Sezession
27. Juli 2010

Alain de Benoist unter Muslimen und Mauretaniern

Martin Lichtmesz

Die Mauretanier von Hier & Jetzt haben in der neuesten Ausgabe ihrer "radikal rechten Zeitung"  den "Nouvelle Droite"-Vordenker Alain de Benoist interviewt, der auch in unserer Division Antaios einen verdienten Ehrenrang innehat.  Das Ergebnis fiel wie gewohnt querdenkerisch aus, und war den Genossen von Endstation Rechts gar eine Titelzeile wert: "Ich habe als Nachbarn lieber einen Moslem, der meine Werte teilt, als einen Skinhead", wird Benoist zitiert.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Weitere von ER mit sichtlicher Genugtuung herausgepickte Rosinen aus dem Interview lauten in voller Länge so:

Die Fremdenfeindlichkeit, die Islamophobie, der Haß auf den Anderen, die Phantasmen über einen ,Kampf der Kulturen‘ und einen ,kommenden Bürgerkrieg‘ sind meines Erachtens die schlechteste Art, sich den Problemen der Zuwanderung zu stellen. (...)

Die Rechte glaubt, daß die Identität eines Volkes etwas ist, das sich niemals ändert. Dabei ist in Wirklichkeit das Gegenteil der Fall: die Identität ermöglicht es uns, uns dauernd zu ändern, ohne daß wir je aufhören, wir selbst zu sein. Die Identität ist nicht nur die Vergangenheit. Ein Volk ist ein 'historischer Weg' (A. N. Whitehead), eine kollektive, sich ständig erneuernde Erzählung. Zu glauben, daß unsere Identität erhalten bliebe, wenn es keine Zuwanderer in Europa gäbe, ist eine Illusion. Falls es keine Zuwanderer in Europa gäbe, wäre unsere Identität ebenfalls bedroht, da die Europäer heutzutage komplett unfähig sind, ihre Identität zu definieren. (...)

Die größte Bedrohung ist keine andere Identität, sondern der politische Universalismus in allen seinen Formen, der die Volkskulturen und unterschiedlichen Lebensstile bedroht, und der sich anschickt, die Erde in einen homogenen Raum zu verwandeln. Was nicht nur unsere, sondern alle Identitäten zerstört, ist die Logik des Profits und des Kapitals, deren Träger der nachbürgerliche und nachproletarische Turbokapitalismus ist, dessen Ausbreitung zu einer Austrocknung des kollektiven Unbewußten mit seinen Archetypen und zu einer allgemeinen kulturellen Verarmung zugunsten der alleinigen Verengung auf die Werte des Marktes ist.

Für eine Generalkritik an Monsieur de Benoist ist hier kein Platz, nur für ein paar Bemerkungen, die noch auszubauen wären. Benoists große Stärke ist meiner Ansicht nach seine Liberalismuskritik, deren Kern und Stoßrichtung sich seit seinen früheren ins Deutsche übersetzten Schriften aus den siebziger und achtziger Jahren kaum geändert hat, und die ich auch im wesentlichen für zutreffend halte.

In seiner spenglerisch betitelten Schrift "Die entscheidenden Jahre" (Orientations pour des années décisives) aus dem Jahre 1982 beschrieb er Europa im Griff einer Zange, als deren Backen er den östlichen Kommunismus und den westlich-amerikanischen Liberalkapitalismus nannte. Letzteren hielt Benoist für weitaus gefährlicher, denn er würde vor allem die Seelen morden und korrumpieren, während der äußere Zwang der sozialistischen Systeme die Widerstandskraft der Völker nicht brechen könne. Hier also "Diktatur", dort "Untergang": "Der Untergang vernichtet aber unsere Überlebenschancen als Volk."

Gegenüber solch dramatischen Worten fiel das Schlußbild des Büchleins etwas antiklimaktisch aus: "Manche können sich nicht mit dem Gedanken abfinden, eines Tages die Mütze der Roten Armee tragen zu müssen. Wahrlich keine angenehme Zukunft! Wir aber dulden nicht den Gedanken, einmal bei Brooklyn unsere restlichen Tage bei hamburgers verleben zu müssen."

Das ist natürlich ein bißchen unfreiwillig komisch: Wenn man schon zwischen zwei Übeln zu wählen gezwungen wäre, dann also lieber mit der roten Mütze im Stechschritt am Kreml für den Sozialismus zu marschieren, als beim McDonald's unter Rapmusik-Beschallung mit einer NY-Yankees-Cap auf dem Kopf seine Cola zu schlürfen und seine Chicken McNuggets® futtern zu müssen. Na schön. Diesem Affekt ist Benoist auch treu geblieben, wenn er etwa im H&J-Interview beklagt, daß "unsere Städte immer stärker an Los Angeles oder New York" erinnern, "nicht an Istanbul oder Tunis."

Nun, man sollte Benoist einmal nach Neukölln, Frankfurt, Mannheim oder Offenbach einladen, dann kann er immer noch entscheiden, ob ihn das Stadtbild eher an Brooklyn als an Istanbul erinnert. Aber das ist ja nicht weiter schlimm, oder? War ihm die "rote Mütze" wenigstens noch einigermaßen ein Greuel, so scheint er nicht allzu große Probleme bei dem Gedanken zu haben, seinen Lebensabend eventuell als geduldeter Dhimmi bei Döner und Falafel verbringen zu dürfen, während seine Frau ein Kopftuch trägt und der Pariser Muezzin vom Minarett der ehemaligen Cathédrale Notre-Dame die passende musikalische Untermalung liefert.

Dafür, daß Benoist in dem Interview die Rechte anmahnt, "das Schlachtfeld zu analysieren, wie es ist", ist er selber inzwischen erstaunlich blind geworden für Frontverläufe, die vor seiner Nase liegen. Haben ihm etwa die Krawalle in den Pariser Banlieues nicht gereicht, um die "Phantasmen" über den "kommenden Bürgerkrieg" nicht allzu phantastisch erscheinen zu lassen?

Um aber auf die von ER hochgehaltene Hauptrosine zu sprechen zu kommen: Welcher gläubige Muslim bitte "teilt" denn "die Werte" ausgerechnet von Alain de Benoist, der sein Leben lang gegen die "monotheistischen" Religionen und den "Universalismus" zu Felde gezogen ist?? Ist er denn so naiv anzunehmen, daß er bei fortschreitender muslimischer Landnahme (die nebenbei völlig unabhängig davon stattfindet, ob man den Nationalstaat für obsolet hält oder nicht) aus "ethnopluralistischen" Gründen und um der "differénce" willen in Ruhe gelassen wird? Mir ist es beinah peinlich, dies bei einem Mann von solch imponierender Bildung wie Benoist zu fragen, aber hat er denn einen blassen Schimmer über die Natur des Islam?


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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