scha­fe oder Zie­gen zu sehen, aber an jeder Ecke gibt es Super­märk­te, in denen ihr Fleisch und ihre Kno­chen, sau­ber in Plas­tik ver­packt, zu kau­fen sind, jeden Mor­gen frisch, alles unter strengs­ten hygie­ni­schen Auf­la­gen und in einem Über­fluß, der dazu führt, daß täg­lich Ton­nen unver­zehr­ten Flei­sches weg­ge­wor­fen werden.

Laut dem Sta­tis­ti­schen Bun­des­amt (2021) wer­den pro Tag in Deutsch­land mehr als zwei Mil­lio­nen Tie­re geschlach­tet, dar­un­ter 1,7 Mil­lio­nen Hüh­ner, 142 000 Schwei­ne, 91 000 Puten, 26 500 Enten und 9000 Kühe. Wer kann sich dem Ein­druck wider­set­zen, daß frei nach Ste­fan Geor­ge »schon die­se zahl fre­vel« sei? Das Dasein der Mehr­zahl die­ser Tie­re, ihre Zeu­gung, Geburt und Tod wer­den von Hi-Tech-Maschi­nen gesteu­ert, beglei­tet und beendet.

Es sind dys­to­pi­sche Höl­len, Fabri­ken des Todes eben­so wie des Lebens, eines Lebens, das aus­schließ­lich dem Kon­sum und der indus­tri­el­len Ver­nut­zung dient. Sie sind piep­sen­de, grun­zen­de, muhen­de, defä­kie­ren­de und kopu­lie­ren­de Bio­din­ge, deren kur­ze Exis­tenz am Fließ­band beginnt und endet, die unter alp­traum­haf­ten Umstän­den ver­sklavt und geschun­den werden.

Daß die grau­en­haf­ten Bedin­gun­gen, unter denen sie gehal­ten wer­den, zum Teil jeder Beschrei­bung spot­ten, ist vage ins kol­lek­ti­ve Bewußt­sein ein­ge­si­ckert, wird aber meis­tens rasch wie­der ver­drängt, weil die Impli­ka­tio­nen die­ses Wis­sens zu erschre­ckend sind. Einen der ers­ten gro­ßen öffent­li­chen Schocks gab es bereits 1905, als der ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler Upt­on Sin­clair in sei­nem Roman Der Dschun­gel die damals noch kraß unhy­gie­ni­schen Bedin­gun­gen in den Schlacht­hö­fen von Chi­ca­go schil­der­te, in denen mensch­li­che Arbeit eben­so aus­ge­beu­tet wur­de wie tie­ri­sche Leiber.

Das Buch hat­te weit­rei­chen­de poli­ti­sche Fol­gen und bekehr­te etli­che Leser wie sei­nen Autor selbst zum Vege­ta­ris­mus. Der Anblick der Rea­li­tät der Schlacht­hö­fe wirkt bis heu­te zuver­läs­sig, um zumin­dest vor­über­ge­hend den Appe­tit auf Fleisch zu ver­der­ben. Ein leben­des Wesen, das im Todes­kampf zap­pelt, ist für die meis­ten ein schwer erträg­li­cher Anblick; und den­noch gibt es Men­schen, die täg­lich zu ihrem Arbeits­platz gehen, um dort Tau­sen­de Schwei­ne zu töten.

Anschau­ungs­ma­te­ri­al ist für jeden, der sich traut, nur einen You­Tube-Klick weit ent­fernt, von dem Klas­si­ker Le sang des bêtes (1949) von ­Geor­ges Fran­ju bis hin zu dem mit ver­steck­ten Kame­ras gefilm­ten Scho­cker Earth­lings (2005) oder Eating Ani­mals (2017) nach dem gleich­na­mi­gen Best­sel­ler von Jona­than Safran Foer.

Peter Slo­ter­di­jk hat die­ses Pro­blem mehr­fach ange­spro­chen. Die welt­wei­ten Schlacht­hö­fe bil­den einen glo­ba­len »Gulag der Tie­re« (Die Reue des Pro­me­theus, 2023), ihre indus­tri­el­le Mas­sen­schlach­tung stel­le die »Holo­caus­te der Natio­nal­so­zia­lis­ten, der Bol­sche­wi­ken und der Mao­is­ten« weit in den Schat­ten (Im Welt­in­nen­raum des Kapi­tals, 2005). Die­se Art von dras­ti­schen Ver­glei­chen ist also kei­nes­wegs allei­ni­ge Sache von fana­ti­schen, links­ra­di­ka­len »Anti-Spe­zie­sis­ten«, zu denen immer­hin schon Scho­pen­hau­er zählte:

»Erst, wenn jene ein­fa­che und über allen Zwei­fel erha­be­ne Wahr­heit, daß die Tie­re in der Haupt­sa­che und im Wesent­li­chen ganz das Sel­be sind, was wir«, schrieb er, »in’s Volk gedrun­gen sein wird, wer­den die Tie­re nicht mehr als recht­lo­se Wesen dastehn und dem­nach der bösen Lau­ne und Grau­sam­keit jedes rohen Bur­schen preis­ge­ge­ben sein.« Slo­ter­di­jk hat nicht davor die Augen ver­schlos­sen, daß die »Befrei­ung« des Men­schen ein­her­geht mit der Ver­skla­vung der Tie­re, die frei­lich weit­aus älter ist als die indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on, wie aber­mals Scho­pen­hau­er bemerk­te: »Die Men­schen sind die Teu­fel der Erde, und die Tie­re die geplag­ten Seelen.«

Völ­lig über­ein­stim­mend mit Slo­ter­di­jk schrieb Yuval Noah Hara­ri in sei­nem Buch Eine kur­ze Geschich­te der Mensch­heit, man kön­ne die »bei­spiel­lo­sen Errun­gen­schaf­ten des moder­nen Homo sapi­ens« nur dann vor­be­halt­los beju­beln, wenn man »das Schick­sal aller ande­ren Tie­re aus­blen­det«: »In den ver­gan­ge­nen zwei­hun­dert Jah­ren«, schreibt der weit­ge­hend vegan leben­de, bud­dhis­ti­sche Medi­ta­ti­on prak­ti­zie­ren­de Hara­ri, »haben wir Aber­mil­li­ar­den von Tie­ren in einem Regime indus­tri­el­ler Aus­beu­tung geknech­tet, deren Grau­sam­keit in den Anna­len des Pla­ne­ten Erde ohne­glei­chen ist.«

Hara­ri gilt im rech­ten Spek­trum als ein beson­ders expo­nier­ter Schur­ke auf­grund sei­ner Nähe zum Welt­wirt­schafts­fo­rum, sei­ner Apo­lo­gie des Trans­hu­ma­nis­mus und sei­ner Pro­phe­zei­ung, daß die Auto­ma­ti­sie­rung rie­si­ge Schich­ten von »nutz­lo­sen« Men­schen erzeu­gen wer­de, die man wohl nur mit »Dro­gen und Com­pu­ter­spie­len« bei Lau­ne hal­ten kön­ne. Man könn­te auch ergän­zen: für deren Erhalt es bil­li­ger Fließ­band­nah­rung bedarf. Damit dafür nicht all­zu vie­le Schwei­ne und Hüh­ner geschlach­tet wer­den müs­sen, wird bereits jetzt die Idee bewor­ben, noch bil­li­ge­re, pro­te­in­rei­che und hof­fent­lich gefühl­lo­se Insek­ten als Nah­rungs­mit­tel bereitzustellen.

Beim Namen »Hara­ri« allein fah­ren schon bei vie­len die Jalou­sien her­un­ter. Die pro­gram­ma­ti­sche Ver­qui­ckung von Tier- und Umwelt­schutz mit »Kli­ma­wan­del« und ande­ren zwei­fel­haf­ten Agen­den ruft im rech­ten Spek­trum oft eine ener­gi­sche Trotz­hal­tung und App­er­zep­ti­ons­ver­wei­ge­rung her­vor. Beson­ders man­che Chris­ten haben Schwie­rig­kei­ten, den Zusam­men­hang zwi­schen der mensch­li­chen Bevöl­ke­rungs­explo­si­on der letz­ten, sagen wir, 150 Jah­re und der Kon­sump­ti­on und Ver­nich­tung von Pflan­zen, Tie­ren und Lebens­räu­men zu sehen.

Heißt es nicht in der Bibel, »Machet euch die Erde unter­tan«? Und wie kann man bloß behaup­ten, daß es »zu vie­le« Men­schen auf die­sem Pla­ne­ten gebe, wenn doch jeder ein­zel­ne das Eben­bild Got­tes in sich trägt, eine unsterb­li­che See­le hat oder aus ande­ren Grün­den, über die man Bescheid zu wis­sen glaubt, nicht zufäl­lig auf die­ser Erde »inkar­niert« wurde?

Ande­re wie­der­um machen einen Kult aus ihrem Fleisch­kon­sum, vom »Boo­mer«, der unbe­hel­ligt von »links­grü­nen« Spiel­ver­der­bern sein Steak gril­len will, bis hin zum »nietz­schea­ni­schen Vita­lis­ten«, der denkt, daß er nur mit­tels Fleisch­ver­zehr (aus art­ge­rech­ter Hal­tung vom Bio­bau­ern) sei­nen Tes­to­ste­ron­spie­gel hal­ten und einen Bre­ker- ­Kör­per auf­bau­en kann.

Es gibt jedoch gewich­ti­ge Ein­wän­de zum Sta­tus quo des Fleisch­kon­sums, die nicht von der Hand zu wei­sen sind. Ein ähn­lich rotes Tuch wie Hara­ri ist man­chen die streit­lus­ti­ge Por­no­dar­stel­le­rin und Medi­zi­ne­rin ­Raf­fae­la Raab, genannt die »mili­tan­te Vega­ne­rin«. Die­se schreckt im Gegen­satz zu den meis­ten Lin­ken nicht davor zurück, auch mit Rech­ten in den Dis­kus­si­ons­ring zu stei­gen. Nach »Shlo­mo Fin­kel­stein« und Feroz Khan, der sich inzwi­schen offen zum Vega­nis­mus bekennt, debat­tier­te sie im Juli 2024 für den alter­na­ti­ven Inter­net­sen­der AUF1 mit Jonas Schick, dem Her­aus­ge­ber der öko­lo­gi­schen Zeit­schrift Die Kehre.

Auf­grund ihres exzen­tri­schen Auf­tre­tens und ihres Radi­ka­lis­mus scheint es zunächst ein leich­tes Spiel zu sein, sie als Wahn­sin­ni­ge abzu­tun. Raab ver­tritt einen extre­men Ega­li­ta­ris­mus, wonach auch die hier­ar­chi­sche Unter­tei­lung von Tier­ar­ten eine Form der »Dis­kri­mi­nie­rung« sei, ana­log zum »Ras­sis­mus« und »Sexis­mus«. Dar­aus folgt aus ihrer Sicht, daß es kei­nen Unter­schied macht, ob man einen Men­schen oder ein Schwein zur Schlacht­bank führt.

Dar­aus fol­ge wie­der­um, daß die Lebens­mit­tel­in­dus­trie einen tag­täg­li­chen Holo­caust an Mil­lio­nen von Tie­ren bege­he, für eine Gesell­schaft, die sich theo­re­tisch auch auf rein pflanz­li­cher Basis ernäh­ren könn­te. Gegen­über die­sem gigan­ti­schen Ver­bre­chen kön­ne es kei­ner­lei mora­li­sche Kom­pro­mis­se geben: Mord ist Mord. Auch »Vege­ta­ris­mus«, der immer noch Eier oder Käse erlaubt, sei nur ein schwa­ches Ali­bi. In der Dis­kus­si­on mit Schick beton­te Raab, daß Vega­nis­mus für sie zual­ler­erst ein rein ethi­sches Anlie­gen sei und kei­ne Fra­ge etwa der »gesun­den Ernäh­rung« oder der öko­lo­gi­schen Nachhaltigkeit.

Die­se wie­der­um ist das zen­tra­le Anlie­gen von Schick, der die­sen The­men­be­reich »von rechts« zu beackern ver­sucht. Lei­der hat­te auch er Raab deut­lich unter­schätzt. Die meis­ten Men­schen wer­den nicht so weit gehen, ein Schwein oder eine Kuh auf die­sel­be Stu­fe zu stel­len wie einen Men­schen. Sie wür­den lie­ber eine belie­bi­ge Anzahl Hüh­ner (oder Wale) töten, als ihr Kind ver­hun­gern zu las­sen. Die meis­ten Men­schen wür­den auch zustim­men, daß es ethisch weit­aus ver­werf­li­cher sei, Raf­fae­la Raab zu töten als einen belie­bi­gen Hams­ter, und wahr­schein­lich wür­de sie sel­ber auch ent­spre­chend ent­schei­den, wenn man sie vor die Wahl stel­len wür­de, einen Spat­zen oder einen Men­schen, irgend­ei­nen Men­schen, zu töten.

Aber die Kunst der guten Argu­men­ta­ti­on besteht nun ein­mal dar­in, auch das ver­meint­lich Selbst­ver­ständ­li­che zu begrün­den. Man könn­te ins Feld füh­ren, daß Men­schen ein stär­ker ent­wi­ckel­tes Selbst­be­wußt­sein und damit (angeb­lich) auch ein höhe­res Schmerz­emp­fin­den haben oder daß das Indi­vi­dua­ti­ons­prin­zip bei Men­schen stär­ker aus­ge­prägt sei, daß Men­schen im Gegen­satz zu Tie­ren »Per­so­nen« seien.

Aus die­sem Grund erfüllt uns der Kan­ni­ba­lis­mus mit ganz beson­de­rem Grau­sen, wenn Men­schen mit den Lei­bern ande­rer Men­schen wie mit den Lei­bern von Tie­ren umge­hen: sie zer­flei­schen, zer­stü­ckeln, kochen, sich ein­ver­lei­ben und, was übrig­bleibt, aus­schei­den. Eli­as Canet­ti, der eben­falls ein (gemä­ßig­ter) Anti-Spe­zie­sist avant la lett­re war, ging sogar so weit, in Mas­se und Macht zu for­mu­lie­ren: »Der Kot, der von allem übrig­bleibt, ist mit unse­rer gan­zen Blut­schuld bela­den. An ihm läßt sich erken­nen, was wir gemor­det haben.«

Wie man es dre­hen und wen­den mag: Wenn man bejaht, daß ein Men­schen­le­ben prin­zi­pi­ell über einem Tier­le­ben steht, und man­che Tier­le­ben »wert­vol­ler« sind als ande­re, dann wäre die ehr­li­che Ant­wort: Der Mensch als das mäch­tigs­te, fak­tisch über­le­ge­ne Tier an der Spit­ze der Nah­rungs­ket­te nimmt sich das Recht her­aus, per­spek­ti­visch zu »hier­ar­chi­sie­ren« und zu ent­schei­den, was er wann töten darf und wofür. Das ist jedoch eine will­kür­li­che Set­zung, zu der man so vie­le ethi­sche Begrün­dun­gen hin­zu­er­fin­den mag, wie man will. Am Ende ist es der ein­ge­fleisch­te »spe­zie­sis­ti­sche« Ego­is­mus, der entscheidet.

Machen es denn die ande­ren Tie­re anders, macht uns die »Schöp­fung, die auf Fraß gestellt ist« (Canet­ti), nicht vor, daß aus­nahms­los jedes Lebe­we­sen, auch der Pflan­zen­fres­ser, sich nur dadurch erhal­ten kann, indem er ande­re Lebe­we­sen ihres Lebens beraubt? So gese­hen unter­schei­den wir uns vom eis­zeit­li­chen Jäger, der sich in das Fell getö­te­ter Tie­re klei­det und mit ihren Zäh­nen und Kno­chen schmückt, nur durch den Grad unse­rer tech­no­lo­gi­schen Per­fek­ti­on und Glät­te, die das eigen­hän­di­ge Töten in Schin­der­hüt­ten aus­la­gern, wo ande­re die Drecks­ar­beit erledigen.

Nur sehr stump­fe See­len wer­den die­ses ele­men­ta­re, dar­wi­nis­ti­sche Dra­ma aus zer­bers­ten­den Kno­chen und Blut­säu­fe­rei vor­be­halts­los beja­hen. Ist es nicht so, daß es erst die Mög­lich­keit des Nein­sa­gens zu dem end­lo­sen Kreis­lauf des Ver­schlin­gens, Ver­dau­ens und Aus­schei­dens, zu den Regeln des Juras­sic Parks ist, die das eigent­li­che Mensch­sein ausmacht?

Gemes­sen an einem abso­lu­ten Tötungs­ver­bot, scheint die Mensch­heit zur Schuld gegen­über ande­ren Lebe­we­sen ver­dammt. So gab es auch immer wie­der reli­giö­se und ethi­sche Ver­su­che, aus die­sem Ver­häng­nis aus­zu­stei­gen. Schick führ­te gegen Raab ins Feld, daß Vega­nis­mus »auf dem Spiel­feld spielt, das die indus­tri­el­le Gesell­schaft aus­ge­legt hat«, also nur unter Bedin­gun­gen mög­lich ist, die letz­te­re erst geschaf­fen habe, als eine Art Ver­sor­gungs­lu­xus, den sich nur weni­ge leis­ten kön­nen. Eine wirk­lich öko­lo­gisch nach­hal­ti­ge Lebens­mit­tel­pro­duk­ti­on aber kön­ne auf Tier­hal­tung kaum ver­zich­ten. Zu allen Zei­ten haben sich Men­schen vom Fleisch der Tie­re ernährt, und das kön­ne auf brei­ter Basis nicht geän­dert werden.

In der Tat ist es schwer vor­stell­bar, man kön­ne eine Mas­sen­ge­sell­schaft wie die uns­ri­ge der­art »umschal­ten«, daß sie nur mehr mit vega­nen Pro­duk­ten ernährt wird. Das Lei­den und mas­sen­haf­te Töten der zu »Ener­gie­spei­chern« (Schick) redu­zier­ten Tie­re und ihre Auf­zucht mit dem allei­ni­gen Ziel des Getö­tet-Wer­dens sind der Preis, den unse­re Zivi­li­sa­ti­on (offen­bar) zah­len muß, um Mil­li­ar­den Men­schen auf jenem hohen Niveau zu ver­sor­gen, das zum Stan­dard gewor­den ist.

Ange­sichts des Fre­vels gegen das Leben selbst, der in den zahl­lo­sen aus unse­rem Bewußt­sein, Augen und Sinn ver­dräng­ten Köp­pels­bleeks der eßba­ren Tie­re ver­übt wird, ist das ein äußerst unbe­hag­li­cher Gedanke.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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