Institution und Subjektivität – Die Tragik Gehlens und der Marxisten

pdf der Druckfassung aus Sezession 4 / Januar 2004

von Reinhard Pitsch

Wenn es darum geht, die Rezeption Arnold Gehlens durch die „Linke“ darzustellen, ist es notwendig, eine Grenze zu ziehen und das Uninteressante vom Interessanten zu scheiden: Es soll hier nur die Rezeption beziehungsweise die Diskussion Gehlens durch die „Lukács-Schule“ vorgestellt werden. Daß die Schulmarxisten der DDR, getrieben von der Erfordernis der Popularität im 68er –Milieu, Gehlens NS-Vergangenheit demagogisch nutzten, daß die „Frankfurter Schule“, ungeachtet der angestrebten Nähe ihres Cheftheoretikers Adorno zum Nationalsozialismus („unbeschreiblich erbärmlich“ – Hannah Arendt an Jaspers), dieselbe Demagogie betrieb, kann hier nur am Rande vermerkt werden. Im Wesentlichen also geht es um die Gehlen-Rezeption durch Lukács, Kofler und Harich.

 Gastbeitrag

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Georg Lukács (1885 – 1971), der wohl bedeu­tends­te mar­xis­ti­sche Phi­lo­soph des 20. Jahr­hun­derts, Jugend­freund von Paul Ernst, war mit sei­ner Theo­rie des Romans früh her­vor­ge­tre­ten. 1918 zum Mar­xis­mus kon­ver­tiert, 1923 Autor von Geschich­te und Klas­sen­be­wußt­sein, Ästhe­ti­ker und Phi­lo­soph des Mar­xis­mus, ist er vor allem durch sein Spät­werk wich­tig: die Ästhe­tik (1963) und die pos­tu­me Onto­lo­gie des gesell­schaft­li­chen Seins. Die bei­den letzt­ge­nann­ten Wer­ke waren als Grund­le­gung einer Ethik gedacht und sind dem Zeit­geist ent­ge­gen­lau­fen­de Fun­da­men­tal­wer­ke. Nach dem Ver­such, „die deut­sche Arbei­ter­be­we­gung“ mit Engels als die „Erbin der deut­schen klas­si­schen Phi­lo­so­phie“ – vor allem Hegels – zu iden­ti­fi­zie­ren (Geschich­te und Klas­sen­be­wußt­sein, 1923) und nach der Idee, den Irra­tio­na­lis­mus in der deut­schen Phi­lo­so­phie von Schel­ling bis Hei­deg­ger auf­zu­de­cken (Die Zer­stö­rung der Ver­nunft, 1954), ent­wikkel­te Lukacs in sei­nem Spät­werk schließ­lich das eige­ne Sys­tem: Onto­lo­gie und Ethik als Ergän­zung der Ästhetik.
Leo Kof­ler (1907 – 1995), „mar­xis­ti­scher Ein­zel­gän­ger“, so sei­ne Selbst­be­schrei­bung, beschäf­tig­te sich seit sei­ner Stu­di­en­zeit beim Aus­tromar­xis­ten Max Adler mit Anthro­po­lo­gie. Im Juli 1938 emi­grier­te er in die Schweiz, von wo er im Sep­tem­ber 1947 in die Sowje­ti­sche Besat­zungs­zo­ne über­sie­del­te und dort eine Lehr­tä­tig­keit an der Uni­ver­si­tät Hal­le auf­nahm. Im Zuge der Sta­li­ni­sie­rung von SED und DDR geriet Kof­ler mit sei­nem anti­bü­ro­kra­ti­schen Mar­xis­mus­ver­ständ­nis ab 1949 ins Kreuz­feu­er der Par­tei­in­stan­zen. Nach öffent­li­cher Kri­tik und demons­tra­ti­vem Aus­tritt aus der SED wur­de er Anfang 1950 beur­laubt und zum „ideo­lo­gi­schen Schäd­ling“ erklärt. Nach Berufs­ver­bot und Ver­haf­tungs­dro­hun­gen floh er Ende 1950 über West­ber­lin nach Köln. In den sech­zi­ger Jah­ren übte Kof­ler zuneh­men­de Kri­tik am „Mar­xo-Nihi­lis­mus“ der Frank­fur­ter Schu­le um Theo­dor W. Ador­no und Jür­gen Haber­mas. Ador­no ver­hin­der­te enga­giert eine Pro­fes­sur Kof­lers, der von 1972 bis 1991 eine Lehr­tä­tig­keit an der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum aus­üb­te. In der Arbeit Kof­lers erga­ben sich über den jahr­zehn­te­lang andau­ern­den Kon­takt zu Gün­ter Masch­ke auch Berüh­rungs­punk­te zum deut­schen Neokonservatismus.

Wolf­gang Harich (1923 – 1995) pro­mo­vier­te 1951 mit einer Arbeit über Johann Gott­fried Her­der, lehr­te im Anschluß an der Phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät Ber­lin bis 1956 das Fach Geschich­te der Phi­lo­so­phie und nahm zeit­wei­lig (1951–1954) eine Pro­fes­sur wahr. Zusam­men mit Arthur Baum­gar­ten, Ernst Bloch und Karl Schrö­ter rief er 1952 die Deut­sche Zeit­schrift für Phi­lo­so­phie ins Leben, deren Mit­her­aus­ge­ber und Chef­re­dak­teur er bis 1956 war. Ange­sichts der Situa­ti­on Deutsch­lands nach dem ver­lo­re­nen Krieg beton­te er, daß Natio­nen nicht will­kür­lich geteilt wer­den könn­ten. Harich wur­de am 29. Novem­ber 1956 – kurz nach dem Ungarn-Auf­stand – ver­haf­tet. Am 9. März 1957 ver­ur­teil­te ihn der Obers­te Gerichts­hof der DDR wegen „Bil­dung einer kon­spi­ra­ti­ven, staats­feind­li­chen Grup­pe“ zu zehn Jah­ren Zucht­haus. Er ver­büß­te bei Anrech­nung der Unter­su­chungs­haft mehr als acht Jah­re in Haft­an­stal­ten in Ber­lin und Baut­zen, davon sie­ben Jah­re in Ein­zel­haft. Harich, der sich immer und bis zu sei­nem Tode ein­deu­tig zum Mar­xis­mus bekann­te, blieb auch nach sei­ner Haft mit der Geschich­te der Phi­lo­so­phie befaßt, war um eine groß­an­ge­leg­te mar­xis­ti­sche Wür­di­gung Nico­lai Hart­manns bemüht, woll­te die Gedan­ken von Georg Lukacs wei­ter­füh­ren sowie ver­tei­di­gen und ver­öf­fent­lich­te 1987 einen vehe­men­ten Bei­trag gegen das Umsich­grei­fen der „Nietz­sche-Renais­sance“. 1991 erhielt Harich für ein Semes­ter einen Lehr­auf­trag an der Phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät der FU Ber­lin und grün­de­te im Okto­ber 1992 eine „Alter­na­ti­ve Enquete­kom­mis­si­on Deut­sche Zeit­ge­schich­te“ mit dem Ziel, die „falsch lau­fen­de“ Beschäf­ti­gung mit der DDR-Ver­gan­gen­heit zu kor­ri­gie­ren und so die „natio­na­le Aus­söh­nung“ zu fördern.
Neben den drei genann­ten kön­nen auch ande­re Den­ker, Peter Ludz etwa oder Wolf­gang Abend­roth, die­ser „Lukács-Schu­le“ zuge­rech­net wer­den. Sie alle zeich­net aus, daß ihnen bil­li­ger Kon­sens eben­so fern lag wie poli­ti­sche Kor­rekt­heit, mehr­heits­fä­hi­ger Anti­fa­schis­mus, Lob­preis von free­dom and demo­cra­cy oder gar Ame­ri­ka­nis­mus. Die vor­ur­teils­lo­se Unter­su­chung von Fak­ten, unab­hän­gig davon, ob sie zu den Sche­ma­ta oder zu den Wün­schen der „Ideo­lo­gie“ paß­ten, sowie ein soli­der Mate­ria­lis­mus, die Bevor­zu­gung des Sei­en­den gegen­über dem Gewünsch­ten, dem Sein-Sol­len­den, der Uto­pie – sind ihre dif­fe­ren­tiae spe­ci­fi­cae gegen­über der ethisch, kul­tu­rell und intel­lek­tu­ell ent­grenz­ten Mafia des „Fort­schritts“. Stets auf das „Erbe“ bedacht, Homer, Dan­te, Goe­the gegen­über Proust, Kaf­ka und Joy­ce ver­tei­di­gend, muß­ten sie nicht nur gesamt­ge­sell­schaft­lich, son­dern auch inner­halb des Mar­xis­mus anecken. Es ist kein Zufall, daß Arnold Geh­len ihr bevor­zug­ter Wider­part war – und das Ver­hält­nis war kei­nes­wegs einseitig.
Wolf­gang Harich hat die Geh­len-Rezep­ti­on der Lukács-Schu­le initi­iert. Wäh­rend sei­ner Gast­hö­rer­zeit bis 1942 an der Uni­ver­si­tät Ber­lin bei Nico­lai Hart­mann wur­de er mit all des­sen Schrif­ten bekannt, somit auch mit der 1941 in den Blät­tern für deut­sche Phi­lo­so­phie erschie­ne­nen posi­ti­ven Rezen­si­on von Der Mensch. Er wies sei­nen Leh­rer Georg Lukács auf Geh­len hin. Bereits in sei­nem zwei­ten Brief an Lukács vom 20. Sep­tem­ber 1952 kün­dig­te er die Über­sen­dung einer eigens für die­sen ange­fer­tig­ten, 15 Schreib­ma­chi­nen­sei­ten umfas­sen­den Infor­ma­ti­on über Geh­lens Mensch an. „Nach mei­ner Mei­nung ist die­ses Buch die bei wei­tem talent­volls­te Leis­tung, die ein bür­ger­li­cher Phi­lo­soph in unse­rer Zeit voll­bracht hat. Merk­wür­di­ger­wei­se war Geh­len (der sich in letz­ter Zeit uns nähert und sich seit Kriegs­en­de sehr ehren­haft ver­hält) seit den Wei­ma­rer Tagen poli­tisch ein stram­mer Nazi – aus fehl­ge­lei­te­ter Aver­si­on gegen bür­ger­li­che Demo­kra­tie und Libe­ra­lis­mus, mach­te aber in sei­ner Phi­lo­so­phie wie­der­um vom Nazi­tum kaum Gebrauch.“

Gera­de im Zusam­men­hang mit dem soeben voll­ende­ten „Irra­tio­na­lis­mus-Buch“, der Zer­stö­rung der Ver­nunft, sei Geh­lens Leis­tung für Lukács inter­es­sant: „Denn hier haben wir ein Bei­spiel dafür, daß man an die von den Irra­tio­na­lis­ten so ver­him­mel­ten Instink­te auch ganz anders her­an­ge­hen kann. Geh­len zeigt näm­lich, daß unse­re Instinkt­schwä­che Resul­tat und Vor­aus­set­zung alles eigent­lich Mensch­li­chen, vor allem der Hand­lung ist, die die zen­tra­le Kate­go­rie sei­nes anthro­po­lo­gi­schen Ansat­zes dar­stellt.“ Bereits am 13. Okto­ber des­sel­ben Jah­res erfolg­te die vor­erst zurück­hal­ten­de Ant­wort: „Ich wer­de selbst­ver­ständ­lich ihren Bericht über das Buch von Geh­len mit Inter­es­se lesen. Da ich aber sehr beschäf­tigt bin, glau­be ich nicht, daß ich jetzt Zeit haben wer­de, das Buch selbst durchzunehmen.“
Den­noch blieb Harich „läs­tig“ und insis­tier­te am 24. Okto­ber, er wür­de ein Exem­plar über­sen­den. „Wenn Sie Ihr Vor­ha­ben, eine Ethik zu schrei­ben, ver­wirk­li­chen wer­den, wird Ihnen das dar­in ent­hal­te­ne For­schungs­ma­te­ri­al über die Zusam­men­hän­ge Arbeit-Pra­xis-Hand­lung-Moti­va­ti­on des Han­delns und so wei­ter sicher nütz­lich sein. Denn – nicht wahr? – bei der blo­ßen Beteue­rung, daß Men­schen ‘zwei­fel­los Han­deln­de´ sind, kann man es doch nicht bewen­den las­sen. Da ist doch auch auf sei­ten des Sub­jekts eine Men­ge ethisch Qua­li­fi­zier­ba­res mit­ge­setzt.“ Die Nähe der Zen­tral­ka­te­go­rie der Geh­len­schen Anthro­po­lo­gie, „Hand­lung“, zur mar­xis­ti­schen Zen­tral­ka­te­go­rie „Arbeit“ wird nun nicht bloß von Harich behaup­tet. Ein hal­bes Jahr vor der Kor­re­spon­denz mit Lukács bestä­tig­te Geh­len in einem Brief an Harich vom 13. März 1952 aus­drück­lich die­se Nähe: „Hier sehen Sie nun, wie nahe ich inhalt­lich einer The­se von Ihnen kom­me, denn gefragt, was ‚Hand­lung‘ sei, habe ich oft geant­wor­tet: Arbeit.“
Es gelang Harich, Lukács‘ Inter­es­se zu wecken: „Daß Sie mir das Buch von Geh­len schi­cken, ist mir sehr ange­nehm; bei der Arbeit an der Ästhe­tik wer­de ich es sicher lesen“, schreibt er am 18. Novem­ber 1952. Und tat­säch­lich fin­det sich in sei­ner Biblio­thek der Mensch, in vier­ter Auf­la­ge, neben den Erst­aus­ga­ben von Urmensch und Spät­kul­tur, Anthro­po­lo­gi­sche For­schung und Stu­di­en zur Anthro­po­lo­gie und Sozio­lo­gie.
Schein­bar unab­hän­gig von all dem ver­faß­te Leo Kof­ler in Schmol­lers Jahr­buch 1958 einen pro­gram­ma­tisch beti­tel­ten Auf­satz über Das Prin­zip der Arbeit in der Marx­schen und in der Geh­len­schen Anthro­po­lo­gie. Tat­säch­lich liegt die Ver­mu­tung nahe, daß der als „ideo­lo­gi­scher Schäd­ling“ ent­tarn­te Inha­ber des Leip­zi­ger Lehr­stuhls für His­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus, der Anfang der fünf­zi­ger Jah­re in die BRD gehen muß­te, bereits in der DDR von Harich, dem Jung­star der Ber­li­ner Phi­lo­so­phen­sze­ne, auf Geh­len auf­merk­sam gemacht wur­de. Kof­ler ver­such­te haupt­säch­lich, den in der west­deut­schen Sozio­lo­gie dis­kre­di­tier­ten Arbeits­be­griff unter Beru­fung auf die – damals frei­lich kaum gege­be­ne – Auto­ri­tät Geh­lens zur Gel­tung zu brin­gen. Die­ser defi­niert, der Mensch „bewäl­tigt tätig die Wirk­lich­keit um ihn her­um, indem er sie ins Lebens­dien­li­che ver­än­dert“. Kof­ler hob her­vor, daß Geh­len die den gesam­ten deut­schen Kon­ser­va­tis­mus prä­gen­de Ent­ge­gen­stel­lung von Kul­tur und Zivi­li­sa­ti­on ablehne.

An die­ser Stel­le sind wei­te­re Aus­füh­run­gen Geh­lens aus dem oben genan­nen Brief auf­schluß­reich: „Was Sie nun zur Arbeit … sagen: Kul­tur­mi­lieu als die Zucht­wahl aus­schal­tend, Arbeit als Grup­pen­er­schei­nung, Arbeit als teleo­lo­gi­sche Struk­tur und Wil­len, als Aske­se impli­zie­rend und als Vehi­kel zur Ein­sicht in Natur­ge­set­ze (zu die­sem letz­ten Punkt habe ich gefun­den, daß dabei zur Arbeit noch die Kate­go­rie Spiel dazu­tre­ten muß) – das alles gefällt mir gut und ich könn­te mich da weit­ge­hend mit Ihnen eini­gen, eini­ge Kor­rek­tu­ren vor­be­hal­ten (Arbeit ist näm­lich auch ein­sa­mer Pro­zeß des Erfindens).“
Gera­de der von Nico­lai Hart­mann kom­men­de Begriff der teleo­lo­gi­schen Set­zung, daß also jed­we­de Hand­lung ihr Ziel, télos, zuerst ins Auge faßt, sodann in „rück­läu­fi­ger Ana­ly­se“ die ein­zel­nen Etap­pen der not­wen­di­gen Errei­chung ana­ly­siert und zuletzt in gerad­läu­fi­ger Anwen­dung der Kau­sal­ge­set­ze in der rea­len Welt „rea­li­siert“, den Geh­len hier „weit­ge­hend“ akzep­tiert, ist in der Lukács’schen Arbeit­son­to­lo­gie zentral.
Und tat­säch­lich griff Lukács in sei­ner gro­ßen Ästhe­tik von 1963 oft auf Geh­lens Mensch zurück. „So sagt Geh­len…“, „Geh­len bemerkt rich­tig…“, „gibt Geh­len nun her­vor­ra­gen­de und außer­or­dent­lich frucht­ba­re Beob­ach­tun­gen und Beschrei­bun­gen…“: Dies sind oft zu fin­den­de For­mu­lie­run­gen, unab­hän­gig vom stets gese­he­nen „idea­lis­ti­schen“ Fun­da­ment Geh­lens. Bloß in der Fra­ge des Über­gangs von der „magi­schen Peri­ode“ zur dif­fe­ren­zier­te­ren Reli­gio­si­tät in Acker­bau- und Vieh­zucht­kul­tu­ren, dis­ku­tiert anläß­lich der stein­zeit­li­chen Höh­len­ma­le­rei, wird die Rede von der „Meta­phy­sik der Magie“ schroff kri­ti­siert: mit Kate­go­rien der „Meta­phy­sik“, Bewußt­s­eins­ka­te­go­rien also, sei der Über­gang von „pri­mi­ti­ven“ Pro­duk­ti­ons­wei­sen zu kom­ple­xe­ren eben­so­we­nig zu erklä­ren wie die damit ver­bun­de­nen, mar­xis­tisch: davon beding­ten, Ände­run­gen gesell­schaft­li­cher Struk­tu­ren. Dies sei eine Kon­se­quenz von Geh­lens „ver­zwei­fel­tem roman­ti­schen Antikapitalismus“.
Geh­len inter­es­sier­te sich stets für Lukács Auf­fas­sun­gen; öfter schreibt er von der „Zer­stö­rung der Ver­nünf­tig­keit“, ein kennt­li­ches indi­rek­tes Zitat von Lukács‘ all­ge­mein ange­fein­de­ter Zer­stö­rung der Ver­nunft, wobei er sicht­lich der Dia­gno­se des Ungarn im Wesent­li­chen zustimmt. Lukács sei­ner­seits hat Geh­len für einen der ganz weni­gen nicht irra­tio­na­lis­ti­schen Ver­tre­ter des ihm aus sei­ner Jugend so wohl­ver­trau­ten „roman­ti­schen“, also bür­ger­li­chen Anti­ka­pi­ta­lis­mus gehalten.
Unab­hän­gig davon hat sich Peter Ludz, in den sech­zi­ger Jah­ren nach Wolf­gang Harich Lek­tor und Her­aus­ge­ber von Lukács, 1962 mit dem Ver­hält­nis von Geh­len zum Mar­xis­mus befaßt. „His­to­risch hat Geh­len ja gleich­sam jene Sei­te des Hegel­schen Den­kens wie­der auf­ge­nom­men, gegen die Feu­er­bach, die Jung­he­ge­lia­ner und Marx sich so erbit­tert gewen­det hat­ten: den objek­ti­ven Geist…Gehlens Leh­re von den Insti­tu­tio­nen ist des­halb auch aus der his­to­ri­schen Tra­di­ti­on des mar­xis­ti­schen Den­kens her­aus für das Ver­ständ­nis einer im Aus­bau begrif­fe­nen bol­sche­wis­ti­schen Gesell­schafts­ord­nung von Belang.“ Insti­tu­ti­on sei für die „Pro­ble­ma­tik“, mar­xis­tisch: Dia­lek­tik, von Spon­ta­nei­tät und Orga­ni­sa­ti­on wesent­lich. „Die Tra­gik, die in der nicht ver­söhn­ten (viel­leicht nicht zu ver­söh­nen­den) Span­nung von ‚Sub­jek­ti­vi­tät‘ und ‚Insti­tu­ti­on‘ liegt, trifft die Mar­xis­ten wie Gehlen.“

Weder Geh­len noch Lukács nah­men die in den sieb­zi­ger Jah­ren auf­kom­men­de öko­lo­gi­sche Fra­ge bewußt auf – nur Harich sah sich ver­an­laßt, 1975 in Kom­mu­nis­mus ohne Wachs­tum den Marx’schen Kom­mu­nis­mus­be­griff (Jeder nach sei­nen Fähig­kei­ten, jedem nach sei­nen Bedürf­nis­sen) als falsch zu kri­ti­sie­ren. Mensch­li­che Bedürf­nis­se sei­en als sol­che unend­lich, die Res­sour­cen end­lich. Statt „Über­fluß­ge­sell­schaft“ wäre also eine – wie immer – gerech­te Ver­tei­lungs­ge­sell­schaft anzu­stre­ben, die frei­lich auch anti­so­zia­le und ande­re Bedürf­nis­se rigo­ros zu unter­drü­cken hät­te: wachs­tums­lo­ser, homöo­sta­ti­scher Kom­mu­nis­mus. Die Empö­rung war all­ge­mein, noch dazu berief sich Harich auf Geh­len, damals in der gesam­ten poli­tisch noch nicht so kor­rek­ten Lin­ken einer der erklär­ten Haupt­fein­de: „Ohne Geh­lens Befun­de hin­gen die Marx­schen Erkennt­nis­se, die Erzeu­gung des Bedürf­nis­ses durch die gesell­schaft­li­che Pro­duk­ti­on betref­fend, nach der bio­lo­gi­schen und psy­cho­lo­gi­schen Sei­te hin in der Luft, wären uner­klär­lich.“ Wie­weit die­ser homöo­sta­ti­sche Kom­mu­nis­mus als – muta­tis mutan­dis – mar­xis­ti­sches „Ende der Geschich­te“ mit Geh­len­schen Befun­den über Kris­tal­li­sa­ti­on und post-his­toire sich trifft, dies zu unter­su­chen, ist Desi­de­rat nicht nur mar­xis­ti­scher Theo­rie. Doch ist letzt­lich nur die Lukács-Schu­le mar­xis­tisch genug, um mit­nich­ten an zwang­haf­ten Fort­schritt zu glau­ben, son­dern stets die im Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest genann­te Mög­lich­keit des gemein­sa­men Unter­gangs der kämp­fen­den Haupt­klas­sen ins Auge zu fassen.
Nicht so die Pseu­do-Lin­ke: Die Arbeit sei ein jahr­tau­sen­de­al­ter Denk­feh­ler, mit „Zorn und Ekel“ müs­se man sich „vom geis­ti­gen Gesamt­müll des Abend­lands“ abwen­den, Hoff­nung ver­mitt­le ein­zig die Per­spek­ti­ve eines „glo­ba­len Kib­buz“ – so einer ihrer popu­lärs­ten Theo­re­ti­ker, Robert Kurz. Noch popu­lä­rer, glo­bal erfolg­reich ist Toni Negri; in sei­nem Best­sel­ler Empi­re wird unter der Bedin­gung, daß „die Schran­ken nie­der­ge­ris­sen wer­den, die wir zwi­schen Mensch, Tier und Maschi­ne errich­tet haben“, die aus die­sen Ele­men­ten bestehen­de „theur­gi­sche Men­ge“ den Kom­mu­nis­mus herbeiführen.
Geh­len – und mit ihm Lukács – wür­de das als „Maul­bur­schen­tum“ bezeich­nen. Ernst­haft hin­ge­gen wäre die Fra­ge zu stel­len, wie weit die Auf­lö­sung der Insti­tu­tio­nen (Geh­len) bezie­hungs­wei­se die „Zer­stö­rung der Ver­nunft“ (Lukács) gesamt­ge­sell­schaft­lich vor­an­ge­schrit­ten ist.

Insti­tu­tio­nen – im Geh­len­schen Sinn – gehö­ren onto­lo­gisch der Sphä­re des objek­ti­ven Geis­tes an, der, wie Nico­lai Hart­mann tro­cken defi­nier­te, Indi­vi­dua­li­tät, nicht jedoch Bewußt­sein hat. Eli­ten sind ent­we­der die Vor­kämp­fer ihrer Insti­tu­tio­nen – oder die ande­rer, sei­en die­se räum­lich anders­wo oder aber zeit­lich künf­ti­ge. Leo Kof­lers Befund über die herr­schen­de, also bür­ger­li­che, Eli­te der BRD als nihi­lis­tisch und deka­dent, war von Geh­lens Ein­schät­zung nicht weit ent­fernt. Aller­dings setz­te der unver­bes­ser­li­che Opti­mist Kof­ler dem eine „pro­gres­si­ve Eli­te“ ent­ge­gen, geprägt von all­ge­mein-mensch­li­chen Tugen­den wie huma­nis­ti­scher Bil­dung, Aske­se und Opfer­be­reit­schaft; rea­le Zah­len­ver­hält­nis­se konn­ten ihn dabei kaum irri­tie­ren. Kurz vor sei­nem Tod, um 1990, gab er jedoch in Gesprä­chen Geh­len recht und iso­lier­te sich in der Lin­ken durch dort als scho­ckie­rend emp­fun­de­ne Aus­sa­gen: nichts bedeu­te der Tod von eini­gen kon­sum­gie­ri­gen, US-Fähn­chen-schwin­gen­den, auf künf­ti­ge gute Jobs im „Gelob­ten Land“ schie­len­den Stu­den­ten am Platz des Himm­li­schen Frie­dens in Peking gegen­über den rea­len Bedürf­nis­sen eines Mil­li­ar­den­volks, das zumin­dest weit weni­ger hun­ge­re als das indi­sche. Außer­dem gäbe es nur eine zwin­gen­de Kon­se­quenz, wenn die Par­tei­pro­gram­me nicht mehr unter­scheid­bar sei­en, näm­lich die sofor­ti­ge ersatz­lo­se Strei­chung des all­ge­mei­nen Wahlrechts.
Mit die­ser Käl­te im ana­ly­ti­schen Blick ist Kof­ler ein enger Ver­wand­ter von Geh­len. Geh­len selbst hät­te sicher­lich die Vor­gän­ge um den 11. Sep­tem­ber 2001 und des­sen Fol­gen über sei­ne Insti­tu­tio­nen­leh­re inter­pre­tie­ren kön­nen. Geh­len hat immer das Ver­schwin­den krie­ge­ri­scher Tugen­den bei den neu­en Füh­rungs­eli­ten beklagt. Er hat damit die Füh­rungs­eli­ten des „alten Euro­pa“ gemeint. Und es wäre ihm nicht ent­gan­gen, daß sich andern­orts neue krie­ge­ri­sche Eli­ten bil­den. Die Insti­tu­tio­nen sind kei­nes­wegs „unglaub­wür­dig“ gewor­den, sie sind in Auf­lö­sung oder sogar schon auf­ge­löst. Ihre Ord­nungs­funk­tio­nen sind an nicht-legi­ti­mier­te und nicht­le­gi­ti­me, ja kaum lega­le „Ord­nungs­kräf­te“ über­ge­gan­gen. Die­se jedoch kön­nen nicht ent­las­ten. Dane­ben bestehen (eth­nisch und reli­gi­ös) mino­ri­tä­re Par­al­lel-Insti­tu­tio­nen, deren Ord­nungs­funk­tio­nen evi­dent sind, deren Ent­las­tungs­funk­tio­nen jedoch zumeist über­se­hen wer­den. Dies ist fatal.
Sozio­lo­gisch gese­hen: Die aus­füh­ren­den Ter­ro­ris­ten der RAF waren eben­so gebil­de­te upper midd­le­class-Söh­ne wie die der Al-Kai­da, die Pla­nungs­stä­be waren hier und sind dort zwei­te oder drit­te Söh­ne der upper class. Im Gegen­satz zur RAF haben die neu­en krie­ge­ri­schen Eli­ten kein bestimm­tes Kriegs­ziel. Wäh­rend ihr Insti­tu­tio­na­li­sie­rungs­grad bestän­dig wächst, nimmt der ihrer Geg­ner ab, was wie­der­um Per­spek­ti­ven auf ein doch nicht ereig­nis­lo­ses post-his­toire eröffnet.

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