Jeder dieser vier Punkte ist ein Beispiel für das, was Publizisten, Autoren, Aktivisten, Provokateure, Verleger Woche für Woche tun und zu tun versuchen: Projekte stabilisieren, Vorträge halten, Gespräche öffentlich führen, Spielräume ausloten, die eigene Überzeugung und Begrifflichkeit in den medialen Raum tragen, Heimspiele besuchen, unter Gleichgesinnten sein, den Gegner vor den Kopf stoßen und mit ihm spielen.
Es geht dabei stets auch darum, den Raum des Sagbaren zu erweitern: den nächsten Schritt gehen, die Reaktion abwarten, Tatsachen schaffen, den Fuß ein wenig zurückziehen (wenn es sein muß), den gewonnen Raum halten, den nächsten Schritt vorbereiten.
Das ist nichts, was nur im vorpolitischen Raum so abläuft. Jeder Selbstständige mit Ausweitungsehrgeiz kennt es, jeder Politiker, der mehr sein will als nur ein Hinterbänkler, kennt es auch. Es ist eine Form von Karriereplanung, auch ein Geschäftsmodell, schlicht eine Methode. Man nimmt, wenn man sie anwendet, wenig Rücksicht auf diejenigen, denen man den Rang ablaufen könnte – und man setzt Leute unter Zugzwang, die andere Schwerpunkte setzen und sich mit anderem beschäftigen wollten.
Sellner ist Profi in dieser metapolitischen Disziplin. Er ist unermüdlich, er ist ein Tausendsassa. Er hatte am Donnerstagabend hundert Teilnehmer zu einer Diskussion über die Notwendigkeit umfassender Remigrationsmaßnahmen versammelt und zugleich 20 Journalisten dorthin gelockt.
Warum die ins südbrandenburgische Vetschau fuhren? Um über Sellner – nein: um über den Umstand, daß eine Landtagsabgeordnete sich mit Sellner auf ein Podium setzte, Material gegen die AfD zusammenzutragen – nein: Material für Fragen zusammenzutragen, die man wenig stabilen AfD-Größen zum Zwecke der Distanzierung und der inneren Spaltung stellen könnte.
Diese Fragen sind gestellt worden – und spätestens gestern, mit Sellners Besuch im Thüringer Landtag (auf Einladung des Generalsekretärs der dortigen AfD), ist aus den schrillen Fragen jene “Fassungslosigkeit” geworden, mit der die Gegner der AfD ihren Gemütszustand bereits des Öfteren mit abnehmender Glaubwürdigkeit beschrieben haben.
Sellner hat mit seinen Auftritten vor allem der AfD eine Aufgabe gestellt: Sie muß das, was Gerichte am Konzept der Remigration mit Verweis auf Sellner für verfassungswidrig erklärten, als das Ergebnis politischer Justiz zurückweisen (also: ignorieren) oder das tun, was vor allem juristische Berater empfehlen, die ihr Fach mit Politik verwechseln: jede vermeintlich gerichtsfest gezogene rote Linie zu respektieren, obwohl sie heute so und morgen ein Stück weiter vorn gezogen oder wieder zurückverlegt wird.
In solchen Fällen kann es das beste sein, wenn man sich für nicht zuständig erklärt und den Schwarzen Peter in diesem aufgezwungenen Kartenspiel so lange hin und her schiebt, bis die Sendezeit abgelaufen ist. Niemand muß sich festnageln lassen, niemand ist verpflichtet, eine belastbare Antwort zu geben, jeder kann tun, was Sellner sowieso schon empfahl: Ja zur Remigration; aber in welchem Umfang und in welcher Form – darüber wird zu diskutieren sein, bloß nicht gerade jetzt und nicht heute und schon gar nicht mit Spiegel, Tagespiegel, t‑online und Moralkanonen minderer Reichweite.
(“Wahnsinn”, schrieb mir einer, der den Betrieb etwas ruhiger und modellhaft bespielen will. “Warum stört Sellner immer, auf Teufel komm raus? Das ist Wahnsinn!” – “Wahnsinn?”, schrieb ich zurück, hoffend, er werde die Anspielung erkennen: “Nein: Das ist Metapolitik!”)
Zu Sellner im übrigen noch zwei Sätze: Erstens geht schon wieder die nächste Auflage von Remigration. Ein Vorschlag in den Druck, und ich plaudere jetzt mal aus dem Nähkästchen und verkünde, daß wir damit das zwanzigtausendste Exemplar erreichen werden. Das klingt nach viel, ist es aber nicht, wenn man bedenkt, wie sehr dieser Begriff die politische mediale Berichterstattung seit zwei Jahren prägt. Journalisten, die ich schätzen ließ, schätzten stets das Doppelte und Dreifache.
Jedoch: Der Verleger klagt nicht, er konstatiert. Zwanzigtausend ist schon ordentlich, und Antaios kann bis heute nur drei Titel vorweisen, die sich häufiger verkauften. (Welche das waren? Finis Germania ist klar – uneinholbar, denke ich. Aber die anderen beiden? Auf Instagram würde man sagen: Schreibt’s in die Kommentare. Von der jetzigen Auflage Remigration sind gerade noch unter zweihundert vorrätig, und ein alter Fuchs hat Sellner am Wochenende in die Bibliothek gesperrt: Dort mußte er 150 Exemplare signieren – und das bedeutet, daß die nächsten 150 Leser, die hier bestellen, ein signiertes Exemplar erhalten werden!)
Zweitens: Nach Brandenburg und vor Thüringen war Sellner Referent auf der Winterakademie in Schnellroda. Er sprach über “Liberale Selbstoptimierung vs. rechte Selbstdisziplin” und beteiligte sich fundiert an den Diskussionen, die auf die anderen Vorträge folgten.
Warum betone ich das? Ich betone es, weil mich fasziniert, wie Sellner umschalten kann vom elektrisch aufgeladenen Provokateur und Aktivist zum nachdenklichen, belesenen und vielseitigen Intellektuellen. Er ist auch inhaltlich eine Bereicherung, ist hellwach, präsent und rein gar nicht kapriziös.
(Wenn ich bedenke, daß ich ihn 2013 auf einem Hügel über Orange bei Avignon kennenlernte, vorgestellt von Martin Lichtmesz, und es gab Weißbrotstange mit Rotwein – wäre ein autobiographisches Kapitelchen wert …)
Jedenfalls: Die Akademie war gut – für uns Haudegen atmosphärisch und organisatorisch Routine, aber für die vielen jungen, teilweise neuen Teilnehmer ein Erlebnis: lehrreich, metapolitisch aufgeladen, ein bißchen Initiation. Denn bitte – wo gibt es das sonst: Vorträge mit wissenschaftlichem Gehalt und mit Wissensräumen, die verschlossen blieben, öffneten wir sie nicht; abendliche Lyrik-Lesungen und stundenlange Diskussionen über die Frage “Gibt es ein Selbst, und hat es ein Optimum?”; Eisbaden um sieben Uhr und Zechgelage bei bündischem Gesang bis halb drei? Eben.
Während Sellner in Südbrandenburg einen Hotspot bildete und der Schattenmacher sein Kaplakenbändchen mit dem schönen Titel Anarchotyrannei freigab, glühte ich am Hackeschen Markt mit einem Bier vor und suchte am Abend Jasmin Kosubek in ihrem Studio auf, um von den Technikern verkabelt und danach von der Betreiberin eines sehr erfolgreichen Interview-Kanals anderthalb Stunden lang befragt zu werden.
Das Ergebnis ist mittlerweile auf Kosubeks YouTube-Kanal hochgeladen. Es ist, auch das will ich heute offen sagen, die Ausweitung meines vorpolitischen Raumes in den Bereich einer eher skeptischen Klientel hinein.Nnennt man das Entdämonisierung? Hoffentlich nicht nur: Man will ja nicht vor allem harmlos sein. Jedenfalls: Es ging nicht daneben, und die schiere Quantität ist manchmal eben doch ein Argument.
RMH
Das ist Sparta! Und der YT-Algorithmus wirft bei meinem YT Account das Kosubek / G.K.- Gespräch gleich als erstes auf.
PS: "belesenen und vielseitigen Intellektuellen" - Ah ja, wieder so einer ... und dann auch noch: "Vorträge mit wissenschaftlichem Gehalt und mit Wissensräumen, die verschlossen blieben, öffneten wir sie nicht; abendliche Lyrik-Lesungen" .... Allerhand! "Ich kann nich mehr" ... (um T. Kellner zu zitieren) ... und damit hoffentlich mal Schwamm drüber, über die Debatte aus dem letzten H.B. Kommentarstrang (ich schreib zumindest jetzt nichts mehr dazu).