Christopher Nolans “Odyssee”

Endlich habe ich meine Pflicht als Lichtspielführer erfüllt und mir Christopher Nolans dreistündige Odysee angesehen. Es war eine Tortur von Anfang bis Ende.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Der Film ist genau so woke, wie wir es alle befürch­tet hat­ten, als wir erfuh­ren, daß Hele­na von einer 43jährigen raben­schwar­zen Kenia­ne­rin dar­ge­stellt wird, auch wenn uns Legio­nen von Kom­men­ta­to­ren, berauscht von ihrem eige­nen “vir­tue signal­ling”, schon im vor­aus gas­lich­tern woll­ten, daß die­se Annah­me völ­li­ger “Quatsch” sei.

Ich rede hier wohl­ge­merkt nicht nur vom “Diver­si­ty, Equi­ty and Inclusion”-Casting, das weit über die derb iko­no­klas­ti­sche Beset­zung der mythi­schen “schöns­ten Frau” der Anti­ke hin­aus­geht. Reden wir also zuerst über den größ­ten Ele­fan­ten im Raum. Ich will dabei wohl begrün­den, war­um er für die Beur­tei­lung des Films signi­fi­kant ist, obwohl das eigent­lich auf der Hand lie­gen sollte.

Buch­stäb­lich die ers­te Ein­stel­lung des Films zeigt einen Schwar­zen mit lan­gen Ras­ta­zöp­fen, gespielt von einem Rap­per namens Tra­vis Scott, der einen anti­ken Bar­den reprä­sen­tie­ren soll, offen­bar weil Chris­to­pher Nolan der inter­es­san­ten Mei­nung ist, Rap­per wären das zeit­ge­nös­si­sche Äqui­va­lent zu den home­ri­schen Rhapsoden.

Singt der aus uner­find­li­chen Grün­den in Itha­ka anwe­sen­de, voll­in­te­grier­te Mohr nun mit der Lyra im Hexa­me­ter von den “Taten des viel­ge­wan­der­ten Man­nes, wel­cher so weit geirrt, nach der hei­li­gen Tro­ja Zer­stö­rung”? Das hät­te die Sze­ne wohl voll­ends der Lächer­lich­keit preis­ge­ge­ben, wes­halb Tra­vis nur ein biß­chen mit sei­nem Spre­cher­stab Bumm-Bumm-Bumm macht und Sub­stan­ti­ve dekla­miert: “Eine Stadt! Ein Krieg! Ein Mann!” (Man ver­zei­he mir, wenn ich ein paar Zita­te nur unge­nau aus der Erin­ne­rung wiedergebe.)

In der nächs­ten Ein­stel­lung sieht man das Publi­kum, Pene­lo­pes Frei­er, und unter ihnen, ins Zen­trum des Bil­des gerückt, damit man ihn bloß nicht über­sieht, einen ost­asia­ti­schen (chi­ne­si­schen, korea­ni­schen?) Mann. Gleich als nächs­tes folgt eine Rück­blen­de, in der Ellen bzw. Eli­ot Page auf­taucht, eine trans­se­xu­el­le Schau­spie­le­rin, die ihren Kör­per ver­stüm­meln ließ, um ihn einer männ­li­chen Form anzugleichen.

Damit sind wir ab Minu­te Eins mit­ten im Diver­si­ty Land ange­langt. Die mul­t­iras­si­sche Bevöl­ke­rung, die etwa einem ame­ri­ka­ni­schen Mall ent­spricht, wird als gege­ben und selbst­ver­ständ­lich vor­aus­ge­setzt. Es gibt kei­ner­lei Hin­ter­grund­ge­schich­ten, wie die­se gan­zen Leu­te aus Schwarz­afri­ka, Asi­en und Indi­en ins anti­ke Grie­chen­land gelangt sind.

Zwar ist die Crew von Odys­seus mehr­heit­lich weiß, aber in Zwi­schen­schnit­ten und Reak­ti­ons­auf­nah­men wird stän­dig her­vor­ge­ho­ben, daß sich auf sei­nem Schiff auch ein gel­ber und ein schwar­zer Mann befin­den, Figu­ren, die buch­stäb­lich nichts wei­ter zu tun haben als anwe­send zu sein. Lei­der nicht sagen kann man dies von dem Steu­er­mann Eury­loch­os, in der Bord­hier­ar­chie der zwei­te Mann nach Odys­seus, der von einem rot­brau­nen Inder namens Hime­sh Patel gespielt wird.

Aus­ge­rech­net ihm wird der Satz “Wir sind Grie­chen aus Itha­ka” in dem Mund gelegt, wäh­rend neben ihm ein behelm­ter Schwarz­afri­ka­ner aus Odys­seus Mann­schaft steht, offen­bar eben­falls ein “Grie­che aus Itha­ka”. In sol­chen unfrei­wil­lig selbst­par­odis­ti­schen Momen­ten wähnt man sich in einem Mel-Brooks-Film.

Athe­ne, die Schutz­göt­tin des Odys­seus, erscheint in der äußerst ungött­li­chen Gestalt der äußerst unat­trak­ti­ven halb­schwar­zen Schau­pie­le­rin Zen­da­ya, die aus­sieht wie ein schlecht gelaun­ter mexi­ka­ni­scher Last­wa­gen­fah­rer. Jede Minu­te, die sie auf der Lein­wand zu sehen war, war pure Fol­ter, nicht nur, weil die Rol­le nicht zu ihrem eth­ni­schen Typus paßt, son­dern auch weil sie völ­lig bar jeg­li­chen Cha­ris­mas ist.

Zen­da­yas Kar­rie­re ist mir gene­rell völ­lig uner­klär­lich. Sie hat fast schon Psy-Op-Cha­rak­ter. Vor der Pro­jek­ti­on der Odys­see lief ein kur­zes Show­re­el, in dem Zen­da­ya als der tolls­te, schöns­te, talen­tier­tes­te, popu­lärs­te Star ihrer Gene­ra­ti­on prä­sen­tiert wur­de. Ich habe so etwas noch nie gese­hen. Hat man der­glei­chen mit Michel­le Pfeif­fer, Dia­ne Kru­ger oder Scar­lett Johans­son auch nötig gehabt?

Was nun Lupi­ta Nyong’o in der Dop­pel­rol­le Hele­na-Kly­taim­nes­tra angeht, so han­delt es sich auch hier um einen nack­ten iko­no­klas­ti­schen Akt, der genau das und nichts wei­ter ist, was er zu sein hat. Mir kann nie­mand erzäh­len, daß die woken, lin­ken oder sich heuch­le­risch “far­ben­blind” stel­len­den Ver­tei­di­ger die­ser Beset­zung nicht ganz genau wis­sen und nicht genau das abfei­ern, was Nolan hier gemacht, vor Kri­tik geschützt durch die herr­schen­den Ras­sen­ta­bus und Gleichheitsdogmen.

Die alten Grie­chen waren wei­ße, euro­päi­sche Men­schen. Wir wis­sen es aus über­lie­fer­ten DNA-Ana­ly­sen, wir wis­sen es aus Homers Beschrei­bun­gen, wir wis­sen es vor allem aus der Kunst der Grie­chen, die das euro­päi­sche Schön­heits­ide­al bis auf den heu­ti­gen Tag maß­geb­lich geprägt hat. Lupi­ta Nyong’o ent­spricht nicht die­sem Schön­heits­ide­al, allein schon des­we­gen, weil sie eine Schwarz­afri­ka­ne­rin ist.

Und allein des­we­gen ist es unglaub­wür­dig, daß anti­ke Grie­chen die­se Frau für der­art begeh­rens­wert hal­ten, um einen zehn­jäh­ri­gen Krieg um sie zu füh­ren. Das gilt sogar dann, wenn der Raub der Hele­na nur ein Vor­wand für geo­po­li­ti­sche Inter­ven­tio­nen ist, wie eine Dia­log­zei­le des Films expli­zit nahe­legt, denn auch Vor­wän­de müs­sen glaub­wür­dig sein.

Ich weiß nicht, wie ein ent­spre­chen­des schwar­zes Schön­heits­ide­al, eine schwar­ze Venus aus­se­hen wür­de (wie Grace Jones?). Aber ich weiß, daß es irre­füh­rend ist, Äpfel und Bir­nen zu ver­glei­chen, und ich weiß auch, was jeder Mensch weiß, daß die aller­meis­ten wei­ßen Män­ner Nico­le Kid­man jeder noch so voll­kom­me­nen schwar­zen Frau vor­zie­hen wür­den. Auch ich bin ein wei­ßer Mann und wenig emp­fäng­lich für afri­ka­ni­sche weib­li­che Schön­heit. Wozu also die­se Scha­ra­de? Zu recht inkri­mi­nie­rend ist der auf Xit­ter viel­fach gepos­te­te Sze­nen­aus­schnitt, in dem Kly­taim­nes­tra (nicht Hele­na, wie oft fälsch­lich behaup­tet wird) Aga­mem­non ermor­det und dabei aus­sieht wie ein brül­len­der Gorilla.

Das Diver­si­ty-Pro­blem ist sogar noch in der Figur des Die­ners Eumai­os spür­bar, gespielt von John Leguiz­a­mo, der exor­bi­tant latein­ame­ri­ka­nisch aus­sieht, obwohl er eine der bes­se­ren schau­spie­le­ri­schen Leis­tun­gen in die­sem durch­weg leb­los und vor­her­seh­bar insze­nier­ten Film liefert.

Abge­se­hen von den ras­sisch-eth­ni­schen Unglaub­wür­dig­kei­ten ist natür­lich auch Eli­ot-Ellen Page ein mas­si­ves Pro­blem. Obwohl alle Welt so tun muß als ob, sieht Page nicht aus wie ein Mann, son­dern wie ein fal­ti­ger, ver­grei­sen­der Vier­zehn­jäh­ri­ger. Eine win­zi­ge Figur mit Spa­ghet­ti-Armen und Stimm­bruch­stim­me wird dem Zuschau­er als anti­ker grie­chi­scher Krie­ger ser­viert. Es ist die glei­che Art ideo­lo­gi­scher Zumu­tung, die auch alle ande­ren “divers” besetz­ten Rol­len kenn­zeich­net. Auch wenn Page nur ein paar Minu­ten im Film auf­taucht, so hat ihre Figur doch eine zen­tra­le Rol­le, auf die ich noch zu spre­chen kom­men werde.

Nun wird so man­cher Schlau­mei­er ein­wen­den: Wenn Lupi­ta Nyong’o und Hime­sh Patel nicht pas­sen, war­um dann ein nord­west­eu­ro­päi­scher Ang­lo-Typ wie Matt Damon oder eine blon­de und blau­äu­gi­ge Afri­ka­a­ner-Schön­heit wie Char­li­ze The­ron? Die Fra­ge ist meis­tens mala fide gestellt, die Ant­wort sehr ein­fach: Eben­so wie die Bibel hat das Homer zuge­schrie­be­ne Werk eine jahr­hun­der­te­al­te iko­no­gra­phi­sche Dar­stel­lungs­ge­schich­te hin­ter sich, die man nicht ein­fach so igno­rie­ren kann. Die Vor­stel­lung, man müß­te ent­spre­chen­de Ver­fil­mun­gen nun “akku­rat” mit nah­öst­li­chen oder medi­ter­ra­nen Men­schen beset­zen, ist ziem­lich neu und Bestand­teil der anti­wei­ßen Trends, die den Wes­ten zerwurmen.

Das heißt, daß im Rah­men der eta­blier­ten Iko­no­gra­phie wei­ße Dar­stel­ler im all­ge­mei­nen natür­lich völ­lig legi­ti­miert sind, anti­ke Grie­chen zu spie­len. Die Wer­ke Homers gehö­ren nicht bloß den Grie­chen allein, son­dern sind ein Fun­da­ment der gesam­ten euro­päi­schen Zivi­li­sa­ti­on. Jeder weiß das, jeder ver­steht das. Man muß die Dar­stel­ler nicht unbe­dingt “grie­chisch” her­rich­ten, wie es etwa mit Gerard But­ler in 300 geschah (kurz zuvor hat­te er Beowulf gespielt).

Kein Mensch hat sich 1954 beschwert, daß Odys­seus von einem ukrai­ni­schen Juden mit “nor­di­schen” Zügen und kei­nem Grie­chen, Ita­lie­ner oder Alba­ner gespielt wur­de. Das sah bei Brad Pitt 2004 in Troy schon anders aus – aber nicht, weil sein Achil­les wie von Homer beschrie­ben blon­des Haar trug, son­dern weil er so aus­sah und sich so benahm wie ein jun­ger Ame­ri­ka­ner namens Brad.

Ich hof­fe, daß spä­tes­tens hier ver­stan­den wird, daß ich von einem epi­schen Film kei­ne “his­to­ri­sche Genau­ig­keit” ver­lan­ge (ohne­hin ein wacke­li­ger Boden, wie ich in mei­nem Buch Besetz­tes Gelän­de aus­ge­führt habe) und von einer Klas­si­ker-Adap­ti­on kei­ne skla­vi­sche Vor­la­gen­treue. Im Gegen­teil habe ich im Kapi­tel über Mythen, Sagen und Legen­den im Film auch und sogar vor allem “revi­sio­nis­ti­sche” Wer­ke wie Paso­li­nis Medea (1969) oder Bres­sons Lan­ce­lot du Lac (1974) hoch bewertet.

Wor­um es hier geht, ist viel­mehr die Stim­mig­keit der Ent­schei­dun­gen eines Regis­seurs. Ist er imstan­de, eine in sich glaub­wür­di­ge Welt zu schaf­fen, in der man als Zuschau­er “ver­sin­ken” kann (oder auch nicht, wenn er dezi­diert wünscht, “brech­tisch” zu insze­nie­ren)? Inso­fern habe ich nie das Argu­ment ver­stan­den, man kön­ne zum Bei­spiel über eine schlech­tes oder gar idio­ti­sches Cas­ting hin­weg­se­hen, wenn der Film “ansons­ten gelun­gen ist”. Die Mona Lisa ist auch nicht “ansons­ten gelun­gen”, wenn man ihr wie Mar­cel Duch­amp einen Schnurr­bart malt und sie mit die­ser ein­fa­chen Ges­te rui­niert. Man trinkt auch kei­nen noch so edlen und teu­ren Wein, wenn ein dar­in ein Stück­chen Schei­ße her­um­schwimmt, und sei es noch so winzig.

Kein ein­zi­ge von Nolans Cas­ting-Ent­schei­dun­gen trägt etwas zum Gelin­gen oder zur Stim­mig­keit des Films bei. Sie sind stö­ren­de Miß­klän­ge, die die Glaub­wür­dig­keit der Welt unter­mi­nie­ren, die der Film beschwö­ren will. Sie beru­hen auf rei­ner Ideo­lo­gie und ver­ber­gen das nicht ein­mal. Kei­ne die­ser Rol­len ist besetzt wor­den, weil es kei­ne ande­ren, optisch pas­sen­de­ren Schau­spie­ler gäbe, die sie nicht über­neh­men könnten.

Von Anfang an belei­digt Nolan die Intel­li­genz des Zuschau­ers und mutet ihm zu, eine dümm­li­che, selbst­zweck­haft ser­vier­te Pro­pa­gan­da zu schlu­cken. Die­se Unver­schämt­heit wird noch gar­niert durch Dia­log­zei­len, die ein­fach gera­de­aus behaup­ten, was man nicht sehen kann: Hele­na wird als “die schöns­te Frau der Welt” ange­spro­chen, Inder und Afri­ka­ner nen­nen sich sel­ber “Grie­chen aus Itha­ka”, der von Page gespiel­te Cha­rak­ter Sinon wird als “einer der tap­fers­ten Krie­ger, die ich je kann­te” cha­rak­te­ri­siert (so Odys­seus zu Anti­no­os, der sich sei­ner­zeit vom Kriegs­dienst frei­ge­kauft hat und Sinon an sei­ne Stel­le tre­ten ließ). Das ist alles lächer­lich schlecht geschrie­ben: Ein Film soll Din­ge zei­gen und nicht durch Wor­te bloß behaup­ten.

Ich habe nun eini­ge Ver­su­che gese­hen, die­ses Cas­ting auch aus kon­ser­va­ti­ver Sicht zu recht­fer­ti­gen. Hier hat zum Bei­spiel ein You­tuber namens Jona­than Pigeau ver­sucht, es als eine Art “tro­ja­ni­sches Pferd” hin­zu­stel­len, ein lis­tig über­ge­wor­fe­nes wokes Gewand, das es Nolan erlaubt, die eher “rech­te” mytho­poe­ti­sche Struk­tur der Geschich­te gleich­sam vor­bei­zu­schmug­geln und zu universalisieren.

Nun: Wenn heu­te jemand mit einem undi­ver­sen Cas­ting davon­ge­kom­men wäre, dann Nolan (er hat das immer­hin auch in Oppen­hei­mer eini­ger­ma­ßen hin­be­kom­men). Und falls das Cas­ting wirk­lich eine Art Stra­te­gie war, wie Pigeau glaubt, dann wäre das ein Zei­chen, daß Nolan bereit ist, erheb­li­che Kon­zes­sio­nen gegen­über der herr­schen­den Ideo­lo­gie zu machen, also sei­ne künst­le­ri­sche Inte­gri­tät zu kom­pro­mit­tie­ren. Und falls es ihm um “Uni­ver­sa­li­sie­rung” ging, dann ist das eine ziem­lich ober­fläch­li­che Auf­fas­sung, wie man der­glei­chen bewerk­stel­ligt (sicher nicht mit­hil­fe des­sen, was ich mal “Smar­ties-Dog­ma” genannt habe).

Das sind alles unnö­ti­ge Ver­ren­kun­gen, die nach tie­fe­ren Bedeu­tun­gen suchen, wo kei­ne sind. Die ein­fa­che­re Erklä­rung ist, daß Nolan ein “true belie­ver” ist und die Wert­vor­stel­lun­gen sei­nes links­li­be­ra­len Milieus, das ihn als Genie fei­ert und über­schätzt, unge­bro­chen teilt. Das wird auch in Inter­views deut­lich, wo er mit aller­lei Platt­hei­ten um sich wirft, etwa, daß die mora­li­sche Kern­aus­sa­ge sei­nes Films sei, eine Gesell­schaft kön­ne nur funk­tio­nie­ren, wenn sie “Respekt vor Frem­den” habe.

Die­se “Gol­de­ne Regel” stellt er nun allen Erns­tes ins Zen­trum sei­nes Films und nennt sie dar­in “Gesetz des Zeus” (Zeus’ Law). Dies exem­pli­fi­ziert er nun nicht an der im Epos in der Tat eine gro­ße Rol­le spie­len­den Sit­te der Gast­freund­schaft, die von den Frei­ern so fre­vel­haft miß­braucht wird, son­dern weni­ger ein­leuch­tend an dem Schuld­ge­fühl, von dem sein Odys­seus geplagt wird, weil er die Tro­ja­ner mit einem mie­sen Trick in die Pfan­ne gehau­en hat und somit den zivi­li­sa­to­ri­schen Ver­fall des “Bron­ze­zeit­al­ters” (das im Film in einem Dia­log tat­säch­lich so bezeich­net wird) beschleu­nigt hat.

Nolan inji­ziert in den Stoff also eine fla­che post-christ­li­che, poli­tisch kor­rek­te, zeit­geis­ti­ge Moral, die den home­ri­schen Hel­den völ­lig fremd ist. Noch mehr als das: Er höhlt sys­te­ma­tisch aus, was an Odys­seus home­risch, hel­den­haft und “ody­see­isch” ist. Wir sehen ihn, stumpf­sin­nig und lang­wei­lig gespielt von Matt Damon, als stän­dig bedrück­ten, melan­cho­li­schen Kriegs­ve­te­ran, der den gesam­ten Film hin­durch in einer ein­zi­gen Stim­mung und Gemüts­la­ge schwelgt, ohne eine erkenn­ba­re Charakterentwicklung.

Was wir nicht sehen, ist die arche­ty­pi­sche Figur des Odys­seus: Poly­tro­pos und poly­me­tis, der “viel­ge­wan­der­te” und “viel­klu­ge”, der “lis­ten­rei­che”, wie es in der Über­set­zung von Voß heißt, der Tricks­ter, Auf­schnei­der und Lüg­ner, des­sen Geschich­ten womög­lich nur See­manns­garn sind, stolz, neu­gie­rig, mer­ku­risch. Die Essenz die­ser Figur wur­de viel bes­ser von Sean Bean in dem ansons­ten eher miß­ra­te­nen Film Troy ein­ge­fan­gen.

Die reduk­tio­nis­ti­sche Dar­stel­lung des Odys­seus führt dazu, daß eine Epi­so­de nach der ande­ren ihres erzäh­le­ri­schen Sin­nes beraubt oder gar ver­kehrt wird. Das Aben­teu­er mit dem Zyklo­pen Poly­phem (hier hät­te Nolan eine Figur gehabt, die das Gast­recht ver­höhnt) dient in der ori­gi­na­len Erzäh­lung dazu, die Lis­tig­keit des Odys­seus zu zei­gen: Er seift den Men­schen­fres­ser mit schmei­chel­haf­ten Wor­ten ein, bin­det ihm den kin­di­schen Bären auf, er hei­ße “Nie­mand”, macht ihn betrun­ken, blen­det ihn, sobald er ein­ge­schla­fen ist, ent­kommt mit sei­nen Män­nern unter dem Rücken der Scha­fe, die der Erblin­de­te abtas­tet. Am Ende wird ihm sein Stolz auf sei­ne Klug­heit zum Ver­häng­nis, als er dem geprell­ten Unge­heu­er sei­nen wah­ren Namen zuruft, und die­ser nun sei­nen Vater Posei­don um Rache anfle­hen kann.

Bei Nolan legt sich Poly­phem (der zumin­dest optisch gelun­gen ist) ein­fach schla­fen, nach­dem er einen von Odys­seus Män­nern zer­kaut hat und wird von dann von den Grie­chen geblen­det. Dann gibt es ein paar rou­ti­nier­te Action-Sze­nen, und am Ende inter­pre­tie­ren die Män­ner ein paar unver­ständ­li­che Wor­te, die der Zyklop geäu­ßert hat, als Ver­weis auf Poseidon.

Das ist alles.  War­um ist die Epi­so­de über­haupt im Film? Um ein biß­chen Action- und Fan­ta­sy-Gedöns hin­ein­zu­brin­gen? Nicht ein­mal die Nicht­be­fol­gung des omi­nö­sen “Zeus’s Law” wird von Nolan thematisiert.

Die bei wei­tem übels­te Epi­so­de des Films ist die Begeg­nung mit der Zau­be­rin Kir­ke. Sie war so uner­träg­lich dumm, daß ich bei­nah aus dem Kino­saal geflüch­tet wäre. Lei­der war zu die­sem Zeit­punkt erst ein Drit­tel der Lauf­zeit ver­gan­gen, und ich woll­te kei­ne vor­zei­ti­ge Fah­nen­flucht begehen.

In die­ser Sequenz lie­gen Nolans revi­sio­nis­ti­sche und woke Inten­tio­nen offen zuta­ge. Kir­ke, Arche­typ der dunk­len, exo­ti­schen Ver­füh­re­rin, wird von einer fünf­zig­jäh­ri­gen, rund­li­chen, ver­hut­zel­ten, gezielt reiz­los her­ge­rich­ten (wei­ßen) Schau­spie­le­rin dar­ge­stellt. Sie bricht in krei­schen­de Panik aus, als Eury­loch­os sie anspricht, ganz offen­sicht­lich ein trau­ma­ti­sier­tes Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fer, das üble Erfah­run­gen mit Män­nern gemacht hat.

Von die­sem Punkt an wird die Insze­nie­rung plat­ter und plat­ter: Die Män­ner schlin­gen das von Kir­ke ser­vier­te Essen unma­nier­lich schmat­zend in sich hin­ein, beneh­men sich buch­stäb­lich “wie Schwei­ne”, ein Motiv, das zu die­sem Zeit­punkt zum ers­ten Mal und wie aus dem Nichts auf­taucht (und nach­her wie­der völ­lig aus dem Film ver­schwin­det). Nun offen­bart die unschein­ba­re, so hilf­los wir­ken­de Frau ihre Zau­ber­kräf­te und “kne­tet” gleich­sam Odys­seus Gefähr­ten zu tat­säch­li­chen Schweinen.

Der Grund dafür wird gleich im Anschluß in einem der vie­len schlech­ten, weil gna­den­los pla­ka­ti­ven Dia­lo­ge des Films unsub­til erklärt: Bers­tend vor Bit­ter­keit und Res­sen­ti­ment erklärt Kir­ke Odys­seus, daß Män­ner nun­mal Schwei­ne wären und sie ledig­lich ihre wah­re Gestalt sicht­bar gemacht habe.

Bei Homer bannt Odys­seus Kir­kes Zau­ber­kräf­te mit einem von Her­mes über­reich­ten magi­schen Kraut und macht sie sich mit Waf­fen­ge­walt gefü­gig. Bei Nolan über­re­det er sie irgend­wie, sei­ne Män­ner wie­der in Men­schen zurück­zu­ver­wan­deln, war­um sie das dann auch wirk­lich tut, habe ich nicht so recht ver­stan­den. Jeden­falls hat das Gela­ber des Odys­seus ausgereicht.

Es ist aber nicht nur die auf die Nase gedrück­te femi­nis­ti­sche “MeToo”-Message, die die­se Sequenz miß­glü­cken läßt, son­dern ihre inne­re Unstim­mig­keit. Kir­ke ist einer­seits ein ver­wund­ba­res, ängst­li­ches, phy­sisch unter­le­ge­nes Wesen, ande­rer­seits hat sie erstaun­li­che magi­sche Fähig­kei­ten. Einer­seits ist sie bar jeg­li­chen weib­li­chen Rei­zes (ich ver­ste­he schon, daß anti­ke see­fah­ren­de Krie­ger wahr­schein­lich nicht sehr wäh­le­risch waren, wenn sie die Brunst über­kam), ande­rer­seits ist sie umge­ben von exo­ti­schen Raub­kat­zen wie Löwen, Tiger, Leo­par­den, bei Homer und in der tra­dier­ten Iko­no­gra­phie Insi­gni­en einer gefähr­li­chen Ero­tik. Es paßt hier nichts zusam­men, es will kei­ne Atmo­sphä­re auf­kom­men, weder eine ero­ti­sche noch eine magi­sche. Wie wird aus dem Opfer Kir­ke die Zau­be­rin Kir­ke? Ihre Kräf­te wer­den ein­fach behaup­tet statt über­zeu­gend evo­ziert. Erneut begeg­nen wir dem Mus­ter, daß Nolan Moti­ve aus der Odys­see ein­fach abfilmt, ohne ihren Sinn zu erfassen.

Und hier haben wir gleich zwei wei­te­re Din­ge, die in die­ser Ver­si­on der Odys­see bei­na­he völ­lig abwe­send sind: die Magie und die Sinn­lich­keit. Sinn­li­che, jun­ge, gött­li­che Frau­en, die bei Homer eine gro­ße Rol­le spie­len (Kir­ke, Kalyp­so, Nau­si­kaa) tau­chen bei Nolan nicht auf. Es ist 2026 offen­bar poli­tisch unkor­rekt und undenk­bar, Odys­seus in einer “age gap” Bezie­hung zu zei­gen. Alle Frau­en, mit denen er ero­tisch ver­bun­den ist, sind in ihren Fünf­zi­gern, brav sei­nem eige­nen Alter angepaßt.

Auch sein Ver­hält­nis zu Kal­py­so ist so gut wie jeder Sinn­lich­keit beraubt. Man spürt nicht, daß sie die­sen Mann fleisch­lich begehrt und dar­um durch einen Zau­ber auf ihrer Insel fest­hält. Eines der stärks­ten und bewe­gends­ten Moti­ve bei Homer wird igno­riert: Odys­seus schlägt das Ange­bot der Nym­phe aus, ihn unsterb­lich zu machen, und zieht es statt­des­sen vor, zu sei­ner geal­ter­ten Frau zurück­zu­keh­ren, von der er noch nicht ein­mal weiß, ob sie lebt. Bei Nolan gibt es statt­des­sen nur moder­nes, the­ra­peu­ti­sches Gela­ber, an des­sen Ende sich das Paar ein­ver­nehm­lich trennt und Odys­seus lernt, “auf Frau­en zu hören”.

Die Odys­see beginnt mit dem Titel “In a time of appa­rent magic”, aber sehr “appa­rent” ist die­se “magic” nicht gera­de. Völ­lig abwe­send sind die Göt­ter. Nicht ein­mal ihr Wir­ken in der Natur ist zu spü­ren, etwa in der “hei­li­gen Meers­flut” oder in der berühm­ten “rosen­fing­ri­gen” Morgenröte.

Man ver­glei­che Nolans Welt mit den Wel­ten, die Robert Eggers (mit dem ich frei­lich auch so mei­ne Pro­ble­me habe) zu gestal­ten ver­steht. Sein North­man nimmt nicht nur die Welt und Moral der Wikin­ger auf ver­stö­ren­de Wei­se ernst, son­dern zeigt sie durch­wirkt von magi­schen, gött­li­chen Kräf­ten, die bei ihm frei­lich immer eine über­wie­gend düs­te­re und dämo­ni­sche Note haben.

Klar, es gibt bei Nolan eine Hand­voll über­na­tür­li­cher Erschei­nun­gen: der Zyklop, ein rät­sel­haf­tes Rie­sen­volk, das die Mann­schaft des Odys­seus abschlach­tet, die Zau­ber­kraft der Kir­ke. Es gibt das See­unge­heu­er Scyl­la und es gibt eine Sze­ne, in der Odys­seus die Toten mit dem Blut eines Scha­fes beschwört. Auch hier trifft Nolan eine eher unglück­li­che Wahl, die das von ihr behan­del­te Motiv nicht zu ver­ste­hen scheint: Anstel­le der Sche­men und Schat­ten Homers, die erst durch das Trin­ken des Blu­tes an Kraft und Kon­tur gewin­nen, kom­men sehr fleisch­li­che, blu­ti­ge Kör­per wie Zom­bies buch­stäb­lich aus der Erde gekrochen.

Und auch hier feh­len zwei gewal­ti­ge Moti­ve, aus denen ein guter Regis­seur eine Men­ge machen hät­te kön­nen: Die erschüt­tern­de Erschei­nung von Odys­seus Mut­ter, von der er gar nicht wuß­te, daß sie bereits gestor­ben ist, und der Auf­tritt Achills, der Odys­seus mit­teilt, daß er lie­ber ein leben­di­ger Skla­ve auf Erden als ein toter Held im Hades wäre.

Ver­mut­lich hat letz­te­re Sze­ne zum Gerücht geführt, daß Ellen-Elli­ot Page Achil­les spie­len wür­de. Tat­säch­lich hat sie hier einen zen­tra­len Auf­tritt als der tote Krie­ger Sinon (eine Figur, die nicht bei Homer, wohl aber bei Ver­gil auf­taucht), der die Auf­ga­be hat­te, den Tro­ja­nern das höl­zer­ne Pferd zu über­ge­ben und dabei getö­tet wur­de. Es ist Sinon, der die zen­tra­le Ankla­ge­re­de gegen Odys­seus hält. Die­ser hat­te ihm erzählt, daß es sich bei dem höl­zer­nen Pferd um ein genui­nes Geschenk und kei­ne Fal­le gehan­delt hat­te, hat ihn also durch eine Lüge dazu gebracht, sich für den End­sieg der Grie­chen aufzufopfern.

Die Sire­nen, die man nur aus wei­ter Fer­ne sieht, könn­ten auch nur eine Sin­nes­täu­schung sein. Die “Göt­tin” Athe­ne, völ­lig ungött­lich gespielt von der unse­li­gen Zen­da­ya, wird gegen Ende des Films als psy­chi­scher Kom­plex ent­hüllt, das Trau­ma und die Schuld­ge­füh­le des Odys­seus per­so­ni­fi­zie­rend: Sie trägt das Gesicht eines Mäd­chens, viel­leicht einer Pries­te­rin der Athe­ne, die im Zuge der Plün­de­rung Tro­jas von den Grie­chen getö­tet wurde.

Was nun das zen­tra­le von Nolan ein­ge­führ­te Motiv angeht, das so ung­rie­chi­sche Schuld­ge­fühl über die Zer­stö­rung Tro­jas und die unlau­te­ren Mit­tel, die dazu nötig waren, so ist auch die­ses ohne jeg­li­che Kühn­heit und Ori­gi­na­li­tät aus­ge­führt wor­den. Erneut ver­läßt sich Nolan auf pseu­do-tief­sin­ni­ges Gere­de, Gere­de, Gere­de über den “Kol­laps der Zivi­li­sa­ti­on” und Odys­seus Mit­schuld an sel­bi­ger, anstel­le zu zei­gen.

Und da hät­te ich gesagt: Wenn schon, denn schon. Nolan hät­te sich hier erneut Robert Eggers zum Vor­bild neh­men kön­nen, ins­be­son­de­re die berüch­tig­te Sequenz aus The North­man, in der die Wikin­ger ein Dorf in der heu­ti­gen Ukrai­ne platt­ma­chen, alles tot­schla­gen, was ihnen in die Que­re kommt, Frau­en ver­ge­wal­ti­gen und Kin­der ver­schlep­pen, ohne dabei mit der Wim­per zu zucken.

Dem­ge­gen­über ist die Brand­schat­zung Tro­jas in Nolans Film ver­gleichs­wei­se zahm aus­ge­fal­len. Klar, es gibt Feu­er, Lärm und Gekrei­sche, ab und zu wird eine Frau in eine Ecke gezerrt oder ein tro­ja­ni­scher Krie­ger erschla­gen, des­sen Gesicht von einem sand­far­be­nen Helm ver­deckt ist.

War­um es aber nicht rich­tig, radi­kal und ver­stö­rend machen? Etwa so, wie es Micha­el Köhl­mei­er in sei­nem Sagen­buch des klas­si­schen Alter­tums beschrie­ben hat:

Die Sol­da­ten mar­schier­ten in die Stadt und met­zel­ten alles nie­der, was leben­dig war. Sie ver­schon­ten weder Frau­en noch Kin­der noch alte Män­ner, sie töte­ten die Hun­de und die Kat­zen, die hüb­schen Vögel in den hüb­schen Käfi­gen, das Vieh, alles. Frau­en, die hübsch genug waren, den grie­chi­schen Sol­da­ten als Dir­nen und Skla­ven zu die­nen, blie­ben am Leben. Sie wur­den auf­ge­teilt. Aga­memm­non nahm sich die Kas­san­dra. Neop­to­le­mos, der Sohn des Achill, nahm sich die Gat­tin des Hek­tor. Odys­seus, heißt es, bekam die alte Heka­be. Aber es heißt auch, er ließ sie ziehen.

Man hät­te es ohne wei­te­res machen kön­nen: zuerst Odys­seus’ Freu­de über sei­ne eige­ne Schlau­heit und Kühn­heit, mit der er die­sem “fuck­ing war” (Ori­gi­nal­zi­tat aus dem Film) end­lich ein Ende setzt, dann sei­nen fre­ne­ti­schen Blut­rausch wäh­rend der Erobe­rung Tro­jas, dann sei­ne Ernüch­te­rung und wach­sen­de Scham über das Aus­maß der sinn­lo­sen Zer­stö­rung, die er mit­ver­ant­wor­tet hat, und schließ­lich die Ver­klä­rung die­ses Grau­ens in den Lie­dern der fah­ren­den Sän­ger, denen er unter Trä­nen uner­kannt als Gast am Hof des Alki­no­os lauscht.

Dafür hät­te man den durch­weg anony­men und gesichts­lo­sen Tro­ja­nern mensch­li­che Kon­tu­ren ver­lei­hen kön­nen, hät­te in der Neky­ia-Sze­ne wie bei Homer Frau­en, Kin­der, Grei­se auf­tre­ten las­sen kön­nen, die in Tro­ja geschlach­tet wur­den, anstel­le aus­schließ­lich gefal­le­ner Krieger.

Und man hät­te auch bei Kir­ke ähn­lich vor­ge­hen kön­nen, wenn es denn schon unbe­dingt sein muß: Zei­gen, daß sich Odys­seus und sei­ne Män­ner wie Schwei­ne ver­hal­ten, und den Zuschau­er für intel­li­gent genug hal­ten, es sel­ber zu bemerken.

Ich hof­fe, all­mäh­lich wird klar, wie safe und flach und ein­falls­los das alles von Nolan durch­de­kli­niert wird. Aber die­se 250 Mil­lio­nen Dol­lar teu­re Odys­see soll ja auch ein Block­bus­ter für den Mas­sen­ge­schmack sein, der sein Geld ein­spie­len muß und kein guter, kein kom­ple­xer, kein wirk­lich muti­ger Film.

Eini­ger­ma­ßen erträg­lich ist der letz­te Teil, in dem Odys­seus zurück­kehrt und sein König­reich wie­der in Besitz nimmt, nicht zuletzt durch die Prä­senz des Schur­ken Anti­no­os, her­vor­ra­gend gespielt von Robert Patt­in­son, der schon Nolans Tenet vor der tota­len Lang­wei­le geret­tet hat. Aber auch hier wird nach Kräf­ten geschwä­chelt, ver­wäs­sert und Poten­ti­al ver­sem­melt (ich den­ke hier beson­ders an den ster­ben­den alten Hund Argos). Gelun­gen ist die berühm­te Sze­ne, in der Odys­seus sei­nen Bogen spannt, ihn erklin­gen läßt wie die Sai­te einer Har­fe und die Löcher der auf­ge­reih­ten Äxte durch­schießt. Weni­ger inter­es­sant ist das dar­an anschlie­ßen­de Mas­sa­ker, das sich wie­der im Bereich der Action-Rou­ti­ne bewegt.

Hier haben wir mei­net­we­gen ein mythi­sches, auch heu­te wie­der rele­van­tes und durch­aus rechts­co­dier­tes Motiv vor uns: Der König kehrt zurück und säu­bert sein ver­fal­le­nes Reich von den schma­rot­zen­den Fremd­lin­gen. Aber auch die­ses Motiv wird unter­mi­niert, indem er am Schluß abdankt und mit Pene­lo­pe ins Exil geht. Signi­fi­kant erscheint mir auch, daß sich Tele­mach im Gegen­satz zu Homer nicht am Mas­sa­ker betei­ligt (ein ini­ta­ti­scher Moment der Mann­bar­keit), son­dern sich am dre­cki­gen Kampf nicht betei­li­gen, son­dern sau­ber blei­ben soll.

Es gibt noch unzäh­li­ge ande­re Din­ge, die in die­sem Film schief­ge­gan­gen sind. Die schlech­ten Kos­tü­me (Agam­menon sieht aus wie Bat­man), der schlam­pi­ge Schnitt, die gene­ri­sche Bumm-Bumm-Gong-Gong-Musik, die plat­ten, vor­her­sag­ba­ren Dia­lo­ge im moder­nen ame­ri­ka­ni­schen Slang (Tele­mach spricht von Odys­seus als sei­nem “Dad”).

Die zer­split­ter­te, non-linea­re Erzähl­wei­se läßt kein Gefühl für Raum und Zeit auf­kom­men, das für die­se Geschich­te so essen­ti­ell ist. Die Heim­kehr des Odys­seus, immer­hin ein zen­tra­les Motiv des Epos, ver­liert dadurch stark an emo­tio­na­ler und kathar­ti­scher Wir­kung. Über­haupt will sich zu kei­nem Zeit­punkt eine wahr­haft epi­sche Stim­mung ein­stel­len; es han­delt sich weni­ger um ein Epos, als um einen lan­gen, lan­gen Film.

Nolan ist einer der letz­ten Regis­seu­re, der immer noch auf Film dreht. Das wäre an sich erfreu­lich, wenn er mehr dar­aus machen wür­de. Die Optik sei­ner Odys­see ist durch­ge­hend gut und kino­wirk­sam, aber nur sel­ten gelin­gen ihm wirk­lich ein­drucks­vol­le und außer­ge­wöhn­li­che Bil­der (ich den­ke bei­spiels­wei­se an die tro­ja­ni­schen Rei­ter auf wei­ßen Pfer­den, die auf das am Strand zurück­ge­las­se­ne “Geschenk” zuga­lop­pie­ren; oder an das zufäl­li­ge Auf­tau­chen von Del­phi­nen, die das Schiff des Odys­seus beglei­ten). Das 70mm-For­mat ist hier ver­geb­li­che Lie­bes­müh: Was man auf der Lein­wand sieht, ist net­flix­kom­pa­ti­bel und hät­te genau­so gut digi­tal gedreht wer­den können.

Beson­ders gra­vie­rend: Der Eng­län­der Nolan bringt es fer­tig, am Mit­tel­meer zu dre­hen, und es fast durch­ge­hend grau, düs­ter und neb­lig erschei­nen zu las­sen, sei­ne Far­ben und sei­ne sinn­li­chen Zau­ber weit­ge­hend her­un­ter­zu­dim­men, obwohl sich gera­de die­ser treff­lich mit der Gewalt und der Tra­gik der Hand­lung kon­tras­tie­ren ließe.

Das kann man als bewuß­te Ent­schei­dung des Regis­seurs akzep­tie­ren oder gut­hei­ßen, aber auch als eine haar­sträu­bend ver­ge­be­ne Chan­ce sehen. Ich den­ke, daß nie­mand, der Homer kennt und liebt, mit die­sem Film sehr glück­lich sein wird, da er gesäumt ist mit Ver­fla­chun­gen, Ver­dre­hun­gen und Spiel­ver­der­be­rei­en, die kein geschlos­se­nes künst­le­ri­sches Gan­zes erge­ben und all­zu offen dem Zeit­geist huldigen.

Mit all dem schei­ne ich mich in einer Min­der­hei­ten­mei­nung zu befin­den, da der Film bereits jetzt – von wegen “go woke, go bro­ke”! – zu einem gigan­ti­schen Kas­sen­schla­ger gewor­den ist und enorm posi­ti­ven Kri­ti­ker­zu­spruch bekom­men hat. Chris­to­pher Nolan, der auch das mise­ra­ble Dreh­buch ver­zapft hat, und den Jah­re des über­mä­ßi­gen Lobes faul, selbst­ge­fäl­lig und prä­ten­ti­ös gemacht haben, ist also einst­wei­len nicht von den Göt­tern für sei­ne mul­ti­plen Fre­vel bestraft wor­den. Im Gegen­teil darf er sich ein­mal mehr in dem Gefühl son­nen, alles rich­tig gemacht zu haben.

Man muß den Film wohl vor allem als Sym­ptom unse­rer Zeit lesen, wie es Mar­vin T. Neu­mann hier ver­sucht hat. Ein selbst­si­che­rer, fröh­li­cher Odys­seus wie Anno 1954 paßt nicht zu den Selbst­zwei­feln, die heu­te die See­le des wei­ßen Man­nes heimsuchen.

War­um ich Fil­me die­ser Art für kul­tu­rell signif­kant und aus rech­ter Sicht rele­vant hal­te, kann man in dem Kapi­tel “Mythen und Sagen” mei­nes Licht­spiel­füh­rers nach­le­sen – hier bestell­bar. Dar­in gehe ich auch kurz auf die bis­he­ri­gen Ver­fil­mun­gen der Odys­see ein, und äuße­re den nun­mehr voll­auf bestä­tig­ten Ver­dacht, daß Nolans Cas­tin­gent­schei­dun­gen nichts Gutes verheißen.

Wer noch nicht genug hat von mei­ner Kri­tik an die­sem Film, kann sich hier mein Gespräch dar­über mit Mil­len­ni­al Woes anhö­ren, auf­ge­nom­men unmit­tel­bar nach­dem ich dem Kino ent­flo­hen bin.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (3)

Maiordomus

28. Juli 2026 14:05

ML wirkt unheimlich glaubhaft. Immerhin vernimmt man, dass da und dort ein Motiv dennoch gelungen ins Bild gesetzt zu sein scheint Es gibt Filme, die sich wegen einer einzigen Sequenz lohnen. Persönlich grösstes Kinoerlebnis dieses Jahr war für mich "Satantango" von Bela Tarr. Kann mir nicht vorstellen, dass Nolan ausser über mehr Geld über ähnliche Begabung verfügt, zu schweigen von Kubrick, dem man diese Geschichte um ihrer Brutalität willen durchaus zugetraut hätte. Aber auch sowas muss man können, siehe "Full metal jacket". Ohne das Homerische Gelächter der Götter muss man, falls ML es nicht übersah, den Film mutmasslich abschreiben.

dojon86

28. Juli 2026 14:47

Die amerikanische Filmindustrie war nie besonders gut darin, Menschen anderer Zeiten und Kulturen darzustellen. Eine dominante Kultur kann das in der Regel nur schlecht. Obwohl deren Menschen meist die Mittel haben, andere Kulturen kennenzulernen fehlt ihnen jedes Verständnis dafür, dass Menschen anderer Kulturen und Zeiten anders denken und anders gedacht haben. Ein weiteres Problem liegt darin, dass Filme eine Menge Geld kosten. Damit sie das wieder einspielen m, dürfen die Experimente nicht all zu gewagt sein. Kurz gefasst, um den ökonomischen Erfolg zu gewährleisten, hat man sich an den Mainstream anzupassen.

Der Gehenkte

28. Juli 2026 14:51

Danke! Daß ich endlich begreifen durfte, was da in einem passiert, wenn diese Wand auf einen zurennt und man spürt - ohne es im Moment zu begreifen - warum einen das alles stört.
Diese und Neumanns Rezension haben mich aufgeklärt, sehend gemacht ... und auch in der Meinung bestärkt, Kino und TV weiterhin vor allem zu meiden.