Das letzte Scheit

Heilfroh war ich, als der 18. August vorüber war. Und nichts in den Nachrichten, was mich persönlich sehr getroffen hätte. Was mir ein unglaublich schlechtes Gewissen gemacht und Fragen aufgeworfen hätte.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Im Grun­de beginnt die­ser Text schlecht oder ver­kehrt, denn es geht nicht um ich/mir/mich. Auf unse­rem Som­mer­fest in Schnell­ro­da trat ein Mann auf mich zu, von dem ich nicht beson­ders viel weiß.

Nur, daß ich ihn mag & schät­ze und als wirk­lich „guten Alt­kun­den“ ken­ne. (Seit Jahr­zehn­ten.) Er ist ein ech­ter Leser. Wir hat­ten nie Brief-/Mail­kon­takt, aber wenn wir uns sahen im Umkreis der Schnell­ro­da-Ver­an­stal­tun­gen, hat­te er immer sehr prä­zi­se Fra­gen zu Büchern und Tex­ten. Sym­pa­thi­scher Typ, unauf­dring­lich, belesen.

Er hat auch einen ein­präg­sa­men und unge­wöhn­li­chen Namen, ich nen­nen ihn hier mal Adal­bert von Wacker­barth. Er schaut ein wenig aus wie der deut­sche Schau­spie­ler mit dem noch phan­tas­ti­sche­ren Namen Sky du Mont (nur eben auf ost­deutsch) und dürf­te auch etwa die­ser Alters­klas­se ent­spre­chen. Ein gepfleg­ter älte­rer Herr bei glas­kla­rem Ver­stand also.

Von Wacker­barth frag­te mich (rück­bli­ckend: war­um mich? Hat mich erstaunt und grü­beln gemacht), ob ich eini­ge Minu­ten Zeit hät­te für eine Fra­ge, die ihn, von Wacker­barth, seit Mona­ten schwer umtreibe.

Ich hat­te die­se Minu­ten. Ob ich je von Oskar Brü­se­witz gehört hät­te? Klar. Es gab ja jüngst wie­der einen ganz guten Bei­trag im Staats­funk zu Brü­se­witz.

Gut, Frau Kositza. Die­se Selbst­ver­bren­nung von Brü­se­witz fun­gier­te damals als Fanal. Das hat SO vie­le Men­schen zum Nach­den­ken gebracht. Und, par­don, so mit der Tür ins Haus zu fal­len: Ich wäre bereit. Ich BIN bereit! Ich bin alt, ich habe mein Leben hin­ter mir. Ich bin nicht depres­siv, habe auch kei­ne ande­ren Krank­hei­ten, aber – Sie ver­ste­hen das doch? – ich möch­te so gern die Leu­te aufs Äußers­te wach­rüt­teln. Ein Zei­chen set­zen. Das klingt viel­leicht blöd, Sie das auf so einem Som­mer­fest zu fra­gen. Aber – also, hier ist mei­ne Bereit­schaft. Ich habe über­haupt kei­ne Hoff­nung mehr, daß die­ses Volk sich noch mal auf­rafft. AfD hin oder her. Es braucht doch etwas, das die Leu­te extrem erschüt­tert. Ich will ein­fach, daß sowas wie eine exis­ten­zi­el­le Erschüt­te­rung geschieht. Jeden­falls, ich wäre bereit. Mich zu ver­bren­nen. Raten Sie mir zu – oder ab? Ich stün­de sofort bereit. Ich wür­de das ein­fach so geben. Am bes­ten halt am 18. August. Ich möch­te ein­fach ihre ganz ehr­li­che Meinung.

Ich muß noch­mal beto­nen, daß Adal­bert von Wacker­barth eine seriö­se Figur abgibt. Das ist nicht logisch – ich ken­ne unse­ren luna­tic frin­ge. Den gibt es. Er zählt nicht drun­ter. Er ist ein ver­nünf­ti­ger Mann.

Ich war, ja, im Fest-Streß, aber ande­rer­seits bin ich ganz gut ein­ge­le­sen in Selbst­mör­der. (Ich weiß, die­sen Begriff ver­mei­det man heu­te.) Das The­ma ist mir nicht fern, ich hat­te frü­her mit Syl­via Plath, Vir­gi­nia Woolf und Kurt Cobain mit­ge­fühlt und hat­te auch Sui­zidan­ten unter mei­nen Jugendfreunden.

Die Stun­de kommt da man dich braucht,
dann sei du ganz bereit.
Und in das Feu­er das verraucht,
wirf dich als letz­tes Scheit.

So dich­te­te Fried­rich Gun­dolf, san­gen die Geschwis­ter Scholl. Und ist doch auch klar: Wer für eine Sache brennt, der macht nicht kal­ku­lie­rend halb/halb und wit­tert auf Spe­sen­rück­zah­lung – der zieht ein­fach durch!

Zu Adal­bert von Wacker­barths Ansin­nen hat­te ich im Fest­tau­mel kei­ne ambi­va­len­te, intel­lek­tu­el­le Ant­wort parat, son­dern aus dem Stand eine sehr ent­schie­de­ne: Tu es nicht. Nie­mals! Denk ein­fach kei­ne ein­zi­ge Sekun­de mehr dar­über nach!  Kei­ne ein­zi­ge, nie. “Etwas Bes­se­res als den Tod fin­dest Du alle­mal.” (Bre­mer Stadtmusikanten.)

Und: Gott allein hat die Ver­fü­gungs­ge­walt über Leben oder Tod. Gott­lob ist von Wacker­barth Christ. Daß ihn mei­ne vehe­men­te und impul­si­ve Gegen­re­de abge­hal­ten hät­te – den­ke ich nicht. Man tut ja immer, was man kann; aber eigent­lich kann man so wenig. Was Pau­lus sagt, ruft:

Tue dir kein Leid an! Denn wir sind alle noch hier!

ist ja doch gül­tig. Immer.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Sezession
DE58 8005 3762 1894 1405 98
NOLADE21HAL

Kommentare (8)

Mboko Lumumbe

25. August 2026 09:50

Natürlich nicht. Er zeigt nur seine Hilflosigkeit angesichts seiner korrekten gesellschaftspolitischen Einschätzung zur Situation im Volk. Und auch richtig, die AfD wird das nicht mehr ändern können, nur verzögern und abmildern. Etwas neues und größeres ist im Entstehen - wir kennen es noch nicht.
Der Linksfaschismus und das Linksfaschovolk mit deren demokratiefeindlichem "Kampf gegen rechts" verschwindet nicht durch Wahlen. Der linke Faschismus zeigt immer deutlicher seine faschistische Fratze mit unverhohlenen Terrordrohungen, Anschlägen und Militanz. Wie damals.
Und genau das muss sehr viel stärker, klarer und deutlicher den Sozialisten und Linksfaschos im Land und Volk täglich unter die Nase gerieben werden. Gegen diese schlichten Wahrheiten ihres eigenen Faschismus haben sie nämlich kein Argument und sie fürchten das wie der Teufel das Weihwasser.
"Seid unversöhnlich" oder toleriert euch zu Tode. Aber verbrenn dich nicht, denn das rüttelt keinen Linksfascho wach, sondern das freut den noch: Ein Rechter weniger!

RMH

25. August 2026 10:01

Komplett richtiger Rat, den Sie gegeben haben. Ich denke, da braucht man gar nicht groß diskutieren und es zeigt, wie richtig & wichtig immer wieder die persönliche Anbindung, das Erfragen von Rat von Angesicht zu Angesicht ist. Manche Jugendliche geraten online in die Fänge von nicht normalen Manschen, wobei man hier vorsichtig mit urteilen sein darf, im Kern werden diese, in der Tat abartigen Fälle, dann auch dazu benutzt, Freiheiten des Netzes beschränken zu wollen.
Unter dem Strich: So ein "Fanal" braucht ernsthaft keiner, die widerlichen Kommentare dazu von der anderen Seite mag man sich auch nicht einmal vorstellen. Ich persönlich konnte auch noch nie etwas mit dem Kult um den Freitod von D. Venner anfangen, der in rechten Kreisen existierte (existiert?).
PS: BLÖD meldet heute, dass die Briefwahl-Zahlen in SA nach oben schießen. Ok, damit wäre das dann auch geklärt ;)

das kapital

25. August 2026 10:25

Lieber Herr "von Wackerbart", es gibt ein tolles Lied von Georges Brassens. "Mourir pour des idées , mais de mort lente." Gerne für (gute) Ideen sterben, aber gaaaaanz langsam. Was nützt es, wenn ein GdP Hüber leben darf und von unseren Steuern lebt, während die, die er geknechtet hat und weiter knechtet hier (weiterhin) nischt zu sagen haben? Bitte kämpfen Sie unter Lebenden. Machen Sie der Diktatur des Proletariats das Leben so sauer, wie es nur irgend geht. Honecker und Mielke beherrschen durch Politoffiziere wie Hüber weiterhin die staatliche Gewalt und das öffentliche Leben in Gesamtdeutschland. Und '"unsere'" Demokraten lassen das zu. Die Mehrheit der gewerkschaftlich in der GdP organisierten deutschen Polizisten hat das zugelassen, hat einen solchen Typen gewählt und ihn bis heute nicht vor die Tür gesetzt. Die Mehrheit der Polizisten in der GdP ist auch 36 Jahre nach der Einheit noch bereit, Honecker und Mielke und den Politoffizieren der Mauermörder zu folgen. Eigentlich müsste die GdP als verfassungsfeindliche Organisation unter Beobachtung gestellt werden. Da liegt noch viel Arbeit vor allen echten und gerechten Demokraten. Bitte tun Sie möglichst viel unter Lebenden. Sie werden unter Lebenden dringend gebraucht.Das Leben ist viel zu schön, um es den Politoffizieren zu überlassen.

RWDS

25. August 2026 10:25

Die einzig richtige Antwort gegeben.
Und wie man am Fall Roland Weißelberg sieht, stellt eine solche Tat ganz sicher kein Fanal mehr dar. Das Regime zuckt nur mit den Schultern und die eigentlichen Verursacher (hier Moslems) dürfen auch noch ihren Senf dazugeben.

Le Chasseur

25. August 2026 10:34

"Es braucht doch etwas, das die Leute extrem erschüttert. Ich will einfach, daß sowas wie eine existenzielle Erschütterung geschieht. Jedenfalls, ich wäre bereit. Mich zu verbrennen."
Falls Sie hier mitlesen, Adalbert: Tun Sie das auf gar keinen Fall. Aus dem einfachen Grund: Es hätte nicht einmal ansatzweise die Wirkung, die Sie sich erhoffen.
2024 verbrannte sich bspw. ein Mann in Washington vor der israelischen Botschaft, um gegen den Völkermord in Gaza zu demonstrieren. Vor einigen Wochen verbrannte sich ein Mann vor dem UN-Hauptquartier.
Beide Taten hatten Nullkommanull Wirkung. Sie könnten "froh" sein, wenn so etwas unter "Vermischtes" gemeldet wird. In der Lokalzeitung würden Sie es vielleicht auf die Titelseite schaffen, aber auch das ist unwahrscheinlich, wenn klar ist, warum Sie sich verbrannt haben. (Würden Sie sich verbrennen, um gegen die Klimapolitik der Bundesregierung zu protestieren, schafften Sie es vielleicht in die überregionale Presse.) Aber selbst, wenn die Tagesschau Ihre Tat als Topmeldung brächte, würde das niemanden wachrütteln, geschweige denn "existenziell erschüttern". Die Politiker sowieso nicht, und auch nicht die Bevölkerung. Die Menschen haben den Kanal voll.

Maiordomus

25. August 2026 10:44

Das mit dem Scheit ist so eine Sache. Als Jan Hus in Konstanz verbrannt wurde, vgl. Hus-Stein alldorten, soll ein altes Weiblein ein solches vor seine Füsse gelegt haben, vom Verurteilten noch vermerkt:: "O sancta Simplicitas!", Heilige Einfalt!, sollen seine letzten Worte gewesen sein.
Unter uns Anti-68ern blieb die Prager Selbstverbrennung von Jan Palach mit Nachfolgeaktionen im Januar 69 umstritten, weil wir solche Opfer lieber für direkten Widerstand gegen Husak und Besatzer gesehen hätten, statt rein symbolischen Aktionen. Auch Mishima war für Konservative nie ein Held. Dabei gibt es Länder, wo man sich den Ernstfall nicht mehr vorstellen kann, so die Schweiz, weswegen jetzt Neutralität statt als Segen plötzlich als auch intern "umstritten" gilt. Hier wäre vielleicht ein Zeichen, dass falsche oder nützliche Politik Leben oder Tod zur Folge haben kann, eine Aufrüttelung. Nur dass Selbstverbrennung etwa vor dem Bundeshaus als absolut unschweizerischer Heroismus gelten würde, also nicht im Sinne des Landesvaters Klaus, der 1481 die Schweiz rettete, indem er sie als einziger gerade nicht retten wollte.      

Boreas

25. August 2026 10:54

Das war ein guter Rat! Emotional wie rational. Man sollte sich nur im letzten Gefecht am Schicksalsberg ins Feuer werfen und auch gilt: "Hoffnung gibt es immer!". Selbst bei Yukio Mishima blieb die Wirkung begrenzt und damals war der Resonanzboden des traditionalen Nippon noch ein ganz anderer als das heutige Schland. Auch ich habe immer mal wieder die Befürchtung, Vertreter des von EK so genannten "lunatic fringe", bei mir heißen sie "subkultureller  Narrensaum", würden sich befleißigen, und einen krachenden Abgang mit prominentem Personen- oder Gebäudeschaden fabrizieren. Gott bewahre! Dann lieber mit Haltung die lange Niederlage kämpfen. Aber jetzt wollen wir  erstmal in Anhalt die Gesichter der Vertreter der Beuteparteien entgleisen sehen. Alles ist möglich!

Adler und Drache

25. August 2026 11:38

Ich kann das tatsächlich verstehen & nachvollziehen. Mir gehen die eigenartigsten Gedanken im Kopf herum, und zuweilen ist der Drang, mit jemandem darüber zu sprechen, einfach nur um sie zu teilen, stärker als die Befürchtung, mich in den Augen des anderen unmöglich zu machen. Manche Leute lernen es wahrscheinlich schlechter als der Rest, ihre Gedanken zu zügeln oder irgendwo ordentlich unterzubringen, und dann gehen sie halt durch. Meist schämt man sich hinterher, wenn man mit jemandem darüber spricht; ich meine, dies wird psychologisch als "Oversharing-Scham" bezeichnet. Das ist eine eigene Art von Last.
Mir genügt in der Regel ein kurzer, klarer Einwand, um mich wieder auf den Boden zu bringen. Der erste Gedanke, der mir hier kam: "Das würde einige Leute entsetzen, den meisten wäre es egal, aufwecken würde es gar keinen."
Immerhin: Da ist Energie und Wille für eine Tat, nur unkanalisiert. Geben Sie ihm was zu tun!