Ist es Konfliktscheu? Ist es der Wunsch nach Anschlußfähigkeit, der Wunsch, “auch mal modern” zu erscheinen? Ist es der Absetzungsversuch von der ohnehin nur marginalen konservativen Architekturkritik?
In einem 2024 veröffentlichten “Jungeuropa”-Podcast zeigte ein Jörg Dittus viel Wohlwollen gegenüber den sogar klar als internationalistisch benannten Absichten der Bauhaus-Schüler. Der Bruch mit der europäischen Tradition scheint demnach kein Problem zu sein angesichts der (behaupteten) Zweckmäßigkeit und sozialen Konzeption der Bauhaus-Villen mit ihren bisweilen toten Grundriß-Winkeln und Dienstmädchenzimmern.
Aus modernen Baumaterialien wird ein Determinismus der ästhetischen Form hergeleitet. Garniert mit Polemik gegen Religion und Feudalismus können so rasch Begründungen formuliert werden, nach denen der Weg zum Bauhaus, zur Platte und der heutigen Schuhschachtelarchitektur eigentlich zwangläufig, logisch und zu akzeptieren ist.
“Nun sind sie halt da”, könnte man mit den Worten der einstigen Kanzlerin die weißen Würfel unserer Neubaugebiete rechtfertigen. Bei Youtube brach ein Leserkommentar diese Argumentationslinie auf das Niveau linker Modernisten herunter:
Echt, der Rechte sitzt lieber im Dunkeln hinter Butzenscheiben als dass er durch große Fenster in die schöne Natur schaut und die Sonne ins Wohnzimmer einlädt?
Der “Disneyland”-Rechte also hinter den bereits seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr gebräuchlichen “dunklen” Butzenscheiben wird gegen “große Fenster”, “Natur” und “Sonne” als angebliche Merkmale der modernistischen Architektur geframed.
In der “Jungen Freiheit” kritisierte Thorsten Hinz nun, daß sich die AfD in Sachsen-Anhalt einen Kulturkampf auf die Fahnen geschrieben habe, der auch die Architektur umfasse. Er bemühte dabei die Selbstrechtfertigung der Modernisten, daß der Bauhaus-Gedanke doch von “humanen” Bestrebungen geleitet gewesen sei und heute zum “reichen kulturellen Erbe” des Landes gehöre.
Derlei “Appeasement” angesichts einer faktisch 100-prozentigen Dominanz der modernistischen Bauhaus-Apologeten in Feuilleton, Lehranstalten und Institutionen erscheint bizarr, da es für Anhänger alternativer traditioneller Wege der Stadtgestaltung eigentlich nichts mehr zu verlieren, sondern nur etwas zu gewinnen gibt. Einige möchten aber in diesem Segment den Kulturkampf offenbar nicht führen – dabei wird er von der Gegenseite auch in diesem Bereich seit langem betrieben.
Man denke nur an die Widerstände und widerwärtigen Anwürfe, die fast jedem kleinen Rekonstruktions-Projekt der letzten Jahrzehnte entgegenhallten. Als Haupt-Kulturkämpfer haben sich in den letzten Jahren zwei Professoren aus Stuttgart und Kassel besonders hervorgetan, Stefan Trüby und Philipp Oswalt, einst Leiter der Stiftung Bauhaus Dessau.
Ihnen stehen die Tore der “Leitmedien” sperrangelweit offen, so daß sie von Deutschlandfunk bis FAZ ihre von “deutscher Schuld” und “Antifaschismus” gesättigten Anschuldigungen ständig neu verbreiten können. In der zweiten Reihe stehen dann die, die die Aufgabe gewählt haben, Oswalts und Trübys Thesen wie alte Semmeln regelmäßig neu aufzubacken, um das kulturkämpferische Ofenfeuer am Lodern zu halten.
Einer ist Matthias Warkus, Lehrbeauftragter in Jena, Weimar und Halle an der Saale, der – exemplarisch herausgegriffen – unlängst in der linksliberalen “Zeit” zur Ehrenrettung modernistischer Architektur und zum pflichtschuldigen AfD-Bashing zur Feder griff. Dabei wird natürlich der ästhetische Gegner regelmäßig einfach zum “Rechtsextremen” erklärt.
Wie dieser Kulturkampf der zweiten Reihe aussieht, soll anhand von ein paar Thesen und Kommentaren kurz dargelegt werden. Zitat Warkus:
Beide Gebäude haben gemeinsam, dass sie in den Nullerjahren errichtet wurden und dass die AfD sie hasst. In ihrem »Regierungsprogramm« für Sachsen-Anhalt, beschlossen vom Parteitag in Magdeburg am 11. April (ironischerweise in der frisch sanierten Hyparschale, einer Ikone der DDR-Moderne), stehen unter der Überschrift »Schöner bauen!« folgende Sätze: “Öffentliche Gebäude, die nach 1990 in Sachsen-Anhalt errichtet wurden, sind oft von einer außerordentlichen Hässlichkeit. Für sehr viel Geld werden nichtssagende Klötze oder andere kalt wirkende, traditionslose geometrische Formen in die Welt gesetzt.”
Hier finden wir klassische Manipulation durch Wortwahl. Denn daß die AfD modernistische Architektur nicht kritisiert, sondern “hasse”, bedient das offizielle Narrativ von “Haß und Hetze”, die immer von rechts, aber nie von links oder modernistischer Seite käme. Und selbstverständlich ist in der “Zeit” nicht zu lesen, daß das linke Establishment das Berliner Schloß, Rekonstruktionen oder traditionelle Architektur “hassen” würde. Weiter Warkus:
Ansonsten aber scheint das Programm klar übertragbar: Die öffentliche Hand soll nichts mehr bauen, was nicht zumindest vage historistisch ist. Zudem hält die AfD fest: »Öffentliche Gebäude müssen von der Mehrheit der Bevölkerung als schön empfunden werden und müssen historische Identität widerspiegeln.«
In diesen beiden Forderungen steckt eine Unterstellung, die man auch bei konservativen bis radikal rechten Architekturtheoretikern wie etwa Léon Krier liest: Die breite Masse wolle historistische Gebäude, weil sie »modernistische« Gebäude schlicht nicht schön finde. In Onlinediskussionen begegnet einem diese These immer wieder. Es gibt mittlerweile organisierte Interessenvereinigungen wie Stadtbild Deutschland oder Architektur-Rebellion, die »traditionelles und regionaltypisches Bauen« mit dem Argument der Schönheit einfordern.
Doch stimmt die Annahme überhaupt? Vereinigungen wie Architektur-Rebellion generieren mit verhältnismäßig wenigen Mitgliedern einen enormen Social-Media-Lärm. Dass im kulturellen Umfeld rechter Politik Nischenmeinungen zur Position einer angeblichen stillen Mehrheit erklärt werden, wäre nichts Neues.
Der Vorwurf, die AfD wolle festlegen, wie die öffentliche Hand zu bauen habe, blendet natürlich den Ist-Zustand aus. Denn es wird im Gegenzug nicht erwähnt, wie viele staatliche oder kommunale Gebäude denn in Deutschland in den letzten Jahrzehnten gebaut wurden, die “vage historistisch” waren und wie viele im Gegensatz dazu, die modernistisch bzw. in einer Bauhaus-Tradition standen?
Oder fallen Ihnen Rathäuser, Universitäts- und Schulgebäude der letzten Jahrzehnte auch nur im angenäherten Stil des Klassizismus, der Heimatschutzarchitektur oder Jugendstils ein? Sieht man mal von wenigen Rekonstruktionen ab, die in der Regel auf der Initiative aus der Bürgerschaft beruhten, dürfte bei einer Graphik das ganze Ungleichgewicht erkennbar sein.
Doch dieses Ungleichgewicht stört den Autor offenbar gar nicht. Die AfD-Forderung indes stellt angesichts dieser ästhetischen Einseitigkeit in Wirklichkeit nur einen Ansatz zu einem kleinen Korrektiv dar.
Um die These zu belegen, es stimme womöglich nicht, daß eine Mehrheit traditionelle Architektur bevorzuge, führt Warkus Online-Ranglisten auf. Es geht um die am meisten fotografierten Häusern in einer angeblich “repräsentativen” Foto-Stichprobe des amerikanische Architektenverbandes AIA, außerdem um eine durch das Softwareunternehmen Adobe anhand verschiedener Massenbewertungsdaten aus dem Internet (TripAdvisor-Bewertungen, Instagram-Hashtags, TikTok-Suchen und Ähnlichem) aufgestellten Liste der “20 fotogensten Wahrzeichen Deutschlands”. Darunter befänden sich auch einige modernistische Gebäude wie das Kanzleramt in Berlin.
Diese oberflächliche Fotosichtung einiger skulpturaler Ikonen unter Ignorierung aller städtebaulichen Zusammenhänge verleitet Warkus letztlich zu der Annahme, modernistische Architektur sei bei Bürgern ebenso beliebt (wenn nicht sogar beliebter?) als traditionelle Architektur. Noch einmal Warkus:
Ich habe 2024 bei der Recherche für einen Vortrag einige Hundert abwertende Leserkommentare zu Architekturberichterstattung in deutschen Zeitungen gesichtet und hatte den Eindruck, dass es durchaus eine gemeinsame Stoßrichtung der meisten negativen Einschätzungen gab: Problematisch wurden vor allem »Betonklötze« und das »Zubauen« von Fläche gesehen; ein Bauen, das mit repetitiven rechtwinkligen Formen den Raum maximal ausnutzt. »Tradition« oder gar »Identität« als Kriterium fanden sich allerdings kaum bis gar nicht, ebenso wenig das Einfordern von Rekonstruktionen.
Von verschiedenen großen Rekonstruktionsprojekten ist bekannt, dass Spendenerlöse und Befragungsergebnisse nicht darauf hindeuten, dass die breite Bevölkerung sie enthusiastisch unterstützt. Die einzige Ausnahme ist der Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche, der auch als einziges solches Projekt aus einer breiten bürgerschaftlichen Initiative hervorgegangen ist. Das Berliner Stadtschloss beziehungsweise Humboldt-Forum, die Neue Altstadt in Frankfurt am Main und die Potsdamer Garnisonkirche als profilierteste Rekonstruktionsvorhaben verdanken ihre Entstehung maßgeblich Initiativen der politischen Rechten. Architekturtheoretiker wie Philipp Oswalt und Stephan Trüby haben in den letzten Jahren überzeugend herausgearbeitet, wie dies geschieht: von der Etablierung fragwürdiger Diskurse um »Identität« und »Tradition« bis hin zu Großspenden wie etwa jener des rechten Millionärs Ehrhardt Bödecker im Fall des Berliner Stadtschlosses. Dies deutet mit darauf hin, dass der Architekturgeschmack der »Masse« keineswegs notwendig traditionalistisch ist.
Hier sieht man dann, welche Stoßrichtung Warkus´ Kommentar hat. Es ist das Wiederkäuen der Thesen Oswalts und Trübys, die – im Gegensatz zu den “rechten” Rekonstruktionsinitiativen natürlich nicht politisch positioniert dargestellt werden. Sie hätten ihre Thesen “überzeugend herausgearbeitet”.
Warkus kommt am Ende seiner Ausführungen zum eigentlichen Anliegen, denn er bedient schließlich den im linken Überbau derzeit virulenten “Gegen-rechts”- Diskurs, indem er mit der groben Keule gegen Trump, die “Völkischen”, die AfD und Roger Scruton ausholt.
In den “Zeit”-Leserkommentaren sieht man, daß das im angesprochenen Milieu Anklang findet, das sich in die Wagenburg zur Verteidigung des Beton-Brutalismus zurückgezogen hat, um sich mit Attacken gegen die angeblichen “Entartete Kunst”-Kampagnen der “Rechten” und die “Knalltüterei” der AfD gegenseitig zu streicheln.
Dieses Milieu hat Angst. Denn wer die hundertprozentige Macht hat, kann nur noch Macht verlieren. So wird bereits gegen 1 Prozent Veränderung aus allen Rohren geschossen. Die Neue Rechte kann sich also fragen, ob sie sich diesem Milieu wirklich durch möglichst viel Verständnis für das Bauhaus und “Appeasement” andienen möchte. Dann ist sie zufrieden mit dem optischen Zustand unserer Städte.
So lange die Hautfarbe der Passanten nur nicht weiter dunkelt, kann demnach alles so weiterlaufen, wie es ist. Oder sie kann den schon lange vor sie geworfenen Fehdehandschuh aufheben und nach neuen ästhetischen Wegen suchen.
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Claus M. Wolfschlag hat für die Reihe Kaplaken den Essay Linke Räume. Bau und Politik verfaßt. Er ist in der 2. Auflage hier erhältlich.
MarkusMagnus
Ich finde das Bauhau in Dessau sieht aus wie eine JVA.
https://de.wikipedia.org/wiki/Bauhausgeb%C3%A4ude_Dessau
So gesehen passt der Name schon ;)
Niemand muss so leben.