Geschichte ohne Ziel – Leben und Werk von Karl Löwith

PDF der Druckausgabe aus Sezession 123/ Dezember 2024

von Eva Rex –

Von den Fort­schritts­skep­ti­kern der Nach­kriegs­zeit ist der Phi­lo­soph Karl Löwi­th (1897–1973) ein pro­mi­nen­ter Unbe­kann­ter. Den­noch gilt er als eine der her­aus­ra­gen­den Per­sön­lich­kei­ten der deut­schen Geis­tes­ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts, und es ist loh­nens­wert, auf die­sen unan­ge­paß­ten und teils unbe­que­men Den­ker auf­merk­sam zu machen.

Er stu­dier­te bei Edmund Huss­erl in Frei­burg und folg­te 1923 nach sei­ner Pro­mo­ti­on in Mün­chen sei­nem Leh­rer Mar­tin Heid­eg­ger nach Mar­burg, bei dem er sich 1928 als ers­ter sei­ner Schü­ler habi­li­tier­te. Aus­ge­hend von der pro­tes­tan­ti­schen Theo­lo­gie, hat­te er es sich zur Auf­ga­be gemacht, das Ver­hält­nis von christ­li­chem Glau­ben und phi­lo­so­phi­schem Wis­sen zu klä­ren und Form­ver­wandt­schaf­ten zwi­schen dem Hei­li­gen und dem Pro­fa­nen in der geis­ti­gen Ver­faßt­heit der Gegen­wart her­aus­zu­ar­bei­ten. Sei­ne Stu­die Von Hegel zu Nietz­sche (1941) gehört heu­te zu den Grund­la­gen­wer­ken der phi­lo­so­phi­schen Literatur.

Als Kri­ti­ker der neu­zeit­li­chen Meta­phy­sik befaß­te sich Löwi­th gründ lich wie kaum ein ande­rer mit dem »von Geschich­te beses­se­nen Den­ken« der Moder­ne, was als blei­ben­des Motiv alle sei­ne Arbei­ten durch­zieht. Eine Spiel­art die­ser neu­en Meta­phy­sik erkann­te er in der neu­zeit­li­chen Fort­schritts­phi­lo­so­phie, deren Ver­tre­ter bekannt­lich nicht müde wer­den, zu ver­kün­den, daß sich die Lage der Men­schen im Lau­fe der Geschich­te ver­bes­sert habe und wei­ter ver­bes­sern wer­de. Im posi­ti­vis­ti­schen 19. Jahr­hun­dert blüh­te der Fort­schritts­glau­be regel­recht auf und trans­for­mier­te sich im 20. Jahr­hun­dert zu einem Fort­schritts­tech­ni­zis­mus, in dem die Zukunft regel­recht am Reiß­brett geplant wurde.

Daß Löwi­th den pro­gres­sis­ti­schen Beschwö­run­gen sei­ner Zeit wenig abge­win­nen konn­te, ist aufs engs­te mit sei­nen per­sön­li­chen Erleb­nis­sen ver­bun­den. Als Zeu­ge zwei­er Welt­krie­ge muß­te er am eige­nen Leib erle­ben, was es heißt, wenn eine zivi­li­sier­te – ver­meint­lich fort­schritt­li­che – Welt in ihren Grund­fes­ten erschüt­tert und zer­stört wird. Die Erfah­rung von Umsturz und Auf­lö­sung der bür­ger­li­chen Gesell­schaft präg­te sich dem jun­gen Mann früh ein und ver­ließ ihn seit­her nie wieder.

Sei­ne Kind­heit und Jugend ver­brach­te Löwi­th in einem gut­bür­ger­li­chen Künst­ler­haus in Mün­chen. Im Ers­ten Welt­krieg mel­de­te sich der Abitu­ri­ent als Frei­wil­li­ger zum Kriegs­dienst, wur­de schwer ver­wun­det und geriet in ita­lie­ni­sche Gefan­gen­schaft. Nach der Macht­er­grei­fung durch die Natio­nal­so­zia­lis­ten war er wegen sei­ner jüdi­schen Her­kunft in Deutsch­land nicht mehr erwünscht.

Eine jah­re­lan­ge Odys­see führ­te ihn über Rom nach Sen­dai in Japan, wo ihm die Kai­ser­li­che Uni­ver­si­tät Tōho­ku einen Lehr­stuhl für Phi­lo­so­phie zur Ver­fü­gung stell­te. Die Jah­re im Fer­nen Osten beein­druck­ten ihn nach­hal­tig. Als sich die poli­ti­sche Lage auch in sei­nem Gast­land zuspitz­te, emi­grier­te er 1941 in die USA und unter­rich­te­te dort zunächst am Theo­lo­gi­schen Semi­nar von Hart­ford, spä­ter in New York.

Für Löwi­th ist es eine zutiefst reli­giö­se Hal­tung, die den moder­nen Fort­schritts- und Ent­wick­lungs­op­ti­mis­mus antreibt: Der Glau­be an die fort­schrei­ten­de Beherrsch­bar­keit der Welt ste­he in der heils­ge­schicht­li­chen Tra­di­ti­on der Offen­ba­rungs­er­zäh­lung, die, unter ande­ren Vor­zei­chen, in unse­rer säku­la­ri­sier­ten Gesell­schaft wei­ter­le­be. Löwi­th, der sich ein­ge­hend mit der früh­kirch­li­chen Patris­tik befaßt hat­te, fand her­aus, daß die Prin­zi­pi­en des jüdi­schen Mes­sia­nis­mus und der christ­li­chen Escha­to­lo­gie dec- kungs­gleich waren mit denen der bür­ger­li­chen Geschichts­phi­lo­so­phie wie sie von Hegel, Comte und Marx gelehrt wur­den, in deren Mytho­lo­gi­sie­rung des Fort­schritts er ein theo­lo­gi­sches, end­zeit­li­ches Kon­ti­nu­um wiedererkannte.

Das Buch, in dem Löwi­th die­se Über­le­gun­gen vor­trug und mit dem er sei­nen Welt­ruf als Phi­lo­so­phie­his­to­ri­ker begrün­den soll­te, ist zunächst unter dem Titel Mea­ning in Histo­ry, in deut­scher Über­set­zung als Welt­ge­schich­te und Heils­ge­sche­hen (1953), erschie­nen. Dar­in argu­men­tiert Löwi­th, daß das ursprüng­li­che bibli­sche Glau­bens­sys­tem zwei Stoß­rich­tun­gen hat­te: Zwar glaub­te man an eine End­erfül­lung des mensch­li­chen Schick­sals im Jen­seits, zugleich aber rich­te­te man sei­ne Hoff­nung auf die Erlan­gung eines seli­gen Zustan­des auf Erden – her­bei­ge­führt durch Gott.

Die­ser Glau­be änder­te sich im Ver­lauf der Neu­zeit dahin­ge­hend, daß »jüdi­scher Futu­ris­mus« und christ­li­che Zuver­sicht durch ein zeit­ge­mä­ßes Geschichts­be­wußt­sein abge­löst wur­den, wel­ches die Wirk­lich­keit des Jetzt negie­re und zuguns­ten eines Jen­seits aus ver­klär­tem Idea­lis­mus aus­spie­le. Somit zeh­re der moder­ne Mensch – selbst der über­zeug­tes­te Athe­ist – von reli­giö­sen Visio­nen, die er ins Irdisch-Dies­sei­ti­ge über­füh­re, und dabei fol­ge er einer uralten Mys­tik, die sich hin­ter schein­ba­rer Ratio­na­li­tät nur not­dürf­tig verberge.

Von zen­tra­ler Bedeu­tung in der neu­zeit­li­chen Ver­si­on der Escha­to­lo­gie sei indes die Vor­stel­lung, daß nicht mehr eine tran­szen­den­te Kraft (Gott) der Antrei­ber der welt­li­chen Geschi­cke sei, son­dern der Mensch selbst: Die­ser set­ze sich Zie­le und for­me Gesell­schaf­ten und Sys­te­me – so ent­ste­he Geschich­te, und so ent­ste­he geschicht­li­ches Bewußt­sein. Seit dem Auf­kom­men des Chris­ten­tums, so Löwi­th, sei kein Den­ken über Geschich­te mög­lich, wel­ches nicht auf das Heils­ge­sche­hen aus­ge­rich­tet sei, wenn auch in nega­ti­ver Absicht.

Der Wech­sel vom christ­li­chen Mit­tel­al­ter zur säku­la­ren Neu­zeit war also nur schein­bar eine Eman­zi­pa­ti­on vom Chris­ten­tum und sei­nen theo­lo­gi­schen Grund­vor­aus­set­zun­gen, struk­tu­rell leb­ten die glei­chen Vor­stel­lun­gen wei­ter, wie sie zu Abra­hams Zei­ten gül­tig gewe­sen waren. Das sei, so Wie­brecht Ries in sei­ner Stu­die über Löwi­th, zudem der Grund, war­um der moder­ne Fort­schritts­ge­dan­ke in sich zwei­deu­tig sei: »Er ist sei­nem Ursprung nach christ­lich, und sei­ner Ten­denz nach antichristlich«.

Auch die Idee, daß sich Geschich­te line­ar voll­zie­he, sei bibli­schen Ursprungs. Sie über­neh­me die Vor­stel­lung von einem gesetz­mä­ßi­gen Ablauf von Ent­wick­lung auf ein sich erfül­len­des Schick­sal zu. Ange­lehnt an die alt­tes­ta­men­ta­ri­sche Über­lie­fe­rung, wer­de Geschich­te nun­mehr als »Zwi­schen­zeit« erfah­ren, die das pre­kä­re Inter­vall zwi­schen der Ent­frem­dung des Men­schen von Gott (Sün­den­fall) und sei­ner Ver­söh­nung mit ihm (Erlö­sung) irdisch-dies­sei­tig aus­fül­le. Aller­dings sei die­ses abend­län­disch-linea­re Geschichts­den­ken Löwi­th zufol­ge außer­or­dent­lich pro­ble­ma­tisch, weil es von einer Stei­ge­rungs­lo­gik durch­drun­gen sei, die ins Maß­lo­se tendiert.

Nach Löwi­th hin­ge­gen hat die Geschich­te aus sich selbst her­aus kei­nen Sinn, die­ser ist ihr nur durch theo­lo­gi­sches Den­ken unter­ge­scho­ben wor­den. Geschich­te ist für ihn etwas Zufäl­li­ges, Bei­läu­fi­ges. Und »vom Zufäl­li­gen und Wech­seln­den gibt es kei­ne phi­lo­so­phi­sche Wissenschaft«.

Der abend­län­disch-reli­gi­ös begrün­de­ten Phi­lo­so­phie der Geschich­te stellt Löwi­th das anti­ke nicht­re­li­giö­se Ver­ständ­nis eines Kreis­laufs ohne Anfang und Ende gegen­über – eine Bewe­gung ohne Ver­hei­ßung, Ziel und Voll­endung. Dies ist ein Modell, das ihn mehr über­zeugt. Inso­fern in der grie­chi­schen Kos­mo­lo­gie Mensch und Natur als Ein­heit gese­hen wur­den, galt der Kreis als Sym­bol für die unver­än­der­li­che Welt­ord­nung, die ein­ge­bet­tet war in einen in sich selbst begrün­de­ten (gött­li­chen) Kosmos.

Die­se Vor­stel­lung von Ganz­heit brach mit der bibli­schen Schöp­fungs­theo­lo­gie aus­ein­an­der, der zufol­ge die Welt von einem über­welt­li­chen Gott geschaf­fen wur­de, der von außer­halb ein­greift. Nicht mehr Natur im Zyklus von Wer­den und Ver­ge­hen bestim­me fort­an das Welt­ver­hält­nis des Men­schen, son­dern eine heils­träch­ti­ge Geschich­te, deren letz­ter Sinn und Zweck in einer erlös­ten Zukunft zur Erfül­lung kom­me. Nach Löwi­ths Ansicht setzt genau hier die Ver­falls­ge­schich­te der Phi­lo­so­phie an.

Das zykli­sche Geschichts­den­ken hin­ge­gen ver­bin­det die Vor­stel­lungs­welt der Grie­chen mit der der Asia­ten, deren Welt­erkennt­nis der Phi­lo­so­phie­do­zent wäh­rend sei­nes Exils in Japan ken­nen- und schät­zen gelernt hat. »Die Weis­heit des Ostens hat die uns bewe­gen­de Fra­ge nach dem Ziel und Sinn der Geschich­te über­haupt nie gestellt«, erklärt er, »und es ver­mie­den, Welt und Geschich­te zusam­men­zu­den­ken.« Bei­de Denk­hal­tun­gen (die öst­li­che und die anti­ke) hät­ten eine wert­vol­le Gemein­sam­keit: Sie zeug­ten von der­sel­ben illu­si­ons­lo­sen Hin­nah­me und Aner­ken­nung der Din­ge, die unab­än­der­lich seien.

Für Löwi­th hat die abend­län­di­sche Geschichts­phi­lo­so­phie mit ihren ver­hee­ren­den Aus­wir­kun­gen all der heils­be­schleu­ni­gen­den Revo­lu­tio­nen und radi­ka­len Erlö­sungs­ver­su­chen ihren Zenit über­schrit­ten. Spä­tes­tens jetzt, nach den Kata­stro­phen des 20. Jahr­hun­derts, soll­te die theo­lo­gi­sche Deu­tung der Geschich­te über­wun­den sein – zuguns­ten eines rea­li­täts­ori­en­tier­ten Daseins jen­seits aller Wünschbarkeiten.

So plä­dier­te er dafür, daß das »Maß­vol­le« und »Maß­geb­li­che« in die Ent­schei­dungs­mo­ti­va­ti­on des Men­schen ein­keh­ren möge. Nicht mehr der Mensch, der im Namen uni­ver­sell gül­ti­ger Geschichts­wahr­hei­ten für die Errich­tung des himm­li­schen Jeru­sa­lems in der Welt kämpft, sol­le die Ori­en­tie­rungs­grö­ße für alle Din­ge sein, son­dern der Mensch, der ange­sichts sei­ner eige­nen Begrenzt­heit und End­lich­keit gelernt hat, Ver­zicht zu leis­ten und sich selbst zurückzustellen.

In die­ser Hin­sicht war die geis­ti­ge Hal­tung Jacob Bur­ck­hardts für Löwi­th vor­bild­haft: Aus­ge­rech­net die­sem gro­ßen Schwei­zer, der in der Hoch­pha­se des His­to­ris­mus im 19. Jahr­hun­dert leb­te und wirk­te, war es gelun­gen, eine Hal­tung der inne­ren und äuße­ren Distanz ein­zu­neh­men, die es ihm erlaub­te, im Abstand unpa­the­ti­scher Betrach­tung den »Stand­punkt des frei­en Geis­tes« zu wahren.

Löwi­th selbst hat­te sich eine eben­sol­che Distanz zu eigen gemacht. Sei­ne Skep­sis und das Bewußt­sein der Hin­fäl­lig­keit aller Din­ge bewahr­ten ihn vor den Ver­lo­ckun­gen der poli­ti­schen Mas­sen­be­we­gun­gen und der revo­lu­tio­nä­ren Ideo­lo­gien sei­ner Zeit unter dem Ban­ner des Faschis­mus und des Kom­mu­nis­mus. Distan­ziert ver­hielt er sich auch gegen­über den schein­bar »huma­nen« Theo­rien der Nachkriegszeit.

Die poli­ti­schen Ver­stie­gen­hei­ten der Moder­ne, die sich im Libe­ra­lis­mus, Sozia­lis­mus und Kon­ser­va­tis­mus aus­drü­cken – zu die­sen zähl­te er aus­drück­lich auch die »poli­ti­sche Theo­rie« Carl Schmitts –, ver­moch­ten nicht, ihn in ihren Bann zu zie­hen. Eben­so hüte­te er sich vor den Ein­flüs­te­run­gen der Exis­tenz­phi­lo­so­phie im Zei­chen Kier­ke­gaards und des Nihi­lis­mus eines Nietz­sche, des­sen blen­den­de Exal­tiert­heit »ohne Mit­te und Maß« ihn zwar unge­heu­er fas­zi­nier­te, letz­ten Endes aber doch abstieß.

Wie Luther sei der »Ver­su­cher« Nietz­sche ein spe­zi­fisch deut­sches Phä­no­men gewe­sen, »radi­kal und ver­häng­nis­voll«. Gleich­wohl ließ ihn die Beschäf­ti­gung mit die­sem »letz­ten deut­schen Phi­lo­so­phen« nie wie­der los. In sei­ner gro­ßen Mono­gra­phie von 1935, Nietz­sches Phi­lo­so­phie der ewi­gen Wie­der­kehr des Glei­chen, ver­such­te er, Nietz­sche einer abgrün­di­gen Halt- und Welt­lo­sig­keit zu über­füh­ren und ihn gleich­zei­tig vor sei­nen Nach­ah­mern zu schützen.

Zusam­men­fas­send läßt sich sagen: Weder Kier­ke­gaard noch Nietz­sche noch die Jung­he­ge­lia­ner konn­ten in Löwi­ths Augen einen Aus­weg aus der phi­lo­so­phi­schen Sack­gas­se wei­sen, in wel­che sie durch ihren eige­nen Extre­mis­mus und Eska­pis­mus hin­ein­ge­ra­ten waren, viel­mehr waren es Den­ker wie Goe­the mit sei­ner »zar­ten Empi­rie«, Bur­ck­hardt mit sei­ner »skep­ti­schen Weis­heit« und Max Weber mit sei­ner illu­si­ons­lo­sen Red­lich­keit, die für Löwi­th die genui­ne Sub­stanz der gro­ßen klas­si­schen Phi­lo­so­phie bewahrten.

Und doch kön­ne es kei­nen Weg zurück geben, weder zu Goe­the und des­sen klas­si­schem Neu­hu­ma­nis­mus noch zum Juden­tum noch zum Chris­ten­tum, etwa aus Trotz gegen das neu­deut­sche Hei­den­tum. Denn der Wunsch nach dem Zurück sei nur die Umkeh­rung des Zeit­pfeils auf der glei­chen geschicht­li­chen Ska­la, die einen gesetz­mä­ßi­gen Ablauf von Ent­wick­lung vorgibt.

Schließ­lich gehorch­ten nicht nur die Zukunfts­en­thu­si­as­ten einer heils­ge­schicht­li­chen Logik; auch jene, die sich ein Zurück in eine mythi­sche Vor­zeit wün­schen, fie­len einer weh­mü­tig-nost­al­gi­schen Ver­klä­rung anheim, die dem Dog­ma einer anthro­po­lo­gi­schen Ursprüng­lich­keit ent­stam­me, wel­che durch tech­ni­sches Ein­grei­fen in die Natur ver­lo­ren­ge­gan­gen sei.

Löwi­ths kri­ti­sche Über­le­gun­gen rich­ten sich somit nicht allein gegen den his­to­ris­ti­schen Fort­schritts­op­ti­mis­mus der Tech­ni­k­a­po­lo­ge­ten und Sozi­al­in­ge­nieu­re, son­dern eben­so gegen den Kata­stro­phis­mus, der im Zeit­al­ter der Atom­bom­be auf­kam und heu­te im Takt von täg­lich neu aus­ge­ru­fe­nen Kri­sen zum fes­ten Bestand­teil einer Dau­er­kla­ge gewor­den ist. Schließ­lich stim­men bei­de, der Opti­mis­mus wie der Kata­stro­phis­mus, in die Pola­ri­tät eines rich­ti­gen und eines fal­schen Weges ein, der, ein­mal ein­ge­schla­gen, ver­meint­lich schick­sal­haft und unum­kehr­bar sei.

1959 schrieb Löwi­th, man möge sich mit Kant über den fort­schrei­ten­den Ver­fall mit dem Hin­weis trös­ten, daß die­ses »Jetzt der letz­ten Zeit, in wel­cher der Unter­gang der Welt vor der Tür zu ste­hen scheint, so alt ist wie die Geschich­te selbst«. Zwar leug­net er nicht das Kri­sen­an­fäl­li­ge und Gebro­che­ne der mensch­li­chen Exis­tenz, und doch ver­weist er dar­auf, daß dar­aus kei­ne Schlüs­se über die Unaus­weich­lich­keit eines Nie­der­gangs der Spe­zi­es gezo­gen wer­den sollten.

Der Mensch mag Ato­me spal­ten, die Gestir­ne erobern und in nächs­ter Zukunft mit sei­nen selbst­ge­schaf­fe­nen Maschi­nen ver­schmel­zen, trotz­dem bleibt er stets Natur, ein­ge­bun­den in einen wech­sel­vol­len Zyklus, aus dem ihn kein revo­lu­tio­nä­rer Bruch und kein end­zeit­li­cher Unter­gang mit anschlie­ßen­der Erlö­sung erret­ten kann. Für Löwi­th, der geschicht­li­che Ent­wick­lung ver­nein­te, ist der Mensch von heu­te der­sel­be, der er in der Anti­ke war: ein Stück Natur. Aus die­ser Erkennt­nis resul­tiert sei­ne Anschau­ung, daß »sich über die Natur zu erhe­ben« unmög­lich sei, des­we­gen könn­ten Men­schen auch nie­mals »gegen ihre eige­ne Natur« verstoßen.

Im Unter­schied zur christ­li­chen Schöp­fungs­leh­re hat Löwi­th die Rang­hö­he des Men­schen, gemes­sen an der Gesamt­heit der phy­si­schen Welt, als äußert gering erach­tet. In sei­nen Schrif­ten ging es ihm stets um den »Abbau der christ­lich-theo­lo­gi­schen Über­lie­fe­rung inner­halb der Meta­phy­sik«. Sowohl das Chris­ten­tum als auch die aus ihm erwach­se­ne euro­päi­sche Huma­ni­tät sind ihm bis zum Schluß ein Pro­blem geblie­ben, für das er weder eine christ­li­che noch anti­christ­li­che Lösung fin­den mochte.

1952 ging er nach Deutsch­land zurück und wur­de Ordi­na­ri­us an der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg. Im Jahr dar­auf ver­öf­fent­lich­te er die Abhand­lung Heid­eg­ger. Den­ker in dürf­ti­ger Zeit, eine kri­ti­sche Inspek­ti­on, geschrie­ben, um »den Bann eines betre­te­nen Schwei­gens und eines ste­ri­len Nach­re­dens von sei­ten einer gefes­sel­ten Anhän­ger­schaft zu brechen«.

Eine schar­fe Heid­eg­ger-Kri­tik fin­det sich dar­über hin­aus in sei­nem 1986 post­hum her­aus­ge­ge­be­nen Lebens­be­richt Mein Leben in Deutsch­land vor und nach 1933. Dar­in bringt Löwi­th sein lebens­lan­ges Fas­zi­niert­sein von Heid­eg­gers Per­sön­lich­keit zum Aus­druck – und gleich­zei­tig sei­ne ent­schie­de­ne Distan­zie­rung von des­sen Den­ken. Die­ses betrach­te­te Löwi­th als phi­lo­so­phisch geschei­ter­te Kon­se­quenz abend­län­di­scher Metaphysik.

Ein unnach­gie­bi­ges Urteil fällt er über Heid­eg­gers Phi­lo­so­phie der »puren Ent­schlos­sen­heit«, die in sei­nen Augen die »gott­lo­se Theo­lo­gie« eines Exis­ten­zi­al­on­to­lo­gen sei, der sich »nicht ent­schie­den von sei­ner theo­lo­gi­schen Her­kunft gelöst« habe: »Der inne­re Nihi­lis­mus und selbst ›Natio­nal­so­zia­lis­mus‹ die­ser nack­ten Ent­schlos­sen­heit vor dem Nichts war zunächst durch Züge ver­deckt, die an eine reli­giö­se Beküm­me­rung den­ken ließen.«

Karl Löwi­th starb auf den Tag genau drei Jah­re vor sei­nem eins­ti­gen Habi­li­ta­ti­ons­va­ter. Die geis­ti­gen Dif­fe­ren­zen zwi­schen Schü­ler und Leh­rer hät­ten nicht grö­ßer sein können.

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