Die AfD-Umfragerekorde – Eine (Zwischen) Bilanz

Die AfD jagt aktuell einen Umfragerekord nach dem nächsten. In den jüngsten Erhebungen liegt sie im Bund nahe an der 30%-Marke. Inzwischen weisen alle Umfrageinstitute die AfD im Bund als stärkste Kraft aus, teils mit deutlichem Abstand zur Union. In den ostdeutschen Ländern Sachsen und Sachsen-Anhalt ist bereits die 40%-Marke klar erreicht.

Daniel Fiß

Daniel Fiß ist freier Publizist.

Bei den Land­tags­wah­len in Sach­sen-Anhalt und Meck­len­burg-Vor­pom­mern hat sich die Wett­be­werbs­kon­stel­la­ti­on längst auf die Fra­ge ver­engt, ob es zu einer All­par­tei­en­ko­ali­ti­on gegen die AfD oder zu einer AfD-Allein­re­gie­rung kommt. Dabei wird auch die CDU nicht mehr um ihre Schick­sals­fra­ge her­um­kom­men, ob sie sich durch offe­ne Koali­tio­nen oder pas­si­ve Tole­rie­rungs­mo­del­le nach links oder rechts öff­net. Mit der jüngs­ten „Auf­klä­rungs­bro­schü­re“ scheint sich das Kon­rad-Ade­nau­er-Haus jedoch kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gisch vor­sich­tig an die Alli­anz mit der Links­par­tei heranzutasten.

Ich bin davon über­zeugt, daß sich die Uni­on auf die Zusam­men­ar­beit mit der Links­par­tei bereits vor­be­rei­tet. Die ost­deut­schen Län­der sind für die Uni­on struk­tu­rell und stra­te­gisch viel zu unbe­deu­tend, als dass man die gro­ßen poli­ti­schen Tank­schif­fe im Wes­ten in unru­hi­ge See bringt, nur um die ten­den­zi­ell mit­glie­der­schwa­chen CDU-Ost­ver­bän­de vor einem lang­sa­men Siech­tum ret­ten zu wollen.

Die CDU ist in ers­ter Linie eine risi­ko­aver­se Par­tei. Das Ein­rei­ßen ihrer eige­nen Brand­mau­er nach links wird viel­leicht kei­nen unmit­tel­ba­ren Wäh­ler­ex­odus nach sich zie­hen, aber die Par­tei mit­tel­fris­tig unter 20% im Bund drü­cken. Mög­li­cher­wei­se ist dies auch das Sze­na­rio, das den fina­len Spalt­keil in die Par­tei treibt und eine struk­tu­rel­le Reor­ga­ni­sa­ti­on nach sich zieht (eine Art „ost­deut­sches CSU-Modell“). Ein Ein­rei­ßen der AfD-Brand­mau­er bevor man das Ver­hält­nis zur Links­par­tei neu ver­han­delt hat, ist auf jeden Fall nichts wor­auf man gro­ße Wett­ein­sät­ze legen sollte.

Unzu­frie­den­heit als poli­ti­scher Treibstoff 

Die all­ge­mei­ne poli­ti­sche Unzu­frie­den­heit bleibt wei­ter­hin der gro­ße Mobi­li­sie­rungs­trei­ber der AfD. Bemer­kens­wert ist dabei zumin­dest, dass die­se Dyna­mik in ihrer the­ma­ti­schen Sali­enz und Pro­blem­wahr­neh­mung nicht mehr aus­schließ­lich vom Migra­ti­ons­ge­sche­hen getrie­ben ist. Es ist viel­mehr eine Kon­ver­genz aus unter­schied­li­chen Kri­sen­phä­no­me­nen, die in ihrer Sum­me die poli­ti­schen Dis­rup­ti­ons­pro­zes­se wech­sel­sei­tig verstärken.

Die Unzu­frie­den­heit in der Bevöl­ke­rung hat mit 86% einen his­to­ri­schen Nega­tiv­re­kord erreicht. Fried­rich Merz und die Bun­des­re­gie­rung sind momen­tan unbe­lieb­ter als die rot-grü­ne Koali­ti­on in ihrer schwers­ten Kri­se der Jah­re 2002 bis 2003 und als die Ampel in ihrer End­pha­se 2024. Selbst unter Anhän­gern von SPD und CDU sind knapp zwei Drit­tel unzu­frie­den mit der aktu­el­len Bun­des­re­gie­rung. Demo­sko­pen wie unter ande­rem der For­sa-Chef Peter Matu­schek beto­nen bereits die his­to­ri­schen Dimen­sio­nen die­ses Abstur­zes, der vor allem nicht nur in sei­ner gene­rel­len Qua­li­tät, son­dern auch in sei­ner Geschwin­dig­keit nach nur einem Jahr ein­ma­lig ist.

Bei den gro­ßen Poli­cy-Blö­cken wie der Begren­zung der Migra­ti­on, Wirt­schafts­kom­pe­tenz und sozia­le Sicher­heit gibt es kaum noch Zutrau­en. In dem Punkt „Wirt­schaft vor­an­brin­gen“ ver­zeich­net die Bun­des­re­gie­rung ein Ver­trau­ens­ver­lust von ‑31% im Ver­gleich zu Juni 2025. Das war zum Amts­an­tritt von Fried­rich Merz noch die ein­zi­ge Trumpf­kar­te wo es damals noch mehr Zutrau­en als Miss­trau­en gab. Die­ser Trend ist inzwi­schen völ­lig umgekehrt.

Bei Infra­test-Dimap erwar­tet die Hälf­te der Befrag­ten ein vor­zei­ti­ges Ende der Koali­ti­on. In den INSA-Daten wün­schen sich inzwi­schen bereits 59% Neu­wah­len, obwohl die Mehr­heits­bil­dung gegen die AfD auch im Deut­schen Bun­des­tag dann erheb­lich schwie­ri­ger wird.

Der Poli­to­lo­ge Chris­ti­an Ste­cker hat in sei­nem jüngs­ten Buch Ohne Koali­ti­ons­kor­sett und Brand­mau­ern. Wie fle­xi­ble Mehr­hei­ten die Demo­kra­tie stär­ken in der poli­ti­schen Mit­te einen Debat­ten­auf­schlag gemacht, der die kon­ven­tio­nel­len Gewiss­hei­ten der bun­des­deut­schen Koali­ti­ons­de­mo­kra­tie in Fra­ge stellt.

Ste­cker appel­liert an eine eigent­lich recht tra­di­tio­nell-ideel­le Vor­stel­lung des Par­la­men­ta­ris­mus, wonach poli­ti­sche Ent­schei­dungs­fin­dun­gen nicht nur von Frak­ti­ons­zwang und Koali­ti­ons­dis­zi­plin abhän­gen müs­sen, son­dern stär­ker in die Sach­ebe­ne zurück­ge­führt wer­den. Es wäre aus Sicht der poli­ti­schen Mit­te gewiss ein prag­ma­ti­scher Kom­pro­miss, doch er ver­kennt die tat­säch­li­che Dimen­si­on des Poli­ti­schen und die gegen­wär­ti­ge par­tei­po­li­ti­sche Macht- und Sys­tem­kon­fi­gu­ra­ti­on, die gar nicht nur auf den Par­la­men­ta­ris­mus fixiert ist, son­dern gene­rell den poli­tisch-hege­mo­nia­len Raum von links­li­be­ra­ler Sei­te domi­nie­ren möchte.

Somit ist es durch­aus ein Indiz der poli­ti­schen Rat­lo­sig­keit der Mit­te, wenn sie Ste­ckers Idee der fle­xi­blen Mehr­hei­ten zumin­dest andis­ku­tiert. Die rea­le Umset­zung wür­de man ver­mut­lich jedoch als poli­ti­schen Gelän­de­ver­lust anse­hen. Es ist jeden­falls auch fol­ge­rich­tig, dass mit der der­zei­ti­gen AfD-Stär­ke auch neue poli­ti­sche Exe­ku­tiv­mo­del­le ins Blick­feld kom­men. Die AfD-Stär­ke ver­än­dert also bereits die stra­te­gi­schen Kal­kü­le der übri­gen Par­tei­en, ver­schiebt Koali­ti­ons­de­bat­ten und zwingt die poli­ti­sche Mit­te zu Über­le­gun­gen, die noch vor weni­gen Jah­ren kaum ernst­haft dis­ku­tiert wor­den wären.

Die jüngs­ten AfD-Höhen­flü­ge in den Umfra­gen laden natür­lich zu einer Rei­he von Inter­pre­ta­tio­nen und ent­spre­chen­den Schluss­fol­ge­run­gen ein. Da poli­ti­scher Wett­be­werb in einer Medi­en­de­mo­kra­tie wie der BRD vom Spek­ta­kel lebt, wer­den schließ­lich auch Umfra­gen zuwei­len zu einer Art Sport­be­richt­erstat­tung dar­über, wer wo gera­de vor­ne liegt oder ein neu­er Rekord gebro­chen wurde.

Das ver­stellt ger­ne den Blick auf die inne­re Kon­zen­tra­ti­on, dass gewon­ne­ne, flui­de Zustim­mung über­haupt erst in lang­fris­ti­ge Bin­dung und Stamm­wäh­ler­schaft trans­fe­riert wer­den muss. Alles schaut der­zeit gespannt auf das Momen­tum, wann die AfD end­lich im Bund die 30%-Schallmauer durch­bro­chen hat.

Man­chen geht dies ange­sichts der hohen Gesamtun­zu­frie­den­heit gene­rell nicht ein­mal schnell genug. Daß ein stim­mungs­ge­trie­be­nes poli­ti­sches Grund­rau­schen nicht voll­stän­dig mit der Par­tei­prä­fe­renz und Wahl­ent­schei­dung zusam­men ver­läuft, soll­te ana­ly­tisch nicht über­ra­schen – zumal sich die­se Unzu­frie­den­heit auch nicht nur aus­schließ­lich als rech­te Pro­test­for­ma­ti­on ausdrückt.

Die stra­te­gi­sche Fra­ge der Verstetigung

Ich habe schon in frü­he­ren Bei­trä­gen häu­fi­ger betont, dass die Erfolgs­ver­ste­ti­gung und ‑ver­dich­tung für die AfD das ver­mut­lich wert­vol­le­re stra­te­gi­sche Asset ist als die durch­ge­hen­de Ska­lie­rung in neue Umfra­ge­hö­hen. Die Ana­to­mie der fes­ten AfD-Wäh­ler­bin­dung offen­bart nach wie vor eini­ge Wider­sprü­che. Sowohl die Wäh­ler­wan­de­run­gen der Bun­des­tags­wahl 2025 als auch wei­te­re Nach­wahl­be­fra­gun­gen zei­gen die außer­or­dent­li­che Stär­ke der AfD-Wählerbindung.

Bei der letz­ten Bun­des­tags­wahl konn­te die Par­tei 86% ihrer Wäh­ler hal­ten. Zugleich kamen 62% ihrer Wäh­ler­schaft von 2025 aus ande­ren Quel­len als dem eige­nen 2021er Bestand. Die Par­tei konn­te also breit expan­die­ren, ohne ihre eigent­li­che Basis zu ver­lie­ren. Mit sogar 95% Wäh­ler­bin­dung ist die AfD laut Ipsos-Insti­tut die Par­tei mit dem sta­bils­ten Wäh­ler­kern, der zusätz­lich vor allem von wei­te­ren Nicht­wäh­lern, dem BSW und ehe­ma­li­gen CDU-Wäh­lern hinzugewinnt.

94% der Per­so­nen, die bereits im Novem­ber 2024 die AfD favo­ri­sier­ten, wähl­ten sie am Ende auch tat­säch­lich. Für 59% der AfD-Wäh­ler kam zudem über­haupt kei­ne ande­re Par­tei als Alter­na­ti­ve in Fra­ge. Das ist der mit Abstand höchs­te Wert im Ver­gleich zu allen ande­ren Par­tei­en. Flan­kiert wird die­se dich­te Wäh­ler­bin­dung durch recht nied­ri­ge Absto­ßungs­ra­ten und eine erfolg­rei­che Milieu­aus­wei­tung. Wäh­rend jeder fünf­te ehe­ma­li­ge Wäh­ler von SPD oder CDU angibt, heu­te „nie wie­der“ für die­se Par­tei­en stim­men zu wol­len, liegt die­se har­te Ableh­nungs­front bei der AfD bei gera­de ein­mal 5%.

Eine tief­grün­di­ge Unter­su­chung der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung aus dem April hat in einer reprä­sen­ta­ti­ven Umfra­ge die gene­rel­le Bin­dung und Affi­ni­tät zu den Par­tei­en in Deutsch­land unter­sucht. Dem­nach ver­fügt die AfD über die mit Abstand inten­sivs­te emo­tio­na­le Bin­dung im gesam­ten Par­tei­en­sys­tem. 42% der AfD-Gebun­de­nen nei­gen ihrer Par­tei „sehr stark“ zu.


„Par­tei­b­in­dung und Par­tei­af­fi­ni­tät im Ver­gleich“ – Kon­rad Ade­nau­er Stif­tung April 2026

Ande­rer­seits ver­zeich­net sie para­do­xer­wei­se den nied­rigs­ten Wert bei der lang­fris­ti­gen, grund­sätz­li­chen Bin­dung. 43% der Gebun­de­nen bevor­zu­gen die AfD ledig­lich „im Augen­blick“, nur 57% nei­gen ihr „grund­sätz­lich“ zu. Mög­li­che Erklä­run­gen lie­gen in der ver­gleichs­wei­se jun­gen Par­tei­ge­schich­te sowie in der beson­de­ren Stär­ke der AfD in Ost­deutsch­land (wo die Men­schen tra­di­tio­nell kei­ne engen poli­ti­schen Bin­dun­gen und Par­tei­iden­ti­fi­ka­tio­nen auf­wei­sen). Und auch die frü­he­re Mobi­li­sie­rung von zahl­rei­chen Nicht­wäh­lern zeigt, dass sich eine lang­fris­ti­ge Par­tei­loya­li­tät über­haupt erst noch auf­bau­en muss.

Nega­tiv­i­den­ti­tät als Bindungskitt

Ein wesent­li­cher Bau­stein die­ser para­do­xen Bin­dungs­ar­chi­tek­tur ist die aus­ge­präg­te „Nega­tiv­i­den­ti­tät“ der AfD-Wäh­ler­schaft. Die AfD-Wäh­ler hegen fast aus­schließ­lich für die eige­ne Par­tei Sym­pa­thien und gren­zen sich maxi­mal von allen ande­ren ab. Unter den fest AfD-Gebun­de­nen leh­nen 94% die Grü­nen vehe­ment ab, 78% die Lin­ke, 75% die SPD und 70% die CDU. Gleich­zei­tig ist die AfD jedoch auch mit nur 9% die Par­tei mit der gerings­ten Gleich­gül­tig­keits­quo­te im Gesamt­e­lek­to­rat (Ver­gleich zur SPD: 30% oder FDP: 31%).


„Par­tei­b­in­dung und Par­tei­af­fi­ni­tät im Ver­gleich“ – Kon­rad Ade­nau­er Stif­tung April 2026

Die­se schar­fe Abgren­zung zum poli­ti­schen Geg­ner wirkt stra­te­gisch als stärks­ter Bin­dungs­kitt und kom­pen­siert die bei vie­len noch feh­len­de, his­to­risch gewach­se­ne Par­tei­loya­li­tät. Es gibt laut KAS-Stu­die kaum par­tei­po­li­ti­sche Mehr­fach­sym­pa­thien oder Schnitt­stel­len in den Par­tei­iden­ti­fi­ka­tio­nen mit ande­ren Par­tei­en im AfD-Elek­to­rat. Ihr fehlt im Gegen­satz zu den ande­ren Par­tei­en das ten­den­zi­el­le Grund­rau­schen. Die Hal­tung zu ihr ist meist binär auf Zustim­mung oder Ableh­nung gepolt.

Dies erklärt schließ­lich auch die zumeist gerin­gen Wer­te bei den erwei­ter­ten Poten­ti­al­ana­ly­sen des INSA-Insti­tuts. Die fes­te Zustim­mung steigt deut­lich an, wäh­rend die Poten­tia­le und Zweit­wahl­prä­fe­ren­zen für die AfD immer im nied­ri­gen Bereich zwi­schen 5–7% schwan­ken. Die Bin­dungs­fä­hig­keit der AfD speist sich bis­lang weni­ger aus einer tie­fen pro­gram­ma­tisch-welt­an­schau­li­chen Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der Par­tei als aus der fun­da­men­ta­len Ableh­nung der übri­gen Par­tei­en. Nur ist die­se Ableh­nung mitt­ler­wei­le so groß, dass das Pro­test­mo­tiv zu einer zen­tra­len poli­ti­schen Iden­ti­fi­ka­ti­ons­grö­ße wird.

Dadurch blei­ben aber eini­ge unge­wis­se Varia­blen bestehen. Einer­seits erhöht sich durch die gestie­ge­ne AfD-Zustim­mung der Erwar­tungs­druck in einer mög­li­chen poli­ti­schen Gestal­tungs­op­ti­on (94% der eige­nen Anhän­ger wün­schen sich laut INSA-Befra­gung die Par­tei in einer kom­men­den Bun­des­re­gie­rung – bei Anhän­gern ande­ren Par­tei­en liegt die­ser Wert 10–15% nied­ri­ger) und zugleich bleibt der flui­de und augen­blick­li­che Cha­rak­ter der Par­tei­b­in­dung bestehen, der immer auch von der gene­rel­len Stim­mungs­la­ge getra­gen wird.

Typus­trans­for­ma­ti­on vom Pro­test- zur „Lager­par­tei“

Man kann die AfD in den beschrie­be­nen Kon­stel­la­tio­nen sicher nicht mehr nur als rei­ne Pro­test­par­tei defi­nie­ren, die ihre Stär­ke ledig­lich aus einem poli­ti­schen – und zumeist the­ma­ti­schen – Momen­tum speist. Sie ent­wi­ckelt sich von einer Pro­test­par­tei zu einer Art „Lager­par­tei“. Letz­te­re ist eine Art par­tei­po­li­ti­scher Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt eines zuneh­mend geschlos­se­nen gesell­schaft­li­chen Konfliktblocks.

Ihre Wäh­ler kom­men nicht mehr nur aus situa­ti­ver Ver­är­ge­rung, son­dern ord­nen sich einem poli­ti­schen Gegen­la­ger zu, das sich kul­tu­rell, sozi­al und emo­tio­nal von den eta­blier­ten Par­tei­en abgrenzt.

Die AfD kon­kur­riert nicht mehr nur um Wech­sel­wäh­ler am Rand der Uni­on oder um mobi­li­sier­te Nicht­wäh­ler, son­dern for­miert ein eige­nes Lager mit sta­bi­ler Selbst­be­schrei­bung, hoher Abgren­zungs­be­reit­schaft und wach­sen­dem Macht­an­spruch. Gera­de weil die­se Lager­bin­dung noch jung und teil­wei­se nur auf aktu­el­le Stim­mungs­trends reagiert ist, bleibt sie form­bar. Aber ihr poli­ti­scher Kern ist bereits sicht­bar. Rück­hol­ver­su­che der Kon­kur­renz grei­fen in die­sem Fal­le schwe­rer, weil der Wech­sel zur AfD nicht mehr als tem­po­rä­re Abwei­chung, son­dern als Bruch mit dem bis­he­ri­gen poli­ti­schen Koor­di­na­ten­sys­tem gese­hen wird.

Hin­zu kommt, dass die eta­blier­ten Par­tei­en weder kom­mu­ni­ka­tiv noch exe­ku­tiv-hand­werk­lich in der Lage sind, den Stim­mungs­trend in ihre Rich­tung zurück zu kip­pen. Nach den Land­tags­wah­len in Baden-Würt­tem­berg und Rhein­land-Pfalz kün­dig­te man die gro­ßen sozi­al­staat­li­chen Reform­pa­ke­te an, die das Ver­trau­en in die Hand­lungs­fä­hig­keit der Bun­des­re­gie­rung zurück­brin­gen soll­ten. Aber schon die Vor­be­rei­tung die­ser Pake­te war bereits ein ein­zi­ges kom­mu­ni­ka­ti­ves Desas­ter und auch die in Rede ste­hen­den Maß­nah­men bei der Kran­ken- oder Ren­ten­ver­si­che­rung sind trotz ihrer mög­li­chen Not­wen­dig­keit nichts, womit sich eine Regie­rung gro­ße Popu­la­ri­täts­wer­te erobern könnte.

Es wer­den näm­lich ent­we­der Mehr­be­las­tun­gen oder der Abbau von Pri­vi­le­gi­en im Sozi­al­staat fol­gen. Die tat­säch­li­che demo­sko­pi­sche und elek­to­ra­le Gewinn­mar­ge mit die­sen Refor­men dürf­te über­schau­bar blei­ben. Da ist nichts dabei wo die Bür­ger laut­stark „Hur­ra“ schrei­en kön­nen und somit kann die AfD vor­erst wei­ter­hin ihren Mobi­li­sie­rungs­kern in der Pro­test­dy­na­mik wei­ter stär­ken und verdichten.

Daniel Fiß

Daniel Fiß ist freier Publizist.

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Kommentare (5)

Le Chasseur

26. Mai 2026 13:22

"Ich bin davon überzeugt, daß sich die Union auf die Zusammenarbeit mit der Linkspartei bereits vorbereitet."
https://www.welt.de/politik/deutschland/article6a0e9545c8ddadf55f8e6d40/maischberger-die-afd-ist-die-deutlich-groessere-gefahr-daniel-guenther-will-neues-verhaeltnis-zur-linkspartei.html
 

Majestyk

26. Mai 2026 14:04

"Ein wesentlicher Baustein dieser paradoxen Bindungsarchitektur ist die ausgeprägte „Negatividentität“ der AfD-Wählerschaft. Die AfD-Wähler hegen fast ausschließlich für die eigene Partei Sympathien und grenzen sich maximal von allen anderen ab."
 
Richtig so. Zwischen Anti-Deutschland-Parteien und einer Pro-Deutschland-Partei kann es keine Kompromisse geben. 
Fraglich finde ich den Glauben, die CDU könne zu irgendetwas zurück finden. Wer ließ denn Anfang der 90er und vollends 2015 die Zugbrücke runter? Wenn ich mir die Zukunftshoffnungen der Union wie etwa Günther oder Wüst so anschaue, weiß ich nicht inwiefern sich die CDU von morgen noch von den Grünen unterscheidet. Welcher Partei gehört denn die mächtigste Person in Brüssel an? Und kommunal (zumindest in meiner Region) verkehren Christdemokraten, Sozen und Grüne doch eh recht fröhlich miteinander. Im Grunde sind die doch mittlerweile bereits komplett austauschbar. 
Die größte Gefahr sind für mich Neuwähler, die mit ihrer alten Prägung bedient werden wollen. Alter Wein in blauen Schläuchen ist nämlich das Letzte was Deutschland braucht. 

Mitleser2

26. Mai 2026 15:10

@Majestyk: "Die größte Gefahr sind für mich Neuwähler, die mit ihrer alten Prägung bedient werden wollen."
Versteh ich nicht ganz. Natürlich braucht die AfD auch (möglichst viele) Neuwähler. Wie man deren Erwartungen später einfangen kann, ist was ganz anderes.

NC472

26. Mai 2026 16:03

Wenn jemand politisch von der "Mitte" schreibt muss ich immer lachen. Es gibt keine politische Mitte, das ist ein Propaganda Begriff des 20. Jahrhunderts dem sich der teleologisch universalistisch kollektivistisch eugenistische Kult der "links Liberalen" bedient hat, um sich im passiv Medien Wald gegen international Sozialisten und nationale Sozialisten abzugrenzen, strukturel mit dem der "dritten Position" der NSDAP vergleichbar. Weiter, sind die Kaffeesatz-Leser die sich Demographen schimpfen wohl heutzutage die schlechteste Datenquelle die man finden kann, deren Methodolgie ist alles aber nicht representativ. Es ist ein Pottpurie aus "Festnetz Telefon Interviews" und "online Fragebögen", längst vergangen nicht aktuellen Daten, normalisierungs Schlüsseln die mehr mit Voodoo als mit Wissenschaft zu tun haben und dem Wunsch des Auftraggebers dass die Daten für Propaganda Zwecke genutzt werden können.
Wer auf dieser Grundlage Extrapolationen vornimmt der kann nur falsch liegen; und der beste Beweis hierfür findet sich in den Politik selbst, denn diese verließ sich seid Jahrzehnten auf diese Wünsch dir Was Daten um Stimmungen zu "messen", und hat mit jeder Entscheidung auf gut Deutsch in die Scheiße gegriffen.

Andreas J

26. Mai 2026 16:11

Während in Großbritannien das Zwei-Parteien-System gerade zerfallen ist, wird selbiges in Deutschland praktisch etabliert. In GB ist es das Resultat einer tatsächlich "lebendigen Demokratie", in Deutschland das toxische Konstrukt eines selbstherrlichen Demokratiesaboteurs.