Zum 80. Geburtstag von Botho Strauß

PDF der Druckausgabe aus Sezession 123/ Dezember 2024

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von Sophie Liebnitz –

I
Was läßt sich sinn­vol­ler­wei­se über einen Autor sagen, über den so vie­les gesagt wor­den ist, über des­sen Werk (und Per­son) sich viel Erwart­ba­res von bei­den Enden des poli­ti­schen Spek­trums ergos­sen hat? Nach dem Febru­ar 1993, in dem »Anschwel­len­der Bocks­ge­sang« im Spie­gel erschie­nen war, ließ sich meist recht genau pro­gnos­ti­zie­ren, was von die­sem oder jenem Kri­ti­ker geschrie­ben, ver­kün­det, sta­tu­iert wer­den wür­de. Die Strauß-Rezep­ti­on nahm die Spal­tung der Gesell­schaft vor­weg, oder viel­leicht mach­te sie sie auch ein­fach deut­lich, bevor sie auf brei­ter Front sicht­bar wurde.

Vie­les jeden­falls […] nahm den Cha­rak­ter eines Bra­tens an, von dem man mit einem am Bocks­ge­sang geschlif­fe­nen Mes­ser die pas­sen­den Stü­cke her­un­ter­sä­bel­te. Der­lei wird einem Botho Strauß nicht gerecht

schrieb Götz Kubit­schek an die­ser Stel­le vor zehn Jah­ren zum sieb­zigs­ten Geburts­tag. Nein, der­lei wird einem Botho Strauß nicht gerecht. Die Fra­ge bleibt, wie man einem Schrift­stel­ler (einem ech­ten Au[c]tor, also Urhe­ber, im Grund­sinn des Wor­tes) gerecht wer­den kann, der in einen Kul­tur­kri­ti­ker und einen ins Herz der je gegen­wär­ti­gen Erschei­nung zie­len­den Poe­ten aus­ein­an­der­zu­fal­len scheint – zwei Sträu­ße, wenn man so will; aller­dings nur auf den ers­ten Blick, denn selbst die sen­si­bels­ten Beob­ach­tun­gen sind durch­drun­gen von einer Distanz zu ihrem Gegen­stand, die den Ana­ly­ti­ker im Hin­ter­grund immer durch­schim­mern läßt, und umge­kehrt zeh­ren natür­lich die kul­tur­kri­ti­schen Ein­las­sun­gen von der genau­en Beob­ach­tung des­sen, was all­täg­lich der Fall ist.

II
Wer hin­ter der Fein­ner­vigkeit des Autors all­über­all »Irra­tio­na­lis­mus« wit­tert (als ob, und erst recht in der Kunst, die von A‑Rationalität zehrt, nur »ratio­na­le« Hal­tun­gen eine Berech­ti­gung hät­ten), der kann bei Gele­gen­heit auch auf einen ganz ande­ren Botho Strauß tref­fen. In einem Arti­kel von 2011, der sich unter ande­rem mit den »Finanz­stra­te­gien der EZB« befaßt, heißt es nüchtern:

Gera­de ange­sichts der Kri­sen­ket­te zur Ein­lei­tung des neu­en Jahr­tau­sends wäre es rat­sam, ein Pflicht­fach Öko­no­mie für höhe­re Schul­klas­sen ein­zu­rich­ten. Nicht um noch geris­se­ne­re Markt­teil­neh­mer zu erzie­len, son­dern um der gefähr­li­chen Bequem­lich­keit sich fort­er­ben­der anti­ka­pi­ta­lis­ti­scher Affek­te, der im Volk wahr­schein­lich am wei­tes­ten ver­brei­te­ten intel­lek­tu­el­len Ein­schrän­kung, entgegenzuwirken.(1)

Aber ohne­hin ist die Gegen­über­stel­lung von Ratio­na­li­tät und Irra­tio­na­li­tät, Nüch­tern­heit und Trun­ken­heit viel zu plump.

Äuße­run­gen, die mehr brin­gen wol­len als promp­tes poli­ti­sches Beken­nen, lei­den häu­fig an der näm­li­chen Schwä­che: Sie sagen nichts als das Nahe­lie­gen­de. Gute Refle­xi­on ent­fernt indes­sen ihren Gegen­stand, bis er sich etwas befremd­lich und damit viel­leicht erkennt­nis­er­gie­bi­ger aus­nimmt als im direk­ten Zugriff

schreibt Strauß an sel­ber Stelle.

Ver­frem­dung als Prin­zip ist ein genu­in dich­te­ri­sches Ver­fah­ren: Es dient der Ver­lang­sa­mung und Erschwe­rung des Lese­pro­zes­ses und will auf die­se Wei­se den Leser dar­an hin­dern, über den Text hin­weg­zu­g­lei­ten. Strauß bringt die­ses Prin­zip auch in sei­ne Stel­lung­nah­men zur gesell­schaft­li­chen Lage ein. Sein sich Men­schen, Din­gen und Lagen anschmie­gen­des, sie gewis­ser­ma­ßen abtas­ten­des und die Erkennt­nis­bil­dung erschwe­ren­des Schrei­ben tritt in Kon­kur­renz mit dem übli­chen ana­ly­ti­schen Zugriff, der, man kann es schwer bestrei­ten, an rea­li­täts­er­schlie­ßen­der Kraft ver­lo­ren hat. Grund dafür ist die Ten­denz zur modi­schen Kon­junk­tur in den Geis­tes- und Sozialwissenschaften:

Theo­rien über­le­ben sich in kur­zen Zeit­räu­men, im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert bestimmt ein gutes Dut­zend an der Zahl. Die Wer­ke haben dazu nur den Kopf geschüt­telt. (2)

III

Man schreibt ein­zig im Auf­trag der Lite­ra­tur. Man schreibt unter Auf­sicht alles bis­her Geschrie­be­nen. Man schreibt aber doch auch, um sich nach und nach eine geis­ti­ge Hei­mat zu schaf­fen, wo man eine natür­li­che nicht mehr besitzt. (3)

Das ist unter drei Gesichts­punk­ten bemer­kens­wert: Strauß defi­niert sich zunächst als rei­nen Lite­ra­ten, genau der Strauß, der dem Feuil­le­ton Anlaß zur Insze­nie­rung eines der nach­hal­lends­ten Lite­ra­tur­skan­da­le des aus­ge­hen­den zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts geben soll­te. Zwei­tens: Statt sich eine vater­mör­de­risch gestimm­te Über­bie­tungs­äs­the­tik zu eigen zu machen, defi­niert sich der Autor als Tra­di­tio­na­list, der sich einem lite­ra­ri­schen Erbe ver­pflich­tet sieht. Und schließ­lich weist er die­ser als zweck­frei erschei­nen­den Tätig­keit dann doch einen Zweck zu: Sie soll eine selbst­ge­bau­te geis­ti­ge Hei­mat schaf­fen, da, und die­se Aus­sa­ge kann man nicht anders als poli­tisch lesen, »man eine natür­li­che nicht mehr besitzt.«

Hier wird eine Ambi­va­lenz sicht­bar: Auch wer »ein­zig im Auf­trag der Lite­ra­tur« schreibt, kann nicht durch­gän­gig a- oder anti­po­li­tisch sein. Lite­ra­tur trans­for­miert Wirk­lich­keits­wahr­neh­mung und kann das selbst bei radi­kals­ter Ver­frem­dung kaum zum Ver­schwin­den brin­gen. Die Wirk­lich­keit, die in den Text geschwemmt wird, ist eine gegen­wär­ti­ge, poli­ti­sche wie meta­po­li­ti­sche Gege­ben­hei­ten und Ent­schei­dun­gen schla­gen sich als Sedi­ment in ihm nieder.

Wenn im neu­en Werk Das Schat­ten­ge­tu­schel ein Apho­ris­mus fragt »Wozu die tie­fen Bli­cke, wenn sie dann nur zu einer lei­den­schaft­li­chen Vega­ne­rin füh­ren?«, dann wird – hier aus­nahms­wei­se mit einem komi­schen Akzent – deut­lich: Das Pri­va­te ist, wie in der Stu­den­ten­re­vo­lu­ti­on pos­tu­liert, tat­säch­lich poli­tisch gewor­den. Bloß hat sich hier kein Ver­spre­chen erfüllt, son­dern eine Dro­hung. Der Ideo­lo­gi­sie­rung des All­tags kann man immer weni­ger entfliehen.

IV
Und gera­de des­halb ver­or­tet Strauß sich selbst kon­trär. Wie?

Das Miß­ver­ständ­nis begann mit dem Hel­den. Botho Strauß ist kein Mann, der einen Kul­tur­kampf anfüh­ren könn­te. Reak­tio­när hat man ihn genannt, und er hat es nie zurück­ge­wie­sen, aber der Begriff paßt nicht. Der Reak­tio­när träumt davon, ver­schüt­te­te Ver­hält­nis­se wie­der­her­zu­stel­len. An die­se Mög­lich­keit glaubt der lei­se und scheu in der Ucker­mark leben­de Strauß nicht. (4)

Strauß selbst aller­dings faßt den Reak­tio­när als jeman­den, der auf der Suche nach etwas Über­zeit­li­chem ist, also nicht nach his­to­ri­scher Rück­ab­wick­lung verlangt.

Der Reak­tio­när läßt, was nie­mals war, gesche­hen sein. Er ver­klärt als der ech­te Epi­ker das Gewe­se­ne, um es jeder­zeit­lich zu machen. Das war nie und ist immer, die Defi­ni­ti­on des Mythos (bei Wal­ter F. Otto nach einem Wort des Sal­lust), behaup­tet auch der Reak­tio­när. Es macht ihn zum Geschichts­my­tho­lo­gen. Als sol­cher ver­folgt er Ord­nungs­phan­tas­men, die sich einer fabu­lö­sen Ein­ge­bung eher ver­dan­ken als einem poli­ti­schen Kal­kül. […] Der Reak­tio­när ist Phan­tast, Erfin­der (der Kon­ser­va­ti­ve dage­gen eher ein Krä­mer des Bewähr­ten). Gera­de weil nichts so ist, wie er’s sieht, noch gar nach sei­nem Sinn sich ent­wi­ckelt, stei­gert er die fik­ti­ve Kraft sei­ner Anschau­ung und ver­teilt die nach­hal­tigs­ten Güter des Geis­tes und des Gemüts. Oder die lan­ge anhal­ten­den. Oder die im Ent­leer­ten sich erneu­ern­den (um der ent­leer­ten Voka­bel ein wenig varia­blen Sinn zu unterlegen).(5)

Die­se Bestim­mung ist kei­ne poli­ti­sche, und sie steht in engs­ter Bezie­hung zu einem Kon­zept, des­sen Inhalt dem Poli­ti­schen gänz­lich ent­rückt ist: der die moder­ne Lite­ra­tur heim­su­chen­den Vor­stel­lung einer »rea­len Gegen­wart«. Real­prä­senz ist das Herz reli­giö­ser Erfah­rung, eben­so der Anfang der Ich-Erfah­rung und im Wort­sinn (ais­the­sis: »Wahr­neh­mung«) immer zugleich ein ästhe­ti­sches Erleb­nis. Wirk­lich erleb­bar ist sie immer nur einem in die­sem Erleb­nis Ver­ein­zel­ten, selbst wenn sie sich in einer Gemein­de ereig­nen soll­te; es ist der ein­zel­ne, der von der rea­len Anwe­sen­heit von etwas getrof­fen wird, wes­halb es in die­sem Augen­blick nur mehr ihn und die­se Prä­senz gibt.

Die­se Kon­stel­la­ti­on, in der ein ver­ein­zel­tes und damit gefähr­de­tes Ich aus der Begeg­nung mit einem im höchs­ten Sinn Rea­len auf der einen und einer mäch­ti­gen Tra­di­ti­on auf der ande­ren Sei­te Halt bezieht, erklärt auch die Vehe­menz von Strauß’ Medi­en­kri­tik, erschei­nen doch gera­de die Sozia­len Medi­en als das Reich des Unei­gent­li­chen, Abge­lei­te­ten und Kon­for­men schlecht­hin. Man mag dar­über strei­ten, ob das in Sachen Kon­for­mi­tät zutrifft, denn bei allen Ein­schrän­kun­gen und Zen­sur­maß­nah­men waren es doch die­se, die in Coro­na-Zei­ten Abweich­lern ein Forum boten.

Manch­mal ver­fällt Strauß zudem dem Koket­tie­ren mit einem gewoll­ten Nega­ti­vis­mus. »Jenen Raum der Über­lie­fe­rung von Her­der bis Musil woll­te doch nie­mand ret­ten.« (6) Mit Ver­laub: Das stimmt nicht. Gott sei Dank! Neben der viel­leicht klei­nen (aber viel­leicht auch gar nicht so klei­nen) Gemein­de lei­den­schaft­li­cher Leser trägt selbst eine auf post­mo­der­ne Destruk­ti­on gepol­te Lite­ra­tur­wis­sen­schaft nolens volens zur Bewah­rung bei.

Das Werk durch­zieht eine dezen­te, aber hart­nä­cki­ge Selbst­sti­li­sie­rung des Dich­ters nicht nur als »Über­zeit­li­cher« und damit zugleich »All­zeit-Unzeit­ge­mä­ßer«, son­dern schär­fer als »Idi­ot«, sprich als Par­zi­val-Figur: Sei­ne Ein­ge­bun­gen sind »Lich­ter des Toren« – in jedem Fal­le eines pro­gram­ma­ti­schen »Außen­sei­ters«. Die­se Zuschrei­bun­gen sind zunächst nicht poli­tisch, son­dern eine ästhe­ti­sche Stra­te­gie: Abson­de­rung, Abwei­chung, Außen­sei­ter­tum (sei es als Pro­phet oder Aus­sät­zi­ger) sind seit der Roman­tik für Künst­ler nahe­zu obligatorisch.

Der Skan­dal­au­tor ist das Lieb­lings­kind des Lite­ra­tur­be­triebs schlecht­hin, aller­dings unter der Bedin­gung, daß er die para­do­xe Form des »kon­for­mis­ti­schen« Skan­dals erzeugt, der insze­niert wird, um avant­gar­dis­tisch-pro­gres­si­ve Scha­fe von »reak­tio­när-spie­ßi­gen« Böcken zu tren­nen, und der Inter­pre­ten­kas­te erlaubt, sich ins rech­te Licht zu set­zen. Ein Bei­spiel dafür ist die Publi­kums­be­schimp­fung des von Strauß sei­ner Sprach­kri­tik wegen geschätz­ten jun­gen Peter Hand­ke, die als Skan­dal in die Lite­ra­tur­ge­schich­te ein­ging, obwohl es einen sol­chen de fac­to nie gege­ben hat: Die maß­geb­li­che Pres­se war über­wie­gend enthu­si­as­tisch. Strauß’ »Skan­dal« um den »Bocks­ge­sang« war nicht von die­ser Art. Er war ein ech­ter Ver­stoß – und damit mehr als Literatur.

V
Ende Okto­ber erschien Strauß’ neu­es­tes Buch, Das Schat­ten­ge­tu­schel, ein Pro­sa­band ohne Gat­tungs­be­zeich­nung. Eine sol­che wäre auch schwie­rig zu fin­den gewe­sen. Den drei Tei­len (»I Um uns im Raum ein ruh­lo­ses Flüs­tern, als käm es von tuscheln­den Schat­ten«, »II Der all­zeit Unzeit­ge­mä­ße«, »III Auch einer: Der Sät­ze­ma­cher«) ist eine kur­ze – ja, was? Erzäh­lung? Pro­sa­stu­die? – vor­an­ge­stellt, in der ein alter Vater, der »Ein­sa­me«, sei­nen erwach­se­nen Sohn erwar­tet, den er seit drei Jah­ren nicht gese­hen hat und der sich schließ­lich per SMS ent­schul­digt und sei­nen Vater auf ein nächs­tes Mal vertröstet.

Der Text geht unmit­tel­bar ans Herz, aber es ist fast der ein­zi­ge in dem 230 Sei­ten umfas­sen­den Band (das Vater-Sohn-The­ma kehrt dazwi­schen wie­der und umschließt die Text­blö­cke wie eine Klam­mer), und er wirkt dabei wie ein auf die Rea­li­tät geöff­ne­tes Fens­ter in einem Raum voll von eigen­tüm­li­chem Zwie­licht und rät­sel­haf­ten Geräu­schen: Mit »tuscheln­den Schat­ten« ist die Atmo­sphä­re tref­fend gekenn­zeich­net. Die mal kür­ze­ren, mal län­ge­ren Tex­te mischen Refle­xio­nen und Por­träts mit sur­rea­len ero­ti­schen Kon­stel­la­tio­nen, die zwi­schen Rea­li­tät, Träu­men und Tag­träu­men zu chan­gie­ren schei­nen – so eine Bus­fahrt des Erzäh­lers mit Ehe­frau (auf dem Sitz neben ihm) und Gelieb­ter (auf dem Sitz hin­ter ihm), wäh­rend der er in die Rei­he gegen­über wech­selt und einer Frem­den die Schweiß­per­len ableckt.

Über­haupt spie­len Ero­tik und Sexua­li­tät eine erstaun­lich gro­ße Rol­le: Nichts­des­to­we­ni­ger wer­den sämt­li­che sozia­len Bezie­hun­gen (außer die zum Sohn) mit der glei­chen befrem­de­ten Distanz behan­delt, wie sie auch schon die frü­he­ren Arbei­ten kenn­zeich­ne­te. Kei­ne der Figu­ren, von denen der Erzäh­ler wie durch eine Glas­schei­be getrennt scheint, setzt sich im Gedächt­nis fest, nichts scheint zwin­gend, kein fes­ter Boden, kein men­ta­ler Anker­platz, nir­gends. Man kann dar­in eine Spie­ge­lung eines bezie­hungs­lo­sen Bezie­hungs­mark­tes oder aber ein Ver­fan­gen-Sein des Autors in sei­nen eige­nen Idio­syn­kra­si­en sehen.

Trotz­dem rol­len dem Leser, der durch die­sen zar­ten Nebel tappt, immer wie­der typisch Strauß­sche Per­len vor die Füße, die ihn mit der Rat­lo­sig­keit, die ihn befal­len mag, versöhnen.

VI
Und das Bocks­ge­sang-The­ma? Ist es noch da?

Zuwei­len war es mir, als sei ich ganz allein mit der Wie­der­ver­ei­ni­gung. Das hohe Wort hät­te nur mich mit sei­nem mys­ti­schen Sinn berührt, so daß ich davon deut­scher wur­de, als es die Zeit­ge­schich­te erlaubt. Im Sin­ne des hie­ros gamos, einer hei­li­gen Hoch­zeit, eines Glücks, wie es das Kau­der­welsch Geschich­te so deut­lich nur sel­ten herausbringt.

Das hat eine Kon­se­quenz: »Damit habe ich mich vor mei­nen intel­li­gen­ten Lands­leu­ten eben­so lächer­lich gemacht, wie sie umge­kehrt mir als arm­se­lig unbe­gabt für das Ereig­nis erschie­nen.« Wer gewagt hat, zu die­sem The­ma den Kon­sens anzu­grei­fen und die Wohl­mei­nen­den zu pro­vo­zie­ren, ist kein »inter­es­san­ter« Außen­sei­ter mit Frei­fahrt­schein, des­sen Exzes­se vom Betrieb gefei­ert wer­den, son­dern ein ech­ter, den man prompt mit dem Odeur des Dumpf-Völ­ki­schen zu behaf­ten suchte.

Mit Brechts bril­lan­ter Beob­ach­tung zu spre­chen: »Das Volk ist nicht tümelnd«, und Strauß ist es auch nicht. Nicht nur wegen sei­ner ins Unzu­gäng­li­che getrie­be­nen sprach­li­chen Artis­tik, son­dern schon wegen des Lek­tü­re­ka­nons, der bei ihm im Hin­ter­grund steht und euro­pä­isch und inter­na­tio­nal ist: Dos­to­jew­ski, Hof­manns­thal, Paul Valé­ry, Hans Hen­ny Jahnn, Hen­ry James – hier tümelt gar nichts. Ein hoch­ar­ti­fi­zi­el­ler und ‑bele­se­ner Autor ver­ge­wis­sert sich beharr­lich und emo­tio­nal zuge­wandt sei­ner Her­kunft und sei­ner Mut­ter­spra­che. Wohl in jeder Lite­ra­tur der Welt ein nor­ma­ler, ja not­wen­di­ger Vor­gang. In Deutsch­land gehör­te dazu der Mut, ein Tor zu sein. Die­ser Mut ist ihm blei­bend zu danken.

_ _ _

(1)  Botho Strauß: »Herr­schen und nicht beherr­schen. Zur Rhe­to­rik der Kri­se«, in: ders.: Die Expe­di­ti­on zu den Wäch­tern und Spreng­meis­tern. Kri­ti­sche Pro­sa, Ham­burg 2020, S. 252 (»Uns fehlt ein Wort, ein ein­zig Wort. ‑Poli­tik des nicht Beherrsch­ba­ren«, in: FAZ vom 23. August 2011).

(2)  Botho Strauß: »Abschied vom Außen­sei­ter. Von den meis­ten und den weni­gen«, in: ders.: Expe­di­ti­on, S. 266 (»Der Plu­ri­mi-Fak­tor. Anmer­kun­gen zum Außen­sei­ter«, in: Der Spie­gel vom 28. Juli 2013).

(3)  Botho Strauß: Paa­re, ­Pas­san­ten (1981), Mün­chen / Wien 1984, S. 103.

(4)  Marc Felix Ser­rao: »War­um aus der kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on um Botho Strauß nichts wur­de«, in: Neue Zür­cher Zei­tung vom 22. Juli 2018.

(5)  Strauß: Abschied vom Außen­sei­ter, S. 261 f.

(6)  Botho Strauß: »Der letz­te Deut­sche«, in: Der Spie­gel vom 2. Okto­ber 2015.

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