Das Lindgrüne – zum Tode Helmut Lethens

von Jörg Seidel -- Das „Lindgrüne“ nannte Helmut Lethen es nur. Das Lindgrüne, das war die neue Edition der „Verhaltenslehren der Kälte“ (1994), eine Würdigung des Verlages, fast drei Jahrzehnte nach Erscheinen jenes Buches, das zum Klassiker geworden war.

Ein sol­ches Buch setzt einen auf die Welt­kar­te – aber es läßt einen auch nicht mehr her­un­ter. Dar­an änder­te das 70-sei­ti­ge Nach­wort Lethens (2022) nichts mehr, in dem er sich und sein Werk neu zu ver­or­ten ver­such­te oder genau­er: den Ort zu nen­nen, wo sie sich nun befin­den, nach die­sen Jah­ren Welt­ge­schich­te und also Zäsu­ren-Geschich­te. Es war jetzt leich­ter, pas­sen­der, vom „Lind­grü­nen“ zu spre­chen, statt den aus­ge­nu­del­ten Titel wie­der in den Mund zu nehmen.

Im Wort „Lind­grün“ aber (so woll­te es mir erschei­nen), da steckt der gan­ze Lethen schon drin: das Sanf­te, War­me, Lin­de zum einen, aber auch das Exal­tier­te, Kul­ti­vier­te, Künst­li­che und Künst­le­ri­sche in die­ser Existenz.

Lethen, der qua Geburt den Tod im Namen führ­te, der sich der Käl­te ver­schrie­ben hat­te, sprach lei­se, oft fra­gend, manch­mal fast unsi­cher, man nahm ihn als run­de, nicht kan­ti­ge Per­son wahr, als einen sen­si­blen, emp­fin­den­den, wohl auch fürch­ten­den Men­schen, vol­ler Wär­me und Ver­ständ­nis. Und das bil­de­te den denk­bar größ­ten Kon­trast zu den The­men sei­nes Wer­kes, aber das wie­der­um erscheint nur dann als Wider­spruch, wenn man das Erschre­cken und Erstau­nen nicht wahr­nimmt, eine gewis­se neu­gie­ri­ge Nai­vi­tät, die Werk und Mensch antrieb.

1979 erschien in den Ber­li­ner Hef­ten ein Auf­satz Lethens und Heinz Die­ter Kitt­stei­ners – „das ein­zi­ge Genie, das ich ken­nen­ge­lernt habe“ – mit dem pro­gram­ma­ti­schen Titel „Jetzt zieht Leut­nant Jün­ger sei­nen Man­tel aus. Ästhe­tik des Schre­ckens“. Das war eine Art Grün­dungs­ur­kun­de und ein Doku­ment des Erschre­ckens, die Keim­zel­le von Lethens intel­lek­tu­el­lem Durch­bruch. Er mar­kiert sei­nen Über­gang von der mar­xis­tisch gepräg­ten Lite­ra­tur­kri­tik der 1970er-Jah­re hin zu einer distan­zier­ten kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Habi­tus­ana­ly­se. Dar­in der para­dig­ma­ti­sche Satz: „Wer blo­ße Begrif­fe für Rea­li­tät hält, erliegt einer opti­schen Täuschung.“

Die Angst und die Ehr­furcht vor dem Krieg hat­ten sich dem Kind schon in den Luft­schutz­kel­lern ins Kör­per­ge­dächt­nis ein­ge­gra­ben, mit 18 Jah­ren sitzt er dann unge­schützt vor den unfaß­ba­ren Bil­dern aus Res­nais’ Film „Nacht und Nebel“, die er wie Wacker­stei­ne sein Leben lang mit sich her­um­trägt. Wer es nicht schon geahnt hat­te, dem schrieb er es in der 2020 erschie­ne­nen Auto­bio­gra­phie Denn für die­ses Leben ist der Mensch nicht schlau genug auf.

Vor die­sem Hin­ter­grund muß­te ihn die Jün­ger­sche Ges­te erschre­cken, die­se ästhe­ti­sie­ren­de todes­ver­ach­ten­de Arro­ganz, oder Gott­fried Ben­ns küh­ler Zynis­mus, oder Carl Schmitts mes­ser­schar­fe prag­ma­ti­sche Käl­te … Lethen hat gelernt, die Käl­te zu spie­geln. Indem er sich auf die Funk­ti­ons­wei­se von Tex­ten oder den Habi­tus sei­ner Ver­fas­ser kon­zen­triert, schafft er sich die not­wen­di­ge Distanz, mit die­sen ihn anrüh­ren­den Tex­ten und Autoren umzugehen.

Und dann hat­te sich Lethen selbst „schul­dig“ gemacht. Er war in der KPD-AO, einer mao­is­ti­schen K‑Gruppe aktiv, um schließ­lich in sei­ner Suche nach dem Hand­ora­kel (2012) zu der Ein­sicht zu gelangen:

Die Leis­tung der mar­xis­tisch-mao­is­ti­schen Appa­ra­te bestand dar­in, die frei flot­tie­ren­den Umstur­z­en­er­gien in ihr ober­ir­di­sches Bewe­gungs­sys­tem einzubinden,

sprich sys­tem­sta­bi­li­sie­rend zu wir­ken. Danach wur­de er raus­ge­schmis­sen, nicht zufäl­lig wegen „Ver­söhn­ler­tums“. Denn das Ver­söhn­li­che war immer sei­ne Schwä­che – und Stär­ke, der Wil­le, zu ver­ste­hen. Das war wich­ti­ger als Urteilen.

Des­halb wäre Hel­mut Lethen auch dann wich­tig für die Rech­te, wenn es die Ehe mit der Sezes­si­on- und Antai­os-Autorin Caro­li­ne Som­mer­feld nicht gege­ben hät­te. Er hat­te die geis­ti­gen Ahnen der Neu­en Rech­ten pro­te­giert, indem er sie dekon­stru­ie­ren woll­te, er hat sein Erschre­cken nicht in typisch lin­ker Vol­te in Mora­lis­mus umge­wan­delt, son­dern in Fas­zi­na­ti­on, er hat nicht – wie etwa Freund The­we­leit mit sei­nen „Män­ner­phan­ta­sien“ – patho­lo­gi­siert, son­dern einen unbän­di­gen Ver­ständ­nis­wil­len an den Tag gelegt, gegen alle habi­tu­el­len Aversionen.

Die­se Autoren haben ihn nie wie­der los­ge­las­sen, wes­halb man Lethen – ganz aner­ken­nend – lan­ge für einen Mono­the­ma­ti­ker hal­ten konn­te, der sein Lebens­the­ma immer wie­der neu vari­iert und ihm neue Ein­sich­ten abringt. Lethen war ein Ver­söhn­ler im bes­ten Sin­ne des Wortes.

Aber die­se Ein­schät­zung paß­te in den letz­ten Jah­ren nicht mehr. Zwar stimmt es, daß er das, was ihm pas­siert ist, pro­duk­tiv umar­bei­te­te, aber es sind zu dras­ti­sche Zäsu­ren gewe­sen, die sein spä­tes Leben bestimm­ten. So fin­det der oben zitier­te Satz in sei­nem bis­lang letz­ten Buch, Stoi­sche Gang­ar­ten, ein auf­schluß­rei­ches Echo:

Wer sich von mora­li­schen Prin­zi­pi­en lei­ten läßt, soll­te wis­sen, daß sie von der Wirk­lich­keit längst wider­legt wor­den sind und stets wer­den, daß unser mora­li­sches Stre­ben kon­tra­fak­tisch und stän­dig bedroht ist.

Da ist der Denk- und Lebens­kreis greif­bar. Was ideo­lo­gie­kri­tisch und ent­lar­vend, als War­nung vor der Nai­vi­tät, abs­trak­te Wunsch­be­grif­fe mit der bru­ta­len Wirk­lich­keit zu ver­wech­seln, begann, mün­det nun in die exis­ten­ti­el­le und stoi­sche Aner­ken­nung, daß Moral trotz ihrer Ohn­macht gelebt wer­den muß. Es ist kein Irr­tum mehr, son­dern eine bewuß­te, tra­gi­sche Hal­tung wider die Fakten.

Der Satz von 1979 for­mu­liert die Erkennt­nis der Täu­schung – die Dekon­struk­ti­on fal­scher Gewiß­hei­ten. Der Satz von 2025 for­mu­liert die Kon­se­quenz dar­aus – das stoi­sche Wei­ter­ma­chen im vol­len Bewußt­sein die­ser Täu­schung. Es ist der Weg von der blo­ßen Ent­lar­vung hin zu einer eige­nen „Ver­hal­tens­leh­re“, die mit der Unbe­re­chen­bar­keit der Wirk­lich­keit umge­hen kann.

Das Leben, das, was pas­siert, hat Lethen dazu gezwun­gen: das sind zum einen die poli­ti­schen Wir­ren des Jah­res 2015 und die schwe­re Ein­sicht in die eige­ne Mit­ver­ant­wor­tung, da ist zum ande­ren der kome­ten­haf­te Auf­stieg sei­ner Frau Caro­li­ne Som­mer­feld, die in kür­zes­ter Zeit hier im Sezes­si­on-Kreis Berühmt­heit erlang­te, und da ist schließ­lich der ganz phy­si­sche Schmerz einer aku­ten und lebens­be­droh­li­chen Hirn­blu­tung und der nach­fol­gen­den Ope­ra­ti­on, ganz nah am Ufer der Lethe. So waren Hel­mut Lethen noch ein paar Jah­re vergönnt.

Er nutz­te sie auf sei­ne unnach­ahm­li­che Art und Wei­se. Sein Werk schien nach dem Klas­si­ker, nach dem viel­ge­lob­ten Benn-Buch Der Sound der Väter (2006), nach dem preis­ge­krön­ten Der Schat­ten des Pho­to­gra­phen (2013) abge­schlos­sen, zwar über­sicht­lich, aber gewichtig.

Die Suche nach dem Hand­ora­kel konn­te man auch als Ver­ab­schie­dung in den Ruhe­stand ver­ste­hen und die Erin­ne­run­gen als letz­tes Wort, aber dann bra­chen die Ereig­nis­se ein in das gesi­cher­te Leben. Das Estab­lish­ment ver­lang­te Reue und Buße, wenigs­tens „Distan­zie­rung“ – Lethen ver­wei­ger­te sie und stand zu Frau und Fami­lie und er war einer der weni­gen, viel­leicht sogar der ein­zi­ge, der das über­leb­te und sogar noch Mehr­wert dar­aus zog. Sein Name war wie­der in aller Mun­de. Schon Die Staats­rä­te (2018) war zwar noch immer eine Varia­ti­on der Lebens­the­ma­tik, aber dar­in ent­hal­ten ist auch ein dar­in ver­steck­tes Gesprächs­an­ge­bot, das Buch ist ein „Brief an den Feind“.

Lethen reagier­te auf all das vor allem mit neu­er Pro­duk­ti­vi­tät, ohne Jam­mern, ganz sicher auch ange­trie­ben vom unun­ter­bro­che­nen häus­li­chen Dia­log, von Wider­streit und Lie­be. Im Zwei­jah­res­rhyth­mus erschie­nen neue Bücher. Die Nicht­be­ach­tung des „Lind­grü­nen“ konn­te er nun als „Künst­ler­pech“ abha­ken – viel mehr inter­es­sier­te ihn die Reso­nanz auf sei­nen „Hiob“ – so nann­te er bis kurz vor der Ver­öf­fent­li­chung sein Buch Der Som­mer des Groß­in­qui­si­tors (2022), wo er unter Aus­wei­tung der Auf­merk­sam­keits­zo­ne erneut die Ambi­va­lenz von Macht, poli­ti­scher Gewalt und der psy­cho­lo­gi­schen Fas­zi­na­ti­on für Käl­te und Här­te durcharbeitet.

Daß die Klügs­ten sich für das Rech­te ent­schei­den kön­nen, bleibt ihm Rät­sel. Zuletzt das Buch Stoi­sche Gang­ar­ten: Ver­su­che der Lebens­füh­rung (2025), in dem er nach dem lebens­be­droh­li­chen Hirn­hä­ma­tom lite­ra­ri­sche und phi­lo­so­phi­sche Spu­ren der Stoa als psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Mas­ke und Über­le­bens­stra­te­gie nutzt, um das eige­ne Altern, kör­per­li­che Schmer­zen sowie das mora­li­sche Schei­tern poli­ti­scher Denk­sys­te­me auszuhalten.

Und ein wei­te­res Buch liegt wohl schon beim Ver­lag. Die­ser Kopf woll­te nicht auf­hö­ren zu den­ken. Als ich Hel­mut Lethen im April die­ses Jah­res besuch­te, da ver­wies er so begeis­tert wie eh und je auf einen Sta­pel Bücher, die er gera­de lese oder gele­sen hat­te und wel­che Pro­ble­me, Fra­gen und Ant­wor­ten sie in ihm auf­wühl­ten. Das letz­te Manu­skript war gera­de in der End­be­ar­bei­tung, ein soeben geschrie­be­ner Vor­trag über Carl Schmitts „Phos­pho­res­zie­ren­des Den­ken“ lag aus­ge­druckt bereit …

Die­se sel­te­nen Men­schen kann auch das Alter nicht beu­gen, nur der Tod. Er wuß­te, wie es um sei­ne Gesund­heit bestellt war, aber er trug sein Schick­sal nun mann­haft und hei­ter. Hel­mut Lethen ist am 13.8.2026 gestorben.

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Kommentare (27)

Brettenbacher

17. August 2026 01:14

Nicht ist es gut,                                              Seellos von sterblichen                                  Gedanken zu sein. Doch gut                              Ist  ein Gespräch und zu sagen                      Des  Herzens Meinung, zu hören viel             Von Tagen der Lieb,                                          Und Taten, welche geschehen. 
.......(Hölderlin)

Guilelmia

17. August 2026 02:19

Ausgezeichnet. Vielen Dank für den Nachruf. Über Benn fand ich zu Lethen respektive über Lethen zum einmaligen »Sound der Väter«, der gar nicht kalt genug sein kann.  – »Bloß keine Wärme, dann wird’s nämlich familiär« (Benn). Diese familiäre Liebe anderen Menschen zu schenken und seinen Kindern weiterzugeben, ist eine weitere Lebensleistung Lethens.

RMH

17. August 2026 08:50

Mein herzliches Beileid an Frau Sommerfeld und die Hinterbliebenen. 

Gregor Ratio

17. August 2026 09:06

Mit Lethen ist einer der wichtigsten eigenständigen Denker der deutschen Geisteswissenschaft gegangen. Als junger Mann ging er zur Bundeswehr, später wurde er Maoist. Jahre später wurde seine Frau zu einer Stimme unseres Lagers. Lethen blieb politisch ein Linker und hielt den Widerspruch aus. Auch das war das sein Lebensthema: den anderen verstehen, ohne seine Position übernehmen zu müssen. Den Widerspruch aushalten, ohne ihn vorschnell aufzulösen.

Monika

17. August 2026 09:51

"Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause." Novalis Danke für diesen Nachruf. In der WELT ( Denker im Niemandsland) schreibt Mladen Gladić von der frühesten Kindheitserinnerung Helmut Lethens, die auch die früheste Erinnerung meiner Mutter ( Jg. 1932) war: Schlafend aus dem Bett gerissen werden, durch ein kaltes Treppenhaus in den Luftschutzkeller im Elternhaus getragen zu werden und zu frieren. Ob diese äußere Kälte zur inneren Kälte meiner Mutter geführt hat, habe ich mich oft gefragt. Es gab jedenfalls keine familiäre Wärme. Meine Mutter hatte aber immer Angst vor äußerer Kälte. Sie starb an einem Hirnschlag, ein Tag, nach dem ihre ausgefallene Heizung repariert worden war. Ihre letzten Worte waren an den Monteur gerichtet:"Geht die Heizung wieder?" ...Den Großinquisitor kann man als Legende lesen, nicht als theoretische Reflexion über das Böse. Das schreibt Dostojewski selbst."ER kam unauffällig und still, und doch, seltsamerweise, sie erkennen IHN alle. Das könnte eine der besten Stellen des Poems geworden sein, das heißt, woran eigentlich sie IHN erkennen." Kurz gesagt: Es ging  keine Kälte von ihm aus ! Mein Beileid. 

Ein gebuertiger Hesse

17. August 2026 12:56

Was für ein Lebensweg, im Schreiben wie privat ...
Mein Beileid an alle Nächsten und Nahen, die vorerst noch hierbleiben.
Danke, Herr Seidel!

lucianocali2

17. August 2026 13:33

Er hat sich nicht zur Distanzierung von seiner Frau erpressen lassen und rechte Denker ließen ihn ein Leben lang nicht los. Und wieviele deutsche Linksintellektuelle kennen wir noch, die diesen aufrechten Gang, privat, geistig und politisch durchgehalten haben? Wäre dankbar für eine kleine Liste. Sie wird aber extrem kurz sein. Mein Beileid an Caroline Sommerfeld, der ich beim Sommerfest in Schnellroda 2025 einen anderen Denker empfahl, der ähnlich aufrecht sein Leben lang lief: Ludwig Hohl. 

SMHJanssen

17. August 2026 14:22

Sehr geehrte Frau Sommerfeld,
 
herzliches Beileid und Stärke in diesen schweren Stunden.
Ich habe Helmut Lethen Mitte der 90er Jahre auf einer Lesung in Köln erlebt und war beeindruckt von seiner intellektuellen Tiefe und seiner geistigen Unbestechlichkeit. Die Verhaltenslehren der Kälte waren für mich ein wesentlicher Grund mich in meiner historischen und politikwissenschaftlichen Forschung mit der "Konservativen Revolution", Carl Schmitt und anderen Denkern Ihres Lagers zu beschäftigen. Wunderbar auch das (semi)fiktionale Werk: Die Staatsräte.
Für mich persönlich sind mit Jürgen Habermas und Helmut Lethen die zwei bedeutendsten Denker der letzten ca. 40 Jahre verstorben.
In tiefem Respekt,
Siebo M. H. Janssen

HenriG

17. August 2026 14:36

Herzliches Beileid und Gottes Segen für Frau Sommerfeld und Ihre Lieben in dieser für Sie schweren Zeit...

H. M. Richter

17. August 2026 20:39

Lindgrün ist ein relativ junges Wort. Noch bei Goethe, überschaue ich es recht, findet es sich nicht ein einziges Mal. Wohl auch nicht bei Eichendorff, wenngleich bei ihm so viel von Grün als Farbe des Lebens die Rede ist. So auch hier:
 
Lust'ge Vögel in dem Wald,Singt, solang es grün,Ach wer weiß, wie bald, wie baldAlles muß verblühn!
 
Sah ich's doch vom Berge einstGlänzen überall,Wußte kaum, warum du weinst,Fromme Nachtigall.
 
Und kaum ging ich über Land,Frisch durch Lust und NotWandelt' alles, und ich standMüd im Abendrot.
 
Und die Lüfte wehen kalt,Übers falbe Grün,Vöglein, euer Abschied hallt –Könnt ich mit euch ziehn!
***************************
 
Caroline Sommerfeld, den Kindern und der gesamten lethen'schen Familie wünsche ich Kraft und Trost in diesen Stunden.

Marc

17. August 2026 23:24

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.
Liebe Caroline: Herzliches Beileid!

Ein gebuertiger Hesse

18. August 2026 10:52

"Lindgrün" ist nicht nur ein tolles Wort, sondern hat, wie es sich gehört, auch ein entsprechendes Objekt. Die dt. Sprache lügt kaum je an dieser Stelle des Bezugs. Das Linde, das Knospende taugt ins Frühjahr. Jetzt, zum Spätsommer hin, haben wir die "Krautsuppe", das täglich dunkler werdende Grün, das uns in den Herbst führt. (Ich meine das nicht übertragen.) Die Kälte wird kommen. Und dann etwas Neues, etwas Neues, etwas dann wieder Frühjahrs- wie Herbst-Bedingte. So ist es offenbar auf dieser Welt, in die wir hineingeboren sind. Und warum sollte das falsch sein?

Ein gebuertiger Hesse

18. August 2026 12:35

Und nochmal zu der Farbe. Diese hier. Und hier.
Und alles weitere geht, oder, CS, was meinen Sie, in diese Richtung.
 
 

ofeliaa

18. August 2026 14:05

Bei jeder Blume am Wegerand, jedem Schmetterling und Vogel, der Sie besuchen wird, werden Sie wissen, dass dies ein Zeichen ist. Denn so kommunizieren die Seelen aus dem Jenseits mit uns und sind niemals ganz verschwunden. Energie kann nicht sterben, sie kann sich nur transformieren und das tut sie immer wieder in den wunderschönsten Weisen. 

Majestyk

18. August 2026 16:19

Mein aufrichtiges Beileid an Caroline Sommerfeld-Lethen und an die Familie.

links ist wo der daumen rechts ist

19. August 2026 07:53

Vielen Dank für diesen schönen Nachruf. Aber genügen Worte, um einen aussergewöhnlichen Menschen zu beschreiben? "Nichts ist noch gesagt" lautet ein geheimnisvoller Satz von Friedrich Schlegel, über den Werner Hamacher einen grandiosen Aufsatz geschrieben hat. Bleibt also "das Wenige des Nichts", das aus dem Testraum der Erfahrungen in den Testraum der Erinnerungen tritt (um eine meiner unzähligen Lieblingspassagen aus den "Verhaltenslehren" zu paraphrasieren)? Bleiben die kleinen Gesten, an die wir uns erinnern und die - in meinem Fall - ausschließlich ein Lächeln hervorrufen, mild zwar, aber beglückend. Mild wie dieses "Lindgrün". Eine Beobachtung, die ihm gefallen hätte, wie er auch Ihren Vergleich mit Gianni Vattimos "schwachem Denken" verblüffend zutreffend fand; er hat sich auch für diese Entdeckung in Ihrem Blog bedankt, mit seinem bescheidenen Kürzel HL. Und wieder muss ich lächeln. Das Lindgrüne. Den Druckfehler "Verhaltenslehre" auf dem Buchrücken nahm er hin wie einen verzeihbaren Ulk von Kindern. Und natürlich haben wir - zu dritt - auch gewitzelt, in welch farblicher Nachbarschaft der "edition suhrkamp" er sich damit befand. Mir fiel spontan Haverkamps "Paradoxe Metapher" ein; eine vielleicht zutreffende Nähe. ff

links ist wo der daumen rechts ist

19. August 2026 08:25

Wie er auch einen Hang zum Nichteindeutigen hatte, etwa die unheimlichen Verdopplungen im Benn-Buch, oder wieviele Schneisen hatte ich durch die "Verhaltenslehren" geschlagen, ehe sie wieder zuwucherten. Für viele "abwegige" Lesarten war er auch dankbar, das war auch der Grund, dass wir uns kennenlernten. Ich werde nie vergessen, wie er - den Vortrag eines Kollegen über Manes Sperber moderierend - alle Tische in der Germanistikbibliothek umrundend regelrecht auf mich zustürzte, nachdem ich ein paar Minuten lang einiges zu seinem Werk gesagt hatte, um mich nach meiner Adresse zu fragen. Ein halbes Jahr später durfte ich mich zur nicht so kleinen, aber exklusiven Gemeinschaft seiner Mitleser, Zuträger und manchmal Ideengeber zählen. Und auch das habe ich bewundert: der souverän-sanfte und geduldige Umgang mit seinen "Fans", keine Allüren, getreu seiner Lebenseinsicht: wir sind alle Geschöpfe Gottes. Auch diesem Grund hatte ich ihn einmal den "Eric Rohmer der Kulturwissenschaften" bezeichnet. "Das grüne Leuchten", das "Lindgrüne", vielleicht auch das "Flimmern und Flirren der Birkenblätter im Sommerwind", das nach Ivan Ivanji immer auch Zeugnis ablegt. ff

Dieter Rose

19. August 2026 08:40

Liebevoll. Berührt.                                                  In Gedenken an die starke Frau mit ihren Kindern!

links ist wo der daumen rechts ist

19. August 2026 08:54

"Nichts ist noch gesagt". Vieles hätte ich gern noch gefragt, zu seinem neuen Buch, zu entlegenen Arbeiten über Sebald oder Kempowski. Und dabei staune ich immer wieder, wieviel Texte es von ihm an entlegenen Orten gibt. Kurz vor der Leipziger Preisverleihung wurde nach einer Lesung in der Galerie "Westlicht" einmal im kleinen Kreis im Beisein seines damaligen Lektors die Idee ventiliert, doch seine verstreuten Texte in ein oder zwei Sammelbänden zu veröffentlichen, sozusagen als Nachfolgebände zu den "Unheimlichen Nachbarschaften". Es kam nicht dazu, wie auch eine gelante Festschrift zu seinem 80. Geburtstag trotz einiger Vorarbeiten nie das Licht der Welt erblickte. Versäumnisse? Er sprach ja auch immer wieder erstaunt oder amüsiert davon, dass er eigentlich keine Schüler im engeren Sinne habe. Sehr vieles schlummert auch noch in seinen alten Seminarunterlagen, zwei übermannshohen Stapeln an Mappen, die er mir bereitwillig überließ, ein wahrer Schatz und ein ungemeiner Treuebeweis. Für sein aktuelles Buch hatte ich ihm daraus nochmals Unterlagen zukommen lassen... ff

links ist wo der daumen rechts ist

19. August 2026 09:52

"Nichts ist noch gesagt." Das Lindgrüne. Das Verhangene, das Verwunschene. Helmuts Stimme. Als jemand, der in den 70ern mit Märchenplatten aufgewachsen ist, hatte Helmut für mich immer die perfekte Erzählstimme. Das und die Abbildungen eines Janusz Grabianski waren für mich prägend; "Was uns prägt" war ein von mir genanntes mögliches Buchprojekt. Aber all seine Bücher, die nach dem "Handorakel" in seinem Hausverlag erschienen, hatten einen heimlichen Titel: "Nichts dahinter". Seine Stimme, sein unverwechselbarer Gang (seit ich ihn kennengelernt habe immer leicht nach vorn gebeugt und etwas zu schnell). In manchem glich sein Wesen dem eines Bären, immer etwas tapsig etwa beim Zubereiten des Tees. Das Lindgrüne, das Verhangene, das Verwunschene; Textstellen, die wieder zuwuchern. Im Märchen "Das Nusszweiglein" kommt ein Bär vor, böse fordernd, ehe er am Ende zu einem Prinzen wird. Unterlegt war das ganze auf der Märchen-LP von den berühmten Takten aus der Ouvertüre von Mendelssohn Bartholdys "Sommernachtstraum". Das Gefährliche und Verwunschene neben dem Heiteren und Beschwingten. So lässt sich auch in das Textuniversum Lethens eintauchen mit all seinen "gefährlichen" Denkern. ff

links ist wo der daumen rechts ist

19. August 2026 10:15

"Nicht ist noch gesagt". Zuviel gesprochen. Aber dieses "Wenige des Nichts" lässt viel Platz, für die Austauschsphären, die Round-Table-Atmosphäre der Parlando-Gedichte des späten Benn, wie Du sie so großartig beschrieben hat.
Einen kleinen Einwand zu Ihrem schönen Text: ob seine letzte Lebensstation heiter und mannhaft war, wage ich etwas zu bezweifeln. "Der Ackermann aus Böhmen" ist ein Text. Es war vor allem der Kampf gegen den Schmerz (über dessen Ausdruck und Begriff er so viel nachgedacht hatte), der mit umso stärkeren Schmerzmitteln bekämpft werden musste. Und es war für alle im engsten Familienkreis eine unvorstellbares Maß an Zuwendung nötig.
Lieber Helmut, ich danke Dir für alles. Vielleicht darf ich mich doch auch als Deinen Schüler bezeichnen, es gereichte mir zur Ehre.
Dir, liebe Caroline, Euren lieben Söhnen, stillen, edlen Naturen, und der ganzen Familie auch auf diesem Wege nochmals meine tiefe Anteilnahme.

Der Gehenkte

19. August 2026 12:44

@links ist wo der daumen rechts ist
Wir haben zu danken für diesen Einblick!
Er hatte Sie einmal als denjenigen bezeichnet, der sein Werk besser kenne als er selbst. Und Sie stellen es ja mit Ihren Zeilen unter Beweis.
Über den Ackermann haben wir übrigens auch gesprochen.
Sie sollten all das wirklich zu Papier bringen, auch das eigene!

Hedda

19. August 2026 16:47

Mir fehlen im Moment die Worte. Ich möchte von ganzem Herzen mein Beileid übermitteln. Ich wünsche viel Kraft für die nächste Zeit. Vor allem für die und in der Begleitung der Kinder. Gut zu wissen, dass Frau Sommerfeld nicht allein steht, wenn den Schmerz des Abschieds auch niemand teilen kann. 

Maiordomus

19. August 2026 20:48

Schliesse mich nach längerer Abwesenheit den Beileidswünschen zumal an Frau Sommerfeld an und die Familie an. Beide waren und bleiben Bestandteil des deutschen Geisteslebens unbeschadet von klischeebelasteten öffentlichen Urteilen. RIP H.L.   

Maiordomus

20. August 2026 21:43

@links, wo der Daumen rechts ist. Sie nennen Manes Sperber und Sebald, die ich beide noch lebend kennenlernen durfte, den einen gar als Co-Referent. Und erst das Handorakel, ein Lieblingsbuch Kaltenbrunners. Irgendwie kommt es einem doch sehr "quer" vor, nicht "queer",  dass Ihr Freund, wenn er dies gewesen sein sollte, irgendwann in früher Zeit als "Maoist" verstanden sein wollte. Und Sie und er hier auf dieser Seite sich wieder begegnen sollten, der eine des anderen gedenkend. Hätte es ohne die Frau Sommerfeld so mutmasslich aber nicht gegeben. Merk-würdige Gestalten finden sich auf dieser Seite ein. Den Beobachtern vom VS könnte es diesbezüglich noch fast schwindelig werden.  

links ist wo der daumen rechts ist

21. August 2026 13:01

@ Maiordomus
Dass Sie Manes Sperber und W.G. Sebald noch "lebend kennengelernt" haben, wundert mich nicht; wen haben Sie nicht alles auf diese Weise kennengelernt?
Ob der VS mitliest? Jomei, sollen sie ruhig intellektuell gefordert werden oder bei Unterforderung Mendelssohn Bartholdy für einen Rechtsextremen halten.
Politische Heimat habe ich keine, da bin ich ein Exilierter wie Jean Amery. "Rechts" bin ich, wenn es um Begriffe wie Herkunft, Heimat, Region, Sprache, Tradition, kulturelles Gedächtnis geht, da bin ich zweifellos ein "Somewhere". Zum "Anywhere" werde ich in Ansätzen, wenn ich die, die diese Begriffe in ihrer Doppelmoral verhunzen, kritisiere. Mein "linkes" Minimalprogramm hingegen lautet: niemand soll aufgrund seiner Herkunft gegenüber einer natürlichen Begabung bevorzugt werden; Chancengleichheit durch Leistungswillen.
Den Rest hat Helmut Lethen in der Coda seiner "Staatsräte", den Ausführungen zu Klees "Zwitschermaschine" beschrieben.

links ist wo der daumen rechts ist

21. August 2026 13:45

@ Der Gehenkte
Dank für Ihren Zuspruch; das waren sinngemäß oft auch Helmuts Worte. Einig wurden wir uns nie. Hier mein Trotz, außerhalb einer wissenschaftlichen Absicherung nicht arbeiten zu wollen, wohlwissend, dass sich die knappen Zeitfenster einer angenehmen akademischen Karriere geschlossen hatten, dort meine Frage nach den Bedingungen einer Existenz als "Privatgelehrter; aber weder bringe ich Ihre eiserne Arbeitsdisziplin auf, noch zahlen im Notfall die Eltern die Stromrechnung (Namen nenne ich jetzt keinen), noch auch verfüge ich über das, was Maitre Weiss so gerne als Apanage bezeichnet... Wir hatten Gott sei Dank genügend andere Themen. Vor allem aber: bei seinem Sprachstil schimmert immer die Goldader durch, ich sammle hingegen die sprichwörtlichen Glasperlen am Wegrand. Aber wer weiß, bei der großen Abschiedsfeier nächste Woche trifft sich die akademische Elite, viele werden von weither anreisen; vielleicht ergeben sich doch noch Möglichkeiten, seinen Vorlass (von Nachlass weigere ich mich noch zu sprechen) unter guten Rahmenbedingungen aufzuarbeiten.
Heute wird Helmut im engsten Familienkreis zu Grabe getragen, am Abend ist eine Abschiedsmesse. Seien wir in Gedanken bei ihm und seiner Familie.

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