Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern hat sich die Wettbewerbskonstellation längst auf die Frage verengt, ob es zu einer Allparteienkoalition gegen die AfD oder zu einer AfD-Alleinregierung kommt. Dabei wird auch die CDU nicht mehr um ihre Schicksalsfrage herumkommen, ob sie sich durch offene Koalitionen oder passive Tolerierungsmodelle nach links oder rechts öffnet. Mit der jüngsten „Aufklärungsbroschüre“ scheint sich das Konrad-Adenauer-Haus jedoch kommunikationsstrategisch vorsichtig an die Allianz mit der Linkspartei heranzutasten.
Ich bin davon überzeugt, daß sich die Union auf die Zusammenarbeit mit der Linkspartei bereits vorbereitet. Die ostdeutschen Länder sind für die Union strukturell und strategisch viel zu unbedeutend, als dass man die großen politischen Tankschiffe im Westen in unruhige See bringt, nur um die tendenziell mitgliederschwachen CDU-Ostverbände vor einem langsamen Siechtum retten zu wollen.
Die CDU ist in erster Linie eine risikoaverse Partei. Das Einreißen ihrer eigenen Brandmauer nach links wird vielleicht keinen unmittelbaren Wählerexodus nach sich ziehen, aber die Partei mittelfristig unter 20% im Bund drücken. Möglicherweise ist dies auch das Szenario, das den finalen Spaltkeil in die Partei treibt und eine strukturelle Reorganisation nach sich zieht (eine Art „ostdeutsches CSU-Modell“). Ein Einreißen der AfD-Brandmauer bevor man das Verhältnis zur Linkspartei neu verhandelt hat, ist auf jeden Fall nichts worauf man große Wetteinsätze legen sollte.
Unzufriedenheit als politischer Treibstoff
Die allgemeine politische Unzufriedenheit bleibt weiterhin der große Mobilisierungstreiber der AfD. Bemerkenswert ist dabei zumindest, dass diese Dynamik in ihrer thematischen Salienz und Problemwahrnehmung nicht mehr ausschließlich vom Migrationsgeschehen getrieben ist. Es ist vielmehr eine Konvergenz aus unterschiedlichen Krisenphänomenen, die in ihrer Summe die politischen Disruptionsprozesse wechselseitig verstärken.
Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung hat mit 86% einen historischen Negativrekord erreicht. Friedrich Merz und die Bundesregierung sind momentan unbeliebter als die rot-grüne Koalition in ihrer schwersten Krise der Jahre 2002 bis 2003 und als die Ampel in ihrer Endphase 2024. Selbst unter Anhängern von SPD und CDU sind knapp zwei Drittel unzufrieden mit der aktuellen Bundesregierung. Demoskopen wie unter anderem der Forsa-Chef Peter Matuschek betonen bereits die historischen Dimensionen dieses Absturzes, der vor allem nicht nur in seiner generellen Qualität, sondern auch in seiner Geschwindigkeit nach nur einem Jahr einmalig ist.
Bei den großen Policy-Blöcken wie der Begrenzung der Migration, Wirtschaftskompetenz und soziale Sicherheit gibt es kaum noch Zutrauen. In dem Punkt „Wirtschaft voranbringen“ verzeichnet die Bundesregierung ein Vertrauensverlust von ‑31% im Vergleich zu Juni 2025. Das war zum Amtsantritt von Friedrich Merz noch die einzige Trumpfkarte wo es damals noch mehr Zutrauen als Misstrauen gab. Dieser Trend ist inzwischen völlig umgekehrt.
Bei Infratest-Dimap erwartet die Hälfte der Befragten ein vorzeitiges Ende der Koalition. In den INSA-Daten wünschen sich inzwischen bereits 59% Neuwahlen, obwohl die Mehrheitsbildung gegen die AfD auch im Deutschen Bundestag dann erheblich schwieriger wird.
Der Politologe Christian Stecker hat in seinem jüngsten Buch Ohne Koalitionskorsett und Brandmauern. Wie flexible Mehrheiten die Demokratie stärken in der politischen Mitte einen Debattenaufschlag gemacht, der die konventionellen Gewissheiten der bundesdeutschen Koalitionsdemokratie in Frage stellt.
Stecker appelliert an eine eigentlich recht traditionell-ideelle Vorstellung des Parlamentarismus, wonach politische Entscheidungsfindungen nicht nur von Fraktionszwang und Koalitionsdisziplin abhängen müssen, sondern stärker in die Sachebene zurückgeführt werden. Es wäre aus Sicht der politischen Mitte gewiss ein pragmatischer Kompromiss, doch er verkennt die tatsächliche Dimension des Politischen und die gegenwärtige parteipolitische Macht- und Systemkonfiguration, die gar nicht nur auf den Parlamentarismus fixiert ist, sondern generell den politisch-hegemonialen Raum von linksliberaler Seite dominieren möchte.
Somit ist es durchaus ein Indiz der politischen Ratlosigkeit der Mitte, wenn sie Steckers Idee der flexiblen Mehrheiten zumindest andiskutiert. Die reale Umsetzung würde man vermutlich jedoch als politischen Geländeverlust ansehen. Es ist jedenfalls auch folgerichtig, dass mit der derzeitigen AfD-Stärke auch neue politische Exekutivmodelle ins Blickfeld kommen. Die AfD-Stärke verändert also bereits die strategischen Kalküle der übrigen Parteien, verschiebt Koalitionsdebatten und zwingt die politische Mitte zu Überlegungen, die noch vor wenigen Jahren kaum ernsthaft diskutiert worden wären.
Die jüngsten AfD-Höhenflüge in den Umfragen laden natürlich zu einer Reihe von Interpretationen und entsprechenden Schlussfolgerungen ein. Da politischer Wettbewerb in einer Mediendemokratie wie der BRD vom Spektakel lebt, werden schließlich auch Umfragen zuweilen zu einer Art Sportberichterstattung darüber, wer wo gerade vorne liegt oder ein neuer Rekord gebrochen wurde.
Das verstellt gerne den Blick auf die innere Konzentration, dass gewonnene, fluide Zustimmung überhaupt erst in langfristige Bindung und Stammwählerschaft transferiert werden muss. Alles schaut derzeit gespannt auf das Momentum, wann die AfD endlich im Bund die 30%-Schallmauer durchbrochen hat.
Manchen geht dies angesichts der hohen Gesamtunzufriedenheit generell nicht einmal schnell genug. Daß ein stimmungsgetriebenes politisches Grundrauschen nicht vollständig mit der Parteipräferenz und Wahlentscheidung zusammen verläuft, sollte analytisch nicht überraschen – zumal sich diese Unzufriedenheit auch nicht nur ausschließlich als rechte Protestformation ausdrückt.
Die strategische Frage der Verstetigung
Ich habe schon in früheren Beiträgen häufiger betont, dass die Erfolgsverstetigung und ‑verdichtung für die AfD das vermutlich wertvollere strategische Asset ist als die durchgehende Skalierung in neue Umfragehöhen. Die Anatomie der festen AfD-Wählerbindung offenbart nach wie vor einige Widersprüche. Sowohl die Wählerwanderungen der Bundestagswahl 2025 als auch weitere Nachwahlbefragungen zeigen die außerordentliche Stärke der AfD-Wählerbindung.
Bei der letzten Bundestagswahl konnte die Partei 86% ihrer Wähler halten. Zugleich kamen 62% ihrer Wählerschaft von 2025 aus anderen Quellen als dem eigenen 2021er Bestand. Die Partei konnte also breit expandieren, ohne ihre eigentliche Basis zu verlieren. Mit sogar 95% Wählerbindung ist die AfD laut Ipsos-Institut die Partei mit dem stabilsten Wählerkern, der zusätzlich vor allem von weiteren Nichtwählern, dem BSW und ehemaligen CDU-Wählern hinzugewinnt.
94% der Personen, die bereits im November 2024 die AfD favorisierten, wählten sie am Ende auch tatsächlich. Für 59% der AfD-Wähler kam zudem überhaupt keine andere Partei als Alternative in Frage. Das ist der mit Abstand höchste Wert im Vergleich zu allen anderen Parteien. Flankiert wird diese dichte Wählerbindung durch recht niedrige Abstoßungsraten und eine erfolgreiche Milieuausweitung. Während jeder fünfte ehemalige Wähler von SPD oder CDU angibt, heute „nie wieder“ für diese Parteien stimmen zu wollen, liegt diese harte Ablehnungsfront bei der AfD bei gerade einmal 5%.
Eine tiefgründige Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem April hat in einer repräsentativen Umfrage die generelle Bindung und Affinität zu den Parteien in Deutschland untersucht. Demnach verfügt die AfD über die mit Abstand intensivste emotionale Bindung im gesamten Parteiensystem. 42% der AfD-Gebundenen neigen ihrer Partei „sehr stark“ zu.

„Parteibindung und Parteiaffinität im Vergleich“ – Konrad Adenauer Stiftung April 2026
Andererseits verzeichnet sie paradoxerweise den niedrigsten Wert bei der langfristigen, grundsätzlichen Bindung. 43% der Gebundenen bevorzugen die AfD lediglich „im Augenblick“, nur 57% neigen ihr „grundsätzlich“ zu. Mögliche Erklärungen liegen in der vergleichsweise jungen Parteigeschichte sowie in der besonderen Stärke der AfD in Ostdeutschland (wo die Menschen traditionell keine engen politischen Bindungen und Parteiidentifikationen aufweisen). Und auch die frühere Mobilisierung von zahlreichen Nichtwählern zeigt, dass sich eine langfristige Parteiloyalität überhaupt erst noch aufbauen muss.
Negatividentität als Bindungskitt
Ein wesentlicher Baustein dieser paradoxen Bindungsarchitektur ist die ausgeprägte „Negatividentität“ der AfD-Wählerschaft. Die AfD-Wähler hegen fast ausschließlich für die eigene Partei Sympathien und grenzen sich maximal von allen anderen ab. Unter den fest AfD-Gebundenen lehnen 94% die Grünen vehement ab, 78% die Linke, 75% die SPD und 70% die CDU. Gleichzeitig ist die AfD jedoch auch mit nur 9% die Partei mit der geringsten Gleichgültigkeitsquote im Gesamtelektorat (Vergleich zur SPD: 30% oder FDP: 31%).

„Parteibindung und Parteiaffinität im Vergleich“ – Konrad Adenauer Stiftung April 2026
Diese scharfe Abgrenzung zum politischen Gegner wirkt strategisch als stärkster Bindungskitt und kompensiert die bei vielen noch fehlende, historisch gewachsene Parteiloyalität. Es gibt laut KAS-Studie kaum parteipolitische Mehrfachsympathien oder Schnittstellen in den Parteiidentifikationen mit anderen Parteien im AfD-Elektorat. Ihr fehlt im Gegensatz zu den anderen Parteien das tendenzielle Grundrauschen. Die Haltung zu ihr ist meist binär auf Zustimmung oder Ablehnung gepolt.
Dies erklärt schließlich auch die zumeist geringen Werte bei den erweiterten Potentialanalysen des INSA-Instituts. Die feste Zustimmung steigt deutlich an, während die Potentiale und Zweitwahlpräferenzen für die AfD immer im niedrigen Bereich zwischen 5–7% schwanken. Die Bindungsfähigkeit der AfD speist sich bislang weniger aus einer tiefen programmatisch-weltanschaulichen Identifikation mit der Partei als aus der fundamentalen Ablehnung der übrigen Parteien. Nur ist diese Ablehnung mittlerweile so groß, dass das Protestmotiv zu einer zentralen politischen Identifikationsgröße wird.
Dadurch bleiben aber einige ungewisse Variablen bestehen. Einerseits erhöht sich durch die gestiegene AfD-Zustimmung der Erwartungsdruck in einer möglichen politischen Gestaltungsoption (94% der eigenen Anhänger wünschen sich laut INSA-Befragung die Partei in einer kommenden Bundesregierung – bei Anhängern anderen Parteien liegt dieser Wert 10–15% niedriger) und zugleich bleibt der fluide und augenblickliche Charakter der Parteibindung bestehen, der immer auch von der generellen Stimmungslage getragen wird.
Typustransformation vom Protest- zur „Lagerpartei“
Man kann die AfD in den beschriebenen Konstellationen sicher nicht mehr nur als reine Protestpartei definieren, die ihre Stärke lediglich aus einem politischen – und zumeist thematischen – Momentum speist. Sie entwickelt sich von einer Protestpartei zu einer Art „Lagerpartei“. Letztere ist eine Art parteipolitischer Kristallisationspunkt eines zunehmend geschlossenen gesellschaftlichen Konfliktblocks.
Ihre Wähler kommen nicht mehr nur aus situativer Verärgerung, sondern ordnen sich einem politischen Gegenlager zu, das sich kulturell, sozial und emotional von den etablierten Parteien abgrenzt.
Die AfD konkurriert nicht mehr nur um Wechselwähler am Rand der Union oder um mobilisierte Nichtwähler, sondern formiert ein eigenes Lager mit stabiler Selbstbeschreibung, hoher Abgrenzungsbereitschaft und wachsendem Machtanspruch. Gerade weil diese Lagerbindung noch jung und teilweise nur auf aktuelle Stimmungstrends reagiert ist, bleibt sie formbar. Aber ihr politischer Kern ist bereits sichtbar. Rückholversuche der Konkurrenz greifen in diesem Falle schwerer, weil der Wechsel zur AfD nicht mehr als temporäre Abweichung, sondern als Bruch mit dem bisherigen politischen Koordinatensystem gesehen wird.
Hinzu kommt, dass die etablierten Parteien weder kommunikativ noch exekutiv-handwerklich in der Lage sind, den Stimmungstrend in ihre Richtung zurück zu kippen. Nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz kündigte man die großen sozialstaatlichen Reformpakete an, die das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Bundesregierung zurückbringen sollten. Aber schon die Vorbereitung dieser Pakete war bereits ein einziges kommunikatives Desaster und auch die in Rede stehenden Maßnahmen bei der Kranken- oder Rentenversicherung sind trotz ihrer möglichen Notwendigkeit nichts, womit sich eine Regierung große Popularitätswerte erobern könnte.
Es werden nämlich entweder Mehrbelastungen oder der Abbau von Privilegien im Sozialstaat folgen. Die tatsächliche demoskopische und elektorale Gewinnmarge mit diesen Reformen dürfte überschaubar bleiben. Da ist nichts dabei wo die Bürger lautstark „Hurra“ schreien können und somit kann die AfD vorerst weiterhin ihren Mobilisierungskern in der Protestdynamik weiter stärken und verdichten.




Le Chasseur
"Ich bin davon überzeugt, daß sich die Union auf die Zusammenarbeit mit der Linkspartei bereits vorbereitet."
https://www.welt.de/politik/deutschland/article6a0e9545c8ddadf55f8e6d40/maischberger-die-afd-ist-die-deutlich-groessere-gefahr-daniel-guenther-will-neues-verhaeltnis-zur-linkspartei.html