Sezession
10. März 2011

Verdacht und Mimikry (2)

Martin Lichtmesz

Nach Jürgen Kaube in der FAZ hat nun auch Henning Eichberg Mathias Brodkorbs Aufsatz „Vom Verstehen zum Entlarven  – über ‚neu-rechte‘ und ‚jüdische Mimikry‘ unter den Bedingungen politisierter Wissenschaft“ besprochen. Darin kritisiert Brodkorb die sogenannte "Herrschaft des Verdachts" als Mittel politischer Auseinandersetzung.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die Besprechung durch Eichberg hat eine besondere Pointe, handelt es sich doch bei dem heute in Dänemark lebenden Soziologen um einen Großvater der sogenannten "Neuen Rechten".  Dieser ist schon seit geraumer Zeit nach Links übergelaufen, wo er weiterhin nationale  und "volkhafte" Positionen vertreten hat (z.B. in der legendären Zeitschrift wir selbst, in der auch einige Sezessionisten frühe publizistische Erfahrungen sammelten). Sein Sinneswandel wird ihm, wie man auf Wikipedia nachlesen kann, von so manchem Linken nicht geglaubt: die "Herrschaft des Verdachts" gilt weiterhin, und prompt kam es in den Kommentarspalten von Endstation Rechts zu pawlowschen Reaktionen.

Leider ist Eichbergs Besprechung voll mit ärgerlichem Unfug, wovon ein paar Punkte hier kurz kommentiert seien.

1. Brodkorb hat den "Diskurs" über die "neurechte Mimikry" mit dem antisemitischen "Diskurs" vor 1945 der Fritsch, Dühring, Rosenberg usw. über die "jüdische Mimikry" verlinkt, woraus sich eine Pointe ergibt, die Eichberg so zusammenfaßt:

Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass dieses Entlarven selbst ein klassisch rechtes, insbesondere aber ein rechtsradikales Diskursmuster darstellt. Die Rechte hat eine tiefverwurzelte Tradition, die „bösen Anderen“ zu entlarven. Den Anfang machte wohl die französische konterrevolutionäre Rechte um 1800, denen die revolutionäre und demokratische Bewegung von 1789 als Maskierung von Freimaurern, Juden und letztlich des Teufels selbst erschien. Heute setzt sich das fort bei amerikanischen Republikanern, christlichen Fundamentalisten, Tea-Party und Sarah Palin, die in Barack Obama den Kopf einer sozialistischen Verschwörung sehen. Von links her drohe der Antichrist. (Diesem US-rechtsradikalen Konspirationsdenken steht in Deutschland der Entlarvungsspezialist Clemens Heni nahe.)

Das ist eine gewagte Behauptung, wenn man sich erinnert, daß der "Entlarvungs"-Terror vor allem in sozialistischen Ländern und insbesondere der stalinistischen Sowjetunion zum (von George Orwell zwiefach verarbeiteten) "Klassiker" wurde, wo er Qualitäten erreichte, die seither allenfalls von Pol Pots Kambodscha getoppt wurden. Nun zweifelt Eichberg daran, ob der Stalinismus denn überhaupt etwas "Linkes" sei, und schlägt hier eine alte Strategie der Linken ein, alles, was am Sozialismus mißlungen ist, durch die Hintertür kommenden rechten Prinzipien zuzuschlagen.

Dagegen ist die konservative Position, daß die Urmutter dieses "Diskurses" im Jakobiner-"Terreur" von 1792ff zu suchen ist. Diese hat freilich ihre Vorläufer in den Praktiken der Inquisition und Hexenverfolgung.

Was die USA betrifft, so ist die amerikanische Linke randvoll mit Verdachtsrhetorik, die sich bei ihr stets um einen wirklichen oder einen angenommenen "Rassismus" dreht. Das ist die hauptsächliche Keule, mit der in den USA jeder politische Opponent plattgemacht wird, insbesondere wenn Obama im Spiel ist.  Amerikanische "liberals" (in unserem Sprachgebrauch: Linke) tendieren dazu, hinter jedem forscheren Republikaner und der Tea-Party insgesamt den Ku-Klux-Klan traben zu sehen. Als unlängst eine demokratische Kongreßabgeordnete von einem Geisteskranken niedergeschossen wurde, hatte die linke Presse ziemlich schnell Sarah Palin und die Rechte überhaupt als "indirekte" Schuldige ausgemacht, weil sie ein "Klima des Hasses" erzeugen würden. Auch sonst sind ihr Ängste vor weißen, kapitalistischen Dunkelmännern nicht fremd. Und zu Bush-Zeiten waren es die Linken, die einen neuen totalitären  Faschismus in Gestalt der "New World Order" kommen sahen, ganz so wie sich die Gegenseite jetzt vor dem "Sozialismus" Obamas fürchtet.
Test


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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