Von der Natur des Schönen

pdf der Druckfassung aus Sezession 28 / Februar 2009

von Karlheinz Weißmann

Daß Schönheit im »Auge des Betrachters« liegt oder sich über Geschmack nicht streiten läßt, die eine wie die andere Behauptung wirkt auf den modernen Menschen wohlbegründet, fast wie eine Selbstverständlichkeit.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Jahr­tau­sen­de der ästhe­ti­schen Debat­te schei­nen erle­digt ange­sichts der Vor­stel­lung, daß alles und eben auch das Schö­ne rela­tiv ist, Kon­ven­ti­on und Kon­struk­ti­on. Es irri­tiert des­halb, wenn jemand über­haupt noch die Behaup­tung wagt, daß man Schön­heit objek­ti­vie­ren kann, daß es sich jeden­falls nicht um einen Zufall han­delt, soll­te das Gesicht eines Models nach und nach welt­weit auf allen Umschlä­gen von gro­ßen Illus­trier­ten abge­bil­det wer­den, und daß es nicht ein­fach Tricks der Wer­bung sind, wenn allen bestimm­te Kör­per­pro­por­tio­nen attrak­tiv erschei­nen, daß der Wider­stand des gemei­nen Man­nes gegen die abs­trak­te Male­rei eben­so begrün­det ist wie die über­ra­schen­de Ähn­lich­keit künst­le­ri­scher Kon­zep­te aus wei­t­ent­fern­ten Welt­ge­gen­den oder die Kon­ti­nui­tät bestimm­ter Moti­ve oder Gestal­tungs­wei­sen über die Zei­ten hinweg.

Der Ver­hal­tens­for­scher Ire­nä­us Eibl-Eibes­feldt und die Kunst­his­to­ri­ke­rin Chris­ta Süt­ter­lin haben sich zur Irri­ta­ti­on ent­schlos­sen. Sie legen in dem Band Welt­spra­che Kunst (Zur Natur- und Kunst­ge­schich­te bild­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on, Wien: Brand­stät­ter 2008. 542 S., 590 far­bi­ge und SW-Abbil­dun­gen, 39,90 €) nicht nur gro­ße Men­gen Mate­ri­als vor, um ihre The­se von der All­ge­mein­gül­tig­keit ästhe­ti­scher Kate­go­rien zu bele­gen, sie bie­ten außer­dem ein theo­re­ti­sches Kon­zept, mit des­sen Hil­fe sich ver­ste­hen läßt, war­um es künst­le­ri­sche Dar­stel­lun­gen gibt, die »wir alle und immer« ver­ste­hen und die wir alle schön fin­den. Die Ursa­che läßt sich ihrer Mei­nung nach mit Hil­fe einer »Etho­lo­gie uni­ver­sel­ler künst­le­ri­scher Moti­ve« auf­wei­sen, die eine Grund­fä­hig­keit zum künst­le­ri­schen Aus­druck annimmt und ein Sys­tem ästhe­ti­scher Grund­for­men iden­ti­fi­ziert, das von immer wie­der­keh­ren­den Regeln – etwa der Prä­fe­renz für Sym­me­trie oder Rhyth­mus – bestimmt wird.
Was den ers­ten Punkt betrifft, so ver­weist Eibl-Eibes­feldt nicht nur auf Vor­for­men der Kunst bei Men­schen­af­fen, son­dern auch auf deren Begrenzt­heit, inso­fern ein Schim­pan­se zwar Far­be und Pin­sel gebraucht – die ihm der Mensch zur Ver­fü­gung stellt –, aber doch nur, um bun­te Kleck­se zu erzeu­gen, ohne die dem Pri­mi­ti­ven wie dem Kind nahe­lie­gen­de Nei­gung zu abs­trak­ten Kon­zep­ten (etwa »Strich­männ­chen «). Damit ist schon die Ver­bin­dung her­ge­stellt zu dem zwei­ten Aspekt, den die bei­den Autoren mit der Natur des Men­schen erklä­ren: eine bestimm­te Zahl »art­spe­zi­fi­scher Vor­ur­tei­le «, die schon in der Wahr­neh­mung selbst wirk­sa­men Prä­fe­ren­zen und eine früh aus­ge­präg­te »uni­ver­sa­le Gram­ma­tik mensch­li­chen Sozi­al­ver­hal­tens«, zu der auch der künst­le­ri­sche Aus­druck gehört.
Der Ansatz von Eibl-Eibes­feldt und Süt­ter­lin erklärt, war­um in die­sem Buch auf die übli­che kunst­ge­schicht­li­che Sys­te­ma­tik ver­zich­tet wird und man eine anti­ke Scha­le, das Orna­ment eines Hoch­see­boots aus Neu­gui­nea und ein Gemäl­de von Hun­dert­was­ser neben­ein­an­der­stellt, um die durch­gän­gi­ge Ähn­lich­keit in den Struk­tu­ren der Bil­der auf­zu­wei­sen. Die­ser Fixie­rung liegt nach Mei­nung der Autoren eine »per­zep­ti­ve Kon­stanz­leis­tung« unse­res Gehirns zugrun­de: der Abgleich zwi­schen einer bestimm­ten Men­ge opti­scher Grund­mus­ter mit dem, was uns vor­ge­führt wird, und die Befrie­di­gung, wenn eine Über­ein­stim­mung in bezug auf die »Gestalt« fest­ge­stellt wer­den kann. Eine Anschau­ung, die der »Evo­lu­tio­nä­ren Erkennt­nis­theo­rie« von Kon­rad Lorenz folgt, die die Mög­lich­keit eines Wis­sens a prio­ri pos­tu­liert, das uns nicht durch gött­li­che Ein­ga­be, son­dern »von Natur« zukommt. Damit wird nicht behaup­tet, daß alles Natür­li­che schön und alles Schö­ne natür­lich ist, auch nicht, daß die Ästhe­tik an Vor­ga­ben gebun­den wer­den kann, die sich direkt aus der Natur ablei­ten las­sen, denn die Kunst gehört selbst­ver­ständ­lich zur Kul­tur und unter­liegt inso­fern eige­nen Geset­zen, aber die Natur bleibt doch als Aus­gangs­vor­aus­set­zung ein­fluß­reich: für den Künst­ler, für das künst­le­ri­sche Schaf­fen und für die Wahr­neh­mung des Werks.

Das heißt für den vor­lie­gen­den Fall, daß die Bedeu­tung eines Bil­des nicht nur auf Über­ein­kunft und Erzie­hung beruht, son­dern auf einer vor­kul­tu­rel­len Basis, »Arche­ty­pen«, die in unser aller Gedächt­nis gespei­chert sind. Sol­che Urbil­der bestim­men auch unse­re Idee von schön oder unschön, bedeut­sam oder bedeu­tungs­los, und sie gehen zurück auf jene ele­men­ta­re Sym­bol­fä­hig­keit, die es dem Men­schen über­haupt gestat­tet, irgend etwas mit »Sinn« zu ver­knüp­fen. Eibl-Eibes­feldt sieht dar­in kein huma­nes Spe­zi­fi­kum – Sym­bol­ge­brauch gibt es auf gewis­se Wei­se auch im Tier­reich –, aber beim Men­schen kön­nen die phy­lo­ge­ne­ti­schen Ursprün­ge zurück­tre­ten, ent­ste­hen zahl­lo­se »vom Kör­per abge­lös­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­trä­ger« und bil­den sich im Zuge von Ritua­li­sie­run­gen Ver­hal­tens­mus­ter aus, die zusam­men mit der Viel­zahl von Aus­drucks­for­men unse­ren sozia­len Kos­mos struk­tu­rie­ren. Eibl-Eibes­feldt glaubt aller­dings gera­de nicht an des­sen Will­kür­lich­keit, an die Mög­lich­keit, voll­kom­men frei­er Set­zung. Alles bleibt – so unna­tür­lich es wir­ken mag – Teil eines natür­li­chen Prozesses.
Inso­fern ist es für die Autoren auch nicht schwer, die Diver­si­tät der künst­le­ri­schen Aus­drucks­for­men zu deu­ten, da es nach ihrer Mei­nung zur »Aus­stat­tung des homo sapi­ens« gehört, »daß er in die Viel­falt ten­diert und kul­tu­rell ver­sucht, sich zu unter­schei­den vom Nach­barn. Dar­um Stil, Geschich­te, Dia­lek­te und so wei­ter«. Die­se natür­li­che Ten­denz zur Kul­tur erklä­re wei­ter die regel­mä­ßi­ge Ver­knüp­fung des Ästhe­ti­schen mit dem Außer­äs­the­ti­schen, etwa des Kunst­werks mit poli­ti­schen und reli­giö­sen Zwe­cken, dem Auf­weis von Über- und Unter­ord­nung, der Klä­rung von Zuge­hö­rig­keit und Nichtzugehörigkeit.
Ein ech­tes Pro­blem stellt für die­se Theo­rie eigent­lich nur die hoch­in­di­vi­dua­li­sier­te Kunst dar, die sich im euro­pä­isch-nord­ame­ri­ka­ni­schen Raum seit etwa hun­dert Jah­ren durch­ge­setzt hat. Eibl-Eibes­feldt weist aller­dings dar­auf hin, daß deren Her­vor­brin­gun­gen nie popu­lär gewor­den sind und aus­führ­li­cher Inter­pre­ta­ti­on bedür­fen, um über­haupt als Kunst ver­stan­den zu wer­den. Auch das kön­ne man unter Hin­weis auf die eigent­li­che Schlüs­sel­an­for­de­rung der Evo­lu­ti­on – die Anpas­sungs­leis­tung – inter­pre­tie­ren, aber die »Ästhe­tik des Häß­li­chen«, die in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit eta­bliert wur­de, habe doch Aspek­te, die man als sehr pro­ble­ma­tisch beur­tei­len müs­se, da sie in kei­ne Auf­fas­sung von der »Natur« des Schö­nen paßt: »Es ist inzwi­schen bekannt, daß die Stim­men der Abkehr von allem Schö­nen (und Ver­bind­li­chen) längst den Bör­sen­gang ange­tre­ten haben und von einem brei­ten Kunst­markt gestützt wer­den. (Damit ist die erwor­be­ne Auto­no­mie wie­der abge­ge­ben an neue Seil­schaf­ten sowie öko­no­mi­sche Inter­es­sen.) Nega­ti­on, die ein­mal einen auf­klä­re­ri­schen Anspruch der Ver­wei­ge­rung besaß, also eine Auf­ga­be und einen Geg­ner, ist zum Selbst­läu­fer gewor­den ohne wei­te­re Funk­ti­on als die, ein blo­ßes Label zu sein. Man wünscht der Schön­heit – nicht nur den Magi­ern und den Ismen – wie­der mehr Gemein­de in den Tem­peln der Kunst.«
Bezeich­nen­der­wei­se wird hier nicht von einer Dege­ne­ra­ti­on im bio­lo­gi­schen Sinn gespro­chen, son­dern von der Gefahr der Dehu­ma­ni­sie­rung. Denn das Schö­ne habe – bei aller Viel­ge­stal­tig­keit – doch eine ein­heit­li­che Wir­kung: das, was Eibl-Eibes­feldt und Süt­ter­lin mit dem alter­tüm­li­chen Begriff der »Exu­beranz« bezeich­nen, ein Emp­fin­den des Über­schwangs im Anblick des Wohl­ge­ra­te­nen und Sinn­vol­len. Das Schö­ne hebt für den Moment die Defi­zi­te und Wid­rig­kei­ten der Welt auf: »Schön­heit ›pazi­fi­ziert‹«. Wo sie fehlt, wird auch ein Man­gel an all­ge­mein erwünsch­ten Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­tens­wei­sen merk­bar: Muße, Gemein­sinn, Gespräch ver­schwin­den. Bezeich­nen­der­wei­se wer­den schö­ne Plät­ze in den gro­ßen Städ­ten sel­te­ner ver­schan­delt als häß­li­che oder rein funk­tio­na­le; sie sind auch sel­te­ner Ort von Zusam­men­rot­tun­gen oder Gewalttaten.
Es sei auf die­se Über­le­gun­gen der Autoren am Schluß hin­ge­wie­sen, weil gegen die Ver­hal­tens­for­schung immer wie­der der Vor­wurf laut wird, sie redu­zie­re den Men­schen auf sei­ne natur­haf­ten, tie­ri­schen Züge. Eher wird man an einem Buch wie dem von Eibl-Eibes­feldt und Süt­ter­lin able­sen kön­nen, wie weit heu­te eine inte­gra­ti­ve Anthro­po­lo­gie kom­men kann, die – ohne alles in allen Fäl­len zu klä­ren – Erkennt­nis­se der Natur- und der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten ernst­nimmt und in ein Modell zu über­füh­ren weiß.

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