Zur Einhegungslehre der Kirche

PDF der Druckausgabe aus Sezession 122/ Oktober 2024

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Die Regeln für den Men­schen­park (1999) ver­ra­ten Peter Slo­ter­di­jks Den­ken als kon­ser­va­ti­ves Den­ken in der Tra­di­ti­on von Carl Schmitts »Einhegungs«-Idee. Slo­ter­di­jk als alter Acht­und­sech­zi­ger und main­stream­ka­tho­li­scher Moder­nist zehrt (frei nach Ernst-Wolf­gang Böcken­för­des berühm­tem Dik­tum, der libe­ra­le Staat lebe von Vor­aus­set­zun­gen, die er selbst nicht garan­tie­ren kön­ne) von den Vor­aus­set­zun­gen der Ein­he­gungs­leh­re der katho­li­schen Kirche.

Das Wort »Ein­he­gungs­leh­re« stellt den Zusam­men­hang zwi­schen der katho­li­schen Anthro­po­lo­gie als »Huma­ni­sie­rung und Tran­szen­die­rung der Natur« und den dar­aus sich ablei­ten­den Leh­ren zur »Züge­lung« der Frei­heit und zur Demo­kra­tie her. Als Quel­len der Ein­he­gungs­leh­re die­nen vor allen Din­gen die päpst­li­chen Enzy­kli­ken, von die­sen vor­nehm­lich die vor­kon­zi­lia­ren, und von die­sen wie­der­um die­je­ni­gen Papst Leos XIII. (1810 – 1903), der die aller­deut­lichs­ten Wor­te fand.

Als »rea­le und gewalt­sa­me Nega­ti­on der Selbst­be­haup­tung des End­li­chen gegen­über Gott« kann die Ein­he­gung des Men­schen im Chris­ten­tum defi­niert wer­den. Geprägt hat die­se Defi­ni­ti­on der 2018 ver­stor­be­ne katho­li­sche Phi­lo­soph Robert Spaemann:

Der christ­li­che Kult ist Ver­ge­gen­wär­ti­gung eines Opfers. Das Opfer ist die rea­le und gewalt­sa­me Nega­ti­on der Selbst­be­haup­tung des End­li­chen gegen­über Gott. […] Der ritu­el­le Kult ist im Chris­ten­tum Sym­bol für das ethi­sche Leben des Chris­ten als ›inne­rer Kult‹, und die Trans­sub­stan­tia­ti­on ist der inners­te Aus­gangs­punkt der Huma­ni­sie­rung und Tran­szen­die­rung der Natur. Dar­auf aber beruht wie­der­um alle Kultur.

Sie kann nur dann ein­ge­dämmt wer­den, wenn der Mensch sich selbst opfert. Opfer bedeu­tet hier drei­er­lei: Chris­tus hat sich als Mensch am Kreuz geop­fert. Wer ihm nach­fol­gen will, muß sei­ne nie­de­re Natur opfern, sich also selbst zu über­win­den trach­ten. Das Meß­op­fer bringt die­se bei­den Bedeu­tun­gen zusam­men. Das christ­li­che Selbst­op­fer ist die von Spae­mann so genann­te »Nega­ti­on der Selbst­be­haup­tung«. Vom Men­schen geht näm­lich seit dem »Non ser­viam!« Luzi­fers stets Selbst­be­haup­tungs­ge­fahr aus: »Ihr wer­det sein wie Gott«, ver­sprach er den Para­dies­el­tern (1 Mos 3,5). Seit­dem ist das, was die Hei­li­ge Schrift die Erb­sün­de nennt – die Nei­gung des Men­schen zum Bösen seit dem Sün­den­fall –, in der Welt und schreit nach ihrer Überwindung.

Papst Leo XIII. stellt über die mensch­li­che Natur, gemäß uralter Leh­re (noch die anti­ke Phi­lo­so­phie wuß­te aus der Uro­f­fen­ba­rung davon), die mensch­li­che Vernunft:

Da außer­dem die mensch­li­che Natur durch die Makel der Erb­sün­de befleckt ist und infol­ge­des­sen mehr zum Bösen als zur Tugend neigt, so ist es ein unab­weis­ba­res Erfor­der­nis der Sitt­lich­keit, daß man die stür­mi­schen Trie­be des Her­zens und sei­ne Begier­den unter die Herr­schaft der Ver­nunft brin­ge. In die­sem Kamp­fe aber ist gar oft Ver­ach­tung des Irdi­schen erfor­der­lich, und muß man die schwers­ten Mühen und Beschwer­den ertra­gen, damit die Ver­nunft sieg­reich die ihr zukom­men­de Ober­herr­schaft behaup­te. (Huma­n­um genus, 60)

Das ist Anthro­po­lo­gie: die immer­glei­che Natur des Men­schen und der immer­gleich-not­wen­di­ge Umgang damit. Trifft Anthro­po­lo­gie jedoch auf sich beschleu­ni­gen­de Geschich­te, kom­men Stör­fak­to­ren ins Spiel, die das Aus­maß der Ein­he­gungs­be­dürf­tig­keit erheb­lich stei­gern. Der fran­zö­si­sche Medi­en­theo­re­ti­ker und Phi­lo­soph Paul Viri­lio (1932 – 2018) nann­te die Erfor­schung des (his­to­ri­schen, poli­ti­schen und media­len) Ein­flus­ses der zuneh­men­den Geschwin­dig­keit auf die mensch­li­che Wahr­neh­mung »Dro­mo­lo­gie« (nach griech. dro­mos = Lauf; die Logik des Laufs bzw. der Geschwindigkeit).

Einen sol­chen Stör­fak­tor beschleu­nig­ter Geschich­te hat der öster­rei­chi­sche Theo­lo­ge und Rechts­theo­re­ti­ker Johan­nes Mess­ner in der frü­hen Moder­ne lokalisiert:

Ein wei­te­rer neu­er Fak­tor trat im Rechts­den­ken auf. […] Die­ser Fak­tor ist das Inter­es­se. Die längs­te Zeit war von Recht gespro­chen wor­den als ›sta­tisch‹ ver­stan­de­nem Rege­lungs­sys­tem. Immer­hin wur­de eine objek­ti­ve, vom Wil­len des Men­schen unab­hän­gi­ge Grund­la­ge des gel­ten­den Rechts aner­kannt, sonst wäre die Aus­ru­fung natur­haf­ter Men­schen­rech­te sinn­los gewe­sen. Rasch über­schlug sich aber das Inter­es­se. Der Mensch woll­te sich selbst Gesetz sein. Man ›beschloß‹, daß alles Recht vom Volk aus­geht. Zugleich wur­de das Recht auf Revo­lu­ti­on zum Grund­recht erhoben.

In sei­ner Enzy­kli­ka Quad­ra­ge­si­mo anno (1931) stell­te Papst Pius XI. ein ähn­li­ches »Über­schla­gen« zum Zeit­punkt der Indus­tria­li­sie­rung fest, als gleich­zei­tig die »Leh­ren des Ratio­na­lis­mus in den meis­ten Köp­fen schon Ein­laß gefun­den hat­ten«. Tritt der Zeit­fak­tor Beschleu­ni­gung ein, ent­steht blitz­schnell eine

vom wah­ren Sit­ten­ge­set­ze los­ge­lös­te Wirt­schafts­leh­re. Das hat­te zur Fol­ge, daß den mensch­li­chen Lei­den­schaf­ten völ­lig die Zügel gelo­ckert wur­den. (Quad­ra­ge­si­mo anno, 708)

Inter­es­san­ter­wei­se hat­te Leo XIII. die­sen dro­mo­lo­gi­schen Topos 1832 in Mira­ri vos bereits mit dem pla­to­ni­schen Gedan­ken der Ver­nunft als Wagen­len­ker kombiniert:

Denn wenn der Zügel zer­bro­chen ist, mit dem die Men­schen auf den Pfa­den der Wahr­heit gehal­ten wer­den, dann stürzt ihre ohne­hin zum Bösen geneig­te Natur rasend schnell in den Abgrund. (Mira­ri vos, 16)

Die Zügel­lo­sig­keit als Meta­pher dient ihm dann auch dazu, eines der Haupt­ar­gu­men­te der katho­li­schen Ethik ein­zu­füh­ren: das Argu­ment der »schie­fen Bahn«, auch bekannt als »Weh­ret den Anfän­gen!« (prin­ci­pi­is obs­ta). Die­ses Argu­ment geht von der Not­wen­dig­keit aus, die Natur des Men­schen früh­zei­tig ein­zu­he­gen, führt also sei­ner­seits einen Zeit­fak­tor ein. Denn je eher ein mög­li­cher­wei­se ein­rei­ßen­des Übel erkannt wird, des­to eher kann man sei­ne auto­ex­pan­si­ve Ten­denz stoppen:

Um so viel schlim­mer erschei­nen die Übel, wenn man bedenkt, daß in Zukunft kei­ne Zügel stark genug sein wer­den, um die ein­mal gewähr­te Erlaub­nis inner­halb bestimm­ter oder vor­ge­se­he­ner Gren­zen zu hal­ten. (Leo XIII.: Arca­num divi­n­as sapi­en­tiae, 10. Febru­ar 1880)

Das Schie­fe-Bahn-Argu­ment zieht sich in der Fol­ge auch durch alle die­je­ni­gen Enzy­kli­ken, die sich Fra­gen der ange­wand­ten Ethik wid­men. So zitiert etwa Pius XI. in der Enzy­kli­ka Cas­ti con­nu­bii über die Ehe­schei­dung just die­sen Satz sei­nes Amtsvorgängers.

Dem moder­nen Men­schen als Selbst­be­schleu­ni­ger muß offen­sicht­lich stän­dig ein zeit­ver­zö­gern­der Dämp­fer ver­paßt wer­den. Slo­ter­di­jk bemerkt in sei­nen Tage­bü­chern an einer Stel­le lau­nig, man müs­se, wenn man auf der schie­fen Ebe­ne unter­wegs sei, »mit der Schrä­ge arbei­ten«. In sei­nen Regeln für den Men­schen­park ent­sprä­che die­ses »Arbei­ten mit der Schrä­ge«, also der Umgang mit dem bereits rut­schen­den Men­schen, Nietz­sches »geschick­ter Ver­bin­dung von Ethik und Gene­tik«, mit deren Hil­fe die Men­schen es fer­tig­ge­bracht hät­ten, sich sel­ber kleinzuzüchten.

In schwe­rer Täu­schung sind dem­ge­gen­über jene befan­gen, die die Men­schen unter Bei­sei­te­set­zung oder Ver­nach­läs­si­gung der über­na­tür­li­chen Mit­tel durch die Anwen­dung und Aus­wer­tung der Natur­wis­sen­schaf­ten (der Bio­lo­gie, der Ver­er­bungs­leh­re und ande­rer ähn­li­cher) zur Züge­lung der sinn­li­chen Trie­be brin­gen zu kön­nen glau­ben. (Pius XI.: Cas­ti con­nu­bii, 388)

Den Men­schen wirk­lich zu zäh­men geht nie­mals natür­lich, son­dern immer nur über­na­tür­lich. Dann ist es auch kein »Klein­züch­ten«, son­dern die oben bereits zitier­te »gewalt­sa­me und rea­le Nega­ti­on der Selbst­be­haup­tung des End­li­chen« (Spae­mann) – eine wesent­lich schwie­ri­ge­re, ja über­haupt die schwie­rigs­te Auf­ga­be der Welt. Einen Teil die­ser Auf­ga­be sieht die Kir­che im Wapp­nen und der Fes­ti­gung der Jugend

gegen die Ver­füh­run­gen und Täu­schun­gen der Welt, die nach der Mah­nung eines Got­tes­wor­tes nur ›Begier­lich­keit des Flei­sches, Begier­lich­keit der Augen und Hof­fart des Lebens‹ (1 Joh 2,16) ist. Die Jugend­li­chen müs­sen also, wie Ter­tul­li­an von den ers­ten Chris­ten sag­te, sein, was die ech­ten Chris­ten aller Zei­ten sein sol­len: ›Mit­be­sit­zer der Welt, nicht des Irr­tums‹. (Pius XI.: Divi­ni illi­us Magis­tri, 467)

Das ist einer­seits klas­si­scher Huma­nis­mus, es fällt auch das Wort »Über­wa­chung« der Lek­tü­re und der welt­li­chen Ein­flüs­se auf die Jugend, ande­rer­seits besteht die Erzie­hung dar­in, die Her­an­wach­sen­den zu Welt­be­woh­nern und nicht zu Welt­flüch­tern zu erzie­hen. Ein­he­gung wird hier zum »inne­ren Kult«, den der Mensch als Kul­tur­we­sen zu erler­nen habe.

Was aber pas­siert, wenn der not­wen­di­gen Selbst­kul­ti­vie­rung des Men­schen in der Moder­ne bewußt ent­ge­gen­ge­ar­bei­tet wird?

Die Natu­ra­lis­ten und Frei­mau­rer aber, die jeg­li­chen Offen­ba­rungs­glau­ben ver­wer­fen, leug­nen den Sün­den­fall unse­res Stamm­va­ters und hul­di­gen daher der Ansicht, daß der freie Wil­le gar nicht geschwächt und irgend­wie zum Bösen geneigt sei. (Leo XIII.: Huma­n­um genus, 60)

Die Enzy­kli­ken des 19. und der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts las­sen sich als ein ein­zi­ges gro­ßes Doku­ment der Ver­tei­di­gung der (als über­zeit­lich und ewig­mensch­lich ver­stan­de­nen) Anthro­po­lo­gie gegen ihre His­to­ri­sie­rung lesen. Der Mensch wird gewis­ser­ma­ßen in der Moder­ne ent­mensch­licht, inso­fern er als Macher der eige­nen Geschich­te und nicht als Geschöpf Got­tes ver­stan­den wird.

Gegen den moder­nen Frei­heits­be­griff einer »Frei­heit des Ver­der­bens« (hl. Augus­ti­nus), der seit der »Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on« ein­ge­ris­sen ist, ver­tei­di­gen die päpst­li­chen Rund­schrei­ben die anthro­po­lo­gi­sche Frei­heit. Aus­gangs­punkt ist der Gedan­ke Tho­mas von Aquins, daß die Frei­heit zu sün­di­gen kei­ne Frei­heit ist, son­dern eine Knecht­schaft. Unter­schie­den wird zwi­schen der nega­ti­ven »Frei­heit von« (äuße­ren his­to­ri­schen Zwän­gen) und der posi­ti­ven »Frei­heit zu« (der Ver­wirk­li­chung der mensch­li­chen Bestimmung).

Wie­der ist es Leo XIII., der dem Men­schen per defi­ni­tio­nem sei­ne Frei­heit zurück­gibt, die ihm die »Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on« geraubt hat:

Wir mei­nen die Frei­heit der Kin­der Got­tes, ver­mö­ge derer wir weder dem Satan noch den Lei­den­schaf­ten, wel­che die schlimms­ten Tyran­nen sind, die­nen. Die Brü­der­lich­keit, wel­che ihre Wur­zel in Gott, dem gemein­sa­men Schöp­fer und Vater aller hat; die Gleich­heit, wel­che auf Gerech­tig­keit und Lie­be gegrün­det ist, nicht alle Unter­schie­de der Men­schen unter­ein­an­der auf­he­ben will. (Leo XIII.: Huma­n­um genus, 76)

Papst Gre­gor XVI. hat­te in Mira­ri vos ganz tho­mis­tisch davon gespro­chen, daß der nega­ti­ve Frei­heits­be­griff in Wirk­lich­keit Knecht­schaft brin­ge – auch hier erkennt man wie­der das Ankämp­fen gegen die Ver­zeit­li­chung: Es wer­de in Zukunft so kom­men, wenn man nicht recht­zei­tig die­se bewuß­te Zer­set­zungs­ar­beit an den anthro­po­lo­gi­schen Grund­be­stim­mun­gen auf­hal­ten kön­ne. Der Zeit­strahl weist indes steil abwärts, wie (nur bei­spiels­wei­se) wie­der­um der Ehe-Enzy­kli­ka Pius’ XI. zu ent­neh­men ist:

Die­se fal­sche Frei­heit wird sich zum eige­nen Ver­der­ben der Frau aus­wir­ken; denn wenn sie ein­mal von der Höhe und dem Thron her­ab­steigt, auf den sie inner­halb der Fami­lie durch das Evan­ge­li­um erho­ben wur­de, wird sie bald (viel­leicht weni­ger dem äuße­ren Schein nach, wohl aber in Wirk­lich­keit) in die frü­he­re Skla­ven­stel­lung zurück­ge­drängt und wie im Hei­den­tum zu einem blo­ßen Werk­zeug des Man­nes wer­den. (Cas­ti con­nu­bii, 368)

Daß Frei­heit am Ende zur eigent­li­chen Ver­skla­vung wird, wenn die Ein­he­gungs­be­dürf­tig­keit des Men­schen igno­riert und ihm pro futu­ra ver­spro­chen wird, er wer­de frei sein wie Gott, bezeu­gen alle vor­kon­zi­lia­ren päpst­li­chen Rundschreiben.

Am Demo­kra­tie­ver­ständ­nis der älte­ren und neue­ren Enzy­kli­ken läßt sich auf­zei­gen, bis wann die Päps­te sich als Auf­hal­ter, als Kat­echon­ten der stür­zen­den Zeit ver­stan­den haben. Nicht jede Demo­kra­tie ist liberal.

Es gibt die demo­kra­ti­sche Ideo­lo­gie, und es gibt die demo­kra­ti­sche Regie­rungs­form: wenn die Kir­che die Ideo­lo­gie ver­ur­teilt, so ver­ur­teilt sie nicht die Regie­rungs­form, das heißt die Teil­nah­me des Vol­kes an der Macht. (Mar­cel Lefeb­v­re: Sie haben Ihn ent­thront, S. 53)

In mei­nem Arti­kel »Ein­ge­denk der Zuschau­er­de­mo­kra­tie« auf »Sezes­si­on im Netz« hat­te ich 2019 die Unter­schei­dung zwi­schen »For­mal­de­mo­kra­tie« und »Pro­gramm­de­mo­kra­tie« in einem ver­wand­ten Sin­ne gemeint: Die gegen­wär­ti­ge Pro­gramm­de­mo­kra­tie fährt ein libe­ra­les Pro­gramm, des­sen ideo­lo­gi­scher Zwang dar­in besteht, ihren Unter­ta­nen weis­zu­ma­chen, nur sie allein wäre die demo­kra­ti­sche Regierungsform.

Pius XII. steht am Umschlags­punkt: Der Zwei­te Welt­krieg hat eine »Nei­gung zur Demo­kra­tie unter den Völ­kern« her­vor­ge­bracht, und nun muß geprüft wer­den, ob die Völ­ker noch genug Sub­stanz haben zur Macht­teil­nah­me. Pius XII. stellt fest, daß die Herr­schaft der Mas­se die­se Prü­fung nicht besteht – ein Staat, der sich auf sie ver­läßt, »erschüt­tert die Grund­la­gen sei­ner eige­nen Auto­ri­tät« (Rund­funk­an­spra­che Benig­ni­tas, Weih­nach­ten 1944, 1063). Johan­nes XXIII. geht knapp 20 Jah­re spä­ter davon aus, das

Gemein­wohl bestehe vor allem in der Wah­rung der Rech­te und Pflich­ten der mensch­li­chen Per­son, [daher] muß die Auf­ga­be der Staats­len­ker vor allem dar­in bestehen, daß einer­seits die Rech­te aner­kannt, geach­tet, unter­ein­an­der in Ein­klang gebracht, ver­tei­digt und geför­dert wer­den, und ande­rer­seits jeder sei­ne Pflich­ten leich­ter erfül­len kann (Johan­nes XXIII.: Pacem in ter­ris, 11. April 1963)

und erkennt in der­sel­ben Enzy­kli­ka die UNO-Men­schen­rechts­er­klä­rung an. Johan­nes Paul II. ist dann wei­te­re 30 Jah­re spä­ter der Auf­fas­sung, der

Wert der Demo­kra­tie steht und fällt mit den Wer­ten, die sie ver­kör­pert und för­dert: grund­le­gend und unum­gäng­lich sind sicher­lich die Wür­de jeder mensch­li­chen Per­son, die Ach­tung ihrer unver­letz­li­chen und unver­äu­ßer­li­chen Rech­te sowie die Über­nah­me des ›Gemein­wohls‹ als Ziel und regeln­des Kri­te­ri­um für das poli­ti­sche Leben. (Veri­ta­tis sple­ndor, 6. August 1993)

»Men­schen­rech­te« und »Wer­te« sind kei­ne Ein­he­gungs­be­grif­fe. Wenn­gleich Johan­nes Paul II. die »Wer­te« schüch­tern noch an das alte Natur­recht zurück­bin­den will, ver­tritt er bereits das Voll­bild der demo­kra­ti­schen Ideo­lo­gie. Ein Papst, der sich dem Zeit­geist unter­wirft, kann kei­ne Auto­ri­tät bean­spru­chen, weil er die eige­nen Sub­stanz­be­grif­fe dadurch tem­po­ra­li­siert. Mit vol­ler anthro­po­lo­gi­scher Auto­ri­tät könn­te er sagen: »Ich bin der gute Hirt. Ich ken­ne die Mei­nen, und die Mei­nen ken­nen mich.« (Joh 10,14)

Leo XIII. hat­te eine sol­che anthro­po­lo­gi­sche Auto­ri­tät, er kann­te die Sei­nen und ihre »Inter­es­sen«, und er kann­te die Leh­ren. Die Leh­ren sind hart, und wir blin­zeln­den Zeit­ge­nos­sen ken­nen sie nicht mehr:

Die­sen päpst­li­chen Bestim­mun­gen muß man unbe­dingt fol­gen­de Leh­ren ent­neh­men: die öffent­li­che Gewalt stammt von Gott, nicht von der Men­ge; die Frei­heit zu Auf­ruhr wider­spricht der Ver­nunft; die Pflich­ten des Glau­bens zu miß­ach­ten, oder sich gegen alle Reli­gi­ons­for­men gleich­mä­ßig zu ver­hal­ten, ist ein Unrecht von sei­ten der ein­zel­nen wie von sei­ten des Staa­tes; die unum­schränk­te Denk- und Pres­se­frei­heit liegt nicht in den Rech­ten der Bür­ger und gehört nicht zu den Din­gen, die man mit glei­chem Recht begüns­ti­gen oder för­dern darf. (Immor­ta­le Dei, 887)

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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