Rußlands “Neue Leute”

von Filipp Fomitschow -- Im fünften Jahr des Krieges in der Ukraine ist die Lage für Rußland äußerst schwierig geworden. Das betrifft alle Schlüsselbereiche (Militär, Politik, Wirtschaft). Die Tendenz geht in Richtung einer weiteren Verschlechterung.

Ein Aus­weg aus der der­zei­ti­gen Lage setzt unter ande­rem eine grund­le­gen­de Neu­ge­stal­tung der Bezie­hun­gen zwi­schen Macht und Gesell­schaft vor­aus. Dabei bleibt die Fra­ge offen, inwie­weit sol­che Ver­än­de­run­gen mög­lich sind.

Es besteht jedoch kein Zwei­fel dar­an, daß der vor eini­ger Zeit still­schwei­gend geschlos­se­ne Gesell­schafts­ver­trag zer­bro­chen ist, wonach den Bür­gern für ihren Rück­zug aus der Poli­tik wenn schon nicht Kom­fort und Wohl­stand, so doch zumin­dest ein Raum ver­spro­chen wur­de, in dem sie unge­stört nach bei­dem stre­ben könnten.

An die Stel­le die­ses „Ver­trags“ ist kein neu­er getre­ten. Es ist viel­mehr ein Vaku­um ent­stan­den, das vor allem auf­grund äuße­rer Fak­to­ren, die den Druck inner­halb des Sys­tems noch aus­glei­chen, nicht zusam­men­bricht. Wenn Leben, Frei­heit und Wohl­stand nicht ein­mal mehr im Sin­ne einer nega­ti­ven „Frei­heit von“ (von der Poli­tik) garan­tiert sind, beginnt eine immer grö­ße­re Zahl von Men­schen, nach einem neu­en „Frei­heit zu“ zu suchen.

Ange­sichts der bevor­ste­hen­den Wah­len zur Staats­du­ma (Unter­haus des Par­la­ments) im Sep­tem­ber die­ses Jah­res wird beson­ders häu­fig und auf unter­schied­li­che Wei­se über das Phä­no­men der Par­tei „Neue Leu­te“ („Новые люди“; „Nowy­je lju­di“) gesprochen.

Die Staats­du­ma ist ein Ort, der längst zu einem Organ der for­ma­len Legi­ti­mie­rung bereits getrof­fe­ner poli­ti­scher Ent­schei­dun­gen sowie zu einer Zone gewor­den ist, in der Beam­te ihre Pfrün­de sichern und ver­schie­de­ne Lob­by­in­ter­es­sen nicht­staat­li­cher Akteu­re umset­zen. Das rus­si­sche Par­la­ment ist kein Ort, an dem Poli­tik gemacht wird, son­dern ein Ort, an dem bereits getrof­fe­ner Ent­schei­dun­gen sicht­bar werden.

Der­zeit bele­gen „Neue Leu­te“ (wei­ter: NL) laut offi­zi­el­len Umfra­gen den zwei­ten Platz (11–12 %) , wäh­rend infor­mel­len Anga­ben zufol­ge die posi­ti­ve oder neu­tral-posi­ti­ve Ein­stel­lung der Bevöl­ke­rung gegen­über den NL bis zu 20–25 % errei­chen könn­te (fast genau­so viel wie bei der Par­tei „Eini­ges Rußland“).

Im Jahr 2030 wer­den die Wah­len zur Staats­du­ma mit den Prä­si­dent­schafts­wah­len zusam­men­fal­len (Putin wird zu die­sem Zeit­punkt 78 Jah­re alt sein – etwa so alt wie der gesam­te übri­ge Spit­zen­kreis der Eli­te). In die­sem Zusam­men­hang wird nicht sel­ten die Ver­mu­tung geäu­ßert, daß in die­sem Jahr oder um die­ses Jahr her­um ein Macht­trans­fer, eine umfas­sen­de Erneue­rung des Sys­tems und Kurs­kor­rek­tu­ren statt­fin­den wer­den. Man kann die NL als ein Pro­jekt betrach­ten, das genau zu die­sem Zweck ins Leben geru­fen wur­de. Es han­delt sich dabei um eine von vie­len hypo­the­ti­schen Optio­nen, jedoch wird gera­de die­ses Pro­jekt in letz­ter Zeit immer häu­fi­ger als erfolg­ver­spre­chend beschrieben.

Die NL wur­de zu Beginn der Coro­na-Pan­de­mie – im März 2020 – gegrün­det (damals sprach sich die Par­tei gegen Lock­downs und die fak­tisch ein­ge­führ­te Impf­pflicht aus) und durch­lief das Regis­trie­rungs­ver­fah­ren in kür­zes­ter Zeit, was für das poli­ti­sche Sys­tem Ruß­lands an sich unty­pisch ist.

Einer der Grün­der und Vor­sit­zen­der der Par­tei ist Ale­xej Net­scha­jew (1966) – ein Groß­un­ter­neh­mer, unter ande­rem Grün­der und Prä­si­dent der Fir­ma Faber­lic (Ruß­lands größ­ter Her­stel­ler und Ver­trei­ber von Hygie­ne­ar­ti­keln und Kos­me­ti­ka). Die zwei­te öffent­li­che Per­sön­lich­keit der Par­tei ist Wla­dis­law Dawan­kow (1984) – Net­scha­jews Geschäfts­part­ner. Sein Onkel – Alex­an­der Dawan­kow (1973) – ist Mit­be­grün­der sowohl des Unter­neh­mens Faber­lic als auch der Par­tei, in der er nach der Grün­dung das Amt des stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den über­nahm und den Exe­ku­tiv­aus­schuß leitete.

Die NL wur­de als sys­tem­in­ter­ne Oppo­si­ti­on gegrün­det, die aus­drück­lich den Anspruch erhebt, das poli­ti­sche Sys­tem im bestehen­den Rah­men evo­lu­tio­när zu erneu­ern, der­zeit ange­führt von Ser­gej Kiri­jen­ko (1962), einem Vete­ra­nen der rus­si­schen Poli­tik und einem der ein­fluß­reichs­ten Tech­no­kra­ten im Machtsystem.

Zugleich weist die NL alle Merk­ma­le einer „Spoi­ler-Par­tei“ auf, die einen Groß­teil der Unzu­frie­den­heit mit dem Sys­tem sei­tens der über­wie­gend jun­gen Bevöl­ke­rung in sich bün­delt, sie in kon­struk­ti­ve und kon­trol­lier­ba­re Bah­nen lenkt und radi­ka­le sys­tem­kri­ti­sche Alter­na­ti­ven neutralisiert.

2021 schaff­te es die NL im Jahr in die Staats­du­ma und ist damit die ers­te neue Par­tei im Unter­haus des rus­si­schen Par­la­ments seit 18 Jah­ren. Seit­her nimmt sie regel­mä­ßig an Wah­len auf ver­schie­de­nen Ebe­nen im gan­zen Land teil. Der­zeit sind über tau­send gewähl­te Abge­ord­ne­te der NL in Gemein­de­rä­ten und regio­na­len Par­la­men­ten tätig. Bezeich­nend ist, daß vie­le Abge­ord­ne­te der NL hohe Posi­tio­nen in den Aus­schüs­sen der Staats­du­ma ein­neh­men, obwohl die Par­tei nur 15 von 450 Sit­zen im Unter­haus hat. Zu ver­mu­ten ist, daß ein sol­ches Par­tei­pro­jekt unmög­lich ist, wenn es nicht die Zustim­mung oder die Unter­stüt­zung min­des­tens einer der ein­fluß­reichs­ten Grup­pen (oder des Prä­si­den­ten per­sön­lich) hat. Da das Sys­tem der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on jedoch intern äußerst unein­heit­lich ist, gibt es dar­in stets eine Viel­zahl von Nischen und Entwicklungsmöglichkeiten.

Die NL unter­streicht in jeder Hin­sicht ihren erneu­ern­den Cha­rak­ter – von der Spra­che, in der sie mit den Wäh­lern kom­mu­ni­ziert, über das Logo (der Par­tei­na­me ist über eine über­mal­te alte Auf­schrift geschrie­ben) bis hin zu den neu­en Gesich­tern und Ideen. Die Grund­far­be des Auf­tritts ist Tür­kis. Die NL posi­tio­niert sich als tech­no-opti­mis­ti­sche Par­tei der Jugend und der urba­nen Mittelschicht.

Der typi­sche Wäh­ler ist ein gebil­de­ter Stadt­be­woh­ner im Alter von 20 bis 45 Jah­ren, der im pri­va­ten Sek­tor tätig ist oder ein eige­nes Unter­neh­men führt, sich für wirt­schaft­li­che und tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung sowie eine effi­zi­en­te­re staat­li­che Ver­wal­tung inter­es­siert und weder zu radi­ka­len poli­ti­schen Ver­än­de­run­gen noch zu kon­fron­ta­ti­ver Rhe­to­rik neigt.

Die Par­tei stellt sich gegen die zahl­rei­chen Ein­schrän­kun­gen und Ver­bo­te, spricht die Ängs­te der Bevöl­ke­rung an und tut dies fast mono­po­lis­tisch. Vie­les von dem, was die NL zum Aus­druck bringt, kann von Men­schen prak­tisch aller poli­ti­schen Rich­tun­gen unter dem Mot­to „gesun­der Men­schen­ver­stand“ unter­stützt wer­den. Die Par­tei schlüpft dabei so ein­deu­tig in die Rol­le der Ver­tei­di­ger der Ver­nunft, der Ret­ter und Erneue­rer, daß die Sache wie eine eine koor­di­nier­te poli­ti­sche Stra­te­gie wirkt, mit dem Ziel, die NL zur min­des­tens zweit­stärks­ten Par­tei des Lan­des zu machen.

Andrej Per­zew, Mit­ar­bei­ter der ame­ri­ka­ni­schen Denk­fa­brik „Car­ne­gie Endow­ment for Inter­na­tio­nal Peace“, die in Ruß­land als „uner­wünsch­te Orga­ni­sa­ti­on“ ein­ge­stuft ist, schreibt:

Frü­her waren die Adres­sa­ten sol­cher Akti­vi­tä­ten der NL nur fort­ge­schrit­te­ne städ­ti­sche Wäh­ler. Doch nun – nach der Sper­rung von Whats­App und Tele­gram – hat sich die­se Nische erheb­lich erwei­tert. Und die Par­tei nutzt dies aktiv aus – mit direk­ter Unter­stüt­zung der Prä­si­di­al­ver­wal­tung. […] Die Par­tei sam­melt Stim­men von Men­schen, die mit einem bestimm­ten Pro­blem unzu­frie­den sind. Mit­läu­fer unter den Wäh­lern ver­ste­hen, dass die Unter­stüt­zung einer sys­tem­kon­for­men Par­tei, die sich eben­falls gegen Inter­net­ein­schrän­kun­gen aus­spricht, eine siche­re und lega­li­sier­te Form des Pro­tests dar­stellt. Soll­ten die Sper­ren jedoch anhal­ten, könn­ten sich die NL end­gül­tig als zweit­stärks­te Par­tei eta­blie­ren und in den Umfra­gen sogar gefähr­lich nahe an die an Popu­la­ri­tät ver­lie­ren­de „Eini­ges Ruß­land“ herankommen.

Es ist inhalt­lich nicht so ein­fach, die NL zu defi­nie­ren – die Par­tei ist in vie­ler­lei Hin­sicht ein Dach­ver­band und basiert auf Pro­test­stim­mun­gen mit begrenz­tem Wir­kungs­ra­di­us, was eine Cha­rak­te­ri­sie­rung erschwert. Bemer­kens­wert ist, wie die Par­tei in Wiki­pe­dia in ver­schie­de­nen Spra­chen bezeich­net wird: rech­te Mit­te, kon­ser­va­ti­ver Libe­ra­lis­mus (Rus); Kom­mu­ni­ta­ris­mus, Wirt­schafts­li­be­ra­lis­mus (De); (rech­te) Mit­te, (Rechts-)Liberalismus, Kom­mu­ni­ta­ris­mus (Eng); Libe­ra­lis­mus, Kom­mu­ni­ta­ris­mus (Ita); (rech­te) Mit­te, Libe­ra­lis­mus, Kom­mu­ni­ta­ris­mus (Fr).

Ein­deu­tig zu erken­nen ist jedoch ein vor­herr­schen­des libe­ral-kon­ser­va­ti­ves, zen­tris­ti­sches und vor allem tech­no­kra­ti­sches Motiv, das sich stel­len­wei­se mit Kom­mu­ni­ta­ris­mus, Liber­ta­ris­mus, etwas Ähn­li­chem wie skan­di­na­vi­schem Sozia­lis­mus, Natio­nal­de­mo­kra­tie usw. überschneidet.

Die Pro­gram­ma­tik der Par­tei kon­zen­triert sich auf innen­po­li­ti­sche The­men (vor allem Wirt­schaft und Ver­wal­tungs­ef­fi­zi­enz), wobei der Schwer­punkt auf der Moder­ni­sie­rung der staat­li­chen Ver­wal­tung, der För­de­rung des Unter­neh­mer­tums, der Ein­füh­rung moder­ne­rer Tech­no­lo­gien und der Ver­bes­se­rung der Lebens­qua­li­tät der Bür­ger liegt.

Im wirt­schaft­li­chen Bereich setzt sich die NL für den Abbau admi­nis­tra­ti­ver Hür­den, den Rück­gang staat­li­cher Regu­lie­rung, die Ent­bü­ro­kra­ti­sie­rung, die För­de­rung klei­ner und mitt­le­rer Unter­neh­men sowie die Sen­kung der Steu­er­last ein. Die NL schlägt vor, den Staats­ap­pa­rat effi­zi­en­ter und trans­pa­ren­ter zu gestal­ten. Das Glei­che gilt für den Sozi­al­staat, des­sen Leis­tun­gen stär­ker auf die Unter­stüt­zung von Jugend­li­chen und jun­gen Fami­li­en aus­ge­rich­tet wer­den sollen.

Einen wich­ti­gen Platz nimmt die Ent­wick­lung der Kom­mu­nal­ver­wal­tung und bür­ger­schaft­li­cher Initia­ti­ven ein – die Par­tei schlägt vor, die Befug­nis­se der regio­na­len Behör­den zu erwei­tern und das Prin­zip der Steu­er­um­ver­tei­lung so zu ändern, daß mehr Geld vor Ort verbleibt.

Die NL setzt sich für eine Locke­rung der Ver­bots­ge­set­ze, die Auf­he­bung einer Rei­he repres­si­ver Para­gra­phen (z. B. der Geset­ze über Extre­mis­mus, über die Belei­di­gung von Amts­trä­gern usw.) sowie für eine Reform des Jus­tiz- und Straf­ver­fol­gungs­sys­tems ein. Beson­de­re Bedeu­tung mißt die NL der Ent­wick­lung von Wis­sen­schaft und Hoch­tech­no­lo­gien bei – sie will umwelt­freund­li­che Tech­no­lo­gien fördern.

Im Bereich Kul­tur und Wer­te ver­tritt die Par­tei eine gemä­ßig­te Hal­tung, obwohl sie sich selbst ein­deu­tig als pro­gres­si­ve Kraft posi­tio­niert. Einer­seits setzt sich die Par­tei bei­spiels­wei­se aktiv für Frau­en­rech­te im moder­nen Sin­ne ein und wider­setzt sich Initia­ti­ven zur Ein­schrän­kung von Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen. Ande­rer­seits waren Ver­tre­ter der NL bei­spiels­wei­se Mit­ver­fas­ser von Geset­zen zum Ver­bot der Geschlechts­um­wand­lung und set­zen sich für eine Ver­schär­fung des Ein­wan­de­rungs­rechts, eine ver­stärk­te Kon­trol­le von Migran­ten vor allem aus Zen­tral­asi­en (durch digi­ta­le Kon­trol­le), die Abschaf­fung von Sozi­al­leis­tun­gen und Ver­güns­ti­gun­gen, die Auf­lö­sung von Migran­ten­ghet­tos sowie die Stär­kung der säku­la­ren Kul­tur in kom­mu­na­len und öffent­li­chen Räu­men (Ver­bot des Tra­gens von Nikabs, Ein­schrän­kung des Tra­gens von Hidschabs).

Erwäh­nens­wert ist auch, daß die NL von eini­gen Orga­ni­sa­tio­nen natio­nal­de­mo­kra­ti­scher Aus­rich­tung und ein­zel­nen Intel­lek­tu­el­len, die dem „auf­ge­klär­ten Kon­ser­va­tis­mus“ zuge­ord­net wer­den kön­nen, als tak­ti­scher Ver­bün­de­ter ange­se­hen werden.

Die Par­tei selbst begeg­net sol­chen Kon­tak­ten jedoch mit äußers­ter Vor­sicht, und sie legt ihre Hal­tung in die­ser Fra­ge nicht offen. Gleich­zei­tig zei­gen eini­ge NL-Ver­tre­ter oder ihr nahe­ste­hen­de poli­ti­sche Bera­ter von Zeit zu Zeit ihre gemä­ßigt-kon­ser­va­ti­ven oder gemä­ßigt-natio­na­lis­ti­schen Ansichten.

Kein Wun­der, daß The­men der Außen- und Geschichts­po­li­tik bei den NL so gut wie gar nicht vor­kom­men. Sol­che Fra­gen wer­den offen­bar auf­grund der Bri­sanz der Lage nicht ange­spro­chen – die NL suchen hier ihre Nische und war­ten auf den rich­ti­gen Moment.

Den­noch wird die in die­sen Berei­chen bestehen­de Lücke frü­her oder spä­ter gefüllt wer­den, und über die vor­herr­schen­de Aus­rich­tung läßt sich bereits jetzt eini­ges sagen. Ale­xej Net­scha­jew ist der ein­zi­ge Vor­sit­zen­de einer Par­la­ments­par­tei, der sich in den letz­ten paar Jah­ren über­haupt nicht auf his­to­ri­sche Figu­ren und natio­na­le Per­sön­lich­kei­ten bezo­gen hat. Die his­to­ri­schen Bezü­ge der NL bezie­hen sich in der Regel auf Errun­gen­schaf­ten wis­sen­schaft­lich-tech­ni­scher Art und beto­nen die Rol­le von Initia­ti­ven und der Stand­haf­tig­keit „ein­fa­cher Men­schen“ als Motor der his­to­ri­schen Ent­wick­lung des Landes.

Die vor­sich­ti­ge Unter­stüt­zung des außen­po­li­ti­schen Kur­ses des Kremls aus einer defen­si­ven Hal­tung her­aus geht ein­her mit einer noch vor­sich­ti­ge­ren Suche nach Kon­tak­ten zu Par­tei­en in EU-Län­dern. Laut eini­gen Medi­en­be­rich­ten, die von der Par­tei selbst weder bestä­tigt noch wider­legt wer­den, gebe es Ver­su­che, mit einem der klei­ne­ren Bünd­nis­se der euro­päi­schen Rech­ten (Alli­anz der Euro­päi­schen Natio­na­len Bewe­gun­gen) Kon­takt auf­zu­neh­men. Soll­te das stim­men, so zeigt das vor allem den Wunsch, einen Dia­log mit Euro­pa auf­zu­bau­en, und die Bereit­schaft, dafür auch rech­te Kräf­te in Betracht zu ziehen.

Die Geschich­te der „Neu­en Leu­te“ hat gera­de erst begon­nen, die Aus­sich­ten der Par­tei sind viel­ver­spre­chend, und der Aus­gang ist noch offen. Das Gefühl, das bis vor kur­zem für die meis­ten Bür­ger Russ­lands cha­rak­te­ris­tisch war – alles wür­de immer unver­än­dert und „sta­bil“ (das Schlüs­sel­wort der Putin-Ära) blei­ben – gehört bereits der Ver­gan­gen­heit an. Ob es der NL gelin­gen wird, sich zu einer Kraft zu ent­wi­ckeln und der Bevöl­ke­rung sowie dem poli­ti­schen Sys­tem ein über­zeu­gen­des Zukunfts­bild zu ver­mit­teln, und was dies im Fal­le eines Erfolgs bedeu­ten wür­de – das ist eine gro­ße Fra­ge, deren Aktua­li­tät ent­spre­chend den sich ver­schär­fen­den Schwie­rig­kei­ten, mit denen Ruß­land heu­te kon­fron­tiert ist, zuneh­men wird.

Die bewuß­te Wei­ge­rung, ideo­lo­gisch geprägt zu sein und auf pla­ka­ti­ve Paro­len zu ver­zich­ten, sowie der über­grei­fen­de Cha­rak­ter der Par­tei kön­nen aus Sicht der poli­ti­schen Stra­te­gie in der aktu­el­len Situa­ti­on wohl die vor­teil­haf­tes­te Vor­ge­hens­wei­se sein. Die ideo­lo­gi­sche Hete­ro­ge­ni­tät inner­halb der Par­tei führt kei­nes­wegs zwangs­läu­fig zu künf­ti­gen Spal­tun­gen in Frak­tio­nen – bei gutem Manage­ment kann die­se Eigen­schaft zu ihrem wich­tigs­ten poli­ti­schen Trumpf wer­den. Aller­dings ist auch in die­sem Fall die Bil­dung von zwei oder meh­re­ren Par­tei­flü­geln mit unter­schied­li­chen Tür­kis­tö­nen unver­meid­lich. Und wer weiß, ob am Ende das Grün oder das Hell­blau die Ober­hand gewinnt.

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Kommentare (2)

RMH

4. August 2026 10:22

"Der Bundestag ist ein Ort, der längst zu einem Organ der formalen Legitimierung bereits getroffener politischer Entscheidungen sowie zu einer Zone geworden ist, in der Beamte ihre Pfründe sichern und verschiedene Lobbyinteressen nichtstaatlicher Akteure umsetzen. Das deutsche Parlament ist kein Ort, an dem Politik gemacht wird, sondern ein Ort, an dem bereits getroffene Entscheidungen sichtbar werden."
Diese Übertragung des Textes auf Deutschland mit einfachsten Mitteln könnte man jetzt an den meisten Stellen des Textes fortsetzen. Ich sehe die AfD (als Tauschbezeichnung für die NL) nur nicht als Partei, die von Unternehmern mit entsprechend Flinz getragen wird, sonst aber erscheinen auffallend nur wenige Unterschiede.
Insgesamt: D & RUS sind sich offenbar von der politischen Struktur betrachtet näher, als es das offizielle Berlin verlautbart.
PS: Danke für den sehr informativen Artikel!

Mitleser2

4. August 2026 10:36

"Im fünften Jahr des Krieges in der Ukraine ist die Lage für Rußland äußerst schwierig geworden. Das betrifft alle Schlüsselbereiche (Militär, Politik, Wirtschaft). Die Tendenz geht in Richtung einer weiteren Verschlechterung."
Ist das so? Es wird ja vom hiesigen Mainstream auch dauernd von ukrainischen Erfolgen an der Donbas-Front erzählt. In der Realität scheint das überhaupt nicht zu stimmen. Und sind die Drohnenangriffe auf zivile Wirtschaftsinfrastruktur (russ. Amazon Äquivalente) tatsächlich relevant?