von Sophie Liebnitz –
I
Was läßt sich sinnvollerweise über einen Autor sagen, über den so vieles gesagt worden ist, über dessen Werk (und Person) sich viel Erwartbares von beiden Enden des politischen Spektrums ergossen hat? Nach dem Februar 1993, in dem »Anschwellender Bocksgesang« im Spiegel erschienen war, ließ sich meist recht genau prognostizieren, was von diesem oder jenem Kritiker geschrieben, verkündet, statuiert werden würde. Die Strauß-Rezeption nahm die Spaltung der Gesellschaft vorweg, oder vielleicht machte sie sie auch einfach deutlich, bevor sie auf breiter Front sichtbar wurde.
Vieles jedenfalls […] nahm den Charakter eines Bratens an, von dem man mit einem am Bocksgesang geschliffenen Messer die passenden Stücke heruntersäbelte. Derlei wird einem Botho Strauß nicht gerecht
schrieb Götz Kubitschek an dieser Stelle vor zehn Jahren zum siebzigsten Geburtstag. Nein, derlei wird einem Botho Strauß nicht gerecht. Die Frage bleibt, wie man einem Schriftsteller (einem echten Au[c]tor, also Urheber, im Grundsinn des Wortes) gerecht werden kann, der in einen Kulturkritiker und einen ins Herz der je gegenwärtigen Erscheinung zielenden Poeten auseinanderzufallen scheint – zwei Sträuße, wenn man so will; allerdings nur auf den ersten Blick, denn selbst die sensibelsten Beobachtungen sind durchdrungen von einer Distanz zu ihrem Gegenstand, die den Analytiker im Hintergrund immer durchschimmern läßt, und umgekehrt zehren natürlich die kulturkritischen Einlassungen von der genauen Beobachtung dessen, was alltäglich der Fall ist.
II
Wer hinter der Feinnervigkeit des Autors allüberall »Irrationalismus« wittert (als ob, und erst recht in der Kunst, die von A‑Rationalität zehrt, nur »rationale« Haltungen eine Berechtigung hätten), der kann bei Gelegenheit auch auf einen ganz anderen Botho Strauß treffen. In einem Artikel von 2011, der sich unter anderem mit den »Finanzstrategien der EZB« befaßt, heißt es nüchtern:
Gerade angesichts der Krisenkette zur Einleitung des neuen Jahrtausends wäre es ratsam, ein Pflichtfach Ökonomie für höhere Schulklassen einzurichten. Nicht um noch gerissenere Marktteilnehmer zu erzielen, sondern um der gefährlichen Bequemlichkeit sich forterbender antikapitalistischer Affekte, der im Volk wahrscheinlich am weitesten verbreiteten intellektuellen Einschränkung, entgegenzuwirken.(1)
Aber ohnehin ist die Gegenüberstellung von Rationalität und Irrationalität, Nüchternheit und Trunkenheit viel zu plump.
Äußerungen, die mehr bringen wollen als promptes politisches Bekennen, leiden häufig an der nämlichen Schwäche: Sie sagen nichts als das Naheliegende. Gute Reflexion entfernt indessen ihren Gegenstand, bis er sich etwas befremdlich und damit vielleicht erkenntnisergiebiger ausnimmt als im direkten Zugriff
schreibt Strauß an selber Stelle.
Verfremdung als Prinzip ist ein genuin dichterisches Verfahren: Es dient der Verlangsamung und Erschwerung des Leseprozesses und will auf diese Weise den Leser daran hindern, über den Text hinwegzugleiten. Strauß bringt dieses Prinzip auch in seine Stellungnahmen zur gesellschaftlichen Lage ein. Sein sich Menschen, Dingen und Lagen anschmiegendes, sie gewissermaßen abtastendes und die Erkenntnisbildung erschwerendes Schreiben tritt in Konkurrenz mit dem üblichen analytischen Zugriff, der, man kann es schwer bestreiten, an realitätserschließender Kraft verloren hat. Grund dafür ist die Tendenz zur modischen Konjunktur in den Geistes- und Sozialwissenschaften:
Theorien überleben sich in kurzen Zeiträumen, im vergangenen Jahrhundert bestimmt ein gutes Dutzend an der Zahl. Die Werke haben dazu nur den Kopf geschüttelt. (2)
III
Man schreibt einzig im Auftrag der Literatur. Man schreibt unter Aufsicht alles bisher Geschriebenen. Man schreibt aber doch auch, um sich nach und nach eine geistige Heimat zu schaffen, wo man eine natürliche nicht mehr besitzt. (3)
Das ist unter drei Gesichtspunkten bemerkenswert: Strauß definiert sich zunächst als reinen Literaten, genau der Strauß, der dem Feuilleton Anlaß zur Inszenierung eines der nachhallendsten Literaturskandale des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts geben sollte. Zweitens: Statt sich eine vatermörderisch gestimmte Überbietungsästhetik zu eigen zu machen, definiert sich der Autor als Traditionalist, der sich einem literarischen Erbe verpflichtet sieht. Und schließlich weist er dieser als zweckfrei erscheinenden Tätigkeit dann doch einen Zweck zu: Sie soll eine selbstgebaute geistige Heimat schaffen, da, und diese Aussage kann man nicht anders als politisch lesen, »man eine natürliche nicht mehr besitzt.«
Hier wird eine Ambivalenz sichtbar: Auch wer »einzig im Auftrag der Literatur« schreibt, kann nicht durchgängig a- oder antipolitisch sein. Literatur transformiert Wirklichkeitswahrnehmung und kann das selbst bei radikalster Verfremdung kaum zum Verschwinden bringen. Die Wirklichkeit, die in den Text geschwemmt wird, ist eine gegenwärtige, politische wie metapolitische Gegebenheiten und Entscheidungen schlagen sich als Sediment in ihm nieder.
Wenn im neuen Werk Das Schattengetuschel ein Aphorismus fragt »Wozu die tiefen Blicke, wenn sie dann nur zu einer leidenschaftlichen Veganerin führen?«, dann wird – hier ausnahmsweise mit einem komischen Akzent – deutlich: Das Private ist, wie in der Studentenrevolution postuliert, tatsächlich politisch geworden. Bloß hat sich hier kein Versprechen erfüllt, sondern eine Drohung. Der Ideologisierung des Alltags kann man immer weniger entfliehen.
IV
Und gerade deshalb verortet Strauß sich selbst konträr. Wie?
Das Mißverständnis begann mit dem Helden. Botho Strauß ist kein Mann, der einen Kulturkampf anführen könnte. Reaktionär hat man ihn genannt, und er hat es nie zurückgewiesen, aber der Begriff paßt nicht. Der Reaktionär träumt davon, verschüttete Verhältnisse wiederherzustellen. An diese Möglichkeit glaubt der leise und scheu in der Uckermark lebende Strauß nicht. (4)
Strauß selbst allerdings faßt den Reaktionär als jemanden, der auf der Suche nach etwas Überzeitlichem ist, also nicht nach historischer Rückabwicklung verlangt.
Der Reaktionär läßt, was niemals war, geschehen sein. Er verklärt als der echte Epiker das Gewesene, um es jederzeitlich zu machen. Das war nie und ist immer, die Definition des Mythos (bei Walter F. Otto nach einem Wort des Sallust), behauptet auch der Reaktionär. Es macht ihn zum Geschichtsmythologen. Als solcher verfolgt er Ordnungsphantasmen, die sich einer fabulösen Eingebung eher verdanken als einem politischen Kalkül. […] Der Reaktionär ist Phantast, Erfinder (der Konservative dagegen eher ein Krämer des Bewährten). Gerade weil nichts so ist, wie er’s sieht, noch gar nach seinem Sinn sich entwickelt, steigert er die fiktive Kraft seiner Anschauung und verteilt die nachhaltigsten Güter des Geistes und des Gemüts. Oder die lange anhaltenden. Oder die im Entleerten sich erneuernden (um der entleerten Vokabel ein wenig variablen Sinn zu unterlegen).(5)
Diese Bestimmung ist keine politische, und sie steht in engster Beziehung zu einem Konzept, dessen Inhalt dem Politischen gänzlich entrückt ist: der die moderne Literatur heimsuchenden Vorstellung einer »realen Gegenwart«. Realpräsenz ist das Herz religiöser Erfahrung, ebenso der Anfang der Ich-Erfahrung und im Wortsinn (aisthesis: »Wahrnehmung«) immer zugleich ein ästhetisches Erlebnis. Wirklich erlebbar ist sie immer nur einem in diesem Erlebnis Vereinzelten, selbst wenn sie sich in einer Gemeinde ereignen sollte; es ist der einzelne, der von der realen Anwesenheit von etwas getroffen wird, weshalb es in diesem Augenblick nur mehr ihn und diese Präsenz gibt.
Diese Konstellation, in der ein vereinzeltes und damit gefährdetes Ich aus der Begegnung mit einem im höchsten Sinn Realen auf der einen und einer mächtigen Tradition auf der anderen Seite Halt bezieht, erklärt auch die Vehemenz von Strauß’ Medienkritik, erscheinen doch gerade die Sozialen Medien als das Reich des Uneigentlichen, Abgeleiteten und Konformen schlechthin. Man mag darüber streiten, ob das in Sachen Konformität zutrifft, denn bei allen Einschränkungen und Zensurmaßnahmen waren es doch diese, die in Corona-Zeiten Abweichlern ein Forum boten.
Manchmal verfällt Strauß zudem dem Kokettieren mit einem gewollten Negativismus. »Jenen Raum der Überlieferung von Herder bis Musil wollte doch niemand retten.« (6) Mit Verlaub: Das stimmt nicht. Gott sei Dank! Neben der vielleicht kleinen (aber vielleicht auch gar nicht so kleinen) Gemeinde leidenschaftlicher Leser trägt selbst eine auf postmoderne Destruktion gepolte Literaturwissenschaft nolens volens zur Bewahrung bei.
Das Werk durchzieht eine dezente, aber hartnäckige Selbststilisierung des Dichters nicht nur als »Überzeitlicher« und damit zugleich »Allzeit-Unzeitgemäßer«, sondern schärfer als »Idiot«, sprich als Parzival-Figur: Seine Eingebungen sind »Lichter des Toren« – in jedem Falle eines programmatischen »Außenseiters«. Diese Zuschreibungen sind zunächst nicht politisch, sondern eine ästhetische Strategie: Absonderung, Abweichung, Außenseitertum (sei es als Prophet oder Aussätziger) sind seit der Romantik für Künstler nahezu obligatorisch.
Der Skandalautor ist das Lieblingskind des Literaturbetriebs schlechthin, allerdings unter der Bedingung, daß er die paradoxe Form des »konformistischen« Skandals erzeugt, der inszeniert wird, um avantgardistisch-progressive Schafe von »reaktionär-spießigen« Böcken zu trennen, und der Interpretenkaste erlaubt, sich ins rechte Licht zu setzen. Ein Beispiel dafür ist die Publikumsbeschimpfung des von Strauß seiner Sprachkritik wegen geschätzten jungen Peter Handke, die als Skandal in die Literaturgeschichte einging, obwohl es einen solchen de facto nie gegeben hat: Die maßgebliche Presse war überwiegend enthusiastisch. Strauß’ »Skandal« um den »Bocksgesang« war nicht von dieser Art. Er war ein echter Verstoß – und damit mehr als Literatur.
V
Ende Oktober erschien Strauß’ neuestes Buch, Das Schattengetuschel, ein Prosaband ohne Gattungsbezeichnung. Eine solche wäre auch schwierig zu finden gewesen. Den drei Teilen (»I Um uns im Raum ein ruhloses Flüstern, als käm es von tuschelnden Schatten«, »II Der allzeit Unzeitgemäße«, »III Auch einer: Der Sätzemacher«) ist eine kurze – ja, was? Erzählung? Prosastudie? – vorangestellt, in der ein alter Vater, der »Einsame«, seinen erwachsenen Sohn erwartet, den er seit drei Jahren nicht gesehen hat und der sich schließlich per SMS entschuldigt und seinen Vater auf ein nächstes Mal vertröstet.
Der Text geht unmittelbar ans Herz, aber es ist fast der einzige in dem 230 Seiten umfassenden Band (das Vater-Sohn-Thema kehrt dazwischen wieder und umschließt die Textblöcke wie eine Klammer), und er wirkt dabei wie ein auf die Realität geöffnetes Fenster in einem Raum voll von eigentümlichem Zwielicht und rätselhaften Geräuschen: Mit »tuschelnden Schatten« ist die Atmosphäre treffend gekennzeichnet. Die mal kürzeren, mal längeren Texte mischen Reflexionen und Porträts mit surrealen erotischen Konstellationen, die zwischen Realität, Träumen und Tagträumen zu changieren scheinen – so eine Busfahrt des Erzählers mit Ehefrau (auf dem Sitz neben ihm) und Geliebter (auf dem Sitz hinter ihm), während der er in die Reihe gegenüber wechselt und einer Fremden die Schweißperlen ableckt.
Überhaupt spielen Erotik und Sexualität eine erstaunlich große Rolle: Nichtsdestoweniger werden sämtliche sozialen Beziehungen (außer die zum Sohn) mit der gleichen befremdeten Distanz behandelt, wie sie auch schon die früheren Arbeiten kennzeichnete. Keine der Figuren, von denen der Erzähler wie durch eine Glasscheibe getrennt scheint, setzt sich im Gedächtnis fest, nichts scheint zwingend, kein fester Boden, kein mentaler Ankerplatz, nirgends. Man kann darin eine Spiegelung eines beziehungslosen Beziehungsmarktes oder aber ein Verfangen-Sein des Autors in seinen eigenen Idiosynkrasien sehen.
Trotzdem rollen dem Leser, der durch diesen zarten Nebel tappt, immer wieder typisch Straußsche Perlen vor die Füße, die ihn mit der Ratlosigkeit, die ihn befallen mag, versöhnen.
VI
Und das Bocksgesang-Thema? Ist es noch da?
Zuweilen war es mir, als sei ich ganz allein mit der Wiedervereinigung. Das hohe Wort hätte nur mich mit seinem mystischen Sinn berührt, so daß ich davon deutscher wurde, als es die Zeitgeschichte erlaubt. Im Sinne des hieros gamos, einer heiligen Hochzeit, eines Glücks, wie es das Kauderwelsch Geschichte so deutlich nur selten herausbringt.
Das hat eine Konsequenz: »Damit habe ich mich vor meinen intelligenten Landsleuten ebenso lächerlich gemacht, wie sie umgekehrt mir als armselig unbegabt für das Ereignis erschienen.« Wer gewagt hat, zu diesem Thema den Konsens anzugreifen und die Wohlmeinenden zu provozieren, ist kein »interessanter« Außenseiter mit Freifahrtschein, dessen Exzesse vom Betrieb gefeiert werden, sondern ein echter, den man prompt mit dem Odeur des Dumpf-Völkischen zu behaften suchte.
Mit Brechts brillanter Beobachtung zu sprechen: »Das Volk ist nicht tümelnd«, und Strauß ist es auch nicht. Nicht nur wegen seiner ins Unzugängliche getriebenen sprachlichen Artistik, sondern schon wegen des Lektürekanons, der bei ihm im Hintergrund steht und europäisch und international ist: Dostojewski, Hofmannsthal, Paul Valéry, Hans Henny Jahnn, Henry James – hier tümelt gar nichts. Ein hochartifizieller und ‑belesener Autor vergewissert sich beharrlich und emotional zugewandt seiner Herkunft und seiner Muttersprache. Wohl in jeder Literatur der Welt ein normaler, ja notwendiger Vorgang. In Deutschland gehörte dazu der Mut, ein Tor zu sein. Dieser Mut ist ihm bleibend zu danken.
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(1) Botho Strauß: »Herrschen und nicht beherrschen. Zur Rhetorik der Krise«, in: ders.: Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern. Kritische Prosa, Hamburg 2020, S. 252 (»Uns fehlt ein Wort, ein einzig Wort. ‑Politik des nicht Beherrschbaren«, in: FAZ vom 23. August 2011).
(2) Botho Strauß: »Abschied vom Außenseiter. Von den meisten und den wenigen«, in: ders.: Expedition, S. 266 (»Der Plurimi-Faktor. Anmerkungen zum Außenseiter«, in: Der Spiegel vom 28. Juli 2013).
(3) Botho Strauß: Paare, Passanten (1981), München / Wien 1984, S. 103.
(4) Marc Felix Serrao: »Warum aus der konservativen Revolution um Botho Strauß nichts wurde«, in: Neue Zürcher Zeitung vom 22. Juli 2018.
(5) Strauß: Abschied vom Außenseiter, S. 261 f.
(6) Botho Strauß: »Der letzte Deutsche«, in: Der Spiegel vom 2. Oktober 2015.