Sezession
7. September 2009

Widersprüche und Ideologen

Martin Lichtmesz

Stauffenbergfigur negativ"Im Interesse des pluralistischen Meinungsaustausches" sei an dieser Stelle Herrn Dr. Stefan Kubon geantwortet, der vor ein paar Jahren eine Dissertation über die JF vorgelegt hat, und der nun auf einer allseits beliebten linken Aufklärungsseite  "den Widersprüchen rechter Ideologie" nachgeht. Da ich die Ehre habe, in diesem Text namentlich zitiert zu werden, sehe ich mich herausgefordert zu antworten, auch wenn "Endstation Rechts"-Chef Mathias Brodkorb inzwischen das Wichtigste dazu gesagt hat.  

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Fangen wir an.

Gleichzeitig lobt das Blatt beständig die bis zuletzt hitlertreue Wehrmacht, obwohl diese auch Stauffenberg auf dem Gewissen hat. Dass die JF diesen ideologischen Widerspruch unter ihrem  Dach vereint,

Diese Sätze zeugen für jemanden, der seinen Doktortitel für eine Dissertation über die JF bekommen hat, von einer blamablen Unkenntnis seiner Materie. Wer seinen Gegner widerlegen will, sollte wenigstens imstande sein, dessen Positionen korrekt wiederzugeben.

Ablesen läßt sich daraus zunächst dreierlei: der Autor hegt 1. ein simplifiziertes Bild der Wehrmacht 2. ein simplifiziertes Bild des Zweiten Weltkriegs und 3. ein simplifiziertes Bild von Stauffenberg. Das sind natürlich fatale Prämissen, die die Urteilskraft bis zur Erblindung schwächen, und zweifellos "ideologische" Grundlagen haben.

Andernfalls wäre es nämlich unverständlich, wie jemand auf die seltsame Idee kommt, daß ausgerechnet die Verehrung von Stauffenberg und die historische und militärische Würdigung der Wehrmacht nicht unter einen Hut zu bringen seien. Wenn hier etwas "widersprüchlich" ist, dann eben die komplexe historische Lage, in der Stauffenberg gehandelt hat.

Die JF hat seit Jahren gerade über diese Zusammenhänge ausführlich, sachkundig und differenziert publiziert. Nachlesen kann man das in dem dickleibigen Sammelband "Helden der Nation", mit Geleitworten von Philipp Freiherr von Boeselager und Wolf Jobst Siedler, ein Buch,  das ich Herrn Dr. Kubon hiermit auch als Crashkurs-Einführung in die Gedankenwelt des nationalkonservativen Widerstandes empfehle. Auch die sorgfältige Lektüre von Wolfgang Venohrs Stauffenberg- Biographie würde hier weiterhelfen.

Der folgende Abschnitt, der auf Detlef Kühns Artikel über die Rehabilitierung der Deserteure Bezug nimmt, zeugt ebenfalls von einem bestürzend grobschlächtigen und uninformierten Geschichtsbild. Es ist hier nicht der Platz, das Stück für Stück aufzuspießen.

Ich springe weiter und komme zu der Stelle, an der sich Dr. Kubon mit einem Leitartikel von mir zum 20. Juli beschäftigt.

Dabei wird ersichtlich, dass der Autor das Gedenken an Stauffenberg für seine eigenen Zwecke instrumentalisieren möchte.

Gut gebrüllt, Tiger. Das klingt zwar sinister, aber im englischen Sprachraum würde man soetwas einen "true-ism" nennen. Ich kann nur wiederholen, was auch Brodkorb schon auf den Punkt gebracht hat: "Stauffenberg für die nationale Rechte in Stellung zu bringen, mag eine Instrumentalisierung sein, allerdings eine, die dem Geiste Stauffenbergs durchaus gerecht wird."

Dementsprechend bemüht sich Lichtmesz, Stauffenberg nicht nur als Gegner des Nationalsozialismus, sondern auch als Widersacher der Kriegsgegner des Deutschen Reiches zu präsentieren

Ich "bemühe" mich nicht um irgendwas, es handelt sich hier um eine unbestrittene Tatsache, die in jeder guten Stauffenberg-Biographie nachzulesen ist.

Die dickste Nudel kommt aber erst:

Lichtmesz redet nicht zuletzt die demokratischen Traditionslinien der deutschen Geschichte klein, indem er suggeriert, die Mehrzahl der Deutschen habe die Nachkriegszeit (zunächst) nicht als Befreiung, sondern als „Unterwerfung“ erlebt, die durch „Wohlstand, Stabilisierung und Umerziehung“ flankiert worden sei.

Man muß nicht "suggerieren", die Deutschen hätten die (unmittelbare!) Nachkriegszeit "zunächst nicht als Befreiung, sondern als Unterwerfung empfunden". Die Fakten- und Quellenlage über den Zusammenbruch des Jahres 1945, die konkrete Besatzungspolitik und das Erleben der Zivilbevölkerung  ist so überwältigend, reichhaltig, eindeutig und unmißverständlich, daß ich Herrn Kubon erneut auffordern muß, seine Hausaufgaben zu machen. Man muß dazu nicht einmal die JF lesen. Guido Knopp reicht für ein diesbezügliches Grundwissen völlig.

Dass sich die Deutschen mittlerweile in überwältigender Mehrheit der politischen Kultur des Westens verbunden fühlen und zudem fast ausschließlich ein entspanntes Nationalbewusstsein an den Tag legen, scheint Lichtmesz Sorgen zu bereiten.

Ebenso ist es Faktum, daß die westdeutsche Demokratie von 1949 sich nicht direkt aus den "demokratischen Traditionslinien der deutschen Geschichte" und ihrer souveränen Handhabung ableitet, sondern von der US-Besatzungsmacht unter Anwendung der "Re-Education"  installiert wurde. So konnte auch ein strammer Sozialdemokrat wie Kurt Schumacher Adenauer abschätzig als "Alliiertenkanzler" bezeichnen.  Diese Genese zeigt sich ja auch daran, daß sich das politische Selbstverständnis des heutigen deutschen Staates nicht etwa auf 1848 (oder 1871 oder 1918), sondern auf 1945 bezieht. Die heutige nahezu konkurrenzlose Identifikation mit der "politischen Kultur des Westens" ist die direkte historische Folge davon, und das betonen ja deren Apologeten und Kritiker des (angeblichen) "deutschen Sonderwegs" selbst immer wieder.

Was Herr Kubon unter einem "entspannten Nationalbewußtsein" versteht, weiß ich nicht. Er selbst mag ja privat ein entspannter und sorgloser Mensch sein. Meine alltägliche Erfahrung ist eine andere. Sie zeigt mir, daß die Deutschen insgesamt weit entfernt davon sind, mit sich im Reinen zu sein, und das betrifft sowohl die zwanghaft NS-fixierte politische Ebene als auch die persönliche Identitätsfrage des Einzelnen.  Das sind ernste Dinge, die sich nicht mit Fußball-WMs und "Volkspizzas" von Dr. Oetker entspannen lassen. Und ja, das macht mir sogar sehr große Sorgen.

Es bleibt die Frage, warum die JF und ihre Leser kein augenscheinliches Problem mit dem skizzierten Widerspruch der gleichzeitigen Stauffenberg- und Wehrmachts-Verherrlichung haben.

Wie gesagt: Es gibt hier weit und breit weder ein Geheimnis noch einen "Widerspruch".  Und ebensowenig sollte man hier ein großes Wort wie "Ideologie" gebrauchen, vor allem nicht, wenn man an den Grenzen seiner Verständniskapazität angelangt ist.

P.S.  Eine Pointe ist Herrn Dr. Kubon leider entgangen: Ja, auch ich habe mich der "Verherrlichung der Wehrmacht" schuldig gemacht, und werde es bei Gelegenheit gewiß wieder tun, soviel verspreche ich.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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