Der Film ist genau so woke, wie wir es alle befürchtet hatten, als wir erfuhren, daß Helena von einer 43jährigen rabenschwarzen Kenianerin dargestellt wird, auch wenn uns Legionen von Kommentatoren, berauscht von ihrem eigenen “virtue signalling”, schon im voraus gaslichtern wollten, daß diese Annahme völliger “Quatsch” sei.
Ich rede hier wohlgemerkt nicht nur vom “Diversity, Equity and Inclusion”-Casting, das weit über die derb ikonoklastische Besetzung der mythischen “schönsten Frau” der Antike hinausgeht. Reden wir also zuerst über den größten Elefanten im Raum. Ich will dabei wohl begründen, warum er für die Beurteilung des Films signifikant ist, obwohl das eigentlich auf der Hand liegen sollte.
Buchstäblich die erste Einstellung des Films zeigt einen Schwarzen mit langen Rastazöpfen, gespielt von einem Rapper namens Travis Scott, der einen antiken Barden repräsentieren soll, offenbar weil Christopher Nolan der interessanten Meinung ist, Rapper wären das zeitgenössische Äquivalent zu den homerischen Rhapsoden.
Singt der aus unerfindlichen Gründen in Ithaka anwesende, vollintegrierte Mohr nun mit der Lyra im Hexameter von den “Taten des vielgewanderten Mannes, welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung”? Das hätte die Szene wohl vollends der Lächerlichkeit preisgegeben, weshalb Travis nur ein bißchen mit seinem Sprecherstab Bumm-Bumm-Bumm macht und Substantive deklamiert: “Eine Stadt! Ein Krieg! Ein Mann!” (Man verzeihe mir, wenn ich ein paar Zitate nur ungenau aus der Erinnerung wiedergebe.)
In der nächsten Einstellung sieht man das Publikum, Penelopes Freier, und unter ihnen, ins Zentrum des Bildes gerückt, damit man ihn bloß nicht übersieht, einen ostasiatischen (chinesischen, koreanischen?) Mann. Gleich als nächstes folgt eine Rückblende, in der Ellen bzw. Eliot Page auftaucht, eine transsexuelle Schauspielerin, die ihren Körper verstümmeln ließ, um ihn einer männlichen Form anzugleichen.
Damit sind wir ab Minute Eins mitten im Diversity Land angelangt. Die multirassische Bevölkerung, die etwa einem amerikanischen Mall entspricht, wird als gegeben und selbstverständlich vorausgesetzt. Es gibt keinerlei Hintergrundgeschichten, wie diese ganzen Leute aus Schwarzafrika, Asien und Indien ins antike Griechenland gelangt sind.
Zwar ist die Crew von Odysseus mehrheitlich weiß, aber in Zwischenschnitten und Reaktionsaufnahmen wird ständig hervorgehoben, daß sich auf seinem Schiff auch ein gelber und ein schwarzer Mann befinden, Figuren, die buchstäblich nichts weiter zu tun haben als anwesend zu sein. Leider nicht sagen kann man dies von dem Steuermann Eurylochos, in der Bordhierarchie der zweite Mann nach Odysseus, der von einem rotbraunen Inder namens Himesh Patel gespielt wird.
Ausgerechnet ihm wird der Satz “Wir sind Griechen aus Ithaka” in dem Mund gelegt, während neben ihm ein behelmter Schwarzafrikaner aus Odysseus Mannschaft steht, offenbar ebenfalls ein “Grieche aus Ithaka”. In solchen unfreiwillig selbstparodistischen Momenten wähnt man sich in einem Mel-Brooks-Film.
Athene, die Schutzgöttin des Odysseus, erscheint in der äußerst ungöttlichen Gestalt der äußerst unattraktiven halbschwarzen Schaupielerin Zendaya, die aussieht wie ein schlecht gelaunter mexikanischer Lastwagenfahrer. Jede Minute, die sie auf der Leinwand zu sehen war, war pure Folter, nicht nur, weil die Rolle nicht zu ihrem ethnischen Typus paßt, sondern auch weil sie völlig bar jeglichen Charismas ist.
Zendayas Karriere ist mir generell völlig unerklärlich. Sie hat fast schon Psy-Op-Charakter. Vor der Projektion der Odyssee lief ein kurzes Showreel, in dem Zendaya als der tollste, schönste, talentierteste, populärste Star ihrer Generation präsentiert wurde. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Hat man dergleichen mit Michelle Pfeiffer, Diane Kruger oder Scarlett Johansson auch nötig gehabt?
Was nun Lupita Nyong’o in der Doppelrolle Helena-Klytaimnestra angeht, so handelt es sich auch hier um einen nackten ikonoklastischen Akt, der genau das und nichts weiter ist, was er zu sein hat. Mir kann niemand erzählen, daß die woken, linken oder sich heuchlerisch “farbenblind” stellenden Verteidiger dieser Besetzung nicht ganz genau wissen und nicht genau das abfeiern, was Nolan hier gemacht, vor Kritik geschützt durch die herrschenden Rassentabus und Gleichheitsdogmen.
Die alten Griechen waren weiße, europäische Menschen. Wir wissen es aus überlieferten DNA-Analysen, wir wissen es aus Homers Beschreibungen, wir wissen es vor allem aus der Kunst der Griechen, die das europäische Schönheitsideal bis auf den heutigen Tag maßgeblich geprägt hat. Lupita Nyong’o entspricht nicht diesem Schönheitsideal, allein schon deswegen, weil sie eine Schwarzafrikanerin ist.
Und allein deswegen ist es unglaubwürdig, daß antike Griechen diese Frau für derart begehrenswert halten, um einen zehnjährigen Krieg um sie zu führen. Das gilt sogar dann, wenn der Raub der Helena nur ein Vorwand für geopolitische Interventionen ist, wie eine Dialogzeile des Films explizit nahelegt, denn auch Vorwände müssen glaubwürdig sein.
Ich weiß nicht, wie ein entsprechendes schwarzes Schönheitsideal, eine schwarze Venus aussehen würde (wie Grace Jones?). Aber ich weiß, daß es irreführend ist, Äpfel und Birnen zu vergleichen, und ich weiß auch, was jeder Mensch weiß, daß die allermeisten weißen Männer Nicole Kidman jeder noch so vollkommenen schwarzen Frau vorziehen würden. Auch ich bin ein weißer Mann und wenig empfänglich für afrikanische weibliche Schönheit. Wozu also diese Scharade? Zu recht inkriminierend ist der auf Xitter vielfach gepostete Szenenausschnitt, in dem Klytaimnestra (nicht Helena, wie oft fälschlich behauptet wird) Agamemnon ermordet und dabei aussieht wie ein brüllender Gorilla.
Das Diversity-Problem ist sogar noch in der Figur des Dieners Eumaios spürbar, gespielt von John Leguizamo, der exorbitant lateinamerikanisch aussieht, obwohl er eine der besseren schauspielerischen Leistungen in diesem durchweg leblos und vorhersehbar inszenierten Film liefert.
Abgesehen von den rassisch-ethnischen Unglaubwürdigkeiten ist natürlich auch Eliot-Ellen Page ein massives Problem. Obwohl alle Welt so tun muß als ob, sieht Page nicht aus wie ein Mann, sondern wie ein faltiger, vergreisender Vierzehnjähriger. Eine winzige Figur mit Spaghetti-Armen und Stimmbruchstimme wird dem Zuschauer als antiker griechischer Krieger serviert. Es ist die gleiche Art ideologischer Zumutung, die auch alle anderen “divers” besetzten Rollen kennzeichnet. Auch wenn Page nur ein paar Minuten im Film auftaucht, so hat ihre Figur doch eine zentrale Rolle, auf die ich noch zu sprechen kommen werde.
Nun wird so mancher Schlaumeier einwenden: Wenn Lupita Nyong’o und Himesh Patel nicht passen, warum dann ein nordwesteuropäischer Anglo-Typ wie Matt Damon oder eine blonde und blauäugige Afrikaaner-Schönheit wie Charlize Theron? Die Frage ist meistens mala fide gestellt, die Antwort sehr einfach: Ebenso wie die Bibel hat das Homer zugeschriebene Werk eine jahrhundertealte ikonographische Darstellungsgeschichte hinter sich, die man nicht einfach so ignorieren kann. Die Vorstellung, man müßte entsprechende Verfilmungen nun “akkurat” mit nahöstlichen oder mediterranen Menschen besetzen, ist ziemlich neu und Bestandteil der antiweißen Trends, die den Westen zerwurmen.
Das heißt, daß im Rahmen der etablierten Ikonographie weiße Darsteller im allgemeinen natürlich völlig legitimiert sind, antike Griechen zu spielen. Die Werke Homers gehören nicht bloß den Griechen allein, sondern sind ein Fundament der gesamten europäischen Zivilisation. Jeder weiß das, jeder versteht das. Man muß die Darsteller nicht unbedingt “griechisch” herrichten, wie es etwa mit Gerard Butler in 300 geschah (kurz zuvor hatte er Beowulf gespielt).
Kein Mensch hat sich 1954 beschwert, daß Odysseus von einem ukrainischen Juden mit “nordischen” Zügen und keinem Griechen, Italiener oder Albaner gespielt wurde. Das sah bei Brad Pitt 2004 in Troy schon anders aus – aber nicht, weil sein Achilles wie von Homer beschrieben blondes Haar trug, sondern weil er so aussah und sich so benahm wie ein junger Amerikaner namens Brad.
Ich hoffe, daß spätestens hier verstanden wird, daß ich von einem epischen Film keine “historische Genauigkeit” verlange (ohnehin ein wackeliger Boden, wie ich in meinem Buch Besetztes Gelände ausgeführt habe) und von einer Klassiker-Adaption keine sklavische Vorlagentreue. Im Gegenteil habe ich im Kapitel über Mythen, Sagen und Legenden im Film auch und sogar vor allem “revisionistische” Werke wie Pasolinis Medea (1969) oder Bressons Lancelot du Lac (1974) hoch bewertet.
Worum es hier geht, ist vielmehr die Stimmigkeit der Entscheidungen eines Regisseurs. Ist er imstande, eine in sich glaubwürdige Welt zu schaffen, in der man als Zuschauer “versinken” kann (oder auch nicht, wenn er dezidiert wünscht, “brechtisch” zu inszenieren)? Insofern habe ich nie das Argument verstanden, man könne zum Beispiel über eine schlechtes oder gar idiotisches Casting hinwegsehen, wenn der Film “ansonsten gelungen ist”. Die Mona Lisa ist auch nicht “ansonsten gelungen”, wenn man ihr wie Marcel Duchamp einen Schnurrbart malt und sie mit dieser einfachen Geste ruiniert. Man trinkt auch keinen noch so edlen und teuren Wein, wenn ein darin ein Stückchen Scheiße herumschwimmt, und sei es noch so winzig.
Kein einzige von Nolans Casting-Entscheidungen trägt etwas zum Gelingen oder zur Stimmigkeit des Films bei. Sie sind störende Mißklänge, die die Glaubwürdigkeit der Welt unterminieren, die der Film beschwören will. Sie beruhen auf reiner Ideologie und verbergen das nicht einmal. Keine dieser Rollen ist besetzt worden, weil es keine anderen, optisch passenderen Schauspieler gäbe, die sie nicht übernehmen könnten.
Von Anfang an beleidigt Nolan die Intelligenz des Zuschauers und mutet ihm zu, eine dümmliche, selbstzweckhaft servierte Propaganda zu schlucken. Diese Unverschämtheit wird noch garniert durch Dialogzeilen, die einfach geradeaus behaupten, was man nicht sehen kann: Helena wird als “die schönste Frau der Welt” angesprochen, Inder und Afrikaner nennen sich selber “Griechen aus Ithaka”, der von Page gespielte Charakter Sinon wird als “einer der tapfersten Krieger, die ich je kannte” charakterisiert (so Odysseus zu Antinoos, der sich seinerzeit vom Kriegsdienst freigekauft hat und Sinon an seine Stelle treten ließ). Das ist alles lächerlich schlecht geschrieben: Ein Film soll Dinge zeigen und nicht durch Worte bloß behaupten.
Ich habe nun einige Versuche gesehen, dieses Casting auch aus konservativer Sicht zu rechtfertigen. Hier hat zum Beispiel ein Youtuber namens Jonathan Pigeau versucht, es als eine Art “trojanisches Pferd” hinzustellen, ein listig übergeworfenes wokes Gewand, das es Nolan erlaubt, die eher “rechte” mythopoetische Struktur der Geschichte gleichsam vorbeizuschmuggeln und zu universalisieren.
Nun: Wenn heute jemand mit einem undiversen Casting davongekommen wäre, dann Nolan (er hat das immerhin auch in Oppenheimer einigermaßen hinbekommen). Und falls das Casting wirklich eine Art Strategie war, wie Pigeau glaubt, dann wäre das ein Zeichen, daß Nolan bereit ist, erhebliche Konzessionen gegenüber der herrschenden Ideologie zu machen, also seine künstlerische Integrität zu kompromittieren. Und falls es ihm um “Universalisierung” ging, dann ist das eine ziemlich oberflächliche Auffassung, wie man dergleichen bewerkstelligt (sicher nicht mithilfe dessen, was ich mal “Smarties-Dogma” genannt habe).
Das sind alles unnötige Verrenkungen, die nach tieferen Bedeutungen suchen, wo keine sind. Die einfachere Erklärung ist, daß Nolan ein “true believer” ist und die Wertvorstellungen seines linksliberalen Milieus, das ihn als Genie feiert und überschätzt, ungebrochen teilt. Das wird auch in Interviews deutlich, wo er mit allerlei Plattheiten um sich wirft, etwa, daß die moralische Kernaussage seines Films sei, eine Gesellschaft könne nur funktionieren, wenn sie “Respekt vor Fremden” habe.
Diese “Goldene Regel” stellt er nun allen Ernstes ins Zentrum seines Films und nennt sie darin “Gesetz des Zeus” (Zeus’ Law). Dies exemplifiziert er nun nicht an der im Epos in der Tat eine große Rolle spielenden Sitte der Gastfreundschaft, die von den Freiern so frevelhaft mißbraucht wird, sondern weniger einleuchtend an dem Schuldgefühl, von dem sein Odysseus geplagt wird, weil er die Trojaner mit einem miesen Trick in die Pfanne gehauen hat und somit den zivilisatorischen Verfall des “Bronzezeitalters” (das im Film in einem Dialog tatsächlich so bezeichnet wird) beschleunigt hat.
Nolan injiziert in den Stoff also eine flache post-christliche, politisch korrekte, zeitgeistige Moral, die den homerischen Helden völlig fremd ist. Noch mehr als das: Er höhlt systematisch aus, was an Odysseus homerisch, heldenhaft und “odyseeisch” ist. Wir sehen ihn, stumpfsinnig und langweilig gespielt von Matt Damon, als ständig bedrückten, melancholischen Kriegsveteran, der den gesamten Film hindurch in einer einzigen Stimmung und Gemütslage schwelgt, ohne eine erkennbare Charakterentwicklung.
Was wir nicht sehen, ist die archetypische Figur des Odysseus: Polytropos und polymetis, der “vielgewanderte” und “vielkluge”, der “listenreiche”, wie es in der Übersetzung von Voß heißt, der Trickster, Aufschneider und Lügner, dessen Geschichten womöglich nur Seemannsgarn sind, stolz, neugierig, merkurisch. Die Essenz dieser Figur wurde viel besser von Sean Bean in dem ansonsten eher mißratenen Film Troy eingefangen.
Die reduktionistische Darstellung des Odysseus führt dazu, daß eine Episode nach der anderen ihres erzählerischen Sinnes beraubt oder gar verkehrt wird. Das Abenteuer mit dem Zyklopen Polyphem (hier hätte Nolan eine Figur gehabt, die das Gastrecht verhöhnt) dient in der originalen Erzählung dazu, die Listigkeit des Odysseus zu zeigen: Er seift den Menschenfresser mit schmeichelhaften Worten ein, bindet ihm den kindischen Bären auf, er heiße “Niemand”, macht ihn betrunken, blendet ihn, sobald er eingeschlafen ist, entkommt mit seinen Männern unter dem Rücken der Schafe, die der Erblindete abtastet. Am Ende wird ihm sein Stolz auf seine Klugheit zum Verhängnis, als er dem geprellten Ungeheuer seinen wahren Namen zuruft, und dieser nun seinen Vater Poseidon um Rache anflehen kann.
Bei Nolan legt sich Polyphem (der zumindest optisch gelungen ist) einfach schlafen, nachdem er einen von Odysseus Männern zerkaut hat und wird von dann von den Griechen geblendet. Dann gibt es ein paar routinierte Action-Szenen, und am Ende interpretieren die Männer ein paar unverständliche Worte, die der Zyklop geäußert hat, als Verweis auf Poseidon.
Das ist alles. Warum ist die Episode überhaupt im Film? Um ein bißchen Action- und Fantasy-Gedöns hineinzubringen? Nicht einmal die Nichtbefolgung des ominösen “Zeus’s Law” wird von Nolan thematisiert.
Die bei weitem übelste Episode des Films ist die Begegnung mit der Zauberin Kirke. Sie war so unerträglich dumm, daß ich beinah aus dem Kinosaal geflüchtet wäre. Leider war zu diesem Zeitpunkt erst ein Drittel der Laufzeit vergangen, und ich wollte keine vorzeitige Fahnenflucht begehen.
In dieser Sequenz liegen Nolans revisionistische und woke Intentionen offen zutage. Kirke, Archetyp der dunklen, exotischen Verführerin, wird von einer fünfzigjährigen, rundlichen, verhutzelten, gezielt reizlos hergerichten (weißen) Schauspielerin dargestellt. Sie bricht in kreischende Panik aus, als Eurylochos sie anspricht, ganz offensichtlich ein traumatisiertes Vergewaltigungsopfer, das üble Erfahrungen mit Männern gemacht hat.
Von diesem Punkt an wird die Inszenierung platter und platter: Die Männer schlingen das von Kirke servierte Essen unmanierlich schmatzend in sich hinein, benehmen sich buchstäblich “wie Schweine”, ein Motiv, das zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal und wie aus dem Nichts auftaucht (und nachher wieder völlig aus dem Film verschwindet). Nun offenbart die unscheinbare, so hilflos wirkende Frau ihre Zauberkräfte und “knetet” gleichsam Odysseus Gefährten zu tatsächlichen Schweinen.
Der Grund dafür wird gleich im Anschluß in einem der vielen schlechten, weil gnadenlos plakativen Dialoge des Films unsubtil erklärt: Berstend vor Bitterkeit und Ressentiment erklärt Kirke Odysseus, daß Männer nunmal Schweine wären und sie lediglich ihre wahre Gestalt sichtbar gemacht habe.
Bei Homer bannt Odysseus Kirkes Zauberkräfte mit einem von Hermes überreichten magischen Kraut und macht sie sich mit Waffengewalt gefügig. Bei Nolan überredet er sie irgendwie, seine Männer wieder in Menschen zurückzuverwandeln, warum sie das dann auch wirklich tut, habe ich nicht so recht verstanden. Jedenfalls hat das Gelaber des Odysseus ausgereicht.
Es ist aber nicht nur die auf die Nase gedrückte feministische “MeToo”-Message, die diese Sequenz mißglücken läßt, sondern ihre innere Unstimmigkeit. Kirke ist einerseits ein verwundbares, ängstliches, physisch unterlegenes Wesen, andererseits hat sie erstaunliche magische Fähigkeiten. Einerseits ist sie bar jeglichen weiblichen Reizes (ich verstehe schon, daß antike seefahrende Krieger wahrscheinlich nicht sehr wählerisch waren, wenn sie die Brunst überkam), andererseits ist sie umgeben von exotischen Raubkatzen wie Löwen, Tiger, Leoparden, bei Homer und in der tradierten Ikonographie Insignien einer gefährlichen Erotik. Es paßt hier nichts zusammen, es will keine Atmosphäre aufkommen, weder eine erotische noch eine magische. Wie wird aus dem Opfer Kirke die Zauberin Kirke? Ihre Kräfte werden einfach behauptet statt überzeugend evoziert. Erneut begegnen wir dem Muster, daß Nolan Motive aus der Odyssee einfach abfilmt, ohne ihren Sinn zu erfassen.
Und hier haben wir gleich zwei weitere Dinge, die in dieser Version der Odyssee beinahe völlig abwesend sind: die Magie und die Sinnlichkeit. Sinnliche, junge, göttliche Frauen, die bei Homer eine große Rolle spielen (Kirke, Kalypso, Nausikaa) tauchen bei Nolan nicht auf. Es ist 2026 offenbar politisch unkorrekt und undenkbar, Odysseus in einer “age gap” Beziehung zu zeigen. Alle Frauen, mit denen er erotisch verbunden ist, sind in ihren Fünfzigern, brav seinem eigenen Alter angepaßt.
Auch sein Verhältnis zu Kalpyso ist so gut wie jeder Sinnlichkeit beraubt. Man spürt nicht, daß sie diesen Mann fleischlich begehrt und darum durch einen Zauber auf ihrer Insel festhält. Eines der stärksten und bewegendsten Motive bei Homer wird ignoriert: Odysseus schlägt das Angebot der Nymphe aus, ihn unsterblich zu machen, und zieht es stattdessen vor, zu seiner gealterten Frau zurückzukehren, von der er noch nicht einmal weiß, ob sie lebt. Bei Nolan gibt es stattdessen nur modernes, therapeutisches Gelaber, an dessen Ende sich das Paar einvernehmlich trennt und Odysseus lernt, “auf Frauen zu hören”.
Die Odyssee beginnt mit dem Titel “In a time of apparent magic”, aber sehr “apparent” ist diese “magic” nicht gerade. Völlig abwesend sind die Götter. Nicht einmal ihr Wirken in der Natur ist zu spüren, etwa in der “heiligen Meersflut” oder in der berühmten “rosenfingrigen” Morgenröte.
Man vergleiche Nolans Welt mit den Welten, die Robert Eggers (mit dem ich freilich auch so meine Probleme habe) zu gestalten versteht. Sein Northman nimmt nicht nur die Welt und Moral der Wikinger auf verstörende Weise ernst, sondern zeigt sie durchwirkt von magischen, göttlichen Kräften, die bei ihm freilich immer eine überwiegend düstere und dämonische Note haben.
Klar, es gibt bei Nolan eine Handvoll übernatürlicher Erscheinungen: der Zyklop, ein rätselhaftes Riesenvolk, das die Mannschaft des Odysseus abschlachtet, die Zauberkraft der Kirke. Es gibt das Seeungeheuer Scylla und es gibt eine Szene, in der Odysseus die Toten mit dem Blut eines Schafes beschwört. Auch hier trifft Nolan eine eher unglückliche Wahl, die das von ihr behandelte Motiv nicht zu verstehen scheint: Anstelle der Schemen und Schatten Homers, die erst durch das Trinken des Blutes an Kraft und Kontur gewinnen, kommen sehr fleischliche, blutige Körper wie Zombies buchstäblich aus der Erde gekrochen.
Und auch hier fehlen zwei gewaltige Motive, aus denen ein guter Regisseur eine Menge machen hätte können: Die erschütternde Erscheinung von Odysseus Mutter, von der er gar nicht wußte, daß sie bereits gestorben ist, und der Auftritt Achills, der Odysseus mitteilt, daß er lieber ein lebendiger Sklave auf Erden als ein toter Held im Hades wäre.
Vermutlich hat letztere Szene zum Gerücht geführt, daß Ellen-Elliot Page Achilles spielen würde. Tatsächlich hat sie hier einen zentralen Auftritt als der tote Krieger Sinon (eine Figur, die nicht bei Homer, wohl aber bei Vergil auftaucht), der die Aufgabe hatte, den Trojanern das hölzerne Pferd zu übergeben und dabei getötet wurde. Es ist Sinon, der die zentrale Anklagerede gegen Odysseus hält. Dieser hatte ihm erzählt, daß es sich bei dem hölzernen Pferd um ein genuines Geschenk und keine Falle gehandelt hatte, hat ihn also durch eine Lüge dazu gebracht, sich für den Endsieg der Griechen aufzufopfern.
Die Sirenen, die man nur aus weiter Ferne sieht, könnten auch nur eine Sinnestäuschung sein. Die “Göttin” Athene, völlig ungöttlich gespielt von der unseligen Zendaya, wird gegen Ende des Films als psychischer Komplex enthüllt, das Trauma und die Schuldgefühle des Odysseus personifizierend: Sie trägt das Gesicht eines Mädchens, vielleicht einer Priesterin der Athene, die im Zuge der Plünderung Trojas von den Griechen getötet wurde.
Was nun das zentrale von Nolan eingeführte Motiv angeht, das so ungriechische Schuldgefühl über die Zerstörung Trojas und die unlauteren Mittel, die dazu nötig waren, so ist auch dieses ohne jegliche Kühnheit und Originalität ausgeführt worden. Erneut verläßt sich Nolan auf pseudo-tiefsinniges Gerede, Gerede, Gerede über den “Kollaps der Zivilisation” und Odysseus Mitschuld an selbiger, anstelle zu zeigen.
Und da hätte ich gesagt: Wenn schon, denn schon. Nolan hätte sich hier erneut Robert Eggers zum Vorbild nehmen können, insbesondere die berüchtigte Sequenz aus The Northman, in der die Wikinger ein Dorf in der heutigen Ukraine plattmachen, alles totschlagen, was ihnen in die Quere kommt, Frauen vergewaltigen und Kinder verschleppen, ohne dabei mit der Wimper zu zucken.
Demgegenüber ist die Brandschatzung Trojas in Nolans Film vergleichsweise zahm ausgefallen. Klar, es gibt Feuer, Lärm und Gekreische, ab und zu wird eine Frau in eine Ecke gezerrt oder ein trojanischer Krieger erschlagen, dessen Gesicht von einem sandfarbenen Helm verdeckt ist.
Warum es aber nicht richtig, radikal und verstörend machen? Etwa so, wie es Michael Köhlmeier in seinem Sagenbuch des klassischen Altertums beschrieben hat:
Die Soldaten marschierten in die Stadt und metzelten alles nieder, was lebendig war. Sie verschonten weder Frauen noch Kinder noch alte Männer, sie töteten die Hunde und die Katzen, die hübschen Vögel in den hübschen Käfigen, das Vieh, alles. Frauen, die hübsch genug waren, den griechischen Soldaten als Dirnen und Sklaven zu dienen, blieben am Leben. Sie wurden aufgeteilt. Agamemmnon nahm sich die Kassandra. Neoptolemos, der Sohn des Achill, nahm sich die Gattin des Hektor. Odysseus, heißt es, bekam die alte Hekabe. Aber es heißt auch, er ließ sie ziehen.
Man hätte es ohne weiteres machen können: zuerst Odysseus’ Freude über seine eigene Schlauheit und Kühnheit, mit der er diesem “fucking war” (Originalzitat aus dem Film) endlich ein Ende setzt, dann seinen frenetischen Blutrausch während der Eroberung Trojas, dann seine Ernüchterung und wachsende Scham über das Ausmaß der sinnlosen Zerstörung, die er mitverantwortet hat, und schließlich die Verklärung dieses Grauens in den Liedern der fahrenden Sänger, denen er unter Tränen unerkannt als Gast am Hof des Alkinoos lauscht.
Dafür hätte man den durchweg anonymen und gesichtslosen Trojanern menschliche Konturen verleihen können, hätte in der Nekyia-Szene wie bei Homer Frauen, Kinder, Greise auftreten lassen können, die in Troja geschlachtet wurden, anstelle ausschließlich gefallener Krieger.
Und man hätte auch bei Kirke ähnlich vorgehen können, wenn es denn schon unbedingt sein muß: Zeigen, daß sich Odysseus und seine Männer wie Schweine verhalten, und den Zuschauer für intelligent genug halten, es selber zu bemerken.
Ich hoffe, allmählich wird klar, wie safe und flach und einfallslos das alles von Nolan durchdekliniert wird. Aber diese 250 Millionen Dollar teure Odyssee soll ja auch ein Blockbuster für den Massengeschmack sein, der sein Geld einspielen muß und kein guter, kein komplexer, kein wirklich mutiger Film.
Einigermaßen erträglich ist der letzte Teil, in dem Odysseus zurückkehrt und sein Königreich wieder in Besitz nimmt, nicht zuletzt durch die Präsenz des Schurken Antinoos, hervorragend gespielt von Robert Pattinson, der schon Nolans Tenet vor der totalen Langweile gerettet hat. Aber auch hier wird nach Kräften geschwächelt, verwässert und Potential versemmelt (ich denke hier besonders an den sterbenden alten Hund Argos). Gelungen ist die berühmte Szene, in der Odysseus seinen Bogen spannt, ihn erklingen läßt wie die Saite einer Harfe und die Löcher der aufgereihten Äxte durchschießt. Weniger interessant ist das daran anschließende Massaker, das sich wieder im Bereich der Action-Routine bewegt.
Hier haben wir meinetwegen ein mythisches, auch heute wieder relevantes und durchaus rechtscodiertes Motiv vor uns: Der König kehrt zurück und säubert sein verfallenes Reich von den schmarotzenden Fremdlingen. Aber auch dieses Motiv wird unterminiert, indem er am Schluß abdankt und mit Penelope ins Exil geht. Signifikant erscheint mir auch, daß sich Telemach im Gegensatz zu Homer nicht am Massaker beteiligt (ein initatischer Moment der Mannbarkeit), sondern sich am dreckigen Kampf nicht beteiligen, sondern sauber bleiben soll.
Es gibt noch unzählige andere Dinge, die in diesem Film schiefgegangen sind. Die schlechten Kostüme (Agammenon sieht aus wie Batman), der schlampige Schnitt, die generische Bumm-Bumm-Gong-Gong-Musik, die platten, vorhersagbaren Dialoge im modernen amerikanischen Slang (Telemach spricht von Odysseus als seinem “Dad”).
Die zersplitterte, non-lineare Erzählweise läßt kein Gefühl für Raum und Zeit aufkommen, das für diese Geschichte so essentiell ist. Die Heimkehr des Odysseus, immerhin ein zentrales Motiv des Epos, verliert dadurch stark an emotionaler und kathartischer Wirkung. Überhaupt will sich zu keinem Zeitpunkt eine wahrhaft epische Stimmung einstellen; es handelt sich weniger um ein Epos, als um einen langen, langen Film.
Nolan ist einer der letzten Regisseure, der immer noch auf Film dreht. Das wäre an sich erfreulich, wenn er mehr daraus machen würde. Die Optik seiner Odyssee ist durchgehend gut und kinowirksam, aber nur selten gelingen ihm wirklich eindrucksvolle und außergewöhnliche Bilder (ich denke beispielsweise an die trojanischen Reiter auf weißen Pferden, die auf das am Strand zurückgelassene “Geschenk” zugaloppieren; oder an das zufällige Auftauchen von Delphinen, die das Schiff des Odysseus begleiten). Das 70mm-Format ist hier vergebliche Liebesmüh: Was man auf der Leinwand sieht, ist netflixkompatibel und hätte genauso gut digital gedreht werden können.
Besonders gravierend: Der Engländer Nolan bringt es fertig, am Mittelmeer zu drehen, und es fast durchgehend grau, düster und neblig erscheinen zu lassen, seine Farben und seine sinnlichen Zauber weitgehend herunterzudimmen, obwohl sich gerade dieser trefflich mit der Gewalt und der Tragik der Handlung kontrastieren ließe.
Das kann man als bewußte Entscheidung des Regisseurs akzeptieren oder gutheißen, aber auch als eine haarsträubend vergebene Chance sehen. Ich denke, daß niemand, der Homer kennt und liebt, mit diesem Film sehr glücklich sein wird, da er gesäumt ist mit Verflachungen, Verdrehungen und Spielverderbereien, die kein geschlossenes künstlerisches Ganzes ergeben und allzu offen dem Zeitgeist huldigen.
Mit all dem scheine ich mich in einer Minderheitenmeinung zu befinden, da der Film bereits jetzt – von wegen “go woke, go broke”! – zu einem gigantischen Kassenschlager geworden ist und enorm positiven Kritikerzuspruch bekommen hat. Christopher Nolan, der auch das miserable Drehbuch verzapft hat, und den Jahre des übermäßigen Lobes faul, selbstgefällig und prätentiös gemacht haben, ist also einstweilen nicht von den Göttern für seine multiplen Frevel bestraft worden. Im Gegenteil darf er sich einmal mehr in dem Gefühl sonnen, alles richtig gemacht zu haben.
Man muß den Film wohl vor allem als Symptom unserer Zeit lesen, wie es Marvin T. Neumann hier versucht hat. Ein selbstsicherer, fröhlicher Odysseus wie Anno 1954 paßt nicht zu den Selbstzweifeln, die heute die Seele des weißen Mannes heimsuchen.
Warum ich Filme dieser Art für kulturell signifkant und aus rechter Sicht relevant halte, kann man in dem Kapitel “Mythen und Sagen” meines Lichtspielführers nachlesen – hier bestellbar. Darin gehe ich auch kurz auf die bisherigen Verfilmungen der Odyssee ein, und äußere den nunmehr vollauf bestätigten Verdacht, daß Nolans Castingentscheidungen nichts Gutes verheißen.
Wer noch nicht genug hat von meiner Kritik an diesem Film, kann sich hier mein Gespräch darüber mit Millennial Woes anhören, aufgenommen unmittelbar nachdem ich dem Kino entflohen bin.
Maiordomus
ML wirkt unheimlich glaubhaft. Immerhin vernimmt man, dass da und dort ein Motiv dennoch gelungen ins Bild gesetzt zu sein scheint Es gibt Filme, die sich wegen einer einzigen Sequenz lohnen. Persönlich grösstes Kinoerlebnis dieses Jahr war für mich "Satantango" von Bela Tarr. Kann mir nicht vorstellen, dass Nolan ausser über mehr Geld über ähnliche Begabung verfügt, zu schweigen von Kubrick, dem man diese Geschichte um ihrer Brutalität willen durchaus zugetraut hätte. Aber auch sowas muss man können, siehe "Full metal jacket". Ohne das Homerische Gelächter der Götter muss man, falls ML es nicht übersah, den Film mutmasslich abschreiben.