Jeffrey Epstein: Mythos und Wirklichkeit (1)

Wundersame Offenbarungen sollen geschehen sein, seit das Justizministerium der Vereinigten Staaten nach langen Hin und Her die sogenannten “Epstein-Akten” für Jedermann frei zugänglich gemacht hat.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Nach einem ers­ten, ver­däch­tig mage­ren Anlauf im Novem­ber 2025 wur­den am 30. Janu­ar die­ses Jah­res sat­te drei­ein­halb Mil­lio­nen Sei­ten an Doku­men­ten ver­öf­fent­licht, Daten im Umfang von 300 Giga­byte, dar­un­ter 2000 Fotos, 180,000 Bil­der und unge­zähl­te E‑Mails aus Epsteins pri­va­ter Kor­re­spon­denz. Angeb­lich ist das nur die Hälf­te des vor­lie­gen­den Mate­ri­als, und auch hier wur­den etli­che Namen und Pas­sa­gen geschwärzt.

Wer auch immer unzu­frie­den mit dem Ver­öf­fent­lich­ten ist, kann nun wei­ter­spe­ku­lie­ren, ob das Kras­ses­te und Böses­te uns nicht doch schon wie­der vor­ent­hal­ten wur­de. Und wer den ama­teur­de­tek­ti­vi­schen Drang ver­spürt, kann nun in die­sen uner­meß­li­chen Oze­an hin­ab­tau­chen und auf Fisch­zug gehen, ein Mas­sen­sport, der momen­tan reich­lich Zuspruch fin­det und Gebir­ge an Click­bait-Con­tent anwach­sen läßt.

Immer­hin: Alle gro­ßen Medi­en berich­ten nun rund um die Uhr dar­über, inklu­si­ve das Main­stream-Flagg­schiff Der Spie­gel mit der Cover­sto­ry “Der Epstein-Club – Wie sich eine glo­ba­le Eli­te um dem Sexu­al­straf­tä­ter scharte”.

Kann man das als eine Art nar­ra­ti­ven Druch­bruch bezeich­nen, als Sieg für alle, die sich der Kri­tik an eben die­sen Eli­ten ver­schrie­ben haben, als Bestä­ti­gung für die viel­ge­schmäh­ten “Ver­schwö­rungs­theo­rien”?

 

Wer­den nun auch vie­le in unse­rem Spek­trum gepfleg­te Ver­schwö­rungs­theo­rien “Main­stream”? Sind die Spin­ner und Schwurb­ler gerächt, die Schi­zos reha­bi­li­tiert wor­den? “Piz­zaga­te ist real, wir hat­ten recht!”, höre ich von man­chen oder: “Ent­schul­digt euch bei Xavier Naidoo!”

Als ech­ter Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker ist man frei­lich schon einen Schritt wei­ter und fragt sich, zu wel­chem Zweck die­se Akten nun ver­öf­fent­licht wur­den, aus­ge­hend von der Annah­me, daß die “Kaba­le” nichts dem Zufall überläßt.

Hier ein Bei­spiel von Aya Vélaz­quez, die man­che viel­leicht noch als viel­ge­le­se­ne Stim­me aus der Coro­na-Zeit kennen:

Wir erle­ben gera­de ohne jeden Zwei­fel ein Hyper-Event im Mas­sen­be­wusst­sein, aller­dings mit ambi­va­len­ten Impli­ka­tio­nen. (…) Die Rea­li­tät ist – ab sofort amt­lich bestä­tigt – noch viel abge­fah­re­ner, als die abge­fah­rens­ten Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker es seit Jah­ren behaup­tet haben. Hin­ter die­se Erkennt­nis geht es nun nicht mehr zurück – zumin­dest, wenn man sich auch nur rudi­men­tär in sozia­len Medi­en informiert.

Doch nun kommt das Problem:

Solan­ge es kei­ne Ver­haf­tun­gen gibt, han­delt es sich hier vor allem um Mas­sen­trau­ma­ti­sie­rung und Ver­ste­ti­gung von schwers­ten Ver­bre­chen als “Pri­vi­le­gi­en” der Super­rei­chen und Mäch­ti­gen. Öffent­li­che Beschä­mung ist das ein­zi­ge, was der Öffent­lich­keit bis­lang als “Stra­fe” oder “Süh­ne” der Ver­ant­wort­li­chen dar­ge­bo­ten wird. Kin­des­miss­brauch und ‑mord wird somit in unse­ren Köp­fen als “neu­es Nor­mal” und “ulti­ma­ti­ves Sta­tus­sym­bol” instal­liert: Wer DAS straf­frei tun darf, ist WIRKLICH reich und mäch­tig. Das ist okkul­tes Social Engineering.

(…) Die dadurch erzeug­te Ohn­macht ist eine wei­te­re bewuss­te Demü­ti­gung, Macht­de­mons­tra­ti­on, und Ver­ste­ti­gung die­ser Macht. Er spricht von einer „clown-like, grin­ning mockery of the vic­tims“ – einer clow­nes­ken, grin­sen­den Ver­höh­nung der Opfer.

Der­lei ken­nen wir schon von Janich & Co: “Sie ver­höh­nen euch!” Aber nun ehr­lich: Wovon redet die gute Frau eigent­lich? Das Haupt­pro­blem an die­ser Argu­men­ta­ti­on ist, daß es in den Akten ent­ge­gen sich aus­brei­ten­der land­läu­fi­ger Mei­nung eben kei­ne hand­fes­ten Bewei­se für “Kin­des­miss­brauch und ‑mord” gibt, auch wenn das nun im Netz behaup­tet und geglaubt wird, als wäre es ein für alle­mal bestä­tigt wor­den Das gilt auch dann, wenn man davon aus­geht, daß eine E‑Mail kei­ne Bewei­se im stren­gen Sinn, son­dern nur Indi­zi­en für kon­kre­te Straf­ta­ten ent­hal­ten kann.

Hier muß man zuerst mit dem kogni­ti­ven Pro­blem auf­räu­men, in den Epstein-Akten zual­ler­erst Bestä­ti­gung für die extre­me­ren Nar­ra­ti­ve, die sich seit sei­nem Tod unter dubio­sen Umstän­den im Jahr 2019 eta­bliert haben, aus­fin­dig machen zu wollen.

Ich rede von der fix in man­chen Köp­fen ein­ge­nis­te­ten Geschich­te, “child traf­fi­cking“ und sexu­el­le Ver­skla­vung von Min­der­jäh­ri­gen sei der Haupt­zweck von Epsteins kari­bi­scher Pri­vat­in­sel Litt­le St. James  (land­läu­fig “Loli­ta Island”) gewe­sen, und dies nicht nur zum per­ver­sen Amü­se­ment ver­kom­me­ner “Eli­ten”, son­dern auch als sata­nis­ti­sche Kult­pra­xis und Mit­tel, um Erpres­sungs­ma­te­ri­al zu sam­meln, womög­lich im Auf­trag von Geheimdiensten.

Die Hor­ror­vi­sio­nen gehen so weit, daß es man­che für eine aus­ge­mach­te Sache hal­ten, die Epstein-Ban­de habe Babys miß­braucht, auf­ge­ges­sen oder zur Pro­duk­ti­on von “Adre­no­chrom” benutzt.

Die­se “sen­sa­tio­na­lis­ti­sche” Ver­si­on der Geschich­te ist natür­lich die ner­ven­kitz­ligs­te von allen, jene, mit der man am meis­ten Auf­merk­sam­keit, Klicks, Gru­sel und Empö­rung gene­rie­ren kann. Etli­che Kom­men­ta­to­ren tun nun so, als ob sie end­lich bestä­tigt wor­den sei, was weit ent­fernt von der Wahr­heit ist. Der Flut an Doku­men­ten steht nun eine Flut aus ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schem Slop ent­ge­gen. Dabei wer­den die Fun­de häu­fig spe­ku­la­tiv bis ver­zer­rend kom­men­tiert, ohne Rück­sicht auf ihren Kon­text, der für Außen­ste­hen­de nicht leicht zu durch­schau­en ist. Teil­wei­se kur­sie­ren auch aus­ge­mach­te Fakes.

Vor­bild ist die “Pizzagate”-Verschwörungstheorie von 2016, die kurz vor der ers­ten Wahl Donald Trumps zum Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf­kam, und die ich sei­ner­zeit fast mit nahe­zu reli­giö­ser Inbrunst ver­folg­te (hier gibt es eine gute Zusam­men­fas­sung auf eng­lisch, hier einen kur­zen Clip von Shlo­mo), gie­rig nach neu­en Fun­den und Ent­hül­lun­gen. Allen Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern sei also gesagt, daß ich ihre Pas­sio­nen durch­aus tei­le und ver­ste­hen kann.

Zen­trum war eine von hoch­ran­gi­gen Demo­kra­ten fre­quen­tier­te hip­pe Piz­ze­ria in Washing­ton, deren Besit­zer, ein Homo­se­xu­el­ler namens James Ale­fan­tis, auf Insta­gram aller­lei suspek­tes Zeug gepos­tet hat­te, das den Ver­dacht auf kin­der­schän­de­ri­sche und ande­re per­ver­se, womög­lich okkul­tisch inspi­rier­te Umtrie­be auf­kom­men ließ. An die­sen sol­len nun pro­mi­nen­te Mit­glie­der der poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Eli­ten im gro­ßen Stil betei­ligt gewe­sen sein.

Das paß­te per­fekt in die dama­li­ge Wahl­kam­pa­gne Trumps, der sich als popu­lis­ti­scher Kreuz­rit­ter insze­nier­te mit der Ankün­di­gung, er wer­de “den Sumpf tro­cken­le­gen”, und wur­de auch ent­spre­chend von den damals pro­mi­nen­ten Haupt­ven­ti­la­to­ren (Paul Joseph Wat­son, Ste­fan Moly­neux, Mike Cer­no­vich…) aus­ge­schlach­tet. Ich kann mich gut an die fast schon apo­ka­lyp­ti­sche Adventstim­mung von damals erin­nern, für die ich nicht unemp­fäng­lich war. “Piz­zaga­te” erschien wie ein Hebel, Schlüs­sel­fi­gu­ren des ame­ri­ka­ni­schen Estab­lish­ments end­lich zu dis­kre­di­tie­ren, zu demas­kie­ren und auszuhebeln.

Denn die­ser James Ale­fan­tis hat­te – um es kurz zu fas­sen – offen­bar sehr gute Kon­tak­te zu Leu­ten aus Hil­la­ry Clin­tons Team, zu dem auch ein Mann namens John Podes­ta gehör­te, des­sen E‑mails kurz vor der Wahl im Okto­ber und Novem­ber 2016 gele­akt wor­den waren. Dar­in wur­den nun etli­che merk­wür­dig anmu­ten­de, selt­sam depla­zier­te Refe­ren­zen über Nah­rungs­mit­tel wie “Piz­za”, “Ham­bur­ger” oder “cheese piz­za” aus­fin­dig gemacht, die als Code-Wör­ter für Pädo­phi­le gedeu­tet wur­den. Es kam also der Ver­dacht auf, daß genau jene Eli­ten, mit denen abzu­rech­nen Trump ver­spro­chen hat­te, in Men­schen­han­del, Kin­der­sex­rin­ge oder gar dia­bo­li­sche Kul­te ver­strickt waren.

Mehr will ich an die­ser Stel­le über die­sen Kanin­chen­bau, des­sen Erfor­schung und even­tu­el­le Aus­räu­che­rung (natür­lich) ins Lee­re ging, nicht sagen. Nur ein Zitat aus mei­nen Arti­kel aus dem Schick­sal­jahr 2020 über die ser­bi­sche Per­for­mance­künst­le­rin Mari­na Abra­mo­vic, die als wesent­li­che Prot­ago­nis­tin der “Pizzagate”-Verschwörung gehan­delt wurde.

Das “Wuchern von Ver­schwö­rungs­theo­rien”, schrieb ich, sei

… als Sym­ptom zu wer­ten: Es spie­gelt das tie­fe Miß­trau­en wider, das wach­sen­de Tei­le der Bevöl­ke­rung den ton­an­ge­ben­den wirt­schaft­li­chen, poli­ti­schen, media­len und kul­tu­rel­len Eli­ten ent­ge­gen­brin­gen, und das nicht nur in west­li­chen Staa­ten. Die­se Eli­ten tre­ten mit dem Anspruch auf, Ban­ner­trä­ger einer uni­ver­sa­len, unan­tast­ba­ren, pro­gres­si­ven, libe­ra­len Moral sein, was wohl eine Ursa­che des psy­cho­lo­gi­schen Bedürf­nis­ses ihrer Geg­ner ist, sie mora­lisch so radi­kal wie mög­lich zu dis­kre­di­tie­ren, ja buch­stäb­lich zu dämonisieren.

Die Eli­ten erschei­nen dann als tota­li­tä­re Anti­chris­ten in der Mas­ke von Erlö­sern, und sie wer­den ver­däch­tigt, sata­ni­schen Orgi­en à la Gil­les de Rais (»Blau­bart«) inklu­siv ritu­el­ler Kin­der­schän­dun­gen zu hul­di­gen, was nach Auf­de­ckung­d­er Vor­gän­ge um Jef­frey Epstein und sei­nem »Loli­ta-Express« nicht mehr ganz an den Haa­ren her­bei­ge­zo­gen erscheint.

Ich ging damals davon aus, daß es die­sen “Loli­ta-Express” wirk­lich gab, was ich heu­te ein wenig kri­ti­scher sehe. Epsteins dubio­ser Tod in Unter­su­chungs­haft am 10. August 2019 stärk­te die Ver­schwö­rungs­theo­rien immens. Prak­tisch nie­mand glaub­te, daß es sich wirk­lich um einen Sui­zid han­del­te (inklu­si­ve mir sel­ber, und ich glau­be es auch heu­te noch nicht). Das Timing und die Umstän­de waren ein­fach zu suspekt: Offen­bar war er aus dem Weg geräumt wor­den, bevor er über sei­ne pro­mi­nen­ten Mit­tä­ter, Kom­pli­zen und “Kli­en­ten” aus­pa­cken konnte.

Die­se Zwei­fel waren und sind abso­lut gerech­fer­tigt. Ihre durch­aus guten Grün­de (dar­un­ter eine Über­wa­chungs­ka­me­ra, die rein zufäl­lig just in dem Moment aus­fiel, in dem sich Epstein das Leben nahm) sind inzwi­schen schon längst im Main­stream ange­kom­men, sie­he etwa die­sen aktu­el­len Arti­kel aus der Zeit:

Jus­tiz­mit­ar­bei­ter sol­len nach dem Tod von Jef­frey Epstein 2019 die Medi­en mit einer fal­schen Lei­che abge­lenkt haben.

Die jüngs­te Ver­si­on die­ser Theo­rie ist, daß Epstein womög­lich noch lebt (und uner­kannt in Tel Aviv oder sonst­wo “Fort­ni­te” zockt).

“Piz­zaga­te” und “Loli­ta Island” wur­den wäh­rend der ers­ten Prä­si­dent­schaft Trumps (2017–2021) zu fixen Bestand­tei­len der Mytho­lo­gie der “QAnon”-Bewegung, die ver­mut­lich auf eine geziel­te Psy-Op zurück­ging. Sie wur­de vor allem von fana­ti­schen christ­lich-evan­ge­li­ka­len Tei­len von Trumps Wäh­ler­schaft, die an buch­stäb­li­che Dämo­nen und das Wir­ken des Teu­fels glau­ben, ver­in­ner­licht und aufgesogen.

Dem­nach war Trump eine heroi­sche, gött­li­che Erlö­ser­fi­gur, die jeden Moment davor stand, eine Kaba­le aus sata­ni­schen Pädo­phi­len auf­zu­de­cken und ding­fest zu machen. Die kogni­ti­ve Dis­so­nanz ange­sichts sei­nes eige­nen oft wider­sprüch­li­chen und alles ande­re als mora­li­schen Ver­hal­tens wur­de mit der Paro­le “Trust the Plan” weggewischt.

Die “pädo­phi­le Ver­schwö­rung” wur­de unter Trump-Anhän­gern zu einer kul­tu­rel­len Obses­si­on, ver­gleich­bar der “Sata­nic panic”, einer medi­al erzeug­ten Mas­sen­hys­te­rie der 1980er Jah­re. Jason Kess­ler, der Orga­ni­sa­tor der berüch­tig­ten “Unite the Right”-Demonstration in Char­lot­tes­ville, berich­te­te, daß  im Zuge des soge­nann­ten “Capi­tol-Sturms” auf­ge­brach­te Pro­test­ler geschrie­en hät­ten: “Ihr beschützt die Pädo­phi­len! Laßt uns rein!”

Der Appeal die­ser Vor­stel­lung liegt zwei­fel­los dar­in, daß Pädo­phi­lie, noch dazu ver­bun­den mit Gewalt, Mord, Fol­ter oder “ritua­lis­ti­schen” Prak­ti­ken das Böses­te und Abscheu­lichs­te ist, das sich die meis­ten Men­schen über­haupt vor­stel­len kön­nen. Selbst in einer Zeit des “any­thing goes”, was die Sexu­al­mo­ral angeht, ist Pädo­phi­lie schlicht­weg nicht “nor­ma­li­sier­bar”, und dies trotz etli­cher Ver­su­che sei­tens lin­ker Pro­gres­si­ver seit den Sech­zi­ger­jah­ren. Und es gibt in der Tat etli­che Fäl­le, in denen sexu­el­ler Miß­brauch von Kin­dern und Min­der­jäh­ri­gen durch “Eliten”-Mitglieder belegt ist: Man den­ke an Jim­my Saville, “P. Did­dy” Sean Combs und R. Kel­ly, aber auch an die mut­maß­li­chen Ver­wick­lun­gen bel­gi­scher Regie­rungs­krei­se in den Fall Dutroux.

Die herr­schen­den “glo­ba­lis­ti­schen” Eli­ten, die Poli­ti­ker, phil­an­thro­pi­schen Mil­li­ar­dä­re mit Welt­ver­bes­se­rungs­nei­gun­gen, Pop- und Film­stars, Künst­ler, Medi­en­ma­cher, Davos-Men­schen, Kli­ma­ret­ter, Anti­ras­sis­ten, die Kon­zer­ne, die sozi­al­po­li­ti­sches Enga­ge­ment signa­li­sie­ren und so wei­ter grün­den ihren gesell­schaft­li­chen Macht- und Füh­rungs­an­spruch auf eine höhe­re Moral, die man von uni­ver­sa­lis­ti­schen Prä­mis­sen aus kaum kri­ti­sie­ren kann.

Die­ses Dilem­ma ist wohl der Ursprung des Wun­sches, sie der Heu­che­lei zu über­füh­ren und als böse Rep­ti­li­en­men­schen und Psy­cho­pa­then, als buch­stäb­li­che Dämo­nen zu ent­lar­ven. Das Motiv der mora­lisch dege­ne­rier­ten, abgrund­tief bösen Eli­ten, die sich fan­tas­ti­schen Aus­schwei­fun­gen hin­ge­ben, läßt sich bis in die vor­re­vo­lu­tio­nä­re Roma­ne des Mar­quis de Sade zurück­ver­fol­gen und fin­det sich auch in etli­chen klas­si­schen Fil­men wie­der, von Paso­li­nis Salò bis zu Kubricks Eyes Wide Shut.

Genau die­ser Wunsch nach “Ent­tar­nung” und “Dis­kre­di­tie­rung”, also nach Poten­ti­al zur poli­ti­schen Mobil­ma­chung und Agi­ta­ti­on, spielt auch in den Epstein-Kom­plex hin­ein und färbt die Wahr­neh­mung des zugäng­li­chen Mate­ri­als. Inspi­riert von “Piz­zaga­te” wird nun in den Akten eif­rig nach “Codes” gesucht, die angeb­lich kin­der­schän­de­ri­sche Akti­vi­tä­ten ver­schlei­ern. Ich wer­de spä­ter auf eini­ge die­ser Behaup­tun­gen im Detail ein­ge­hen, möch­te aber vor­weg­neh­men, daß mir die dies­be­züg­li­chen Indi­zi­en ziem­lich schwach und gleich einem Vexier­bild sehr unter­schied­lich inter­pre­tier­bar erscheinen.

Was nun die Grund­ele­men­te der “sen­sa­tio­na­lis­ti­schen” Ver­si­on angeht, so gibt es ers­tens ent­ge­gen land­läu­fi­ger Mei­nung nicht den gerings­ten Hin­weis auf irgend­wel­che okkul­tis­ti­schen oder sata­nis­ti­schen Nei­gun­gen Epsteins oder sei­ner Kon­tak­te. Die­se Idee geht wohl in ers­ter Linie auf den zu Spe­ku­la­tio­nen ein­la­den­den, merk­wür­di­gen blau-weiß gestreif­ten Kup­pel­bau auf Epsteins Insel zurück, der aber offen­bar zu Fit­neß- und Erho­lungs­zwe­cken, nicht aber in irgend­ei­ner Wei­se “reli­gi­ös” oder “kul­tisch” genutzt wur­de. Ansons­ten gibt es kei­ner­lei Anhalts­punk­te, die die­se Behaup­tung stützen.

Sie wur­de unter ande­rem von Tucker Carlson in dem Gespräch mit einem Influen­cer namens Ian Car­roll ver­brei­tet. Nach­dem sich bei­de den Kopf über die Bedeu­tung von Wör­tern wie “cream cheese” in Epsteins Mails den Kopf zer­bro­chen hat­ten, ging Tucker ohne jeg­li­che Begrün­dung dazu über, von “dämo­ni­schen Ritua­len der Eli­ten” zu spre­chen. Die­se fixe Idee scheint unaus­rott­bar, aber sie ist nicht durch das vor­han­de­ne Mate­ri­al belegbar.

Zwei­tens scheint es mir irre­füh­rend, von Epstein als “Pädo­phi­len” zu spre­chen. Ich weiß, daß das nun eini­ge Leu­te auf die Bar­ri­ka­den rufen wird. Aber alles, was wir von Epstein wis­sen, ist, daß er ein Mann mit einem enor­men sexu­el­len Appe­tit war, der sich vor allem auf jun­ge und sehr jun­ge, aber eben geschlechts­rei­fe Mäd­chen und Frau­en rich­te­te, nicht aber auf prä­pu­ber­tä­re Kin­der, wie das bei ech­ten Pädo­phi­len der Fall ist. Damit will ich nicht ver­harm­lo­sen, was er getan hat: Es han­delt sich natür­lich um den Miß­brauch von Min­der­jäh­ri­gen, und er hat ihre Unrei­fe und Schwä­che ruch­los aus­ge­nutzt. Aber es erscheint mir wich­tig, hier ein prä­zi­ses Bild davon zu bekom­men, was tat­säch­lich gesche­hen ist.

Sei­ne ers­te und ein­zi­ge Ver­ur­tei­lung erfolg­te 2008 in Flo­ri­da auf­grund von “Anstif­tung zur Pro­sti­tu­ti­on” und “Anwer­bung von Min­der­jäh­ri­gen unter 18 Jah­ren zur Pro­sti­tu­ti­on”. Mit­hil­fe sei­ner Kom­pli­zin und zeit­wei­li­gen Gelieb­ten Ghis­lai­ne Max­well “orga­ni­sier­te” er sich seit Mit­te der Neun­zi­ger Jah­re Mäd­chen zwi­schen 14–18 Jah­ren für “Mas­sa­gen”, die er schritt­wei­se zu sexu­el­len Hand­lun­gen eska­lie­ren ließ. Die­se Mäd­chen wur­den durch finan­zi­el­le Anrei­ze und ande­re mate­ri­el­le Zuwen­dun­gen ange­lockt, ein­ge­wi­ckelt, mani­pu­liert und teil­wei­se dazu ange­stif­tet, Freun­din­nen und Bekann­te anzu­wer­ben (also zu Mit­tä­te­rin­nen gemacht), um ein Netz­werk aus poten­ti­el­len Opfern zu erschließen.

Max­well wur­de 2022 prak­tisch für die­sel­ben Taten ver­ur­teilt wie Epstein 2008. Wäh­rend er aller­dings zu einer mil­den Stra­fe von 18 Mona­ten (von denen er nur 13 Mona­te absaß) unter ziem­lich beque­men Haft­be­din­gun­gen ver­ur­teilt wur­de, wur­de sei­ne Kom­pli­zin zu sage und schrei­be 20 Jah­ren verdonnert.

Die erneu­te Ankla­ge, die gegen Epstein 2019 in Bezug auf den Zeit­raum 2002–5 erho­ben wur­de, beruh­te auf einem Wie­der­auf­rol­len sei­ner frü­he­ren Straf­ta­ten, basie­rend auf den Recher­chen der Jour­na­lis­tin Julie K. Brown, die im Novem­ber 2018 ver­öf­fent­licht wur­den. Nun schal­te­te sich die New Yor­ker Staats­an­walt­schaft ein, da Epstein nicht nur in Flo­ri­da, son­dern auch in sei­nem Domi­zil in Man­hat­tan Sexu­al­straf­ta­ten began­gen hat­te. Die­ser plä­dier­te auf “unschul­dig”. Einen Monat nach sei­ner Ver­haf­tung im Juli 2019 war er tot.

Es ist wich­tig fest­zu­hal­ten, daß es in all die­sen Ankla­gen und Ver­ur­tei­lun­gen stets nur dar­um ging, daß sich Epstein jun­ge Mäd­chen zu sei­ner eige­nen Befrie­di­gung ver­schafft hat­te, nicht dar­um, daß er sie an Drit­te wei­ter­ver­mit­telt hät­te. Letz­te­res ist jedoch der Kern des Epstein-Mythos, näm­lich daß er Chef eines gigan­ti­schen Erpres­sungs­rin­ges gewe­sen sei, des­sen Ziel es war, mög­lichst vie­le Pro­mi­nen­te mit dem Kom­pro­mat von ille­ga­lem Sex zu belasten.

Eugyp­pi­us, ein beson­ders dezi­dier­ter Epstein-Skep­ti­ker, schrieb sogar:

Es gibt zwei völ­lig unter­schied­li­che Ver­sio­nen des Epstein-Falls – die Pop-Mytho­lo­gie der Medi­en und die Ver­si­on der Gerichts­do­ku­men­te. Die bei­den haben fast nichts mit­ein­an­der zu tun.

Daß Epstein die Mäd­chen an ähn­lich gesinn­te Drit­te wei­ter­ge­reicht hät­te, basiert vor allem auf Aus­sa­gen einer Hand­voll sei­ner Opfer, die aller­dings aus ver­schie­de­nen Grün­den nur bedingt glaub­wür­dig sind:

Juli­et­te Bryant, die 20 Jah­re alt war, als sie mit Epstein in Kon­takt kam, hat mehr­fach die gestalt­wand­le­ri­schen Fähig­kei­ten die­ses Man­nes und sei­ne rep­ti­li­en­haf­te Natur beschrie­ben. Sarah Ran­so­me, ein wei­te­res Opfer, erzähl­te Jour­na­lis­ten, als die Epstein-Geschich­te 2017 an Fahrt gewann, daß Epstein Sex­vi­de­os von ver­schie­de­nen Pro­mi­nen­ten, dar­un­ter Bill Clin­ton, auf­ge­nom­men habe und daß die­se Vide­os in ihrem Besitz sei­en. Spä­ter zog sie die­se Behaup­tun­gen zurück und gab zu, daß sie sie erfun­den hat­te, um Auf­merk­sam­keit für ihre Geschich­te zu erregen.

Die wich­tigs­te und bekann­tes­te Zeu­gin, was die Betei­li­gung ande­rer Män­ner an Epsteins sexu­el­len Unta­ten angeht, war Vir­gi­nia Giuf­f­re (geb. Roberts), die am 25. April 2025 Selbst­mord beging oder began­gen haben soll. Auch ihre Aus­sa­gen sind “pro­ble­ma­tisch”, und wur­den vom FBI ent­spre­chend bewertet.

Giuf­f­re, Jahr­gang 1983, war im Alter von 17 Jah­ren von Ghis­lai­ne Max­well “gefischt” wor­den, um Epstein zu “mas­sie­ren”. Sie hat­te bereits eine lan­ge Geschich­te von zer­rüt­te­ten Fami­li­en­ver­hält­nis­sen, sexu­el­lem Miß­brauch und Pro­sti­tu­ti­on hin­ter sich und arbei­te­te zu die­sem Zeit­punkt auf Trumps Anwe­sen Mar-al-Lago.

Sie behaup­te­te, 2001 und 2002 (in die­sem Jahr hei­ra­te­te sie und brach den Kon­takt mit Epstein und Max­well ab) unter Epsteins Kon­tak­ten her­um­ge­reicht wor­den zu sein und beschul­dig­te meh­re­re pro­mi­nen­te Män­ner, sie sexu­ell benutzt zu haben, dar­un­ter Prinz Andrew, den Bru­der von König Charles (Epstein soll ihr dafür 15,000 Dol­lar bezahlt haben), Epsteins Anwalt Alan Der­show­itz und den fran­zö­si­schen Model-Agen­ten Jean-Luc Bru­nel. Letz­te­rer hat­te seit Jahr­zehn­ten einen noto­ri­schen Ruf als sexu­el­ler Aus­beu­ter. 2020 wur­de er wegen Ver­ge­wal­ti­gung von Min­der­jäh­ri­gen ange­klagt und beging wie (angeb­lich) Epstein Selbst­mord in Untersuchungshaft.

Andrew Mount­bat­ten-Wind­sor, der auf einem berüch­tig­ten Foto mit der 18jährigen Giuf­f­re zu sehen ist, und dem im Zuge der Anschul­di­gun­gen inzwi­schen von der könig­li­chen Fami­lie der Titel “Prinz” aberkannt wur­de, ist der wohl pro­mi­nen­tes­te Ange­klag­te. Er stritt zwar jeg­li­che Vor­wür­fe ab, einig­te sich jedoch 2022 mit Giuf­f­re auf eine außer­ge­richt­li­che Abfin­dung in Form einer hohen Geld­sum­me (angeb­lich 12 Mil­lio­nen Pfund). Giuf­fres Zivil­kla­ge gegen Alan Der­show­itz wur­de fal­len gelas­sen, nach­dem sie zugab, letz­te­ren mög­li­cher­wei­se “ver­wech­selt” zu haben.

Außer Giuf­f­re gab es noch etli­che wei­te­re Frau­en (ihre Namen lau­ten u.a. Maria Far­mer, Annie Far­mer, Johan­na Sjob­erg, Court­ney Wild, Michel­le Lica­ta, Chaun­tae Davies, Anous­ka De Geor­giou, Tea­la Davies) die ähn­li­che Vor­gän­ge berich­te­ten, aller­dings ohne Namen zu nennen.

Auch wenn hier bis­lang nichts bewie­sen und nie­mand ver­ur­teilt wur­de und man­che Zeu­gin­nen unzu­ver­läs­sig sind, ist das Gesamt­bild abso­lut glaub­wür­dig, daß Epstein zumin­dest eini­ge “sei­ner” Mäd­chen – Teen­ager, jun­ge Frau­en – an Kum­pa­ne und Geschäfts­part­ner “ver­mit­telt” und pro­sti­tu­iert hat, zum Teil durch Nöti­gung, zum Teil gegen Bezah­lung. Aber das ist eben nicht “Piz­zaga­te”, also “ritu­el­ler dämo­ni­scher Miß­brauch von Kindern”.

Aus der Annah­me die­ser (sehr wahr­schein­li­chen) Vor­gän­ge ent­stand der Mythos von “Epsteins Kli­en­ten­lis­te”, deren Ver­öf­fent­li­chung zur Inkri­mi­nie­rung einer Viel­zahl von rei­chen, berühm­ten, mäch­ti­gen Per­so­nen füh­ren wür­de. Also eine Neu­auf­la­ge von “Drain the Swamp”, mit der Trump im Wahl­kampf 2024 erneut koket­tier­te, und sich damit unter Zug­zwang setz­te, die Akten oder zumin­dest gro­ße Tei­le davon zu ver­öf­fent­li­chen, auch wenn er wohl wuß­te, daß nicht nur “demo­crats”, son­dern er sel­ber und sein eige­nes Umfeld dar­in auf­tau­chen würde.

Wie sieht es nun mit einem wei­te­ren Bestand­teil des Epstein-Mythos, daß er ver­mut­lich von Geheim­diens­ten, ver­mut­lich vom Mos­sad, bezahlt und beauf­tragt wur­de, einen Sex­ring auf­zu­zie­hen, um Erpres­sungs­ma­te­ri­al zu sam­meln? Zu die­sem Zweck gilt es, sich den Wer­de­gang und die Her­kunft Epsteins näher anzusehen.

Mehr dazu im nächs­ten Teil.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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