BAföG, quo vadis?

Ich bekam als Studentin kein BAföG. Meine Eltern hatten zwar nur „Volksschule“ (= acht Jahre, insofern wäre ich rein ideologisch ein förderungswürdiges „Arbeiterkind“ gewesen; niemand in meiner Sippe hatte je studiert), waren aber beide berufstätig. BAföG war nicht drin. Ich jobbte damals bis zur Grenze - meist zwei, drei Job nebeneinander.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ging gut, mach­te Spaß, konn­te nicht kla­gen. Ab dem vier­ten Semes­ter kamen ja ande­re Staats­leis­tun­gen hin­zu. Kin­der­geld, bald zwei­mal, „Erzie­hungs­geld“ vul­go Eltern­geld. (Hab in Regel­stu­di­en­zeit absol­viert.) Das war deut­lich mehr, als ich ausgab.

Kon­sum­lau­ne ging mir stets ab. Kin­der­wa­gen, Kin­der­kla­mot­ten: aus den Acht­zi­gern, wun­der­schön. Da ich bis zum 27. Lebens­jahr spar­sam im Eltern­haus leb­te, konn­te ich einen finan­zi­el­len Grund­stock auf­bau­en und mir dann 2001 ein gan­zes Rit­ter­gut im Osten leisten.

Das nennt man wohl „ein Momen­tum genutzt haben.“ Heu­te wird man kein im Grun­de gleich bewohn­ba­res Objekt zu einem so güns­ti­gen Preis mehr fin­den, aber wer weiß. Die Leer­stän­de meh­ren sich aus demo­gra­phi­schen Grün­den, die Prei­se „auf dem Land“ sin­ken wieder.

Unse­re Kin­der bekom­men BAföG. Es sind nun „Kin­der von Aka­de­mi­kern“, also im Grun­de pri­vi­le­gier­te Kin­der nicht­ar­mer Eltern, aber durch unse­re schie­re Kin­der­zahl haben wir rund 8.000 Euro anrech­nungs­frei­es Einkommen.

Ich fin­de das gut und gerecht und ver­dient. Logisch auch aus der eige­nen Per­spek­ti­ve. Liber­tä­re fin­den, Kin­der­geld und Bafög (etc.) gehör­ten abge­schafft. Über­haupt: staat­li­che Subventionen.

Sub­ven­tio­nen dien­ten (nach die­ser Les­art) dazu, Schwach­sinn zu för­dern. Über­flüs­si­ge Kul­tur­events, schwa­che Men­schen, ideo­lo­gi­sche Pro­jek­te. Was teil­wei­se rich­tig ist: Die Ideo­lo­gi­sie­rung von Thea­ter, Oper, Kino und ÖRR steht ja außer Fra­ge. Nur rund 10% der Kos­ten der „Kul­tur­häu­ser“ wer­den aus Ein­nah­men (=Ein­tritts­kar­ten) gedeckt.  Frag­wür­di­ger­wei­se bezie­hen rund 300.000 im Aus­land leben­de Kin­der Kin­der­geld aus Deutschland.

Es gibt zehn­tau­sen­de BAföG-Bezie­her, die nur zum Schein stu­die­ren, und um neben­bei das in den gerin­gen Stu­di­en­ge­büh­ren inte­grier­te Deutsch­land­ti­cket abzu­grei­fen. Wie leicht wäre es bit­te, die auszusondern?

Wor­um geht es der­zeit? Das BAföG soll leicht ange­ho­ben wer­den. Die Wohn­kos­ten­pau­scha­le soll von 380 auf 440 € stei­gen, auch der Grund­be­darf soll gering­fü­gig wach­sen. Lin­ke und Grün­de wol­len BAföG vom Eltern­ein­kom­men kop­peln. CDU/CSU hin­ge­gen rudern in punc­to BAföG-Reform zurück: Das gebe der Haus­halt, der “ver­tei­di­gungs­las­ti­ge”, nicht her.

Die AfD nimmt mei­nes Erach­tens eine kon­se­quen­te Posi­ti­on ein. BAföG sei ers­tens ein „Büro­kra­tie­mons­ter“, das gründ­lich ent­schlackt wer­den müßte.

Das kann ich bestä­ti­gen. Eine Toch­ter im Mas­ter war­tet der­zeit erneut seit neun­ein­halb Mona­ten auf die Aus­zah­lung. Sie wird dann wie­der auf einen Schlag 10.000 Euro über­wie­sen bekom­men. Bis dahin schie­ßen wir zu. Ges­tern ging bei ihr eine Zwi­schen­mit­tei­lung ein, rekur­rie­rend auf ihren Antrag von Sep­tem­ber 2025: Sie möge mit­tei­len, wann genau sie die Aus­kunft erhal­ten habe, daß sie den Bache­lor bestan­den habe. Andert­halb Jah­re her. Plus: „Nach­fra­gen inner­halb der nächs­ten drei Mona­te Ihrer­seits kön­nen nicht beant­wor­tet wer­den.“ Es ist eh nie­mals jemand für Nach­fra­gen erreichbar.

AfD, zwei­tens: Natür­lich dür­fe es kein „BAföG für alle“ geben, mit­hin kei­ne Ent­kop­pe­lung vom Eltern­ein­kom­men. Logisch!

Drit­tens: Für eine Bafög-Bezug müs­sen ernst­haf­te Stu­di­en­leis­tun­gen vor­lie­gen. Eben­falls logisch & vordringlich!

Der BAföG-Höchst­satz beträgt heu­te knapp 1000 Euro/Monat. Nach der in Fra­ge ste­hen­den Reform wür­de er knapp über 1000 € betra­gen. Es han­delt sich um unter 100 Euro hin oder her.

Set­zen wir das mal ins Ver­hält­nis: Die BAföG-Aus­ga­ben des Bun­des betra­gen rund zwei Mil­li­ar­den Euro jähr­lich. Etwa 11% der Stu­den­ten kom­men in den Genuß. (Es ist ein Kre­dit, des­sen Rück­zah­lung auf 10. 010 € gede­ckelt ist.)

Der Bund gibt jähr­lich 83 Mil­li­ar­den Euro für „Ver­tei­di­gung“ aus.  Für „Arbeit & Sozia­les“ (vor allem für Zuschüs­se zur Ren­te, 127 Mrd. davon) blecht er 197 Mil­li­ar­den. Der Ent­wick­lungs­hil­fe-Etat, der heu­te anders heißt (Arbeit auf Augen­hö­he oder so) beläuft sich auf 10 Mil­li­ar­den pro Jahr.

Sprich: Ich ver­ste­he nicht, was an die­ser mini­ma­len BAföG-Reform so kom­pli­ziert sein soll. Es sind äußerst ulki­ge Prio­ri­tä­ten, die unser Staat setzt.

Laut aktu­el­len Stu­di­en („Jugend in Deutsch­land“ 2026; „You­Gov“ 2025) pla­nen 21% der jun­gen Leu­te unter 30, Deutsch­land zu ver­las­sen. 41% könn­ten es sich immer­hin gut vor­stel­len. No Coun­try for young men.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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