Nach einem ersten, verdächtig mageren Anlauf im November 2025 wurden am 30. Januar dieses Jahres satte dreieinhalb Millionen Seiten an Dokumenten veröffentlicht, Daten im Umfang von 300 Gigabyte, darunter 2000 Fotos, 180,000 Bilder und ungezählte E‑Mails aus Epsteins privater Korrespondenz. Angeblich ist das nur die Hälfte des vorliegenden Materials, und auch hier wurden etliche Namen und Passagen geschwärzt.
Wer auch immer unzufrieden mit dem Veröffentlichten ist, kann nun weiterspekulieren, ob das Krasseste und Böseste uns nicht doch schon wieder vorenthalten wurde. Und wer den amateurdetektivischen Drang verspürt, kann nun in diesen unermeßlichen Ozean hinabtauchen und auf Fischzug gehen, ein Massensport, der momentan reichlich Zuspruch findet und Gebirge an Clickbait-Content anwachsen läßt.
Immerhin: Alle großen Medien berichten nun rund um die Uhr darüber, inklusive das Mainstream-Flaggschiff Der Spiegel mit der Coverstory “Der Epstein-Club – Wie sich eine globale Elite um dem Sexualstraftäter scharte”.
Kann man das als eine Art narrativen Druchbruch bezeichnen, als Sieg für alle, die sich der Kritik an eben diesen Eliten verschrieben haben, als Bestätigung für die vielgeschmähten “Verschwörungstheorien”?
Werden nun auch viele in unserem Spektrum gepflegte Verschwörungstheorien “Mainstream”? Sind die Spinner und Schwurbler gerächt, die Schizos rehabilitiert worden? “Pizzagate ist real, wir hatten recht!”, höre ich von manchen oder: “Entschuldigt euch bei Xavier Naidoo!”
Als echter Verschwörungstheoretiker ist man freilich schon einen Schritt weiter und fragt sich, zu welchem Zweck diese Akten nun veröffentlicht wurden, ausgehend von der Annahme, daß die “Kabale” nichts dem Zufall überläßt.
Hier ein Beispiel von Aya Vélazquez, die manche vielleicht noch als vielgelesene Stimme aus der Corona-Zeit kennen:
Wir erleben gerade ohne jeden Zweifel ein Hyper-Event im Massenbewusstsein, allerdings mit ambivalenten Implikationen. (…) Die Realität ist – ab sofort amtlich bestätigt – noch viel abgefahrener, als die abgefahrensten Verschwörungstheoretiker es seit Jahren behauptet haben. Hinter diese Erkenntnis geht es nun nicht mehr zurück – zumindest, wenn man sich auch nur rudimentär in sozialen Medien informiert.
Doch nun kommt das Problem:
Solange es keine Verhaftungen gibt, handelt es sich hier vor allem um Massentraumatisierung und Verstetigung von schwersten Verbrechen als “Privilegien” der Superreichen und Mächtigen. Öffentliche Beschämung ist das einzige, was der Öffentlichkeit bislang als “Strafe” oder “Sühne” der Verantwortlichen dargeboten wird. Kindesmissbrauch und ‑mord wird somit in unseren Köpfen als “neues Normal” und “ultimatives Statussymbol” installiert: Wer DAS straffrei tun darf, ist WIRKLICH reich und mächtig. Das ist okkultes Social Engineering.
(…) Die dadurch erzeugte Ohnmacht ist eine weitere bewusste Demütigung, Machtdemonstration, und Verstetigung dieser Macht. Er spricht von einer „clown-like, grinning mockery of the victims“ – einer clownesken, grinsenden Verhöhnung der Opfer.
Derlei kennen wir schon von Janich & Co: “Sie verhöhnen euch!” Aber nun ehrlich: Wovon redet die gute Frau eigentlich? Das Hauptproblem an dieser Argumentation ist, daß es in den Akten entgegen sich ausbreitender landläufiger Meinung eben keine handfesten Beweise für “Kindesmissbrauch und ‑mord” gibt, auch wenn das nun im Netz behauptet und geglaubt wird, als wäre es ein für allemal bestätigt worden Das gilt auch dann, wenn man davon ausgeht, daß eine E‑Mail keine Beweise im strengen Sinn, sondern nur Indizien für konkrete Straftaten enthalten kann.
Hier muß man zuerst mit dem kognitiven Problem aufräumen, in den Epstein-Akten zuallererst Bestätigung für die extremeren Narrative, die sich seit seinem Tod unter dubiosen Umständen im Jahr 2019 etabliert haben, ausfindig machen zu wollen.
Ich rede von der fix in manchen Köpfen eingenisteten Geschichte, “child trafficking“ und sexuelle Versklavung von Minderjährigen sei der Hauptzweck von Epsteins karibischer Privatinsel Little St. James (landläufig “Lolita Island”) gewesen, und dies nicht nur zum perversen Amüsement verkommener “Eliten”, sondern auch als satanistische Kultpraxis und Mittel, um Erpressungsmaterial zu sammeln, womöglich im Auftrag von Geheimdiensten.
Die Horrorvisionen gehen so weit, daß es manche für eine ausgemachte Sache halten, die Epstein-Bande habe Babys mißbraucht, aufgegessen oder zur Produktion von “Adrenochrom” benutzt.
Diese “sensationalistische” Version der Geschichte ist natürlich die nervenkitzligste von allen, jene, mit der man am meisten Aufmerksamkeit, Klicks, Grusel und Empörung generieren kann. Etliche Kommentatoren tun nun so, als ob sie endlich bestätigt worden sei, was weit entfernt von der Wahrheit ist. Der Flut an Dokumenten steht nun eine Flut aus verschwörungstheoretischem Slop entgegen. Dabei werden die Funde häufig spekulativ bis verzerrend kommentiert, ohne Rücksicht auf ihren Kontext, der für Außenstehende nicht leicht zu durchschauen ist. Teilweise kursieren auch ausgemachte Fakes.
Vorbild ist die “Pizzagate”-Verschwörungstheorie von 2016, die kurz vor der ersten Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten aufkam, und die ich seinerzeit fast mit nahezu religiöser Inbrunst verfolgte (hier gibt es eine gute Zusammenfassung auf englisch, hier einen kurzen Clip von Shlomo), gierig nach neuen Funden und Enthüllungen. Allen Verschwörungstheoretikern sei also gesagt, daß ich ihre Passionen durchaus teile und verstehen kann.
Zentrum war eine von hochrangigen Demokraten frequentierte hippe Pizzeria in Washington, deren Besitzer, ein Homosexueller namens James Alefantis, auf Instagram allerlei suspektes Zeug gepostet hatte, das den Verdacht auf kinderschänderische und andere perverse, womöglich okkultisch inspirierte Umtriebe aufkommen ließ. An diesen sollen nun prominente Mitglieder der politischen und gesellschaftlichen Eliten im großen Stil beteiligt gewesen sein.
Das paßte perfekt in die damalige Wahlkampagne Trumps, der sich als populistischer Kreuzritter inszenierte mit der Ankündigung, er werde “den Sumpf trockenlegen”, und wurde auch entsprechend von den damals prominenten Hauptventilatoren (Paul Joseph Watson, Stefan Molyneux, Mike Cernovich…) ausgeschlachtet. Ich kann mich gut an die fast schon apokalyptische Adventstimmung von damals erinnern, für die ich nicht unempfänglich war. “Pizzagate” erschien wie ein Hebel, Schlüsselfiguren des amerikanischen Establishments endlich zu diskreditieren, zu demaskieren und auszuhebeln.
Denn dieser James Alefantis hatte – um es kurz zu fassen – offenbar sehr gute Kontakte zu Leuten aus Hillary Clintons Team, zu dem auch ein Mann namens John Podesta gehörte, dessen E‑mails kurz vor der Wahl im Oktober und November 2016 geleakt worden waren. Darin wurden nun etliche merkwürdig anmutende, seltsam deplazierte Referenzen über Nahrungsmittel wie “Pizza”, “Hamburger” oder “cheese pizza” ausfindig gemacht, die als Code-Wörter für Pädophile gedeutet wurden. Es kam also der Verdacht auf, daß genau jene Eliten, mit denen abzurechnen Trump versprochen hatte, in Menschenhandel, Kindersexringe oder gar diabolische Kulte verstrickt waren.
Mehr will ich an dieser Stelle über diesen Kaninchenbau, dessen Erforschung und eventuelle Ausräucherung (natürlich) ins Leere ging, nicht sagen. Nur ein Zitat aus meinen Artikel aus dem Schicksaljahr 2020 über die serbische Performancekünstlerin Marina Abramovic, die als wesentliche Protagonistin der “Pizzagate”-Verschwörung gehandelt wurde.
Das “Wuchern von Verschwörungstheorien”, schrieb ich, sei
… als Symptom zu werten: Es spiegelt das tiefe Mißtrauen wider, das wachsende Teile der Bevölkerung den tonangebenden wirtschaftlichen, politischen, medialen und kulturellen Eliten entgegenbringen, und das nicht nur in westlichen Staaten. Diese Eliten treten mit dem Anspruch auf, Bannerträger einer universalen, unantastbaren, progressiven, liberalen Moral sein, was wohl eine Ursache des psychologischen Bedürfnisses ihrer Gegner ist, sie moralisch so radikal wie möglich zu diskreditieren, ja buchstäblich zu dämonisieren.
Die Eliten erscheinen dann als totalitäre Antichristen in der Maske von Erlösern, und sie werden verdächtigt, satanischen Orgien à la Gilles de Rais (»Blaubart«) inklusiv ritueller Kinderschändungen zu huldigen, was nach Aufdeckungder Vorgänge um Jeffrey Epstein und seinem »Lolita-Express« nicht mehr ganz an den Haaren herbeigezogen erscheint.
Ich ging damals davon aus, daß es diesen “Lolita-Express” wirklich gab, was ich heute ein wenig kritischer sehe. Epsteins dubioser Tod in Untersuchungshaft am 10. August 2019 stärkte die Verschwörungstheorien immens. Praktisch niemand glaubte, daß es sich wirklich um einen Suizid handelte (inklusive mir selber, und ich glaube es auch heute noch nicht). Das Timing und die Umstände waren einfach zu suspekt: Offenbar war er aus dem Weg geräumt worden, bevor er über seine prominenten Mittäter, Komplizen und “Klienten” auspacken konnte.
Diese Zweifel waren und sind absolut gerechfertigt. Ihre durchaus guten Gründe (darunter eine Überwachungskamera, die rein zufällig just in dem Moment ausfiel, in dem sich Epstein das Leben nahm) sind inzwischen schon längst im Mainstream angekommen, siehe etwa diesen aktuellen Artikel aus der Zeit:
Justizmitarbeiter sollen nach dem Tod von Jeffrey Epstein 2019 die Medien mit einer falschen Leiche abgelenkt haben.
Die jüngste Version dieser Theorie ist, daß Epstein womöglich noch lebt (und unerkannt in Tel Aviv oder sonstwo “Fortnite” zockt).
“Pizzagate” und “Lolita Island” wurden während der ersten Präsidentschaft Trumps (2017–2021) zu fixen Bestandteilen der Mythologie der “QAnon”-Bewegung, die vermutlich auf eine gezielte Psy-Op zurückging. Sie wurde vor allem von fanatischen christlich-evangelikalen Teilen von Trumps Wählerschaft, die an buchstäbliche Dämonen und das Wirken des Teufels glauben, verinnerlicht und aufgesogen.
Demnach war Trump eine heroische, göttliche Erlöserfigur, die jeden Moment davor stand, eine Kabale aus satanischen Pädophilen aufzudecken und dingfest zu machen. Die kognitive Dissonanz angesichts seines eigenen oft widersprüchlichen und alles andere als moralischen Verhaltens wurde mit der Parole “Trust the Plan” weggewischt.
Die “pädophile Verschwörung” wurde unter Trump-Anhängern zu einer kulturellen Obsession, vergleichbar der “Satanic panic”, einer medial erzeugten Massenhysterie der 1980er Jahre. Jason Kessler, der Organisator der berüchtigten “Unite the Right”-Demonstration in Charlottesville, berichtete, daß im Zuge des sogenannten “Capitol-Sturms” aufgebrachte Protestler geschrieen hätten: “Ihr beschützt die Pädophilen! Laßt uns rein!”
Der Appeal dieser Vorstellung liegt zweifellos darin, daß Pädophilie, noch dazu verbunden mit Gewalt, Mord, Folter oder “ritualistischen” Praktiken das Böseste und Abscheulichste ist, das sich die meisten Menschen überhaupt vorstellen können. Selbst in einer Zeit des “anything goes”, was die Sexualmoral angeht, ist Pädophilie schlichtweg nicht “normalisierbar”, und dies trotz etlicher Versuche seitens linker Progressiver seit den Sechzigerjahren. Und es gibt in der Tat etliche Fälle, in denen sexueller Mißbrauch von Kindern und Minderjährigen durch “Eliten”-Mitglieder belegt ist: Man denke an Jimmy Saville, “P. Diddy” Sean Combs und R. Kelly, aber auch an die mutmaßlichen Verwicklungen belgischer Regierungskreise in den Fall Dutroux.
Die herrschenden “globalistischen” Eliten, die Politiker, philanthropischen Milliardäre mit Weltverbesserungsneigungen, Pop- und Filmstars, Künstler, Medienmacher, Davos-Menschen, Klimaretter, Antirassisten, die Konzerne, die sozialpolitisches Engagement signalisieren und so weiter gründen ihren gesellschaftlichen Macht- und Führungsanspruch auf eine höhere Moral, die man von universalistischen Prämissen aus kaum kritisieren kann.
Dieses Dilemma ist wohl der Ursprung des Wunsches, sie der Heuchelei zu überführen und als böse Reptilienmenschen und Psychopathen, als buchstäbliche Dämonen zu entlarven. Das Motiv der moralisch degenerierten, abgrundtief bösen Eliten, die sich fantastischen Ausschweifungen hingeben, läßt sich bis in die vorrevolutionäre Romane des Marquis de Sade zurückverfolgen und findet sich auch in etlichen klassischen Filmen wieder, von Pasolinis Salò bis zu Kubricks Eyes Wide Shut.
Genau dieser Wunsch nach “Enttarnung” und “Diskreditierung”, also nach Potential zur politischen Mobilmachung und Agitation, spielt auch in den Epstein-Komplex hinein und färbt die Wahrnehmung des zugänglichen Materials. Inspiriert von “Pizzagate” wird nun in den Akten eifrig nach “Codes” gesucht, die angeblich kinderschänderische Aktivitäten verschleiern. Ich werde später auf einige dieser Behauptungen im Detail eingehen, möchte aber vorwegnehmen, daß mir die diesbezüglichen Indizien ziemlich schwach und gleich einem Vexierbild sehr unterschiedlich interpretierbar erscheinen.
Was nun die Grundelemente der “sensationalistischen” Version angeht, so gibt es erstens entgegen landläufiger Meinung nicht den geringsten Hinweis auf irgendwelche okkultistischen oder satanistischen Neigungen Epsteins oder seiner Kontakte. Diese Idee geht wohl in erster Linie auf den zu Spekulationen einladenden, merkwürdigen blau-weiß gestreiften Kuppelbau auf Epsteins Insel zurück, der aber offenbar zu Fitneß- und Erholungszwecken, nicht aber in irgendeiner Weise “religiös” oder “kultisch” genutzt wurde. Ansonsten gibt es keinerlei Anhaltspunkte, die diese Behauptung stützen.
Sie wurde unter anderem von Tucker Carlson in dem Gespräch mit einem Influencer namens Ian Carroll verbreitet. Nachdem sich beide den Kopf über die Bedeutung von Wörtern wie “cream cheese” in Epsteins Mails den Kopf zerbrochen hatten, ging Tucker ohne jegliche Begründung dazu über, von “dämonischen Ritualen der Eliten” zu sprechen. Diese fixe Idee scheint unausrottbar, aber sie ist nicht durch das vorhandene Material belegbar.
Zweitens scheint es mir irreführend, von Epstein als “Pädophilen” zu sprechen. Ich weiß, daß das nun einige Leute auf die Barrikaden rufen wird. Aber alles, was wir von Epstein wissen, ist, daß er ein Mann mit einem enormen sexuellen Appetit war, der sich vor allem auf junge und sehr junge, aber eben geschlechtsreife Mädchen und Frauen richtete, nicht aber auf präpubertäre Kinder, wie das bei echten Pädophilen der Fall ist. Damit will ich nicht verharmlosen, was er getan hat: Es handelt sich natürlich um den Mißbrauch von Minderjährigen, und er hat ihre Unreife und Schwäche ruchlos ausgenutzt. Aber es erscheint mir wichtig, hier ein präzises Bild davon zu bekommen, was tatsächlich geschehen ist.
Seine erste und einzige Verurteilung erfolgte 2008 in Florida aufgrund von “Anstiftung zur Prostitution” und “Anwerbung von Minderjährigen unter 18 Jahren zur Prostitution”. Mithilfe seiner Komplizin und zeitweiligen Geliebten Ghislaine Maxwell “organisierte” er sich seit Mitte der Neunziger Jahre Mädchen zwischen 14–18 Jahren für “Massagen”, die er schrittweise zu sexuellen Handlungen eskalieren ließ. Diese Mädchen wurden durch finanzielle Anreize und andere materielle Zuwendungen angelockt, eingewickelt, manipuliert und teilweise dazu angestiftet, Freundinnen und Bekannte anzuwerben (also zu Mittäterinnen gemacht), um ein Netzwerk aus potentiellen Opfern zu erschließen.
Maxwell wurde 2022 praktisch für dieselben Taten verurteilt wie Epstein 2008. Während er allerdings zu einer milden Strafe von 18 Monaten (von denen er nur 13 Monate absaß) unter ziemlich bequemen Haftbedingungen verurteilt wurde, wurde seine Komplizin zu sage und schreibe 20 Jahren verdonnert.
Die erneute Anklage, die gegen Epstein 2019 in Bezug auf den Zeitraum 2002–5 erhoben wurde, beruhte auf einem Wiederaufrollen seiner früheren Straftaten, basierend auf den Recherchen der Journalistin Julie K. Brown, die im November 2018 veröffentlicht wurden. Nun schaltete sich die New Yorker Staatsanwaltschaft ein, da Epstein nicht nur in Florida, sondern auch in seinem Domizil in Manhattan Sexualstraftaten begangen hatte. Dieser plädierte auf “unschuldig”. Einen Monat nach seiner Verhaftung im Juli 2019 war er tot.
Es ist wichtig festzuhalten, daß es in all diesen Anklagen und Verurteilungen stets nur darum ging, daß sich Epstein junge Mädchen zu seiner eigenen Befriedigung verschafft hatte, nicht darum, daß er sie an Dritte weitervermittelt hätte. Letzteres ist jedoch der Kern des Epstein-Mythos, nämlich daß er Chef eines gigantischen Erpressungsringes gewesen sei, dessen Ziel es war, möglichst viele Prominente mit dem Kompromat von illegalem Sex zu belasten.
Eugyppius, ein besonders dezidierter Epstein-Skeptiker, schrieb sogar:
Es gibt zwei völlig unterschiedliche Versionen des Epstein-Falls – die Pop-Mythologie der Medien und die Version der Gerichtsdokumente. Die beiden haben fast nichts miteinander zu tun.
Daß Epstein die Mädchen an ähnlich gesinnte Dritte weitergereicht hätte, basiert vor allem auf Aussagen einer Handvoll seiner Opfer, die allerdings aus verschiedenen Gründen nur bedingt glaubwürdig sind:
Juliette Bryant, die 20 Jahre alt war, als sie mit Epstein in Kontakt kam, hat mehrfach die gestaltwandlerischen Fähigkeiten dieses Mannes und seine reptilienhafte Natur beschrieben. Sarah Ransome, ein weiteres Opfer, erzählte Journalisten, als die Epstein-Geschichte 2017 an Fahrt gewann, daß Epstein Sexvideos von verschiedenen Prominenten, darunter Bill Clinton, aufgenommen habe und daß diese Videos in ihrem Besitz seien. Später zog sie diese Behauptungen zurück und gab zu, daß sie sie erfunden hatte, um Aufmerksamkeit für ihre Geschichte zu erregen.
Die wichtigste und bekannteste Zeugin, was die Beteiligung anderer Männer an Epsteins sexuellen Untaten angeht, war Virginia Giuffre (geb. Roberts), die am 25. April 2025 Selbstmord beging oder begangen haben soll. Auch ihre Aussagen sind “problematisch”, und wurden vom FBI entsprechend bewertet.
Giuffre, Jahrgang 1983, war im Alter von 17 Jahren von Ghislaine Maxwell “gefischt” worden, um Epstein zu “massieren”. Sie hatte bereits eine lange Geschichte von zerrütteten Familienverhältnissen, sexuellem Mißbrauch und Prostitution hinter sich und arbeitete zu diesem Zeitpunkt auf Trumps Anwesen Mar-al-Lago.
Sie behauptete, 2001 und 2002 (in diesem Jahr heiratete sie und brach den Kontakt mit Epstein und Maxwell ab) unter Epsteins Kontakten herumgereicht worden zu sein und beschuldigte mehrere prominente Männer, sie sexuell benutzt zu haben, darunter Prinz Andrew, den Bruder von König Charles (Epstein soll ihr dafür 15,000 Dollar bezahlt haben), Epsteins Anwalt Alan Dershowitz und den französischen Model-Agenten Jean-Luc Brunel. Letzterer hatte seit Jahrzehnten einen notorischen Ruf als sexueller Ausbeuter. 2020 wurde er wegen Vergewaltigung von Minderjährigen angeklagt und beging wie (angeblich) Epstein Selbstmord in Untersuchungshaft.
Andrew Mountbatten-Windsor, der auf einem berüchtigten Foto mit der 18jährigen Giuffre zu sehen ist, und dem im Zuge der Anschuldigungen inzwischen von der königlichen Familie der Titel “Prinz” aberkannt wurde, ist der wohl prominenteste Angeklagte. Er stritt zwar jegliche Vorwürfe ab, einigte sich jedoch 2022 mit Giuffre auf eine außergerichtliche Abfindung in Form einer hohen Geldsumme (angeblich 12 Millionen Pfund). Giuffres Zivilklage gegen Alan Dershowitz wurde fallen gelassen, nachdem sie zugab, letzteren möglicherweise “verwechselt” zu haben.
Außer Giuffre gab es noch etliche weitere Frauen (ihre Namen lauten u.a. Maria Farmer, Annie Farmer, Johanna Sjoberg, Courtney Wild, Michelle Licata, Chauntae Davies, Anouska De Georgiou, Teala Davies) die ähnliche Vorgänge berichteten, allerdings ohne Namen zu nennen.
Auch wenn hier bislang nichts bewiesen und niemand verurteilt wurde und manche Zeuginnen unzuverlässig sind, ist das Gesamtbild absolut glaubwürdig, daß Epstein zumindest einige “seiner” Mädchen – Teenager, junge Frauen – an Kumpane und Geschäftspartner “vermittelt” und prostituiert hat, zum Teil durch Nötigung, zum Teil gegen Bezahlung. Aber das ist eben nicht “Pizzagate”, also “ritueller dämonischer Mißbrauch von Kindern”.
Aus der Annahme dieser (sehr wahrscheinlichen) Vorgänge entstand der Mythos von “Epsteins Klientenliste”, deren Veröffentlichung zur Inkriminierung einer Vielzahl von reichen, berühmten, mächtigen Personen führen würde. Also eine Neuauflage von “Drain the Swamp”, mit der Trump im Wahlkampf 2024 erneut kokettierte, und sich damit unter Zugzwang setzte, die Akten oder zumindest große Teile davon zu veröffentlichen, auch wenn er wohl wußte, daß nicht nur “democrats”, sondern er selber und sein eigenes Umfeld darin auftauchen würde.
Wie sieht es nun mit einem weiteren Bestandteil des Epstein-Mythos, daß er vermutlich von Geheimdiensten, vermutlich vom Mossad, bezahlt und beauftragt wurde, einen Sexring aufzuziehen, um Erpressungsmaterial zu sammeln? Zu diesem Zweck gilt es, sich den Werdegang und die Herkunft Epsteins näher anzusehen.
Mehr dazu im nächsten Teil.


