Das Lindgrüne – zum Tode Helmut Lethens

von Jörg Seidel -- Das „Lindgrüne“ nannte Helmut Lethen es nur. Das Lindgrüne, das war die neue Edition der „Verhaltenslehren der Kälte“ (1994), eine Würdigung des Verlages, fast drei Jahrzehnte nach Erscheinen jenes Buches, das zum Klassiker geworden war.

Ein sol­ches Buch setzt einen auf die Welt­kar­te – aber es läßt einen auch nicht mehr her­un­ter. Dar­an änder­te das 70-sei­ti­ge Nach­wort Lethens (2022) nichts mehr, in dem er sich und sein Werk neu zu ver­or­ten ver­such­te oder genau­er: den Ort zu nen­nen, wo sie sich nun befin­den, nach die­sen Jah­ren Welt­ge­schich­te und also Zäsu­ren-Geschich­te. Es war jetzt leich­ter, pas­sen­der, vom „Lind­grü­nen“ zu spre­chen, statt den aus­ge­nu­del­ten Titel wie­der in den Mund zu nehmen.

Im Wort „Lind­grün“ aber (so woll­te es mir erschei­nen), da steckt der gan­ze Lethen schon drin: das Sanf­te, War­me, Lin­de zum einen, aber auch das Exal­tier­te, Kul­ti­vier­te, Künst­li­che und Künst­le­ri­sche in die­ser Existenz.

Lethen, der qua Geburt den Tod im Namen führt, der sich der Käl­te ver­schrie­ben hat­te, sprach lei­se, oft fra­gend, manch­mal fast unsi­cher, man nahm ihn als run­de, nicht kan­ti­ge Per­son wahr, als einen sen­si­blen, emp­fin­den­den, wohl auch fürch­ten­den Men­schen, vol­ler Wär­me und Ver­ständ­nis. Und das bil­de­te den denk­bar größ­ten Kon­trast zu den The­men sei­nes Wer­kes, aber das wie­der­um erscheint nur dann als Wider­spruch, wenn man das Erschre­cken und Erstau­nen nicht wahr­nimmt, eine gewis­se neu­gie­ri­ge Nai­vi­tät, die Werk und Mensch antrieb.

1979 erschien in den Ber­li­ner Hef­ten ein Auf­satz Lethens und Heinz-Die­ter Kitt­stei­ners – „das ein­zi­ge Genie, das ich ken­nen­ge­lernt habe“ – mit dem pro­gram­ma­ti­schen Titel „Jetzt zieht Leut­nant Jün­ger sei­nen Man­tel aus. Ästhe­tik des Schre­ckens“. Das war eine Art Grün­dungs­ur­kun­de und ein Doku­ment des Erschre­ckens, die Keim­zel­le von Lethens intel­lek­tu­el­lem Durch­bruch. Er mar­kiert sei­nen Über­gang von der mar­xis­tisch gepräg­ten Lite­ra­tur­kri­tik der 1970er-Jah­re hin zu einer distan­zier­ten kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Habi­tus­ana­ly­se. Dar­in der para­dig­ma­ti­sche Satz: „Wer blo­ße Begrif­fe für Rea­li­tät hält, erliegt einer opti­schen Täuschung.“

Die Angst und die Ehr­furcht vor dem Krieg hat­te sich dem Kind schon in den Luft­schutz­kel­lern ins Kör­per­ge­dächt­nis ein­ge­gra­ben, mit 18 Jah­ren sitzt er dann unge­schützt vor den unfaß­ba­ren Bil­dern aus Res­nais Film „Nacht und Nebel“, die er wie Wacker­stei­ne sein Leben lang mit sich her­um­trägt. Wer es nicht schon geahnt hat­te, dem schrieb er es in der 2020 erschie­nen Auto­bio­gra­phie Denn für die­ses Leben ist der Mensch nicht schlau genug auf.

Vor die­sem Hin­ter­grund muß­te ihn die Jün­ger­sche Ges­te erschre­cken, die­se ästhe­ti­sie­ren­de todes­ver­ach­ten­de Arro­ganz, oder Gott­fried Ben­ns küh­ler Zynis­mus, oder Carl Schmitts mes­ser­schar­fe prag­ma­ti­sche Käl­te … Lethen hat gelernt, die Käl­te zu spie­geln. Indem er sich auf die Funk­ti­ons­wei­se von Tex­ten oder den Habi­tus sei­ner Ver­fas­ser kon­zen­triert, schafft er sich die not­wen­di­ge Distanz, mit die­sen ihn anrüh­ren­den Tex­ten und Autoren umzugehen.

Und dann hat­te sich Lethen selbst „schul­dig“ gemacht. Er war in der KPD-AO, einer mao­is­ti­schen K‑Gruppe aktiv, um schließ­lich in sei­ner Suche nach dem Hand­ora­kel (2012) zu der Ein­sicht zu gelangen:

Die Leis­tung der mar­xis­tisch-mao­is­ti­schen Appa­ra­te bestand dar­in, die frei flot­tie­ren­den Umstur­z­en­er­gien in ihr ober­ir­di­sches Bewe­gungs­sys­tem einzubinden,

sprich sys­tem­sta­bi­li­sie­rend zu wir­ken. Danach wur­de er raus­ge­schmis­sen, nicht zufäl­lig wegen „Ver­söhn­ler­tums“. Denn das Ver­söhn­li­che war immer sei­ne Schwä­che – und Stär­ke, der Wil­le, zu ver­ste­hen. Das war wich­ti­ger als Urteilen.

Des­halb wäre Hel­mut Lethen auch dann wich­tig für die Rech­te, wenn es die Ehe mit der Sezes­si­on- und Antai­os-Autorin Caro­li­ne Som­mer­feld nicht gege­ben hät­te. Er hat­te die geis­ti­gen Ahnen der Neu­en Rech­ten pro­te­giert, indem er sie dekon­stru­ie­ren woll­te, er hat sein Erschre­cken nicht in typisch lin­ker Vol­te in Mora­lis­mus umge­wan­delt, son­dern in Fas­zi­na­ti­on, er hat nicht – wie etwa Freund The­we­leit mit sei­nen „Män­ner­phan­ta­sien“ – patho­lo­gi­siert, son­dern einen unbän­di­gen Ver­ständ­nis­wil­len an den Tag gelegt, gegen alle habi­tu­el­len Aversionen.

Die­se Autoren haben ihn nie wie­der los­ge­las­sen, wes­halb man Lethen – ganz aner­ken­nend – lan­ge für einen Mono­the­ma­ti­ker hal­ten konn­te, der sein Lebens­the­ma immer wie­der neu vari­iert und ihm neue Ein­sich­ten abringt. Lethen war ein Ver­söhn­ler im bes­ten Sin­ne des Wortes.

Aber die­se Ein­schät­zung paß­te in den letz­ten Jah­ren nicht mehr. Zwar stimmt es, daß er das, was ihm pas­siert ist, pro­duk­tiv umar­bei­te­te, aber es sind zu dras­ti­sche Zäsu­ren gewe­sen, die sein spä­tes Leben bestimm­ten. So fin­det der oben zitier­te Satz in sei­nem bis­lang letz­ten Buch, Stoi­schen Gang­ar­ten, ein auf­schluß­rei­ches Echo:

Wer sich von mora­li­schen Prin­zi­pi­en lei­ten läßt, soll­te wis­sen, daß sie von der Wirk­lich­keit längst wider­legt wor­den sind und stets wer­den, daß unser mora­li­sches Stre­ben kon­tra­fak­tisch und stän­dig bedroht ist.

Da ist der Denk- und Lebens­kreis greif­bar. Was ideo­lo­gie­kri­tisch und ent­lar­vend, als War­nung vor der Nai­vi­tät, abs­trak­te Wunsch­be­grif­fe mit der bru­ta­len Wirk­lich­keit zu ver­wech­seln, begann, mün­det nun in die exis­ten­ti­el­le und stoi­sche Aner­ken­nung, daß Moral trotz ihrer Ohn­macht gelebt wer­den muß. Es ist kein Irr­tum mehr, son­dern eine bewuß­te, tra­gi­sche Hal­tung wider die Fakten.

Der Satz von 1979 for­mu­liert die Erkennt­nis der Täu­schung – die Dekon­struk­ti­on fal­scher Gewiß­hei­ten. Der Satz von 2025 for­mu­liert die Kon­se­quenz dar­aus – das stoi­sche Wei­ter­ma­chen im vol­len Bewußt­sein die­ser Täu­schung. Es ist der Weg von der blo­ßen Ent­lar­vung hin zu einer eige­nen „Ver­hal­tens­leh­re“, die mit der Unbe­re­chen­bar­keit der Wirk­lich­keit umge­hen kann.

Das Leben, das, was pas­siert, hat Lethen dazu gezwun­gen: das sind zum einen die poli­ti­schen Wir­ren des Jah­res 2015 und die schwe­re Ein­sicht in die eige­ne Mit­ver­ant­wor­tung, da ist zum ande­ren der kome­ten­haf­te Auf­stieg sei­ner Frau Caro­li­ne Som­mer­feld, die in kür­zes­ter Zeit hier im Sezes­si­on-Kreis Berühmt­heit erlang­te, und da ist schließ­lich der ganz phy­si­sche Schmerz einer aku­ten und lebens­be­droh­li­chen Hirn­blu­tung und der nach­fol­gen­den Ope­ra­ti­on, ganz nah am Ufer der Lethe. So waren Hel­mut Lethen noch ein paar Jah­re vergönnt.

Er nutz­te sie auf sei­ne unnach­ahm­li­che Art und Wei­se. Sein Werk schien nach dem Klas­si­ker, nach dem viel­ge­lob­ten Benn-Buch Der Sound der Väter (2006), nach dem preis­ge­krön­ten Der Schat­ten des Pho­to­gra­phen (2013) abge­schlos­sen, zwar über­sicht­lich, aber gewichtig.

Die Suche nach dem Hand­ora­kel konn­te man auch als Ver­ab­schie­dung in den Ruhe­stand ver­ste­hen und die Erin­ne­run­gen als letz­tes Wort, aber dann bra­chen die Ereig­nis­se ein in das gesi­cher­te Leben. Das Estab­lish­ment ver­lang­te Reue und Buße, wenigs­tens „Distan­zie­rung“ – Lethen ver­wei­ger­te sie und stand zu Frau und Fami­lie und er war einer der weni­gen, viel­leicht sogar der ein­zi­ge, der das über­leb­te und sogar noch Mehr­wert dar­aus zog. Sein Name war wie­der in aller Mun­de. Schon Die Staats­rä­te (2018) war zwar noch immer eine Varia­ti­on der Lebens­the­ma­tik, aber dar­in ent­hal­ten ist auch ein dar­in ver­steck­tes Gesprächs­an­ge­bot, das Buch ist ein „Brief an den Feind“.

Lethen reagier­te auf all das vor allem mit neu­er Pro­duk­ti­vi­tät, ohne Jam­mern, ganz sicher auch ange­trie­ben vom unun­ter­bro­che­nen häus­li­chen Dia­log, von Wider­streit und Lie­be. Im Zwei­jah­res­rhyth­mus erschie­nen neue Bücher. Die Nicht­be­ach­tung des „Lind­grü­nen“ konn­te er nun als „Künst­ler­pech“ abha­ken – viel mehr inter­es­sier­te ihn die Reso­nanz auf sei­nen „Hiob“ – so nann­te er bis kurz vor der Ver­öf­fent­li­chung sein Buch Der Som­mer des Groß­in­qui­si­tors (2022), wo er unter Aus­wei­tung der Auf­merk­sam­keits­zo­ne erneut die Ambi­va­lenz von Macht, poli­ti­scher Gewalt und der psy­cho­lo­gi­schen Fas­zi­na­ti­on für Käl­te und Här­te durcharbeitet.

Daß die Klügs­ten sich für das Rech­te ent­schei­den kön­nen, bleibt ihm Rät­sel. Zuletzt das Buch Stoi­sche Gang­ar­ten: Ver­su­che der Lebens­füh­rung (2025), in dem er nach dem lebens­be­droh­li­chen Hirn­hä­ma­tom lite­ra­ri­sche und phi­lo­so­phi­sche Spu­ren der Stoa als psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Mas­ke und Über­le­bens­stra­te­gie nutzt, um das eige­ne Altern, kör­per­li­che Schmer­zen sowie das mora­li­sche Schei­tern poli­ti­scher Denk­sys­te­me auszuhalten.

Und ein wei­te­res Buch liegt wohl schon beim Ver­lag. Die­ser Kopf woll­te nicht auf­hö­ren zu den­ken. Als ich Hel­mut Lethen im April die­ses Jah­res besuch­te, da ver­wies er so begeis­tert wie eh und je auf einen Sta­pel Bücher, die er gera­de lese oder gele­sen hat­te und wel­che Pro­ble­me, Fra­gen und Ant­wor­ten sie in ihm auf­wühl­ten. Das letz­te Manu­skript war gera­de in der End­be­ar­bei­tung, ein soeben geschrie­be­ner Vor­trag über Carl Schmitts „Phos­pho­res­zie­ren­des Den­ken“ lag aus­ge­druckt bereit …

Die­se sel­te­nen Men­schen kann auch das Alter nicht beu­gen, nur der Tod. Er wuß­te, wie es um sei­ne Gesund­heit bestellt war, aber er trug sein Schick­sal nun mann­haft und hei­ter. Hel­mut Lethen ist am 13.8.2026 gestorben.

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