Sezession
1. Februar 2010

Faschismus und Avantgarde

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 34 / Februar 2010

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Wer vom Faschismus spricht, darf von der künstlerischen und literarischen Avantgarde nicht schweigen. Es gab in Italien und Deutschland ebenso wie in Frankreich und England Annäherungen und Verschlingungen der neuen Kunst mit der neuen Politik. Diese Feststellung sollte nicht verwundern, seltsam wäre nur das Gegenteil: daß nämlich die Kunst sich selbst revolutioniert und neu erfunden hätte, ohne in Berührung zu geraten mit den politischen Revolutionären, die wiederum eine dezidiert avantgardistische Form der Politik entwarfen.Das Wort Avantgarde stammt aus dem Militärischen und bezeichnet die kleinen Verbände vor der Truppe: Sie stoßen vor, erlangen Feindberührung, klären kämpfend auf, bleiben dabei sehr beweglich und können sich nie einrichten – denn die Masse des Heeres rückt nach. Das Schicksal jeder Vorhut ist so das Getrieben-Sein. Aber jeder Krieg hat ein Ziel im endlichen Raum, der Vorstoß kommt irgendwann an ein Ende. Wo läge das Ziel für die Kubisten und Surrealisten, die Expressionisten und Situationisten, die Futuristen, Vortizisten, wo für Dada? Was heute vorn ist, ist morgen schon von gestern, und so kann das Ziel einer auf das immer Neuste fixierten Kunst schlechterdings nie dort liegen, wo eine neue politische Kraft ihres hat: in der Herrschaft.
Aber so weit waren die Faschisten noch längst nicht, als die Avantgarde mit ihren Arbeiten die Kunstwelt durcheinanderwirbelte. Genauer gesagt gab es in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg noch keine Bewegung, die als faschistisch beschrieben werden könnte. Aber es gab Künstlerrebellionen gegen die »akademische« Kunstauffassung und die Einbindung der Werke in den bürgerlichen Feierabend. Bereits mit der Veröffentlichung des ersten Manifests des Futurismus im März 1909 waren die fünf Charakteristika geprägt, die fortan galten und mit Hilfe derer die Avantgarde von anderen Kunstrichtungen abgegrenzt werden kann: Provokation, Innovation, Autorität, Pathos, Selbstreflexivität. Die Avantgarde provozierte, indem sie sich antibürgerlich gab, grundsätzlich gegen den »guten Geschmack« verstieß, extreme Themen und Formen wählte und damit schockierte. Sie war innovativ, weil sie die Erwartungsenttäuschung zur Regel machte und sich in ihren Protagonisten ein Wettrennen um den nächsten Coup lieferte. Die Aus- und Abgrenzung im Zeichen solcher Agonalität machte die Avantgarde zu einer autoritären Bewegung: Man war nirgends auf Konsens aus, sondern agierte männlich, hart, aggressiv und arrogant und gegen jeden anderen Entwurf allein schon um der Gegnerschaft willen. Selbst dort, wo Ironie und Witz ins Spiel kamen, blieb die avantgardistische Kunst pathetisch: Man kann ohne Übertreibung von einem kairologischen Bewußtsein sprechen, von einem Sendungsbewußtsein in ein »letztes Gefecht« hinein, aus dem entweder nichts oder aber ein neuer Mensch hervorgehen werde. Diese Feststellung läßt sich noch strapazieren: Weil der vorhandene Mensch überwunden werden mußte, war die Avantgarde dort, wo sie sich mit ihm beschäftigte, nicht naturalistisch, sondern entlarvend oder steigernd, und am liebsten war sie »geometrisch«, also unnatürlich, bauend, planend, zusammensetzend. Dies führte zu der leicht wahrnehmbaren Sperrigkeit und Theoriebedürftigkeit vieler ihrer Kunstprodukte, und mehr als jeder Vorgänger stand der avantgardistische Künstler unter dem Zwang, seine Werke zu vermitteln, zu erklären und sich selbst zu rechtfertigen.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.