Sezession
4. Dezember 2009

Deutsche Täter, deutsche Opfer – Eine Antwort auf Martin Böcker

Martin Lichtmesz

MattheuerWenn mir auch der Grundtenor von Martin Böckers polemischem Debüt auf Sezession im Netz sympathisch  ist, so ist mir doch unklar, wen genau er nun weswegen attackiert. Vor allem scheint mir die Perspektive, von der er aus seine Attacke reitet, korrekturbedürftig zu sein.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

1. Beginnen wir hier:

Diese ganze Larmoyanz, das Wühlen in Erniedrigungen und Gebietsverlusten, der permanente Selbstbeweis der eigenen Wunden löst da doch eifrig Widerwillen aus. Freilich gepaart mit Mitleid, so sind es doch die geistig Verwandten, die da jammern und trinken.

Der Maso und der Sado sind nur zwei Seiten ein- und derselben Medaille. "Das Wühlen in Erniedrigungen", "der permanente Selbstbeweis der eigenen Wunden", das ist keine fixe Idee eines marginalisierten politischen Lagers, sondern nichts anderes als die heutige politische Leitkultur Deutschlands, bis zur Selbstparodie vollendet verkörpert in der trüben und beschämenden Erscheinung namens Angela Merkel. Es ist grundverkehrt, die "Larmoyanz" in dem kleinen Lager suchen zu wollen, das etwa beharrlich an "Versailles, die Vertreibung, Dresden, die 'Befreiung' " erinnert, erinnern muß, wenn die nationalmasochistische Verlogenheit, Geschichtsklitterung und Unterwürfigkeit mal wieder einen unerträglichen Grad erreicht hat.

2. Gegen den oft formulierten Vorwurf der "Larmoyanz" an das konservative Lager bin ich allmählich allergisch. Manchmal reicht es schon aus, eine unerquickliche Lage realistisch und illusionslos beim Namen zu nennen, um ihn zu ernten. Er kommt meiner Erfahrung nach besonders gerne von Gestalten (damit meine ich natürlich nicht Martin Böcker), die den "Schuldstolz" derart verinnerlicht haben, daß ihnen jeder ein Dorn im Auge ist, der sich noch nicht genug unterworfen hat.  Mit einem "Stolz", der einer gewissen Komik nicht entbehrt, präsentieren sie ihren krummen Rücken und die Affekte ihrer Identitätsstörung, und treten nach denen, die auch nur einen Mucks machen, weil ihnen noch weh tut, woran sie selbst sich als gute Unterworfene schon längst gewöhnt haben. Der höhnische Vorwurf des "Jammern" heißt dann ungefähr soviel wie "Halt die Klappe, schluck runter und kriech!"

3. Die Täter/Opfer-Dialektik verläuft in der häßlichen und unfairen Welt der Politik genau entgegengesetzt, als Böcker hier nahelegt. Es sind nicht diejenigen, die sich zum Opfer stilisieren, die sich auch "Opfer" (vgl. kreuzbergerisch "Du Opfa!") auf die Stirn schreiben. Es sind vielmehr diejenigen, die sich permanent als reumütige "Täter" hinstellen und hinstellen lassen, die sich zum "Opfer" machen.  Ständig an das selbst erlittene Unrecht zu erinnern und aggressiv die eigenen Interessen zu vertreten, ist völkerpsychologisch eins. Darüber gibt jedes Geschichtsbuch Auskunft.  Sich selbst, zu recht oder unrecht, als Opfer zu fühlen, gibt das gute Gewissen sowohl zur Selbstverteidigung als auch zum Angriff. Ein schlechtes Gewissen dagegen macht wehrlos.  Da wäre das Beispiel unseres Nachbarn Polen,  da wäre aber vor allem der Staat Israel, dessen beispielloser Opferkult die Grundlage seines aggressiven Täterverhaltens ist. Diese Verkettung zeigt sich auch in der Kultur des Islam mit seiner Dialektik von Beleidigtsein und Vergeltung.

Das wissen die "Bewältiger" indessen genau:  die Vertuschung, Verharmlosung und Relativierung der an Deutschen begangenen Kriegsverbrechen wird eben aus der Sorge begründet, daraus könnten "Revanchismus" und "Nationalstolz" erwachsen - wogegen die permanente Erinnerung an "deutsche Schuld" das Rückgrat und den Selbstbehauptungswillen (selbst auf der kleinsten Ebene, Stichwort Integrationspolitik) zuverlässig gebrochen hält.

4. Böcker schreibt:

Trotz dieser großen Stürze hat sich das Volk in einem atemberaubenden Tempo erholt, friedlich wiedervereinigt und ist schon lange wieder das mächtigste in Europa. Denn Macht definiert sich ohne Zweifel über die Ökonomie und die Schlauheit der Politischen.

Die Macht und Schlauheit "der Politischen", im konkreten Falle also doch wohl der Merkels und Co, ist in der heutigen Lage keineswegs ein Indikator für die Macht eines Volkes. Das ist nicht nur ein deutsches Problem. Auch die "Franzmänner" und "Angelsachsen" werden von Eliten regiert,  die wider die Interessen des eigenen Volkes handeln.

Zweitens kann der ökonomische Aufstieg kein Gradmesser sein, wie sehr sich ein Volk von einer Niederlage  "erholt" hat. Eher läßt sich das an seiner Geburtenrate und seinem Zukunftswillen messen.  Das ist ein weites, ernstes Thema, für das hier nicht der Platz ist. Die Abgründe der Seele lassen sich nicht mit Wohlstand füllen. Mach sie fett und impotent, soll Churchill gesagt haben. Das wurde schon von scharfsinnigen Kritikern in der Restaurations- und Wirtschaftswunder-Periode der Fünfziger Jahre erkannt. 1968 war eine der Quittungen dafür.

Es ist aber genau dieser Verlust der "Seele", den Böcker zurecht an der Wurzel des Problemes sieht. In den Worten von Jean Raspail: "Ob es um Nationen, um Rassen und Kulturen oder um das Individuum geht, es ist immer die Seele, die die entscheidenden Schlachten gewinnt."

5. Böcker schreibt:

Daher grenzt es an Defätismus, schon jetzt den Bürgerkrieg herbeizureden, schon jetzt von der mitteldeutschen Lösung zu träumen oder sich in politisch nicht durchsetzbaren Planspielen über die Abwanderung von Ausländern um Kopf und Kragen zu schreiben.

Es grenzt eher an Defätismus, vor dem Vor-Bürgerkrieg die Augen zu verschließen und damit das "Si vis pacem, para bellum" zu vernachlässigen. Es wäre definitiv Defätismus, nicht schon jetzt brauchbare Abwanderungspläne zu entwickeln, solange noch Zeit dafür ist. Was die "mitteldeutsche Lösung" betrifft (gemeint ist wohl die ostdeutsche), so kenne ich außerhalb des äußersten Lunatic Fringe niemanden, der diese für dringlich oder auch nur langfristig für geboten oder realistisch hält.

6. Böcker scheibt:

Die, die hier wohnen und als Bedrohung empfunden werden, sind selbst nur auf der Suche nach Identität. Ihnen diese zu geben, sie damit zu integrieren, wird doch wohl möglich sein.

Das ist ein fataler Irrtum. Die Deutschen sind heute nicht einmal imstande, sich selbst eine Identität zu geben, geschweige denn irgendjemand andern. Die Identität der Eingewanderten, vor allem der Muslime und Türken ist im Vergleich und Verhältnis zu den Deutschen ziemlich gefestigt. Davon kann man sich sehr einfach überzeugen. Es gibt freilich sehr viele Einwanderer der zweiten und späteren Generation und Kinder aus Mischehen, die gleichfalls an Identitätsproblemen leiden. Aber die Diskrepanz zwischen dem, was die Deutschen anzubieten haben und was ihre eigene Stammkultur anzubieten hat, ist so immens,  daß die Einwanderer durch die "Integration" nur verlieren können.  Dafür ist es viel, viel zu spät. Die türkisch-islamische Kultur ist eine Alpha-Kultur, die deutsche inzwischen eine Beta-Kultur.

7. Böcker schreibt:

Im Bewußtsein über die Größe unserer Nation, der Stärke dieses Volkes verliert die Zuwanderung an Schrecken.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: im Bewußtsein der faktischen Schwäche dieses Volkes und dieser Nation gewinnt die (Massen-)Zuwanderung an Schrecken. Allenfalls in der Überwindung ihres Schreckens und in der Konfrontation mit dem unbeugsamen Anderen können die Deutschen ihre Identität wiedererlangen, wiedererkämpfen.

8.  Ich sehe als richtigen Kern von Böckers Polemik den Appell: "Deutsche, hört auf, euch zu Opfern zu machen. Klagt nicht, kämpft!" Er macht ihn aber an dem falschen Nagel fest. Es geht hier um die Dekadenz eines ganzen Volkes, und die ist, nach Julien Freund, dann erreicht, wenn es sich nicht mehr fragt: Was werden wir tun? Sondern: Was wird mit uns geschehen?


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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