Deutsche Täter, deutsche Opfer – Eine Antwort auf Martin Böcker

Wenn mir auch der Grundtenor von Martin Böckers polemischem Debüt auf Sezession im Netz sympathisch  ist, so ist mir doch unklar, wen genau er nun weswegen attackiert.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Vor allem scheint mir die Per­spek­ti­ve, von der er aus sei­ne Atta­cke rei­tet, kor­rek­tur­be­dürf­tig zu sein.

1. Begin­nen wir hier:

Die­se gan­ze Lar­moy­anz, das Wüh­len in Ernied­ri­gun­gen und Gebiets­ver­lus­ten, der per­ma­nen­te Selbst­be­weis der eige­nen Wun­den löst da doch eif­rig Wider­wil­len aus. Frei­lich gepaart mit Mit­leid, so sind es doch die geis­tig Ver­wand­ten, die da jam­mern und trinken.

Der Maso und der Sado sind nur zwei Sei­ten ein- und der­sel­ben Medail­le. “Das Wüh­len in Ernied­ri­gun­gen”, “der per­ma­nen­te Selbst­be­weis der eige­nen Wun­den”, das ist kei­ne fixe Idee eines mar­gi­na­li­sier­ten poli­ti­schen Lagers, son­dern nichts ande­res als die heu­ti­ge poli­ti­sche Leit­kul­tur Deutsch­lands, bis zur Selbst­par­odie voll­endet ver­kör­pert in der trü­ben und beschä­men­den Erschei­nung namens Ange­la Mer­kel. Es ist grund­ver­kehrt, die “Lar­moy­anz” in dem klei­nen Lager suchen zu wol­len, das etwa beharr­lich an “Ver­sailles, die Ver­trei­bung, Dres­den, die ‘Befrei­ung’ ” erin­nert, erin­nern muß, wenn die natio­nal­ma­so­chis­ti­sche Ver­lo­gen­heit, Geschichts­klit­te­rung und Unter­wür­fig­keit mal wie­der einen uner­träg­li­chen Grad erreicht hat.

2. Gegen den oft for­mu­lier­ten Vor­wurf der “Lar­moy­anz” an das kon­ser­va­ti­ve Lager bin ich all­mäh­lich all­er­gisch. Manch­mal reicht es schon aus, eine uner­quick­li­che Lage rea­lis­tisch und illu­si­ons­los beim Namen zu nen­nen, um ihn zu ern­ten. Er kommt mei­ner Erfah­rung nach beson­ders ger­ne von Gestal­ten (damit mei­ne ich natür­lich nicht Mar­tin Böcker), die den “Schuld­stolz” der­art ver­in­ner­licht haben, daß ihnen jeder ein Dorn im Auge ist, der sich noch nicht genug unter­wor­fen hat.  Mit einem “Stolz”, der einer gewis­sen Komik nicht ent­behrt, prä­sen­tie­ren sie ihren krum­men Rücken und die Affek­te ihrer Iden­ti­täts­stö­rung, und tre­ten nach denen, die auch nur einen Mucks machen, weil ihnen noch weh tut, wor­an sie selbst sich als gute Unter­wor­fe­ne schon längst gewöhnt haben. Der höh­ni­sche Vor­wurf des “Jam­mern” heißt dann unge­fähr soviel wie “Halt die Klap­pe, schluck run­ter und kriech!”

3. Die Täter/Op­fer-Dia­lek­tik ver­läuft in der häß­li­chen und unfai­ren Welt der Poli­tik genau ent­ge­gen­ge­setzt, als Böcker hier nahe­legt. Es sind nicht die­je­ni­gen, die sich zum Opfer sti­li­sie­ren, die sich auch “Opfer” (vgl. kreuz­ber­ge­risch “Du Opfa!”) auf die Stirn schrei­ben. Es sind viel­mehr die­je­ni­gen, die sich per­ma­nent als reu­mü­ti­ge “Täter” hin­stel­len und hin­stel­len las­sen, die sich zum “Opfer” machen.  Stän­dig an das selbst erlit­te­ne Unrecht zu erin­nern und aggres­siv die eige­nen Inter­es­sen zu ver­tre­ten, ist völ­ker­psy­cho­lo­gisch eins. Dar­über gibt jedes Geschichts­buch Aus­kunft.  Sich selbst, zu recht oder unrecht, als Opfer zu füh­len, gibt das gute Gewis­sen sowohl zur Selbst­ver­tei­di­gung als auch zum Angriff. Ein schlech­tes Gewis­sen dage­gen macht wehr­los.  Da wäre das Bei­spiel unse­res Nach­barn Polen,  da wäre aber vor allem der Staat Isra­el, des­sen bei­spiel­lo­ser Opfer­kult die Grund­la­ge sei­nes aggres­si­ven Täter­ver­hal­tens ist. Die­se Ver­ket­tung zeigt sich auch in der Kul­tur des Islam mit sei­ner Dia­lek­tik von Belei­digt­sein und Vergeltung.

Das wis­sen die “Bewäl­ti­ger” indes­sen genau:  die Ver­tu­schung, Ver­harm­lo­sung und Rela­ti­vie­rung der an Deut­schen began­ge­nen Kriegs­ver­bre­chen wird eben aus der Sor­ge begrün­det, dar­aus könn­ten “Revan­chis­mus” und “Natio­nal­stolz” erwach­sen – woge­gen die per­ma­nen­te Erin­ne­rung an “deut­sche Schuld” das Rück­grat und den Selbst­be­haup­tungs­wil­len (selbst auf der kleins­ten Ebe­ne, Stich­wort Inte­gra­ti­ons­po­li­tik) zuver­läs­sig gebro­chen hält.

4. Böcker schreibt:

Trotz die­ser gro­ßen Stür­ze hat sich das Volk in einem atem­be­rau­ben­den Tem­po erholt, fried­lich wie­der­ver­ei­nigt und ist schon lan­ge wie­der das mäch­tigs­te in Euro­pa. Denn Macht defi­niert sich ohne Zwei­fel über die Öko­no­mie und die Schlau­heit der Politischen.

Die Macht und Schlau­heit “der Poli­ti­schen”, im kon­kre­ten Fal­le also doch wohl der Mer­kels und Co, ist in der heu­ti­gen Lage kei­nes­wegs ein Indi­ka­tor für die Macht eines Vol­kes. Das ist nicht nur ein deut­sches Pro­blem. Auch die “Franz­män­ner” und “Angel­sach­sen” wer­den von Eli­ten regiert,  die wider die Inter­es­sen des eige­nen Vol­kes handeln.

Zwei­tens kann der öko­no­mi­sche Auf­stieg kein Grad­mes­ser sein, wie sehr sich ein Volk von einer Nie­der­la­ge  “erholt” hat. Eher läßt sich das an sei­ner Gebur­ten­ra­te und sei­nem Zukunfts­wil­len mes­sen.  Das ist ein wei­tes, erns­tes The­ma, für das hier nicht der Platz ist. Die Abgrün­de der See­le las­sen sich nicht mit Wohl­stand fül­len. Mach sie fett und impo­tent, soll Chur­chill gesagt haben. Das wur­de schon von scharf­sin­ni­gen Kri­ti­kern in der Restau­ra­ti­ons- und Wirt­schafts­wun­der-Peri­ode der Fünf­zi­ger Jah­re erkannt. 1968 war eine der Quit­tun­gen dafür.

Es ist aber genau die­ser Ver­lust der “See­le”, den Böcker zurecht an der Wur­zel des Pro­b­le­mes sieht. In den Wor­ten von Jean Ras­pail: “Ob es um Natio­nen, um Ras­sen und Kul­tu­ren oder um das Indi­vi­du­um geht, es ist immer die See­le, die die ent­schei­den­den Schlach­ten gewinnt.”

5. Böcker schreibt:

Daher grenzt es an Defä­tis­mus, schon jetzt den Bür­ger­krieg her­bei­zu­re­den, schon jetzt von der mit­tel­deut­schen Lösung zu träu­men oder sich in poli­tisch nicht durch­setz­ba­ren Plan­spie­len über die Abwan­de­rung von Aus­län­dern um Kopf und Kra­gen zu schreiben.

Es grenzt eher an Defä­tis­mus, vor dem Vor-Bür­ger­krieg die Augen zu ver­schlie­ßen und damit das “Si vis pacem, para bel­lum” zu ver­nach­läs­si­gen. Es wäre defi­ni­tiv Defä­tis­mus, nicht schon jetzt brauch­ba­re Abwan­de­rungs­plä­ne zu ent­wi­ckeln, solan­ge noch Zeit dafür ist. Was die “mit­tel­deut­sche Lösung” betrifft (gemeint ist wohl die ost­deut­sche), so ken­ne ich außer­halb des äußers­ten Lun­a­tic Frin­ge nie­man­den, der die­se für dring­lich oder auch nur lang­fris­tig für gebo­ten oder rea­lis­tisch hält.

6. Böcker scheibt:

Die, die hier woh­nen und als Bedro­hung emp­fun­den wer­den, sind selbst nur auf der Suche nach Iden­ti­tät. Ihnen die­se zu geben, sie damit zu inte­grie­ren, wird doch wohl mög­lich sein.

Das ist ein fata­ler Irr­tum. Die Deut­schen sind heu­te nicht ein­mal imstan­de, sich selbst eine Iden­ti­tät zu geben, geschwei­ge denn irgend­je­mand andern. Die Iden­ti­tät der Ein­ge­wan­der­ten, vor allem der Mus­li­me und Tür­ken ist im Ver­gleich und Ver­hält­nis zu den Deut­schen ziem­lich gefes­tigt. Davon kann man sich sehr ein­fach über­zeu­gen. Es gibt frei­lich sehr vie­le Ein­wan­de­rer der zwei­ten und spä­te­ren Genera­ti­on und Kin­der aus Misch­ehen, die gleich­falls an Iden­ti­täts­pro­ble­men lei­den. Aber die Dis­kre­panz zwi­schen dem, was die Deut­schen anzu­bie­ten haben und was ihre eige­ne Stamm­kul­tur anzu­bie­ten hat, ist so immens,  daß die Ein­wan­de­rer durch die “Inte­gra­ti­on” nur ver­lie­ren kön­nen.  Dafür ist es viel, viel zu spät. Die tür­kisch-isla­mi­sche Kul­tur ist eine Alpha-Kul­tur, die deut­sche inzwi­schen eine Beta-Kultur.

7. Böcker schreibt:

Im Bewußt­sein über die Grö­ße unse­rer Nati­on, der Stär­ke die­ses Vol­kes ver­liert die Zuwan­de­rung an Schrecken.

Umge­kehrt wird ein Schuh dar­aus: im Bewußt­sein der fak­ti­schen Schwä­che die­ses Vol­kes und die­ser Nati­on gewinnt die (Massen-)Zuwanderung an Schre­cken. Allen­falls in der Über­win­dung ihres Schre­ckens und in der Kon­fron­ta­ti­on mit dem unbeug­sa­men Ande­ren kön­nen die Deut­schen ihre Iden­ti­tät wie­der­erlan­gen, wiedererkämpfen.

8.  Ich sehe als rich­ti­gen Kern von Böckers Pole­mik den Appell: “Deut­sche, hört auf, euch zu Opfern zu machen. Klagt nicht, kämpft!” Er macht ihn aber an dem fal­schen Nagel fest. Es geht hier um die Deka­denz eines gan­zen Vol­kes, und die ist, nach Juli­en Freund, dann erreicht, wenn es sich nicht mehr fragt: Was wer­den wir tun? Son­dern: Was wird mit uns geschehen?

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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