Israel oder America First? Streit im MAGA-Lager

Ist der sozusagen "neo-imperiale" Donald Trump angesichts des ruchlosen Coups von Venezuela und dem wachsenden Druck auf Dänemark, Grönland den Vereinigten Staaten zu übergeben, immer noch derselbe Mann, der vor zehn Jahren zum ersten Mal zum Präsidenten seines Landes gewählt wurde?

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wir erin­nern uns an “Ame­ri­ca First”, den “öko­no­mi­schen Natio­na­lis­mus” und vor allem an sei­ne har­sche Kri­tik an den inter­ven­tio­nis­ti­schen Aben­teu­ern sei­ner Vor­gän­ger, ins­be­son­de­re den desas­trö­sen Irak-Krieg. Das hat ihm vie­le Sym­pa­thien und Stim­men ein­ge­bracht, aber Trump hat von Anfang mit gespal­te­ner Zun­ge gesprochen.

Sein Bocks­fuß war stets eine Tat­sa­che, die auch von man­chen sei­ner hie­si­gen Fans enthusia­tisch begrüßt wur­de: Näm­lich sei­ne enge Bin­dung an rechts­zio­nis­ti­sche Krei­se, Geld­ge­ber und Ben­ja­min Netan­ja­hu selbst. Ins­be­son­de­re unse­ren wer­ten “Libe­ral­kon­ser­va­ti­ven” erschien das als ein abso­lu­ter Jack­pot, denn zumin­dest ein klas­si­sches Tot­schlag­ar­gu­ment konn­te man gegen Trump nicht ins Feld füh­ren: Daß er ein “Anti­se­mit” sei. Mehr noch, man konn­te sich hin­ter Trumps schein­bar extre­mer Juden­freund­lich­keit ver­schan­zen wie hin­ter einem Schutz­schild, und von die­sem aus womög­lich auch noch sel­ber “Antisemitismus”-Keulen austeilen.

Nüch­tern betrach­tet kam Trump ein­fach den Inter­es­sen bestimm­ter Grup­pen von Juden ent­ge­gen, wäh­rend ande­re ihn vehe­ment bekämpf­ten. Nun lag aber bereits in sei­ner dezi­dier­ten zio­nis­ti­schen Par­tei­nah­me ein gewis­ser Wider­spruch zu sei­ner Wahl­kampf­rhe­to­rik ver­steckt, denn es ist nun ein­mal so, wie man bei John Mears­hei­mer und Ste­phen Walt mus­ter­gül­tig nach­le­sen kann, daß die ame­ri­ka­ni­schen Ein­grif­fe in den Nahen Osten sehr eng mit der Alli­anz mit Isra­el zusammenhängen.

“Isra­el” umfaßt hier nicht bloß den Staat Isra­el oder die Likud-Par­tei, son­dern auch ein­fluß­rei­che ame­ri­ka­ni­sche Juden mit dop­pel­ter Staats­an­ge­hö­rig­keit, jüdi­sche wie nicht-jüdi­sche Mei­nungs­füh­rer ins­be­son­de­re im evan­ge­li­kal-dis­pen­sa­tio­na­lis­ti­schen Bereich oder schlicht und ein­fach Poli­ti­ker (wie etwa Ted Cruz), die sich die­sem Staat aus reli­giö­sen (den Juden wird als “erwähl­tes Volk” der Bibel ein Son­der­sta­tus unter den Men­schen und Völ­kern zuge­schrie­ben) wie auch mone­tä­ren Grün­den eng ver­bun­den fühlen.

Denn es ist eine Tat­sa­che, daß Lob­bies wie etwa das Ame­ri­can Isra­el Public Affairs Com­mit­tee (AIPAC) einen enor­men Ein­fluß auf ame­ri­ka­ni­sche Sena­to­ren und Kon­greß­män­ner aus­üben, dem sich nur sehr weni­ge, die eine ernst­haf­te Kar­rie­re ver­fol­gen wol­len, ent­zie­hen kön­nen. Auch wenn die­se Ver­bin­dun­gen bei den Repu­bli­ka­nern offe­ner und expli­zi­ter zu Tage lie­gen, betrifft dies Poli­ti­ker bei­der Parteien.

Hier etwa eine bei­spiel­haf­te, aus­zug­haf­te Lis­te, basie­rend auf Daten von opensecrets.org. Dem­nach erhiel­ten fol­gen­de US-Sena­to­ren fol­gen­de Sum­men aus pro-israe­li­schen Quellen:

  • Joe Biden (D): $4,226,576
  • Hil­la­ry Clin­ton (D): $2,352,302
  • Kama­la Har­ris (D): $2,346,605
  • Mark Kirk (R ): $2,294,469
  • Joe Lie­ber­man (D): $1,997,774
  • Mitch McCon­nell (R ): $1,951,910
  • Ted Cruz (R ) : $1,872,592
  • Chuck Schu­mer (D): $1,727,974

Donald Trump selbst hat mas­si­ve Gel­der aus pro-israe­li­schen Quel­len erhal­ten, dar­un­ter hun­der­te Mil­lio­nen Dol­lar von dem inzwi­schen ver­stor­be­nen jüdi­schen Mil­li­ar­där Shel­don Adel­son und des­sen Wit­we Miri­am (gebo­ren 1945 in Tel Aviv). Er hat wie­der­holt mit ver­blüf­fen­der Offen­heit erklärt, daß es ihm ein gro­ßes Anlie­gen sei, Isra­els Macht über den Kon­greß sicher­zu­stel­len (sie­he etwa hier). Also die Macht eines frem­den Staats über die ame­ri­ka­ni­sche Legislative.

Trump, der in die­sem Jahr acht­zig wird, wirkt in sei­nen öffent­li­chen Auf­trit­ten immer mehr wie ein leicht besof­fe­ner, hem­mungs­lo­ser alter Onkel, der auf Fami­li­en­fes­ten kei­nen Pfif­fer­ling mehr auf Eti­ket­te gibt, und auf nahe­zu kla­mau­ki­ge Wei­se die diplo­ma­ti­schen Fas­sa­den der Macht mißachtet.

Am 13. Okto­ber hielt er anläß­lich des Waf­fen­still­stands in Gaza in der Knes­set eine Rede, in der er lau­nig und ohne jeden Genie­rer preis­gab, in Adel­sons Tasche zu ste­cken und sei­ne Poli­tik nach ihren Wün­schen zu gestal­ten. Er sprach sie in einem humo­ri­gen, kol­le­gia­len Ton­fall an, als wäre er in einer aus­ge­las­se­nen pri­va­ten Runde.

Seht euch Miri­am an! Da hin­ten ist sie. Steh auf, Miri­am, steh auf! Miri­am und Shel­don kamen oft ins Büro. Ich glau­be, sie kamen öfter ins Wei­ße Haus als alle ande­ren, die mir ein­fal­len. Seht sie euch an, wie unschul­dig sie da sitzt! Sie hat 60 Mil­li­ar­den auf der Bank. 60 Mil­li­ar­den! [Geläch­ter]

Und sie liebt Isra­el, und sie kamen… Ihr Gat­te war ein sehr aggres­si­ver Mann, aber ich habe ihn geliebt … er hat mich sehr unter­stützt… er rief an und frag­te: Kann ich zu Ihnen kom­men und Sie sehen? Und ich sag­te: “Shel­don, ich bin der Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, das funk­tio­niert so nicht!”

Und er kam und sie haben mich über vie­le Din­ge zum Nach­den­ken gebracht, die Golan-Höhen, was wahr­schein­lich eines der größ­ten Din­ge ist, die je pas­siert sind.

Sie liebt die­ses Land. Ich wer­de sie damit in Schwie­rig­kei­ten brin­gen, aber ich habe sie tat­säch­lich ein­mal gefragt, ich sag­te: “Also, Miri­am, ich weiß, daß Sie Isra­el lie­ben. Was lie­ben Sie mehr, die Ver­ei­nig­ten Staa­ten oder Isra­el?” Sie wei­ger­te sich zu ant­wor­ten. Das könn­te bedeu­ten, daß es Isra­el ist.

Die Hul­di­gung wur­de von der Adres­sa­tin grin­send ent­ge­gen­ge­nom­men, aber viel­leicht war man­chen der Anwe­sen­den (man ach­te auf den Her­ren zur Lin­ken von Miri­am) war etwas mul­mig zumu­te ange­sichts einer der­ar­ti­gen Offen­heit. Trump gab im Grun­de zu, daß er sein Land wie ein Mafia­boß regiert, der stän­dig Deals mit sei­nen “Good­Fel­las” aushandelt.

Den­noch bleibt er unbe­re­chen­bar und erfüllt kei­nes­wegs alle Wün­sche Netan­ja­hus, trotz der per­ma­nen­ten Schlei­me­rei, mit der sich die­se bei­den Staats­män­ner Honig ums Maul schmie­ren. Als es im Juni die­ses Jah­res zur mili­tä­ri­schen Eska­la­ti­on zwi­schen Isra­el und dem Iran kam, bügel­te Trump die­sen Kon­flikt mit ein paar Ali­bi-Aktio­nen nie­der, stieg aber nicht in einen regel­rech­ten Krieg ein, wie es Netan­ja­hu ver­mut­lich gewünscht hätte.

Die­ser gewal­ti­ge Ele­fant im Raum, der immense poli­ti­sche Ein­fluß einer frem­den Nati­on auf die ame­ri­ka­ni­sche Poli­tik und die Art, wie er aus­ge­übt wird (wofür die Adel­sons exem­pla­ri­sche Figu­ren sind) ist der wesent­li­che Grund, war­um sich “die MAGA-Bewe­gung” gera­de zer­strei­tet, wie es Sofia Dreis­bach in der FAZ for­mu­liert hat. 

Sie braucht jedoch acht Absät­ze, bis sie zum Kern des Kon­flikts der ame­ri­ka­ni­schen Rech­ten vor­ge­drun­gen ist, aber nur, um ihn en pas­sant ohne wei­te­re Tie­fen­schür­fung zu erwähnen:

Wie steht MAGA zu Isra­el? Zu antisemi­tischen Aus­sa­gen in den eige­nen Rei­hen? Wie weit geht die von Trumps Anhän­gern immer wie­der beschwo­re­ne Mei­nungs­frei­heit? Was ist „ame­ri­ka­nisch“, was nicht?

Das ist alles nicht scharf genug for­mu­liert, denn die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet: “Isra­el First” oder “Ame­ri­ca First”? Und Dreis­bach über­nimmt den Rah­men eines dezi­dier­ten “Isra­el Firs­ter”, näm­lich Ben Shapiro:

Der kon­ser­va­ti­ve Kom­men­ta­tor Ben Sha­pi­ro, ein ortho­do­xer Jude, mach­te auf der Kon­fe­renz in Phoe­nix den Anfang – und sprach in düs­te­ren Tönen. Die Bewe­gung sei in „ernst­haf­ter Gefahr“, sag­te Sha­pi­ro. Nicht nur von links, son­dern auch durch „Schar­la­ta­ne, die vor­ge­ben, im Namen von Prin­zi­pi­en zu spre­chen, aber in Wirk­lich­keit Ver­schwö­rungs­theo­rien und Unehr­lich­keit ver­brei­ten“. Kon­kret nann­te Sha­pi­ro unter ande­ren die Pod­cas­te­rin Can­dace Owens, die anti­se­mi­ti­sche Paro­len und Ver­schwö­rungs­theo­rien ver­brei­tet, den frü­he­ren Fox-News-Mode­ra­tor Tucker Carlson und Trumps frü­he­ren Chef­stra­te­gen Ste­ve Ban­non. Sie alle sei­en „Betrü­ger und Gauner“.

Wor­um es aber tat­säch­lich geht, ist, daß die “Isra­el Firs­ter”, eine Klas­se ein­fluß­rei­cher jüdi­scher Mili­ar­dä­re und ihrer poli­ti­schen Vasal­len, nun zuneh­mend unter Druck gera­ten, sich der Fra­ge zu stel­len, wel­cher Nati­on sie denn nun eigent­lich tat­säch­lich die­nen und wel­che sie mehr “lie­ben”. Die­se Leu­te müs­sen nun Far­be beken­nen. Das alte The­ma der “dop­pel­ten” oder wah­ren Loya­li­tät liegt nun klar zutage.

Die­se Fra­ge ist vor allem des­halb inner­halb der MAGA-Bewe­gung viru­lent gewor­den, weil eine jün­ge­re Gene­ra­ti­on von Repu­bli­ka­nern immer weni­ger mit dem Isra­el-Kult der “Boo­mer” anfan­gen kann, die immer noch im Ban­ne der von Peter Novick und Nor­man Fin­kel­stein beschrie­be­nen poli­ti­schen Indienst­nah­me des Holo­caust ste­hen. Nicht nur ver­liert die­se his­to­ri­sche Erzäh­lung an emo­tio­na­ler und sym­bo­li­scher Macht – der Zio­nis­mus, der sich stark auf sie stützt, hat nicht zuletzt durch sein Vor­ge­hen in Gaza enorm an mora­li­schem Pres­ti­ge eingebüßt.

So muß man mei­ner Ansicht auch den Brief Char­lie Kirks an Netan­ja­hu vom 2. Mai 2025 lesen, näm­lich als Zwi­schen­sta­ti­on zu sei­ner wach­sen­den Distanz zum Zio­nis­mus und sei­nen aggres­si­ven Lob­by­is­ten inner­halb Ame­ri­kas, die nach sei­ner Ermor­dung viel­fach belegt wur­de. Die wesent­li­che Bot­schaft dar­in ist, daß Isra­el den Pro­pa­gan­da­krieg ver­liert und nicht mehr imstan­de ist, Kirks Ziel­grup­pe, die jun­gen Repu­bli­ka­ner unter drei­ßig, zu errei­chen, denen die bizar­re Unter­wer­fung des Par­tei­estab­lish­ments unter einen frem­den Staat zuneh­mend suspekt, unwür­dig und ärger­lich erscheint.

Mil­len­ni­al Woes kom­men­tier­te die­sen Ablö­sungs­pro­zeß so: 

Trotz Trumps Zurück­hal­tung in Bezug auf krie­ge­ri­sche Unter­neh­mun­gen ist der Ein­fluß der zio­nis­ti­schen Lob­by auf die ame­ri­ka­ni­sche Poli­tik offen­sicht­li­cher denn je und wird hef­ti­ger abge­lehnt, als ich es je zuvor in mei­nem Leben gese­hen habe. Dies hat bereits erheb­li­che Aus­wir­kun­gen. Lin­ke Kom­men­ta­to­ren (zum Bei­spiel Ana Kas­pa­ri­an) sagen Din­ge, für die man frü­her auf  You­Tube gesperrt wur­de. Elon Musk hat ange­kün­digt, Tho­mas Mas­sie [einer der weni­gen isra­el­kri­ti­schen Repu­bli­ka­ner, ML] finan­zi­ell zu unter­stüt­zen. Und das ist erst der Anfang. Mit dem kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Macht­zu­wachs der Mil­len­ni­als & Zoo­mer im Lau­fe der nächs­ten Jah­re wird Isra­els Sta­tus in der ame­ri­ka­ni­schen Wahr­neh­mung dras­tisch sinken.

Ich glau­be, daß wir in naher Zukunft ein ganz ande­res Ame­ri­ka erle­ben wer­den, als wir es bis­her kann­ten, und dies nicht allein des­we­gen, weil die Boo­mer-Gene­ra­ti­on aus­stirbt; es sind die Israe­lis selbst, die sich dis­kre­di­tiert haben. Vie­le Ame­ri­ka­ner stel­len sich wahr­schein­lich zum ers­ten Mal in ihrem Leben die Fra­ge, war­um ihr Land aus­ge­rech­net die­sem Schur­ken­staat gegen­über so unter­wür­fig ist. Die poli­ti­sche Maschi­ne­rie wird gewiß auf­grund einer Mischung aus Unwis­sen­heit, Gewohn­heit und Ver­zweif­lung erst­mal wei­ter­lau­fen – die Unter­wür­fig­keit wird anhal­ten – und das wird die Lage nur ver­schlim­mern. Wenn nor­ma­le Ame­ri­ka­ner sehen, daß ihre Poli­ti­ker immer noch so unter­wür­fig sind wie eh und je, wird ihre Unzu­frie­den­heit zunehmen.

Ein wesent­li­cher Mei­len­stein in die­sem Dis­kurs, eine mas­si­ve Ver­schie­bung des Over­ton-Fens­ters war das ent­spann­te, respekt­vol­le Inter­view, das Tucker Carlson, der erfolg­reichs­te rech­te Influen­cer der älte­ren Gene­ra­ti­on, am 28. Okto­ber 2025 mit Nick Fuen­tes, dem erfolg­reichs­ten rech­ten Influen­cer der jün­ge­ren Gene­ra­ti­on, geführt hat.

Fuen­tes war, so kann man wohl getrost sagen, der wesent­lichs­te und schärfs­te Kon­kur­rent Char­lie Kirks im Kampf um die repu­bli­ka­ni­sche Jugend. Sein Appeal besteht vor allem in sei­ner flam­boy­an­ten und furcht­lo­sen Art, die kras­ses­ten und kan­tigs­ten Din­ge an- und aus­zu­spre­chen, unter völ­li­ger Miß­ach­tung jeg­li­cher The­men- und Diskussionstabus.

Süch­tig nach der Show und der Per­for­mance, nach Poin­ten und der Zur­schau­stel­lung sei­ner eige­nen Radi­ka­li­tät, hat Fuen­tes ein beacht­li­ches Sün­den­re­gis­ter an kon­tro­ver­sen, oft gezielt belei­di­gen­den (“ras­sis­ti­schen”, “anti­se­mi­ti­schen”, “frau­en­feind­li­chen” etc.) Aus­sa­gen ange­häuft, die ein­an­der nicht sel­ten wider­spre­chen. Hei­schend nach größt­mög­li­cher Auf­merks­ameit, kennt er kaum Prin­zi­pi­en­treue, ist aber in min­des­tens einem Punkt beharr­lich und kon­sis­tent geblie­ben, und das ist genau jener, den er mit Carlson gemein­sam hat: Näm­lich der Kri­tik und schar­fen Ableh­nung der zio­nis­ti­schen Einflußnahme.

Dar­über gab es auch in unse­ren alter­na­ti­ven Medi­en nur Unsinn oder Nebel­ker­zen zu lesen. Ste­fan Frank beschränk­te sich auf der pro-israe­li­schen, neo­kon­ser­va­ti­ven Ach­se des Guten dar­auf, eine selek­ti­ve Aus­wahl der haar­sträu­bends­ten Äuße­run­gen von Fuen­tes (die er ver­mut­lich nur aus zwei­ter bis drit­ter Hand kennt) her­un­ter­zu­lei­ern. Und hier gibt es in der Tat eine Men­ge Unfug, Anstö­ßi­ges und auch für mei­ne eige­nen Begrif­fe Wider­wär­ti­ges und Dum­mes zu fin­den. Aber in sehr vie­len Din­gen trifft Fuen­tes ganz offen­sicht­lich ins Schwar­ze, wor­auf Frank nicht argu­men­ta­tiv, son­dern nur frech gas­lich­ternd ein­geht. Kostprobe:

In der wahn­haf­ten Welt von Anti­se­mi­ten wie Fuen­tes aber lau­ert über­all der „Anti­se­mi­tis­mus­vor­wurf“. Weit­schwei­fig erzähl­te er, wie er aus­ge­grenzt wor­den sei, so etwa vom kon­ser­va­ti­ven jüdi­schen Jour­na­lis­ten Ben Sha­pi­ro, der ihn als Anti­se­mi­ten bezeich­net habe – was Fuen­tes ja nun ein­mal ist. Er habe Sha­pi­ro damals geant­wor­tet: „Wenn du zuerst für Isra­el bist, soll­test du viel­leicht nach Isra­el zie­hen.“ Dar­auf­hin habe ihn Sha­pi­ro wie­der als Anti­se­mi­ten bezeichnet.

Ein wei­te­rer Punkt, in dem sich Carlson und Fuen­tes als gläu­bi­ge Chris­ten einig sind, ist die vehe­men­te Ableh­nung des “christ­li­chen Zio­nis­mus”, der die Gebiets­an­sprü­che und die Poli­tik des Staa­tes Isra­el biblisch begrün­det. Die Chris­ten haben gemäß die­ser Ideo­lo­gie die Pflicht, den Juden und Isra­el zu die­nen, auch wenn sich dies auf bei­den Sei­ten mit ein­an­der ent­ge­gen­ge­setz­ten mes­sia­ni­schen End­zeit- und „Armageddon“-Ideen ver­bin­det. Die christ­li­che Ver­haf­tung an das Alte Tes­ta­ment wird hier mani­pu­la­tiv miß­braucht, um die zio­nis­ti­sche Sache zu stüt­zen (ich habe aus­führ­li­cher über die­ses The­ma in Sezes­si­on 124 geschrieben).

Auch zu die­sem für die ame­ri­ka­ni­schen Kon­ser­va­ti­ven essen­ti­el­len Punkt fällt Frank nichts ein außer Schmähungen:

Carlson will an die­ser Stel­le nicht nach­ste­hen. Er has­se die „christ­li­chen Zio­nis­ten“, platz­te es aus ihm her­aus, also pro­is­rae­li­sche Chris­ten wie Ted Cruz oder Geor­ge W. Bush. „All die Leu­te, die ich ken­ne, sind von die­sem Hirn­vi­rus befal­len […] Ich ver­ab­scheue sie mehr als alle ande­ren, weil es Ket­ze­rei gegen das Chris­ten­tum ist.“ Dar­um geht es bei­den: Das Chris­ten­tum zur selbst gebas­tel­ten Waf­fe machen gegen poli­ti­sche Gegner.

Der letz­te Satz stellt die Lage auf den Kopf, denn es ist ja nicht ande­res als die poli­ti­sche Nut­zung bestimm­ter theo­lo­gi­scher Vor­stel­lun­gen als “Waf­fe gegen poli­ti­sche Geg­ner”, gegen die sich Carlson und der Katho­lik Fuen­tes wen­den. Dar­an ist nichts “selbst gebas­telt”; wenn über­haupt kann man die­sen Vor­wurf genau­so gut der Ideo­lo­gie des “christ­li­chen Zio­nis­mus” machen.

Das Bemer­kens­wer­te an dem Fuen­tes-Inter­view ist, daß die anschlie­ßen­den Ver­su­che der getrof­fe­nen bell­len­den Hun­de à la Sha­pi­ro, Carlson ob die­ser Grenz­über­schrei­tung zu äch­ten und aus­zu­gren­zen, voll­kom­me­nen geschei­tert sind. Ihr Behar­ren, daß “Ame­ri­ca First” eine zio­nis­ti­sche Par­tei­nah­me vor­aus­setzt oder min­des­tens inklu­diert, erscheint zuneh­mend absurd und ergibt kei­nen Sinn für die jun­gen ame­ri­ka­ni­schen Patrioten.

Daß die­sel­ben Leu­te am “First Amend­ment” sägen und “anti­se­mi­ti­sche” Äuße­run­gen (also sol­che, die ihre Poli­tik kri­ti­sie­ren) zen­sie­ren oder gar straf­bar machen wol­len, macht die Sache nicht bes­ser, im Gegen­teil. Fuen­tes ist nun Teil des akzep­tier­ten Mei­nungs­spek­trums, und dar­an wird sich wohl so bald nichts mehr ändern, schon allein des­we­gen, weil er den Fin­ger in eine Wun­de legt, die nur die ein­schlä­gig inter­es­sier­ten Betriebs­blin­den nicht sehen wol­len oder können.

In die­sem „Bür­ger­krieg“ inner­halb der ame­ri­ka­ni­schen Kon­ser­va­ti­ven hat die pro-israe­li­sche Sei­te so gut wie kei­ne Argu­men­te auf ihrer Sei­te, und ant­wor­tet mit den übli­chen Dro­hun­gen, Beschimp­fun­gen, Aus­gren­zungs­ver­su­chen und Gesprächs­ver­wei­ge­run­gen. Der ans Sozio­pa­thi­sche gren­zen­de Eth­no­nar­ziss­mus, der Gaza ver­wüs­tet hat, ist vol­ler blin­der Fle­cken über sein eige­nes Ver­hal­ten. Dies­mal hat er den Bogen ver­mut­lich über­spannt. Grad­mes­ser dafür wer­den die kom­men­den Ent­wick­lun­gen in den USA sein.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (14)

Freichrist343

13. Januar 2026 14:42

Die Intervention in Venezuela ist ein Fehler. Und es ist ein Fehler, dass Trump die Rüstungsausgaben erhöht. Gut ist, dass Trump die Einwanderung begrenzt und gegen Abtreibungen kämpft.
https://jlt343.wordpress.com

MarkusMagnus

13. Januar 2026 15:00

Diesen Richtungsstreit wird es auch in der AFD geben. Gibt es ja jetzt schon, wenn auch auf noch auf Sparflamme. 
Meiner Meinung nach kann niemand, der sein deutsches Vaterland wirklich liebt, gleichzeitig Zionist sein. Völlig ausgeschlossen.
Wir haben schon genug zionistische Parteien, nämlich alle Anderen. So sieht deren Politik in Deutschland dann auch aus.
 

Alex Schleyer

13. Januar 2026 15:11

Danke, Martin, für diesen wichtigen und hoffentlich wegweisenden Text! Sowohl als Auslandsdeutscher als auch als Vielreisender sehe ich mit eigenen Augen, daß Angehörige dieses Völkchens beinahe überall in die schäbigsten Deals verwickelt sind und auch keinen Hehl draus machen. Immerhin gehe ich im östlichen Mittelmeer sogar mit manchen von denen mal ein Bierchen trinken. Von den Waldbränden auf Zypern bis zum Kokainhandel in Thailand weiß ich, daß überall in großem Stil die berühmten "Israeli businessmen" stecken - nicht nur, aber federführend und die Lokalpresse berichtet sogar drüber. So wenig ich die Palästina-Euphorie teile, so sehr ist der komplette Bruch mit Israel die einzige nachhaltige Lösung zahlreicher innerer, äußerer, nationaler wie globaler Spannungen. Und das sollte sich auch die Rechte getrauen, mal offen auszusprechen. 

Majestyk

13. Januar 2026 15:19

Endlich kann Martin Lichtmesz seinen Antiamerikanismus und seinen Antizionismus wieder unter einen Hut bringen.
Trump betreibt keine Politik nach moralischen Grundsätzen, sondern nach Interessen. Dafür regiert der eine Weltmacht, was regieren dessen Kritiker?

ML: Das ist ja der Kern der AF-Kritik, dass Israels Interessen nicht die amerikanischen sind.

Venezolanisches Öl oder grönländische Rohstoffe chinesischen oder russischen Einflüßen zu entziehen, auch dem Einfluß einer linken EU ist ein Interesse. Nicht zu vergessen die GIUK-Lücke. Es ist gleichfalls ein Interesse im Iran ein Regime zu installieren, welches mit Israel kooperiert und dieses nicht attackiert und welches mit BRICS bricht. Damit nimmt man eine weitere Figur aus dem Spiel.
Es ist ebenfalls ein Interesse, daß die Levante von Israel kontrolliert wird und nicht von einem muslimischen Staat mit Eigeninteresse oder einem Staat, welcher auf die Idee kommt, mit China zu kooperieren. Gäbe es Israel nicht, müßte der Westen die Levante selber einnehmen. Jetzt ist der Brückenkopf nahe dem Suezkanal halt jüdisch. Darüber empören sich aber nur Leute, die ein Problem mit Juden haben. 
Zur Geopolitik gehören schmutzige Deals, wie auch divide et impera. Entweder man akzeptiert das oder sollte nicht versuchen mitzuspielen. Machtausübung ist stets pragmatisch, nie moralisch oder idealistisch. Wer hier in Europa Politik immer noch nach moralischen Kategorien definiert oder nicht von seiner jeweiligen Ideologie lassen kann, verdammt Europa zum Zusehen und damit Absturz. 

Le Chasseur

13. Januar 2026 15:33

"Der ans Soziopathische grenzende Ethnonarzissmus, der Gaza verwüstet hat, ist voller blinder Flecken über sein eigenes Verhalten. Diesmal hat er den Bogen vermutlich überspannt."
Sieht so aus:
Israel ranks last again in global Nation Brands Index amid sharp perception decline
Israel recorded a 6.1% drop in its overall score, the sharpest decline in the index’s history, placing it at the bottom of the 50-country ranking for a second year in a row. (...) In the category measuring human sentiment – including trust, empathy, and goodwill toward citizens – Israel ranked last, reflecting what the report describes as a collapse in positive sentiment toward Israelis themselves. (...)
The most pronounced deterioration was recorded among Generation Z respondents – particularly in Western countries – where Israel ranked last and was widely perceived as a colonial or illegitimate state.

RMH

13. Januar 2026 16:45

"Der ans Soziopathische grenzende Ethnonarzissmus, der Gaza verwüstet hat, ist voller blinder Flecken über sein eigenes Verhalten."
Es ist vermutlich der von Seiten der Hamas und ihrer Anhänger gemeint, oder?
Frage für einen Freund bzw. Spaß bei Seite: Das wird sicher eine muntere Debatte zu dem informativen Artikel, welcher der Moderation einiges abverlangen kann. Aber bislang hat es meisten am Ende doch gut funktioniert. Bin gespannt, was alles kommt, man lernt nie aus. 

Beta Jas

13. Januar 2026 17:27

Eine Frau, die Milliarden auf der Bank hat, kontrolliert einen Mann, der Präsident der USA ist. Das war's nun mit toxischer Männlichkeit und Patriarchat ;) Wie sich die Zeiten halt ändern, und so manches an Denkmustern und Antworten aber leider gleich bleibt, wenn es um bestimmte Personen geht.
Ich bin nicht der Meinung das die Sicherheit Israel Staatsräson Deutschlands wäre, dafür ist hauptsächlich die Armee des Landes selbst verantwortlich. Auch der Altkanzler Helmut Schmidt sprach sich gegen diese Gewichtung aus, sie wäre aus seiner Sicht falsch und gefährlich. Er hatte übrigens eine Cousine in Israel!
Das Trump aber lautstark auf Israel in der arabischen Welt setzt, ihm seine Sicherheit wichtig ist, sollte nicht wundern, wenn es um geopolitisches strategisches Denken geht. Jeder selbstbewusste Europäer sollte auch interessiert nach Israel sehen, jeder Rechte kann Israel argumentativ auch heranziehen, denn die bundesdeutsche Staatsräson will ein Land verteidigt wissen, das im Wesentlichen im Gegensatz zu der Politik der Linksextremisten in den Parteien Deutschlands und in anderen europäische Ländern steht, die die arabischen Nachbarn Israels nach Europa lassen.
Zu den Personen wie Fuentes oder Carlson muss ich sagen, das sie für mich wie Milo Yiannopoulos sind. Sie sind nicht glaubwürdig, sie veranstalten eine politische Show, ihnen fehlt die Konsequenz, auch die intellektuelle Schärfe, wenn man alle Äußerungen sich anschaut.

MarkusMagnus

13. Januar 2026 17:51

"Dieser gewaltige Elefant im Raum, der immense politische Einfluß einer fremden Nation auf die amerikanische Politik und die Art, wie er ausgeübt wird (wofür die Adelsons exemplarische Figuren sind) ist der wesentliche Grund, warum sich “die MAGA-Bewegung” gerade zerstreitet, wie es Sofia Dreisbach in der FAZ formuliert"
Für mich sind Leute wie Epstein exemplarische Figuren für die Art und Weise, wie der Einfluss auf die amerikanische Politik ausgeübt wird. 
Israel betreibt buchstäblich Politik auf dem Rücken von geschändeten Kindern. Weissen Kindern. Unseren! Kindern. Das Wertvollste was wir haben.
Abscheulicher geht es nicht. Komme mir hier niemand mehr der diesen kaputten Staat verherrlicht oder in Schutz nimmt.
Hier auch ein schönes Video von Myriam Francois, wie die Jugend Israel sieht. 55% sagen Israel hätte kein Existenzrecht. Bam!
https://www.youtube.com/shorts/3z2mUc7aiWc?feature=share
 

Ein gebuertiger Hesse

13. Januar 2026 18:12

Mal abgesehen davon, daß so ziemlich nichts, was man so tut und denkt, Einfluß auf ein politisches Geschehen hat, stellt sich doch die Frage, ob man für oder gegen Trump "ist", ob man im eigenen Stübchen sein Team, wie irgendne Fußballmannschaft, unterstützt oder nicht. Weiß ich's für mich? Nein. So wie der aussieht - kommt nicht in Frage. Wie er das hiesige Establishment ärgert - jederzeit. Schwierig.

dojon86

13. Januar 2026 18:23

@Beta Jas Schon richtig. Im Kern vertritt Israel den Ethnostaat und es ist sicher richtig, dass Israelische Politiker und Intellektuelle vor der euphemistisch Multikulturalisierung genannten Umwandlung Westeuropas in ein Land mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung warnen. Sie tun dies aber erst seit relativ kurzer Zeit, nämlich seitdem ihnen klar geworden ist, dass sie langfristig riskieren ihr strategisches Hinterland zu verlieren.

Valjean72

13. Januar 2026 18:24

bez. der Rede Trumps im Oktober in der Knesset, halte ich es immer noch für möglich, dass Trump durch seine joviale Art auf Dinge aufmerksam macht - und zwar gezielt - die sonst nicht in die Öffenlichkeit gelangen würden.
 
Ansonsten vielen Dank für diesen Artikel.

Karl

13. Januar 2026 18:24

@ ML: „Ist der sozusagen "neo-imperiale" Donald Trump angesichts des ruchlosen Coups von Venezuela und dem wachsenden Druck auf Dänemark, Grönland den Vereinigten Staaten zu übergeben, immer noch derselbe Mann, der vor zehn Jahren zum ersten Mal zum Präsidenten seines Landes gewählt wurde?“
@Freichrist343: 13. Januar 2026 14:42
„Die Intervention in Venezuela ist ein Fehler.“
Der Mann ist noch derselbe. Die geopolitische Lage nicht. Die Intervention ist kein „Fehler“: https://x.com/Spoton101/status/2009769994997923912?s=20

Le Chasseur

13. Januar 2026 18:32

Donald Trump, der erste jüdische US-Präsident:
https://www.facebook.com/groups/556644002069948/posts/1486005535800452/
"It's true." -Donald Trump

Majestyk

13. Januar 2026 18:38

@ Freichrist343:
"Die Intervention in Venezuela ist ein Fehler."
Sehen 9 Mio. Exil-Venezolaner und etliche Millionen im Land verbliebene Menschen anders und wenn Moskau, Peking und Brüssel protestieren, kann Trumps Strategie so falsch für Amerika nicht sein. 
@ Beta Jas:
Carlson ist harmlos, hat sich als Journalist diskreditiert als er mit großen Augen Putin anhimmelte und nicht zu einer einzigen kritischen Frage fähig war. 
Fuentes ist ein ideologischer Brandstifter. Aus amerikanischer Sicht gefährden Leute wie Fuentes den Zusammenhalt der Nation.
"Das Trump aber lautstark auf Israel in der arabischen Welt setzt, ihm seine Sicherheit wichtig ist, sollte nicht wundern, wenn es um geopolitisches strategisches Denken geht."
Ist Ideologen fremd. Statt das "Grönland den Grönländern" der Linken zu nutzen und auf Deutschland umzudichten, empört man sich lieber mit Kopenhagen oder Brüssel.
Es ist eine reine Behauptung, daß die USA keinen Nutzen aus Israel ziehen. Israel ist der entscheidende Faktor die Region immer wieder auszubalancieren.
Deutsche Staatsräson sollte einzig und alleine die Sicherheit Deutschlands sein. Ich würde mir eine Politik wünschen, die sich nur deutschen Interessen widmet, frei von Ressentiments und Präferenzen. Wunschdenken. 
@ RMH:
"Bin gespannt, was alles kommt, man lernt nie aus."
Ich bin gespannt, ob von mir überhaupt was kommt und wer mich rüffelt. Sie haben Ihre Aussage aber schön verpackt.