Das ist Wahnsinn! Wahnsinn? Das ist Metapolitik!

Es sind ereignisreiche Tage für das, was man gemeinhin als den vorpolitischen Raum bezeichnet. Kurz aufgelistet: Sellner in Brandenburg, ich selbst bei Kosubek, Winterakademie in Schnellroda, Sellner im Thüringer Landtag.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

Jeder die­ser vier Punk­te ist ein Bei­spiel für das, was Publi­zis­ten, Autoren, Akti­vis­ten, Pro­vo­ka­teu­re, Ver­le­ger Woche für Woche tun und zu tun ver­su­chen: Pro­jek­te sta­bi­li­sie­ren, Vor­trä­ge hal­ten, Gesprä­che öffent­lich füh­ren, Spiel­räu­me aus­lo­ten, die eige­ne Über­zeu­gung und Begriff­lich­keit in den media­len Raum tra­gen, Heim­spie­le besu­chen, unter Gleich­ge­sinn­ten sein, den Geg­ner vor den Kopf sto­ßen und mit ihm spielen.

Es geht dabei stets auch dar­um, den Raum des Sag­ba­ren zu erwei­tern: den nächs­ten Schritt gehen, die Reak­ti­on abwar­ten, Tat­sa­chen schaf­fen, den Fuß ein wenig zurück­zie­hen (wenn es sein muß), den gewon­nen Raum hal­ten, den nächs­ten Schritt vorbereiten.

Das ist nichts, was nur im vor­po­li­ti­schen Raum so abläuft. Jeder Selbst­stän­di­ge mit Aus­wei­tungs­ehr­geiz kennt es, jeder Poli­ti­ker, der mehr sein will als nur ein Hin­ter­bänk­ler, kennt es auch. Es ist eine Form von Kar­rie­re­pla­nung, auch ein Geschäfts­mo­dell, schlicht eine Metho­de. Man nimmt, wenn man sie anwen­det, wenig Rück­sicht auf die­je­ni­gen, denen man den Rang ablau­fen könn­te – und man setzt Leu­te unter Zug­zwang, die ande­re Schwer­punk­te set­zen und sich mit ande­rem beschäf­ti­gen wollten.

Sell­ner ist Pro­fi in die­ser meta­po­li­ti­schen Dis­zi­plin. Er ist uner­müd­lich, er ist ein Tau­send­sas­sa. Er hat­te am Don­ners­tag­abend hun­dert Teil­neh­mer zu einer Dis­kus­si­on über die Not­wen­dig­keit umfas­sen­der Remi­gra­ti­ons­maß­nah­men ver­sam­melt und zugleich 20 Jour­na­lis­ten dort­hin gelockt.

War­um die ins süd­bran­den­bur­gi­sche Vet­schau fuh­ren? Um über Sell­ner – nein: um über den Umstand, daß eine Land­tags­ab­ge­ord­ne­te sich mit Sell­ner auf ein Podi­um setz­te, Mate­ri­al gegen die AfD zusam­men­zu­tra­gen – nein: Mate­ri­al für Fra­gen zusam­men­zu­tra­gen, die man wenig sta­bi­len AfD-Grö­ßen zum Zwe­cke der Distan­zie­rung und der inne­ren Spal­tung stel­len könnte.

Die­se Fra­gen sind gestellt wor­den – und spä­tes­tens ges­tern, mit Sell­ners Besuch im Thü­rin­ger Land­tag (auf Ein­la­dung des Gene­ral­se­kre­tärs der dor­ti­gen AfD), ist aus den schril­len Fra­gen jene “Fas­sungs­lo­sig­keit” gewor­den, mit der die Geg­ner der AfD ihren Gemüts­zu­stand bereits des Öfte­ren mit abneh­men­der Glaub­wür­dig­keit beschrie­ben haben.

Sell­ner hat mit sei­nen Auf­trit­ten vor allem der AfD eine Auf­ga­be gestellt: Sie muß das, was Gerich­te am Kon­zept der Remi­gra­ti­on mit Ver­weis auf Sell­ner für ver­fas­sungs­wid­rig erklär­ten, als das Ergeb­nis poli­ti­scher Jus­tiz zurück­wei­sen (also: igno­rie­ren) oder das tun, was vor allem juris­ti­sche Bera­ter emp­feh­len, die ihr Fach mit Poli­tik ver­wech­seln: jede ver­meint­lich gerichts­fest gezo­ge­ne rote Linie zu respek­tie­ren, obwohl sie heu­te so und mor­gen ein Stück wei­ter vorn gezo­gen oder wie­der zurück­ver­legt wird.

In sol­chen Fäl­len kann es das bes­te sein, wenn man sich für nicht zustän­dig erklärt und den Schwar­zen Peter in die­sem auf­ge­zwun­ge­nen Kar­ten­spiel so lan­ge hin und her schiebt, bis die Sen­de­zeit abge­lau­fen ist. Nie­mand muß sich fest­na­geln las­sen, nie­mand ist ver­pflich­tet, eine belast­ba­re Ant­wort zu geben, jeder kann tun, was Sell­ner sowie­so schon emp­fahl: Ja zur Remi­gra­ti­on; aber in wel­chem Umfang und in wel­cher Form – dar­über wird zu dis­ku­tie­ren sein, bloß nicht gera­de jetzt und nicht heu­te und schon gar nicht mit Spie­gel, Tages­pie­gel, t‑online und Moral­ka­no­nen min­de­rer Reichweite.

(“Wahn­sinn”, schrieb mir einer, der den Betrieb etwas ruhi­ger und modell­haft bespie­len will. “War­um stört Sell­ner immer, auf Teu­fel komm raus? Das ist Wahn­sinn!” – “Wahn­sinn?”, schrieb ich zurück, hof­fend, er wer­de die Anspie­lung erken­nen: “Nein: Das ist Metapolitik!”)

Zu Sell­ner im übri­gen noch zwei Sät­ze: Ers­tens geht schon wie­der die nächs­te Auf­la­ge von Remi­gra­ti­on. Ein Vor­schlag in den Druck, und ich plau­de­re jetzt mal aus dem Näh­käst­chen und ver­kün­de, daß wir damit das zwan­zig­tau­sends­te Exem­plar errei­chen wer­den. Das klingt nach viel, ist es aber nicht, wenn man bedenkt, wie sehr die­ser Begriff die poli­ti­sche media­le Bericht­erstat­tung seit zwei Jah­ren prägt. Jour­na­lis­ten, die ich schät­zen ließ, schätz­ten stets das Dop­pel­te und Dreifache.

Jedoch: Der Ver­le­ger klagt nicht, er kon­sta­tiert. Zwan­zig­tau­send ist schon ordent­lich, und Antai­os kann bis heu­te nur drei Titel vor­wei­sen, die sich häu­fi­ger ver­kauf­ten. (Wel­che das waren? Finis Ger­ma­nia ist klar – unein­hol­bar, den­ke ich. Aber die ande­ren bei­den? Auf Insta­gram wür­de man sagen: Schreibt’s in die Kom­men­ta­re. Von der jet­zi­gen Auf­la­ge Remi­gra­ti­on sind gera­de noch unter zwei­hun­dert vor­rä­tig, und ein alter Fuchs hat Sell­ner am Wochen­en­de in die Biblio­thek gesperrt: Dort muß­te er 150 Exem­pla­re signie­ren – und das bedeu­tet, daß die nächs­ten 150 Leser, die hier bestel­len, ein signier­tes Exem­plar erhal­ten werden!)

Zwei­tens: Nach Bran­den­burg und vor Thü­rin­gen war Sell­ner Refe­rent auf der Win­ter­aka­de­mie in Schnell­ro­da. Er sprach über “Libe­ra­le Selbst­op­ti­mie­rung vs. rech­te Selbst­dis­zi­plin” und betei­lig­te sich fun­diert an den Dis­kus­sio­nen, die auf die ande­ren Vor­trä­ge folgten.

War­um beto­ne ich das? Ich beto­ne es, weil mich fas­zi­niert, wie Sell­ner umschal­ten kann vom elek­trisch auf­ge­la­de­nen Pro­vo­ka­teur und Akti­vist zum nach­denk­li­chen, bele­se­nen und viel­sei­ti­gen Intel­lek­tu­el­len. Er ist auch inhalt­lich eine Berei­che­rung, ist hell­wach, prä­sent und rein gar nicht kapriziös.

(Wenn ich beden­ke, daß ich ihn 2013 auf einem Hügel über Oran­ge bei Avi­gnon ken­nen­lern­te, vor­ge­stellt von Mar­tin Licht­mesz, und es gab Weiß­brot­stan­ge mit Rot­wein – wäre ein auto­bio­gra­phi­sches Kapi­tel­chen wert …)

Jeden­falls: Die Aka­de­mie war gut – für uns Hau­de­gen atmo­sphä­risch und orga­ni­sa­to­risch Rou­ti­ne, aber für die vie­len jun­gen, teil­wei­se neu­en Teil­neh­mer ein Erleb­nis: lehr­reich, meta­po­li­tisch auf­ge­la­den, ein biß­chen Initia­ti­on. Denn bit­te – wo gibt es das sonst: Vor­trä­ge mit wis­sen­schaft­li­chem Gehalt und mit Wis­sens­räu­men, die ver­schlos­sen blie­ben, öff­ne­ten wir sie nicht; abend­li­che Lyrik-Lesun­gen und stun­den­lan­ge Dis­kus­sio­nen über die Fra­ge “Gibt es ein Selbst, und hat es ein Opti­mum?”; Eis­ba­den um sie­ben Uhr und Zech­ge­la­ge bei bün­di­schem Gesang bis halb drei? Eben.

Wäh­rend Sell­ner in Süd­bran­den­burg einen Hot­spot bil­de­te und der Schat­ten­ma­cher sein Kapla­ken­bänd­chen mit dem schö­nen Titel Anar­cho­ty­ran­nei frei­gab, glüh­te ich am Hacke­schen Markt mit einem Bier vor und such­te am Abend Jas­min Kosu­b­ek in ihrem Stu­dio auf, um von den Tech­ni­kern ver­ka­belt und danach von der Betrei­be­rin eines sehr erfolg­rei­chen Inter­view-Kanals andert­halb Stun­den lang befragt zu werden.

Das Ergeb­nis ist mitt­ler­wei­le auf Kosu­b­eks You­Tube-Kanal hoch­ge­la­den. Es ist, auch das will ich heu­te offen sagen, die Aus­wei­tung mei­nes vor­po­li­ti­schen Rau­mes in den Bereich einer eher skep­ti­schen Kli­en­tel hinein.Nnennt man das Ent­dä­mo­ni­sie­rung? Hof­fent­lich nicht nur: Man will ja nicht vor allem harm­los sein. Jeden­falls: Es ging nicht dane­ben, und die schie­re Quan­ti­tät ist manch­mal eben doch ein Argument.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek leitet den Verlag Antaios

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Kommentare (3)

RMH

26. Januar 2026 22:37

Das ist Sparta! Und der YT-Algorithmus wirft bei meinem YT Account das Kosubek / G.K.- Gespräch gleich als erstes auf.
PS: "belesenen und vielseitigen Intellektuellen" - Ah ja, wieder so einer ... und dann auch noch: "Vorträge mit wissenschaftlichem Gehalt und mit Wissensräumen, die verschlossen blieben, öffneten wir sie nicht; abendliche Lyrik-Lesungen" .... Allerhand! "Ich kann nich mehr" ... (um T. Kellner zu zitieren) ... und damit hoffentlich mal Schwamm drüber, über die Debatte aus dem letzten H.B. Kommentarstrang (ich schreib zumindest jetzt nichts mehr dazu).

Laurenz

26. Januar 2026 22:51

@GK ... daß ML Ihnen MS 2013 vorstellte, war wohl die größte Tat in ML' Leben. Ich fand das Interview mit Ihrer, in meinen Augen völlig korrekten Selbsteinschätzung, nach der gefragt wurde, das entscheidende Muster der gesamten Sendung. Sie sind kein Politiker, sondern Verleger & Denker. Von daher war das Gespräch in keiner Weise mit politischen, nichtssagenden Textbausteinen gepflastert, wie das sonst bei Politikern häufig üblich ist. Was mir beim Artikel hier sofort einfiel, ist der heutige deutschsprachige Artikel von Thomas Kolbe (der auch nicht immer Recht hat) auf Tichys.  https://www.tichyseinblick.de/wirtschaft/staatswirtschaft-deutschland/  Die verlängerte Überschrift reicht schon. Deutsche Aktienwerte steigen, weil die Konzerne Arbeitsplätze in energiekostengünstigere Ausland verlegen. Lese regelmäßig Kolbe (auch auf Zerohedge), weil Er, als Ökonom, die Wirtschaft mehr aus konservativer Sicht beleuchtet & eben keine Märchen Fratzschers aus Utopia erzählt. Warum sollte man MS nicht bei der AfD einladen? Wie Sie bei Kosubek bemerkten, Kompromisse kann man immer noch eingehen, wenn man sich in einer Koalition arrangieren muß. Das, was ich von den Pro-Israel-Autoren auf der Achse schon länger fordere, davon berichtet jetzt die JF. Es passiert was. https://jungefreiheit.de/politik/ausland/2026/fpoe-erstmals-offiziell-von-israel-eingeladen/

Laurenz

26. Januar 2026 23:03

@RMH ... Sie beweisen, daß Sie keine Konflikte aushalten. Gehen Sie doch mal in Ihr Gemeindeparlament als lokaler Vertreter der AfD oder der Union. Dagegen sind die jeweilige Widersprüche mit denen man auf der SiN leben muß, Kindergeburtstag. Ich hatte mir bei dem Kosubek/Kubitschek-Gespräch die viel interessantere Frage gestellt, ob die 5 +- linken Standard-Fragen Kosubeks aus Überzeugung gestellt wurden, oder dem Selbstschutz dienten? Speziell bei diesem Interview wurde allzu deutlich, daß Kosubek zwar gut, aber auch nur ein Salon-Journo ist, einschließlich eigener Blase. Hübsche Frauen merken selten, auch wenn sie um ihre äußerliche Wirkung wissen, wie viel leichter sie es im Leben haben. Dadurch ist es für solche Menschen schwieriger, eine gewisse Tiefe, gerade im Berufsbild des Journalisten, zu erlangen, auch wenn sie so ehrgeizig, wie Kosubek sind. Meine Wenigkeit hätte GK für eine Öffentlichkeit ganz andere Fragen gestellt.