Ein solches Buch setzt einen auf die Weltkarte – aber es läßt einen auch nicht mehr herunter. Daran änderte das 70-seitige Nachwort Lethens (2022) nichts mehr, in dem er sich und sein Werk neu zu verorten versuchte oder genauer: den Ort zu nennen, wo sie sich nun befinden, nach diesen Jahren Weltgeschichte und also Zäsuren-Geschichte. Es war jetzt leichter, passender, vom „Lindgrünen“ zu sprechen, statt den ausgenudelten Titel wieder in den Mund zu nehmen.
Im Wort „Lindgrün“ aber (so wollte es mir erscheinen), da steckt der ganze Lethen schon drin: das Sanfte, Warme, Linde zum einen, aber auch das Exaltierte, Kultivierte, Künstliche und Künstlerische in dieser Existenz.
Lethen, der qua Geburt den Tod im Namen führt, der sich der Kälte verschrieben hatte, sprach leise, oft fragend, manchmal fast unsicher, man nahm ihn als runde, nicht kantige Person wahr, als einen sensiblen, empfindenden, wohl auch fürchtenden Menschen, voller Wärme und Verständnis. Und das bildete den denkbar größten Kontrast zu den Themen seines Werkes, aber das wiederum erscheint nur dann als Widerspruch, wenn man das Erschrecken und Erstaunen nicht wahrnimmt, eine gewisse neugierige Naivität, die Werk und Mensch antrieb.
1979 erschien in den Berliner Heften ein Aufsatz Lethens und Heinz-Dieter Kittsteiners – „das einzige Genie, das ich kennengelernt habe“ – mit dem programmatischen Titel „Jetzt zieht Leutnant Jünger seinen Mantel aus. Ästhetik des Schreckens“. Das war eine Art Gründungsurkunde und ein Dokument des Erschreckens, die Keimzelle von Lethens intellektuellem Durchbruch. Er markiert seinen Übergang von der marxistisch geprägten Literaturkritik der 1970er-Jahre hin zu einer distanzierten kulturwissenschaftlichen Habitusanalyse. Darin der paradigmatische Satz: „Wer bloße Begriffe für Realität hält, erliegt einer optischen Täuschung.“
Die Angst und die Ehrfurcht vor dem Krieg hatte sich dem Kind schon in den Luftschutzkellern ins Körpergedächtnis eingegraben, mit 18 Jahren sitzt er dann ungeschützt vor den unfaßbaren Bildern aus Resnais Film „Nacht und Nebel“, die er wie Wackersteine sein Leben lang mit sich herumträgt. Wer es nicht schon geahnt hatte, dem schrieb er es in der 2020 erschienen Autobiographie Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug auf.
Vor diesem Hintergrund mußte ihn die Jüngersche Geste erschrecken, diese ästhetisierende todesverachtende Arroganz, oder Gottfried Benns kühler Zynismus, oder Carl Schmitts messerscharfe pragmatische Kälte … Lethen hat gelernt, die Kälte zu spiegeln. Indem er sich auf die Funktionsweise von Texten oder den Habitus seiner Verfasser konzentriert, schafft er sich die notwendige Distanz, mit diesen ihn anrührenden Texten und Autoren umzugehen.
Und dann hatte sich Lethen selbst „schuldig“ gemacht. Er war in der KPD-AO, einer maoistischen K‑Gruppe aktiv, um schließlich in seiner Suche nach dem Handorakel (2012) zu der Einsicht zu gelangen:
Die Leistung der marxistisch-maoistischen Apparate bestand darin, die frei flottierenden Umsturzenergien in ihr oberirdisches Bewegungssystem einzubinden,
sprich systemstabilisierend zu wirken. Danach wurde er rausgeschmissen, nicht zufällig wegen „Versöhnlertums“. Denn das Versöhnliche war immer seine Schwäche – und Stärke, der Wille, zu verstehen. Das war wichtiger als Urteilen.
Deshalb wäre Helmut Lethen auch dann wichtig für die Rechte, wenn es die Ehe mit der Sezession- und Antaios-Autorin Caroline Sommerfeld nicht gegeben hätte. Er hatte die geistigen Ahnen der Neuen Rechten protegiert, indem er sie dekonstruieren wollte, er hat sein Erschrecken nicht in typisch linker Volte in Moralismus umgewandelt, sondern in Faszination, er hat nicht – wie etwa Freund Theweleit mit seinen „Männerphantasien“ – pathologisiert, sondern einen unbändigen Verständniswillen an den Tag gelegt, gegen alle habituellen Aversionen.
Diese Autoren haben ihn nie wieder losgelassen, weshalb man Lethen – ganz anerkennend – lange für einen Monothematiker halten konnte, der sein Lebensthema immer wieder neu variiert und ihm neue Einsichten abringt. Lethen war ein Versöhnler im besten Sinne des Wortes.
Aber diese Einschätzung paßte in den letzten Jahren nicht mehr. Zwar stimmt es, daß er das, was ihm passiert ist, produktiv umarbeitete, aber es sind zu drastische Zäsuren gewesen, die sein spätes Leben bestimmten. So findet der oben zitierte Satz in seinem bislang letzten Buch, Stoischen Gangarten, ein aufschlußreiches Echo:
Wer sich von moralischen Prinzipien leiten läßt, sollte wissen, daß sie von der Wirklichkeit längst widerlegt worden sind und stets werden, daß unser moralisches Streben kontrafaktisch und ständig bedroht ist.
Da ist der Denk- und Lebenskreis greifbar. Was ideologiekritisch und entlarvend, als Warnung vor der Naivität, abstrakte Wunschbegriffe mit der brutalen Wirklichkeit zu verwechseln, begann, mündet nun in die existentielle und stoische Anerkennung, daß Moral trotz ihrer Ohnmacht gelebt werden muß. Es ist kein Irrtum mehr, sondern eine bewußte, tragische Haltung wider die Fakten.
Der Satz von 1979 formuliert die Erkenntnis der Täuschung – die Dekonstruktion falscher Gewißheiten. Der Satz von 2025 formuliert die Konsequenz daraus – das stoische Weitermachen im vollen Bewußtsein dieser Täuschung. Es ist der Weg von der bloßen Entlarvung hin zu einer eigenen „Verhaltenslehre“, die mit der Unberechenbarkeit der Wirklichkeit umgehen kann.
Das Leben, das, was passiert, hat Lethen dazu gezwungen: das sind zum einen die politischen Wirren des Jahres 2015 und die schwere Einsicht in die eigene Mitverantwortung, da ist zum anderen der kometenhafte Aufstieg seiner Frau Caroline Sommerfeld, die in kürzester Zeit hier im Sezession-Kreis Berühmtheit erlangte, und da ist schließlich der ganz physische Schmerz einer akuten und lebensbedrohlichen Hirnblutung und der nachfolgenden Operation, ganz nah am Ufer der Lethe. So waren Helmut Lethen noch ein paar Jahre vergönnt.
Er nutzte sie auf seine unnachahmliche Art und Weise. Sein Werk schien nach dem Klassiker, nach dem vielgelobten Benn-Buch Der Sound der Väter (2006), nach dem preisgekrönten Der Schatten des Photographen (2013) abgeschlossen, zwar übersichtlich, aber gewichtig.
Die Suche nach dem Handorakel konnte man auch als Verabschiedung in den Ruhestand verstehen und die Erinnerungen als letztes Wort, aber dann brachen die Ereignisse ein in das gesicherte Leben. Das Establishment verlangte Reue und Buße, wenigstens „Distanzierung“ – Lethen verweigerte sie und stand zu Frau und Familie und er war einer der wenigen, vielleicht sogar der einzige, der das überlebte und sogar noch Mehrwert daraus zog. Sein Name war wieder in aller Munde. Schon Die Staatsräte (2018) war zwar noch immer eine Variation der Lebensthematik, aber darin enthalten ist auch ein darin verstecktes Gesprächsangebot, das Buch ist ein „Brief an den Feind“.
Lethen reagierte auf all das vor allem mit neuer Produktivität, ohne Jammern, ganz sicher auch angetrieben vom ununterbrochenen häuslichen Dialog, von Widerstreit und Liebe. Im Zweijahresrhythmus erschienen neue Bücher. Die Nichtbeachtung des „Lindgrünen“ konnte er nun als „Künstlerpech“ abhaken – viel mehr interessierte ihn die Resonanz auf seinen „Hiob“ – so nannte er bis kurz vor der Veröffentlichung sein Buch Der Sommer des Großinquisitors (2022), wo er unter Ausweitung der Aufmerksamkeitszone erneut die Ambivalenz von Macht, politischer Gewalt und der psychologischen Faszination für Kälte und Härte durcharbeitet.
Daß die Klügsten sich für das Rechte entscheiden können, bleibt ihm Rätsel. Zuletzt das Buch Stoische Gangarten: Versuche der Lebensführung (2025), in dem er nach dem lebensbedrohlichen Hirnhämatom literarische und philosophische Spuren der Stoa als psychotherapeutische Maske und Überlebensstrategie nutzt, um das eigene Altern, körperliche Schmerzen sowie das moralische Scheitern politischer Denksysteme auszuhalten.
Und ein weiteres Buch liegt wohl schon beim Verlag. Dieser Kopf wollte nicht aufhören zu denken. Als ich Helmut Lethen im April dieses Jahres besuchte, da verwies er so begeistert wie eh und je auf einen Stapel Bücher, die er gerade lese oder gelesen hatte und welche Probleme, Fragen und Antworten sie in ihm aufwühlten. Das letzte Manuskript war gerade in der Endbearbeitung, ein soeben geschriebener Vortrag über Carl Schmitts „Phosphoreszierendes Denken“ lag ausgedruckt bereit …
Diese seltenen Menschen kann auch das Alter nicht beugen, nur der Tod. Er wußte, wie es um seine Gesundheit bestellt war, aber er trug sein Schicksal nun mannhaft und heiter. Helmut Lethen ist am 13.8.2026 gestorben.