Amerikanische Romane – vierzehn Empfehlungen

PDF der Druckausgabe aus Sezession 124/ Februar 2025

 Druckausgabe

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von Till Kin­zel (TK), Ellen Kositza (EK), Götz Kubit­schek (GK), Erik Leh­nert (EL) und Kon­rad Leh­nert (KL) –

Her­man Mel­ville: Moby-Dick; oder: Der Wal (Moby-Dick; or, The Wha­le, 1851)

»Nennt mich Isma­el.« Die­ser Roman ist so etwas wie der Grün­dungs­my­thos, der Ursprungs­text der US ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur – die ers­te »gre­at ame­ri­can novel«. Erzählt wird die Geschich­te des Schif­fes »Pequod« und ihrer bunt zusam­men­ge­wür­fel­ten Mann­schaft, die zur Zeit des Wal­fang-Booms von Nan­tu­cket aus auf­bricht, um das wert­vol­le Tran der Mee­res­säu­ger zu erbeuten.

Mel­ville (1819 – 1891) war als jun­ger Mann zur See gefah­ren, auch auf Wal­fangschif­fen, zu einer Zeit, als Wal-Tran der wich­tigs­te Roh­stoff für die künst­li­che Beleuch­tung und die Her­stel­lung von Gela­ti­ne, Far­ben, Sei­fen, Sal­ben etc. war. Dies soll­te sich im Lau­fe der 1850er Jah­re mit der Gewin­nung von Petro­le­um aus Erd­öl ändern.

Der Kapi­tän der »Pequod«, Ahab, ein erfah­re­ner See­fah­rer und Wal­fän­ger, ist aller­dings weni­ger von der mög­li­chen Beu­te und dem dar­aus resul­tie­ren­den Gewinn getrie­ben als von einem blin­den Fana­tis­mus: Er will Moby-Dick, einen gro­ßen, wei­ßen Pott­wal­bul­len, erle­gen, der ihm bei einer frü­he­ren Jagd ein Bein abge­ris­sen hat. Die­ser Rache ord­net er alles unter.

Sein Gegen­spie­ler ist der Steu­er­mann Star­buck, der sei­nem Kapi­tän einer­seits treu erge­ben ist, ande­rer­seits als ratio­na­ler und gläu­bi­ger Mann die blin­de Wut auf ein Tier für got­tes­läs­ter­lich hält. Erzählt wird die Geschich­te von dem jun­gen Matro­sen Isma­el, der uns die ver­schie­de­nen Mit­glie­der der Mann­schaft und die Sit­ten und Gebräu­che auf See näherbringt.

Am Ende kommt es zum »Show­down« mit dem wei­ßen Wal. Moby-Dick ist alles in einem: ein See­fah­rer- und Aben­teu­er­ro­man, eine Para­bel über die Natur und den Men­schen, ein Essay über Wale und den Wal­fang, gespickt mit phi­lo­so­phi­schen und reli­giö­sen Exkur­sen, enzy­klo­pä­disch, aus­ufernd, vol­ler Pathos und Iro­nie, mal dozie­rend, mal sze­nen­haft wie ein Thea­ter­stück, lyri­sche Hoch­spra­che und Slang – kurz: ein Unge­tüm von einem Text, 135 Kapi­tel und ein Exkurs, eine beglü­cken­de, her­aus­for­dern­de Lek­tü­re! Die Bedeu­tung von Moby-Dick wur­de erst eini­ge Jahr­zehn­te nach Mel­vil­les Tod erkannt, der zu Leb­zei­ten vor allem für sei­ne frü­hen See­fah­rer- und Süd­see­ge­schich­ten bekannt war.

Ahab und Star­buck sind mitt­ler­wei­le zu mythi­schen Figu­ren, zu Arche­ty­pen gewor­den; über die Fra­ge, was der wei­ße Wal genau sym­bo­li­sie­ren könn­te, wird sich wei­ter­hin der Kopf zerbrochen.

Per­seus, Sankt Georg, Her­ku­les, Jona und Wisch­nu! da habt ihr ein Mit­glie­der­ver­zeich­nis ganz nach euerm Geschmack! Wel­cher Ver­ein außer dem der Wal­fän­ger kann mit einer sol­chen Namens­rei­he an der Spit­ze aufwarten?

(KL)

Mark Twa­in: Die Aben­teu­er des Huck­le­ber­ry Finn (Adven­tures of Huck­le­ber­ry Finn, 1885)

Mark Twa­in (1835 – 1910) war ein scharf­sich­ti­ger Mora­list und Kri­ti­ker sei­ner Zeit­ge­nos­sen, dem Heu­che­lei jeder Art gegen den Strich ging. Sein berühm­tes­ter Roman wur­de schnell zum Best­sel­ler. Mit sei­ner Figur des Huck­le­ber­ry Finn, eines von der Zivi­li­sa­ti­on nur wenig berühr­ten Außen­sei­ters, schuf er eine der mythi­schen Figu­ren des ame­ri­ka­ni­schen Bewußt­seins, einen Hel­den der jugend­li­chen Unschuld zwi­schen Natur­zu­stand und Zivilisation.

Huck Finn ist zwar aber­gläu­bisch, aber auch Mate­ria­list und Prag­ma­tist im ame­ri­ka­ni­schen Sin­ne, der sich expe­ri­men­tell mit der Wirk­lich­keit aus­ein­an­der­setzt und daher nur zu einem rein wört­li­chen Ver­ständ­nis reli­giö­ser Leh­ren und Prak­ti­ken gelangt. Im Grun­de sei­nes Her­zens ein guter Mensch, ist er leicht­gläu­big und fällt daher immer wie­der auf die wirk­lich­keits­frem­den Phan­tas­te­rei­en sei­nes Freun­des Tom Sawy­er her­ein (vgl. Die Aben­teu­er des Tom Sawyer).

Huck ent­wi­ckelt aber auch auf der gemein­sa­men Flucht mit dem ent­lau­fen­den Skla­ven Jim den Mis­sis­sip­pi hin­un­ter die soge­nann­te Flo­ß­ethik, die zer­brech­li­che und hoff­nungs­voll in die Zukunft bli­cken­de Ethik einer Soli­da­ri­tät zwi­schen den Ras­sen. In Zei­ten der poli­ti­schen Kor­rekt­heit wur­de Mark Twa­ins Roman jedoch wie­der­holt für sei­nen angeb­li­chen Ras­sis­mus kri­ti­siert, das Buch selbst aus Schul­bi­blio­the­ken ent­fernt – der Kom­ple­xi­tät des Tex­tes wird dies nicht gerecht. Die­ser gestal­tet näm­lich wie weni­ge ande­re die Grund­ele­men­te der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft und die dar­aus resul­tie­ren­den Span­nun­gen in unver­geß­li­chen Bil­dern und Figuren.

Hucks Leben mit sei­nem Vater, einem gewalt­tä­ti­gen Trun­ken­bold, gleicht dem Leben im Natur­zu­stand à la Hob­bes oder Locke, wo das Leben kurz, unge­müt­lich und gefähr­lich ist. Denn hier gel­ten kei­ne Regeln der Moral und kei­ne reli­giö­sen Gebo­te, nur das nack­te Selbst­in­ter­es­se; aber auch die zivi­li­sier­te Gesell­schaft erweist sich als kei­nes­wegs mus­ter­gül­ti­ge Alter­na­ti­ve zum rohen Natur­zu­stand. Denn in ihr herrscht die Skla­ve­rei, die alle mensch­li­chen Bezie­hun­gen in Mit­lei­den­schaft zieht, so daß die Zivi­li­siert­heit der Zivi­li­sa­ti­on selbst frag­wür­dig wird. (TK)

F. Scott Fitz­ge­rald: Der gro­ße Gats­by (The Gre­at Gats­by, 1925)

Die Gol­de­nen Zwan­zi­ger gab es nach dem Ers­ten Welt­krieg auch in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, trotz der Pro­hi­bi­ti­on, die zwi­schen 1920 und 1933 die Her­stel­lung und den Ver­kauf von Alko­hol ver­bot. Luxus, Kon­sum und Unter­hal­tung bestimm­ten den Lebens­stil der Ober­schicht, aus Puri­ta­nern waren Lebe­män­ner gewor­den, die den Erfolg anbeteten.

Die Über­tre­tung des Alko­hol­ver­bots brach­te den not­wen­di­gen Kick, den es braucht, um in solch einer kom­for­ta­blen Lage zu spü­ren, daß man lebt. Das ist der Hin­ter­grund des bekann­tes­ten Romans von Fitz­ge­rald (1896 – 1940). Der titel­ge­ben­de Jay Gats­by ist einer die­ser Män­ner. Er lebt auf Long Island in einem rie­si­gen Palast, aber nie­mand weiß, woher sein Reich­tum kommt. Er ist ver­schlos­sen und doch welt­ge­wandt, zuvor­kom­mend und kul­ti­viert. Er ver­an­stal­tet stän­dig Par­tys, um sich abzu­len­ken. Denn sein gan­zes Sin­nen geht dar­auf, sei­ne gro­ße Lie­be, Dai­sy, zurück­zu­ge­win­nen, von der er durch Kriegs­dienst und Europa­aufenthalt getrennt wurde.

Die ist aller­dings mitt­ler­wei­le ver­hei­ra­tet, mit einem erfolg­rei­chen, aber unkul­ti­vier­ten Mann, der all das ver­kör­pert, was Gats­by nicht ist: das rau­he und rück­sichts­lo­se Ame­ri­ka, und der oben­drein eine Gelieb­te hat. Der Ich-Erzäh­ler, Nick Car­ra­way, ist ein jun­ger Wert­pa­pier­händ­ler und Nach­bar von Gats­by. Er lebt aller­dings in einem wesent­lich beschei­de­ne­ren Haus. Er ist mit Dai­sy ver­wandt, was ihm eine Ver­mitt­ler­rol­le zuweist, so daß er die bei­den zusammenführt.

Dai­sy ist hin- und her­ge­ris­sen, es kommt zum Streit zwi­schen Gats­by und ihrem Mann. Ein tra­gi­sches Ver­häng­nis führt schließ­lich dazu, daß Dai­sy die Gelieb­te ihres Man­nes mit dem Auto von Gats­by über­fährt, wor­auf­hin der Mann der Gelieb­ten Gats­by erschießt. Das ein­sa­me Begräb­nis Gats­bys unter­streicht noch ein­mal die Sinn­lee­re des neu­en Ame­ri­ka, das die alten Wer­te ver­ra­ten hat. (EL)

Wil­liam Faul­k­ner: Schall und Wahn (The Sound and the Fury, 1929)

Inner­halb weni­ger Jah­re, von 1929 bis 1936, ver­öf­fent­lich­te Faul­k­ner jene Bücher, die ihm den Ruf ein­brach­ten, »eine der weni­gen schöp­fe­ri­schen Bega­bun­gen des Wes­tens« (Albert ­Camus) zu sein, »der wil­de Mann der ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur«. Zu die­sen Büchern gehö­ren vor allem Als ich im Ster­ben lag, Licht im August, Die Frei­statt und Absa­lom, Absalom!

Am Beginn die­ser Schaf­fens­pe­ri­ode steht der Roman Schall und Wahn (engl. The Sound and the Fury – ein Shake­speare-Zitat), der den Nie­der­gang und Ver­fall der alt­ein­ge­ses­se­nen Fami­lie Comp­son in der fik­ti­ven Süd­staa­ten-Stadt Jef­fer­son schil­dert – aus der Per­spek­ti­ve drei­er Geschwis­ter: des geis­tig behin­der­ten Ben­jy, des Har­vard- Stu­den­ten Quen­tin, der Selbst­mord begeht, und des letz­ten Ober­haupts der Fami­lie, Jason.

Am Ende tritt ein anony­mer Erzäh­ler hin­zu, der den wei­te­ren Ver­lauf der Bege­ben­hei­ten, die sich vor allem über drei Tage im Jahr 1928 erstre­cken, wie­der­gibt und dabei die schwar­zen Haus­an­ge­stell­ten der Fami­lie in den Fokus nimmt. Wie bei sei­nen fol­gen­den Büchern nutzt Faul­k­ner (1897 – 1962) auch hier kom­ple­xe For­men des Erzäh­lens, die ihn zu einem Erneue­rer nicht nur der US-Lite­ra­tur mach­ten und Schall und Wahn zu einem noch immer ein­fluß­rei­chen Klas­si­ker wer­den lie­ßen: eine anti­chro­no­lo­gi­sche Kom­po­si­ti­on durch Zei­ten­sprün­ge und Rück­blen­den, inne­re Mono­lo­ge bzw. die Form des Bewußt­seins­stroms sowie eine mit­un­ter aus­ufern­de Syn­tax, die ­Faul­k­ners unbe­ding­ten Form­wil­len unterstreicht.

Schall und Wahn beinhal­tet all die The­men, die auch sei­ne wei­te­ren gro­ßen Roma­ne und Erzäh­lun­gen bestim­men: die Last der Geschich­te und die ver­lo­re­ne Grö­ße nach der tota­len Nie­der­la­ge von 1865, die Fol­gen der Skla­ve­rei und die Ras­sen­pro­ble­ma­tik, Glau­ben und Bigot­te­rie, Komik und Bru­ta­li­tät. Um sei­ne Saga des Südens umzu­set­zen, schuf Faul­k­ner sich ein eige­nes, ima­gi­nä­res Reich: das Yokna­pa­taw­pha Coun­ty, im Nord­wes­ten des Bun­des­staa­tes Mis­sis­sip­pi gele­gen, »die klei­ne Brief­mar­ke mei­ner hei­mat­li­chen Erde«, wo sei­ne wich­tigs­ten Wer­ke spielen.

Es hat mit­un­ter den Anschein, als ob der Süden Faul­k­ner her­vor­brach­te, um sich selbst zu begrei­fen. Ein selbst­be­wuß­ter Riva­le Got­tes, dem nichts ver­bor­gen blieb. (Sieg­fried Lenz)

(KL)

Geor­ge San­ta­ya­na: Der letz­te Puri­ta­ner. Die Geschich­te eines tra­gi­schen Lebens (The Last Puri­tan. A Memoir in the Form of a Novel, 1935)

Der aus Spa­ni­en gebür­ti­ge Phi­lo­soph Geor­ge ­San­ta­ya­na (1863 – 1952) gehört eben­so dem Reich der Lite­ra­tur wie dem der Phi­lo­so­phie an. Früh an Den­kern wie Scho­pen­hau­er geschult, ließ er sich den Sinn für Schön­heit nicht durch die aka­de­mi­sche Phi­lo­so­phie aus­trei­ben; der »ungläu­bi­ge Katho­lik« emp­fand den Wider­streit von Phi­lo­so­phie und künst­le­ri­scher Schön­heit und dra­ma­ti­sier­te ihn in sei­nem ein­zi­gen Roman, der zugleich eine Medi­ta­ti­on über die inne­re Aus­zeh­rung des Puri­ta­nis­mus ist.

Mit Oli­ver Alden, dem letz­ten Puri­ta­ner, schuf der Autor eine Figur, die als »für einen Ame­ri­ka­ner recht zivi­li­siert« erscheint; aber das bedeu­tet eben auch, daß die­ser jun­ge Mann am Ende einer Tra­di­ti­on steht, die kei­ne Sub­stanz mehr hat, son­dern nur noch ihre Form fest­hält. Zwar erlernt Alden noch die vor­vä­ter­li­che Aske­se, aber ohne den sie tra­gen­den Glauben.

Dazu aber kommt, daß Aldens Vor­fah­ren ihren Reich­tum unter nicht kla­ren Umstän­den ange­häuft haben. San­ta­ya­na aber sieht nicht nur die Schwä­che der ame­ri­ka­ni­schen Lebens­ideale, son­dern auch das Schei­tern der abend­län­di­schen Welt­an­schau­ung, was sich in der Aus­ein­an­der­set­zung des Romans mit Goe­the und der deut­schen Phi­lo­so­phie zeigt.

Aldens Leben dient als Bei­spiel dafür, wie der Puri­ta­nis­mus an sein logi­sches Ende gelangt, indem er näm­lich sich selbst aus puri­ta­ni­schen Grün­den davon über­zeug­te, daß es falsch sei, ein Puri­ta­ner zu sein. So steht der sich selbst ver­dam­men­de Puri­ta­nis­mus für eine Welt­sicht, die San­ta­ya­na gera­de des­halb so scharf zeich­nen kann, weil er sie selbst nicht teilt. Der letz­te Puri­ta­ner ist das unge­wöhn­li­che Bei­spiel eines phi­lo­so­phi­schen Romans, des­sen Lek­tü­re alle Erwar­tun­gen unter­läuft. (TK)

Mar­ga­ret Mit­chell: Vom Win­de ver­weht (Gone with the Wind, 1936)

Bei die­sem Buch han­delt es sich angeb­lich um den erfolg­reichs­ten Roman über­haupt. 30 Mil­lio­nen Exem­pla­re sol­len welt­weit ver­kauft wor­den sein. Als 1937 die ers­te deut­sche Über­set­zung erschien, gehör­te Vom Win­de ver­weht auch im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land sofort zu den Best­sel­lern. Das klingt im ers­ten Moment erstaun­li­cher, als es ist, da der Roman das Leben in den Süd­staa­ten wäh­rend des Bür­ger­kriegs und der sich anschlie­ßen­den Zeit der Umer­zie­hung und Wie­der­ein­glie­de­rung in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten schildert.

Die Deut­schen konn­ten hier unschwer Gemein­sam­kei­ten zu ihrer eige­nen Nie­der­la­ge von 1918, der anschlie­ßen­den Demü­ti­gung und dem Wie­der­auf­stieg in den 1930er Jah­ren erken­nen. Der welt­wei­te Erfolg dürf­te sich damit aller­dings nicht erklä­ren las­sen. Dazu hat sicher­lich vor allen die Lie­bes- und Lei­dens­ge­schich­te der Scar­lett O’Hara selbst bei­getra­gen, die ihr Leben lang den fal­schen Mann liebt und das zu spät erkennt. Daß Drei­ecks­be­zie­hun­gen, um die es in dem Roman eigent­lich geht, immer reiz­voll sind, hat sicher­lich auch nicht geschadet.

Hin­zu kommt aber, daß Mar­ga­ret Mit­chell (1900 – 1949) nicht nur wuß­te, wie man eine Geschich­te erzählt, son­dern auch die Ver­hält­nis­se in den Süd­staa­ten sehr genau kann­te. Vor der Ver­öf­fent­li­chung des Romans, der ihr ein­zi­ger blei­ben soll­te, hat­te sie sich als Jour­na­lis­tin betä­tigt und eine län­ge­re Krank­heit, die sie ans Bett fes­sel­te, zur Abfas­sung des Romans genutzt. Die Ver­fil­mung des Romans mit Clark Gab­le, die bereits 1939 erfolg­te, war eben­falls äußerst erfolg­reich und hat die Ver­brei­tung im Nach­kriegs­deutsch­land noch ein­mal befeu­ert. Daß der Roman heu­te für sei­ne ras­si­schen Ste­reo­ty­pe und sei­nen his­to­ri­schen Revi­sio­nis­mus geschol­ten wird, kann nie­man­den über­ra­schen. (EL)

Her­man Wouk: Die Cai­ne war ihr Schick­sal (The Cai­ne Muti­ny, 1951)

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg erschie­nen in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zahl­rei­che Roma­ne, die das Kriegs­er­leb­nis ver­ar­bei­te­ten und heu­te zu Klas­si­kern der Kriegs­li­te­ra­tur gehö­ren. Nor­man ­Mailer schil­der­te in Die Nack­ten und die Toten den Insel­krieg in Asi­en als Abbild der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft, und Joseph Hel­ler zeig­te am Haupt­mann Yos­sa­ri­an in Catch 22 die absur­den Sei­ten des Krie­ges im Mittelmeer.

Weni­ger bekannt ist hier­zu­lan­de der Best­sel­ler von Her­man Wouk (1915 – 2019), der auf einem Minen­such­boot im Pazi­fik spielt. Der Ori­gi­nal­ti­tel trifft es im Grun­de bes­ser: Es geht um eine Meu­te­rei, über die Ursa­chen, die Fol­gen und die Auf­ar­bei­tung. Haupt­fi­gur ist der jun­ge Leut­nant Keith, der nach bestan­de­nem Reser­ve­of­fi­zier­lehr­gang auf das Schiff kom­man­diert wird, auf dem wenig spä­ter ein neu­er Kom­man­dant ein­trifft. Die­ser ist das gan­ze Gegen­teil sei­nes Vor­gän­gers: ein übers­tren­ger Offi­zier, der das For­ma­le liebt und sei­ne Mann­schaft bis aufs Blut reizt.

Als wäre das nicht genug, zeigt sich auf See bald, daß er oben­drein mit der Füh­rung des Schif­fes in brenz­li­gen Situa­tio­nen über­for­dert ist. Unter den Offi­zie­ren bil­det sich eine Fron­de gegen den Kapi­tän (beson­ders betrie­ben von einem Reser­ve­leut­nant, der im Zivil­be­ruf Schrift­stel­ler ist und die ande­ren Offi­zie­re durch sei­ne psy­cho­lo­gi­schen Spe­ku­la­tio­nen auf sei­ne Sei­te zieht und so ver­hin­dert, daß die­se den Kapi­tän unter­stüt­zen), die schließ­lich dazu führt, daß der Ers­te Offi­zier gegen den Wil­len des Kapi­täns das Kom­man­do über­nimmt. Das ist auf jedem Schiff Meu­te­rei, die nach der Lan­dung des Schif­fes ein Ver­fah­ren gegen den Ers­ten Offi­zier zur Fol­ge hat.

Dem Ver­tei­di­ger des Ange­klag­ten gelingt es vor Gericht zu zei­gen, daß der Kapi­tän unter schwe­ren psy­chi­schen Anoma­lien lei­det, so daß es zum Frei­spruch kommt. Das Beson­de­re an dem Buch ist die anschlie­ßen­de Wen­dung, die die­sen Frei­spruch in Fra­ge stellt und die Anma­ßung der jun­gen Reser­ve­of­fi­zie­re gegen den alt­ge­dien­ten Kapi­tän zurück­weist. Wouk ist damit eine klas­si­sche Varia­ti­on über die Not­wen­dig­keit des Gehor­sams im Ernst­fall gelun­gen. Das Rück­grat einer jeden Armee ist der Gehor­sam, ohne ihn geht es nicht. Ein Ver­stoß gegen die­se Regel wiegt schwe­rer als jede per­sön­li­che Schwä­che. 1954 und 2023 wur­de der Roman in Holly­wood jeweils ver­filmt. (EL)

John Stein­beck: Jen­seits von Eden (East of Eden, 1952)

Der Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Stein­beck (1902 – 1968) hat Jen­seits von Eden als sein Opus ­magnum bezeich­net – als Sum­me sei­nes Nach­den­kens und Dar­stel­lung sei­nes Men­schen­bilds. Im Ver­gleich zu den frü­her erschienenen
Roma­nen Früch­te des Zorns (1940) und Von Mäu­sen und Men­schen (1937) ist Jen­seits von Eden nicht ­sozi­al­kri­tisch, son­dern grund­sätz­lich ange­legt: Wie frei kann ein Mensch sein, wenn er in sein Schick­sal ver­strickt ist und sieht, wie sehr er wie­der­holt und vari­iert, was sei­ne Eltern ihm vor- und mitgaben?

Stein­beck erzählt die Geschich­te von Cha­rak­te­ren, die im Salina­s­tal in Kali­for­ni­en auf­ein­an­der­tref­fen und die je eige­ne Her­kunft und Prä­gung in die dra­ma­ti­sche Hand­lung ein­spei­sen. Adam Trask hat von sei­nem Vater ein erschli­che­nes Ver­mö­gen ver­erbt bekom­men, über­läßt die hei­mi­sche Farm sei­nem Bru­der und zieht mit der abgrund­tief bösen Cathy nach Kalifornien.

Er ist blind für ihre Bos­heit und berech­nen­de Käl­te und malt ihr das gemein­sa­me Leben auf der neu­en Farm in den schöns­ten Far­ben aus. Aber Cathy bringt dort nur rasch Zwil­lin­ge zur Welt, deren Vater der Bru­der Adams ist, schießt ihren Mann nie­der und baut im nahen Sali­nas ein Bor­dell auf.

Umsorgt wird der lebens­mü­de Adam von sei­nem chi­ne­si­schen Die­ner Lee (der auch die bei­den Kna­ben auf­zieht) und einem ent­fern­ten Nach­barn namens Samu­el, des­sen Fami­li­en­ge­schich­te eben­falls breit dar­ge­stellt wird. Zwi­schen die­sen drei Män­nern wird auf dem inhalt­li­chen Höhe­punkt des Romans die Erzäh­lung vom Bru­der­mord Kains an Abel ver­han­delt. Sie steht im Zen­trum der Geschichte.

Stein­beck weist auf ihre schick­sal­haf­te Abwand­lun­gen und unaus­weich­li­che Wie­der­ho­lung bereits dadurch hin, daß er Paa­run­gen mit den­sel­ben Anfangs­buch­sta­ben auf­tre­ten läßt: Den (guten, rea­li­täts­blin­den) Adam stellt er neben Cathy. Adams Bru­der heißt Charles, und die Zwil­lin­ge, zwei­ei­ig, wer­den auf die Namen Aaron und Caleb getauft.

Es ist der Chi­ne­se Lee, der kei­ne phi­lo­lo­gi­sche Mühe scheut, um die Fra­ge nach dem leb­ba­ren Ver­hält­nis von Schick­sal und Frei­heit zu stel­len und zu beant­wor­ten. Er fin­det den Hebel­punkt in einem ein­zi­gen Wort der bibli­schen Über­lie­fe­rung, dem hebräi­schen »tim­schal«, das in Kapi­tel 4, Vers 7 der Gene­sis die Herr­schaft des Men­schen über den Dämon in ihm – for­dert oder vor­her­sagt? Lee schlägt eine Über­set­zung vor, die dem Men­schen die Wahl läßt: Man kann sich für oder gegen das Böse ent­schei­den, man hat es in der Hand, und das macht die Grö­ße des Men­schen aus.

Bleibt noch der Hin­weis auf das groß­ar­ti­ge Hör­spiel, das Chris­tia­ne Ohaus 2020 im Auf­trag des Nord­deut­schen Rund­funks erar­bei­te­te. Das ist das Dilem­ma mit den Öffent­lich- Recht­li­chen: Man bezahlt gern, wenn sol­ches zu den Ergeb­nis­sen gehört. (GK)

Syl­via Plath: Die Glas­glo­cke (The Bell Jar, 1963)

Das ist der Roman, der noch heu­te imstan­de ist, gewis­se jun­ge Frau­en in ihrer gene­rel­len Ver­zweif­lung zu bestär­ken. In Wahr­heit hat sich bezüg­lich der »The­men« (»dein The­ma«, so sagen Fräu­leins heu­te, wenn es ums Ein­ge­mach­te geht, also ers­tens um die Lie­be, zwei­tens um den eigent­li­chen Daseins­zweck) auch gar nichts geän­dert. Syl­via Plath (1932 – 1963) (Gebil­de­te spre­chen es »Plaß« aus mit tie eidsch, dabei war ihr Vater Otto Plath schle­si­scher Bio­lo­gie­pro­fes­sor und wur­de selbst­ver­ständ­lich [pla­at] aus­ge­spro­chen) über­leb­te die Ver­öf­fent­li­chung ihres ein­zi­gen Romans nur vier Wochen. Sie, jun­ge Mut­ter zwei­er Kin­der, nahm sich im Febru­ar 1963 durch Gas das Leben.

Ihr Mann, der cha­ris­ma­ti­sche Schrift­stel­ler Ted Hug­hes, hat­te eine Gelieb­te. Welch Tra­gik, daß sich auch die­se Gelieb­te, Ass­ja ­Wevill, ziem­lich genau sechs Jah­re spä­ter durch die­sel­be Metho­de sui­zi­dier­te. Syl­via Plath reüs­sier­te als Lyri­ke­rin, und dar­in war sie wirk­lich gran­di­os. Ihr Roman Die Glas­glo­cke (den sie zu gro­ßen Tei­len wäh­rend eines Lon­don-Auf­ent­halts schrieb) schil­dert den wenigs­tens teil­bio­gra­phi­schen Som­mer des Jah­res 1953.

Die begab­te Haupt­fi­gur Esther Green­wood (nein, Plath war kei­ne Jüdin!) hat einen Schreib­wett­be­werb gewon­nen. Sie darf (wie Plath selbst) bei einem Mode­ma­ga­zin hos­pi­tie­ren! In New York ver­blaßt ihr Jung­mäd­chen­ruhm aller­dings. Sie erfährt sich als eine unter vie­len. Ihre eige­ne Jung­fräu­lich­keit hängt ihr »wie ein Mühl­stein am Hals«. Über­all, wo sie sich befin­det, sitzt Esther »unter der glei­chen Glas­glo­cke in mei­nem eige­nen sau­ren Dunst«. Sie über­lebt den Selbst­mord­ver­such einer sehr engen, iden­ti­tär ver­knüpf­ten Freun­din und dann auch den eigenen.

Ihre fort­dau­ern­de Depres­si­on zeich­net sich weni­ger durch Phleg­ma als durch Zorn aus, der bis­wei­len in hef­ti­gen Selbst­haß mün­det. Ihr sui­zi­da­ler Traum: ver­schüt­tet zu wer­den. Iro­nie und komi­sche Wen­dun­gen zei­gen, wie distan­ziert Green­wood / Plath der eige­nen see­li­schen Gemenge­lage gegen­über­stand. Plaths Roman wur­de unter dem Pseud­onym Vic­to­ria Lucas her­aus­ge­ge­ben. Erst 1967 gab es eine Neu­aus­ga­be unter Plaths Namen, 1968 erschien er erst­mals auf deutsch. Kri­ti­ker mein­ten, der gro­ße Erfolg der Glas­glo­cke, die­ses »alber­nen Jung­mäd­chen­ro­mans« (Rein­hard Baum­gart), ver­dan­ke sich nur der Kon­junk­tur des ­Femi­nis­mus. (EK)

Tru­man Capo­te: Kalt­blü­tig (In Cold Blood, 1966)

Capo­tes Tat­sa­chen­ro­man ist das Vor­bild für alle heu­te so belieb­ten True-Crime-Bücher. Er schuf damit das Vor­bild für ein gan­zes Gen­re. In der Fol­ge ver­such­ten sich auch ande­re Autoren auf die­sem Feld, in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten etwa Nor­man Mailer und Gay Tale­se, um nur die bekann­tes­ten zu nen­nen. Die­se, »New Jour­na­lis­mus« genann­te Schu­le ist bis heu­te in den Best­sel­ler­lis­ten vertreten.

Erin­nert sei nur an das groß­ar­ti­ge Buch Der Sturm von Sebas­ti­an ­Jun­ger (1998). In die­sen »nicht­fik­tio­na­len Roma­nen« geht es dar­um, wirk­li­che Tat­sa­chen oder Ereig­nis­se zu schil­dern, deren Lücken, ins­be­son­de­re die Gedan­ken und Moti­va­tio­nen der Betrof­fe­nen, durch schrift­stel­le­ri­sche Frei­hei­ten oder Spe­ku­la­tio­nen zu schlie­ßen, so daß ein schlüs­si­ges, ein­fühl­sa­mes Bild des Gesche­hens ent­steht. Tru­man ­Capo­te (1924 – 1984), zu Leb­zei­ten ein homo­se­xu­el­ler Exot, der heu­te vor allem durch das Buch Break­fast at Tiffany’s bekannt ist, hat­te an dem Buch, das wie in einem Atem­zug erzählt wirkt, sechs Jah­re gear­bei­tet und vor Ort recherchiert.

Es geht um einen auf­se­hen­er­re­gen­den Mehr­fach­mord, der im Novem­ber 1959 in einem klei­nen Ort im Bun­des­staat Kan­sas statt­fand. Nach­dem zwei von pro­ble­ma­ti­scher Her­kunft und sozia­len Pro­ble­men gepräg­te Sträf­lin­ge im Gefäng­nis von einem angeb­lich rei­chen Farm­be­sit­zer gehört haben, beschlie­ßen sie, ihn nach der Ent­las­sung aus­zu­rau­ben. Als sie im Haus kein Geld fin­den, erschie­ßen sie aus Furcht, iden­ti­fi­ziert zu wer­den, die gan­ze Fami­lie: Mut­ter, Vater, Toch­ter und Sohn.

Im Janu­ar 1960 wer­den die Flüch­ti­gen gefaßt, zum Tode ver­ur­teilt und 1965 hin­ge­rich­tet. Capo­tes Buch wur­de rasch zum Best­sel­ler, nicht nur, weil er die Geschich­te span­nend wie ein Thril­ler erzählt, son­dern weil er den Mord mit der Vor­ge­schich­te der Täter als eine Vari­an­te der Rache der Ernied­rig­ten und Belei­dig­ten an der hei­len Welt dar­zu­stel­len wuß­te, und damit letzt­lich zeig­te, wie leicht der Wahn­sinn in der Zivi­li­sa­ti­on zum Vor­schein kom­men kann. (EL)

Cor­mac McCar­thy: Die Abend­rö­te im Wes­ten (Blood Meri­di­an Or The Evening Red­ness in the West, 1985)

Wenn ein Werk das Prä­di­kat »apo­ka­lyp­tisch« ver­dient, dann die­ses – der Ori­gi­nal­ti­tel läßt es erah­nen. Es ist der fünf­te Roman von Cor­mac McCar­thy (1933 – 2023), der zur Zeit der Ver­öf­fent­li­chung von der Kri­tik teils hoch­ge­lobt, dem brei­ten Publi­kum aber ein Unbe­kann­ter, ein »Writer’s wri­ter« war. Ver­kaufs­er­fol­ge konn­te er erst ab den 1990er Jah­ren erzie­len, vor allem mit All die schö­nen Pfer­de, Kein Land für alte Män­ner und Die Stra­ße, die alle­samt ver­filmt wurden.

Die Abend­rö­te im Wes­ten basiert teils auf his­to­ri­schen Bege­ben­hei­ten und erzählt die Geschich­te eines 14jährigen Jun­gen, der sich im Jahr 1849 einer Ban­de Frei­schär­ler anschließt: Skalp­jä­ger, die im ame­ri­ka­nisch-mexi­ka­ni­schen Grenz­ge­biet umher­zie­hen und deren Welt von Hun­ger, Durst, Krank­heit, Ver­wahr­lo­sung, ver­stö­ren­der Gewalt und Sinn­lo­sig­keit geprägt ist. Das bru­ta­le Gesche­hen wird epi­so­den­haft erzählt, bar jeder Psy­cho­lo­gie oder Erklä­rung. Hier ist die dunk­le, die wah­re Sei­te der Erobe­rung des Wes­tens, des »Frontier«-Geists, der Aus­deh­nung der USA zu entdecken.

Einer der Anfüh­rer der Grup­pe ist Rich­ter Hol­den, ein gebil­de­ter, elo­quen­ter Mann, eine Art Dämon und Über­mensch, ein Pre­di­ger des Grau­ens, der einen Kre­tin an einer Lei­ne mit sich führt und eine Ket­te mit ver­dorr­ten Men­schen­oh­ren um den Hals trägt und der als ein­zi­ger über­lebt. »Ist nicht Blut das eigent­li­che Bin­de­mit­tel im Mör­tel?« Die McCar­thy­sche Pro­sa wird als psal­men­ar­tig und archa­isch beschrie­ben. Ihr Sound speist sich aus einem sehr brei­ten, impo­san­ten Wort­schatz. Dafür nutzt McCar­thy unter ande­rem die Spra­che der King-James-Bibel (ver­gleich­bar mit dem Deutsch der Luther-Über­set­zung) und deren Ana­chro­nis­men: »This night, thy soul may be requi­red of thee.«

Die lebens­feind­li­che Natur des ame­ri­ka­ni­schen Süd­wes­tens wird in unge­wöhn­li­chen Bil­dern prä­sen­tiert – die Land­schaft selbst ist hier ein Prot­ago­nist. Ganz im Gegen­satz dazu die Dia­lo­ge: lapi­dar, fast stumm, im jewei­li­gen Dia­lekt. Die Abend­rö­te im Wes­ten wird heu­te zu Recht als eines der wich­tigs­ten Wer­ke der US-Lite­ra­tur im 20. Jahr­hun­dert angesehen.

Ich benei­de alle Leser, die ihre ers­te Erfah­rung mit der Pro­sa die­ses Autors noch vor sich haben; es ist eine Erfah­rung, als habe man die Welt bis­lang durch Milch­glas betrach­tet. McCar­thys Spra­che klärt den Blick. (Klaus Modick)

(KL)

Tom Wol­fe: Fege­feu­er der Eitel­kei­ten (Bon­fi­re of the Vani­ties, 1987) / Ich bin Char­lot­te ­Sim­mons (I am Char­lot­te Sim­mons, 2004)

Der scharf beob­ach­ten­de Repor­ter Tom Wol­fe (1930 – 2018) prak­ti­zier­te einen Schreib­stil, der post­mo­der­nen Zeit­ge­nos­sen höchst ver­däch­tig sein muß­te, denn er ziel­te auf Welt­hal­tig­keit. Sie gibt Wol­fes Roma­nen ihre beson­de­re Note, ver­stand ihr Autor sich doch als Erbe und Fort­set­zer des gro­ßen Gesell­schafts­ro­mans des 19. Jahr­hun­derts im Sti­le Bal­zacs oder Zolas. Er woll­te – am ein­drucks­volls­ten in sei­nem Roman Fege­feu­er der Eitel­kei­ten – die viel­fäl­ti­gen Dimen­sio­nen des sozia­len Lebens im New York der 1980er Jah­re ein­fan­gen, was ihm her­vor­ra­gend gelang.

Die Span­nun­gen zwi­schen den Ras­sen und die kras­sen Wider­sprü­che jener Jah­re zwi­schen Arm und Reich, von Pri­va­tem und Öffent­li­chem, von Recht und Gerech­tig­keit, spie­geln sich hier in ein­drucks­vol­ler und d. h. auch in poli­tisch inkor­rek­ter Wei­se. Die­se Zeit, vom Zynis­mus und Mate­ria­lis­mus der sich als »Her­ren des Uni­ver­sums« füh­len­den Wall-Street-Bör­sia­ner geprägt, wird um so schär­fer sati­risch zur Kennt­lich­keit gebracht, je prä­zi­ser Wol­fes jour­na­lis­ti­sches Ethos sie ein­kreist. (Vor der ver­fäl­schen­den Ver­fil­mung muß indes gewarnt werden.)

Anders ist Ich bin Char­lot­te Sim­mons, in dem die Uni­ver­si­tä­ten Ame­ri­kas mit­tels genau­er Beob­ach­tun­gen und scharf­sich­ti­ger Ana­ly­sen als Wider­sa­cher des Geis­tes aufs Korn genom­men wer­den. Die Fra­ge nach dem Ziel der Bil­dung und gegen wel­che ande­ren Wer­te oder Unwer­te sie ver­tei­digt wer­den muß – das wird durch die im Zen­trum des Romans ste­hen­de Stu­den­tin Char­lot­te anschau­lich. Sie sucht nach Bil­dung und nach Lie­be, wird aber in die­ser Suche lan­ge frus­triert – denn statt Bil­dung gibt es an der Uni­ver­si­tät nur geist­lo­ses Mit­tel­maß und statt Lie­be alko­ho­li­sier­ten Sex.

Für Wol­fe aber stellt sich auch im Zeit­al­ter der Hirn­for­schung und der damit ver­bun­de­nen Reduk­tio­nis­men und Zynis­men immer wie­der neu die Fra­ge nach der See­le des Men­schen und dem ihr Zuträg­li­chen. Und auch bleibt es eine lei­ten­de Idee, daß es eine außer­halb des Tex­tes lie­gen­de Wirk­lich­keit gibt, die jedoch zur lite­ra­ri­schen Gestal­tung drängt – in sei­nem letz­ten Roman, Back to Blood (2012), ist es das Fort­be­stehen von Her­kunfts­prä­gun­gen, das sei­nen unüber­seh­ba­ren – und seit­her deut­lich dunk­ler gewor­de­nen – Schat­ten auf das Expe­ri­ment einer mul­ti­kul­tu­rel­len Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft wirft. (TK)

Phil­ip Roth: Ame­ri­ka-Tri­lo­gie (1997 – 2000)

Ame­ri­ka­ni­sches Idyll (Ame­ri­can Pas­to­ral, 1997) bil­det zusam­men mit Mein Mann, der Kom­mu­nist (I Mar­ried a Com­mu­nist, 1998) und Der mensch­li­che Makel (The Human Stain, 2000) Phil­ip Roths (1933 – 2018) Ame­ri­ka-Tri­lo­gie, die einen Höhe­punkt sei­nes Schaf­fens darstellt.

Die Roma­ne lie­fern ein Bild der Tie­fen­struk­tur ame­ri­ka­ni­scher Gesell­schaft seit dem Zwei­ten Welt­krieg, von der frü­hen Aus­ein­an­der­set­zung mit Kom­mu­nis­mus und Anti­kom­mu­nis­mus in den 1950er Jah­ren über die Epo­che des Viet­nam­kriegs mit ihren Gewalt­aus­brü­chen und dem Nie­der­gang der hei­mi­schen Indus­trie bis zur Epi­de­mie der poli­ti­schen Kor­rekt­heit und der Obses­si­on mit Ras­sen­fra­gen in den Clinton-Jahren.

Roths Erzähl­stim­me Nathan Zucker­man ver­knüpft das kul­tu­rel­le Gedächt­nis der USA mit einer scharf­sich­ti­gen Kri­tik der Illu­sio­nen, die sich Ame­ri­ka­ner über das Leben machen: In Ame­ri­ka ist das Tra­gi­sche des Todes kein The­ma mehr. Doch Sey­mour Levov, der vom Juden­tum ent­frem­de­te Prot­ago­nist, hei­ra­tet eine irisch­stäm­mi­ge Katho­li­kin und ver­sucht damit den ame­ri­ka­ni­schen Traum als »Schmelz­tie­gel« zu leben, in dem die vor­a­me­ri­ka­ni­schen Iden­ti­tä­ten verschwinden.

Die­se Ver­hei­ßung bleibt jedoch uner­füllt – tat­säch­lich schil­dert der Roman eine Gegen­idyl­le, in der in das länd­li­che Idyll die Gewalt in Form des Ter­ro­ris­mus ein­bricht, ver­übt von Mer­edith, der Toch­ter Levovs, als Pro­test gegen den Viet­nam­krieg. Ihr Vater hat sie auch durch sei­ne gren­zen­lo­se Ver­ständ­nis­be­reit­schaft zu einem Unge­heu­er à la Che Gue­va­ra gemacht; das Glück, Ame­ri­ka­ner zu sein, erweist sich in sei­ner Hohl­heit und Fragilität.

Krampf­haft ver­sucht Levov, an der Idee einer »gewöhn­li­chen Fami­lie« fest­zu­hal­ten, ohne zu ver­ste­hen, daß es eben die­se nai­ve Beru­fung auf Gewöhn­lich­keit ist, die ihn blind für sein eige­nes Ver­sa­gen macht. Die­se fami­liä­re Situa­ti­on spie­gelt den Ver­lust des Zutrau­ens dar­in, daß die Ver­ei­nig­ten Staa­ten noch im Erns­te auf der Sei­te von Mensch­lich­keit, Frei­heit und Demo­kra­tie ste­hen. Mora­li­sche Ent­gren­zung in der Krieg­füh­rung wie im Pro­test dage­gen ist nur die ande­re Sei­te der Medail­le des tole­ran­ten und wohl­mei­nen­den Liberalismus.

Zudem durch­zieht den Roman eine reli­giö­se Meta­pho­rik des ver­lo­re­nen und erin­ner­ten Para­die­ses, die das Werk zu einer Medi­ta­ti­on über Sün­de, Schuld und Idea­lis­mus in ihrer Ver­schlun­gen­heit macht, die fern jeder Erbau­lich­keit und jedes poli­tisch kor­rek­ten Kit­sches ist. Roths Ame­ri­ka-Tri­lo­gie ist so ins­ge­samt ein gro­ßes Werk der Des­il­lu­sio­nie­rung. (TK)

T. C. Boyle: Hart auf hart (The Har­der They Come, 2015)

Tom Corag­hes­san Boyle, Jahr­gang 1948, ist ein Lin­ker, wie er im Buche steht. Man wird wohl nie letzt­gül­tig die kogni­ti­ve Dis­so­nanz auf­klä­ren kön­nen, die etli­che lin­ke Schrift­stel­ler dazu bringt, den­noch Roma­ne aufs Papier zu brin­gen, die von Beob­ach­tungs­ga­be und Wirk­lich­keit nur so trie­fen. Boyle ist im Bun­des­staat New York auf­ge­wach­sen, bei­de Eltern waren Heim­kin­der und Alko­ho­li­ker; sei­nen Zweit­na­men hat­te er sich selbst gege­ben als Tri­but an sei­ne iri­schen Vorfahren.

Man könn­te treff­lich über ­Amé­ri­ca (1995) schrei­ben, weil es schon titel­mä­ßig so pas­sa­bel zum Heft­the­ma paß­te. Amé­ri­ca ist – wie­wohl Boyl­es ein­zi­ger wirk­lich als »links« zu defi­nie­ren­der Roman – gran­di­os. Er kon­tras­tiert hier die Geschich­te ille­ga­ler mexi­ka­ni­scher Ein­wan­de­rer mit dem Leben eines Kar­rie­re­pär­chens in einer Gated community.

Den­noch dürf­te Hart auf hart der eigent­li­che Ame­ri­ka-Roman Boyl­es sein. Das Buch ist aus drei Per­spek­ti­ven – dabei nie als Ich-Erzäh­ler – geschrie­ben: aus der eines sieb­zig­jäh­ri­gen Vaters, Sten, des­sen spä­ten Soh­nes, Adam, und Adams kurz­zei­ti­ger Gespie­lin, Sarah. Sten dür­fen wir uns als eine Art Walt Kowal­ski vor­stel­len, den Clint East­wood in sei­nem Frei­heits­me­lo­dram Gran Tori­no (2008) gege­ben hat­te: ein eigen‑, viel­leicht starr­sin­ni­ger Typ, ein Viet­nam­ve­te­ran, in dem auch im Alter eine Flam­me hei­li­gen (Jäh-)Zorns lodert, ein Mann, der nicht dul­det, daß vor sei­nen Augen Unrecht geschieht. Sten, so die Rah­men­hand­lung, begibt sich der Gat­tin zulie­be von Men­do­ci­no, Kali­for­ni­en, aus auf eine deka­den­te (wenigs­tens: brä­si­ge) Senio­ren­kreuz­fahrt nach Cos­ta Rica.

Auf einer Dschun­gel­tour wird die Best-Ager-Trup­pe von dun­kel­häu­ti­gen Halun­ken aus­ge­raubt. Sten – »ein­mal Mari­ne, immer Mari­ne« – setzt sich zur Wehr. Er kann nicht anders. Im Wür­ge­griff stirbt, eher ver­se­hent­lich, der Räu­ber. Nur heim­lich goo­gelt Sten in den auf­re­gen­den Wochen ­dar­auf sei­nen eige­nen Namen: Er ist ein Held! Was hin­ter­läßt er sonst? Adam, den miß­ra­te­nen Sohn.

Erst ver­sack­te er vor dem Com­pu­ter, dann warf er Dro­gen ein, jetzt fühlt er sich als Wald­läu­fer auf den Spu­ren sei­nes ver­ehr­ten Hel­den, des Trap­pers und India­ner­fein­des John Col­ter, gestor­ben vor 200 Jah­ren. Adam lebt von Tro­cken­fut­ter, Schnaps und Dro­gen. Als Anhal­ter lernt Adam / Col­ter die eigen­wil­li­ge Huf­schmie­din ­Sarah ken­nen, eine fünf­zehn Jah­re älte­re Frau, eine »rechts­ra­di­ka­le Liber­tä­re« – jeden­falls: eine Mesalliance.

Wie Adam haßt Sarah »den Staat«, die­sen unsou­ve­rä­nen Hand­lan­ger von Kon­zern­in­ter­es­sen, die­se unle­gi­ti­mier­te Macht. Anders als Adam, des­sen Wider­stand sich auf den aus­ge­streck­ten Mit­tel­fin­ger beschränkt, wird Sarah nicht müde, ihre Theo­rie von der Ver­trags­frei­heit des Bür­gers und der Ille­gi­ti­mi­tät der ange­maß­ten Regie­rung zu pre­di­gen und durchzuexerzieren.

Sich anschnal­len? Nüch­tern Auto fah­ren? Gän­ge­lun­gen! Hat Sarah etwa einen Ver­trag mit dem Bun­des­staat Kali­for­ni­en? Hat sie nicht! Sie läßt sich doch nicht ein­schüch­tern! Sarah, Sten, Adam: Alle drei kämp­fen für ihre je eige­ne Defi­ni­ti­on vom bedin­gungs­lo­sen Herr-sein-im-Eige­nen. Blut wird flie­ßen. Schei­tern wer­den sie alle. (EK)

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