Vor allem über den Streaming-Markt hat Uwe Bolls Citizen Vigilante in den USA angeblich bereits über 67 Millionen Dollar eingespielt. Szenen des Films werden nun fleißig geteilt, zitiert und zu Mems verwurstet, während man abfeiert, wie das de facto “Verbot” des Films in Deutschland den “Streisand-Effekt” unfreiwilliger Werbung ausgelöst hat.
Zu Uwe Boll, dem 1965 geborenen deutschen Regisseur dieses “Meisterwerks”, gibt es eine Menge zu sagen, was ich mir bis zum Schluß dieses Beitrags aufheben werde.
Boll, der vorzugsweise in Kanada und den USA arbeitet, und eine Jahrzehnte zurückreichende Reputation als einer der schlechtesten Regisseure aller Zeiten hat, kostet diese von ihm mit Sicherheit einkalkulierte Kontroverse um seinen Film nun reichlich aus und fischt gezielt im MAGA-Pool nach Aufmerksamkeit.
Die rechten Multiplikatoren beißen reihenweise an, denn offenbar gilt es einen extrem politisch unkorrekten Film gegen “Zensur” und ähnliche Verhinderer in Schutz zu nehmen.
Der Grund der allgemeinen Aufregung ist schnell erzählt: Im Mittelpunkt des Films steht ein exorbitant gut aussehender selbsternannter Rächer, in elegantes Schwarz gekleidet, mit militärischem Haarschnitt, der in einem fiktiven europäischen Land kriminelle Einwanderer jagt und tötet, die aufgrund der herrschenden liberalen Kuscheljustiz ihrer Strafe entgangen sind.
Die entscheidende Provokation des Films ist, daß er sich ohne jegliche kritische Distanz auf die Seite der Sentiments, Ideen und sogar Taten seiner Hauptfigur zu stellen scheint: “This film is dedicated to the thousands of rape and murder victims who were betrayed by our legal system”, verkündet eine Tafel am Ende des Films.
Kurz zuvor hatte man gesehen, wie der “koole Killer” eine Bande von jugendlichen arabischen und afrikanischen Vergewaltigern inklusive der gesamten Familie eines der Täter kaltblütig exekutiert hat (insgesamt acht Menschen, darunter zwei Frauen). Die letzte Einstellung des Films zeigt das gerächte minderjährige Vergewaltigungsopfer, den Tränen nahe, hoffnungsvoll erbebend, als es auf einen Bildschirm starrt und zu elegischer Streichmusik die frohe Botschaft des Vigilanten vernimmt:
“Ich bin hier, um euch zu helfen, wieder die Kontrolle zu erlangen. Ich bin hier, um euch zu zeigen, daß ihr keine Opfer mehr seid. Ich bin hier, um euch zu zeigen, daß es an der Zeit ist, diesen F*ckern klarzumachen, daß sie damit nicht mehr davonkommen. Denkt daran: Ich tue das für euch, damit ihr lernt, es selbst in die Hand zu nehmen.”
Maximale Emotionen werden gleich in der ersten Sequenz von Citizen Vigilante aufgeladen: Mit allen Details wird gezeigt, wie einer blonden jungen Frau von einem Afrikaner ohne irgendeinen ersichtlichen Grund die Kehle aufgeschnitten wird und sie vor den entsetzten Augen ihres etwa achtjährigen Sohnes verblutet.
Unmittelbar darauf, gleich nach dem Vorspann, verkündet die gleichfalls blonde Sprecherin eines TV-Senders namens “World News”, daß Migrantengewalt am Ansteigen sei, aber Hoffnung erblühe in Gestalt der “enigmatischen Figur” eines “vigilantischen Bürgers”, der gewaltsam dort eingreift, wo das Justizsystem versagt hat. Wer er ist, wird ebenfalls sehr rasch enthüllt: Ein geheimnisvoller, reicher Amerikaner namens Sanders, der in Wahrheit gar kein “Bürger” des Landes ist, in dem er sich aufhält, dort aber mehrere Unternehmen und Immobilien besitzt, mit denen er jährlich Millionen Dollar verdient.
Gespielt von Armie Hammer (der teilweise jüdischer Abstammung ist und ein großes hebräisches Aleph auf dem Bauch tätowiert hat), ist Sanders eine Art Mischung aus “Batman” Bruce Wayne (der Film sollte ursprünglich The Dark Knight heißen) und Paul Kersey aus Death Wish (dt. Ein Mann sieht rot), der Mutter aller Vigilantenfilme.
Er ist aber zugleich ein politischer “Influencer” und Aktivist, ein ehemaliger Soldat und fanatisch von seiner Mission überzeugter Kreuzritter mit Zügen von Anders Breivik und Brenton Tarrant. In der Tat entspricht er wohl ziemlich genau dem heroischen, von Kinohelden inspirierten Phantasiebild, das diese beiden Massenmörder von sich selbst hatten.
Letztere Zutat ist nun der durchaus neue Aspekt, den Boll in die Tradition des Vigilantenfilms eingeführt hat. Nicht etwa, daß die Hauptfigur, ein im wesentlichen doch recht generischer Action-Held, “rechtslastig” oder “faschistoid” ist, sondern daß diese Tatsache offen affirmativ, ja sogar glorifizierend gehandhabt wird.
In meinem Lichtspielführer habe ich dieses rechtscodierte Subgenre ausführlich behandelt: Da gibt es einerseit den Strang der abgebrühten Polizisten, die sich in ihrer notwendigen Schmutzarbeit gegen ein weichgespültes System aus liberalen Gesetzen, Politikern, Vorgesetzten, Journalisten und Anwälten durchsetzen müssen (etwa French Connection, Dirty Harry, Tropa de Elite, Dragged Across Concrete), anderseits den der “Wutbürger”, die meistens aufgrund von traumatischen Erfahrungen zur Selbstjustiz greifen (etwa Death Wish, Mr. Majestik, Falling Down, Harry Brown, Rohrschach in Watchmen).
Scorseses und Schraders Taxi Driver (1976), ebenfalls in meinem Buch behandelt, hat das Thema besonders einprägsam aufgegriffen, gerade weil er kein naives Actionkino ist, sondern die Frage stellt, was die eigentlichen Impulse hinter Gewalttaten sind, die sich eine moralische und politische Rechtfertigung geben.
“Hier ist ein Mann, der sich nicht mehr alles gefallen läßt. Ein Mann, der sich gegen den Abschaum, die Nutten, die miesen Schweine, den Dreck und die Scheiße wehrt… hier ist jemand, der sich wehrt!”
Taxi Driver ist aber auch ein Beispiel von Selbstzensur aufgrund von politisch korrekten Bedenken: Der ursprünglich schwarze Zuhälter “Sport” wurde in einen Weißen verwandelt, der sich optisch zum Indianer stilisiert. Der “Rassismus” der Hauptfigur Travis Bickle, wird in ein paar wenigen Szenen nur “subliminal” angedeutet.
Auch das ist eine Neuerung von Citizen Vigilante, daß der rassische oder “rassistische” Subtext seiner Vorbilder offen ausbuchstabiert wird, und hier explizit farbige Verbrecher weißen Opfern und einem weißen Rächer gegenübergestellt werden. Aber auch hier kommt es zu seltsamen Verwischungen, wenn Boll etwa eine eher unrealistische Gang auftreten läßt, die aus einem Schwarzen, einem Araber und einem sadistisch lächelnden weißen Mädchen zusammengesetzt ist, die in einer Szene einen weißen Jungen attackieren.
Einige Seltsamkeiten und Widersprüche haben sich auch in die Figur des Sanders eingeschlichen, und ich bin mir nicht sicher, ob sie bewußt ins (wie immer bei Boll ziemlich wirre, ziemlich schlecht strukturierte) Drehbuch geschrieben wurden, um die Figur wenigstens ein bißchen ambivalenter und dreidimensionaler zu machen. Ein Sinn für Ironie oder Doppelbödigkeit macht sich in Bolls Inszenierung jedenfalls kaum bemerkbar. Das alles hat entfernte Tarantino-Vibes, aber es ist schier unmöglich zu sagen, ob und wann der Regisseur das alles nun “ernst” meint.
Sanders tritt einerseits wie ein arroganter Herrenmensch auf, der jede Situation souverän unter Kontrolle hat, andererseits erscheint er auch als völlig humorloser, kalt zorniger Autist, der seinen Opfer lange, ausführliche Moralpredigten hält, ehe er sie exekutiert. Er selber stellt sich nicht nur in Sachen Selbstjustiz selbstherrlich über Moral und Gesetz, wie es ihm gerade gutdünkt.
Wir erfahren nicht nur, daß er säumigen Mietern gedungene Schläger vorbeischickt, um sie zu pünktlichen Zahlungen zu “motivieren”, sondern auch, daß er ein Bordellbesitzer ist. In einer ziemlich bizarren, überflüssig ausgedehnten Sexszene bricht Sanders seine fleischliche Interaktion mit einer (nicht-weißen) “Angestellten” seines Freudenhauses jäh ab, als er entdeckt, daß sich an der Decke Schimmel ausgebreitet hat. Nun hält er der Dame eine gestrenge Standpauke, nach jeder warmen Dusche das Zimmer zu lüften, um sein Eigentum nicht zu beschädigen.
Einerseits pflegt er eine populistische Rhetorik, andererseits ist er eine Art Sozialdarwinist voller “nietzscheanischer” Menschenverachtung. In einer Szene verursacht er absichtlich den Tod eines ihm zufällig entgegenkommenden Autofahrers, nur um einem gefangenen Richter auf seinem Nebensitz zu beweisen, daß Menschen “Schafe” seien, die blindlings das Gesetz befolgen, auch wenn es ihr Leben gefährdet. Insofern hat es eine gewisse makabre Komik, wenn er am Ende des Films dem Vater einer muslimischen Familie vorwirft, sein “archaisches Wertesystem und seine Religion über die Demokratie und alles andere” zu stellen, “einschließlich der Rechtsstaatlichkeit.”
In der stärksten Szene des Films schlachtet Sanders die gesamte Familie dieses Mannes ab, ihn selbst, seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn. Des letzteren Schuld war es, sich an der Gruppenvergewaltigung einer 14jährigen beteiligt zu haben; die seiner Familienmitglieder, ihm Deckung gegeben und keine Reue gezeigt zu haben. Die Schwester des Täters hat noch eins draufgesetzt, indem sie in den sozialen Medien die Meinung vertreten hat, daß Mädchen, die sich unzüchtig-unislamisch kleiden, es verdient hätten, vergewaltigt zu werden. Dafür ist ausreichend für Sanders, auch an ihr eine Todesstrafe zu vollstrecken.
Die zweite Szene, die im Gedächtnis hängenbleibt, ist die Entführung und Ermordung eines liberalen Richters, der die migrantischen Vergewaltiger auf freien Fuß gesetzt hat, weil er sie für Opfer von Diskrimierung und mangelnder Integration hält. Abgesehen von diesen beiden Szenen gibt es im Film relativ wenig “Vigilantentum” zu sehen. In einer Sequenz erweist sich Sanders als “weißer Ritter”, der zwei (weiße) junge Frauen vor zwei zwielichtigen (weißen) Verführern rettet, die sie mit einer “Date Rape”-Droge gefügig machen wollen. Das ist hochironisch angesichts der Tatsache, daß sich Armie Hammer seit Jahren in einem Karriere-Nirvana befindet, weil er von mehreren Frauen der Vergewaltigung bezichtigt wurde.
Einen erheblichen Teil der Laufzeit des Films vergeudet Boll mit hirnlosen handelsüblichen Actionsequenzen, etwa einer, in der Sanders Dutzende Polizisten umlegt, die seine modernistische Villa umstellt haben. Der schwer verwundete Kommissar, der ihm auf der Spur ist, zeigt sich nichtsdestrotz immer noch als Sympathisant (auch er “liebt Europa und seine tiefe Geschichte”), als Sanders ihn im Krankenhaus anruft, und davor warnt, daß das demokratische System, das er verteidigt, von “islamistischen Extremisten und der verblendeten woken Linken” gekapert und zerstört wird.
Der Film spielt in einer ideologisch abstrahierten Phantasiewelt, die wenig Berührung mit der konkreten Wirklichkeit hat. Vermutlich aus Kostengründen wurde ausgerechnet in Kroatien gedreht, ein Land, das ironischerweise noch sehr wenig vom “großen Austausch”, Islamismus und Migrantenkriminalität bedroht ist. Der Schauplatz ist aber nicht das reale Kroatien, sondern irgendein “europäisches” Land, stellvertretend für alle, die es da geben mag.
In der Welt, in der der “Vigilant Citizen” operiert, sind nicht nur die Benutzer der sozialen Medien geschlossen auf seiner Seite, sondern surrealerweise auch der immer wieder auftauchende große TV-Sender “World News”, der tendenziös zu seinen Gunsten argumentiert: Was sei denn nun eine größere Bedrohung für die Gesellschaft, so die rhetorische Frage der Nachrichtenmoderatorin, diejenigen, die schreckliche Verbrechen begehen, oder der Mann, der diese Verbrecher eliminiert?
Ich sehe nun Leute auf Rechtstwitter, die argumentieren, daß dieser Film endlich “die Wirklichkeit” zeige, was Migrantenverbrechen angehe, und darum “verboten” und “zensiert” werde. Es ist verständlich, daß manche nun die pure Existenz dieses Films als “Meilenstein” und als “befreiend” empfinden, da er ein tatsächliches gravierendes Problem anspricht, das in allen europäischen Ländern besteht, die sich der Masseneinwanderung geöffnet haben.
In der Tat scheint Boll gezielt nach einem Publikum zu heischen, das auf seinen Film ähnlich reagiert wie seine fiktiven Social-Media-User auf seinen Vigilanten. Er tut es aber auf eine Art, wie es berüchtigte rechtspopulistische Slop-Accounts à la “Radio Genoa” praktizieren, affektiv, sensationsheischend und ultimativ gehirnverkleisternd.
Wo nun rechtspopulistische Clickbait-Medien dazu neigen, eine “schwarzgepillte”, defaitistische Stimmung zu verbreiten (“Europe has fallen”), bemüht sich Boll energisch um eine “positive”, “hoffnungsvolle” Botschaft, die am Ende des Films ohne jegliche Ironie und Distanz serviert wird, in Form eines Aufrufs zu wehrhafter ziviler Gegengewalt, aus dem Munde eines als Messias auftretenden, autoritären starken Mannes, der eben kaltblütig eine gesamte ausländische Familie aufgrund von reiner “Sippenhaftung” hingerichtet hat.
Dieser Mann, den man hier gesehen hat, der attraktive, überlegene, kühle Kino-Killer, ist allerdings ganz offensichtlich ein Psychopath. Kein normaler, tatsächlich moralisch denkender Mensch geht hin und exekutiert eigenhändig Menschen, die es seiner Ansicht nicht anders verdient haben, systematisch und im von jedem Zweifel unbefleckten Vollgefühl, der gerechten Sache zu dienen. Wohingegen jener Typ von Sadist nicht selten ist, der seine Taten mit einem rigorosen Moralismus rechtfertigt.
Klar: Im Kino, in einem B‑Movie, in einem Action-Schlock-Film kann man eine solche Figur hinnehmen oder unterhaltsam finden oder gar genießen, wenn einem der Sinn danach steht. Boll will das alles jedoch mit einer angeblich ernst gemeinten politischen Message verknüpfen. Man sieht seinem Film nicht an, daß es ihm wirklich um die Opfer geht. Er zelebriert vielmehr genüßlich, wie in unzähligen anderen seiner Filme, den Akt des Tötens und den Täter mit der Waffe in der Hand, der cool und mächtig aussieht, wenn er tötet.
Das kann man nun, wenn man will, als “subversiv” sehen oder es abfeiern, weil es ach so kantig und gewagt und angeblich “basiert” ist. Ich tue das nicht, warne aber auch nicht davor, daß Citizen Vigilante “gefährlich” oder moralisch “fragwürdig” sei (was er auch – mit voller Absicht – ist), aber ich sehe schon jetzt, wie die blinde Begeisterung für diesen Film mal wieder kräftig die Verdummung und Realitätsferne (und den schlechten Geschmack) des rechten Spektrums beschleunigt.
Als Beispiel sei dieser Tweet des französischen rechten Aktivisten Daniel Conversano zitiert, den auch Boll (stets empfänglich für Schmeicheleien) geteilt hat:
Einige Menschen, sogar in nationalistischen Kreisen, sind der Meinung, daß „Citizen Vigilante“ subtiler und klüger sein sollte, weniger offen militant. Haben Sie den Film „One Battle After Another“ mit Leonardo Di Caprio gesehen? Es ist ein Film, der einen weit links stehenden Terrorismus verherrlicht. Eine antikonservative Tirade, die zu Gewalt gegen uns (Rechte) aufruft.
Was Uwe Boll fehlt, ist nicht Subtilität: Es ist ein Budget von 100 Millionen und gute Drehbuchautoren. Eines Tages wird ein rechtsgerichteter Regisseur sicherlich einen Film machen, der künstlerisch gelungener ist als „Citizen Vigilante“. Ok. Aber bis dato war nur Uwe mutig genug, den ersten Schritt zu tun, um militante Werke zu schaffen, die den Nationalismus offen umarmen.
Oder auch dieser, mit noch lauter aufgedrehter Krafthuberei:
„Die Schönheit wird die Welt retten.“ Diesen dummen und falschen Satz kann man überall lesen. Schönheit ist keine Nation; sie besitzt keine Waffen, mit denen sie sich verteidigen könnte. Im Gegenteil, Schönheit muss vor dem Bösen und der Zerstörung geschützt werden.
Uwe Boll ist kein sensibler Filmemacher. Er hat eine dionysische Persönlichkeit. Er ist hier, um zu schreien. Er wurde geboren, um zu hassen, was hassenswert ist. Wir brauchen diese Art von Europäer.
Was, denkt ihr, werden die dekadente Linke und die Eindringlinge mit der klassischen Kunst anstellen, die wir alle lieben, wenn wir sie gewinnen lassen? Was wird von Rimbaud, Bergman, Leonardo da Vinci oder Shakespeare übrig bleiben, wenn wir uns nicht mutiger und stärker erweisen, um alles zu verteidigen, was es zu verteidigen gilt?
Politische Reife besteht darin zu verstehen, daß Autorität (und manchmal sogar ein Hauch von Gewalt) erforderlich ist, um Schönheit und Leichtigkeit in unserer Welt existieren zu lassen. Wollt ihr ein verfeinertes Europa? Dann braucht ihr Grenzen und Barbaren, die es vor der Außenwelt schützen. Deshalb ist “Citizen Vigilante” ein großartiger Film. Die Energie in diesem Film ist genau das, was wir jetzt brauchen.
Also die “Energie” ist es, die “wir” brauchen, auch wenn das Ganze, äh, eher eine “dionysische” Angelegenheit ist.
Natürlich war dies alles zu erwarten, wenn man mit dem Œuvre von Uwe Boll vertraut ist, der seit den frühen neunziger Jahren wie ein Besessener Independent-Filme am Fließband herunterrotzt, vorzugsweise im Action- und Horrorgenre, wovon etliche den Ruf erlangt haben, zum übelsten Müll zu zählen, der jemals gedreht wurde. Wie viele Regisseure dieser Art hat er in den Augen mancher, die es gern brachial, grell und stumpf mögen, eben dadurch “Kultstatus” erlangt.
Das alles im Verbund mit seiner offensichtlichen Liebe zu exzessiven Gewaltdarstellungen macht Boll nun nicht gerade zum vertrauenswürdigsten Kandidaten, wenn es um “seriöse” Themen geht, an denen er sich hartnäckig immer wieder versucht. Er erscheint vielmehr als klassischer “Exploitation”-Filmer, der kontroverse und krasse Themen auf sensationalistische Weise benutzt, um damit Aufmerksamkeit zu erzeugen und Geld zu machen, dies allerdings stets in moralische Rechtfertigungen und Beteuerungen eingewickelt (nicht unähnlich seinem “Citizen Vigilante”).
2011 drehte er einen etwa einstündigen Film mit dem Titel Auschwitz, was viele schon wegen Boll selbst als Sakrileg und Provokation erfunden haben: Ausgerechnet der Schöpfer von House of the Dead, Blood Rayne und Blubberella zeigt darin den Erstickungstod von Menschen in einer Nazi-Gaskammer in Großaufnahme (den zu zeigen ein Spielberg in Schindlers Liste “taktvoll” vermieden hat), natürlich nur aus rein pädagogischen Motiven: “Es ist wichtig, daß wir niemals vergessen, was passiert ist”, erklärte Boll im Abspann des Films, denn “nur so können wir sicherstellen, daß wir dieselben Fehler nicht nochmal machen”.
Analog zeigt er in Citizen Vigilante den qualvollen Tod einer jungen Mutter vor den Augen ihres Kindes vermutlich, um – was denn eigentlich? “Wachzurütteln”? An die Opfer von Migrantengewalt zu erinnern? Die Zuschauer so zornig und rachsüchtig zu machen, wie “Sanders” im Film zornig und rachsüchtig ist, damit sich das alles endlich ändert? Oder gibt es nicht doch Motive, die ein Stückchen niedriger angesiedelt sind?
2022 drehte er einen seiner meistgehaßten Filme, Hanau (Untertitel “Deutschland im Winter”), eine gegen den Willen der betroffenen Stadt und der Opfer zusammengeschusterte No-Budget-Rekonstruktion der Gedankenwelt und des Amoklaufes eines Psychotikers im Februar 2019, der von den Medien zur “rechtsextremen” Tat erklärt worden war.
Boll übernahm dieses Narrativ vollständig, indem er am Schluß Bilder von rechten Demonstrationen, Trump, QAnon-Anhängern, Corona-”Schwurblern” usw. anhängte. Davor rückte er den Täter Tobias Rathjen und seine psychotische Weltsicht ungefiltert und unkommentiert ins Zentrum. Wiederum bemängelten Kritiker die Ungeniertheit, mit der er sein Thema ausbeutete, während der Regisseur selbst beteuerte, nichts anderes als ein “Realist” zu sein.
Gegenüber dem Spiegel erklärte Boll, er wolle vor “Rechtsextremismus” und “Verschwörungstheorien” warnen. Er inszenierte Rathjen als in diesem Fall wahnhaften Möchtegern-Vigilanten, der ähnlich wie Sanders im aktuellen Film dazu aufruft, den Mainstream-Medien kein Gehör zu schenken und zur Tat zu schreiten, in diesem Fall gegen satanische pädophile Eliten.
Andererseits publizierte Boll im selben Jahr ein Buch mit dem Titel Warum sich keiner mehr zu sagen traut, was wirklich ist, Untertitel: “Deutschland zwischen Cancel Culture, Political Correctness, und der neuen Feigheit, die Wahrheit zu sagen”, und auch im Freilich-Magazin hat er sich mit einem Interview blicken lassen.
Dort zeigte er sich als moderater, Law & Order und kulturelle Kompatibilität betonender Einwanderungskritiker, und verwies auf seinen Film Run (2025), der als erster Film überhaupt nicht nur die Strapazen der Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer zeige, “sondern auch, wie diese Flüchtlinge Stress, Unruhe und Wohlstandsverlust nach Europa bringen.” Diesen Film habe ich nicht gesehen und kann dazu kein Urteil fällen.
Citizen Vigilante ist kein völlig schlechter Film. Im Gegensatz zu anderen Boll-Werken ist er gut photographiert, flott geschnitten (von etlichen überlangen, redundanten Szenen abgesehen), mit zwei, drei einprägsamen Szenen und einem ansehnlichen Hauptdarsteller, der allerdings nicht allzu viel zu tun bekommt.
In mancher Hinsicht handelt es sich hier gewiß um einen “Meilenstein” und um einen kräftigen Tritt gegen das Overtonfenster. Auf manche scheint er eine geradezu opiatische Wirkung auszuüben, weil er trotz seiner mangelhaften Qualität gewissen ungestillten emotionalen Bedürfnissen entgegenkommt, als Racheporno oder juvenile Erlösungsphantasie.
Es ist aber auch ein zweischneidiges, sogar ein ein bißchen vergiftetes Geschenk, das Uwe Boll, ein Mann der seinen Anti-Intellektualismus wie ein Banner vor sich herträgt, der einwanderungskritischen Rechten mit diesem Film gemacht hat.
Ich rate dringend davon ab, daraus einen “Kultfilm” oder auch nur eine Mem-Mine machen zu wollen.




Andreas J
"Die rechten Multiplikatoren beißen reihenweise an, denn offenbar gilt es einen extrem politisch unkorrekten Film gegen “Zensur” und ähnliche Verhinderer in Schutz zu nehmen."Findet hier denn faktisch keine Zensur statt?
ML: Ein bißchen schon, aber jedermann kann den Film im Internet vie Streaming sehen, und so wird er ja auch von den allermeisten Zuschauern in den USA konsumiert.