Sezession
27. Februar 2012

Diez vs. Kracht, zweite Runde oder: What’s right?

Martin Lichtmesz

Auseinandersetzungen unter Intellektuellen nehmen zuweilen die Gestalt eines "Schere, Stein, Papier"-Spiels an, besonders wenn Statuskämpfe in den Vordergrund rücken, und man mit dem Rücken zur Wand der Eselsecke steht. Da muß man sich dann was einfallen lassen, um aus der Bredouille zu kommen und das Gesicht zu wahren. Einen nicht unoriginellen Haken hat im aktuellen Spiegel Georg Diez geschlagen, dessen Attacke gegen Christian Kracht vor zwei Wochen massiv nach hinten losging.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Diez hat Kracht eine "Nähe zu rechtem Gedankengut" attestiert. Als "Türsteher der rechten Gedanken" sorge der Schriftsteller dafür, daß "antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken" in raunende Literaturwellen verpackt in die sauberen Gewässer des Mainstream geleitet werde. Von Spiegel-Teilhaber Jakob Augstein bis zu Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek stand eine breite Phalanx aus namhaften Schriftstellern, Publizisten und Literaturkritikern auf, die Kracht dezidiert in den Schutz nahm und Diez als Banausen, Denunzianten und Kulturstalinisten hinstellte.

Und dieser Vorwurf traf natürlich zu: Diez bediente alle Register des "Verdächtigungs"- und "Entlarvungs"-Stils, unterschob Kracht unterschwelligen Antisemitismus und Rassismus, dessen Roman "Imperium" etwa bereite ihm "Unbehagen", sei "durchdrungen von einer rassistischen Weltsicht" und enthalte "bleischwer wiegende Sätze", die ihm das Lachen vergehen ließen. Auch in Krachts Briefwechsel mit David Woodard, einen wahren "Weihnachtskalender des Teufels", entdeckte er überall "satanische, antisemitische, rechtsradikale Gedanken". Man kennt die skandalisierende Melodie - sie wurde auch schon unter anderem apropos Martin Mosebach, Martin Walser, Thor Kunkel oder Michel Houellebeq angestimmt.

Warum diesmal die ansonsten recht sicher sitzende Genrenummer nach hinten losging, mag viele Gründe haben - Kracht ist nicht nur gut vernetzt, er ist auch unbestreitbar eine Ausnahmefigur im zeitgenössischen Literaturbetrieb, gegen dessen Schaffen sich Diezens Angriff allzu plump ausnahm. Nun stand Diez unter Druck, zu zeigen, daß er doch nicht das geistige Kleinkaliber ist, als das er nun vor aller Augen dastand. Und wie er das tut, ist, wie gesagt, originell - aber auch mit einem gerüttelt Maß Heuchelei versehen.

Ausgrenzungsversuch? Denunziation? Rufmord? Ich? Aber nicht doch! So läßt er uns in seinem Artikel mit unschuldigem Augenaufschlag wissen. Er habe mit doch lediglich das "Unbehagen" in seiner Seele ergründen wollen, das Krachts Bücher in ihm seit "1979" auslösen würden. Ein "journalistisch" bewältigter Selbsterfahrungstrip also, aber doch bitte kein Denunziationsversuch! Das ist natürlich, wenn man den Originaltext nochmal liest, und den Kontext betrachtet, in dem er erschienen ist, nicht glaubwürdig. Es ist eine reine Ausrede. Mag sein, daß der Sound solchen Sprechens für einen Mann vom Spiegel zur zweiten Natur geworden ist, sodaß das Inquisitorische und Denunziatorische daran schon gar nicht mehr bemerkt wird. Es ist jedenfalls bemerkenswert, wie rasch diese Leute imstande sind, den Tonfall zu wechseln, sobald sie merken, daß er bei der Peer-Group nicht ankommt. Es kommt aber noch besser, und nun wird es wirklich interessant:

Mir ging es um etwas anderes: Was ist heute rechts? Wie zeigt sich rechtes Denken und an welchen Orten? Überraschend für mich war, daß "rechts" im Jahr 2012 immer noch so ein Schreckenswort ist - und der Verlag den Eindruck hat, wenn einer seiner Autoren so bezeichnet wird, werde er denunziert.

Das ist zu köstlich: es war angeblich "überraschend" für Diez, einen Autor des Spiegels, daß das Wort "rechts" im Jahre 2012 negativ konnotiert sei und als "denunziatorisch" empfunden werde! Nachdem er ganz offenbar darauf gesetzt hat, daß die Unterstellung "rechten Gedankenguts" (friß, Phrasenschweinchen!) bei Kracht den erwünschten Knalleffekt bringen würde! Lebt nun dieser Mann hinterm Mond oder lügt er? Hat er die fröhlichen "Wir sind NSU"-Wochen der letzten Monate verpaßt und alle einschlägigen Nummern davor? Ist das nun dreiste Heuchelei oder Gefunke aus einem Paralleluniversum jenseits von Gut und Böse?

Diez ist zur Erinnerung jemand, der einmal meinte, die Rechten würden die "Wirklichkeit verdrängen und die Vernunft bekämpfen". Pragmatiker und Realisten stünden links, während die Ideologen und unter Realitätsverlust Leidenden allesamt rechts stünden, und dabei ließ er auch, wie neulich mit Kontrollblick auf Kracht, keinen Zweifel daran, daß er die Rechte für durch und durch verwerflich und gefährlich hält.

Aber nun hat er, scheint's, eine Entdeckung gemacht. Nun tut er so, als ob es doch abwegig und kulturlos sei, wenn der Begriff "rechts" automatisch denunziatorisch verstanden oder mit "rechtsradikal" gleichgesetzt werde, und dabei klingt er lustigerweise fast schon wie ein "Sezessionist" (vielleicht hat er ja Lust auf ein Abo?):

... fast 20 Jahre nachdem Botho Strauß in seinem Spiegel-Essay "Anschwellender Bocksgesang" für sich das Recht einforderte, ein rechter Schriftsteller zu sein, mehr noch: "Rechts zu sein, nicht aus billiger Überzeugung, aus gemeinen Absichten, sondern von ganzem Wesen" ? Der Aufschrei war groß, aber es schien, daß die Diskussion den Blick darauf geweitet hatte, daß es, natürlich, rechtes Denken in Deutschland gibt - das sich wiederum von rechtsradikalem Denken unterscheidet.

Rechtes Denken hat in Deutschland eine Tradition, die sich mit Namen wie Ernst Jünger, Carl Schmitt, Martin Heidegger oder Gottfried Benn verbindet. Im Nachkriegsdeutschland war es weitgehend tabuisiert, verschwunden war es nie.

So weit, so gut - aber es scheint, daß Diez die Weltgeschichte seit der Wende verschlafen hat, wenn er apropos Uwe Tellkamps "Eisvogel"  behauptet, daß niemand auf die Idee gekommen wäre, "daß das Urteil 'rechts' ausreicht, jemanden aus dem 'Kosmos der deutschsprachigen Literatur' auszugrenzen, wie das der Verlag Kiepenheuer & Witsch 2012 befürchtet."  Dabei kann selbst Diez in seinem Paralleluniversum nicht entgangen sein, daß der Begriff in Deutschland generell und mit sofortiger Wirksamkeit "ausgrenzend" wirkt, nicht nur in der Kunst und Literatur, sondern auch in der ("Zivil"-)Gesellschaft, und besonders natürlich dort, wo er eigentlich hingehört, in der Politik.  Wie Michael Klonovsky im aktuellen Focus anmerkt: dergleichen Skandalisierungen sind "mit politisch umgekehrten Vorzeichen nicht denkbar - die Aussage, jemand zeige 'Nähe zu linkem Gedankengut' entbehrt jeder alarmistischen Substanz."  Tatsächlich sei es aber, so legt Klonovsky nahe, durchaus egal, ob ein Schriftsteller eher ein Linker oder eher ein Rechter ist - was zählt, ist, ob er auch ein Künstler ist und gute Bücher schreibt.

Nun ist es ja erfreulich, wenn ausgerechnet Georg Diez konzediert, daß der Rechten, zumindest im geistig-literarischen Bereich, durchaus ein legitimer Platz zustehe. Ja, er entschärft seine ursprüngliche Türsteherposition gegenüber Kracht sogar insofern, als er ihn zwar immer noch für (irgendwie) "rechts" hält, dies aber nicht mehr als Ausgrenzungsgrund ansieht. Hieß es im ersten Text noch, Kracht platziere sich "bewußt außerhalb des demokratischen Diskurses", so ist das Enfant terrible nun wieder glücklich eingemeindet: "Das alles bewegt sich innerhalb des demokratischen Diskurses, und selbst, wenn ich in meinem ersten Text falsch zu verstehen war: Christian Kracht gehört selbstverständlich dazu."

Der Text war nun aber durchaus nicht "falsch zu verstehen". Hier hat sich Diez nicht nur mit einer weiteren Ausrede aus der Affäre gezogen, er hat sich im Handumdrehen die Anmaßung des Türsteheramts doch noch gesichert: wer Demokrat ist, bestimme ich. Indessen ist in den Worten Klonovskys der "Platz der Literatur, der Kunst überhaupt, sofern sie nicht politisch, also interessengesteuert, also schlecht wird" eben "exakt" außerhalb des "demokratischen Diskurses".

Von welchem nebenbei keiner weiß, was damit eigentlich genau gemeint ist: ist es der Diskurs der Demokraten, unter sich oder auch mit Nicht-Demokraten? Oder ist es ein Diskurs über Demokratie? Und wenn ja, darf man innerhalb dessen auch gegen die Demokratie oder gegen "die" Demokratie oder gegen diese Demokratie argumentieren? Ist es ein demokratisch geführter Diskurs? Und wenn ja, heißt das dann, daß jeder einmal an die Reihe kommt, oder daß die Mehrheit entscheidet, was gemeint werden darf? In unserem aktuellen Fall hat die Mehrheit entschieden, daß Kracht passieren darf, und Diez hat sich gefügt, und tut nun so, als ob er immer schon dafür gewesen wäre.
Test


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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